Paradies

GeschichteThriller / P18
04.01.2018
19.05.2018
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Ihr entfuhr ein erstickter Schrei, als sich das blank polierte Skalpell in ihre Haut Schnitt. Sofort drang Blut aus der Wunde hervor. Mit erbarmungsloser Gewalt wurde das Werkzeug durch ihre Haut gezogen, Zentimeter für Zentimeter. Sie wandte sich vor Schmerz, konnte den ledernen Fesseln, die ihren nackten Körper um die Brust, Hand- und Fußgelenke geschnürt waren, aber nicht entkommen. Warmes Blut lief ihr seitlich an ihrer Taille herunter. Sie versuchte zu flehen, dass er aufhören solle, doch der Knäuel in ihrem Mund machte jegliches Sprechen unmöglich. Für einen kurzen Moment stoppte das Werkzeug, bevor es in eine andere Richtung gelenkt wurde. Sie verdrehte unter höllischen Qualen die Augen und war kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren.
"Nana, wer wird denn hier einschlafen?", gackerte jemand amüsiert.
Das Skalpell wurde aus ihrer Haut gezogen und auf ein glänzendes Tablett gelegt. Anschließend wurde ihr ein kaltes Tuch ins Gesicht gedrückt. Ein furchtbar bitterer, unangenehmer Geruch nach Ammoniak kroch ihr in die Nase.
"Dieses Mittel nennt man Riechsalz. Es wird mir dabei helfen, dich wach zu halten", sagte der unbekannte Mann. "Ich habe nämlich noch einiges mit dir vor.“
Und tatsächlich, ihr Kopf wurde etwas klarer. Mit verzweifelten Bewegungen versuchte sie sich von dem Tuch zu befreien, doch er drückte es weiter kräftig in ihr Gesicht. Nach einigen endlosen Sekunden ließ er endlich von ihr ab und legte das Tuch zur Seite. Das grelle Licht der Deckenbeleuchtung blendete sie und Tränen stiegen in ihre Augen.
"Können wir weitermachen?", fragte er kaltblütig.
Sie drehte ihren Kopf zu der Stimme, konnte die dazu passende Person aufgrund ihres mit Tränen verschwommenen Blickfeldes aber nicht erkennen. Sie versuchte etwas zu sagen, zu flehen, sich zu retten. Doch drangen keine verständlichen Worte aus dem Knäuel hervor. Ein leises, metallisches Geräusch erklang und sie wusste, dass ihr Peiniger wieder nach dem Skalpell gegriffen hatte. Mit einem Anflug von Panik riss und zerrte sie erneut an ihren Fesseln, doch diese hielten weiterhin stand. Als die Klinge wieder in ihre Haut gedrückt wurde, drang ein dumpfer Schrei hinter ihrem Knäuel hervor. Die Sekunden der Qual flossen zäh dahin und sie hoffte nur eins, dass es enden würde. Das Skalpell glitt an ihrem Bauchnabel entlang, dann etwas nach rechts und kam schließlich über ihrem Hüftknochen zum Stillstand. Entsetzt starrte sie auf den blutigen Schnitt, der ihr nun vom Bauchnabel bis hin zur Hüfte reichte. Während immer mehr Blut aus der Wunde sickerte, fragte sie sich, warum ausgerechnet ihr das passierte. Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie in diese Situation gekommen war. Allerdings fiel ihr das Denken in diesem Moment unendlich schwer. Wieder war ein Klimpern zu hören als das Skalpell auf das Tablett gelegt wurde. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete sie, wie der Mann aufstand und durch den spärlich eingerichteten Raum schritt. Schließlich blieb er vor einem Spind mit abblätternder, grüner Farbe stehen und öffnete die Türen. Ein Poltern und Klirren erklang und sie vermutete, dass er etwas suchte. Sie nutze diese Gelegenheit, um hektisch den Raum zu betrachten, in der Hoffnung, einen Ausweg finden zu können. Die rauen, mit Wasserflecken bedeckten Tapeten schälten sich von den Wänden und irgendwo in der Ecke zu ihrer linken tropfte Wasser aus einer gebrochenen Rohrleitung unter der Decke. Sie wandte ihren Kopf so weit sie konnte nach rechts. Dort, neben weiteren Spinden, war eine mit Warnschildern und indischen Zeichen gespickte Tür.
Sehnsüchtig wünschte sie sich, durch diese Tür laufen und fliehen zu können. Sie wandte sich nach links. Dort stand ein maroder Schreibtisch, auf dem unordentlich Papiere und Bücher verstreut waren. Eine verrostete Schreibtischlampe warf flackerndes Licht auf eine Pinnwand, die etwas schief über dem Schreibtisch hing. Ihr lief es eiskalt den Rücken herunter. Auf dieser Pinnwand waren Fotos von verschiedenen Frauen zu sehen. Auf einem der Bilder erkannte sie ihr eigenes Gesicht. Entsetzt riss sie ihre Augen auf. Die Bilder der anderen Frauen unterschieden sich von ihrem eigenem nur in einem Punkt: sie waren allesamt mit einem roten Kreuz durchgestrichen. Wieder fing sie an, gegen ihre Fesseln zu kämpfen, da sie nun eine grausame Vorahnung packte. Ich werde hier nicht lebend rauskommen, dachte sie erfüllt von nackter Angst.
Plötzlich war es wieder still in dem Raum, das Wühlen und Poltern verstummte.
"Ich habe ein neues Spielzeug für uns gefunden", verkündete eine kalte Stimme und der Unbekannte näherte sich wieder dem Foltertisch. Die Frau hatte Probleme, ihn richtig zu erkennen, denn ihre Sinne schwanden wieder. Als er fast vor ihr stand, viel ihr Blick auf den Bolzenschneider, den er mitgebracht hatte. "Du brauchst deine Finger doch nicht mehr, oder?", lachte er und packte ihre rechte Hand. Voller Panik versuchte sie, ihm die Hand zu entziehen, doch die Fesseln machten es ihr unmöglich. Der Knäuel in ihrem Mund dämpfte ihr panisches Schreien, sodass ihr nur ein dumpfes Quieken entfuhr.
"Schön stillhalten", sagte der Mann sanft und bog ihren Zeigefinger nach oben. Sie spürte deutlich, wie das kalte Metall des Bolzenschneiders ihre Haut berührte. Die Schneiden des Werkzeuges legten sich um ihren Finger. Dann, mit einem entschlossenen, aber mühelosen Ruck, pressten sich die Schneiden zusammen und trennten den Finger mit einem grausigen Knacken ab. Ein explosiver Schmerz durchströmte ihren Körper und sie verdrehte die Augen, unfähig, einen anderen Gedanken zu fassen. Ihre Welt bestand nur noch aus Schmerz. Dumpf drang höhnisches Gelächter zu ihr herüber. Es war so, als käme es aus weiter Ferne. Der Raum verschwamm vor ihren Augen, doch es war noch nicht vorbei. Als er sich schließlich mit dem Bolzenschneider an ihrem Daumen zu schaffen machte, wusste sie, dass sie bald sterben würde.
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