Erhöhe den Einsatz

KurzgeschichteFreundschaft / P16
Ace Visconti Claudette Morel Dwight Fairfield Jake Park Meg Thomas
04.01.2018
04.01.2018
1
1965
2
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Dead by Daylight © Behaviour Interactive

Diese Story ist schon seit 'nem Jahr fertig, aber da sie irgendwie indirekt auf Bindung basiert, wollte ich sie nicht früher hochladen. Aber jetzt!

Viel Spaß. ♥
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Der Schmerz in ihrem Arm ließ langsam nach, als sie auf dem Rückweg zum Lagerfeuer war. Nach einem sehr waghalsigen und leider auch sehr unüberlegten Sprung über einen Baumstamm, bei dem sie einen in die Luft ragenden Ast gestreift hatte, hatte sie das Gefühl gehabt, irgendwas wäre gebrochen. Doch jetzt, da sie den Sumpf verlassen hatten, um eine weitere Nacht am Feuer zu verbringen, schien all das langsam in Vergessenheit zu geraten.
„Wie geht’s deinem Arm?“, fragte Dwight, der neben ihr ging.
Meg ließ die Schulter kreisen und ballte ein paar Mal eine Faust, um sicherzugehen, dass sie auch wirklich keine Schmerzen mehr hatte, ehe sie antwortete: „Viel besser.“
„Das ist gut.“ Dwight lächelte zögerlich. So sehr er im Nebel auch zu ihrem Anführer geworden war, am Lagerfeuer war er doch immer noch fürchterlich zurückhaltend und unsicher.
Meg sagte deshalb nichts mehr dazu. Auch deshalb nicht, weil sie plötzlich Schritte hinter sich vernahm und einen kurzen Blick nach hinten warf. Jake und Claudette hatten es offensichtlich auch geschafft und hatten sie nun eingeholt – ein Triumph zu viert, ein Sieg über die Hexe, die im Sumpf auf sie gelauert hatte. Das bedeutete auch, dass sie einen relativ entspannten Abend am Feuer verbringen konnten, ohne große Pläne zu schmieden, wie sie morgen vorgehen sollten. Meg hatte das Gefühl, ein paar Minuten der Ruhe gut gebrauchen zu können, nachdem sie heute nicht viel mehr getan hatte, als immer und immer wieder zu rennen, um die Hexe von den anderen abzulenken. Sie wollte sich ausruhen und die Sicherheit des Feuers genießen, solange sie konnte.
Nur, dass dort schon jemand saß, als sie ankamen – und da Dwight noch immer neben ihr ging und da Jake und Claudette dicht hinter ihnen waren, konnte es niemand sein, den Meg kannte.
Das erste, das ihr auffiel, war sein völlig unpassendes Äußeres: er trug einen Anzug, der irgendwann einmal sicherlich einen Haufen Geld gekostet haben musste, auch wenn er inzwischen nicht mehr neu aussah. Stilvoll war er schon, irgendwie, mit seiner Kleidung und seinem bereits ergrauten Haar, obwohl er noch gar nicht so alt zu sein schien – aber Stil allein würde ihn nicht retten. Und auch seine Sonnenbrille, die Meg im trüben Dämmerlicht des Lagerfeuers für völlig unangebracht hielt, würde ihn nicht retten, wenn er morgen mit ihnen in den Nebel musste.
Aber sie hätte mit seinem Aussehen leben können. Keiner von ihnen war vorbereitet hier aufgetaucht und deswegen hatte dieser Fremde vermutlich genauso wenig Einfluss auf das gehabt, was er jetzt trug, wie Meg selbst. Sie hätte ihn deshalb nicht verurteilt, nicht wegen seines Äußeren, und sie hätte ihm eine Chance gegeben, sich zu beweisen, wenn er einfach den Mund gehalten hätte. Doch als sie näherkamen, wandte er ihnen den Blick zu und sein Mund verzog sich zu einem völlig unpassenden, schiefen Grinsen und dann fragte er: „Was ist denn mit euch los? Ihr seht aus, als wärt ihr grade einem Horrorfilm entkommen!“
Meg ballte die Hand ihres inzwischen genesenen Arms zur Faust und beherrschte sich, bevor ihr etwas Unfreundliches herausrutschte. Er wusste es natürlich nicht besser, aber das machte die Tatsache, dass die Zeit im Nebel tatsächlicher Horror war, auch nicht erträglicher. Deshalb hoffte sie, dass jemand anders etwas sagen würde, um die Situation aufzuklären. Als es still blieb, warf sie einen fragenden Blick auf Dwight – doch der zuckte nur hilflos mit den Schultern. Auch Claudette schien nicht zu wissen, was sie tun sollte, denn sie schaute überall anders hin, nur nicht auf den Mann am Feuer. Es war Jake, der Megs Blick schließlich erwiderte und zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dass sie beide das gleiche dachten: dass dieser Typ es nicht schaffen würde. Dass er im Nebel erwischt und dem Entitus geopfert werden würde, weil er die Ernsthaftigkeit ihrer Situation offensichtlich nicht erkannte.
Dabei wäre es gar nicht so schwer, ihre Lage zu erkennen. Megs Oberteil war blutverschmiert und ihre Hose fleckig – und damit war sie nicht die einzige. Es war ihnen anzusehen, dass sie keine leichte Zeit hinter sich hatten, aber dieser Typ hörte einfach nicht mit seinem Grinsen auf.
„Moment“, sagte er jetzt, ohne dass sein Gesicht auch nur einen Hauch Ernsthaftigkeit widerspiegelte. Anscheinend hielt er das alles für einen riesengroßen Witz. „Ihr kommt doch nicht wirklich aus einem Horrorfilm, oder?“
„Wir…“, begann Dwight und blickte hilfesuchend in die Runde. „Wir müssen es ihm sagen… oder?“
Claudette war dafür, sofern Meg ihre leise Zustimmung richtig deuten konnte. Jake erweckte den Eindruck, als wäre es ihm völlig egal und er setzte sich unbeteiligt ans Lagerfeuer, auch wenn er darauf zu achten schien, so viel Abstand zwischen sich und den Fremden zu bringen, wie nur möglich. Meg selbst war absolut dagegen, ihn einzuweihen, denn sie versprach sich nicht viel davon. Unwirsch nahm sie neben Jake Platz – sie waren sicherlich nicht die besten Freunde, aber in dieser Situation schien er am ehesten nachvollziehen zu können, wie sie sich fühlte. Auch Claudette setzte sich zu ihnen – nur Dwight zögerte. Blickte unsicher zwischen ihnen und dem Fremden hin und her und setzte sich schließlich doch neben Meg.
Der fremde Mann erhob sich von dem Platz, an dem er gesessen hatte.
„Ihr macht mich fertig“, verkündete er, als er sich grinsend etwas Staub von der Hose klopfte; in Anbetracht der Umstände eine Geste, die Meg für absolut unangebracht und unpassend hielt. „Habt ihr jemals sowas wie Spaß?“ Dann kam er zu ihnen hinüber, um zunächst Claudette die Hand zu reichen. Zögerlich griff sie danach.
„Ace“, stellte er sich vor. Zumindest schien er zu wissen, wie er sich zu verkaufen hatte – auch wenn das keine Eigenschaft war, die im Nebel nützlich sein würde. „Ace Visconti. Habe die Ehre.“ Danach wandte er sich an Meg, um genau das gleiche bei ihr zu versuchen – aber die war nach wie vor skeptisch, was ihn anging, hatte deshalb lediglich einen sehr geringschätzigen Blick für ihn übrig und ignorierte die angebotene Hand. Ace öffnete den Mund, doch noch ehe er etwas sagen konnte, ging Jake dazwischen.
„Hör zu, Ace Visconti.“ So hart hatte Meg ihn noch nie sprechen gehört und auch Ace schien vollkommen überrascht zu sein. „Ich weiß nicht, was du glaubst, wo du hier bist – aber du solltest dir dein Grinsen sparen, denn du wirst es morgen auf eine sehr unschöne Weise erfahren.“
Tatsächlich schien Ace für einen Moment innezuhalten. Kurz wurde sein Gesicht ernst, fast nachdenklich – auch wenn es schwer war, seine Mimik zu deuten, solange er seine Sonnenbrille trug – doch dann kehrte das Grinsen auf seine Lippen zurück, als hätte er grade an einen grandiosen Witz gedacht.
„Herrje“, seufzte er und es klang theatralischer, als Meg für angebracht halten würde. „Gute Laune ist wirklich nicht so euer Ding, oder?“
Ihre besonders rebellische und aggressive Phase hatte Meg eigentlich schon lange hinter sich gelassen, aber in diesem Augenblick hatte sie wirklich das Bedürfnis, diesem Kerl sein Grinsen aus dem Gesicht zu wischen, damit er auf den Boden der Tatsachen zurückkehrte. Aber sie beherrschte sich. Ballte nur beide Hände zu Fäusten und biss die Zähne aufeinander, um nichts zu sagen; es würde nichts Nettes dabei rauskommen.
„Was Jake meint…“, begann Dwight jetzt, als wollte er die Situation entschärfen, doch seine Stimme verlor sich und er sah Meg hilfesuchend an. Die schüttelte den Kopf – wenn er es für richtig hielt, sollte er ruhig Aufklärungsarbeit betreiben, aber Meg selbst hatte wirklich keine Lust, sich mehr als nötig mit Ace zu unterhalten. Mit Vernunft schien man ihm nicht beikommen zu können, deshalb musste Dwight da jetzt wohl allein durch.
„Was meint Jake?“, fragte Ace jetzt, mit einem kurzen Seitenblick auf Jake, ehe er Dwight ansah. Besonders ernsthaft wirkte er nach wie vor nicht. Vielleicht nahm er das Leben insgesamt als einen großen Witz. Auf Meg wirkte er wie jemand, der auf diese Weise immer durchkam, der sich mit Charme, einem Grinsen und etwas Wortwitz überall herausmogeln konnte. Aber Charme, Grinsen und Wortwitz würden den Fallensteller nicht überzeugen. Auch den Geist nicht oder den Wandler oder einen der anderen Killer und deshalb würde Ace sich zusammenreißen müssen – oder sterben.
„Was Jake meint…“, wiederholte Dwight schließlich mit leiser Stimme. „Was Jake meint, ist, dass wir nicht allein sind. Also, hier am Feuer schon, es ist sicher, aber im Nebel… ist es nicht sicher.“ Seine Erklärungen waren etwas unbeholfen. Seltsam, denn er hatte das schon so oft gemacht. Es war immer Dwight, der die Erklärungen übernahm, wenn einer von ihnen den Nebel nicht überlebte. Eigentlich musste er nur wiederholen, was er immer sagte, aber es schien ihm schwerzufallen. Vielleicht, weil keiner von ihnen Ace kannte.
Vielleicht auch, weil das Grinsen langsam aus seinem Gesicht verschwand, je länger Dwight redete, bis er irgendwann still und ernsthaft dasaß und zuhörte. Ohne seine strahlend gute Laune sah er ganz anders aus, nicht mehr so fehl am Platz, nicht mehr so… unbrauchbar und für einen Augenblick schöpfte Meg Hoffnung, dass er doch irgendeine Form der Bereicherung für ihre Gruppe sein konnte.
„Leute“, sagte er dann jedoch, als Dwight seine Erklärungen beendet hatte. „Ihr lebt doch alle noch.“
„Hast du ihm zugehört?“, fragte Meg etwas zu unfreundlich. Für einen kurzen Augenblick hatte sie wirklich geglaubt, er hätte verstanden, um was es ging – aber jetzt hatte sie nicht mehr das Gefühl, er würde verstehen, wie real ihr ständiger Tod war. „Wir sterben immer wieder. Wenn wir morgen im Nebel sind, könnte es einen von uns erwischen. Oder uns alle.“
„Ihr lebt noch“, wiederholte Ace, diesmal mit Nachdruck. Keine Regung in seinem Gesicht ließ erkennen, dass er das hier noch immer als Witz betrachtete – sogar seine Sonnenbrille nahm er ab, um Meg direkt anzusehen. „Was auch immer da draußen ist, es hat euch nicht erwischt. Ihr wart heute schlauer – ihr werdet auch morgen schlauer sein. Ihr werdet auch morgen nicht sterben.“
Sie runzelte die Stirn. Nichts an ihm passte in diesem Moment zu dem ersten Eindruck, den sie von ihm gehabt hatte – doch sie musste zugeben, dass an seinen Worten irgendwas dran war, auch wenn sie nicht wusste, woher er diese grenzenlose Zuversicht nehmen konnte. Ob sie daherkam, dass er es nicht besser wusste, oder ob das einfach seine Art war – aber er selbst schien irgendwie daran zu glauben, dass die morgige Nacht ein gutes Ende nehmen würde.
Meg überlegte, ob sie ihn nicht etwas zu vorschnell verurteilt hatte, denn er schien auch eine andere Seite zu haben. Eine, die so etwas wie Hoffnung in ihr weckte, als sie zuließ, seinen Worten zu glauben. Er hatte schließlich nicht Unrecht: sie hatten die heutige Nacht überlebt. Und jetzt, da er hier war, waren sie zu fünft – wenn sie morgen in den Nebel zurückkehrten, könnte das ein Vorteil für sie sein.
Meg warf Ace, der schon wieder grinsend vor sich hin schwatzte, einen langen Blick zu und für den Bruchteil eines Moments wünschte sie ihm, dass das, was ihm Glück brachte, stärker war als die Macht des Entitus.
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