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Fortress

von RADP
GeschichteSci-Fi, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
04.01.2018
15.06.2021
27
257.962
12
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06.03.2021 9.476
 
Kapitel 20 – Arlandria




Die Anspannung lag dicht und spürbar schwer in der Luft, die Gesichter seiner Kameraden wirkten angestrengt und konzentriert. Die letzten zwei Wochen hatten sie, und auch die meisten anderen Einheiten, mit rigorosem Training verbracht, endlosen Simulationen und unzähligen Übungen. Ronus und er hatten geübt, Gegner schnell und möglichst ohne sie zu töten außer Gefecht zu setzen, die Schützen waren ebenfalls versiert im Kampf auf engem Raum, und die anderen waren auf die restlichen Maßnahmen vorbereitet: Sicherstellen, gefangen nehmen und abtransportieren. All die Vorbereitung, die sie hineingesteckt hatten, sowie ihre großangelegte Kooperation mit den Funktionären von Prahont und den Flotten der Wosorgh und Byrep sollten den Erfolg des Einsatzes sicherstellen. Zweifelsohne war das hier ihre gefährlichste Mission bisher.

Aven saß ruhig auf seinem Platz in der Lyniad und ging gedanklich erneut den Plan durch, während sie sich auf dem Weg zu ihrem Einsatzgebiet befanden.

Die Behörden von Prahont und Iskonia, der Kommandeur und die Späherinnen und Taktiker der Basis hatten die Strategie, die er vorgeschlagen hatte, nur partiell übernommen. Die Stärke und Listigkeit der Marrada Rhoga war Jahre zuvor unterschätzt worden, daher wollten sie dieses Mal keine Risiken eingehen – oder so sagten sie zumindest. Kleine Sonden hatten anhand der Indizien und der Verfolgung von Transportbewegungen bereits im Vorhinein ausgeforscht, wo genau sich ihr Hauptquartier befand und festgestellt, dass es sich um eine teilmobile Raumstation handelte, kein planetares Lager. Die Exaktheit dieser Informationen machte Aven ein wenig stutzig, denn immerhin war diese Verbrecherorganisation auf Geheimhaltung und Technologie spezialisiert – solch eine fast schon banale Beschaffung ihres Standortes erschien ihm fragwürdig. Insgeheim fragte er sich, wer hier wem eine Falle stellte, doch seine Vorgesetzten kannten die Lage sowie den Feind offensichtlich genauer als er.

Der Plan sah jedenfalls vor, dass ein großes Flaggschiff der Wosorgh sich der Basis nähern und damit den erwarteten Rückzug der leitenden Köpfe auslösen würde – so wie es auch vor Jahren schon passiert war. Sollte das nicht der Fall sein, würden sie auf einen Frontalangriff umschwenken. Sobald allerdings ein Schiff der Marrada Rhoga versuchte aus dem Gebiet zu fliehen, würde ein Teil der versammelten Flotten die Signatur und damit auch die Verfolgung aufnehmen – denn die anderen Schlachtschiffe von Prahont und die königliche Armee von Iskonia, die im nächsten Quadranten warteten, würden über den Volunkan in Sekundenschnelle dazustoßen. Ihre und auch einige andere Einheiten der Concordia würden anschließend gemeinsam mit Soldaten der Wosorgh die zurückgelassene Basis stürmen, die übrigen Verbrecher stellen und das Hauptquartier einnehmen, um jegliche Daten über die Forschung und Handelsbewegungen zu erhalten. Den Feind aufteilen und den kopflosen, desorganisierten Mob einzeln ausschalten – ein perfider Ansatz, der nach Avens Erfahrungen durchaus gewinnbringend sein konnte. Die Experimente könnten dabei dennoch gefährlich werden, denn sie agierten ohnehin als Einzelkämpfer, nicht als organisierte Armee. Doch darauf waren sie einigermaßen vorbereitet – auch, wenn ihm beim Gedanken daran, seinen Partner erneut mit diesen Wesen konfrontiert zu sehen, nicht ganz wohl war. Nichtsdestotrotz war das Vorgehen weniger riskant als direkt auf die Leiterin der Organisation zu stoßen.

Sein Blick fiel auf Ronus hinüber, der seltsam in sich gekehrt wirkte. Still und scheinbar ungerührt von den aktuellen Vorgängen hing er in seinem Stuhl und starrte Löcher in die Luft, tief in Gedanken versunken. Seit sie über den Plan bescheid wussten, verhielt sich der Mensch merkwürdig. Seine Stimmung schwankte häufig zwischen Nervosität und Euphorie, Angst und Zuversicht, Melancholie und einer vagen Entschlossenheit. Offenbar war er sich uneins darüber, was er von der ganzen Sache halten sollte, und genaugenommen konnte Aven ihm das auch nicht übelnehmen. Es musste schwer auf ihm lasten, so wie er es letztens hatte klingen lassen. Das Gefühl, dass er sie aufhalten musste, nachdem er jahrelang nichts von ihrem Fortbestehen gewusst hatte, zog seine Stimmung merklich runter und erinnerte ihn an all die Schrecken seiner Vergangenheit. Und an die Nyar.  

Aven wandte den Blick von seinem Partner ab und dachte zurück an die violetten Augen, die er in Ronus‘ Gedanken gesehen und in welche er in seinen Träumen gestarrt hatte. ‚Ich hab‘ sie geliebt‘, hatte er gesagt, an dem einen Abend vor gut zwei Wochen. Danach hatte er kein Wort mehr über sie verloren – doch die Albträume waren geblieben. Mehr als einmal hatte er ihn daraus erweckt mit einer Welle der Dunkelheit, hatte ihm ein Glas Wasser gereicht und später, mit Ronus‘ Kopf auf seiner Schulter, darauf gewartet, dass er wieder einschlief. Er wusste generell nicht so recht, was er mit dieser Information anfangen sollte. Sollte er überhaupt etwas damit anfangen? Aven kannte sich nicht mit den Implikationen einer solchen Liebesbeziehung aus. Weder war er mit den Gefühlen vertraut, die so etwas nach sich zog, noch hatte es in seinem Leben je eine Bedeutung gespielt. Doch ihm war durchaus bewusst, dass es für Ronus offensichtlich wichtig gewesen war. Nicht umsonst suchte diese verlorene Nyar seine Träume heim und ließ ihn Nacht für Nacht den Schmerz erneut spüren.

Zair. Aven versuchte die Assoziation zu verscheuchen, doch das hier war tatsächlich einmal die wirkliche Bedeutung des Begriffs. Diese Gefühle, tief im Inneren, hielten seinen Partner gefangen und quälten ihn. Man hatte ihn von klein auf davor gewarnt, wie gefährlich solche Emotionen waren. Wie verwundbar sie die a’Nashim machten, wie schwach und klein sie wurden, wie wild und unberechenbar, sobald es um die irrationale Zuneigung zu anderen ging. Das Konzept der Liebe war die stärkste Unsinnigkeit – und die, die man am leichtesten ausnutzen konnte. Für Liebe waren die a’Nashim bereit jedwede Loyalität abzulegen. Sie verrieten ihr Land, ihr Volk, ihren Planeten. Lieber sahen sie die Welt brennen – ihre Welt – als einen geliebten a’Nashim zu verlieren. Und wenn sie ihn dann wirklich verloren… Er dachte kurz an den Schmerz in Ronus‘ Augen, in seiner Stimme, in seiner Seele. Ein unweigerliches Seufzen entkam ihm.

„Aufgepasst, Kadetten!“, hörte er Keromis Stimme durch das Schiff schallen. „In Kürze wird das Flaggschiff in den Zielquadranten eindringen, und wir warten die Reaktion der Marrada Rhoga ab. Sobald ein oder mehrere Schiffe ihre Basis verlassen und versuchen zu fliehen, bekommen wir ein Signal von Kommandeur Sator und unser Einsatz beginnt.“ Daraufhin wandte er sich von seinen Holoschirmen im Cockpit ab und drehte sich mitsamt seinem Stuhl nach hinten um. „Seid ihr bereit?“, fragte er in die Runde.

Von Aneka und Seikei kam sofort die Bestätigung, Eon und Narubia nickten beide entschlossen. Ronus aber blickte zu ihm, in seinen Bernsteinaugen ein unergründlicher Ausdruck. Dann drehte er sich ebenfalls zu Keromi und nickte.

Aven sagte nur leise: „Ich bin bereit.“





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Pochend und pulsierend erfüllte die vertraute Hitze seinen Körper und unwillkürlich breitete sich auf Ronus‘ Lippen ein Grinsen aus, als ihn die Macht durchströmte. Nicht einmal die gerade noch relativ präsente Übelkeit drang jetzt noch zu ihm durch, nur der Rausch der Energie.

Der Vogel ist ausgeflogen, hatte es geheißen, und sie steuerten nun geradewegs auf die Basis der Marrada Rhoga zu. Der Plan lief genau wie erwartet ab, und er war seiner Rache so nah. War der Quelle seines Feuers so nah. Er würde sie vernichten – seinen Teil beitragen, um ihnen das Handwerk zu legen, nach all den Jahren.

Er hatte zwar nicht die volle Kontrolle über die Bestie in ihm, doch zumindest hatte er die letzten beiden Wochen nutzen können, um seine Verwandlung wieder einigermaßen zu stabilisieren, denn die Ereignisse davor hatten ihn deutlich aus der Bahn geworfen. Allerdings reichte der Sommertag alleine nicht mehr aus, er musste tiefer schürfen – in den finsteren Ecken seiner Erinnerungen, dort, wo er sich nicht gerne hinbegab. Er musste in ihre Augen blicken, tief und violett, erfüllt von Schmerzen und Verzweiflung, musste den stummen Schrei ertragen, der seine Albträume heimsuchte, und das entsetzliche Knacken ihrer Knochen. Manchmal hörte er Orukhs Worte dazu, ihren abschätzigen Ton, ihre Befehle, alle Narben sichtbar zu lassen, ihre Todesurteile, so lapidar in einem Nebensatz untergebracht.

Der Zorn brachte das Feuer, und ließ es stärker brennen als er gewohnt war. Mit den Flammen kamen die Instinkte, von denen er nicht ganz sicher war, wem sie gehörten. Dieses tiefe, finstere Grollen in seiner Brust, dieses Zucken seiner Klauen, dieser suchende, rastlose Blick… War das noch Rache- oder schon reiner Blutdurst?

Ronus schüttelte den Kopf, während er an der Ausstiegsluke mit den anderen darauf wartete, dass die Lyniad im Landehangar der Basis anlegte. Jetzt war nicht die Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Den Drachen in seinem Inneren konnte er auch an einem anderen Tag zu bändigen versuchen – heute musste er nur seine Kraft nutzen und das tun, was er am besten konnte: Kämpfen.

Sein Blick wanderte zu Aven, der neben ihm stand wie die Ruhe selbst. Völlig in Weiß gehüllt, wie immer, die Maske fest und undurchdringlich auf seinem Gesicht, und mit Sicherheit für alles gewappnet, was sie dort drinnen erwarten würde. Durch seinen Kopf zuckte kurz eine Wahrnehmung. Ein Klirren. Schwarzes Blut. Ronus‘ Hände ballten sich zu Fäusten, seine Klauen gruben sich schon fast in sein eigenes Fleisch. Und wenn er dabei draufgehen würde, in Flammen aufgehen oder entzweireißen: Er würde ihn beschützen, in diesem Chaos. Nicht noch einmal würde er irgendwen zu nahe an ihn ranlassen. Schon gar nicht die Marrada Rhoga.

„Alles klar, Leute, wir sind gelandet und ich öffne die Luke! Passt auf euch auf, ich halte hier die Stellung“, erklärte Aneka schließlich ungewohnt faktisch über das Interlog und im selben Augenblick ging mit einem Surren der Ausstieg vor ihnen auf.

Sofort sprangen Aven und er hinaus, in den Hangar, wo auch die anderen Schiffe der Concordia gelandet waren und bereits einige Wosorgh-Soldaten die Ausgänge sicherten. Die Schützen folgten direkt hinter ihnen, und dann Seikei und Keromi. Auch die anderen Concordia-Einheiten verließen ihre Schiffe und versammelten sich zentral vor den Ausgängen.

„Aufgepasst, Soldaten, hier spricht General Raneth“, ertönte über sein Interlog, während er an Avens Seite mit seinen Kameraden zum Versammlungspunkt eilte. Der Wosorgh-General hatte das Kommando über die Einsatzkräfte, welche die zurückgelassene Basis stürmten, demnach stellte er sich auf genauere Informationen und Befehle ein. „Die Divisionen Eins und Zwei bleiben in den Schiffen kampfbereit nahe der Basis, die Divisionen Drei bis Fünf sichern den Hangar-Bereich und die Transportschiffe. Der Rest versammelt sich hier mittig.“

Ronus rollte mit den Augen. Warum klang dieser Kommandoton wirklich bei jedem Wosorgh gleich? Militärisch streng geblafft, langweilig und pflichtbewusst, ohne Biss und rein faktisch. Sogar Aven konnte Befehle emotionaler vertonen. Zu übersehen war der Brüllaffe auch nicht, denn er stand gigantisch groß in voller Kampfmontur in der Menge, schwer bewaffnet und sein Rang durch das seltsame Streifensystem der Armee von Prahont auf seiner Ausrüstung symbolisiert. Ronus entkam unwillkürlich ein Schnauben, als er diesen Kommandeur Sator 2.0 erblickte.

Kaum hatten sich alle vor dem General versammelt, sprach er weiter: „Die Divisionen Sechs bis Zehn werden gemeinsam mit den Concordia-Einheiten die Basis stürmen. Techniker, aktivieren Sie jetzt das Kartographierungsequipment. Die Koordinierung der einzelnen Teams erfolgt durch ihre zugeteilten Befehlshaber. Alle kampfbereit machen!“ Der Wosorgh drehte sich anschließend um und deutete auf das große Tor hinter ihm. „Das Tor aufmachen und dann sofort Zugriff!“

Auf seinen Befehl hin fuchtelten zwei Techniker an den Aktivierungspanelen herum und machten sich daran das Haupttor aufzubekommen. Ronus spürte sein Inneres rumoren. Das Feuer flackerte gierig, sein Herz pochte nervös und sein Blick wanderte zu Aven. Unter seinen Mänteln zog dieser seine Schwerter und starrte entschlossen in Richtung der sich öffnenden Tür.

„Wir lassen den Soldaten den Vortritt und nehmen denn den zweiten Gang rechts, verstanden?“, erklärte dann Keromi über das Interlog. Ronus drehte sich kurz zu ihm um, und sah, dass es ihm seine Kameraden gleichtaten. Sie alle nickten entschlossen. „Lasst uns diese Verbrecher zur Strecke bringen“, sagte Eon hinterher.

Dann öffnete sich das Tor vollständig, und alles setzte sich in Bewegung. Die Soldaten stürmten voraus und auch seine Einheit fand sich im Strom ein. Direkt neben Aven trugen ihn seine Beine durch den großen Korridor und während die Masse sich weiterbewegte, zweigten sie beim zweiten Gang ab, so wie Keromi befohlen hatte. Seikei machte sich direkt an der Schaltfläche zu schaffen. In Sekundenschnelle öffnete er die Tür, sodass Aven und er weiter vorpreschen und die Vorhut ihrer Truppe stellen konnten. Der Gang, in dem sie nun waren, erschien deutlich kleiner als der große Eingangskorridor und links und rechts waren einige verschlossene Türen und Schleusen zu sehen.

Tatsächlich kam ihnen jedoch niemand entgegen. Etwas in Ronus sträubte sich beim Gedanken daran, in einer Marrada Rhoga-Einrichtung einfach so herumspazieren zu können. Keine Wachen, keine Abwehrsysteme, keine Experimente… nichts. Niemand empfing sie. Waren wirklich alle Wissenschaftlerinnen und Piraten mit den Gefangenen und Experimenten auf den anderen Schiffen geflohen?

„Okay, der Interlogpart an euren Handgelenken sollte jede Tür in diesem Korridor an der Schaltfläche öffnen können. Aven, kannst du die erste Tür links aufmachen?“, kam es dann von Seikei, der offenbar schon beim Öffnen der Sicherheitstür zum Hauptgang eine Art Hack entwickelt hatte.

Aven hielt wortlos sein Handgelenk an die nächste Schaltfläche, ohne seine Schwerter loszulassen und Ronus stand direkt neben ihm, als die Tür sich mit einem leisen Geräusch aufschob. Und obwohl ihn sein Partner mit der überlegenen Wahrnehmung sicher vor Feinden gewarnt hätte, waren Ronus‘ Klauen bereit, alles und jeden zu zerfetzten und sein ganzer Körper fühlte sich zum Zerreißen angespannt an. Doch als die Lichter im Raum dahinter angingen, war darin … einfach nichts. Es war ein Lagerraum. Ein paar Regale und Container, Tische und Unterlagen. Aven drehte sich um und schüttelte den Kopf, dann gingen sie sofort zum nächsten Raum weiter und wiederholten die Prozedur, doch tatsächlich fanden sie auf ihrer Suche die ersten paar Räume völlig verlassen vor. Lagerräume, Schlafräume, Büros – nichts davon glich auch nur annähernd den Zellen, in denen er damals gehaust hatte. Hier waren keine der Arenen und Kampfparkours, in denen er so viel Blut gelassen und vergossen hatte. Nirgendwo ein Labor zu sehen, in dem er unzählige Male aufgeschnitten und wieder zusammengeflickt worden war. Nirgends waren die Maschinen zu sehen, die seinen Verstand zerrissen und sein Hirn zermartert hatten.

Ronus‘ Zorn flammte immer mehr auf, je weiter sie sich durch diesen Korridor bewegten. Was sollte das alles? Die Marrada Rhoga war keine verdammte Firma mit normalen Büros, sondern eine Organisation, die unschuldige Wesen quälte, tötete und in Waffen verwandelte. Eine Organisation, die ihn-

„Ronus“, zischte Aven und stieß ihn mit dem Ellbogen an. Augenblicklich suchte er den Korridor ab und nur Sekunden später stürmte ein Schemen um die Ecke am Ende des Gangs. Wie von selbst bewegte sich sein Körper, machte einen Satz nach vorne und er streckte die Klauen aus. Aven neben ihm drehte sich und legte seine ganze Kraft in den Schwung seiner Klingen – zusammen ließen sie keinen Millimeter des engen Kampfplatzes ungenutzt.

In Windeseile kam ihr Gegner näher, Ronus‘ Augen erhaschten den Blick auf das glänzende Äußere. Ah, verstärkte Außenhülle, schoss es ihm durch den Kopf. Anstatt seinen Sprung fortzusetzen schlug er einmal mit seinen Schwingen, so wie es der kleine Radius der Räumlichkeiten gerade noch zuließ, und fetzte stattdessen mit seinem stachelbewehrten Schwanz den Kopf des Wesens aus dem Weg. Avens Schwerter bohrten sich erbarmungslos durch den Torso des Angreifers, und nur Sekunden später sackte dieser regungslos zu Boden.

„Ausgezeichnet“, kommentierte schließlich Keromi nach einigen Sekunden der Stille, während Seikei sich bereits über die Überreste beugte und einen prüfenden Blick darauf warf. Die Schützen hielten ihnen währenddessen den Rücken frei und die Gruppe verweilte kurz neben dem ersten Feind, dem sie hier begegnet waren. Eigentlich war ihr Befehl, möglichst viele der Personen festzunehmen und sicherzustellen, doch bei diesem Angreifer war es schwer möglich gewesen, so schnell war die Attacke erfolgt.  

„Das Ganze gefällt mir nicht“, presste Ronus hervor. „Hä? Hat doch gut geklappt. Es ist hier sau-eng und ihr habt das Vieh trotzdem sofort ausgeschaltet!“, warf Eon etwas zu zuversichtlich ein. Ronus drehte sich zu ihm um und konnte ihm die Nervosität ansehen. Er biss die Zähne zusammen und schüttelte den Kopf: „Es müssten viel mehr sein. Dieser eine Hampelmann ist nichtmal ein Bruchteil von dem, was die Marrada Rhoga zu bieten hat… da bin ich mir sicher.“

Seine Kameraden wirkten nachdenklich, ließen aber schließlich von dem leblosen Experiment auf dem Boden ab. Langsam setzte sich die Gruppe wieder in Bewegung, doch Ronus warf noch einen Blick auf die Gestalt, die da zusammengesackt liegen blieb. Ihre Außenhülle bestand vollständig aus Metall und Ronus wurde mulmig zumute. Das hier war ein unfähiges Exemplar – sonst wäre da nicht so viel Fremdmaterial. Eine Wache, die zurück- und deswegen auf sie losgelassen wurde? Er schüttelte schließlich den Kopf, um den Gedanken daran zu vertreiben und ging weiter.

Weiter vorne im Korridor, neben der Abzweigung sah er Aven bereits vor der nächsten Tür stehen, doch als dieser seine Interlogschnittstelle am Handgelenk an das Aktivierungspanel hielt, passierte nichts. Er versuchte es erneut und unwillkürlich spannte sich Ronus‘ Körper noch weiter an. Die Tür blieb verschlossen. „Seikei-“, setzte sein Partner an, doch in dem Moment meldete sich der Lhe bereits: „Leute, irgendwas stimmt hier nicht. Ich glaube unser System spielt verrückt!“ Ronus fuhr herum und bemerkte den konfusen Blick des Technikkadetten. „Ich wollte den Feindkontakt durchgeben, aber erreiche die anderen Teams nicht.“ Keromi testete nun ebenfalls die Verbindung und die Kommunikationsfunktion, während Narubia das große Geschütz von ihrem Rücken holte. Eon musterte sie nervös: „Denkst du, wir brauchen das?“ Sie warf ihm einen strengen Blick zu. „Stell dich lieber drauf ein, dass es krachen wird. Wenn das System lahmgelegt ist, sind wir auf uns allein gestellt.“ Ronus bebte, innerlich und äußerlich. Was war hier los?

„Nein, sind wir nicht“, warf Keromi dann ein und gestikulierte in die Richtung, aus der sie vor wenigen Minuten gekommen waren. „Wir gehen zurück in den Hauptkorridor und schließen zu den anderen Gruppen auf, so wie es das Protokoll bei Kommunikationsausfällen vorsieht.“ Narubia nickte und drehte sich prompt um, die anderen folgten ebenfalls – doch Ronus stand wie versteinert da. Das alles kam ihm surreal vor, unwirklich und … bedrohlich. Sie befanden sich im Hauptquartier der Marrada Rhoga. Hier gab es keine zufälligen ‚Kommunikationsausfälle‘. Hier gab es überhaupt keine Zufälle.

„Das ist eine Falle“, sagte er, ohne es überhaupt zu wollen, und fühlte sich dabei, als würde er kaum noch Luft bekommen. Die anderen waren schon ein Stück entfernt, sie hörten es nicht mehr.

Aven tauchte neben ihm auf und noch leiser sagte er etwas, was ihm einen kalten Schauer über den Rücken jagte: „Das befürchte ich auch.“





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Schnellen Schrittes holte er die Gruppe wieder ein, mit Ronus im Schlepptau, der vor Anspannung kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen konnte. Aven wusste nicht genau, was in seinem Kopf vorging, aber bei der komplexen Situation, in der sie sich gerade befanden, konnte es nichts Gutes sein. Ihre Kommunikation zu den anderen Teams und auch zur Lyniad war unterbrochen, genauer gesagt war sogar das gesamte Interlog unbrauchbar. Das konnte kein bloßer Zufall sein.

Doch auch seine Seelenwahrnehmung half ihm nicht weiter. In der ganzen Basis spürte er momentan ein unglaubliches Durcheinander, nahm unzählige Präsenzen wahr, feindlich gesinnte, übermächtige, und auch einige bekannte – Kadetten, mit denen er schon zu tun gehabt hatte. Genau festzustellen wo und wer wie zugange war, war schlichtweg unmöglich, so überwältigend fühlte sich alles an. Wenn etwas oder jemand zu nahekam, konnte er das gerade noch zuordnen, aber ansonsten musste er sich mit der Tatsache zufriedengeben, dass dieses Hauptquartier alles andere als leer war.

Seikei machte sich inzwischen an dem Tor zum Hauptkorridor zu schaffen, dass er vorhin mühelos aufbekommen hatte – doch dieses Mal schien es sich dieses Vorhaben schwieriger zu gestalten. „Also irgendetwas muss unser gesamtes System lahmgelegt oder abgeschirmt haben, anders kann ich mir das nicht erklären“, murmelte der Lhe gedankenverloren und drückte weiter auf dem Gerät herum. Er hörte Ronus irritiert schnauben, das alles musste ihn gewaltig unter Druck setzen. Aven dagegen konzentrierte sich, doch mehr als einen Tumult konnte er hinter der Tür nicht erfühlen. Beeinträchtigte das, was die Kommunikation störte, auch seine Wahrnehmung? Oder war es das schiere Durcheinander?

„Schießen wir die Tür einfach auf“, warf Narubia ein, sichtlich angespannt, doch Keromi schüttelte den Kopf. „Dahinter stehen vermutlich unsere Kameraden, zu riskant“, erklärte er knapp. Aven nahm das als sein Stichwort war, immerhin konnte er auch ohne Explosionen den Weg freimachen. Er zog Seikei von dem Aktivierungspanel weg und bedeutete auch den anderen zurückzutreten.

Disziplin. Ruhe. Handeln. Er holte tief Luft und konzentrierte sich völlig auf die Klingenführung, auf Winkel, Geschwindigkeit und nicht zuletzt auf seine Mitte. Die Klingen eines Shircon waren nur so stark wie seine Seele. Mit einer schnellen Drehung und zwei, drei exakten Hieben zerschnitt er die Tür an strategischen Punkten. Ronus war sofort zur Stelle und wusste, dass jetzt seine rohe Kraft nötig war – mit Anlauf und seinen Krallen voraus stürzte er sich auf das beschädigte Metall und flog förmlich mit der ganzen Vorrichtung in den Hauptkorridor hinein. Aven und die Schützen eilten sofort mit gezogenen Waffen hinterher, doch was sich ihnen darbot, war pures, überwältigendes Chaos.

Überall im massiven Korridor verteilt kämpften Experimente und Kampfdrohnen gegen Soldaten und Concordiakadetten. Von der Decke hingen stellenweise Geschütztürme herab, die automatisch zielten und mit elektrischen Netzen und anderen Geschossen reihenweise ihre Verbündeten außer Gefecht setzten. Ronus rappelte sich in diesem Durcheinander gerade fluchend und grollend auf, da gingen auch schon mehrere Experimente auf ihn los. Aven wäre ihm zur Seite geeilt, aber er konnte nur knapp einigen Projektilen ausweichen, während Eon und Narubia sofort ihre schwere Rüstung aktivierten. Keromi und Seikei hielten sich noch im kleineren Korridor auf, hatten aber jetzt auch die Waffen und andere Ausrüstung zur Hand genommen.

Aven tauchte in die Schatten ab und konzentrierte sich auf die Präsenzen, die ihn umgaben. Mit einem gezielten Hieb aus dem Zwielicht heraus schaltete er zunächst einen von Ronus‘ Angreifern aus, mitten durch den Hals glitt sein Schwert und verschaffte seinem Partner mehr Raum, um die anderen beiden zu kontern. Dann wirbelte er durchs Zwielicht, um die Geschütze an der Decke unmittelbar neben ihnen aus dem Kampf zu nehmen. Auch durch diese drangen seine Klingen mühelos. Nach ein paar weiteren Schnitten, die seine Kameraden vor heranstürmenden Kampfdrohnen und Experimenten schützten, tauchte er wieder auf – darauf bedacht, seine Kräfte nicht sofort zu verausgaben.

Eon und Narubia zogen sich langsam, unter stetem Feuer, zum kleineren Korridor zurück, wo auch Keromi und Seikei immer noch verharrten und zumindest diese kleine Stellung hielten. Im ganzen Korridor wurden ihre Kräfte überrannt, immer mehr und mehr Angreifer tauchten auf und überwältigten die verstreuten Soldaten. Aven spürte eine Unruhe, die sich langsam immer stärker in ihm ausbreitete. Anstatt selbst einen Hinterhalt durchzusetzen, waren sie mitten in eine riesengroße Falle getappt. Hieb um Hieb zogen die frustrierten Gedanken und die Abwägung ihrer nächsten Schritte nun durch seinen Kopf.

Ihre Kommunikation war ausgeschaltet, ihre Truppenstruktur aufgelöst und ihre Schiffe durch den Hinterhalt wahrscheinlich unbrauchbar. Sie konnten keine Hilfe von außen rufen, geschweige denn irgendwie fliehen. Selbst, wenn sie sich zur Lyniad durchschlagen könnten, wäre ihre Pilotin wahrscheinlich nicht verfügbar und außerdem müssten sie unzählige ihrer bewusstlosen und verletzten Kameraden zurücklassen. Denn die Marrada Rhoga tötete sie nach seinem Eindruck hier im Chaos nicht einmal überwiegend, sondern wollte vermutlich neue Gefangene für ihre Versuche gewinnen. Verdammt – er hätte seinen Zweifeln nachgeben und den Plan hinterfragen sollen, bevor sie leichtfertig hierhergekommen waren. Doch jetzt war es zu spät, jetzt blieb ihnen nur ein aussichtsloser Kampf.

Aven wirbelte neben Ronus mitten im Korridor herum und gemeinsam mähten sie nieder, was auch immer mutig und dumm genug war, ihnen entgegenzutreten – was ihnen naturgemäß sehr viel Aufmerksamkeit vom Feind einbrachte. „Ronus, wir sollten uns in den Seitengang zurückziehen“, rief er ihm durch den Gefechtslärm zu. Als Antwort erhielt er nur ein wütendes Knurren, während sein Partner gerade eine Drohne zerfetzte und die Einzelteile mit voller Wucht auf die nächsten Angreifer schleuderte. Wie eine rote Furie ließ er seinem Zorn hier freien Lauf und zerlegte nach und nach alle Angreifer in Einzelteile. „Komm, wir bewegen uns langsam zurück zum Eingang – diese Stelle hier können wir nicht halten“, fügte er hinzu und wehrte im nächsten Augenblick mit einem flinken Hieb die klauenbewehrte Pranke eines besonders schnellen Experiments ab. Immer wieder schlug es nach ihm und er kam mit seinen Schwertern kaum hinterher. Dieser Kontrahent war unglaublich wendig, ließ sich ständig fallen oder sprang sogar über seine Klingen hinweg, Aven hatte zunehmend Mühe sich die messerscharfen Krallen vom Leib zu halten. Beim nächsten Angriff tauchte er kurz in die Schatten ab und durchtrennte blitzschnell den Hals des Wesens, zu riskant wäre eine bloße Verletzung gewesen.

Ronus fand sich schließlich an seiner Seite ein, schwer atmend und zornig. „Na los“, zischte er und deutete zum Seitengang, wo ihr Team wartete. Während sein Partner also mit roher Gewalt, Reißen und Beißen durch die Gegner zum Tor pflügte, eilte Aven mit weiten Schritten und gezielten Paraden in dieselbe Richtung. Seine Klingen zogen eine Schneise, doch über sich spürte er eine weitere Veränderung. Die Schützen hielten ihnen zwar die Fernkämpfer vom Leib, doch aus der Decke tauchten noch mehr Abwehrvorrichtungen auf. Und sie begannen zu zielen… Aven griff nach Ronus‘ wirbelnden Körper und zog ihn augenblicklich mit in die Schatten, als er ihn erhaschte. Im Zwielicht schossen die Projektile durch sie hinweg und die Gegner, die gerade noch auf sie zugesprungen waren, knallten aufeinander und wurden von Eon und Narubia außer Gefecht gesetzt.

Nur Sekunden später tauchten sie hinter ihren Kollegen wieder auf und Seikei zuckte sichtlich zusammen. Keromi musterte sie kurz, dann drehte er sich zu Narubia und sagte: „Sie sind hier, du kannst loslegen.“ Sie nickte, ohne sich umzudrehen, und ließ sofort einen gewaltigen Schuss aus ihrer großen Waffe los. Die Explosion erschütterte gefühlt die ganze riesige Basis. „Also gut, Seikei, aktiviere die Schildwand – dann laufen wir!“, fügte der Wosorgh noch hinzu und deutete den kleinen Seitengang hinab.

„Was?“, fauchte Ronus und gestikulierte wütend herum, „Weglaufen? Wie stellst du dir das vor?“ Aven drehte sich schonmal um und streckte fühlend seine Seele aus. „Wir sind in ihrer Basis, hier gibt es kein Weglaufen!“, schrie er weiter und man hörte deutlich die Verzweiflung hinter seinem Zorn. „Hier gibt es nur mehr Weiterkämpfen!“ Hinter ihnen im Hauptkorridor war immer noch viel los, doch in die andere Richtung spürte Aven ebenfalls Aktivität.

Seikei hatte seine Schildwand aktiviert und damit effektiv den Zugang hinter ihnen abgeriegelt – zumindest vorerst. Noch bevor Keromi etwas erwidern oder seine Kollegen in Richtung des Gangs loslaufen konnten, trat Aven vor die Gruppe und sagte schlicht das, was er gerade festgestellt hatte.

„Ronus hat Recht. Wir sitzen in der Falle.“





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Hatte Aven das gerade wirklich ausgesprochen?

Ronus fühlte sich, als würde er verbrennen. Ob vor Zorn, Angst oder schierer Anspannung, vermochte er nicht mehr zu sagen. Er hatte Blut an seinen Klauen kleben, Schrammen am ganzen Körper, einen Kopf voll rasender Gefühle und Gedanken – und alles, was seine Psyche gerade vor dem absoluten Zusammenbruch bewahrte, waren das verdammte Adrenalin und dieses elendige Feuer. Die Flammen, die ihn verzehrten, die seine Muskeln erfüllten und seinen Verstand langsam zu Asche machten. In ihm brodelte es so sehr, dass er kaum noch einen richtigen Satz herausbrachte.

Die Marrada Rhoga hatte sie reingelegt. Eine Falle gestellt. Er hätte es wissen müssen.

Das Feuer tobte, alte Visionen flackerten schon die ganze Zeit bedrohlich vor seinem geistigen Auge und er stand wie erstarrt, als ihn die kühle, ruhige Stimme seines Partners auf das Unausweichliche hinwies.

„Hinter uns tobt pures Chaos und aus dieser Richtung kommen ebenfalls Angreifer auf uns zu. Ich weiß nicht, wie wir hier noch rauskommen sollen.“

Ronus blickte die Maske an und die leeren, schwarzen Augenöffnungen schauten zurück. Passierte das gerade wirklich? Aven wusste doch immer was er tat? Er konnte jede Situation meistern. Er hatte doch einen Plan, oder…?

„Wir sollten versuchen, uns zur Lyniad durchzuschlagen!“, warf Eon ein, leicht panisch und mit nervösem Blick in Richtung des noch leeren Seitengangs. Seikei pflichtete ihm bei: „Ja, wir müssen zu Aneka-“

„Meiner Erfahrung nach wird der Fluchtweg als Erstes abgeschnitten. Unsere Schiffe und Piloten sind schon längst unter ihrer Kontrolle“, erwiderte Aven bloß. Seine Stimme war kalt und faktisch, wie die eines Soldaten, der solche Strategien in- und auswendig kannte. Die Gesichter seiner Freunde fielen förmlich in sich zusammen. Eon und Seikei starrten ihn entsetzt an, Narubia wandte sich grimmig ab, schwieg eisern und umklammerte ihre Waffen fester, Keromi wirkte angespannt.

„Dann sollten wir zumindest zu anderen Gruppen finden, gemeinsam-“, sagte der Wosorgh dann, sein Kommandoton war einer unsicheren Stimme gewichen. Doch Aven unterbrach ihn sofort: „Es gibt keine anderen Gruppen mehr. Ihr habt den Hauptkorridor gesehen.“ Keiner wagte mehr etwas zu erwidern. Es waren keine Vermutungen, es waren Feststellungen, die der Shircon, ohne zu beschönigen, in den Raum stellte. Ronus hatte doch Recht gehabt, Aven wusste was er tat. Er hatte die nötige Erfahrung und ihre Situation längst als das erkannt, was sie war: ausweglos.

Er spürte, wie das Feuer bedrohlich zu flackern begann – er wusste nicht, ob es explodieren oder ausgehen würde.

„Was sollen wir dann tun, Aven?“, flüsterte Ronus nur und die Maske wandte sich ihm zu.

„Das Einzige, was uns noch bleibt, Ronus“, entgegnete er bloß und kam einen Schritt auf ihn zu. Er ließ eines seiner Schwerter los und es schwebte ungetrübt weiter neben ihnen in der Luft.

„Wir kämpfen.“

Die freie Hand legte der a’Shir dann auf seine Schulter und augenblicklich hörte das Feuer auf zu flackern. Es brannte schlagartig wieder stärker.

„Es ist, wie du gesagt hast – wir können nicht weglaufen, diese Basis ist abgeriegelt. Wir können keine Hilfe von außen erwarten. Wir sind umzingelt von Gegnern, die uns zahlenmäßig deutlich überlegen sind. Also bleibt uns nur eine Möglichkeit diesen Wahnsinn zu stoppen, und glaubt mir, darin bin ich ein Experte: Wir machen den Anführer ausfindig und bringen ihn unter Kontrolle.“

Ronus‘ Feuer verwandelte sich in eine Stichflamme, als er realisierte, was sein Partner gerade gesagt hatte. Flickt ihn zusammen, so dass man sein Versagen sehen kann. Er hörte ihre Stimme durch seine Gedanken geistern und seine Hände ballten sich sofort zu Fäusten, als sich die wütende Hitze wie ein Flächenbrand in jeder einzelnen Faser seines Körpers ausbreitete. Ein unweigerliches Knurren entkam ihm, da ließ Aven von ihm ab und griff wieder zu seinem schwebenden Schwert.

Mit einem Satz drehte er sich um und erblickte seine nächsten Gegner, die den Gang entlang auf sie zustürmten. Er fuhr seine Krallen zur Gänze aus und bleckte die Zähne. Während er dann auf sie losging, schrie er aus voller Kehle:

„ORUKH, ICH WERDE DICH FINDEN!“

Und er wusste, dass sie ihn hören konnte.





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Es war ein Gemetzel.

Ronus durch die schmalen Korridore der Basis zu folgen, glich einem Gang über ein Schlachtfeld. Überall ließen sie Leichen oder Verwundete zurück, Schrotthaufen und zerstörtes Mobiliar. Während Keromi und Seikei versuchten manuell eine Art Plan ihres Weges anzufertigen, bildeten die Schützen den Abschluss ihrer Gruppe und kümmerten sich um alles, was von hinten an Angreifern auftauchte. Vorne pflügte sich Ronus wie ein Berserker geradezu manisch einen Weg durch die Feinde, ab und zu unterstützt durch seine Klingen, gerade wenn Fernkämpfer auftauchten, und hinter ihnen krachte es immer wieder gewaltig, wenn Narubia ihre großen Geschosse losließ.

So kämpften sie sich nun schon geraume Zeit vorwärts und zogen eine Spur der Verwüstung, ohne wirklich zu wissen, was sie hinter der nächsten Ecke erwarten würde. Aven hatte diesen Plan schon unzählige Male so ähnlich aufgestellt und durchgeführt, wenn auch zumeist unter anderen Umständen und mit einem deutlich … spezialisierterem Team. Zumindest konnte er nun diese Attentätererfahrungen nutzbar machen – auch wenn ihre Aussichten auf Erfolg seiner Einschätzung nach hier wesentlich schmaler ausfielen. Sie wussten nicht ob ihre Zielperson – Amarra Orukh – überhaupt noch an Bord war, auch wenn es mittlerweile wahrscheinlicher erschien, dass das Schiff, welches die Basis verlassen hatte, nur eine Ablenkung gewesen war, um die großen Flotten wegzulocken. Sie wussten außerdem nicht, wo sie und die ganze Führungsriege versteckt waren, oder wie viele Gegner sie noch erwarten würden.

Und Aven hatte auch keine Ahnung, wie lange seine Einheit diese Art des Kampfes noch durchhalten konnte. Sie waren keine wirklichen Soldaten, sie hatten kaum Erfahrung mit solchen Situationen oder Kriegseinsätzen… und irgendwann würde selbst Ronus, der sich, angetrieben von Feuer und Rachedurst, mit Klauen und Zähnen Meter für Meter vorwärtskämpfte, ermüden… und in diesem Fall müsste Aven auf einen anderen Plan zurückgreifen, den er vorerst lieber vermeiden würde. Aber manchmal zwangen einen die Umstände, gesonderte Maßnahmen zu ergreifen.

Tatsächlich hatte es allerdings auch nicht wirklich Widerstand gegen diesen aktuellen, notgedrungenen Angriffsplan gegeben, denn ihre Kameraden hatten die Ausweglosigkeit ihrer Lage ebenfalls, wenn auch zähneknirschend, zur Kenntnis genommen. Seikei versuchte zwar immer wieder die Kommunikation zum Laufen zu bringen, um wenigstens Aneka irgendwie zu kontaktieren, doch die Störung der Verbindung ließ nicht nach. Auf Keromis Anraten hin sammelten sie Informationen über die Lokalitäten, damit sie womöglich ausmachen konnten, in welche Richtung eine Art Kommandozentrale zu finden war.

Mit einem gezielten Hieb zerteilte Aven eine Kampfdrohne, die an Ronus‘ Klauensturm vorbeigezischt war und weiter vorne, bei der nächsten Korridorkreuzung, erkannte er, dass zwei mit Klingen bewaffnete Experimente auf sie zustürmten. Im nächsten Moment tauchte Aven ab und rauschte im Zwielicht an seinem Partner vorbei. Er mochte zwar mit Wut und roher Kraft jede Rüstung durchdringen und jeden Körper zerreißen, aber die Distanz von Klingenwaffen war im Rundherumgemetzel doch ein entscheidend gefährlicher Faktor. Ein Faktor, dessen Gewicht Aven ganz genau kannte. Als er sich wieder aus der Finsternis erhob, trennte er blitzschnell die Köpfe von den Schultern der beiden Schwertkämpfer ab. Grundsätzlich hätte er nichts gegen einen richtigen Kampf einzuwenden, denn das Spiel der Klingen war ein interessantes Kräftemessen… doch momentan brauchte er keine ausladenden Paraden, Hiebfolgen und Konterangriffe. Er brauchte Resultate, Effizienz und rollende Köpfe. Sie waren schon viel zu lange mitten in diesem Wespennest, und langsam aber sicher würden auch sie bald die ersten Stiche treffen.

Keuchend und mit einem Lodern in seinen Augen schloss Ronus zu ihm auf, als Aven gerade das Blut von seinen Klingen schüttelte. Er sagte nichts, doch sein Blick brannte sich förmlich durch seine Maske. Der Zorn hielt ihn auf den Beinen, er konnte ihm die Erschöpfung ansehen.

Auch die anderen Kadetten gesellten sich wenig später zu ihnen auf die Kreuzung der Korridore, außer Atem und sichtlich mitgenommen von dem, was sie bisher durchgemacht hatten. Lange würden sie dieses Tempo nicht mehr durchhalten. Aven spürte bereits die nächsten Angreifer heranziehen, doch für den Moment hatte er Dringlicheres zu klären.

„Seikei, Keromi! Haben wir irgendeine Ahnung wo sich die Zentrale befinden könnte?“

Die beiden hatten ihre Holoschirme geöffnet und glichen ihre Daten ab. Aven hätte selbst danach getastet, doch er wusste nicht, wonach er suchen sollte im Gewirr dieser tausend losen Seelen.

„Wenn wir uns am Hauptkorridor orientieren, der-“, Seikei zeigte auf die linke Seite des Gangs, „da drüben verlaufen sollte, dann sollte nach der üblichen Gestaltung von solchen Basen und Schiffen die Kommandozentrale irgendwo in diese Richtung liegen.“ Er wirkte, als liefen in seinem Kopf im Hintergrund zig Kalkulationen ab, doch was er sagte, machte soweit Sinn. „Wahrscheinlich aber in einem anderen Stockwerk, denn hier unten waren bis jetzt nur die unwichtigeren Räumlichkeiten“, merkte Keromi zudem an. Aven nickte zustimmend. Tatsächlich waren ihnen bisher nur unscheinbare Räume untergekommen, keine sensiblen Daten, keine Testräume oder Labore.

“Der Zugang müsste dann im Hauptkorridor zu finden sein, oder?“, fragte Eon skeptisch in die Runde. „Und der ist tabu“, knurrte Narubia dazu. „Sollen wir uns einfach durchschießen? Was anderes machen wir hier auch nicht“, fügte sie hinzu. Nun, da hatte sie nicht ganz Unrecht, jedoch war es riskant und Aven erwiderte: „Im Hauptkorridor gibt es zusätzlich die Deckengeschosse, die uns zum Verhängnis werden könnten. Wir wissen nicht, wie die Situation dort aussieht.“

„Ich habe noch ein paar Schildwände, dich ich platzieren könnte-“, wollte Seikei beisteuern, doch Ronus reichte es. „Schluss jetzt, gehen wir weiter. Dort, wo die ganzen Viecher herkommen, sitzt sie auf ihrem Sessel und lacht, während sie uns beim Bluten zusieht“, spuckte er aus und seine Stimme triefte nur so vor Zorn und Verachtung. Etwas in Aven zog sich zusammen, als er ihn so hörte. Er tat es als Irritation ab und wandte den Kopf um. „Da kommen wieder welche, aus Richtung des Hauptkorridors“, sagte er bloß und im selben Moment setzte sich Ronus auch schon in Bewegung. Er schlug einmal mit seinen Flügeln, beengt vom schmalen Gang und stürzte sich Hals über Kopf in die kleine Gruppe von Gegnern.

Während ihre kleine Truppe wieder Formation annahm und ihm hinterhereilte, konnte Aven nicht anders als an das Feuer zu denken. Das Feuer, das so hell und tödlich in ihm brannte. Die Flammen, die sich an seinen negativen Gefühlen satt fraßen, bis nichts mehr von ihm übrig war. Die Hitze, die seine Grenzen verschwimmen ließ, wenn er sich selbst darin verlor, bis alles um ihn herum niedergebrannt war.

Die Glut in seiner brennenden Seele, die Amarra Orukh dort entfacht hatte.

Aven hielt seine Schwerter fest in Händen und folgte seinem Partner in die Hölle, aus der er einst gekommen war.





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Mit jedem Schritt brannte das Feuer stärker, loderte auf und die Hitze verzerrte seine Sinne mehr und mehr. Ronus spürte, wie sein Körper müde wurde unter der Belastung, doch seine Gedanken gingen nur mehr in eine einzige Richtung und die Flammen fegten über jegliche Bedenken hinweg. Es war egal. Alles war egal. Er war so nah dran. So nah dran an ihr und allem, was ihm je angetan worden war. Das Feuer brannte und Ronus zerteilte einen Angreifer nach dem anderen. Blut, Öl und Schweiß klebten an ihm… oder Tränen? Egal. Alles war egal. Er war so nah dran und sein Feuer brannte. Er würde sie umbringen, für alles, was sie getan hatte. Nie wieder würde sie jemandem wehtun. Sie alle! Nie wieder würde er Jahre später herausfinden, dass der Albtraum weiter ging. Nie wieder, und wenn es das Letzte war, was er tat. Sein Feuer brannte und brannte, brannte ihn völlig leer – aber das war egal. Aven hatte es selbst gesagt, sein Prinz hatte es ihm gesagt: Wir kämpfen. Also tat er genau das. Kämpfen. Mit der Kraft eines nie enden wollenden Brandes fegte er durch diese viel zu schmalen Gänge und tränkte sie in Blut. Er zerriss, er zerstörte, er zerfleischte und ließ die Überreste liegen. Kein Blick zurück, keine Zweifel mehr. Der Weg führte nach vorne – zu ihr.

Mit einem einzigen Streich seiner Klauen fiel der nächste Gegner zu Boden, doch in dem Moment flog ein schwarzes Schwert an ihm vorbei. Ronus duckte sich augenblicklich und ein zweites schoss über ihn hinweg. Präzise und tödlich landeten sie genau inmitten der Köpfe von zwei weiteren Fernkämpfern. Er setzte sich wieder in Bewegung und ließ die schwebenden Waffen hinter sich. Aven machte keinen Schnickschnack mehr, kein Tanzen, kein Schweben. Aven machte einzelne Hiebe und Stiche, und jeder davon tötete. Still und leise, genau und schnell. Wenn Ronus verbrannte, bevor er sie erreichte… dann würden Avens Schwerter trotzdem ihr Ziel finden. Aus der Dunkelheit, aus dem Herzen der Nacht, aus der Tiefe seiner Seele würden die Klingen alles auslöschen, was sich ihnen in den Weg stellte.

Ronus stürmte weiter nach vorne und die Flammen ließen seinen Körper beben. Die sich gerade schließende Tür, die sich in seinem Weg befand, stellte kein Hindernis dar. Mit einem zornigen Schrei und der Kraft einer ewigen Glut drückte er sie wieder auseinander und riss sie aus der Verankerung. Dahinter war es laut und voll. Aus allen Richtungen stürzten sich Gegner auf ihn, Drohnen und Experimente.

Er bleckte die Zähne und die Flammen züngelten an seinem Verstand. Wie von alleine bewegte sich sein Körper durch die Massen.

Zerreißen.

Ein Schnitt in seinem Arm? Egal.

Zerfetzen.

Ein Knacken in seinem Flügel? Egal.

Zerstören.

Ein Stechen in seinem Brustkorb? Egal.

Verbrennen.

Es war alles egal.

Bis nichts mehr übrig war.

Er würde sie töten.





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Aven wirbelte durch die Heerscharen an Gegnern, die sich in diesem Teil des Hauptkorridors befanden. Jeder Schnitt musste sitzen, sonst waren sie verloren. Ronus war blindlings hineingestürmt, hatte nicht mehr auf Rufe reagiert. Wie ein wildes Tier schlug er um sich, zerriss seine Feinde gnadenlos und ohne jedes System. Ihre Kameraden hatten an der zerstörten Tür Position bezogen – es war fast dasselbe Spiel wie vorhin, nur dass der Hauptkorridor diesmal noch mehr einem Kriegsgebiet glich. Überall waren Spuren von Kämpfen zu sehen, Unmengen an Wesen, die für die Marrada Rhoga angriffen, und auch die Geschütztürme fuhren wieder aus der Decke hervor. Eon und Narubia kümmerten sich vorwiegend um diese, sodass er ihnen jetzt nicht unmittelbar Beachtung schenken musste. Mit fliegenden Klingen zog er durch die Gegnermassen, doch wohin er auch blickte und tastete – es war kein Ende in Sicht.

„Ronus, wir können hier nicht bleiben!“, rief er in Richtung seines Partners, doch statt einer Antwort flogen nur Körperteile herum. Aven blieb nicht stehen, drehte sich weiter, wich einigen Attacken aus und trennte einige Gliedmaßen ab. „Ronus, komm! Wir müssen Orukh finden!“, versuchte er erneut zu ihm durchzudringen, doch inmitten des Gemetzels verlor sich seine Stimme zwischen Ronus‘ Gebrüll und dem Lärm der Schlacht.

Diese Lage war absolut unvorteilhaft. Sie waren zahlenmäßig unterlegen, erschöpft, hatten keine Ahnung, wo sie hinmussten und keine Chance, diesen Korridor zu verlassen, ohne all die feindlichen Kräfte auszuschalten. Wenn sie hierblieben, riskierten sie außerdem, dass Ronus die Kontrolle verlor – er war bereits nicht mehr ansprechbar. Und langsam aber sicher würden auch seine Reserven nachlassen, auch die Kapazitäten, die er sich für Notfälle aufsparte. Sie hatten keine Wahl mehr, keinen wirklichen Ausweg. Es war wohl Zeit, sich nach Alternativen umzusehen.

Während Aven also weiterhin gewaltige Schneisen durch das Kampfgeschehen zog, suchte er die Decke ab. Wie erschienen die Geschütze dort oben? Gab es einen versteckten Mechanismus? Eine zweite Ebene in der Decke? Irgendeine Verbindung musste es geben… Vielleicht hatten sie noch eine Chance – wenn sie auch drastische Maßnahmen erforderte.

Er wehrte routiniert einige Angreifer ab, drehte sich schnellen Schrittes um und warf einen Blick auf seine Kameraden. Eon und Narubia hatten Mühe, die kleine Korridormündung hinter Seikeis Schildwänden zu halten. Keromi half ebenfalls als Schütze aus und ihr Techniker tippte hektisch auf seinem Holoschirm herum. Dann wandte sich Aven wieder Ronus zu, der wildgeworden durch alles wütete, was sich ihm in den Weg stellte.

Trotz des Ansturms ging Aven kurz in sich, suchte den rationalsten Weg, die effizienteste Lösung… doch alles in ihm schrie nach einem einzigen Ausweg in diesem Chaos.

Disziplin. Ruhe. Handeln.

Doch seine Disziplin litt unter seinen irrationalen Gedanken, seine Ruhe löste sich allmählich im anstrengenden Durcheinander des Dauerkampfes auf und sein Handeln ließ nur noch eine Kurzschlussreaktion zu.

„Versucht die Stellung zu halten, ich bringe es zu Ende!“, schrie er und tauchte augenblicklich ins Zwielicht ab. Er folgte dem unglaublichen Leuchtfeuer, das Ronus‘ brennende Seele war und zog ihn mit einer Berührung zu sich in die Finsternis. Sein Feuer loderte so hell, dass Aven Mühe hatte ihn mit sich zu zerren. Es wehrte sich mit züngelnden Flammen, erkannte ihn kaum wieder. Durch die Schattenebene glitt er hinein in die geheimen Winkel der Basis, durch die Decke, durch die schmalsten Passagen, dort wo kein Licht hinfiel. Ein Korridor aus Dunkelheit, der sich nur für ihn auftat. Und er streckte seine Seele darin aus und suchte. Suchte nach einer losen Seele, die stark genug war. Wo war sie? Wo hielt sie sich versteckt? Er ließ seine Kameraden nur ungern zurück, doch ihre Lage war fast schon hoffnungslos, daher beschränkte er ihre Mission jetzt auf das Nötigste. Er hatte nicht genug Energie, um sie alle mitzunehmen, Ronus und er mussten reichen, um diesem Schrecken ein Ende zu setzen. Außerdem kostete es ihn unglaublich viel Kraft das Leuchtfeuer zu ziehen, denn es wehrte sich vehement dagegen. Aven spürte, wie die Erschöpfung langsam in seine Seele kroch… und dann spürte er plötzlich sie. Unter weiteren hunderten Seelen stach sie hervor.

Es musste sie sein.

Eine alte Seele, mächtig, unnahbar, kalt. Undurchschaubar und vage in ihrer Macht.

Amarra Orukh, er war sicher.

Aven zog Ronus‘ strahlende Essenz mit sich, durch das Zwielicht der Basis, und bahnte ihnen einen Weg hinein, mitten in die Kommandozentrale. Und dort tauchte er auf, seine Schwerter gezückt und Ronus direkt neben sich, in einer irritierten Abwehrhaltung.

Noch bevor er richtig Zeit hatte sich umzusehen, stürzten sich zwei Experimente im Raum sofort auf sie, und Aven hatte Mühe ihren langen Klauen und blitzschnellen Angriffen auszuweichen. Schließlich wich er ein paar Schritte zurück, unter ständigem Kontern der Angriffswelle und einer der Gegner fokussierte sich auf ihn. Sein Partner hingegen war immer noch im Rausch des Feuers und tauschte seinerseits sofort heftige Schläge und zerreißende Attacken mit der anderen Wache aus. Noch hatte er genug Kraft und überlegene Instinkte – sie konnten das hier zu Ende bringen. Allerdings brachten die ständigen Abwehrparaden ihn langsam in Bedrängnis, daher wechselte Aven die Strategie, um diesem schnellen Feind Herr zu werden. Genau auf Augenhöhe und in einem seitlichen Winkel ließ eines seiner Schwerter zur Ablenkung schweben und stieß das andere mit voller Wucht in den Oberkörper seines Kontrahenten. Für den Bruchteil einer Sekunde schien der Kampf entschieden, doch dann drehte sich dieser weg und seine Klinge wurde herausgeschleudert, blieb lose in seiner Hand hängen. Er holte sein anderes Schwert zurück-

Doch es kam nicht. Es fiel einfach zu Boden.

Aven war für einen Moment irritiert, und dann traf ihn der nächste Hieb mit voller Wucht. Er wurde meterweit zurückgeschleudert, rollte kopfüber durch den Raum und kam schließlich zum Liegen. Außer Atem wegen des heftigen Aufpralls, und leicht schwindelig vor Anstrengung, richtete er sich sofort wieder auf, sein verbliebenes Schwert in Händen. Was war gerade passiert? Er rief seine zweite Klinge zurück. Doch sie … kam nicht? Was…? Das Experiment stürmte mit voller Geschwindigkeit und Mordlust in seinen Augen auf ihn zu, also tauchte er ab in die Schatten-

Die Dunkelheit zog ihn nicht hinab. Wie angewurzelt stand er an Ort und Stelle, und lange, scharfe Krallen zielten bereits direkt in sein Gesicht-

Ronus fetzte den Angreifer aus der Bahn, riss ihn zu Boden und verbiss sich in seinem Hals. Seine Klauen bohrten sich zwischen die Rippen des Mannes und Aven stand wie erstarrt daneben. Er konnte nur hilflos zusehen, und langsam überkam ihn eine seltsame Übelkeit. Was … passierte mit ihm? Was war mit seinen Schwertern? Warum war er nicht abgetaucht?

Seine Hand griff nach seiner Mitte, seiner Seele. Ihm wurde schwindelig und seine Gedanken kreisten haltlos, während Ronus von dem leblosen Körper vor ihm abließ. Blutverschmiert und mit einem gehetzten Blick sah er ihn kurz an, bevor er zusammenzuckte.

„Sehr interessant, sehr interessant“, erklang eine raue Stimme aus dem leicht erhöhten Teil des Raums, den Aven zuvor im Gefecht gar nicht wahrgenommen hatte. Vor unzähligen Holoschirmen, Armaturen und Steuervorrichtungen befand sich eine einzelne Person in einem großen Stuhl. Sie war den Anzeigen und Diagrammen zugewandt und schien von den blutigen Kämpfen direkt hinter ihr recht unbeeindruckt.

Ronus wagte es nicht, sich zu bewegen. Mit einem leeren Blick starrte er irgendwo ins Nichts. Dann musste sie es sein. Sie hatten sie gefunden! Aven hatte ihr Ziel vor Augen und ein Schwert in der Hand. Sie würde nicht davonkommen. Er wollte einen Schritt nach vorne machen, in Richtung dieser Person, in Richtung derjenigen, die er als Amarra Orukh ausmachte. Er musste es zu Ende bringen, seine Klinge-

Er kam prompt ins Straucheln, seine Beine waren wackelig und sein Verstand zunehmend benebelt. Was geschah mit ihm?

Seine Schwerter… seine Magie… seine Seele…?

„Wirklich interessant“, fügte die Person im Stuhl hinzu und drehte sich langsam zu ihnen um. Vor ihm saß eine drahtige Vryrrakh in einem langen, weißen Gewand, ihre faltige Haut ein ausgebleichtes blassrosa und ihr Blick scharf und stechend. Analytisch und kalt. In seinen wirren, kreisenden Gedanken sah er eine Hierophantin in ihr. Wissensdurst. Macht. Das große Ganze, um jeden Preis. Aven ging unwillkürlich in die Knie, ihm war speiübel. Sein Schwert hielt er weiterhin fest umgriffen, doch jede Kraft es einzusetzen fehlte ihm.

Die Vryrrakh hingegen erhob sich und ging langsam auf ihn zu. „Tatsächlich gibt es in Glaerst einen Shircon“, sagte sie mit einem gewissen Unterton in ihrer Stimme. Sie kam näher, Ronus bewegte sich kein Stück. Aven hielt eine Hand fest über seine Seele, irgendetwas Merkwürdiges passierte mit ihm.

„Einen echten, mächtigen Shircon, mit Schattenmagie und schwebenden Schwertern. Noch nie habe ich einen aus der Nähe gesehen“, murmelte sie, kam direkt vor ihm zu stehen und beugte sich zu ihm herab. Mit einer Hand hob sie sein Kinn an, zwang seinen Blick nach oben. Aven hätte sie weggeschlagen, ihren Arm abgetrennt, ihren Kopf… doch wie gelähmt saß er da, wusste nicht einmal mehr, wie er Worte formen sollte.

„Zeig mir, wer hinter dieser Maske steckt, Schatten“, zischte sie und griff nach seiner Maske – im selben Moment riss etwas an ihm und sein Körper flog zurück, auf den Boden. Aven hatte nicht mehr die Kraft, nachzusehen was los war. Ihm war so schlecht, sein Kopf fühlte sich schwer an, sein Inneres leer.

„FASS IHN NICHT AN!“

„Ah, da ist er ja. Der verlorene Sohn, D-41.“





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Alles in ihm brannte, brannte und brannte – doch er spürte nur das Rieseln der Asche, nicht mehr die Kraft des Feuers.

Er hörte nicht einmal genau die Worte, die sie sprach. Doch ihre Stimme sickerte durch jede Faser, jede Zelle seines Körpers, jede Windung seines Gehirns. Ihm war, als rissen mit einem einzigen Satz all die alten Wunden wieder auf, Eiter und Blut flossen heraus und ließen ihn kraftlos zurück. Regungslos. Machtlos.

All die Jahre, die sie ihm gekostet hat. Die sie allen ihren Opfern gekostet hat. All die vergeudeten Leben, all das Blut an seinen Händen, all die Narben in seiner Haut und seinem Verstand. All das Leid spielte sich vor seinem geistigen Auge ab und lähmte ihn. Ihre Worte ließen ihn brennen, doch nicht kraftvoll, sondern jämmerlich. Alles stand in Flammen, und sie war die Brandstifterin. Und doch war er hilflos in ihrem Angesicht. Er wagte es nicht einmal, sich umzudrehen. Er hatte Angst davor. Angst, sich zu verlieren. Angst, dass er zu Asche zerfiel.

Er musste etwas tun. Er musste doch, oder? Sie hatten es hergeschafft, sie hatten gekämpft und alles gegeben. Er hatte so viele ihrer Opfer zerfleischt, dass er noch immer ihr Blut auf seiner Zunge schmeckte. Um hierher zu kommen, war er genau das Monster gewesen, das sie aus ihm gemacht hatte.

Doch allein ihre Stimme ließ das Blut in seinen Adern gefrieren und all die Albträume an den Rändern seines Sichtfelds tanzen.

„Zeig mir, wer hinter dieser Maske steckt, Schatten.“

Ronus zuckte zusammen und das Rieseln der Asche stoppte. Er wandte sich um, und sie hatte ihre Hand an seinem Hals. Das Klirren der Schwerter. Das schwarze Blut. Die Hitze bewegte ihn wie von selbst, er sprang zur Seite und riss an Avens Umhängen, sodass es ihn von ihr wegschleuderte. Er blieb auf dem Boden liegen, regungslos. Was hatte sie mit ihm gemacht? Aven hatte sich kaum mehr bewegt, er wirkte kraftlos. Nicht noch einmal… nicht hier… Der Zorn brannte sich durch sein Inneres. Sein Blick richtete sich auf Orukh.

„FASS IHN NICHT AN!“, knurrte er und spürte, wie die Hitze anfing alles zu verzerren.

„Ah, da ist er ja. Der verlorene Sohn, D-41“, stellte sie nüchtern fest und öffnete einen Holoschirm von ihrem Handgelenk. Sie tippte darauf herum und sprach einfach weiter: „Der Vorfall auf dem Basar damals hat sich herumgesprochen und mir war klar, dass du das sein musst. Aufgrund der aktuellen Lage nehme ich an, dass der letzte Fehlschlag der D-Reihe, den ich zu dir geschickt habe, zerstört und zurückverfolgt wurde.“ Ihre Stimme klang faktisch und kalt, als sie über ihn und das mechanische Experiment sprach. Sie hatte sich kein Bisschen verändert.

Ronus wusste nicht, was er erwidern sollte. Die Hitze ließ seinen Körper verschwimmen, doch er zögerte. War es Angst? Oder sein letzter Funken Verstand? Am besten sollte er sie einfach umbringen, jetzt sofort. Aber Aven lag wehrlos hinter ihm, direkt neben einem Eingang…

„Nun, D-41“, sagte sie weiter und sah von ihrem Holoschirm auf.

„Nenn mich nicht so“, zischte er bloß zurück. Er erntete nicht mehr als einen irritierten Blick.

„Deinetwegen habe ich gerade eine etwas zweifelhafte Situation vor mir. Die Verluste sind deutlich höher ausgefallen als erwartet. Der Shircon und du habt mithilfe eurer kleinen Kampftruppe sehr viele meiner Kräfte ausgelöscht“, erklärte sie und las dabei weiter ungerührt Daten von ihrem Holoschirm ab. „Einige Schiffe habe ich im Kampf gegen die Flotte von Prahont verloren und Teile der Basis sind schwer beschädigt.“

‚Zurecht‘, dachte Ronus nur wütend und blieb in einer angespannten Abwehrhaltung vor Aven stehen.

„Aber angesichts der wertvollen Zugewinne, ist es wohl dennoch ein zufriedenstellender Verlauf.“

… Was?

„Die Schiffe der Wosorgh und der Concordia an Bord sind sichergestellt und zweckdienlich, die meisten Gefangenen in guter Kondition und jetzt haben wir mit dem a’Shir noch ein sehr seltenes Exemplar dazugewonnen. So können wir zuversichtlich aufbrechen. Außerdem hast du die unvollkommenen, schwachen Krieger in meinen Reihen aussortiert. Ich sollte dir wohl danken, D-41.“ Und mit diesen Sätzen warf sie ihm ein Lächeln zu, garstig und eiskalt.

Ronus explodierte und stürzte sich brüllend auf sie, die Flügel gespreizt und die Klauen ausgefahren – doch ein unsichtbarer Schild warf ihn zurück und ließ seinen Angriff verpuffen.

„Ach, du denkst doch nicht wirklich, ich würde einem Shircon und einem wildgewordenen Draconiden wie dir ohne jede Vorsichtsmaßnahme gegenübertreten, oder?“, fuhr sie fort und das Lächeln blieb fest auf ihren Lippen. „Nun, für den Shircon hätte wohl auch das hier ausgereicht“, sagte sie und hielt ein kleines Gerät hoch, dass sie in der Manteltasche hatte.

„Was hast du mit ihm gemacht!?“, schrie er sie an und rappelte sich dabei wieder auf.

„Nichts, ich habe nur ein Störsignal für seine Schattenmagie aktiviert. Und siehe da, ohne ihren magischen Klimbim und ihre Seelenschwerter sind sie relativ schnell außer Gefecht.“

Ronus warf einen Blick über seine Schulter, dahin, wo Aven immer noch reglos auf dem Boden lag und ballte die Hände zu Fäusten. Er fühlte sich, als würde die Welt unter seinen Füßen zerfallen. Er war kurz davor, ins Nichts zu stürzen – und er spürte es kommen. Den Abgrund. Den Zusammenbruch. Nicht einmal das Feuer würde ihn noch halten können-

„Also gut, wenn wir hier fertig sind, dann können wir ja zur Normalität zurückkehren“, sagte sie faktisch und tippte etwas auf ihren Holoschirm.

Die Türen öffneten sich, Ronus drehte sich abrupt um und hastete zu Aven. Er musste ihn hier rausschaffen, wenigstens ihn! Sie durfte ihn nicht in die Finger kriegen. Unterwegs hob er seine beiden Schwerter auf, dann zog er Avens schlappen Körper zu sich und schaute sich im Kommandoraum um. Wohin konnte er gehen? Wie konnte er ihn von diesem Gerät wegbringen, das seine Seele störte? Verdammt, was konnte er tun?

Ronus‘ Herz schlug ihm bis zum Hals und die Hitze, die gerade noch seine Grenzen zum Verschwimmen gebracht hatte, verflüchtigte sich langsam. Er spürte, wie er auseinanderfiel. Spürte, wie die schiere Angst und Hilflosigkeit sich in ihm ausbreiteten. Schmerzen, Panik und Übelkeit. Sobald die Flammen verglühten, würde ihn all das überschwemmen. Er hatte keine Kraft mehr übrig. Er hatte nur noch das Feuer, das ihn mühevoll zusammenhielt.

Die Wachen, die aus den geöffneten Türen hereinströmten, stellten sich in Reih und Glied auf. Einige Experimente waren darunter, aber auch Wissenschaftler und Forscherinnen. Ronus umschloss Aven noch fester, legte schützend seine Flügel um ihn und knurrte alle an, die näherkamen.

„Gib auf, D-41. Du kannst hier nicht gewinnen. Das konntest du nie.“

Sein Körper begann zu zittern, als sich die Verzweiflung ausbreitete. Er knurrte noch lauter.

Dann bemerkte er eine kleine Gestalt, die den Raum betrat. Sie ging hinter einigen Wachen vorbei und trat schließlich nach vorne, direkt vor ihn. Sein Blick wanderte an der Gestalt hinauf. Sie trug einen hellen Anzug, der ihren Körper bedeckte. Das linke Bein war nicht bedeckt, denn es war eine bionische Prothese. Der linke Arm war ebenfalls ersetzt worden – eine lange Klinge befand sich statt einer Hand daran. Ihr Hals war schmal, zierlich und von hässlichen Narben bedeckt. Ihr linkes Auge und der Bereich darum waren aus Metall und Kunststoff, das linke Ohr fehlte auch. Das restliche Gesicht war ebenfalls von Narben bedeckt.

Doch ihre Haare waren lang und strahlten in allen Nuancen zwischen Lila und Violett. Ihr rechtes Ohr war lang und spitz, wie das einer Nyar.

Und ihr rechtes Auge war genau das Violett, das er so oft in seinen Albträumen sah. Eine Farbe, in der er sich selbst verlieren konnte, vor Schuld und Reue. Vor Angst. Vor Wut. Vor Bedauern.

Ihr rechtes Auge starrte ihn an, erbarmungslos und kalt.

„Arlandria“, sagte er nur.

Und sein Feuer erlosch.





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Shame, shame go away, come again some other day
Memories keep haunting me, help me chase them all away

Hush, now, settle down, button up, don't make a sound
Close your eyes, turn around, help me burn this to the ground

Come now, take the blame, that's OK I'll play the game
I don't care it's all the same, watch it all go up in flames

Use me up, spit me out, let me be your hand-me-down
Fame, fame, go away, come again some other day



Arlandria – Foo Fighters



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