the first cut is the deepest

GeschichteDrama, Romanze / P16
Dr. Hannibal Lecter OC (Own Character)
05.01.2018
24.08.2019
16
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the first cut is the deepest






»...the greatest wounds, we hide inside ourselves where they never show.«
― From Dream Away song from The Man Who Loved Cat Dancing


Der Schnee ächzte leise unter den Sohlen ihrer roten Stiefel. Sie seufzte ermüdet, beobachtete, wie ihr unruhiger Atem in einer kleinen Wolke nach oben stieg und zarte Flocken nach unten rieselten, um sich in dem schmutzigen Blond ihrer Haare verfangen. Noch immer pulsierte ihr Herzschlag viel zu schnell, begleitet von dem unangenehmen Rauschen ihres Blutes. Maelie kniff die Augen zusammen und versuchte die Nervosität auszublenden, die ihren Körper unter Kontrolle hatte.

Viel zu viele Menschen, viel zu viel Gedränge, viel zu viel Traurigkeit.

Baltimores Straßen waren trotz des vor wenigen Minuten noch peitschenden Schnees überfüllt wie seit Wochen nicht mehr. Vielleicht lag es auch nur daran, dass sie seit einer gefühlten Ewigkeit keinen Schritt mehr aus dem Haus gemacht hatte? Maelie schüttelte den Kopf, richtete sich das tannengrüne Gestell ihrer Brille und stapfte weiter durch den Schnee. Immer wieder kam ihr jemand entgegen, dabei hatte sie sich extra für den Weg entschieden, der erfahrungsmäßig weniger Aufruhr bot. Sie wollte gar nicht wissen, wie es an der Hauptstraße aussah. Die junge Frau erschauderte, während sie flink um eine Ecke zu huschen versuchte, was in den übergroßen Stiefeln an ihren Füßen mehr amüsant als gekonnt wirkte. Der rutschige Boden war alles andere als hilfreich. Warum hatte sie sich breitschlagen lassen, Granny abzuholen? Sie sollte ganz dringend lernen, nein zu sagen. Maelie notierte sich dieses Ziel gedanklich auf ihrer To-Do-Liste und verschwand wieder um eine Ecke und wedelte dabei kurz mit den Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

Mit einem ergebenen Seufzen entschied sich Maelie dafür, sich selber nicht mehr vorzuspielen, sich in diesen Schuhen auch nur ansatzweise schnell bewegen zu können. Stattdessen stapfte sie die letzten Meter bis zur Praxis und malte sich aus, was andere von ihr denken mussten. Welche Frau in ihrem Alter lief so ungeschickt?
Maelie biss sich konzentriert auf die Lippen, bis sie schließlich an ihrem Ziel angekommen war. Sie kannte das Gebäude schon von außen, schenkte ihm deswegen keine Beachtung und stemmte die Tür ungeschickt auf.

Sie hatte geahnt, dass es innen gut aussehen musste.

Trotzdem konnte sie sich einen Pfiff nicht verkneifen, als sie bemerkte, dass sie in dem schicksten Wartezimmer stand, das sie je gesehen hatte. Sie streifte sich den Mantel nicht ab, als sie über die ledrigen Sessel fuhr und dabei erschauderte. Alleine einer von ihnen musste ein Vermögen gekostet haben. Zumindest vermutete sie so etwas in der Art, denn wie Granny so schön zu sagen pflegte, konnte sie noch nie gut schätzen. Oder mit Geld umgehen.
Mit einem erpichten Kopfschütteln verbot sich Maelie weitere Gedanken darüber, was sie nicht konnte und stapfte gerade zu einem der Regale mit den Bücher, als eine Tür geöffnet wurde. Ein attraktiver Anzugsträger mit Krawatte und passendem Einstecktuch heftete seinen Blick auf sie. Für eine Schrecksekunde rührte sich Maelie nicht, so wenig hatte sie mit seinem Erscheinen gerechnet, dann rollte die Überraschung verspätet über sie. Maelie lächelte den Mann unsicher an und wog ab, ob sie ihm die Hand geben sollte oder nicht. Schließlich entschied sie sich dafür, streckte den Arm aus und überbrückte die letzten drei Meter zwischen ihnen mit einigen Schritten, bei denen sie präzise genau darauf achtete, nicht zu schlurfen. Sie neigte schon immer dazu, ihre Beine zu wenig zu heben.
Der Mann nahm ihre Hand an, drückte sie sanft und löste sich schließlich von der jungen Frau, die noch immer im schneenassen Regenmantel dastand, dessen grelles Gelb einen verboten intensiven Kontrast zu dem hübschen Wartezimmer darstellte.

„Maelie Manson“, stellte sie sich schnell vor und sah knapp an ihm vorbei. „Guten Tag, Doktor Lecter, ich bin die Enkelin von Elizabeth Manson, sie hat mich gebeten, sie hier abzuholen.“ Ihr Lächeln wurde mit jeder Silbe schwerer, doch sie gab sich größte Mühe, es auf ihren Mundwinkeln zu halten.

„Freut mich, Miss Manson.“ Der Mann trat einen Schritt zurück und richtete sich das dunkelblaue Jackett seines Anzuges.

„Maelie“, verbesserte die junge Frau hastig und richtete sich die Brille. „Miss Manson wirkt befremdlich auf mich.“

Sie glaubte, aus dem Augenwinkel ein schmales Lächeln auf dem Gesicht ihres Gegenübers zu bemerken. „In Ordnung, Maelie. Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.“
Maelie schaffte es gerade so, ihn nicht zu bitten, sie zu duzen. Stattdessen lächelte sie verlegen und trat von einem Bein auf das andere. Nervös nestelte sie an dem Reißverschluss ihres gelben Regenmantels herum.

„I-Ist Oma schon weg?“, fragte sie hastig. Wieder dieses schmale Lächeln. Lecter schüttelte den Kopf, ehe er verneinte. „Miss Manson wartet am Ausgang. Wenn Sie wollen, begleite ich Sie, in Ordnung?“

Maelie wusste nicht, was sie von dem Tonfall des Psychiaters halten sollte. Es klang keine deutliche Emotion hervor, doch die junge Frau hatte das Gefühl, sie würde ihr Gegenüber ein wenig amüsieren. Wie es viele taten, warum sollte es bei ihm anders sein? Vielleicht bildete sie es sich auch nur ein. Deswegen nickte sie nur und folgte dem adretten Mann – Maelie kam nicht umher, festzustellen, dass ihm der Anzug ausgezeichnet stand – in sein Behandlungszimmer. Sie widerstand der Versuchung, auf einen der Sessel zuzulaufen, die sicherlich für die Patienten gedacht waren.
Wie konnten sie nur noch bequemer wirken als die im Wartezimmer? Der ganze Raum strahlte eine angenehme Energie aus. Die Bücher, die Wandfarbe, der hübsche Teppich… und der Tee. Maelie erkannte die Tasse ihrer Großmutter sofort – der rote Lippenstift war auch mehr als eindeutig – und beneidete sie glatt um diesen guten Tee. Zwar konnte Maelie nicht sagen, woran genau es lag, aber sie würde ihren Regenmantel darauf verwetten, dass Doktor Lecter guten Tee kochte.
Sie beschleunigte ihre Schritte, strich sich dabei eine lose Strähne ihres Haares hinter ihr Ohr und huschte im nächsten Moment durch die Tür, die ihr Doktor Lecter aufhielt. Ein Gentleman. Maelie lächelte in sich hinein. Bisher hatte sie nicht daran gedacht, dass die Patienten die Klinik nicht durch den Eingang verließen, durch den sie gekommen waren, aber es wirkte ziemlich sinnig. Natürlich. Niemand setzte sich nach einem Gespräch mit einem Psychiater den Blicken anderer Menschen aus. Maelie erschauderte. Sie setzte sich so schon ungerne den Blicken von Fremden aus. Deswegen versteifte sie sich auch, als ihre Großmutter sie vor Doktor Lecter in eine innige Umarmung zog.

„Mae, mein Kind, wie schön, dass du pünktlich bist!“

„… bin ich immer, Granny.“, murmelte sie leise und wandte sich aus den kräftigen Armen ihrer Großmutter. Diese richtete sich den kastanienbraunen Dutt ihres gefärbten Haares und nickte Doktor Lecter zu. „Wir sehen uns dann nächsten Freitag?“

Der Mann nickte und setzte ein höfliches Lächeln auf. „Aber natürlich, Miss Manson. Ich wünsche Ihnen noch eine schöne Woche.“

Maelies Großmutter verabschiedete sich mit einem angedeuteten Winken und schlüpfte in ihren schweren Mantel. Während sie sich umzog, stand Maelie unschlüssig zwischen ihr und Doktor Lecter. Dieser lächelte ihr zu und kam einen Schritt in ihre Richtung. Instinktiv wich sie seinem Blickkontakt aus.

„Maelie, ich würde Sie gerne ebenfalls wiedersehen, um mit Ihnen zu sprechen.“ Er pausierte, um ihre Reaktion zu beobachten. Sein Gegenüber war erstarrt, hörte ihm aber trotzdem aufmerksam zu. Ihre Arme hingen locker an ihren Seiten herunter und ihr Kopf war angehoben. Keine Abwehrhaltung. Im Gegenteil, sie hatte sich unbewusst ein wenig in seine Richtung gelehnt. Sie weigerte sich nur, ihm in die Augen zu sehen. „Wäre es in Ordnung für Sie, wenn wir uns am Montag um dreizehn Uhr in meiner Praxis treffen?“

Eigentlich wollte Maelie nach dem Grund fragen. Aber sie tat es nicht. „In Ordnung“, antwortete sie rasch und versuchte sich an einem sanften Lächeln und tat einen halben Schritt auf Lecter zu.


„Ich rede gerne mit Ihnen.“

Vielleicht war das nicht einmal gelogen.  



Huu, ein wenig nervös bin ich schon, muss ich gestehen. Zwar ist »the first cut is the deepest« keineswegs meine erste Geschichte, aber dieses Fandom ist  - trotz des angegebenen AUs -  Neuland für mich. Daher bitte ich darum, mir Patzer zu verzeihen und mich auf sie aufmerksam zu machen. Selbstverständlich werde ich nicht alles aus der Serie übernehmen können - aber diese Geschichte scheint mir sowieso für jene geeignet zu sein, die sich (trotz der Tatsache, wie fantastisch die Serie ist) auf alternative Handlungsstränge einlassen. Viel mehr möchte ich nicht sagen - um ehrlich zu sein fürchte ich, ich habe schon zu viel gesprochen - dementsprechend verabschiede ich mich hiermit herzlich von euch und danke jedem, der diese Geschichte angeklickt hat.
Bis zum nächsten Kapitel,
J.
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