Ein Anderer Abschied

von justus
GeschichteAllgemein / P12 Slash
Alexander Cassander Hephaestion
04.01.2018
04.01.2018
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'Gebeugt, von Gram und Schuld zerfressen, sitze ich über meinem ach so prunkvollen Schreibtisch und versuche meine Gedanken niederzuschreiben. Doch Tränen trüben meine Sicht. Was nützt mir all der Reichtum schon? Solltest du nicht derjenige sein, der nun neben mir säße und mir schwungvolle, elegante Worte zuflüstert, die meine Taten rühmen? Solltest du jetzt nicht hinter mir auf dem Bett liegen und genüsslich die dunkellilanen Trauben verzehren, die mir jeden Tag aufs neue gebracht werden? Die wohltuende Stimme, rau und voller Erkenntnis, wenn du zu viel des süßen Weines gekostet hat.
Könnte ich nur Vergeltung für meine Taten begehen, so würde ich es tun. Würde mich wieder mit den Göttern einlassen, damit sie dich mir wieder zurückbringen. Jedoch spüre ich Styx nicht mehr weit in der Ferne, so wie ich keinen Tod sah, als wir von Mieza aufbrachen. Ich sah nur starke Generäle, und mich, als einen der wohl bald berühmtesten Herrscher von Makedonien bis hin zu Medien und Persien, ja, sogar Ägypten war mein. Doch erst jetzt begreife ich, dass mir die ganzen Feldzüge in den müden Knochen stecken. Dass ich mein junges Leben vergeudet habe, nur um größer und besser als mein Vater zu sein. Aber was nützt es mir jetzt, da ich dich, meinen treuen Gefährten, meinen Geliebten, dich, Hephaestion, nicht mehr bei mir weiß. Meine Generäle sind tot. Kleitos durch meine Hand gestorben und Kassander kann ich nicht trauen. Du weißt, dass ich den Ausdruck in dessen Augen nie mochte. Weder die spitze Zunge, noch das hochmütige Lächeln.
Mich ergreift Schwindel. Jener, wie der an dem Tag, als du mich verlassen hast. Einst sagtest du, wir wären wie Achilles und Patroklos. Aristoteles meinte immer, sie verbindet ein festes Band der Freundschaft, doch Platon wusste es besser. Wir wussten es besser. Es war nicht nur die Freundschaft, die sie von klein auf zusammengeschmiedet hatte, sondern Liebe, Liebe, die bis in den Tod währte. Hatte ich dir jemals nicht geglaubt? - So war es wohl diese Geschichte, übertragen auf uns. Für mich warst du Achilles, doch selbst wusstest du es besser. Du warst schon immer Patroklos und ich dir von Kinderbeinen an verfallen. Doch wollte ich es nicht wahr haben, wollte dir nicht glauben, dass du vor mir sterben könntest. Wenn du wieder einmal bei mir lagst, die Dunkelheit der Nacht sich um deinen Geist gelegt hatte, und ich dich beobachtete, so sah ich nur gestählte Muskeln, wie ein Panzer. Ich hörte sein starkes Herz pochen, wie ein unermüdliches Beben des Apolls in einer Schlacht. Dein Geruch, so herb und doch so süß, dass es keiner gewagt hätte, sich an dir zu vergreifen und zuletzt war dein Geschmack in mir so festgemacht, wie Prometheus am Kaukasus gekettet war.
Fort.
Leere.
Als du mich verlassen hast, konnte ich tagelang kein Auge schließen. Ich bettete mich in die Laken, wo du gelegen hattest. Kassander hatte Befehle gegeben, dich zur letzten Reinigung zu bringen, doch ich wehrte mich mit Händen und Füßen, dich her zugeben. Wie ein wildes Tier habe ich mich über dich gebeugt und verteidigt. Der Schmerz saß zu tief und die Trauer war zu mächtig. Mir kam es vor, als ob Kassander jede Stunde im Zimmer aufschlug, um dich mir wegzunehmen. Ich habe ihn angebrüllt, mit Dingen beworfen, die in meiner Reichweite waren, bis er sich schlussendlich wieder verzogen hatte, nur um in regelmäßigen Abständen nach uns zu sehen.
Tage ohne Nahrung schwächten mich und so hatte ich keine letzte Kraft mehr, dich zu mir zurückzuziehen, ala sie dich holen kamen. Als Kassanders kalter Blick den meinen streifte, hasste ich ihn nur noch mehr... und doch bin ich mir jetzt schlussendlich bewusst, dass er seinen König nur vor sich selbst beschützen wollte. Die Art, die er an sich hat, ist größten Teils seiner wohl nie erlebten Kindheit durch dessen Vater zu verdanken. Ich kann ihm immer noch nicht gänzlich vertrauen, doch hat er meinen Respekt, meine tiefste Ehrfurcht, die Ehre seines Königs gerettet zu haben. Mich nicht neben einem wohl bald verwestem Körper liegen zu lassen und mir so die Schmach des Volkes auf die Schultern zu legen.
Oh Hephaestion, wie gern hätte ich deine Worte widerlegt. Wie gern hätte ich gelacht, wäre es nicht die schreckliche Wahrheit und Bestimmung von Patroklos und Achilles gewesen, sich zu lieben. Und wie bei ihnen, liebten wir uns im Krieg. Sie in den Ruinen von Troja, nach dem Tode vereint. Wir, noch immer getrennt. Ich, noch in der wunderschönsten ekelhaftesten Stadt, die ich mein Eigen nenne, da sich mich so viel gekostet hatte. Ich bin dir zu Dank verpflichtet, mein lieber Hephaestion. Für deine Treue, die ich als selbstverständlich hinnahm und deine Liebe, die ich durch eine Heirat mit einer babylonischen Frau fast zu Nichte gemacht habe. Wir sehr könnte ich mich dafür noch hassen und dich um so mehr lieben, dass du immer noch an meiner Seite warst.'

♢♢♢

Kassander rollte das Schriftstück wieder zusammen und seufzte auf. Langsam schlossen sich seine Augen, als er tiefer in den gepolsterten Armlehnenstuhl sank. Vor ihm knisterte das Feuer, als Brennholz dienten Schriftrollen von Alexander. Er selbst wusste nicht, was er dort tat. Eventuell um Alexander für die Geschichtsbücher als Groß zu erhalten, der bis zu seinem Tod keine Schwäche eingestand oder tat er es als Eigennutz, um die Wut, die sich in ihm für keine kleinste Anerkennung, aufgestaut hatte? Vielleicht gab es auch weitere, kleinere Gründe. Sollte das gesamte Volk von der wunderbaren Liebe des Alexander und Hephaestion erfahren oder weiter im Rahmen der engsten Vertrauten bleiben? Andenken, an den großen König zu vernichten wäre sinnlos und viel zu langwierig, waren doch so viel Männer immer um sie, als das nicht einer die Geschichten um ihn kannte und sie so von Generation zu Generation weiterzutragen.
Seufzend betrachtete Kassander die wohl letzte Schrift des Königs und wog sie in seiner sehnigen Hand, als ob er den Wert des Goldes schätzen würde, wenn er sie nur den Richtigen zur Abschrift gab.
Er konnte Alexander nicht verübeln, dass er kein wirkliches Vertrauen in ihn hatte, so wollte er doch selbst unnahbar unf unbesiegbar erscheinen, doch hier in diesem Schriftstück schrieb er den Respekt ihm gegenüber auf, den er nie ausgesprochen hatte.
Ein stummer Laut verließ Kassanders Lippen, als er wieder zum Feuer sah und die bald aufgebrauchten Papierfetzen. Sein Griff um die Schriftrolle verstärkte sich, als wöllte sie selbst dort in den lodernden Flammen vergehen wollen.
Auch wenn der General es nie ausgesprochen hatte, bedauerte er Alexanders Tod mehr als jeder andere. Mögen es Geschichtsschreiber interpretieren wie sie es wollten, er würde ihnen den eigentlichen Grund nicht nennen.
So stand er auf, ließ das letzte bisschen Glut verglimmen und steckte sich die Schrift Alexanders in den Gürtel. Es würde nie jemand zu lesen bekommen. Er selbst würde sie versteckt halten und ihr Geheimnis ins Grabe tragen.
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