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Fortress

von RADP
GeschichteSci-Fi, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
04.01.2018
17.05.2021
25
238.522
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27.03.2021 9.049
 
Kapitel 21 – The Vampyre of Time and Memory




Ihm war, als läge ein Nebel über seinem Verstand, der alles einhüllte. Jeder Gedanke, jede Empfindung, jede Wahrnehmung – alles war getrübt und verschwommen. Nicht einmal die Schmerzen und die Erschöpfung, die seinen Körper im Griff hatten, spürte er besonders deutlich. Sie glichen einem seltsamen Nachhall einer lang vergangenen Anstrengung, genau so seltsam entrückt wie die Welt um ihn herum.

Aven setzte sich langsam auf, lehnte sich an die Wand und blickte sich träge um.

Er befand sich in einem kleinen, weißen Raum. Die Helligkeit störte seine Augen, doch auch dieser Eindruck war gedämpft und irgendwie nichtig. Er kniff sie ein wenig zusammen und sein Blick wanderte weiter. Auf der linken Seite schien sich eine Art Schlafstätte zu befinden, die sich nahtlos ins Weiß einfügte. Auf der rechten Seite befand sich eine kleine Hygiene-Nische. Nach vorne hin war der Raum von einer durchsichtigen Wand begrenzt, dahinter war ein Korridor zu erkennen.

Warum war er hier? In seinem Kopf herrschte eine merkwürdige Stille, eine Ebbe an Gedanken. Da war kein Prickeln, keine Dringlichkeit. Nur ein schwacher Impuls, dass er etwas Wichtiges nicht bedachte.

Er griff sich irritiert an die Schläfe. So etwas war schon einmal passiert, oder? Er spürte die kühle Haut unter seinen Fingern und zuckte zusammen. Seine Maske war nicht da. Er tastete ungläubig seinen Kopf ab. Keine Maske. Keine Kapuze. Er sah an sich hinunter, der schwarze Anzug war noch da, seine Schwerter nicht. Er griff zu seiner Mitte. Seine Seele war da, fühlte sich an wie immer. Die zwei Löcher der herausgebrochenen Stücke und das reingeritzte Kreuz der Ehre machten die Oberfläche zu einer Trümmerlandschaft, doch das gehörte so. Das war normal. Oder?

Warum war dann alles so falsch?

Warum konnte er nicht gut denken?

Warum wusste er nicht, wo er war?

Sein Blick schnellte wieder hoch und er schaute sich um. Dieser Raum… er hatte keine Tür, keine Fenster. Seine Ausrüstung war verschwunden und er konnte nicht weg. Das war eine Zelle. Aber wie…?

Aven fasste sich wieder an die Schläfe. Warum funktionierte sein Gehirn nicht? Da war keine Wunde, kein klaffendes Loch, aus dem sein Blut lief. Generell war sein Körper bis auf kleinere Blessuren unversehrt, und selbst diese spürte er nicht richtig. Was war hier los? Er konnte doch eindeutig zuordnen, wer er war – und doch entglitt ihm fast alles andere. Er spürte, dass alles noch da war, er war sich sicher. Doch es war, als würde ihm jeder vernünftige Gedanke entfliehen und zurück blieb nur eine ekelhafte Ahnungslosigkeit und das verwirrende Gefühl, dass er etwas Wichtiges vergessen hatte.

Er bemerkte, dass jemand vor der unsichtbaren Wand seiner Zelle aufgetaucht war. Er hatte niemanden kommen gespürt. Er spürte überhaupt nichts, zumindest nicht so wie sonst. Als hätte ihm jemand eine Augenbinde auf seine Seele gezogen und seinen Körper in eine träge Masse verwandelt. Sein Blick wandte sich der Person zu, die in einem weißen Labormantel keine drei Meter entfernt vor ihm stand und ihn aus der Distanz betrachtete. Sie hatte einen fahlen Hautton, mehrere Augenpaare und einen stechenden Blick. Ihr kantiges, vage reptilienartiges Gesicht war von stacheligen Auswüchsen begrenzt und zwei lange Hautlappen fielen ihr wie Haare über die Schultern herab. Aven kam es vor, als hätte er die Person schonmal gesehen. Alles in ihm sträubte sich, doch sein Körper war schlapp und sein Geist war es auch. Mehr als einfach nur hinzuschauen schaffte er nicht.

„Beachtlich, dass du schon wieder wach bist, Schatten“, sagte die Person schließlich.

Aven blieb still.

Ein interessierter Ausdruck machte sich in ihrem Gesicht breit. „Wie fühlst du dich, Schatten?“, fragte sie und hob ihren Arm an, um einen kleinen Holoschirm auf ihrem Handgelenk erscheinen zu lassen.

Aven wusste keine Antwort, denn er fühlte außerordentlich wenig, abgesehen von Verwirrung über seine Lage. Er antwortete nicht.

„Nun“, setzte die Gestalt vor der Zelle ungerührt fort und las offenbar etwas von ihrem Schirm ab, „vielleicht ist der Störfaktor doch noch etwas zu hoch eingestellt, wenn du gar keine Reaktionen zeigst.“ Sie tippte mit ihren langen, dürren Fingern auf dem Schirm herum.

Und nur Augenblicke später blinzelte Aven verwirrt, als sich der Nebel etwas lichtete und eine Flut an Schmerzen und Gedanken ihn überrollte. Unwillkürlich drückte er seine Hände gegen seine Schläfen, als könnte er das Chaos in seinem Kopf damit irgendwie bändigen. Seine Konzentration war immer noch schwach, der Nebel nicht ganz verzogen, doch zumindest war der Zugriff auf sein Denken zurück.

„Interessant, wirklich spannend“, murmelte die Person und er zuckte zusammen. Amarra Orukh. Er blickte auf und sah sie an. Das war Amarra Orukh. Er war in ihrer Basis und Ronus war weg. Verdammt. Alles war schiefgelaufen, und er saß als Gefangener vor Amarra Orukh. Was zur Hölle machte sie mit seinem Kopf? Sie erwiderte seinen Blick und lächelte nur. „Ist es nicht faszinierend, Schatten? Zu sehen, wie sich die Natur eines jeden Wesens bändigen lässt, und selbst die größten Stärken gleichzeitig die größten Schwachpunkte sind?“

„Was … was ist das? Was geschieht mit mir?“, fragte Aven und konnte in seiner Stimme nicht verbergen, wie konfus und erbärmlich hilflos er gerade war. Er sollte schweigen, nichts preisgeben, nicht kooperieren. Nicht mit dieser Frau, nicht nach allem, was geschehen war… doch er konnte nicht anders. Seine Disziplin war gebrochen, sein Partner und seine Einheit weg, er war gefangen und selbst sein Kopf war aus irgendeinem Grund in ihrer Gewalt. Vielleicht konnte er wenigstens irgendeine Antwort bekommen, irgendeinen Anhaltspunkt, wie er weitermachen sollte.

Das Lächeln der Vryrrakh wurde breiter und entblößte eine Reihe spitzer Zähne.

„Ich kenne die Philosophie deines Volkes, Schatten, und ich weiß, was euch ausmacht“, sagte sie und zeichnete mit ihrem Finger einen imaginären Kristall in die Mitte ihrer Brust. Dann verschränkte sie beide Arme hinter ihrem Rücken und begann langsam vor der Zelle auf und ab zu gehen. „Ich studiere schon lange alle möglichen Ansätze des Zusammenspiels von Energie und Materie in diesem Universum. Und die a’Shir zeigen so eindrucksvoll, welche Form der Kontrolle man mit einer gut trainierten ätherischen Essenz über die Welt ausüben kann. Schattenwandeln, Gedankenkontrolle, Schwerter, die nur dem Träger desselben Kristalls gehorchen, und mehr. Wirklich beachtlich! Ganz außerordentlich, zu welchen Höhenflügen euch diese Kontrolle über Energie und Materie befähigt.“

Dann blieb sie stehen und wandte sich wieder ihm zu. „Und um das zu erreichen, brechen sie euch. Brechen den Körper, den Geist und die Seele, um alles neu zu formen und zu verbessern. Die Shircon und die Hierophanten sind der Ausdruck dieser Perfektion. Der Wille, diese Besten der Besten zu solch überlegenen Wesen zu formen, selbst, wenn es die meisten nicht überleben… es ist außerordentlich, was dein Volk vollbringt. Eine wahre Inspiration für meine Arbeit hier, schon immer“, erläuterte sie mit einem ehrlichen Lächeln und Aven wurde schlecht.

„Es ist Wahnsinn“, entgegnete er bloß und dachte zurück an das Zerreißen seiner Seele. An all die verlorenen Jahre, die sinnlose Leere in ihm und das Blut an seinen Händen. „Es ist grausamer Wahnsinn, mehr nicht.“

Die Vryrrakh fing an zu lachen. „Wahnsinn? Aber nicht doch, Shircon. Siehst du nicht die Macht, die du in deiner Mitte trägst? Ein Wink deines Fingers, ein gezielter Gedanke genügt, und deine Feinde können vor ihrem Tod nicht einmal mehr erzittern. Eine perfekte Waffe, gestählt und gehärtet, tödlich und ohne jeden Skrupel.“

„Das bin ich nicht“, platzte es ihm schwach heraus und er spürte, dass er seine Hände zu Fäusten geballt hatte. Er hätte schweigen sollen, anstatt sich so blamabel diesen blanken Emotionen hinzugeben, doch Preqiirs Worte geisterten durch seinen Kopf und der leichte Nebel in seinen Gedanken ließ einige Filter versagen. „So bin ich nicht mehr.“ Amarras Blick durchbohrte ihn förmlich und innerlich bebte er, verärgert darüber, dass ihre Worte ihn so dermaßen aus dem Konzept brachten.

„Ach, bitte. Ich habe beobachtet, wie du durch die Gänge dieses Schiffs gezogen bist, Schatten. Deine Schneise der Verwüstung war genauso groß, wenn nicht sogar größer als die von D-41. Doch du bist beherrscht dabei, und taktisch. So präzise und tödlich, ohne jedes Zögern – ein wahrer Soldat! Du bist perfekt“, erklärte sie und ihre Augen ließen nicht von ihm ab. „Fast perfekt“, fügte sie dann noch süffisant hinzu.

Aven starrte sie unverhohlen an.

„Denn die Wahrheit ist, dass die Natur nicht perfekt ist. Sogar die großartigen Shircon haben Schwächen. Und selbst, wenn sich einige trainieren lassen, seien es Ausdauer, Technik oder bloße Willensstärke, bleiben andere doch zur Gänze erhalten. Oft ist exakt die größte Stärke die größte Schwäche, das hat mich schon immer amüsiert“, erklärte sie weiter und dann zeigte sie mit ihren Fingern erneut auf ihre Brust, dahin, wo sich an Aven sein Kristall befand.

Er blickte an sich hinunter und fasste instinktiv danach.

„So eine starke Seele, die so fest an den Körper gebunden ist, hat eine ganz eigene Weise, wie sie mit der Umwelt interagiert. Eine ganz eigene… Frequenz, wenn man so will. Bei den meisten anderen Wesen verhindert die von euch so verachtete Fleischlichkeit, dass man ungehindert darauf zugreifen kann – glaub mir, Schatten, das habe ich auch leidvoll feststellen müssen über die Jahre. Doch eine offen zugängliche Seele, die bloßgestellt und so konzentriert ist? So wie es für dich leicht ist, damit deine Umwelt zu beeinflussen, so kann man umgekehrt auch deine Essenz beeinflussen. Und so mächtig ihr seid, so anfällig seid ihr auch.“

Aven entglitten vermutlich gerade seine Gesichtszüge, denn die Vryrrakh lachte erneut auf. Sie… konnte seine Seele beeinflussen? Einfach so? War sein Kopf deshalb wie in Watte gehüllt? Welche Art der Magie war das? Woher wusste sie von der Beschaffenheit seiner Seele? Wie konnte das sein?

„Die Kunst an der Wissenschaft ist unter anderem, dass man auch die Schwächen im eigenen Versuchsaufbau erkennt, ansonsten kann man seine Fehler nicht verbessern und scheitert womöglich an den trivialsten Variablen. Es scheint, als müssten die Hierophanten da noch einmal ihre Grundidee überdenken, meinst du nicht auch, Schatten?“, fragte sie unverblümt und tippte wieder etwas auf ihren Holoschirm.

Wie versteinert saß Aven da, und obwohl seine Gedanken eigentlich rasen sollten, fühlte sich langsam alles wieder ziemlich belanglos an.

Sie schenkte ihm noch einmal ein breites Lächeln. „Nun, es freut mich jedenfalls, so ein außerordentlich talentiertes Exemplar eines Shircons hier an Bord zu haben. Ich bin überzeugt, dass du uns mit unserer Forschung entscheidend weiterhelfen wirst, denn wie du bestimmt schon weißt, arbeitet die Marrada Rhoga stets an neuen Methoden, um die Kontrolle über Energie und Materie sicherzustellen und das Potential unserer Experimente voll auszuschöpfen.“

Alles in Aven schrie danach, noch etwas zu sagen oder zu tun, doch in seinem Kopf herrschte wieder Nebel und alles verblasste allmählich.

„Und gerade, wenn es um den heimgekehrten D-41 geht, können wir neue Ansätze gut gebrauchen. Er war schon immer zu Großem bestimmt, doch leider ein instabiler Störenfried. Vielleicht können wir ihn diesmal erfolgreicher optimieren“, sagte sie noch und wandte sich zum Gehen um.

Bevor sein Verstand sich völlig verabschiedete, brachte er zu seiner eigenen Überraschung noch etwas heraus: „Gib ihn zurück.“ Ronus, sie durfte ihm nicht wieder weh tun. Er brannte schon so lange.

Orukh hielt inne und betrachtete ihn noch einmal eindringlich.

„Du missverstehst die Situation, Schatten. Ich habe ihn jetzt nach Jahren wiederbekommen. Er gehört mir, er hat schon immer mir gehört.“ Ihr Blick war kalt und ihre Stimme ebenfalls. „Ich werde ihn nach meinem Willen formen und einsetzen. Genau wie den Rest eurer jämmerlichen Truppe.“

Dann verschwand sie im Korridor und ließ ihn allein mit seinem benebelten Kopf.

Aven schloss seine Augen und spürte unglaublich wenig.

Doch er wusste, dass ihm etwas fehlte.

Oder jemand.





____________________






Das Gefühl der rieselnden Asche verging nicht.

Er war ausgebrannt und in völliger Finsternis gefangen. Nicht einmal die zahlreichen Wunden brannten auf seiner Haut oder in seinem Fleisch. Notdürftig zusammengeflickt, wie schon hunderte, tausende Male zuvor, prangten sie auf seinem Körper und machten ihn zum weithin sichtbaren Zeichen seines eigenen Versagens. Überall geborstene Knochen und zerfledderte Muskeln, und doch waren sie nahezu nichts im Vergleich zu dem schwelenden Haufen Asche, der von seinem Geist übrig war. Sein Blick führte permanent ins Nichts, während in seinem Inneren nichts außer schrecklichen Bildern und Schuldgefühlen wie Flutwellen über ihn hereinstürzten.

Dass sie immer noch an seinem Körper herumflickten, schnitten und nähten, spürte er kaum. Ronus war völlig taub vor Schmerzen, blieb auf dem Tisch liegen und blickte einfach nach oben. Es gab nichts zu sehen oder zu hören. Er wusste auch nicht, wie viel Zeit vergangen war. Er wusste überhaupt nichts. Und er wünschte sich nichts mehr, als auch noch den Rest seines Verstands zu verlieren. Dann würde wenigstens die unendliche Last auf seinen Schultern keine Namen und Gesichter mehr haben, dann würden all die Erinnerungen an bessere Zeiten nicht als Mahnmal seiner Naivität an ihm zehren.

Wie hatte er jemals glauben können, nicht irgendwann genau so zu enden? Wieder hier, in ihrem Labor, auf ihrem Operationstisch. Sie hatte ihn erschaffen, hatte dieses Monster aus ihm gemacht, und sie würde es zu Ende bringen. Bis zur Perfektion oder zu seinem Tod. Wie hatte er je denken können, dass es anders sein könnte? Dass er irgendwohin mit irgendwem sogar wegfliegen könnte? War er überhaupt jemals wirklich von hier weggewesen?

Hatte es in seinem Kopf wirklich jemals anders ausgesehen? War da jemals mehr gewesen als ein Haufen Asche und triste Gedankenscherben?

Lachanx war nicht mehr als ein weit entfernter Fiebertraum.

Nochmal in Avens Augen zu schauen nur ein Wunsch, eine lachhafte Fantasie.

Das Einzige, was er jetzt noch sehen konnte, waren ihre Augen. Ihre tiefen, violetten Augen, die ihn einst als Einziges noch am Leben gehalten haben. Arlandria. Er hatte sie sterben sehen, vor langer Zeit. Und jede Nacht danach. Er hatte sie laufen, kämpfen und sterben sehen, so viele Male. Hatte den Schrei gehört, der ihm durch Mark und Bein gefahren war, der sich so schrill in jeden Winkel seines Verstandes gebohrt hatte. Er hatte das Knacken gehört, als ihr Genick brach, und zugesehen, wie ihr ganzer Körper einfach leblos einknickte. Immer und immer wieder. Immer dieselbe Szene, immer dasselbe Ende. Sie starb und starb und starb, in seinen Träumen, in seinen Gedanken, in seiner Erinnerung. Sie war gestorben und er hatte sie geliebt. Oder etwa nicht?

Heute hatte Arlandria nur mehr ein Auge, so tief und violett und voller Hass. Sie war am Leben, oder zumindest das, was von noch ihr übrig war. Er hatte sie sterben sehen, vor so vielen Jahren, doch sie war einfach wieder vor ihm aufgetaucht, an Orukhs Seite. Mit mechanischen Körperteilen und so vielen Narben. Mehr noch, als er selbst hatte. Sie hatte nichts gesagt, doch ihr Anblick alleine hatte sowieso ausgereicht. Sein Körper hatte einfach aufgegeben, sein Geist auch. Denn alles, was schon so lange hinter ihm lag, stand wieder vor ihm, als wäre es nie weg gewesen.

Vielleicht war er wirklich nie weggewesen. Vielleicht war es einfach ein weiterer Trick, eine Spielerei in seinem Gehirn, um ihn effektiver zu machen, zu optimieren. Vielleicht hatte man ihm dieses ganze Abenteuer simuliert. Vielleicht war Arlandria niemals gestorben, vielleicht war der Schrei nur Einbildung, genau wie … wie… die Schwerter. Und das schwarze Blut. Die dunklen Augen. Das angedeutete Lächeln.

Etwas in ihm zog sich zusammen, trotz seines tauben Körpers und seines kraftlosen Geistes.

Nein.

Aven war keine Einbildung.

Sie hatten seinen reglosen Körper von ihm weggezogen, und er hatte hilflos zugesehen, auch wenn es sein Herz zerrissen hatte. Er hatte ihn nicht retten können, letztes Mal nicht und dieses Mal auch nicht. Alles was er tat, alles was er versuchte, es war immer vergeblich. Er war so nah dran gewesen, Aven hatte ihn direkt zu ihr gebracht und dennoch hatte er versagt. Alle hatten sich auf ihn verlassen und er hatte versagt. Aneka, Seikei, Keromi, Narubia, Eon… und vor allem Aven. Sie alle hatte er enttäuscht, im Stich gelassen und damit verdammt. Er hatte sie direkt in die Fänge der Marrada Rhoga manövriert. Orukh würde sie alle zerlegen. Orukh würde auch Aven…

Ronus schloss seine Augen, als ihm ein Gefühl tiefer Bitternis die Brust abschnürte. Das alles hier, dieses Wrack, das von ihm übrig war – er würde es ohne jeden Blick zurück in Kauf nehmen, wenn er dafür wenigstens Aven diese Hölle erspart hätte. Wenn zumindest er entkommen wäre, würde er getrost jede Strafe annehmen, jede Pein aushalten, jeden letzten freien Gedanken aufgeben. Er hatte es sowieso verdient. Doch so, wie die Lage war, musste er es dennoch tun, in dem Wissen, dass er auch das Leben seines Partners verwirkt hatte. Das Leben seines Prinzen. Das Leben der einzigen Person, die ihm wirklich etwas bedeutete.

Er sah sein Gesicht so klar vor sich, seine weiße Haut umrahmt von feinem, dunklen Haar. Seine blassen Lippen regten sich nicht, seine Augen lagen wie schwarze Löcher in seinem Antlitz und starrten ihn unnachgiebig an. Ronus wollte etwas sagen, sich entschuldigen, noch einmal mit ihm reden, doch nichts passierte. Alles in seinem Kopf wurde Asche. Rieselnde, feine Asche.

Es war kaum noch etwas von ihm übrig, und der traumlose Ascheregen zermalmte den Rest in die Unkenntlichkeit der Finsternis.





____________________






Aven nahm nur am Rande wahr, was wirklich geschah.

Man hatte ihn in einen anderen Raum gebracht, der ebenfalls weiß und zu hell war. Mehrere Personen wuselten um ihn herum, führten irgendwelche Messungen durch und unterhielten sich, während er benebelt und an die Wand gelehnt auf dem Boden saß. Sein Blick schweifte ziellos herum, sammelte wahllos Eindrücke, ohne jeglichen Fokus. Links waren ein paar andere Leute hinter durchsichtigen Scheiben. Sie trugen weiße Labormäntel, lasen Daten von Holoschirmen ab und sprachen miteinander. Aven fragte sich, wo seine weißen Mäntel waren. Waren sie noch ganz? Klebte Blut daran? Sein Blick wanderte ungerichtet weiter, die Gedanken verliefen im Nichts. Die andere Seite des Raums, in dem er sich befand, war ebenfalls durch eine durchsichtige Scheibe abgetrennt. Dort saß niemand. Warum war diese Kammer aufgeteilt? Und was sollte er hier tun?

„-ist geklärt. Wir ziehen uns zurück!“

In die Leute um ihn herum kam Bewegung. Sie gingen nach links weg, wo sich eine unscheinbare Tür öffnete und hinter ihnen wieder schloss, dann tauchten sie bei den Mantelträgern auf. Eine große Frau ergriff das Wort, und es erklang von überall: „Bringt sie rein!“

Auf der anderen Seite des Raums öffnete sich nun auch eine Tür, eine Person trug etwas Dunkles auf ihren Armen herein und legte es in der Mitte des Raums ab, bevor sie wieder verschwand. Sein loser Blick blieb an dem länglichen, schwarzen Etwas hängen. Das waren … seine Schwerter. Seine beiden Waffen, so nah bei ihm.

„Lass uns sehen, was du kannst, Shircon. Vielleicht gelingt dir ja sogar die Flucht“, ertönte erneut die Stimme, mit einem höhnischen Unterton.

Die Watte in seinem Kopf machte es schwer, sich auf irgendetwas zu konzentrieren. Er konnte kaum zuordnen, was überhaupt los war. Was sollte er mit den Schwertern tun? Was passierte hier?  Verwirrt wanderte sein Blick zu den Leuten hinter dem Glas. Die Frau, die gesprochen hatte, starrte ihn an. Er mochte ihren Ausdruck nicht. Irgendetwas an ihr wirkte so verdorben und bösartig, dass er lieber wieder wegschaute. Zurück zu seinen Schwertern. Lange, gerade Klingen aus schwarzem Zelavrit, rasiermesserscharf geschliffen, hart und nahezu unzerstörbar. Tödlich. Nutzlos. Er wollte sie schweben lassen, aber alles in ihm fühlte sich matschig und lasch an.

Eine gefühlte Ewigkeit saß er einfach nur da und schaute sie an. Was tat er sonst immer mit den Schwertern? Wie bewegte er sich damit? Er versuchte irgendeine triftige Erinnerung zu erhaschen, doch der Nebel ließ jeden kohärenten Gedanken entgleiten… Bis nach einer Weile erste Fetzen seines Gedächtnisses wieder verfügbar waren. Nach und nach, ohne Ankündigung oder irgendein Signal, fühlte es sich so an, als würde sein Verstand langsam hochfahren. Er erinnerte sich allmählich an die Geschehnisse und daran, was die skrupellose Forscherin ihm erzählt hatte. Als Aven bewusst wurde, in welcher Lage er sich befand, blieb er einfach sitzen und starrte weiterhin so leer wie möglich in den Raum – doch seine Gedanken fingen an zu rasen.

Orukh testete vermutlich, wozu er fähig war und bis zu welchem Punkt ihn ihre seltsame Störmagie beeinträchtigte. Seine Schwerter waren durch die Glaswand von ihm getrennt, die Wissenschaftler in ihren weißen Kitteln beobachteten von links beide Teile des Raums, ebenfalls durch eine dicke Scheibe geschützt. Was wusste er noch über die Situation? Er beließ seinen Blick stur nach vorne gerichtet, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. An seinen Armen und seiner Schläfe fühlte er etwas – Sensoren womöglich? Natürlich, sie warteten ab und sammelten Daten, studierten sein Verhalten, während sie die Dosierung änderten. Sie wollten wissen, ab wann er fähig war, seine Seelenmagie wieder einzusetzen. Avens Blick ruhte immer noch auf seinen Schwertern. Wenn er zu lange vortäuschte, sie nicht bewegen zu können, würden sie sein Zögern durchschauen. Doch Orukh erwartete, dass er versuchen würde zu fliehen – sie hatte es selbst gesagt. Ahnte sie auch, dass er taktisch vorgehen würde? Genau dafür hatte sie ihn zuvor gelobt, mit ihren ekelhaften Worten. Es war eine riskante, unsichere Situation. Zu viele Variablen waren unklar.

Aven atmete tief ein und aus. Angenommen er hätte Erfolg und könnte diesen Raum verlassen, was sollte er tun? Wie weit würde er kommen, bevor sie ihn stoppten? Seine Kräfte waren dezimiert, sein Körper erschöpft, der Ursprung der störenden Frequenz nicht bekannt. Noch spürte seine Seele kaum etwas, schwächlich dümpelte sie vor sich hin. Diese Leute hatten ein Mittel gefunden, um ihn völlig außer Gefecht zu setzen. Um einen ausgebildeten Shircon komplett lahmzulegen. Er sah sich dieser Bedrohung gegenüber, wusste nicht, wo er war, hatte weder seine Maske noch den Rest seiner Ausrüstung – und selbst, wenn er seine Einheit finden sollte, wusste er nicht, in welchem Zustand sie waren und wohin sie fliehen sollten. Mehr als auf Hilfe von außen zu warten machte keinen Sinn, doch ob diese Hilfe je kommen würde, war fraglich. Orukh hatte die Basis ein Schiff genannt, vielleicht waren sie schon längst ganz woanders. Er wusste außerdem nicht, was mit dem restlichen Einsatzkommando und den Flotten von Prahont und Iskonia überhaupt passiert war, womöglich waren sie ebenfalls in eine Falle getappt. Und sie selbst waren hier in dieser fremden Basis gestrandet, gemeinsam mit unzähligen anderen Mitgliedern und Soldaten ihres Einsatztrupps, ohne jede Verbindung nach draußen. Ohne jede Verbindung zueinander.

Aven spürte etwas in sich aufwallen, dass er so nicht kannte. Zermürbend und seinen Atem abschnürend. Lag das auch an dieser Störmagie? An dem nebligen Gefühl in seinem Verstand? Alles schien so hoffnungslos, dass er seine Augen schloss und seufzte. Nicht einmal sein analytisches Denken machte noch Sinn. Sein Leben lang hatte er sich in tristen Situationen wiedergefunden – auf die eine oder die andere Weise. Doch in so einer aussichtslosen Sackgasse hatte er sich noch nie befunden. Wenn er wenigstens für eine vernünftige Sache gefallen wäre…

Er ließ seinen Kopf zurückfallen, lehnte ihn resigniert an die Wand. Seine Gedanken wanderten zu Ronus. Er sah sein Gesicht vor seinem geistigen Auge, der Ausdruck irgendwo zwischen einem schelmischen Grinsen und tränenüberströmter Verzweiflung. Jetzt, wo seine Gedanken langsam aufklarten und die Ausweglosigkeit ihn lahmlegte, nahm er sich die Freiheit heraus, sich daran zu erinnern. An den Zirkus an Gesichtsausdrücken, den er immer aufführte. An die Wärme, die sein Lächeln ausstrahlte. An die Umarmungen, die so häufig jeden Abstand zwischen ihnen zunichtemachten. An seine holprigen, ehrlichen Worte, die so oft etwas in ihm auslösten. An den traurigen Ausdruck, der sich manchmal in seine Bernsteinaugen schlich – auch, wenn er glaubte ihn zu verbergen. Wie ging es ihm wohl? Hatte sich jemand um seine Verletzungen gekümmert? War er jetzt auch in so einem Raum? … Gab er sich selbst die Schuld, so wie er es immer tat? Sein ganzes Leben hatte er in diesen Laboren zugebracht, umgeben von diesen Leuten, von … ihr. Amarra Orukh. Sie hatte ihn wieder in seiner Gewalt. Aven hatte Mühe nicht zusammenzuzucken, als er das realisierte. All die Narben auf Ronus‘ Haut, all die Wunden seiner Seele, das Feuer in ihm, das drohte ihn aufzufressen…

Es dauerte nur einen Augenblick, dann hatte er seine Entscheidung gefällt. Die Lage war aussichtlos, doch vielleicht konnte er wenigstens eine einzige Sache vollbringen, bevor sie ihn wieder komplett sedierten – oder er für eine vernünftige Sache sein Leben ließ. Aven streckte testweise seine Seele aus, fühlte durch den Raum und merkte zufrieden, dass seine Wahrnehmung wieder vorhanden war. Er spürte die Anwesenheit der Forscherinnen und Wissenschaftler, er spürte Orukhs Seele deutlich in dem Zimmer hinter der dicken Glaswand. Und er spürte seine Schwerter. Seine Energie war begrenzt und würde ihn vermutlich nicht weit bringen, doch das Risiko war er bereit einzugehen.

Sie würden nicht wissen, wie ihnen geschah.

Sein Name war nicht umsonst ii’Do’Ziidur gewesen.

Ohne die Augen nochmal zu öffnen, rief er sie herbei in diesem viel zu hellen Raum – die Dunkelheit aus seiner Mitte. Und er ließ sich in die finstere Zwischenwelt fallen, tauchte ein ins Zwielicht. Durch die schmalen Ritzen und Spalten fand er blitzschnell und problemlos einen Weg in die andere Hälfte des Raums, mit einem einzigen Griff zog er auch seine Klingen in die Schatten. Dann stürzte er als zerflossene Essenz durch die kaum sichtbare Türöffnung hinein in das Kontrollzentrum – wo er wie in Zeitlupe die überraschten Reaktionen der Forscher wahrnahm. Eine von ihnen war im Begriff einen roten Schalter zu drücken, er jagte seine Klinge in die Welt des Lichts und durchschnitt ihren Arm, das andere Schwert rammte er in die Elektronik, wo prompt erste Funken flogen. Er tauchte wieder vollständig ab und wandte sich den Bruchteil einer Sekunde später Orukh zu – sie tippte auf ihrem Holoschirm am Handgelenk herum, deutlich gelassener als ihre Kolleginnen. Hatte sie etwa eine Schutzvorrichtung an sich? Durch das Zwielicht tauchte er näher und spürte tatsächlich eine Art Barriere. Er versuchte hindurchzugleiten, doch das Energiefeld zehrte an seinen Kräften als wäre er ungeschützt vor einen Scheinwerfer getreten. Wie gleißendes Sonnenlicht brannte ihr Mechanismus gegen seine Finsternis – als wüsste sie genau, was er vorhatte.

Aven verlor seine Energie deutlich schneller als ihm lieb war, er war kurz davor wieder aufzutauchen – da kam ihm plötzlich die rettende Idee. Er musste nicht durch die Barriere, nur eines seiner Schwerter. Sofort schickte der das Bruchstück seiner Seele los und tatsächlich konnte er es auch in dieser Ebene der Dunkelheit noch unabhängig steuern. Als es einen Augenblick später die Energiebarriere durchdrang, kostete ihn das die letzten Kraftreserven und er wurde völlig matt und erschöpft aus den Schatten geworfen. Doch während er mitten im Kontrollraum in die Knie ging, sah er noch, wie seine schwarze Klinge aus dem Schutzschild der Vryrrakh ragte. Die Spitze steckte in ihrer Brust und sie fluchte in einer ihm unbekannten Sprache, während ihr Blut langsam an ihr heruntertropfte. Grelles Rot landete auf dem weißen Boden.

Er spürte, wie ihn mehrere Projektile trafen – vermutlich zur Betäubung. Doch das war egal.

Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen, ob dieses banalen Racheakts.

„Das ist für Ronus“, murmelte er noch, bevor er zu Boden ging.

Er hoffte, sein Partner würde davon hören.





____________________






Er saß in seiner Ecke, wie immer.

Zusammengerollt, die Arme um seine Knie gelegt und den Kopf halb an die Wand gelehnt. Sein Blick verlor sich ungerichtet irgendwo in der Mitte des Zimmers und sein Kopf fühlte sich leer und trist an. Auf seinen Schultern lag etwas Schweres, das nicht mehr verging. Das Feuer war nur mehr ein Flackern, jämmerlich und schon fast erstickt von der Schuld, die ihn erdrückte. Wo es sich sonst an seiner Wut und Angst satt fraß, war jetzt nur mehr Leere. Hoffnungslosigkeit. Asche.

Ronus wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, doch er ahnte, dass es eine Weile her sein musste, seit er hier gelandet war. Die meisten seiner Wunden waren nach der Behandlung bereits zu neuen, frischen Narben geworden, die seinen Körper immer weiter verschandelten. Auch seine Tabletten hatte er schon lange nicht mehr genommen, sein Kopf fühlte sich an wie Matsch. Doch das war mittlerweile auch egal. Er trug das Halsband, das sie ihm angelegt hatten, saß in seiner Ecke und wartete auf nichts, genau wie damals. Manchmal brachten sie Essen, langweiligen, geschmacklosen Schleim. Er aß ihn auf und setzte sich wieder hin. Genau wie damals. Manchmal holten sie ihn und brachten ihn in einen Trainingstraum. Er tat, was sie ihm sagten, bis er wieder zurückgebracht wurde. Genau wie damals. Manchmal hatte er noch Albträume, aber er konnte sich nie erinnern, was passierte, und sein Kopf blieb immer leer. Genau wie damals.

Das Einzige, was anders war als damals, war das tonnenschwere Gewicht auf seinen Schultern. Und die Tatsache, dass ihm in manchen hoffnungslosen Momenten Erinnerungen hochkamen, die er vehement zurückdrängte. Zurückdrängen musste. Er zwang sich, nicht daran zu denken. Nicht an diese Zeit zu denken. Nicht an seine Freiheit zu denken. Nicht an… ihn zu denken. Denn er hatte nicht einmal mehr Tränen übrig, um den Verlust zu beweinen. Nur mehr Asche.

Und so saß er in der Ecke und wartete.

Ein Häufchen Asche.

Irgendwann öffnete sich erneut die Tür, sie holten ihn ab, zwei Personen in weißen Mänteln. Er stand auf und folgte ihnen bereitwillig. Ronus wusste längst, dass Widerstand zwecklos war. Durch die langen, tristen Gänge manövrierten sie ihn, vermutlich, um wieder irgendein Training zu absolvieren, oder einen Versuch zu machen. Er dachte nicht viel darüber nach, es war jedes Mal das gleiche. Am Ende tat ihm oft alles weh, darauf stellte er sich auch jetzt ein und mehr musste er nicht wissen.

Nach endlosen Minuten blieben die zwei Mantelträger stehen und öffneten eine große Tür am Ende eines Korridors. Sie betraten den Raum dahinter und Ronus erkannte ihn sofort wieder. Sein Kopf war immer noch leer, doch sein Magen geriet in Unruhe. Hinter ihm verschloss sich die Tür wieder, als er im Zwischenraum stand und resigniert das große, schwer gesicherte Tor vor sich anschaute. Es war nicht dasselbe, immerhin war die alte Basis von der Concordia zerstört worden… dennoch sah es genauso aus wie damals. Er fühlte sich in der Zeit zurückversetzt.

Einer der Männer öffnete es am Aktivierungspanel und nur langsam lösten sich all die Sicherheitsverriegelungen. Durch die sich öffnenden Platten des Tors erspähte er die allzu bekannte Halle dahinter, und für den Bruchteil einer Sekunde war ihm, als erstrahlte sie nicht in einem makellosen Weiß, sondern tiefrot in Blut getränkt. Doch nachdem er geblinzelt hatte, war davon nichts zu erkennen. Die Männer bedeuteten ihm, hineinzugehen, also machte er ein paar Schritte nach vorne und blieb knapp hinter dem Tor stehen.

Ronus war kotzübel, als sein Blick durch die leere Halle schweifte. Weißer Boden, weiße Wände, weiße Decke. Makellos sauber und steril. Eine dicke Glasscheibe befand sich auf der rechten Seite, dahinter bestimmt immer noch die Forscher der Marrada Rhoga und ihre Geräte. Er war oft hier gewesen. Viel zu oft. Er hatte in einer solchen Halle Blut vergossen. Auch sein eigenes. Sein Magen revoltierte merklich und er atmete tief ein und aus, um ihn irgendwie in Zaum zu halten, während einer der Männer gerade das Halsband abnahm.

Sie mussten es immer abnehmen… für die Kämpfe.

Die beiden Männer verschwanden wieder durch das große Tor, welches sich mit einem leisen Geräusch wieder verschloss, und ließen ihn allein hier zurück.

Ronus‘ Körper wurde zunehmend unruhig, während schemenhaft Szenen aus der Vergangenheit vor seinen Augen tanzten und sein Atem sich beschleunigte. Er spürte deutlich, wie ihm die Situation entglitt-

„Willkommen zurück, D-41.“

Ronus zuckte zusammen, erstarrte und wagte nicht, hinüberzusehen, zur Quelle der Stimme, die in der Halle ertönte. Er wusste, dass er sie hinter der Scheibe sehen würde, mit ihrem ekelhaften Lächeln und ihrem niederträchtigen Blick.

„Wie ich an deinen Vitalwerten ablese, erkennst du alles wieder, hm? Erfreulich, denn das bedeutet, dass du mit dem Prozedere immer noch vertraut bist.“

Orukh klang zufrieden und er wollte kotzen. Doch er sagte nichts, ballte die Fäuste und starrte einfach geradeaus. Natürlich hatte er dieses „Prozedere“ nicht vergessen. Niemand konnte so etwas vergessen. Es hatte sich eingebrannt und ihn zermürbt, jahrelang.

„Du hast mir zwar in eurem vergeblichen Versuch, das Schiff zu verwüsten, gezeigt, dass du dich immer noch verwandeln und kämpfen kannst, doch die Resultate waren nicht unbedingt zufriedenstellend. Ich hätte mir etwas mehr erwartet, aber ich hätte mir auch denken können, dass dich diese Stiefellecker der Volun verweichlichen und ausbremsen würden. Und trotzdem haben sie dich behalten und als Waffe benutzt, ist es nicht faszinierend? Heldenhaft befreit und wieder zum Eigentum gemacht. Nun denn, D-41, eines kann ich dir versichern: Du gehörst nach wie vor mir und ich weiß dein Potential zu schätzen. Und natürlich werden wir es voll ausschöpfen.“

Er schloss seine Augen und hatte größte Mühe, sich nicht zu übergeben. Alles in ihm revoltierte, ihm war schwindelig und schlecht, seine Knie fühlten sich an wie Butter und sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Lachanx hatte sich zwar teilweise angefühlt wie ein Gefängnis, aber… es war kein Vergleich. Innerlich schalt er sich bei ihren Worten dafür, jemals gedacht zu haben, dass er es dort schlechter hatte.

„Also, um noch einmal auf deine enttäuschende Leistung zurückzukommen: Du bist immer noch völlig instinktgesteuert und übermäßig zerstörerisch vorgegangen, wobei auch dein eigener Körper nicht ausgenommen war. Mit dieser Vorgehensweise bist du in einem taktischen Manöver unbrauchbar, doch meine Klienten erwarten von ihren hochwertigen Waffen genau diese Kompetenz – taktisches Vorgehen. Da euer Versuch im Vergleich zu den restlichen Truppen an Bord dennoch beachtlich war, habe ich logischerweise den Grund analysiert. Größtenteils hattet ihr das Vorankommen eurer kleinen Kampftruppe dem taktischen Denken und Handeln eines qualifizierten und erfahrenen a’Shir-Soldaten zu verdanken.“

Etwas in Ronus zog sich schmerzhaft zusammen, doch es war nicht sein Magen.

„Vielleicht kann dich seine Anwesenheit zu einem überlegteren Vorgehen animieren“, erklärte Orukh weiter.

Ronus‘ Blick wanderte wie von selbst hinüber, wo er ihn hinter der Glasscheibe erspähte. Aven. Es fühlte sich an, als würde sein ganzes Inneres absacken, doch auch wenn der Anblick mehr schmerzte als alles andere, war er unendlich froh ihn zu sehen. Er wirkte zwar wohlauf, doch war an eine Art Stuhl gefesselt, seine Arme und Beine unbeweglich festgeschnürt und um seinen Hals erkannte er ein dunkelgraues Band. Eine Vorrichtung, um ihn unter Kontrolle zu halten? Seine Ausrüstung war nirgendwo zu sehen, selbst die Maske hatten sie ihm weggenommen und sein empfindliches Gesicht ungeschützt lassen. Avens Augen wirkten leer, er blickte ihn nicht einmal an und Ronus spürte, wie das Gewicht auf seinen Schultern noch schwerer wurde.

„Wie ich sehe, liegt dir etwas an dem widerspenstigen Schatten“, hörte er Orukh sagen und Ronus wünschte sich, er wäre einmal in seinem Leben nicht so ein verdammter Vollidiot gewesen. Natürlich würde sie ausnutzen, dass er ihm etwas bedeutete. Sie würde Aven das Leben zur Hölle machen, um ihn damit zum Gehorsam zu zwingen. Und weil Ronus nie gut genug war, würde er endlose Qualen leiden. Unwillig wandte er seine Augen von seinem Partner ab und ihr zu.

Doch… Orukh schaute gar nicht ihn an, denn ihr ungewöhnlich giftiger Blick haftete an Aven. Ronus wurde stutzig, doch dann fuhr sie einfach fort: „Er wird dir jedenfalls heute zusehen, also enttäusche ihn besser nicht – wo er doch so viel für dich aufgegeben hat. Vielleicht kannst du dir ja von seinem überlegenen taktischen Können das Eine oder Andere aneignen, denn in diesem Kampf wirst du es brauchen.“ Und damit wandte sie sich wieder Ronus zu und ihr eiskalter Ausdruck fuhr ihm durch Mark und Bein.

Auf der anderen Seite der Halle erhaschte dann eine Bewegung seine Aufmerksamkeit und er sah, wie sich das große, gegenüberliegende Tor öffnete. Gemeinsam mit zwei Mantelträgern betrat eine kleine Gestalt den Raum und Ronus spürte deutlich, wie sein Herz stehen blieb und seine Knie weich wurden.

Arlandria.





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Avens ganzer Körper war wie betäubt, seine Gedanken kaum mehr als eine graue, formlose Suppe. Festgebunden an irgendeine seltsame Vorrichtung, damit er nicht in sich zusammensackte, wurde er in einen hellen Raum voller weiß gekleideter Personen und zahlreichen Gerätschaften und Monitoren gebracht. Sie stellten ihn direkt vor einem großen Fenster ab und sein zielloser Blick glitt hinunter in eine weitläufige Halle.

Dort stand jemand, ein Stückchen entfernt, und bei seinem Anblick schlich sich ein seltsames Gefühl durch seinen Körper. Ein vages Kribbeln, ein amorphes Prickeln, eine Ahnung in Form eines unstrukturierten Schauers erfasste ihn und Aven konnte nicht zuordnen, ob es echt oder eingebildet war. Denn sein Körper war kraftlos und sediert, und sein Kopf war desorientiert und benebelt. Immer wieder entglitt ihm sein Blick und verlief ins Nichts, doch das seltsame Gefühl blieb bestehen.

Die Worte, welche die große Person neben ihm sprach, konnte er zwar vernehmen, doch sie sickerten wirkungslos durch seine Gehörgänge und blieben nicht hängen. Alles war viel zu wackelig und konfus, er konnte keine Bedeutung ausmachen. Nur den Ton, der unzufrieden und ungeduldig wirkte. Gehässig auch. Im Augenwinkel erkannte er, dass sich der Mann unten ein wenig bewegte, er drehte sich um und Aven spürte seinen Blick auf sich. Das Gefühl in seinem Körper wurde stärker. Irgendwas Seltsames passierte mit ihm. Doch seine Gedanken blieben verschwommen und sinnlos, seine Augen gehorchten ihm nicht und schauten einfach irgendwo ins Leere.

Doch mit einem Mal lichtete sich der Nebel ein wenig und er blinzelte perplex.

Ronus!

Das war Ronus, der da unten stand. Er war am Leben! Sein Blick heftete sich sofort an ihn, doch etwas Großes schob sich augenblicklich vor ihn und blockierte die Sicht hinunter. Ein weißer Mantel.

„Shircon“, zischte Amarra Orukh und zwang seinen Blick nach oben. „Als Belohnung für deine… nennen wir es ‚Anstrengungen‘ bei unserer letzten Begegnung darfst du heute zusehen, wie D-41 dort weitermacht, wo er einst aufgehört hat. Und dabei sollst du natürlich schon etwas mitbekommen, nicht wahr? Es wäre kaum sinnvoll, dich weiter dämmern zu lassen, bei dem Spektakel, das nun folgen wird.“

Avens Körper spannte sich merklich an, als er ihr kaltes, bösartiges Lächeln sah, doch er hatte nicht annähernd genug Kraft, um ihr noch einmal irgendetwas entgegenzusetzen. Er hatte sie zwar verwunden können, doch offenbar hatte er dabei die vitalen Punkte verfehlt. Strategisch könnte seine Lage nicht schlechter sein, denn sie würde ihn nicht mehr unterschätzen. Sie hatte ihn betäubt, so stark, dass er kaum noch bei Sinnen war. Sein Zeitgefühl, sein Verstand, seine Seele, seine Magie, ja, sein ganzer Körper – unerreichbar und nutzlos. Selbst jetzt war er machtlos, nur gerade anwesend genug, um zuzusehen, wie Ronus zum Kämpfen gezwungen wurde. „Grausam“, presste er mühevoll heraus und sein Hals schmerzte dabei.

„Grausam? Dass ich nicht lache. Du solltest dich glücklich schätzen, an dieser Forschung beteiligt zu sein. Weißt du, was ‚Marrada Rhoga‘ bedeutet, Schatten?“, fragte sie ihn garstig lächelnd.

Aven antwortete nicht, sein Blick blieb hart und unnachgiebig.

„Es bedeutet ‚Unentdeckte Straßen‘. Denn wir suchen Wege, die nie zuvor jemand gegangen ist. Und diese Wege zu gehen erfordert Mut und Hingabe, und auch Opfer. Damit wir das große Ganze besser verstehen und nutzbar machen können, braucht es Opferbereitschaft und Visionen – nicht die lästigen Einschränkungen, die andere glauben uns aufzwängen zu müssen.“ Sie beäugte ihn kritisch und schnaubte amüsiert. „So etwas sollte dir bekannt vorkommen, denn auch den a’Shir wird nachgesagt, sie seien böse und unmoralisch. Doch die Moral der Geflügelten ist nicht das Maß aller Dinge, auch wenn sie das selbst natürlich glauben.“ Aven wollte etwas erwidern, ihr sagen, dass sie es sich zu einfach machte und manche Dinge unumstößlich falsch waren, doch Orukh sprach einfach weiter, ohne auf eine Antwort zu warten.

„Nun denn, dann wollen wir mal, die Kämpfer sind bereit“, sagte sie bloß und trat zur Seite. Avens Blick richtete sich sofort wieder auf Ronus, der unten in der Halle wie versteinert dastand. Er schaute starr geradeaus und Aven erkannte, dass dort eine zweite Person aufgetaucht war. Sie wirkte relativ klein und zierlich, fast etwas verloren in dem weitläufigen, weißen Saal. Aven konnte nur schwer Details ausmachen, doch ihre violetten Haare ließen augenblicklich alle Alarmglocken in seinem Inneren schrillen. Das … das war sie. Das musste sie sein. Die Frau aus Ronus‘ Träumen. Die Frau, die gestorben ist.

„Ich nehme an, du erinnerst dich noch an E-387. Sie hat noch eine Rechnung mit dir offen, seit eurer letzten Auseinandersetzung“, erklärte Orukh faktisch und ihre Stimme erklang durch Lautsprecher auch unten. Sie öffnete einen kleinen Holoschirm vor sich, auf dem sie herumtippte. Aven sah, wie Ronus geradezu zitterte und bebte – der Anblick alleine musste ihm unvorstellbar zusetzen. Er musterte sie erneut, versuchte sich die Bilder vor Augen zu rufen. Die Nyar sah anders aus als in den Visionen und Träumen, hatte anscheinend fast die ganze linke Hälfte ihres Körpers verloren und durch künstliche Teile ersetzt bekommen. Und wenn man von Orukhs Worten ausging, hatte so ein Kampf zwischen ihnen schon einmal stattgefunden… War sein Traum etwa-

„Ich würde dir raten, dich zu verwandeln, D-41. Der Kampf beginnt jetzt.“

Noch während die Worte erklangen, setzte sich die Nyar in Bewegung. Sie rannte durch die riesige Halle schnurstracks auf Ronus zu und erst jetzt erkannte Aven die lange Klinge an ihrem linken Arm. Alles in ihm zog sich zusammen, denn Ronus bewegte sich nicht – keinen Millimeter. Wie angewurzelt blieb er stehen, während das Experiment mit tödlicher Präzision und hoher Geschwindigkeit auf ihn zueilte. Wie gelähmt wartete er einfach darauf.

„Ronus“, entkam seiner trockenen Kehle als ein halberstickter Laut und plötzlich schnellte Ronus‘ Kopf zu ihm und ein verzweifelter, haltloser Blick aus seinen Bernsteinaugen durchbohrte ihn förmlich. Aven wusste nicht, wann er das letzte Mal so eine tiefsitzende Angst verspürt hatte – vielleicht noch nie. Nicht in dieser Form. Eine Angst, die ihm den Atem abschnürte und selbst in seinem benebelten Kopf Gedanken an den schlimmstmöglichen Ausgang auslöste. Er erinnerte sich vage an das Gefühl in der steinernen Kammer im Tempel des Do’Laq, wo er umgeben von zigtausenden Kristallsplittern auf seinen reglosen Körper gestarrt und ein Loch tief in sich gespürt hatte.

„Wehr dich“, hauchte er kraftlos, denn er wusste genau, dass er es nicht ertragen konnte, ihm hilflos gefesselt beim Sterben zuzusehen.

Sekundenbruchteile später kniff Aven verzweifelt die Augen zusammen, als die Nyar Ronus erreichte.





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„Ronus.“

Es war nicht mehr als ein Keuchen, das ihn aus seiner Starre riss. Sein Blick schnellte hinauf zu dem Fenster, dorthin, wo hinter einer dicken Scheibe Aven saß und ihn ansah. Er war wieder wach, schaute ihn an. Doch da war etwas in seinen Augen, dass er so noch nie gesehen hatte. In der tiefen Schwärze, in der endlosen Finsternis wallte so viel Sorge und Verzweiflung, so viel Hilflosigkeit, so viel… Angst. Ohne seine Maske, gefesselt und vermutlich durch ihre fürchterliche Maschine betäubt, saß er da und konnte nicht mehr tun, als über Orukhs Lautsprecher etwas zu sagen. Und dennoch tat er etwas, sandte seine Worte, um ihn zu retten, als wären sie Magie. Sein Partner. Sein dunkler Prinz.

„Wehr dich.“

Ein Flüstern nur, doch etwas in Ronus sprang darauf an. Etwas in ihm flammte auf und erfasste jede Faser seines Seins. Er ließ sich fallen – seinen Körper und seinen Geist. Und während er rückwärts zu Boden fiel und eine lange Metallklinge knapp über ihn hinwegfegte, tobte ein Sturm aus Worten und Erinnerungen durch ihn, steckte ihn in Brand und all seine Instinkte setzten ein. Das Feuer war zurück und brannte lichterloh, schärfte seine Sinne, gab ihm Klauen und Zähne, lange Hörner, riesige Flügel, einen stachelbesetzten Schwanz und unermessliche Kraft.

Seinen Fall verwandelte er in eine Ausweichrolle, als sie erneut nach ihm schlug und ihre Klinge ganz nah an sein Gesicht brachte. Ronus‘ scharfe Augen erfassten jede Bewegung, mit Leichtigkeit wich er ihren blitzschnellen Hieben aus. Ihre Paraden waren schnell und präzise, doch seine Reflexe ließen ihn wie von selbst ihren Angriffen entkommen. Als sie zu viel Schwung in einen Schlag legte und dadurch kurz ihre Deckung vernachlässigte, machte er eine schnelle Drehung und trat sie in die Seite ihres Torsos, sodass sie einige Meter zurücktaumelte.

Sie hielt inne, raffte sich auf und ihr violettes Auge starrte ihn hasserfüllt an – für einen Moment glaubte er, beißenden Rauch zu riechen und ihren erstickten Schrei zu hören. Doch im nächsten Augenblick war sie erneut direkt vor ihm und versuchte ihm die Klinge durch den Leib zu jagen. Ronus sprang zurück und wich wieder aus, dann machte er schließlich einen großen Satz und breitete seine Flügel aus, erhob sich in die Lüfte. Er brauchte Abstand zu ihrer Klinge… und irgendeinen Plan.

„Das ist ein Kampf, keine Ausweichübung“, hörte er Orukhs Stimme streng über die Lautsprecher verkünden und nur Sekunden später ertönte ein lautes, dumpfes Geräusch über ihm. Er wandte den Blick nach oben und sah, wie ein gewaltiges, feinmaschiges Gitter aus der Decke herunterkam. Ronus biss die Zähne zusammen und fluchte innerlich, während er langsam tiefer sank. Dann suchte er den Hallenboden ab und erkannte, dass Arlandria bereits auf ihn zustürmte. Ihr lila Haar wehte wild hinter ihr her und ihr Körper wirkte immer noch so zerbrechlich, selbst mit den Narben und künstlichen Teilen. Doch ihr Blick war eisern und zerfressen von Hass. Und alles in Ronus sträubte sich dagegen, sich ihr überhaupt zu nähern. Er wollte ihr nicht wehtun. Zu deutlich hatte er sie vor Augen, gehetzt und leblos, zu deutlich hallte alles in ihm wider, ihr Schrei und das laute Knacken. Sie war gestorben und er hatte zugesehen. Warum war sie am Leben? Warum war sie immer noch hier? Warum…

Sein Blick schweifte hinüber zur Scheibe, wo Aven immer noch als Orukhs Gefangener ausharrte und ihn aus seinen tiefen, schwarzen Augen beobachtete. Nur seinetwegen waren sie überhaupt hier. Nur seinetwegen war Aven an diesem furchtbaren Ort, gefangen und hilflos. Alle, die ihm etwas bedeuteten, endeten in einer so fürchterlichen Lage. Alle, die ihm etwas bedeuteten, starben, lebten weiter, starben noch einmal. Sie litten und litten und litten, und er konnte nur zusehen. Alle, die ihm etwas bedeuteten, scheiterten irgendwann an ihm. Früher … oder später. Er spürte so deutlich wie nie das Gewicht auf seinen Schultern, das drohte ihn zu erdrücken.

Als das Gitter näherkam, landete Ronus schließlich wieder und fuhr seine Klauen aus, machte sich bereit für das Aufeinandertreffen. Doch obwohl das Feuer lichterloh brannte, waren seine Gedanken mürbe und zerstreut. So viele Bilder tanzten vor seinen Augen, so viele Gefühle rangen in ihm um Kontrolle. Er sah sie sterben. In den Fängen eines dunklen Wesens. In einem Piratenschiff. Das Genick brach. Schwarzes Blut lief über den Boden. Ronus schaute auf und sie kam direkt auf ihn zu.

„Arlandria“, sagte er nur und sah, wie etwas in ihrem verbliebenen Auge aufflackerte. Doch das Zögern war nur kurz und ihre Klinge sauste durch die Luft. Ronus duckte sich zur Seite, doch sie streifte ihn am Arm und riss eine kleine Wunde.

„Arlandria, ich weiß nicht, was passiert ist“, redete er einfach weiter und sprang einen Meter zurück, ehe ihre Klinge direkt vor ihm die Luft zerteilte. Ihr Gesicht verzog sich zu einer zornigen Grimasse, sie antwortete nicht. Sie holte wieder aus, doch dieses Mal wich Ronus nicht aus. Als die Klinge von links auf ihn zuflog, drehte er sich und wehrte sie mit den Stacheln an seinem Schweif ab, dann packte er ihren ganzen Schwertarm und hielt ihn an Ort und Stelle.

„Was ist mit dir passiert, Arlandria?“, fragte er und sie atmete schwer, schlug mit dem anderen Arm nach ihm, trat ihm gegen die Schienbeine und wand sich in seinem Griff.

„Ich… Ich hab‘ dich sterben sehen“, fügte er hinzu und spürte, wie etwas tief in ihm aufriss. Etwas Gefährliches. Etwas Brennendes. Etwas, was unglaublich wehtat.

Ihr wilder Blick streifte seine Augen, so hasserfüllt, so unglaublich violett. Ein Violett zum Darin-Versinken. Ein Violett, das sich anfühlte, als läge es wie Blei auf seinen Schultern, in seinem Magen, in seiner Seele.

„Weil du mich getötet hast, du Monster“, fauchte sie und ihre Stimme klang metallisch.

Ronus schüttelte schwach den Kopf und das Feuer lechzte nach ihm. „Nein, ich-“

„Du hast mich zerrissen und verbrannt!“, schrie sie und riss sich los, als Ronus‘ Griff erschlaffte. „Ich bring‘ dich um!“

„Warte, ich-“

Doch ihre Klinge raste bereits mit voller Wucht als Stich auf seine Brust zu und Ronus blieb nichts anderes übrig, als sie zu aufzuhalten. Mit beiden Händen und seinen Klauen fing er sie ab und die geschliffenen Ränder bohrten sich durch seine Haut und schnitten tiefe Wunden in seine Handflächen und Finger. Doch die Klinge stoppte vor seiner Brust.

„Arlandria“, fing er mit zittriger Stimme an. Sein Blut tropfte auf den makellosen weißen Hallenboden und hüllte ihn langsam in ein helles Rot. „Ich… hab‘ dich geliebt“, murmelte er und riss seinen Blick vom Blut los, hoch in ihr Gesicht.

Doch Arlandria starrte ungerührt zurück, angewidert und kalt. Dann holte sie tief Luft und ihr künstliches Auge färbte sich plötzlich gelb. Im nächsten Moment durchfuhr ihn ein gewaltiger Schlag, ein durchdringender Schmerz, der seinen Atem ins Stocken brachte und seinen ganzen Körper verkrampfen ließ. Dann zog sie ihre Klinge weg und Ronus ging in die Knie, nach Luft schnappend und wie gelähmt. Sein unsteter Blick blieb an ihrer Klinge hängen, die Funken sprühte, dort wo sein Blut sie benetzte.

Alles in Ronus überschlug sich, doch er blieb sprachlos kniend vor ihr und war wie erstarrt.

„Wie enttäuschend, D-41“, erklang Orukhs Stimme erneut über die Lautsprecher, während Arlandria gehorsam innehielt und Ronus keuchend sitzen blieb. „Wärst du das geworden, was ich von Anfang an aus dir machen wollte, wärst du nicht gescheitert. Nicht hier und auch nicht bei eurem kleinen Versuch, dieses Schiff einzunehmen – schon gar nicht an der Seite eines so mächtigen und taktischen Shircon. Doch wie immer hast du dir selbst im Weg gestanden, die Reste deines Empfindens, all die sinnlosen Emotionen. Sie bremsen dich aus, schmälern dein Potential. Es ist geradezu lächerlich!“ Der Ekel in ihrer Stimme verdrehte Ronus‘ den Magen und das Feuer gierte nach dem flauen Hass, der in ihm aufwallte. Dann seufzte sie hörbar frustriert.

„Dabei habe ich diese Variablen sogar miteinbezogen. Über all die Jahre habe ich immer wieder versucht, diese Irrationalität deiner Spezies nutzbar zu machen: Rachegelüste schüren, Erinnerungen an starke Emotionen wie Liebe erzeugen, alles Restliche einfach weglassen… alles habe ich mit deinem schwächlichen Verstand versucht. Und dennoch stolperst du immer wieder über dieselben Dinge und lässt dich erweichen. Erbärmlich.“

Ronus schluckte schwer. Erinnerungen an Liebe… erzeugt? Rachegelüste geschürt? Es … war also wirklich nicht echt? Ihr Tod? Der Kampf? Alles Lügen? Nein, das konnte nicht sein. Das konnte unmöglich… Aber wenn doch? Was- Was war dann noch echt? Was war wirklich passiert, was bildete er sich nur ein? Er blinzelte perplex und drückte schwer atmend seine blutigen Hände gegen seine Schläfen, als könnte er damit seine Gedankensplitter irgendwie bändigen. Wenn das alles nur Einbildung war… hatte er sie wirklich zerrissen und verbrannt? Spürte er deshalb so viel Reue, wenn er sie in seinen Träumen immer und immer wieder sterben sah? Brannte der beißende Rauch in seiner Lunge, weil die Wahrheit schon immer in ihm gelauert hatte? Ja… Vielleicht hatte er es schon immer gewusst. Vielleicht war die Wahrheit immer da gewesen, hinter einer Wand aus verdrängten Gedanken, die allesamt schwerer und ekelhafter waren als jeder Albtraum.

Er wusste schon lange, dass er kaputt war. Er wusste schon immer, dass er ein Monster war. Er wusste schon immer… dass es seine Schuld war. Zitternd hielt er seinen Kopf fest, während das Feuer in ihm langsam immer stärker brannte und der Schmerz in seinen Händen sich wie ein gieriger Flächenbrand überall hin ausbreitete. Sein Blick wanderte von Arlandrias zerstörter, vernarbter Gestalt hinauf zu dem Überwachungsraum hinter Glas. Orukh schüttelte missbilligend den Kopf und tippte auf ihrem Holoschirm. Aven schaute ihn immer noch an, er bewegte den Mund, doch es kamen keine Laute heraus. Seine schwarzen Augen… sein schwarzes Blut… war irgendwas davon echt? War Aven nur etwas, was er sich einbildete? Dabei wollte er doch nichts sehnlicher, als ihn in seine Arme zu nehmen und endlich wieder seinen Herzschlag zu spüren.

„Bring es zu Ende, E-387“, befahl Orukh schließlich und Ronus‘ Blick schnellte zurück zu ihrer Waffe. Arlandria holte aus, leises elektrisches Summen war zu hören und Funken sprühten aus ihrem Klingenarm – doch die Geräusche und Bilder verblassten hinter der Erinnerung an den Spieß, den der Pirat durch Avens Helm gestoßen hatte.

Er sah vor sich, wie er zu Boden ging, als wäre er genau dort. Mitten im Hangar des Piratenschiffs. Er sah, wie seine beiden Schwerter herabfielen, hörte sie laut klirren beim Aufschlag. Er sah, wie das schwarze Blut aus seinem Helm lief, während er reglos auf dem Boden lag. Und Ronus spürte, wie die Hitze ihn ergriff.

Weil er Aven nie wieder umarmen würde.

Weil er Aven nie wieder lächeln sehen würde.

Weil er sich nichts sehnlicher wünschte als an Avens Seite zu sein.

Das Feuer fraß Ronus samt seiner Tränen auf und die Hitze ließ die Grenzen verschwimmen. Die Grenzen seines Körpers, seines Verstandes, seiner Seele… die Grenzen der Realität.

Alles ging in Flammen auf.





Und in den Flammenzungen erkannte er ein Gesicht. Einen wilden Blick aus Feuer, der durch ihn brannte. Er starrte hinein und erkannte sich selbst darin. Es war sein eigenes Gesicht, dass ihm aus dem orangeroten Flackern entgegenblickte.

„ES IST DEINE SCHULD,“ sagte es und die Stimme versengte ihn dabei. Ronus sagte nichts, schaute einfach ins Feuer. War das … der Drache?

„ES IST DEINE SCHULD, DASS ICH HIER EINGESCHLOSSEN BIN“, brannten sich die Worte durch seine Wahrnehmung.

Ronus schüttelte den Kopf. „Nein“, ertönte es von irgendwo.

Das Flammengesicht verzog sich zu einer wütenden Grimasse.

„Ich wollte das nicht“, kam dann und er spürte, wie die Hitze aufwallte. „Ich wollte das nie!“ Es war fast schon ein wütender Schrei, der irgendwo erklang. „Amarra Orukh hat uns zusammengezwungen, sie hat uns kaputtgemacht.“

Schmerz und Hass flammten auf und ließen alles glühen. Der brennende Blick bohrte sich fragend durch ihn.

„Sie hat mich angezündet.“

Das Gesicht aus Feuer brannte hell und wütend auf, fast schon reine, weiße Flammen. Und es verformte sich langsam, bekam gewaltige Hörner und ein langes Maul, spitze Zähne und rote Augen. Der Drache zeigte sich und seine Flammen strahlten so heiß, dass Ronus sich fühlte, als würde er schmelzen.

„ES IST IHRE SCHULD!“

Das Feuer erfasste sie beide und Ronus öffnete seine Augen.






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Ain't no confusion here, it is as I feared

The illusion that you feel is real

To be vulnerable is needed most of all

If you intend to truly fall apart




The Vampyre of Time and Memory – Queens of the Stone Age


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Anmerkungen:
Es tut mir leeeeeid, es wird gefühlt immer das absolut Dramatischste am Ende :'D Aber es wird bald wieder besser, versprochen!
Und wenn die harte Zeit vorbei ist... hach, ich will nichts spoilern. Aber es wird DEFINITIV besser. <3

Herzlichen Dank jedenfalls an alle Leser*innen!
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