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Fortress

von RADP
GeschichteSci-Fi, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
04.01.2018
17.05.2021
25
238.522
12
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Dieses Kapitel
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16.04.2021 9.387
 
Kapitel 23 – Undisclosed Desires




Wärme war das Erste, was er spürte.

Angenehme, friedliche Wärme.

Da war keine Anspannung mehr, kein Widerstand oder Stress. Er lag einfach da und genoss die Wärme, mit geschlossenen Augen und sanft im Halbschlaf dahintreibend. Ohne rasende Gedanken und ohne Dringlichkeit schwebte er irgendwo zwischen Traum und Realität, auf dem schmalen Grat des Aufwachens tänzelnd, als wäre es nur ein Spiel. Mit der Zeit kamen ein paar Bilder hoch, doch sie zogen zunächst noch lose vorbei und die wohlige Wärme hüllte ihn ein.

Irgendwann ertönte ein leises Rascheln und er spürte etwas in seinem Nacken. Etwas Weiches. Etwas Warmes. Die Bilder wurden mehr und erste Gedankenfetzen mischten sich mit hochkommenden Erinnerungsfragmenten. Ein weißer Raum. Große Hallen. Ein gehässiges Grinsen. Und eine seltsame Leere. Unwillkürlich spannten sich seine Muskeln ein wenig an.

Aven blinzelte langsam seine Augen auf und schaute sich um. Es war angenehm dunkel und sein Blick tastete sich langsam durch das vertraute Zimmer. Der Geruch, die Lage, der Anblick, es war alles normal. Alles wie immer. Und Avens Körper entspannte sich wieder.

Er lag zur Seite gedreht im Bett und spürte Ronus‘ Arme um sich. Einer lag unter seinem Hals, hatte sich frech einfach zwischen ihn und sein Kissen geschoben, und der andere hielt unter der Decke seinen Oberkörper fest umschlossen. An seinem Rücken spürte er seine warme Haut, in seinem Nacken seine wuscheligen Haare, ja sogar seine Beine hatte er in Avens verkeilt. Der Mensch hüllte ihn völlig in seine Wärme ein, machte sich keinen Hehl mehr daraus irgendeinen Abstand einzuhalten. Und Aven nahm es bereitwillig hin, denn er hatte seine Nähe vermisst. Das leise Schnarchen in seinen Ohren war alles, was er im Moment brauchte.

Seit sie gestern endlich nach Lachanx zurückgekehrt waren, hatten sie sich kaum aus dem Zimmer wegbewegt. Aven war unendlich erschöpft, fast wie damals, als er gegen den Do’Laq angetreten war. Eine ähnliche Müdigkeit zehrte an ihm, vermutlich weil das Störsignal seine Seele, ja seinen ganzen Organismus so lange belastet hatte. Doch obwohl er sich noch nie in seinem Leben über eine so ausgedehnte Periode hinweg dermaßen ausgeliefert und schwach gefühlt hatte, lag es offenbar wirklich nur an der beständigen, erzwungenen Unterbrechung seiner Seelenverbindung. Was auch immer diese Störfrequenz in ihm ausgelöst hatte, würde hoffentlich ohne bleibende Schäden vorübergehen, denn ansonsten hatte das medizinische Team der Concordia-Basis keine groben Probleme an ihm feststellen können.

Daher schlief er sich nun ganz einfach in Ronus‘ Bett aus – so wie immer. Doch es fühlte sich wie ein Segen an, wieder hier zu sein nach all dem Chaos. Aven hätte nicht mehr darauf gewettet, jemals wieder in diesem Raum zu sein, in einem Stück und mit seinem Partner. Aven hätte generell nicht mehr darauf gewettet, da noch irgendwie rauszukommen. Doch entgegen aller Erwartungen hatten sie es geschafft.

Ronus hatte es geschafft.

Aven war Orukh durch ihr seltsames Gerät ausgeliefert gewesen, doch Ronus hatte ihn befreit. Ronus war eins geworden mit dem Feuer, mit dem Ez’Kazqesh und er hatte die Marrada Rhoga zur Strecke gebracht. Er hatte der Nyar aus seinen Träumen und damit seinen tiefen Ängsten ins Auge geblickt – und er hatte sich gewehrt. Amarra Orukh hatte ihn in die Ecke getrieben, doch er hatte nicht aufgegeben. Vielleicht war es wirklich sein Schicksal gewesen sie aufzuhalten, so wie er vor ihrem Einsatz einmal gemeint hatte. Aven schloss seine Augen und legte seine Hand auf jene von Ronus, die unter seinem Hals hervorschaute.

„Das wäre für mich ein akzeptabler Grund zu sterben, schätz‘ ich mal.“

Seine Worte aus jener Nacht hallten in Avens Gedanken wider und er drückte Ronus‘ Hand ein wenig fester. Schicksal hin oder her, er hatte alles gegeben und er hatte es vollbracht. Er war nicht dabei gestorben und Aven konnte auch weiterhin seine Wärme spüren. Noch immer hatte er diese atemlosen Momente vor Augen, in denen er so sicher gewesen war, dass es nun endgültig vorbei wäre. Diese hoffnungslosen Blicke, die sie ausgetauscht hatten. Wie oft hatten er und Ronus diesen Tanz nun schon gewagt? Dieses Hin und Her mit Leben und Tod, dieses Wandeln an der Grenze des Machbaren? Der Do’Laq, der sie beinahe verschlungen hätte, die Piraten, die ihre Leben fast ausgelöscht hatten und nun die Marrada Rhoga, in deren Fängen sie noch einmal dem Ende nahegekommen waren. Dennoch waren sie immer noch hier, in ihrem Bett. Es war ein gutes Gefühl, wieder hier zu sein. Auch, wenn er den Weg zurück eigentlich gar nicht richtig mitbekommen hatte.

Nachdem er im Navigationsraum umgekippt war, hatte Ronus den anderen zufolge ziemlich mit sich zu kämpfen gehabt, was Aven leidtat, obwohl er nicht viel daran hätte ändern können – er hatte einfach keine Energie mehr gehabt. Keromi und Seikei hatten anschließend die Situation mehr oder weniger übernommen und es geschafft, alles nach Plan über die Bühne zu bringen, während Ronus offenbar vorwiegend seinen weggetretenen Partner herumgetragen hatte. Seine Verwandlung hatte nicht nachgelassen, bis sie alle wieder auf einem Schiff der ankommenden Wosorgh-Flotte in Sicherheit gewesen waren. Bis er alle gerettet hatte, die ihm etwas bedeuteten. Auch der Rest ihrer Einheit war aus den Zellen der Marrada Rhoga befreit worden. Eon, Narubia und Aneka hatten wie auch Seikei und Keromi kaum etwas abbekommen, nur die Lyniad war ein wenig zerlegt vorgefunden worden. Auch viele der anderen Soldaten und Kadetten waren weitgehend unversehrt befreit worden, als die Marrada Rhoga endlich ergeben hatte. Unzählige ihrer Experimente waren nach Prahont gebracht worden, was dort mit ihnen passieren würde, wusste Aven nicht. Alles in allem hatten sie diese Rettung aber schlichtweg Ronus zu verdanken, der sich im Schlaf gerade leise schnarchend an ihn klammerte.

Die Wärme in seinen Armen und die Ruhe in diesem Zimmer täuschten fast darüber hinweg, was sie gerade durchgemacht hatten. Was vor allem Ronus durchgemacht hatte. Er war dieser Hölle schon einmal entkommen und hatte sich nun noch einmal daraus befreien müssen – ein schier unglaublicher Kraftakt, wie Aven bewusstwurde. Gerade in seiner Verfassung war es ein Unterfangen, das kaum zu bewerkstelligen schien, so geplagt und lädiert wie seine Seele und auch sein Körper schon davor gewesen waren. Knappe drei Wochen waren sie offenbar dort in Gefangenschaft gewesen, doch da zumindest ihm jegliches Zeitgefühl abhandengekommen war, bedeutete die willkürliche Zahl kaum etwas.

War Ronus‘ Leben früher genau das gewesen? Ein ewiger, zeitloser Strom aus Leid und Hoffnungslosigkeit? Aven grauste es beim Gedanken daran. Kein Wunder, dass er sie nach all dem einfach zerfleischt hatte – damit es endlich vorbei war.

Jetzt konnte er endlich wieder ruhig schlafen, zumindest für den Moment. Aven genoss die Ruhe und wunderte sich im Stillen, wie aus so grausamen Umständen eine so sanfte Wärme entstehen konnte, wie Ronus sie von sich gab.

Eine Wärme, die nicht nur Avens Haut erreichte, sondern auch sein Innerstes.





____________________






Ronus ließ ihn nur ungern los.

Aven schlief ganz ruhig in seinen Armen und er lauschte seinem Atem. Seine Brust hob und senkte sich beständig, eine kühle Hand hielt die seine umschlossen und er dafür seinen Torso. Seit sie zurückgekehrt waren, konnte er kaum anders. Er musste sichergehen, dass Aven noch da war. Echt und lebendig, keine Illusion, keine Einbildung. Er brauchte ihn an seiner Seite, damit er sich wenigstens einer einzigen Sache sicher sein konnte, nach allem, was passiert war.

Doch im Moment haderte er mit sich selbst, weil er einerseits langsam aufs Klo musste und andererseits auch sein Magen seit einer Weile bedenkliche, hungrige Laute von sich gab. Ronus hätte gerne auf jegliche Ausflüge verzichtet und wäre einfach liegengeblieben, aber gegen seinen eigenen Körper und dessen grundlegende Bedürfnisse konnte er sich auf Dauer nicht behaupten. Ganz vorsichtig löste er also seinen Arm von Avens Oberkörper und zog auch den zweiten unter seinem Hals heraus. Er überließ ihm die Decke und stieg vorsichtig über seinen Partner hinweg aus dem Bett. Aven blieb ungerührt liegen, bekam vor Erschöpfung wohl nichts davon mit.

Nach einem kurzen Abstecher zur Toilette griff er sich dann sein Rüstungsmodul von der Ablage und aktivierte es. Wie von selbst legte sich das schwarze Material über seine Haut und bedeckte all die Narben – die alten und die neuen. Es war seltsam, sie wieder zu tragen. Generell war es merkwürdig zurück zu sein. Surreal beinahe. Dass sie beide wieder hier waren, dass sie es alle von dort weggeschafft hatten. Dass die Marrada Rhoga nun wirklich zerschlagen war. Dass Amarra Orukh…

Ronus stand für eine Weile einfach mitten im Raum, wo er in der Dunkelheit nur schemenhaft ausmachen konnte, wo sich alles befand. Doch auch so erkannte er Avens schlafende Silhouette und verspürte eine tiefe Erleichterung beim Anblick. Das war im Grunde alles, was er wollte. Alles, wofür er gekämpft hatte. Aven war in Sicherheit und nicht durch seine Idiotie zu Schaden gekommen. Vielleicht waren es darüber hinaus auch Rachegelüste gewesen, oder einfach nur der Blutrausch des Drachen. Er konnte es im Rückblick nicht mehr genau sagen, sein Kopf war zuletzt ein einziger Strudel aus Feuer, Instinkten und unbändiger Kraft gewesen.

Als sein Magen erneut leise knurrte, seufzte Ronus und drehte sich zur Tür. „Bin bald zurück“, flüsterte er dem schlafenden Aven zu, als könnte er es hören. Dann öffnete er die Tür und schritt hinaus in den künstlich beleuchteten Korridor. Langsam trabte er in Richtung Kantine und konnte auch in seinem Körper eine gewisse Erschöpfung feststellen. Das Feuer und das Adrenalin hatten zuvor über das Gröbste hinweggetäuscht, doch ein paar seiner Wunden schmerzten gerade beim Gehen immer noch sehr. Die Verletzungen an seinen Händen waren überraschenderweise nicht so schlimm ausgefallen wie erwartet, fast, als hätte die vollständige Verwandlung gewisse Heilkräfte erweckt. Die tiefen Schnitte der elektrischen Klinge hatten nur vage Spuren an seinen Handflächen hinterlassen. Doch jene Wunde in seinem Bein, die erst danach entstanden war, spürte er noch deutlich. Vor allem aber bemerkte er die in seinem Rücken, entstanden durch ein paar Projektile, die sich trotz seiner schützenden Schuppen in seinen Körper gebohrt hatten.

Ronus ächzte beim Gedanken daran und rieb sich über eine Stelle nahe des linken Schulterblatts. Er hatte gedankenlos die Tür aufgerissen im Rausch des Kampfs und nicht bedacht, dass er damit auch seinen Partner mitten in die Schusslinie gebracht hatte. Zum Glück hatte er Aven sofort von dort wegziehen können und hatte nur selbst einige Treffer einstecken müssen. Er hätte es sich nicht verziehen, wenn ihm auf diesen letzten Metern etwas passiert wäre, schon gar nicht wegen seiner Dummheit.

Ein Seufzen entkam ihm, als er schließlich in die Kantine einbog, wo im Moment ziemlich wenig los war. Es war vermutlich ziemlich spät in der Nacht, denn hinter den Fenstern herrschte Dunkelheit. Den großen Andrang beim Abendessen hatte er wohl verpasst. War vielleicht auch besser so, immerhin musste er sich dann nicht mit dem Getuschel oder gar den Fragen anderer Kadetten herumschlagen. Die große Besprechung des Einsatzes stand ihnen genauso noch bevor wie die Tatsache, dass sie sich nach ein paar Tagen Ruhe wohl oder übel wieder der ganzen Basis, ja sogar der ganzen Welt stellen mussten.

Er verschwendete also jetzt keinen weiteren Gedanken daran, ging schnurstracks zur Essensausgabe und besorgte zwei Portionen zum Mitnehmen, natürlich die Speisen der a’Shir-Küche, wie immer. Tatsächlich hatte er es vermisst – das Essen dieser fürchterlichen Kantine, wo er so oft Bauchschmerzen bekommen hatte und einmal sogar fast an einer verdammten Vergiftung gestorben wäre. Auf dem Rückweg zum Zimmer dachte Ronus über dieses ‚Vermissen‘ nach. Er war sich eigentlich ziemlich sicher, dass es nicht an der Kantine lag. Oder an Lachanx.

Er hatte sich einfach nach seiner Normalität gesehnt, so mühsam sie auch manchmal war. Er hatte sich danach gesehnt, wieder in ihrem Zimmer zu sein, mit Aven. Morgens übermüdet aufzuwachen, wenn sein Partner schon längst bereit für den Tag war. Seine Tabletten zu nehmen und frühstücken zu gehen. Übungsszenarios oder Krafttraining zu machen, bis zum Mittagessen. Mit Aven unterm Baum zu liegen, bis am Nachmittag irgendwas anderes auf dem Programm stand. Auf langweilige Begleitmissionen zu fliegen, mit der ganzen Einheit. Am Abend duschen zu gehen und danach wieder im Bett zu liegen, sein Kopf auf Avens Brust, wo er seinen Herzschlag hören konnte. Einzuschlafen und zu wissen, dass er immer noch da sein würde, wenn er aufwachte.

Ja, er hatte das alles vermisst. Aber vor allem Aven.

Mit einem leisen Surren öffnete sich die Tür zu ihrem Zimmer, Ronus trat hinein und stellte die beiden Essensbehälter auf die Ablage am Kopfende des Betts. Er schaltete auch die kleine Lampe an, sodass er auch tatsächlich etwas im Raum erkennen konnte. Aven schien immer noch zu schlafen, doch er hatte bestimmt ebenfalls Hunger, immerhin hatten sie beide zuvor auch das Mittagessen verpennt. Generell war es wohl klug, wenn er etwas aß, um wieder etwas Energie zu sammeln. Ronus ging also in die Hocke und rüttelte ganz vorsichtig an der Schulter seines Partners. Prompt kniffen sich Avens Augen ein wenig zusammen, bevor sie sich blinzelnd öffneten.

„Hey Schlafmütze, ich hab‘ uns was zu essen geholt“, sagte er und deutete auf die beiden Behälter. Avens Blick folgte seiner Geste, dann begann er sich langsam zu strecken und aufzusetzen.

„Wie spät ist es?“, murmelte er und blickte sich etwas irritiert um. Ronus zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, irgendwann in der Nacht. War nicht viel los in der Kantine.“

Dann stand er wieder auf und sein Blick schwankte zum Tisch hinüber. „Willst du dich an den Tisch setzen oder einfach im Bett futtern?“

Aven machte einen müden Eindruck und griff schlichtweg nach dem oberen Essenspaket. Offenbar wollte er im Bett bleiben, was Ronus auch recht war. Mit einem Handgriff löste er sein Rüstungsmodul von der Brust, legte es ab und kletterte über Aven hinweg ins Bett. Er setzte sich auf seine Seite und schnappte sich die zweite Box. Schon bald erfüllte ein angenehmer Geruch den Raum, während sie beide schweigend ihre Mahlzeiten löffelten. Am ehesten ließ sich das würzige Gericht wohl als eine Mischung aus bissfesten kleinen Körnern mit einer Soße voll Pflanzenstücken beschreiben, doch für Ronus schmeckte es trotz der seltsamen Konsistenz geradezu himmlisch.

Nach einer Weile klappte Aven die leere Box zusammen und legte sie samt seines Bestecks beiseite. „Danke, dass du mir was mitgebracht hast“, sagte er und schaute zu ihm herüber. Ronus, der immer noch kaute, nickte nur und schenkte ihm ein Grinsen. Ein paar Löffel hatte er noch übrig, auch wenn sich bereits ein Sättigungsgefühl einstellte. Aven hingegen stand auf und machte sich mit dem leeren Wasserglas von der Ablage in Richtung Badezimmer auf. Sein blasser Körper wirkte im Vergleich zu sonst nicht ganz so geschmeidig, nicht ganz so elegant – subtil zeigte sich in jeder Bewegung sein erschöpfter Zustand. Ronus blickte ihm nach, bis er aus seinem Sichtfeld verschwunden war. Aven schien zwar äußerlich unverletzt, aber irgendetwas hatten sie mit ihm angestellt.

Als sein Partner zurückkehrte, hatte Ronus beide Essensbehälter wieder weggestellt, auf den kleinen Tisch, und saß auf seiner Seite des Betts. Aven stellte das Glas ab und legte sich wieder hin, diesmal auf den Rücken. Kraftlos schaute er einfach nach oben, und Ronus war nicht sicher, ob er einfach das Licht abdrehen oder stattdessen noch ein paar Worte mit ihm reden sollte.

„Wie geht es dir?“

Ronus blinzelte perplex, als Avens Frage sein Hadern jäh beendete. „Ähm, ganz okay“, antwortete er und im selben Moment bereute er auch schon seine Antwort ein wenig. Im Grunde ging es ihm nicht besonders prickelnd, obwohl im Moment einfach die Erleichterung überwog. Aber wie sollte er all das in Worte fassen? Aven hatte doch mitbekommen, was er so alles abgezogen hatte. Hatte gesehen, wie sich das Feuer aus seinem Inneren nach außen gebrannt und ihn eingenommen hatte. Oder… vielmehr sogar mit ihm verschmolzen war. Und wenn er ganz ehrlich war, wusste er nicht so ganz, was das nun für die Zukunft bedeutete. Es war nicht so, dass er den Drachen permanent in seinem Verstand fühlte – doch irgendetwas hatte sich verändert. Dauerhaft.

Er bemerkte, dass ihn die schwarzen Augen abwartend anschauten. Vermutlich sollte er noch etwas sagen, denn Aven wirkte nicht, als würde er es ihm abkaufen. „Na gut, nicht ganz okay, aber… Naja. Ich weiß nicht. Es ist einfach gut, wieder hier zu sein“, fügte er hinzu und legte sich dann einfach hin, sein Gesicht ihm zugewandt. Aven nickte.

„Ja, ist es“, murmelte er und ein seltsamer Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Ronus versuchte ihn zuzuordnen, doch er konnte nicht ganz sagen, was wohl in ihm vorging.

„Und wie geht’s dir?“, fragte er daraufhin schlicht.

Die schwarzen Augen kreuzten einmal mehr seinen Blick. Etwas Sanftes lag darin. „Es geht. Mein Körper ist einfach unendlich müde, aber das sollte nach ein paar Tagen wieder vergehen.“

Ronus nickte und wich seinem Blick aus, während seine Gedanken anfingen zu kreisen. Die Decke war gleichförmig und langweilig, doch immerhin bot das nicht viel Widerstand beim Nachdenken. Er wollte zu gerne wissen, was Aven alles erlebt hatte, als sie getrennt gewesen waren. Ob sie ihm weh getan hatten, gequält hatten. Wie sollte er danach fragen? Sollte er überhaupt danach fragen? Er wollte selbst doch am liebsten auch nicht danach gefragt werden, denn darüber zu berichten war immer schmerzhaft. Vielleicht sollte er einfach das Licht abdrehen und schlafen gehen, immerhin brauchte Aven die Erholung-

„Ronus“, fing Aven dann noch einmal an und seine Stimme klang zögerlich dabei. Oh nein, er wollte wirklich weiterreden. Leises Rascheln kündigte an, dass sein Partner sich gerade umdrehte und wie von selbst ruhte nur kurz darauf Ronus‘ Blick direkt auf ihm. „Danke“, sagte er nur und zur Antwort blinzelte Ronus nur irritiert.

„Wofür?“

Aven seufzte und wirkte in dem Moment tatsächlich völlig ausgelaugt. „Dass du mich gerettet hast. Uns alle.“ Ronus schluckte, doch Aven sprach weiter: „Ich konnte mir vorher kaum vorstellen, unter welchen furchtbaren Bedingungen du zuvor gelebt hast. Doch nach allem, was wir dort gesehen und erlebt haben… Danke. Du hast es geschafft, dich ein zweites Mal von dort zu befreien und hast zu Ende gebracht, was ich nicht im Stande war zu tun. Du hast Amarra Orukh zur Strecke gebracht und alle befreit.“

Ronus blickte ihn ein wenig verloren an und stellte fest, dass Aven das ernst meinte. Er hatte ihm das schon einmal so ähnlich gesagt, als sein Kopf noch voller Feuer gewesen war. Doch es noch einmal zu hören, in Ruhe und Sicherheit, in ihrem Zimmer, im Bett direkt neben ihm… Es war seltsam, das aus seinem Mund zu hören. Ein ernstgemeintes Dankeschön, ein „Du hast mein Leben gerettet“ von seinem Prinzen, seinem Ritter in schwarz-weißer Rüstung… Von demjenigen, der ihn so oft gerettet hatte. Doch irgendetwas hinterließ dennoch einen bitteren Nachgeschmack in Ronus Gedanken. Er suchte Avens Blick.

„Ich… Ich dachte nicht, dass es funktionieren würde. Dass ich irgendetwas ausrichten kann. Ich…“, sagte er unbeholfen und die Worte fehlten ihm. Avens Augen waren so tief, dass er darin endlos verharren könnte. Da fiel er ihm wieder ein. Sein Blick. Sein Blick des Abschieds. „Ich hab‘ dich gesehen, Aven. Durch das Glas, als das Feuer mich ergriffen hatte. In deinen Augen…“ Seine Stimme wurde brüchig und schwach, als ihn die Erkenntnis ereilte.

„Ich weiß“, sagte Aven kraftlos, doch Ronus unterbrach ihn prompt: „Nein, nein weißt du nicht. Ich… Ich dachte, dass es zu Ende ist. Ich WUSSTE, dass es vorbei ist, wenn das Feuer… Und ich hab‘ es trotzdem getan, obwohl-“ Aven streckte seine Hand aus und zog ihn zu sich hinüber, in eine halbgare Umarmung.

„Ich weiß“, flüsterte er in sein Ohr, „genau das wollte ich dir damit sagen. Dass du es machen sollst. Es gab keinen anderen Weg.“ Er sprach die Worte so ruhig und müde, als hätte er sich längst damit abgefunden, während sich in Ronus Augen bereits erste Tränen sammelten. „Ich habe gehofft, dass du die Chance ergreifst, auch wenn du damit mein Leben riskierst. Und dennoch hast du es geschafft selbst das zu retten.“

Ronus kniff seine wässrigen Augen zusammen und schlang seine Arme um ihn. „Das war doch alles, was ich wollte“, murmelte er in seine Ohren und drückte ihn noch fester. „Dass du einmal nicht meinetwegen stirbst.“

Er spürte, wie auch Avens Arme sich eng um ihn legten, und er weitersprach: „Ich bin noch nie deinetwegen gestorben, Ronus. Nur einmal fast für dich.“ Ronus schniefte ein wenig und schüttelte den Kopf, dann zischte er ein halbherziges „Du Idiot“ in sein Ohr. Immer auf Formalitäten rumzureiten war genau Avens Ding, selbst wenn es um so etwas Ernstes ging. Eine Weile lagen sie so da, in dieser Umarmung, die langsam Ronus‘ Tränen zurückdrängte, noch bevor er richtig weinen musste. Avens Hand strich ihm sanft über den Rücken, doch Ronus spannte sich augenblicklich an, als er eine schmerzende Stelle streifte. Sein Partner hielt sofort inne.

„Hast du noch Schmerzen?“, fragte er leise und die Sorge kam deutlich durch. Ronus nickte in Avens Schulter hinein und murmelte: „Nur ein wenig. Auf dem Rücken wegen der Projektile und im Bein wegen… einer Stichwunde.“ Aven ließ ihren Namen weg, wollte nicht an sie denken. Nicht jetzt.

„Die Projektile, vor denen du mich beschützt hast?“, hakte Aven nach.

Doch Ronus schnaubte nur unzufrieden. „Nein, die Projektile, die dich wegen meines dummen Vorpreschens beinahe erwischt hätten.“ Aven machte ein kleines Geräusch, das beinahe amüsiert klang – was Ronus insgeheim ein bisschen empörte.

„Du willst meinen Dank wirklich in keiner Form annehmen, kann das sein?“, fragte der a’Shir schließlich und ließ eine kurze Pause. Als Ronus nichts darauf sagte, fuhr er fort: „Ich habe dir versprochen dich zu beschützen, vor Orukh und ihren Leuten. Und ich habe versagt, Ronus. Sie hat mich mit Leichtigkeit außer Gefecht gesetzt, und selbst die eine Chance, die ich später noch hatte, um sie auszuschalten, hat nicht ausgereicht. Ich konnte sie nur verwunden. Doch du hast dich freigekämpft, hast den Draconiden gebändigt, mein Leben mehr als einmal gerettet und die ganze Organisation ausgeschaltet, um alle zu befreien. Warum fällt es dir so schwer zu sehen, dass du für diesen Erfolg allein verantwortlich bist?“

In Avens Stimme lag so viel Wohlwollen bei diesen Worten. Hatte er ihm das wirklich versprochen? Oder es zumindest vorgehabt? Ronus spürte eine vertraute Wärme in seiner Brust, die sich langsam breit machte. Aven hatte also gekämpft, um sich, um ihn, gegen Orukh und ihr abscheuliches Treiben. Hatte sie verwundet, trotz ihres Störsignals, und war dennoch nicht weit gekommen. Und Ronus hätte eigentlich gerne geglaubt, dass er in dieser Geschichte schließlich der Held war, der alles wieder ins Lot brachte. Derjenige, der alle gerettet hatte, mit noblen Absichten, mit edler Gesinnung, mit Herzensgüte und rechtschaffenen Motiven.

Doch tatsächlich hatten ihn vielmehr die Verzweiflung getrieben, die pure und rohe Angst, der Rache- und Blutdurst, die tief aus dem Feuer stammten und sein ganzes Denken erfüllt hatten… und dazu noch purer Egoismus. Irgendwo zwischen dem übermächtigen Zerfleischen aller Feinde und dem Sehnen danach, Aven wieder in seinen Armen zu halten, hatte er jegliches Heldentum längst abgelegt. Es war eigennützig und verzweifelt gewesen, aussichtslos im Grunde und purer Zufall, dass es überhaupt funktioniert hatte. Und außerdem…

„Es hat sich einfach nicht wie ein Sieg angefühlt.“

„Wie dann?“, fragte sein Partner leise. Ronus seufzte.

„Ich weiß nicht so genau. Als… wäre ich nicht ganz da. Alles hat nach Blut geschmeckt. Alles hat gebrannt.“ Aven hatte es doch gesehen, das Blutbad. Hatte gesehen, wie er gebrannt hatte und wie wenig er tatsächlich noch anwesend gewesen war.

„Und wie hätte es sich anfühlen sollen?“ In seiner Stimme lag kein Funke einer Wertung, was Ronus ein wenig überraschte. Er hätte angenommen, dass er zumindest ein wenig angewidert von seinem Zustand dort gewesen war. Doch jetzt, wo er es sagte…. Wie fühlte sich ein Sieg an? Welches Gefühl stellte sich normalerweise ein? Stolz? Freude? Aber doch nicht, wenn man so viel Blut an seinen Händen hatte.

„Keine Ahnung“, räumte Ronus schließlich ein, weil er einfach keine Antwort darauf fand.

„Nicht jeder Sieg fühlt sich gut an, Ronus. Manchmal fühlt man sich nicht wie ein Gewinner, selbst wenn man tut, was man tun muss, und dabei eine wichtige Entscheidung fällt – für sich selbst oder für andere. Aber du hast ohne Zweifel einen großen Schritt nach vorne gemacht, obwohl es ein harter Kampf war. Und dafür ich bin dir dankbar, glaub mir das. Ich denke, du hast das Richtige getan, auch wenn du noch daran zweifelst.“ Ronus‘ Arme schlangen sich noch fester um ihn, denn er wollte, dass Aven Recht hatte. Er wollte, dass alles Sinn ergab, dass er nicht umsonst all die Leichen hinter sich gelassen hatte. Er wollte, dass die Marrada Rhoga nie wieder zurückkehrte. Er wollte, dass es vorbei war.

„Lass uns schlafen, Ronus“, murmelte Aven irgendwann leise in sein Ohr und Ronus nickte. Sein Partner löste sich sanft aus der Umarmung und drehte sich auf die andere Seite, mit dem Rücken zu ihm, wie schon zuvor. Ronus schaltete die kleine Lampe aus und rutschte vorsichtig ein Stück näher. Es fiel ihm schwer zu schlafen, ohne Aven festzuhalten. Er hatte immer noch Angst, dass er ihm irgendwie entgleiten könnte, wie eine Illusion. Obwohl er doch hier an seiner Seite war.

Doch Aven hielt bereits seine Decke hoch, so als würde er ihn einladen, auch darunter zu schlüpfen und dieselbe Position wie zuvor einzunehmen. Ronus zog sie über sich und schlang seinen Arm um seinen Bauch. Den anderen schob er unter Avens Hals durch, was ihn nicht zu stören schien. Ronus drückte sich an ihn und hoffte, dass Aven nicht spürte, wie schnell sein Herz gerade schlug, denn seine Nähe ließ es in solchen Momenten immer noch rasen.

Irgendwann würde er mit ihm darüber reden.

Darüber, dass ihm dieser eine Blick des Abschieds mehr wehgetan hatte als all die Wunden und Narben an seinem Körper. Dass es ihm nicht schwergefallen war, alles und jeden zu töten, solange Aven dafür am Leben blieb. Dass die Welt ihm egal war, solange er hier mit ihm liegen konnte.

Dass in seinem Kopf und seinem Herzen nur noch Platz für Aven war.





____________________






Ein merkliches Zittern holte ihn aus dem Schlaf.

Er spürte schnellen, stoßweisen Atem an seinem Hals und angespannte Muskeln, die ihn mit starken Armen immer fester drückten. Ronus‘ Körper bebte hinter ihm und Aven fühlte förmlich, wie sich Panik in dem schlafenden Menschen ausbreitete. Ein Albtraum? Alarmiert versuchte Aven sich zu konzentrieren, doch er hatte immer noch kaum Energie für magische Techniken übrig. Er griff also zunächst nach Ronus‘ zitternder Hand, umschloss sie fest und sagte leise seinen Namen. Doch der Mensch reagierte nicht, bebte weiter und sein Körper verkrampfte immer mehr. Er musste ihn beruhigen, bevor er sich am Ende noch unbewusst verwandelte, schoss es Aven durch den Kopf. Zähneknirschend kratzte er ein wenig Kraft zusammen und breitete den dunklen Schleier seiner Seele über Ronus aus – ganz kurz nur, denn die Energie ging ihm rasch wieder aus.

Doch offenbar hatte diese kurze Welle der Finsternis ausgereicht, denn das Zittern ebbte ab, die groteske Anspannung fuhr aus seinen Muskeln und auch sein Atem wurde wieder ruhiger. Ronus drückte sich an ihn, schniefte leise und Aven spürte deutlich, dass warme Tränen seine Haut streiften. Eine Weile blieben sie still liegen, keiner sagte ein Wort. Aven hielt weiterhin seine Hand fest, doch er wusste nicht, was er sagen sollte. Mit weiteren Albträumen hatte er nicht gerechnet, jetzt wo Ronus sich doch mit seinem ewig wiederkehrenden Traumbild, der sterbenden Nyar, auseinandergesetzt hatte. Aber vermutlich stellte er sich die ganze Sache simpler vor, als sie tatsächlich war. Und im Grunde boten die Erlebnisse der letzten Wochen auch genug neue Ansätze für Ronus‘ Verstand sich albtraumhafte Bilder im Schlaf zusammenzubauen. Also hielt er einfach seine Hand, ließ sich von ihm umklammern und hoffte, dass es das ein bisschen leichter machte.

„Ich hab‘ das Gefühl, ich werde immer nur kaputter und kaputter“, murmelte Ronus irgendwann in die Stille und klang dabei unendlich resigniert. Aven atmete tief ein und aus, dann drehte er sich in seinen Armen langsam um, sodass er durch die Dunkelheit ihres Zimmers direkt in sein Gesicht blickte. Ronus‘ Augen waren gerötet und verloren sich irgendwo im Nichts, sein Blick betrübt und nachdenklich. Die Bahnen seiner Tränen konnte Aven immer noch in seinem Gesicht erkennen. „Ich bin mir nichtmal sicher, was ich noch glauben kann, Aven. Mein Verstand ist ein einziges Chaos, meine Erinnerungen sind verdammte Lügen… und das Feuer… es ist anders als je zuvor.“ Seine Stimme klang brüchig und so, so erschöpft.

Aven schlang vorsichtig seine Arme um ihn, darauf bedacht seinen verletzten Rücken nicht zu belasten, vervollständigte so ihre Pose und schloss jede Lücke zwischen ihnen. Er hatte nur am Rande mitbekommen, was Orukh gesagt hatte, über Ronus und die Nyar. Über ihre Geschichte. Doch er konnte sich vage entsinnen, dass sie wohl die Bilder in seinem Kopf manipuliert hatte, vielleicht auch die Gefühle, die er immer geglaubt hatte für sie zu haben. All diese Albträume – waren sie ihm wirklich eingepflanzt worden? War es wirklich so nahe dran an der unheimlichsten Kraft, die auch die Shircon ihr Eigen nannten? Jazut Razonon, der Blick in den Verstand, und in der perfektionierten Form nicht mehr und nicht weniger als heimtückische Gedankenmanipulation. Aven drückte ihn sanft und fragte schlicht: „Hast du wieder von ihr geträumt?“

Ein kalter Schauer schien durch Ronus zu jagen, denn seine Muskeln zitterten ein wenig. Dann ertönte ein Seufzen. „Nein, ich- Da war… Wir…“, setzte er an, doch er hielt inne und schien zu überlegen, wie er seinen Satz fortsetzen sollte. Aven fragte sich, ob dieses ‚wir‘ aus dem Albtraum ihn inkludierte, denn zusammen mit Ronus‘ erhöhtem Bedürfnis nach Nähe würde das durchaus Sinn machen. Irgendwann schüttelte der Mensch jedoch leicht seinen Kopf.

„Ich hab‘ sie getötet Aven. Und Orukh hat sie wieder zusammengeflickt“, flüsterte er die bitteren Worte direkt in sein Ohr, Reue und Bedauern ganz offen darin zu erkennen. „Meine Träume… das war alles ich selbst. Meine Erinnerungen waren nur erlogene Bilder, die mich stärker machen sollten. Nichts davon ist echt.“ Nach einer kurzen Pause fügte er noch hinzu: „Oder vielmehr… kann ich es einfach nicht mehr unterscheiden. Wie kann mein Kopf dermaßen hinüber sein? Wie kann ich die Lügen über Jahre hinweg nicht entlarven? Wieso hab‘ ich das alles als gegeben angenommen und nie hinterfragt?“ Die Verzweiflung in seinem Ton sorgte für ein tiefes Unwohlsein und aufwallende Sorge in Aven, doch der Mensch fuhr einfach fort: „Wie soll ich meinen Emotionen je wieder vertrauen?“

Aven fühlte sich ein wenig hilflos gegenüber all diesen Fragen, doch auch ein Hauch von Zorn wallte in ihm auf. Es machte ihn tatsächlich wütend, dass Amarra Orukh seinem Partner auch jetzt noch so sehr Schaden zufügte, dass er an seinem eigenen Vertand zweifelte. „Die Marrada Rhoga ist zerschlagen, Ronus. Du hast sie zerschlagen. Sie werden dir nie wieder im Kopf herumpfuschen, sie können dir nicht mehr weh tun“, antwortete er leise und versuchte seinen Zorn zu unterdrücken – immerhin wollte er ihn trösten. „All deine Erinnerungen gehören dir, und niemand wird sie jemals wieder antasten. All deine Gefühle sind deine eigenen, keine bloßen Mittel zum Zweck.“

Ronus verharrte an ihn gedrückt, hielt sich einfach an ihm fest und schwieg. Aven wusste nicht recht, ob ihn seine Worte tatsächlich überzeugt hatten, doch zumindest schien er sich wieder ein wenig zu beruhigen und zu fangen. Doch auch weiterhin hing eine nachdenkliche Stille zwischen ihnen und von ruhigem Schlaf war bei seinem Partner momentan noch nicht auszugehen. Dabei spürte Aven deutlich die Erschöpfung durch seinen Körper kriechen, wollte nichts lieber als einfach genau in dieser Position einzuschlafen… im weichen Bett, eingehüllt von Ronus‘ Wärme.



„Weißt du“, murmelte der Mensch irgendwann leise und fegte den Halbschlaf weg, der Avens Gedanken bereits erfasst hatte, „eigentlich war es schon immer ein wenig abstrakt – jetzt, wo ich darüber nachdenke.“

Er horchte verwirrt auf: „Was war abstrakt?“

Ronus zuckte ein wenig mit den Schultern, als er antwortete, doch seine Stimme klang wieder etwas gefestigter: „Ich hab‘ immer gedacht, ich hätte sie geliebt. Nein, ich wusste, dass ich Arlandria geliebt habe.“ Etwas in Aven zog sich zusammen, als der Name fiel und er diese Traumgestalt endlich benennen konnte. Es fühlte sich falsch an. „Aber ich hatte nie konkrete Erinnerungen daran oder irgendwelche Gründe dafür“, schloss Ronus seinen Gedanken daraufhin einfach ab.

„Braucht man dafür Gründe?“, stellte Aven gedankenlos die Frage in den Raum, noch bevor er richtig realisierte, was er da überhaupt gesagt hatte. Doch tatsächlich empfand er genau das, wenn er darüber nachdachte. „Ich bin mit dem Konzept nicht so vertraut“, schob er schnell eine Erklärung hinterher. Diese ganzen emotionalen Sachen kannte er größtenteils nur als Beobachter, sie hatten für ihn bisher nur selten eine Rolle gespielt. Vor allem Empfindungen wie Liebe waren für ihn nicht mehr als eine Anhäufung von irrationalen Gefühlen, die in etwas kumulierten, das ihm stets nur als Zair bekannt gewesen war. Starke und doch sehr fragile, praktisch unnachvollziehbare Bande zwischen unterschiedlichen Personen, die sie nicht selten ins Unglück trieben – auf die eine oder andere Weise.

„Natürlich braucht man dafür Gründe!“, warf Ronus ein und löste sich beinahe empört aus seiner klammernden Haltung. Er brachte genug Abstand zwischen sie, dass Aven ihm durch die Dunkelheit ins Gesicht schauen konnte, behielt seine Arme jedoch um ihn geschlungen. In seinem Ausdruck erkannte er deutlich, dass seine Gedanken rasten, und auf seinen Wangen machte er einen vertrauten Rotschimmer aus, den er schon lange nicht mehr gesehen hatte. „Es gibt sogar sehr viele Faktoren, die das alles beeinflussen“, fuhr er nachdrücklich fort, „immerhin mag man nicht einfach jeden, der einem über den Weg läuft.“ Aven schaute ihn einfach abwartend an, denn im Grunde hatte er damit durchaus einen validen Punkt genannt.

„Ich glaube, man liebt eigentlich nur Leute, die… die man gern um sich hat und denen man vertraut. Auf die man sich verlassen kann, die bereit sind, einem zu helfen und die auch mit einem lachen und einen wieder aufmuntern. Leute, zu denen man sich hingezogen fühlt und die man irgendwo auch bewundert“, erklärte Ronus nachdenklich und der rote Schimmer wurde in der Dunkelheit immer deutlicher. Aven hörte einfach zu und versuchte alles gedanklich einzuordnen, um sein Wissen entsprechend anzupassen.

„Und, wenn man so eine Person wirklich gern hat, dann will man sich auch selbst verbessern, für sie. Man will ihr gerecht werden und sie nicht zurückhalten oder ihr zur Last fallen, auch wenn es schwer ist, sich diesen Sachen zu stellen“, fügte er hinzu und seine Bernsteinaugen schienen sich irgendwo durch die Finsternis ihres Zimmers zu tasten. In Avens Magengrube jedoch stellte sich langsam ein seltsames Gefühl ein.

„Man will… Man will eigentlich immer in ihrer Nähe sein und sie niemals verlieren“, sagte Ronus dann und sein Blick schien mitten in Avens Augen zu treffen. „Man würde alles für diese Person tun, ganz egal was. Kämpfen, töten, sterben. Nur, um sie noch einmal lächeln zu sehen.“

Aven starrte einfach nur geradeaus, in seine Augen. Im Bernstein war ganz unverkennbar zu sehen, was diese ganze Erklärung zu bedeuten hatte, doch in seinem Kopf herrschte eine seltsam verzögerte Stille. Ihm war, als würden all die Fragmente, die er gerade gehört hatte, irgendwie auch Sinn ergeben. Als wären sie fehlende Puzzleteile, die sich irgendwo ganz perfekt einfügen würden – um aus einem großen Rätsel endlich einen Fakt zu machen, etwas Fassbares, etwas Vorstellbares. Aber er wusste im Moment weder, was das Rätsel war, noch was er sagen sollte. Ronus schien auf irgendeine Reaktion zu warten, er konnte sehen, wie sein Blick langsam unsicher wurde und er sich allmählich ungeduldig auf die Unterlippe biss.

„Ist das nicht… Freundschaft?“, erwiderte Aven schließlich und bereute die Worte im selben Augenblick – denn sein Partner zuckte zusammen, als hätte er unbedacht eine verwundete Stelle an seinem Körper erwischt und direkt hineingeschlagen. So plump und offensichtlich verletzend hatte er seine Verwirrung nicht äußern wollen, doch sein Verstand war ungewohnt überfordert und er hatte schlichtweg keine Ahnung, womit er es hier zu tun hatte. „Ich… kann das nicht ganz unterscheiden, denke ich“, fügte er noch hinzu, um die Aussage irgendwie zu retten, denn er wollte Ronus nicht noch einmal derartig treffen.

„Naja… Es ist schon ähnlich“, murmelte Ronus und wich seinem Blick aus, seine Stimme klang nun ein wenig angespannt. „Ich glaube, im Grunde ist es wahrscheinlich dasselbe. Freundschaft ist schon ziemlich gut. Aber Liebe… geht noch weiter, ist irgendwie stärker. Und anders. Liebe ist, wenn…“, erklärte er und hielt dann inne. Ronus schien um Worte zu ringen, was im Wesentlichen sehr gut illustrierte, warum auch Aven nicht ganz verstand, wo der Unterschied genau lag.

„Wenn man alles füreinander geben würde und sein Leben miteinander verbringen will, glaub ich. Macht das Sinn?“, fragte er und suchte ein wenig hilflos Avens Blick in der Dunkelheit.

Alles füreinander geben? Er hatte im Grunde schon einmal sein Leben für Ronus gegeben, mehr ging fast nicht. Wenn es sein musste, würde er es wohl jederzeit wieder tun. Und ebendieses Leben miteinander verbringen? Er versuchte sich vorzustellen, wie er ohne ihn weitermachen würde. Alleine, auf seinem Schiff, in der unendlichen Leere des Weltraums – ohne Ziel, ohne Sinn … ohne Ronus. Vielleicht… vielleicht wollte er wirklich sein Leben mit ihm verbringen. Im Grunde war alles, was er aufgezählt hatte, irgendwie wahr. Also traf seine wilde Definition zu? Wusste Ronus besser als er, was das hier alles war?

„Ich schätze, das ergibt schon Sinn, wenn du es so sagst“, antwortete er schließlich und seine Gedanken purzelten immer noch unbeholfen herum, versuchten sich einen Reim auf all das zu machen. Ronus‘ Augen wurden groß und der rote Schimmer auf seinen Wangen wurde noch eine Spur dunkler. „Ich habe keine Erfahrung mit sowas, in Shir gibt es kein Wort dafür. Aber was du erklärt hast, klingt schlüssig.“ Diese Aussage wiederum schien seine Stimmung ein wenig zu dämpfen, denn sein Ausdruck wurde nachdenklicher. Also fragte Aven einfach noch einmal plump nach: „Was denkst du denn? Was trifft auf uns zu?“

Ronus blinzelte ertappt und schaute dann verlegen zur Seite, während sein Körper sich ein wenig wand. „Das kann ich doch nicht für dich beantworten“, grummelte er und Aven machte sich insgeheim ein wenig Sorgen, da er dabei vollständig rot anzulaufen schien. So viel Blut unter seiner Haut konnte nicht mehr gesund sein. Doch dann kreuzte der Bernsteinblick seinen eigenen und Ronus stellte schlicht fest: „Ich mag dich, Aven. Schon länger. Und nicht nur als einen Freund. Sondern mehr. Anders.“

Aven hatte natürlich gewusst, worum ihr Gespräch schon die ganze Zeit tänzelte. Doch es nun so konkret zu hören, überforderte ihn gleich noch mehr. Und dass Ronus‘ Arme ihn immer noch umschlossen hielten, half auch nicht gerade dabei, einen klaren Gedanken zu fassen. Was sollte er darauf antworten? Konnte er überhaupt ehrlich darauf antworten? Er hatte bis eben nicht einmal gewusst, dass sie offenbar mit sehr unterschiedlichen Definitionen arbeiteten und worin überhaupt dieser arbiträre Unterschied zwischen dem ‚normalen‘ Mögen und dem offensichtlich ‚romantisch‘ gemeinten Mögen lag. Freundschaft, Liebe – diese ganzen Konzepte waren eine Erfindung der a’Nashim und für ihn einfach ein Sammelsurium an neuen, überbordend emotionalen Eindrücken, die er so nicht kannte. Alles was er mit Sicherheit wusste, war, dass er an Ronus‘ Seite gehörte. Dass er gerne bei ihm war. Dass er seine Wärme mochte. Dass er möglicherweise sein Leben mit ihm verbringen wollte, weil es viel besser war als allein zu sein. Und dass er sein Leben für ihn geben würde – noch einmal. Vielleicht…

„Es wär‘ nett, wenn du zumindest irgendetwas antworten würdest, Aven“, murmelte Ronus und riss ihn aus seinen kreisenden Gedanken. „Weißt du, es … es muss für dich nicht genauso sein. Das erwarte ich nicht, aber… ich schätze, ich wollte einfach nur, dass du’s weißt. Damit zumindest das keine Einbildung ist.“ Sein unsicherer Blick hatte etwas Verzweifeltes an sich und in Aven zog sich alles zusammen bei diesem Anblick.

„Ich-“, fing er an, doch verlor augenblicklich wieder den Faden. Was sollte er erwidern, wenn er nicht wusste, wie er sich fühlte? Er wollte nicht lügen. Er wollte auch nicht, dass sich etwas änderte – er wollte die Nähe zu Ronus nicht verlieren. Er wollte ihm nicht wehtun. „Ich glaube, ich… mag dich auch?“, sagte er und es kam ihm holprig über die Lippen, unfertig und fragend. „Verzeih, ich bin etwas überfordert“, fügte er schnell hinzu und versuchte sich Worte zurechtzulegen, die irgendwie erklären sollten, dass er über all das noch nachdenken musste. Vor allem, weil er nicht ganz begriff, was dieses Aussprechen einer solchen Zuneigung alles mit sich brachte. Welche Erwartungen waren daran geknüpft?

Was all dem aus seinem Erfahrungsschatz noch am nächsten kam, waren die Verbindungen der Querech’Yodez, so wie die seiner Eltern, doch diese hatten nur wenig mit Emotionen und mehr mit der Zeugung von Nachkommen zu tun. Und bei ihrer physisch recht ähnlichen Beschaffenheit bezweifelte Aven doch sehr, dass das für Ronus und ihn überhaupt im Rahmen des Möglichen lag, wonach sich also zwangsläufig alles eher um die Gefühle drehte. Auch ganz generell betrachtet, stellte ihn das alles vor eine seltsame Erkenntnis, denn er hatte sich bisher nie damit befasst, inwiefern er sich für Männer oder andere Geschlechter interessierte. Bislang war er sich in dieser Hinsicht eigentlich sicher gewesen, dass er sich für exakt niemanden sonderlich oder gar in irgendeiner weiterführenden Form interessierte. Und jetzt stellte Ronus mit ein paar Sätzen seine Welt auf den Kopf.

„Das, äh, klingt eigentlich ganz gut. Wenn… wenn du noch drüber nachdenken willst, ist das auch okay“, sagte Ronus irgendwann und erneut fühlte sich Aven seltsam ertappt dabei, dass er gedanklich völlig weggedriftet war. Ronus wirkte ein wenig aufgelöst, aber in einem positiven Sinne. Sein Gesicht war immer noch rot, seine Arme hatte er immer noch lose um ihn liegen. Verlegen fügte er noch etwas leiser hinzu: „Wobei ich eventuell einen Weg wüsste, wie du dir schneller sicher sein kannst.“

„Achja?“, fragte er und war ehrlich überrascht, dass es in dieser Hinsicht womöglich eine simple Lösung gab. Das klang untypisch für diese komplizierten Gefühlsangelegenheiten.

„Mhm… also wir… äh, könnten…“ – offenbar fielen ihm die Worte schwer – „uns küssen.“

Aven schaute ihn perplex an. „Küssen?“

Ronus nickte vorsichtig und wirkte angespannt.

Avens Kopf war wie leergefegt und alles, was noch herauskam war: „Warum?“

Daraufhin schien etwas in den Bernsteinaugen zu zerbrechen und Ronus wandte sich ab. „Ach, egal“, murmelte er und zog nun auch seine Arme weg von ihm. Aven verstand nicht, wie eine simple Frage sofort wieder so eine Reaktion erzeugen konnte. Er kannte sich doch einfach nur nicht aus, er wollte ihm doch nicht wieder und wieder wehtun. Warum war er nur so verdammt hilflos in dieser Konversation? Dort wo gerade noch Ronus‘ Arme geruht hatten, fühlte sich seine Haut kalt an und er hasste es.

„Warte, ich-“, fing er an, doch dann unterbrach er sich selbst und atmete noch einmal tief durch. Sein Partner wollte sich gerade wegdrehen und vermutlich unter seiner Decke verkriechen, doch er hielt noch einmal inne. Als würde er auf seine nächsten Worte warten… und hoffen. Das war alles so heillos überfordernd – irgendwann würde er sich dafür bei Ronus beschweren. „In Ordnung“, sagte er dann, betont entschlossen, obwohl sein Magen seltsam flau war, „küssen wir uns.“

Ronus drehte sich wieder zurück, schaute ihn an und wirkte unschlüssig. „Es muss nicht sein, Aven. Es war sowieso ein dummer Vorschlag. Du bist sicher müde und ich labere dich zu, erzähl dir diesen ganzen Mist und-“

„Tu es einfach, Ronus. Lenk nicht ab. Ich will es wissen.“ Vielleicht hatte es ein Spur zu hart geklungen, aber dieses ewige In-Ausreden-Reinstammeln war eine von Ronus‘ nervtötendsten Eigenschaften. Vor allem, wenn er doch eigentlich selbst größtes Interesse daran haben sollte, sich in dieser Angelegenheit nicht rauszureden.

„Sicher?“

„Ja. Du magst mich, ich mag dich, also machen wir es so, wie du vorgeschlagen hast.“

Ronus nickte überrascht und war einmal mehr bemerkenswert rot im Gesicht, doch er rutschte näher. Und er legte seine Arme wieder um Aven, brachte die Wärme zurück, die er ihm so abrupt entzogen hatte. „Ich weiß nicht, wie das geht“, flüsterte Aven ihm noch zu, weil er im Grunde auch davon keinerlei Ahnung hatte. Küsse waren nichts, womit er sich in seinem Leben üblicherweise befasste. Er wusste, dass dabei Lippen aufeinandertrafen, hatte es oft genug irgendwo gesehen. Aber wie ihm das den Unterschied zwischen den verschiedenen Arten des Mögens aufzeigen sollte, wusste er nicht. Also würde Ronus das einfach regeln müssen.

„Ich auch nicht. Aber kann ja nicht so schwierig sein“, flüsterte Ronus zurück und es klang, als wäre da ein kleines Lachen unter seinen Worten. Sein Körper kam näher, sein Gesicht war ganz knapp vor seinem und eine Hand hielt sanft Avens Kopf fest. Instinktiv machte er es ihm einfach nach und hielt Ronus fest. Der schloss seine Augen, und er tat es ihm gleich.

Und nur Sekunden später trafen Ronus‘ Lippen ganz sanft auf seine. Sie fühlten sich warm an, und erstaunlich weich. Aven war ein bisschen überwältigt davon, wie viel näher sich Ronus plötzlich anfühlte und wie sehr seine Wärme ihn einnahm. Eine so unscheinbare Berührung und doch-

Im nächsten Augenblick war es wieder vorbei.





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Ronus war so kurz davor zu explodieren.

Oder zu implodieren.

Auf jeden Fall war er verdammt nochmal kurz vor irgendetwas und alles in ihm fühlte sich an wie ein Feuerwerk. Er hatte nicht gedacht, so weit zu kommen. Klar, er hatte es sich vorgenommen all das mal anzusprechen – langfristig zumindest. Und ja, vielleicht hatte er schon seit geraumer Zeit gewusst, wie fürchterlich verliebt er eigentlich in Aven war und es war eigentlich höchste Zeit gewesen, ihm das auch mitzuteilen. Vor allem, weil sie alle paar Wochen fast draufgingen und er es bereut hätte, nichts zu sagen… Doch trotzdem war das alles höchst surreal.

Er hatte es ihm einfach gesagt, nachdem er ewig lang superpeinlich und richtig schlecht verschleiert über allerlei Gefühle lamentiert hatte, die er leider genauso kitschig wie erwähnt für ihn empfand. Bestimmt hatte er seine Scharade sofort durchschaut, wie immer. Doch ihm war ebenfalls nicht entgangen, wie perplex und überfordert Aven dabei gewesen war. Ronus erwartete nun auch nicht, dass es unbedingt auf Gegenseitigkeit beruhte – aber dennoch. Zumindest die vage Hoffnung war da, ansonsten hätte er wohl kaum so reagiert… auf eigentlich alles bisher.

Und jetzt explodierte er innerlich, wie ein verdammter Teenager.

Seine Lippen berührten die von Aven, da war diese unvergleichliche Nähe zwischen ihnen und ein Kribbeln in seinem ganzen Körper. Wäre die Welt, ja das ganze Universum in diesem Moment untergegangen – es hätte ihn nicht gekümmert. Alles jenseits von Aven und ihm hatte keinerlei Bedeutung mehr, seine gesamte Wahrnehmung zirkulierte nur mehr um diese kleine Berührung, die sein Herz schneller schlagen ließ.

Doch er wollte sein Glück nicht herausfordern und zog seinen Kopf nur kurz darauf wieder zurück. So sehr ihn das Gefühl dieses Kusses auch innerlich schweben ließ, er wollte nicht, dass Aven sich zu etwas zwang. Und auch, wenn er nicht unbedingt ablehnend reagiert hatte, bestand durchaus die Möglichkeit, dass er… nunja. Feststellte, dass er darauf keinen Bock hatte. Ronus versuchte das Kribbeln zurückzudrängen und einfach abzuwarten, was er dazu sagen würde, obwohl die Nervosität deutlich an seinen Nerven nagte.

Nur Zentimeter von ihm entfernt suchte er seinen Blick, doch in der Dunkelheit ihres Zimmers konnte er kaum seine Gesichtszüge ausmachen. Er spürte noch immer seinen ruhigen Atem über seine Haut streichen, doch erahnte nur vage, wo Avens Augen in etwa lagen und was sein Ausdruck wohl zeigte.

„Und?“, fragte er vorsichtig und war nicht sicher, ob er bereit für die Antwort war.

Zurück kam jedoch nur ein Rascheln, und er spürte wie Aven seinen Arm bewegte. Fasste er sich gerade an den Mund?

„Hm“, machte Aven dann. Ronus kniff irritiert die Augen zusammen. War das… gut? Oder nicht? Wieder einmal ließ sein Partner einige Zeit verstreichen, vermutlich war er wieder in Gedanken versunken. Generell wirkte er zwischen seinen Antworten beinahe schon abwesend, doch obwohl Ronus seine Müdigkeit stets im Hinterkopf behielt, kam es ihm diesmal nicht so vor, als wäre es nur der Erschöpfung geschuldet.

„Ich bin nicht sicher“, fuhr der a’Shir dann fort und Ronus spürte, wie sich sein Herz ein wenig zusammenzog. Denn insgeheim hatte er gehofft, dass- „Können wir das noch einmal machen?“

Ronus hielt den Atem an. Hatte er das richtig gehört? Oder spielte ihm sein Wunschdenken einen üblen Streich? Vermutlich hätte man diese Antwort in exakt diesem Wortlaut, nur leicht in der Intonation verändert auch getrost als einen Flirt auffassen können, doch dazu kannte er Aven zu gut – niemals würde er ihm auf diese Weise antworten, um zu vermitteln, dass er gerade erkannt hatte, dass er seine Gefühle voll und ganz erwiderte. Aber dann… warum wollte er es wiederholen? Sah er den Kuss als Experiment? Oder hat es ihm schlichtweg gefallen?

Verlegen und etwas durch den Wind antwortete er also ein schlichtes: „Ja, sicher.“ Und kam sich direkt ein bisschen dumm dabei vor, weil alleine die Erwartung sein Herz beben ließ.

Schon im nächsten Augenblick spürte er wieder Avens Lippen auf den seinen und wurde dadurch ganz plötzlich in die nächste Phase des innerlichen Feuerwerks geworfen. Doch niemals hätte er sich darüber beschwert, dass Aven nun selbst die Initiative ergriff. Instinktiv zog er ihn näher an sich heran, eine Hand ruhte in seinen Haaren, die andere umschloss seinen Oberkörper. Am liebsten hätte er den Abstand zwischen ihnen noch weiter verringert, jeden Millimeter Entfernung ausgelöscht… doch stattdessen begnügte er sich damit, sich mit geschlossenen Augen auf seine kühlen Lippen zu konzentrieren und einfach den Moment voll auszukosten.

Aven machte jedoch auch nach einigen endlosen Sekunden, die sie so verharrten, keine Anstalten, sich wieder von ihm zu entfernen und Ronus war doch ein wenig baff. Wartete sein Partner darauf, dass ihn irgendeine Erkenntnis ereilte? Oder mochte er tatsächlich einfach, wie es sich anfühlte? Kribbelte sein Körper auch so sehr? Spürte er, wie nahe sie sich waren? Und an irgendeinem Punkt zwischen diesen Gedanken konnte Ronus nicht verhindern, dass sich seine Lippen ein wenig öffneten – doch Aven tat es ihm gleich.

Ganz sanft und langsam, ganz vorsichtig und bedacht bewegten sie sich miteinander und irgendwann streifte seine Zunge die von Aven. Stück für Stück tasteten sie sich voran und Ronus löste sich förmlich darin auf. Es war ein gemeinsames Erkunden, bei dem keiner vorpreschte, ein langsamer Tanz, bei dem niemand atemlos wurde, ein ruhiger Zustand, in welchem man einfach nur zusammen existierte und jegliche Grenzen allmählich verwischten.

Aven zu küssen war kein Akt der Gier oder Unersättlichkeit. Es war nicht chaotisch, heißblütig oder animalisch.

Aven zu küssen war friedlich. Eine laue Sommernacht, eine ruhige Ewigkeit, sanft und mühelos, langsam und bedächtig.

Aven zu küssen war so schön, dass er sich darin verlor.

Ihm war, als hätten Zeit und Raum keine Bedeutung mehr. Als wären sie im Moment dieses Kusses das Zentrum allen Seins.





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Aven wusste nicht ganz, wie ihm geschah.

Er dachte nicht lange nach, ließ es einfach passieren und war endlos verwundert über die Ruhe, die es ihm brachte. So etwas hatte er noch nie verspürt, genau deswegen hatte er noch einmal wiederholen wollen. Wiederholen müssen, um sicher zu gehen. Ronus zu küssen fühlte sich so unendlich warm an, so friedlich und beinahe besinnlich. Avens Körper war nicht für solche Berührungen gemacht, da war er sich sicher.

Er hatte es auch nie gemocht berührt zu werden, ganz egal von wem. Denn er war für den Kampf gemacht, dafür, andere zu töten, Angriffe abzuwehren und Waffen zu schwingen – ja, selbst eine Waffe zu sein. Kraftvoll und schnell waren seine Bewegungen normalerweise, präzise und tödlich, damit keine fremde Berührung ihn je erreichen konnte. Doch jetzt waren sie langsam und träge, willentlich ließ er sich fallen in diese seltsame Innigkeit.

Ronus‘ Zunge tanzte mit seiner und seine Hand strich zärtlich durch sein Haar. Er drückte ihn an sich und hielt ihn fest, genau wie Aven auch seine Arme um ihn geschlungen hatte. Da war keinerlei Anstrengung zwischen ihnen, keine Anspannung in Ronus‘ Körper mehr, keine Angst in seinen Zügen. Friedlich und aufgelöst fühlte er sich an, dieser Kuss.

Und es war mit Leichtigkeit das Beste, was Aven je gespürt hatte.

Ja, vielleicht hatte Ronus Recht gehabt, denn der Kuss fühlte sich an wie eine Antwort auf seine Frage. Und all die Puzzleteile schienen in seinem Inneren in die richtigen Formen zu finden, sodass alles plötzlich greifbar und echt wurde. Vielleicht war es wirklich sowas wie Liebe, denn Ronus zu küssen fühlte sich gut an.

Ronus war der Einzige, dem er jemals so nahegekommen war. Der ihm jemals so nahegekommen war. Trotz aller Widrigkeiten, trotz aller Umstände, trotz der Narben auf Haut und Seele, trotz des Bluts an ihren Händen und Klingen. Trotz all der Gewalt in ihren Leben konnten sie etwas dermaßen Friedliches zusammen erleben, einen so sanften Moment teilen und sich völlig ineinander fallen lassen. Aven hatte nie wirklich geglaubt, dass solche Gefühle tatsächlich für ihn möglich waren, hatte nie gedacht, dass sie sich als wahr erweisen würden – all diese Geschichten über die Bindungen der a’Nashim. Doch im Grunde war er ihm längst verfallen. Er war bereit alles für ihn zu geben, jederzeit.

Denn an seiner Seite hatte er einen Sinn gefunden und in seiner Umarmung fühlte er sich lebendiger als je zuvor. Jeder Moment der Nähe, jede Umarmung, jede sanfte Bekundung der Zuneigung gab seinem Leben mehr Bedeutung als jeder Krieg, als jede geschlagene Schlacht, als jeder ausgeführte Befehl.

Und Aven wollte und brauchte diese Berührungen. Unter Ronus‘ Fingern fing seine Haut an zu prickeln, er wollte diese Wärme immerzu um und an sich spüren. Zwischen dem Kuss und ihren ineinander verschlungenen Körpern, wanderten seine Gedanken langsam davon und Aven erkannte, wie unglaublich weit weg er war – von der Kälte, die ihn umfangen hatte. Von dem Mann, der er einst gewesen war. Vom Leben eines Shircon.

Denn heute, hier, in diesem Moment war sein Herz voll und seine Seele bebte, er konnte endlich wieder alles fühlen. Oder zumindest mehr als je zuvor. Vielleicht war es das, was Ronus meinte.

Dieses unheimliche Sehnen nach seiner Nähe und Wärme.

Diese Erleichterung, wenn er ihn friedlich lächeln sah.

Ja, vielleicht war das ‚Liebe‘.



Wie lange ihr Kuss schon ging, konnte er mittlerweile nicht mehr genau sagen, doch allmählich fühlte er, wie der Schlaf sich in seine Gedanken schlich und Ronus schien es ebenfalls zu bemerken. Irgendwann löste der Mensch sich vorsichtig aus dem Kuss und strich Aven ganz sanft mit seiner Hand über sein Gesicht.

„Du solltest schlafen, Prinz“, flüsterte er und Aven nickte andeutungsweise. Seine Augen noch einmal zu öffnen war ohnehin viel zu anstrengend im Moment.

Er spürte, wie sich Ronus‘ Stirn an die seine drückte und seine Hand vorsichtig mit seinen Haaren spielte.

Ja, vielleicht… vielleicht war das Liebe, wenn er ruhig einschlafen konnte neben ihm.

„Ich bin mir jetzt sicher“, flüsterte er noch, bevor der Schlaf ihn endgültig packte.

Ronus hielt kurz inne, dann drückte er ihm noch einen dritten, ganz kurzen Kuss auf seinen Mund.

„Ich auch“, sagte er daraufhin und Aven musste ein bisschen lächeln.







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I know you've suffered
But I don't want you to hide
It's cold and loveless
I won't let you be denied
Soothing, I'll make you feel pure
Trust me, you can be sure

I want to reconcile the violence in your heart
I want to recognize your beauty's not just a mask
I want to exorcise the demons from your past
I want to satisfy the undisclosed desires in your heart


Undisclosed Desires – Muse


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Anmerkungen:
HOLY MOLY. Das war ein langer, steiniger Weg (über 200.000 Wörter, um genau zu sein) bis zu diesem Punkt und ich bebe innerlich immer noch, weil wir es endlich hierher geschafft haben! *schielt auf die slow burn Warnung im ersten Kapitel*
Ich hoffe jedenfalls euch hat’s auch gefallen, dass die beiden endlich Mal anfangen sich auszuschnapsen, was genau das jetzt zwischen ihnen ist :D
Der gute Ronus wusste zwar schon länger, wie es um sein Gefühlsleben steht… aber jetzt, wo er sich nach der ganzen furchtbaren Zeit bei der Marrada Rhoga endlich getraut hat, es Aven zu sagen, ist dieser plötzlich damit konfrontiert, dass Liebe doch eigentlich immer nur eine Erfindung der a’Nashim war. Tja, offenbar dann wohl doch nicht. Höhö.

Dabei bleibt es aber nicht, Fortress geht noch ein gutes Stück weiter – immerhin ist eine Beziehung nicht einfach mit einer umfassenden (und sehr Ronus-zentrischen) Definition von „Was ist eigentlich Liebe?" und dem ersten Kuss „fertig“. Nein, nein. Bis zum Happy End haben wir noch ein paar Wörtchen mehr und die Jungs müssen noch einige weitere Hürden überwinden. ;D

Ich freu mich jedenfalls, wenn ihr an Bord bleibt! <3 Man liest sich~

Achja, übrigens: Es gibt jetzt auch eine Playlist mit allen Kapiteltiteln (und darin auch einen Ausblick auf die nächsten Lieder) auf Spotify: Link zum Fortress-Soundtrack. Hört gern mal rein!
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