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Fortress

von RADP
GeschichteSci-Fi, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
04.01.2018
01.05.2021
24
228.148
12
Alle Kapitel
36 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
04.01.2018 8.504
 
Anmerkungen:
Willkommen, liebe Leser*innen!
Diese Geschichte spinnt mir schon seit Monaten im Kopf herum, und nun nimmt sie Wort für Wort Form an - ich hoffe ihr findet was daran. Lasst mich gerne wissen, was ihr dazu zu sagen habt.

> Infos vorne weg:
Das Ganze spielt sich in einem Sci-Fi Setting ab, hat aber den Fokus eher auf der Entwicklung der Protagonisten. Wer Sci-Fi nicht mag, findet eventuell trotzdem was daran, bzw. wer vor allem Sci-Fi mag, ist eventuell nicht so begeistert hiervon.
Jedes Kapitel ist nach einem Song benannt, der entweder die Stimmung wiedergibt, eine Szene inspiriert hat oder dessen Lyrics sich gewissermaßen wiederfinden. Am Ende jedes Kapitels findet sich eine Stelle daraus. Ich empfehle den geneigten Lesern reinzuhören, aber hey - ich kann euch nicht zwingen. ;) Zum Verständnis sind die Lieder nicht notwendig.

> Warnungen vorne weg:
Das wird ein ziemlich slower Slow Burn. Also.. so richtig, richtig slow. Ich wollt's nur mal gesagt haben.
Außerdem kommen in dieser Story einige heftige Themen auf: Psychische Probleme, Panikattacken, Albträume, Beschreibung von Gewalt, etc. Wenn euch sowas stört, würde ich vom Lesen eher Abstand nehmen.

Na dann, viel Spaß.

(Ergänzung: Wer wissen möchte, wie ich mir die Hauptcharaktere circa vorstelle, kann sie sich hier ansehen: Link zum Twitter-Post. [Spoiler: Nimmt Inhalte von Kapitel 2 vorweg. UND ich bin kein allzuguter Zeichner.] Wer sich lieber selbst ein Bild macht, darf es gerne einfach ignorieren und loslesen. :D
Weitere Ergänzung: Es gibt jetzt auch eine Playlist mit allen Kapiteltiteln UND auch einen Ausblick auf die nächsten Lieder auf Spotify: Link zum Fortress-Soundtrack. Hört gern mal rein!)





Kapitel 1 – Keep Your Eyes Peeled



Ronus war übel.

In dem kahlen Gang, in dem er wartete, schien kühles Licht auf ihn herab. Die Wände aus Metall wirkten glanzlos und eintönig. Als hätten sie schon viel zu viele Blicke zu spüren bekommen und in Folge dessen irgendwann aufgegeben in irgendeiner Form besonders zu sein. Gleichförmig, gleichgültig, glattgeschliffen, ausdruckslos, kalt. Auch er hatte solche Wände schon tausendfach angestarrt und ihnen den letzten Funken Originalität weggeschaut, mit seinen Augen abgeschabt und die unsichtbaren Späne im Nirgendwo versickern lassen.

Mit jedem Mal, das er hier warten musste, wurde es noch deutlicher spürbar. Er gehörte hier nicht hin. Nicht in diesen hässlichen, tristen Gang, der so ausgelutscht und leer war, und nicht in dieses riesige Gebäude, das voller austauschbarer Gestalten war, genauso nichtssagend und monoton wie die Wände. Ihm war, als würden sie ihn verhöhnen, mit seinem verzerrten, kaum auf dem matten Metall wahrnehmbaren Spiegelbild. Ronus war fehl am Platz. An jedem Platz bisher. Und darüber war er so wütend, dass ihm schlecht wurde. Besonders, wenn er wieder einmal hier warten musste.

Er kehrte seinen Blick von den schalen Wänden ab, ließ ihn an der Tür neben sich vorbeigleiten, und schloss für einen Moment die Augen. Vielleicht konnte er seinen Magen noch etwas beruhigen. Durch seine Lider konnte er nach wie vor einen fahlen Lichtschein des erdrückenden Flurs erkennen. Aus dem Raum hinter der Tür ließ sich eine gedämpfte Stimme vernehmen, doch Ronus hörte nicht wirklich hin. Die Übelkeit und die Wut rumorten gleichermaßen in seinem Inneren, und er versuchte zaghaft sich zu konzentrieren, sich abzulenken, seinen Geist irgendwie zu beschäftig- „ANCOAR!“, riss ihn plötzlich eine donnernde Stimme aus den Gedanken. Ronus zuckte zusammen, öffnete seine Augen und seufzte entnervt. Langsam drehte er sich zur Tür um und betätigte die Schaltfläche. Er war sicher, dass er seinen Mageninhalt nicht mehr lang kontrollieren konnte.


____________________



Die Luft im Zimmer war stickig und abgestanden. Es roch nach kaltem Angstschweiß und Pflichterfüllung der unangenehmeren Sorte. Kühles Licht fiel von den Deckenleuchten herab und hüllte das karge Büro in eine klinisch-reizlose Atmosphäre. Der uniformierte Mann am Schreibtisch war groß gewachsen, von bulliger Statur und umgeben von einer Aura, die keine Widerrede zuließ. Der stämmige Wosorgh tippte mit seinen blassblauen Pranken auf dem Holoschirm einige Informationen ein, seinen Blick fest darauf gerichtet. Sein Gesicht sah hart und kantig aus, kampfgestählt und unnachgiebig. Seine gelben, pupillenlosen Augen ließen einen strengen Ausdruck über das Geschehen vor sich schweifen und schließlich, nachdem seine Finger das Tippen einstellten, auch auf Aven, der seit einigen Minuten regungslos und still vor dem Schreibtisch auf einem Stuhl saß und ihn beobachtete.

„Kadett Surron“, spuckte er schließlich aus.

Aven schwieg und sah ihn weiter an. Sein Gegenüber hatte eine tiefe, raue Stimme, die seinen Zügen perfekt entsprach.

„Nehmen Sie die Maske ab. Sie sprechen mit Ihrem Vorgesetzten.“

Technisch gesehen redete er nicht einmal. Und technisch gesehen war der Kommandeur noch nicht sein Vorgesetzter. Er warf zum wiederholten Male einen Blick auf die Fenster, die alle verschlossen und abgedunkelt waren. Dann zog er sich die Maske vom Gesicht und behielt sie in seiner Hand. Seine Augen ruhten erneut auf dem Wosorgh vor ihm.

Nach einigen Sekunden Stille wurde diesem wohl klar, dass das Schweigen seine Antwort darauf war und er setzte seinen Monolog in einer strengen Tonlage fort.

„Wie ich den Unterlagen entnehme, bringen Sie für das Mitwirken in dieser Organisation alle notwendigen Voraussetzungen mit. Höchst erfreulich.“

Der Wosorgh wirkte nicht im Geringsten erfreut. Eher irritiert und misstrauisch. Aven schwieg.

„Warum sind Sie hier?“

Auf ihm ruhte der unnachgiebige Blick der gelben Augen.

„Leutnant Elphom hat mich angewiesen Ihr Büro aufzusuchen.“

„Das ist mir klar, sparen Sie sich solche Anmerkungen. Ich frage, WARUM Sie hier sind?“

Aven erwiderte den mittlerweile leicht gereizten Blick seinerseits mit Gleichgültigkeit. Der Wosorgh fuhr nach einigen verstrichenen Sekunden fort, ohne eine Antwort abzuwarten. Er konnte ihm die ungeduldige Anspannung ansehen und anhören.

„Hüten Sie sich, mir hier ein Schweigemärchen auftischen zu wollen, es wird nicht funktionieren“, zischte er scharf und atmete daraufhin tief ein. „Mir sind die Riten Ihres Volkes bekannt. Ich kann sehen, dass Sie ein voll ausgebildeter Shircon sind. Sie tragen die Maske der Ahnen, die weißen Mäntel der drei Tugenden, die Doppelklingen des Seelenbruchs, und beherrschen mit Sicherheit auch den ganzen anderen Schnickschnack, der bei Ihresgleichen dazugehört. Was also suchen Sie hier?“ Die Geringschätzung und Rage waren nur schwer zu überhören. Der Wosorgh fügte dann noch mit einem misstrauischen Ausdruck hinzu: „Warum dienen Sie nicht in der Armee der a’Shir?“

Avens Blick ruhte nach wie vor auf dem bulligen Koloss vor sich. Seine Stimme war ruhig und leise, als er zu sprechen ansetzte.

„Ich habe in der Zelchail gedient, Kommandeur Sator. Ich habe Unzählige getötet, ermordet, enthauptet und so fort. Ich habe auch einige andere Dinge getan. Und jetzt bin ich hier.“

„Pah. Wollen Sie mir weismachen, Sie sehnen sich nach einem Tapetenwechsel? Sie wissen schon, wo Sie hier sind, nicht wahr?“

„Im Büro von Kommandeur Sator, dem zuständigen Leiter der Basis Lachanx des Friedenskorps Concordia.“

Der Wosorgh machte den Anschein als würde er gleich zerbersten. Er kniff seine Augen zusammen und eine Ader trat deutlich sichtbar an seinem Hals hervor. Aven beobachtete die abenteuerlichen, wechselhaften Regungen der Augenbrauen, Mundwinkel und Stirnfalten. Ihm schien es fast, als passten dem Kommandeur seine Antworten schlichtweg deshalb nicht, weil sie mit einer ruhigen Gleichgültigkeit aus seinem Mund kamen und er nicht so einen Tanz mit seinen Gesichtsmuskeln und seiner Stimme aufführte. Sators nächste Worte hatten einen drohenden Unterton intus, der den a’Shir vor ihm in keiner Weise beeindruckte.

„Ganz genau – das hier ist eine Friedensorganisation. Keine Eroberungsarmee. Wir nehmen hier auf Lachanx die Aufgabe, Stabilität und Harmonie in der Galaxie Glaerst zu bewahren, durchaus ernst. Ich warne Sie, machen Sie sich nicht lustig.“

„Ich nehme an, dass in einer solchen Organisation meine Fähigkeiten durchaus zu gebrauchen sind.“ Aven blieb fokussiert und kam jetzt zum Punkt – er hatte keine Lust mehr auf das wirbelnde, unbeherrschte Gesicht vor sich. „Kommandeur, ich bin nicht hier um Sie zu verärgern oder mir die Zeit zu vertreiben. Ich bin hier, um der Concordia meine Dienste anzubieten. Wollen Sie diese oder nicht?“

Der Wosorgh blickte ihn weiterhin misstrauisch und gereizt an. Er schien abzuwägen, was er als nächstes sagen sollte. In seinen zusammengekniffenen Augen erkannte Aven einige Momente später, dass seine Entscheidung gefallen war. Er räusperte sich kurz, versuchte die Fassung zurückzugewinnen und erklärte dann in einem strengen Tonfall:

„Sie verpflichten sich hiermit, der Concordia nach bestem Wissen und Gewissen in Einsätzen, die dem Wohl der Allgemeinheit, der Galaxie und allen freien Völkern, und außerdem dem Erhalt und dem Ausbau von Stabilität, Harmonie und Frieden zu Gute kommen, loyal und bereitwillig zu dienen. Haben Sie das verstanden, Kadett Surron? Dann sprechen Sie: Ich habe verstanden und verpflichte mich zu dienen.“

Der drohende Unterton war nicht ganz verschwunden, als er diesen Eid wie auswendig gelernt rezitierte. Scheinbar wollte er die Sache jetzt so schnell wie nur möglich hinter sich bringen und nicht mehr länger Zeit verschwenden. Nach kurzem Innehalten ertönten, so ruhig und ebenmäßig wie schon die ganze Zeit, Avens Worte.

„Ich habe verstanden und verpflichte mich zu dienen.“

Der Wosorgh nahm das zur Kenntnis, rümpfte die Nase ein wenig und sein Ausdruck wirkte ein klein wenig entspannter als zuvor. Er tippte ein, zwei Mal auf den Holoschirm, scheinbar um etwas zu bestätigen, und wirkte von der ganzen Prozedur mehr als entnervt. Anschließend holte er ein kleines Objekt aus einer Schublade, legte es vor sich auf den Tisch und fuhr so ungerührt wie nur möglich mit seinem Monolog fort:

„Sie bekommen als Kriegerkadett diese Rüstung von der Concordia gestellt, die verpflichtend getragen werden muss. Es steht Ihnen frei, Ihre anderweitigen Kleidungsstücke und Waffen weiterhin zu tragen. Sie bekommen einen Partner zugeteilt, mit welchem Sie Training, Aufträge und Missionen durchführen werden. Die ersten Wochen werden Sie hier in der Basis bleiben, die Grundausbildung der Concordia absolvieren und lernen eine Einheit mit ihrem Partner und weiteren Teams zu bilden. Haben Sie dazu noch Fragen?“

Aven schwieg. Er hatte für einen Augenblick das kleine Objekt auf dem Tisch begutachtet, welches wohl die Rüstung sein sollte. Sein Blick ging zurück zum Kommandeur, und ihm entging nicht, dass dieser eine Augenbraue anhob und sein Mund eine Grimasse formte, die entfernt an ein abfälliges Grinsen erinnerte.

„Das dachte ich mir, die Gleichgültigkeit Ihrer Spezies ist berechenbar.“

Bemerkenswert, dachte der a’Shir bei sich, dass der Kommandeur diese Feststellung jetzt machte, nachdem er sich das ganze Gespräch lang über genau diese Eigenschaft aufgeregt und empört hatte: Unmissverständlich war es in dessen Ton, Worten und Gesicht abzulesen gewesen, dass ihn die Undeutbarkeit seines Gegenübers zur Weißglut brachte. Avens Miene blieb meist ausdruckslos, auch ohne seine Maske – er hatte diesen spektakulären Fassadenzirkus nie als nützlich erachtet.

Nach kurzer Stille sprach Sator weiter, diesmal mit einem schwer zu deutenden Ausdruck, in dem unter anderem Frustration zu erkennen war. Und Schadenfreude?

„Dann wollen Sie mal mit Ihrem Partner bekannt machen. Ich hoffe, Sie können gut mit Menschen.“

Kommandeur Sator brüllte: „ANCOAR!“


____________________




Die Tür öffnete sich mit einem surrenden Geräusch nach oben hin und gab den Weg in das Büro von Kommandeur Sator frei. Ronus hasste diesen Raum. Nun, nicht unbedingt nur den Raum an sich, der dieselben hässlichen, toten Wände wie der Gang draußen hatte, sondern eher die Gesamtsituation, die mit diesem Raum zu tun hatte. Ihm war kotzübel, als er die paar Schritte, vorbei an dem besetzten Stuhl in der Raummitte, bis vor den Schreibtisch des genervten, alten Wosorgh ging, dem er schon von weitem seine schlechte Laune ansehen konnte. Und dieser wiederum konnte ihm wie üblich ansehen, dass den Kadett das alles hier nicht sonderlich interessierte.

Alle paar Wochen trafen Sie so aufeinander: der Kommandeur gleichermaßen pflichtbewusst wie frustriert und Ronus wütend, desinteressiert und dazu blass im Gesicht vor Übelkeit. Er dachte bei sich, dass der Kommandeur eigentlich froh sein konnte, dass er ihm nicht jedes verdammte Mal auf den Schreibtisch kotzte. Im Grunde wäre es durchaus reizvoll diesem unsympathischen Bullenwesen einen Haufen halbverdauten Kantinenfraß vors Gesicht zu katapultieren, aber auf die Konsequenzen hatte Ronus wenig bis gar keine Lust. Er hatte so schon keine Lust wieder hier zu stehen und seinen vermutlich hundertzwölften neuen Partner zu treffen. Schon vor einer ganzen Weile hatte er aufgehört zu zählen. Im Grunde wusste er nicht einmal, warum er überhaupt noch bei der Concordia war, denn er war bestenfalls so etwas wie ein schwer vermittelbares Kind, mit dem niemand zurechtkam. Und jetzt saß wieder eine arme Seele da, die Sator dazu verdonnert hatte, es zu versuchen.

Der Wosorgh sprach mit gereizter Stimme, in der eine gewisse Schadenfreude mitschwang. Er konnte nicht genau zuordnen wem sie galt, was Ronus‘ Augenbraue hochzucken ließ.

„Kadett Ancoar. Das ist ihr neuer Partner, Aven ii’Coron daq Surronye vom Volk der a‘Shir.“

Ronus sagte nichts, sondern drehte sich nach rechts hinten, um sich die seltsame Gestalt auf dem Stuhl genauer anzusehen. Der Typ saß aufrecht da und war in mehrere weiße Stoffschichten gehüllt, die bis zum Boden reichten und seinen Kopf mit einer großen Kapuze bedeckten. In einer Hand hielt er etwas, das wie eine Maske aussah und unter der Kapuze erkannte er ein äußerst menschenähnliches Gesicht, was ihn – im Gegensatz zu der hässlichen blauen Fresse eines Wosorghs – ein klein wenig freute. Doch seine Züge schienen feiner und die Haut des Mannes war um einiges blasser als die eines regulären Menschen, annähernd weiß. Die Augen, die auf ihn gerichtet waren, wirkten dagegen als wären sie komplett schwarz und sie schienen ihn förmlich zu durchlöchern. Ronus lief ein kalter Schauer über den Rücken und seinem ohnehin unruhigen Magen tat das unheimliche Gefühl, das ihn überkam, auch nicht gerade gut. Er hörte nur peripher, dass der Kommandeur weiterredete, während er den Blick vom Gesicht des a’Shir abwandte und ihn weiter musterte.

„Kadett Surron, das ist Ronus Ancoar vom Volk der Menschen.“

Ronus verzog ein wenig den Mund ob dieser bitteren Bemerkung, ließ seinen Blick jedoch nicht von dem anderen Kadett abschweifen. Er hatte noch nie einen Vertreter dieser lichtscheuen Spezies gesehen, aber er hatte schon vom Schattenvolk und seinen Elitekriegern gehört: Von ihren weißen Gewändern, ihren Masken, wie sie dieser in der Hand hielt, die das Gesicht komplett hinter einer weißen Fassade mit blassgrauen Mustern verhüllten, und von ihren ach so herausragenden Fähigkeiten. Die Erzählungen waren ihm wie Märchen vorgekommen, weil sie dermaßen absurd klangen. Aber hier saß nun ein Schatten vor ihm und hatte ernsthaft drei gleiche Umhänge auf einmal an. Ronus wandte schließlich den Blick ab, schnaubte betont unbeeindruckt und schaute Kommandeur Sator an. Mit einem genervten Ausdruck und einem hämischen Unterton überspielte er Unwohlsein und Verwunderung, und fragte in den Raum:

„Dieser lächerliche Fetzenprinz soll mein neuer Partner sein?“

Der Kommandeur bekam in Sekundenschnelle ein dunkelblaues Gesicht, die altbekannte pulsierende Ader am Hals und einen Gesichtsausdruck, der definitiv nichts Gutes verhieß. Ja, er erhob sich sogar blitzartig von seinem Sitz und stand imposant, wie ein Stier der das obligatorische rote Tuch sah, und sehr, sehr wütend an seinem Schreibtisch, beide Pranken zu Fäusten geballt. Das musste ein neuer Rekord sein, sogar für Ronus, der sehr erprobt in diesem doch eher speziellen Sport war. Ein Funken Stolz schlich sich in sein Grinsen, immerhin hatte diese einzelne Frage gereicht, um eine Explosion herbeizuführen, deren Zündung gerade losging. Rache für den verstimmten Magen sozusagen. Während diese Reaktion allerdings absehbar war und Sator wie gewohnt zum belehrenden Gebrüll ansetzte, drehte er sich jetzt für einen Augenblick zu dem a’Shir um und suchte dessen Gesicht nach einer ähnlichen Erschütterung ab – doch da war nichts. Einfach gar nichts. Kein verzogener Mund, keine Falten in der Stirn, keine gekräuselten Augenbrauen, kein strafender Blick. Nichts. Nur die bohrenden, dunklen Augen, die immer noch auf ihn fixiert waren. Ronus hielt dem Blick der beiden schwarzen Löcher nur kurz stand, dann drehte er sich schnell wieder dem losbrechenden Donner des Kommandeurs zu.

„Ancoar, was bilden Sie sich eigentlich ein?! Ich dulde solche Ausfälligkeiten nicht in meinem Büro! ICH DULDE SOLCHE AUSFÄLLIGKEITEN ÜBERHAUPT NICHT! Sie wissen genau, dass Sie wegen Ihres störrischen Gehabes schon genug Probleme anhäufen. Also reißen Sie sich gefälligst zusammen und achten Sie auf Ihren Wortlaut. Mir steht Ihr undiszipliniertes Verhalten bis hier! Benehmen Sie sich wie ein Soldat, nicht wie ein kleines, unverschämtes Kind. Ich verlange nicht, dass Sie beste Freunde werden, sondern dass Sie miteinander arbeiten und sich nicht gegenseitig umbringen.“

Die Tirade umfasste soweit die üblichen Elemente, die Sator an dieser Stelle immer brachte, und Ronus nahm sie mit seinem üblichen gelangweilten Gesicht, abgesehen von dem unguten Gefühl des Blicks in seinem Nacken, entgegen. Er überlegte noch, ob er einwerfen sollte, dass dieser manteltragende Hampelmann ihn ohnehin nicht umbringen könnte, als er bemerkte, dass Sator innehielt. Die Intensität seines Ausbruchs schien dieses Mal doch eine andere zu sein, denn der Kommandeur unterbrach sein Gebrüll nach dem „nicht gegenseitig umbringen“-Part, um auf den Holoschirm zu schauen. Das war neu. Eigentlich sollte noch der „Es geht um Zusammenarbeit“-Part der Rede kommen und dazu irgendwelche Floskeln über Teamwork. Ronus beobachtete ihn leicht verunsichert und versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Der Gesichtsausdruck des Kommandeurs wechselte mit dem Blick auf den Holoschirm überraschend schnell von offensichtlich wütend auf leise brodelnd – sogar die Ader schien weniger zu pulsieren. Nach einer Pause sprach er weiter und der spezifische, ruhig-drohende Ton der nächsten Sätze ging Ronus durch Mark und Bein.

„Sie haben aufgrund Ihrer besonderen Umstände bereits unzählige Versuche bekommen, in dieser Organisation Fuß zu fassen, Ancoar. Betrachten Sie diesen hier als Ihren letzten. Sie werden mit Kadett Surron eine Einheit bilden und Sie werden für die Concordia arbeiten. Und ich warne Sie: Wenn Sie das nächste Mal hier vor mir stehen, werden wir ein anderes Szenario durchspielen.“

Der Kommandeur fixierte ihn und verzog keine Miene. Es war ihm Ernst. Ronus schluckte sichtlich und sein Atem beschleunigte sich. Seine Übelkeit mischte sich mit leichtem Schwindel. Da war noch etwas. Erst dachte er, es wäre immer noch der unangenehme Blick des a’Shir rechts hinter ihm. Doch der war in seiner momentanen Wahrnehmung in weite Ferne gerückt, während das Gefühl langsam stärker wurde und zusätzlich neben dem üblichen Chaos auf seine Brust drückte. Es war Angst. Ronus hatte jetzt Mühe noch irgendeine Form von Fassung zu bewahren. An eine freche Antwort war nicht mehr zu denken. Sein Blick war auf den Boden gerichtet und wich dem Kommandeur aus. Er hasste das hier. Er hasste das Gebäude, die Leute, den aufbrausenden Sator, und das Essen der Kantine, welches ihm gleich wieder hochkommen würde. Aber die Drohung, die er gerade vernommen hatte, war schlimmer als all das zusammen. Sogar schlimmer als die tristen Wände im Gang.

Der Wosorgh sprach weiter und präzisierte Ronus‘ letzten ‚Versuch‘: „Sie werden Kadett Surron als ihren Partner akzeptieren und respektvoll behandeln. Sie werden ihn in die Lebens- und Arbeitsweise bei der Concordia einführen, mit ihm trainieren, ihm behilflich sein und eine verlässliche Einheit mit ihm bilden. Sie werden gemeinsam im Dienst sein und Ihre Missionen gewissenhaft ausführen. Diese Organisation fußt auf Zusammenarbeit, also beweisen Sie mir endlich, dass Sie hier nicht völlig fehl am Platz sind, Ancoar.“

Ronus schaute vom Boden auf und hatte seine Gesichtszüge nicht mehr wirklich unter Kontrolle. Er ahnte, dass er grad alles in seinem Ausdruck preisgab, denn der Blick des Kommandeurs bohrte sich förmlich in seinen Verstand und sprach Bände.

Schließlich wandte sich Sator auch wieder dem immer noch stoisch schweigenden a’Shir zu. Dieser hatte während der ganzen Zeit keinen Mucks gemacht und sein Ausdruck war völlig unverändert. Der Kommandeur sprach jetzt allgemein in den Raum.

„Sie beide werden ab jetzt zusammenarbeiten. Das bedeutet Anpassungen: Das gemeinsame Zimmer ist ab jetzt permanent abzudunkeln, wenn Kadett Surron anwesend ist. Ihr Training findet ab morgen Früh gemeinsam statt, der genaue Plan darüber wird noch heute erstellt. Sie werden sich“ – und diese Worte sagte er mit deutlichem Nachdruck und zusammengekniffenen Augen in Richtung Ronus – „nicht gegenseitig provozieren oder anderweitig respektlos behandeln. Für weitere Fragen wenden Sie sich später an Leutnant Elphom. Wegtreten!“

Der Wosorgh machte mit seiner Pranke eine ausladende, wegdeutende Geste – sowohl sein Tonfall als auch seine Ausstrahlung ließen keine Widerrede zu. Aber Ronus hatte gerade sowieso nicht vor seinen Mund zu öffnen, schon gar nicht um irgendeine Antwort zu formulieren. Er drehte sich abrupt um, ging mit raschen, leicht wankenden Schritten und starrem Blick an dem a’Shir vorbei in Richtung Tür und versuchte wenigstens noch bis zum Ausgang seinen überbordenden Würgereiz zurückzuhalten.

Er hasste das alles.


____________________




Mit einem leisen Surren schloss sich die Tür hinter dem rausstürmenden Kadett. Der Kommandeur stand nach seinem furiosen Gebrüll und dem etwas ruhigeren letzten Teil immer noch angespannt mitten im Raum. Seine Worte waren verhallt, doch ihre Bedeutung und Konsequenz schienen immer noch in der abgestandenen Luft zu hängen. Das Gesicht des Wosorghs entspannte sich jedoch merklich, als der Mensch sein Büro endlich verlassen hatte. Zumindest schien es so, bis sein Blick auf den a‘Shir fiel, der immer noch ruhig und abwartend auf dem Stuhl vor ihm saß. Seine gelben Augen zogen sich erneut zusammen und Aven wusste, dass er nun besser auch das Büro verlassen sollte.

In einer fließenden Bewegung stand er auf, legte seine Maske wieder an und nahm das kleine Objekt vom Schreibtisch in seine Hand. Bevor er sich ebenfalls zur Tür wandte, neigte er gegenüber dem Kommandeur ganz leicht den Kopf nach unten und sprach zum Abschied, genau so ruhig und bestimmt wie vor dem Geschrei: „Zmii shiron.“ Das schien den Wosorgh nur noch mehr zu reizen, doch Aven wartete seine Reaktionen nicht mehr ab. Er verließ augenblicklich das Zimmer und folgte den deutlich wahrnehmbaren Schritten seines wankenden, halb rennenden Partners. Dieser war bereits den Gang entlang und um zwei Ecken verschwunden, dabei jedoch so laut und ungeschickt, dass es ein Leichtes war, ihn unter den Bewegungen dutzender anderer Kadetten augenblicklich ausfindig zu machen. Aven glitt schnellen Schrittes durch das Gebäude, der Geräuschquelle hinterher.

Schließlich fand er sich in einem kleinen Toilettenraum wieder und der lärmende Mensch befand sich offensichtlich hinter der einzig verschlossenen der drei Kabinentüren. Die würgenden und plätschernden Laute, die er daraus vernehmen konnte, bestätigten das, was schon die ganze Zeit im Büro des Kommandeurs in dessen bleiches Gesicht geschrieben stand: haarsträubende Übelkeit. Aven lehnte sich an die Wand neben der Eingangstür und wartete.

Der Mensch hatte während des ganzen Gesprächs den absurden Tanz von Miene und Stimme mitgespielt, und war dabei mindestens genauso durchschaubar wie der Kommandeur gewesen. Schon in seinem ersten Blick Aven gegenüber hatte er, trotz der sichtlichen Bemühungen seine Reaktionen gering zu halten, deutlich Neugier, Verwunderung und Irritation gezeigt. Vielleicht war auch kurz einen Funken Hoffnung zu erkennen, aber größtenteils zeigte sein Gesicht Resignation und irgendwann einen Wandel zu einem bitteren Ausdruck bis hin zu einem geradezu lächerlich bröckelnden hämischen Grinsen. Er hatte offensichtlich versucht, zu kaschieren. Aven konnte nicht genau sagen, was diesen Menschen alles plagte – die führende Spezies der Erde galt immerhin, trotz ihres Hangs zu großartigen technischen Entwicklungen, als sehr emotional und irrational – aber es schien auf jeden Fall eine Menge zu sein, bei so einem anschaulichen Durcheinander. Als der Kommandeur in tosenden Worten explodiert war, hatte es dem Menschen zunächst kaum etwas ausgemacht. Es hatte den Anschein, dass er es gewohnt war, denn die ganze Situation deutete auf bereits unzählige Wiederholungen dieses spezifischen Szenarios hin. Die tanzende Scharade in seinen Zügen stürzte erst in sich zusammen, als der Wosorgh ruhiger geworden war und mit Nachdruck seinen ‚letzten Versuch‘ angekündigt hatte. Aven hatte nicht einmal das Menschengesicht sehen müssen, um zu erkennen, was passierte. Sein Körper war zusammengezuckt, seine Arme und Beine versteift, seine Haltung angespannt, seine Atmung schneller geworden. Angst. Und dazu die Übelkeit, die ihn jetzt im Moment noch hörbar an die Sanitäreinrichtung fesselte.

Fetzenprinz. Aven hatte schon so einige Begriffe, Bezeichnungen und Beschimpfungen gehört, die verschiedenste Völker mit den a’Shir verbanden, aber solch ein kurioser Titel war ihm noch nicht zugekommen. Die Menschen mussten eine seltsame Art der Beleidigung haben, wenn sie einen als royal diffamierten. Nichtsdestotrotz waren die ungezügelte Respektlosigkeit und das infantile Trotzverhalten, die der Mensch ausstrahlte, unbrauchbare Eigenschaften, vor allem für einen ernstzunehmenden Krieger und im Weiteren auch für einen ‚Partner‘ – ganz davon abgesehen, dass Aven ohnehin lieber alleine arbeitete. Soweit er jedenfalls die Lage nun erfasst hatte, war er, der ‚Fetzenprinz‘, die letzte Chance für diesen eigenartigen, lärmenden Erdling.

Die Spülung war inzwischen schon mehrmals betätigt und die würgenden Laute waren leiser und weniger geworden. Aven wartete schon seit einer Weile an die Wand gelehnt, als die Kabinentür aufging und der Mensch langsam herausging. Er schleppte sich, scheinbar ohne von ihm Notiz zu nehmen, zu den Waschbecken an der anderen Seite des kleinen Raums und begann sich unter fließendem Wasser Gesicht und Hände zu reinigen. Seine Haut wirkte für die üblichen Farbtöne der Menschen blass, was wohl seinem akuten Gesundheitszustand zuzuschreiben war. Seine dunkelblonden Haare standen in alle Richtungen quer vom Kopf ab und wirkten zerzaust. Seine Körperhaltung entsprach ebenfalls dem zu erwartenden Gesamtbild von jemandem, der nach Entleerung seines Mageninhalts aus einer Toilettenkabine kommt. Er zitterte ein wenig, atmete in schweren Zügen und wirkte schlapp. Aven musterte die Uniform des erschöpften Menschen genauer. Sein Körper war von einem dunklen, anliegenden Anzug aus einem matten Material bedeckt, der einige helle Streifen entlang von Torso und Gliedmaßen aufwies und außer Gesicht und Händen alles einhüllte. Er trug dazu passende Stiefel und auf der Brust ein Objekt, wie jenes, das ihm der Kommandeur gegeben hatte. Plötzlich erstarrte der Mensch und eine abrupte Spannung ging durch all seine Muskeln. Aven sah in den Spiegel, vor dem jener sich gerade das Gesicht gewaschen hatte, und Ronus starrte ihn darin mit geweiteten Augen an.

„Was zur Hölle..?!“ Der Mensch drehte sich fast augenblicklich aufgebracht um und konnte auch in seiner Stimme nur schwer verbergen, wie erschrocken er gerade zusammengezuckt war. Er sah seinen Blick flüchtig über seine Maske und seinen Körper wandern. „Warum schleichst du dich so an? Was willst du überhaupt hier? Und Scheiße, wie lang stehst du da schon?! Etwa die ganze Zeit?“ Aus seinem Mund sprudelten aufgebrachte und beschämte Vorwürfe, als Fragen verkleidet. Er hatte die jüngste Auseinandersetzung mit dem Kommandeur noch nicht einmal ansatzweise verkraftet.

„Zmii shiron, Kadett Ancoar. Ich habe hier auf Sie gewartet, damit Sie mir unser gemeinsames Zimmer zeigen können.“

Aven sprach ruhig und bewahrte die Höflichkeit, die er in Ronus‘ empörter Sprache nicht einmal in kleinsten Mengen feststellen konnte. Die beiden bernsteinfarbenen Augen waren erneut außerordentlich leicht zu lesen. Überrumpelt und verwirrt, dass seine wütenden, ziellosen Gedanken und Worte keine merkliche Reaktion hervorriefen, blickte ihn der Mensch einfach nur an. Avens Ruhe, die Ausdruckslosigkeit der Maske und das Fehlen der erwarteten Angriffigkeit und Abschätzigkeit in seiner Antwort, hatten ihn aus der Bahn geworfen. Es forderte ihn sichtlich, sich wieder etwas zu fassen und etwas zu entgegnen.

„Ugh. Dann komm mit“, murmelte er angestrengt und resigniert zugleich. Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich zur Tür und ging schnellen Schrittes voraus in Richtung ihres Zimmers. Aven folgte ihm lautlos und rasch. Ronus wankte nicht mehr so wie zuvor, war jedoch immer noch leicht am Klang zu erkennen. Sein schneller Gang wirkte zielgerichtet, aber auch ein wenig als würde er flüchten. Mehrmals bemerkte er, dass sich der Mensch irritiert zu ihm umdrehte, als würde er überprüfen, ob er ihm immer noch folgte, nur um dann den Mund zu verziehen und wieder nach vorn zu blicken. Aven reagierte nicht weiter darauf, obwohl er sich über die Blicke wunderte. Als wäre es für ihn, einen Shircon, schwierig, einem so lauten Individuum bei wahrlich moderatem Tempo auf der Spur zu bleiben.

Nach einer Weile kamen sie in jenen Bereich des Gebäudes, in denen sich unzählige Türen aneinanderreihten – die Kadettenquartiere. Ronus führte ihn über einige Stockwerke hinauf, bog noch ein paar Mal ab und blieb dann am Ende eines langen Flurs vor einer Tür stehen. Er verschränkte seine Arme vor der Brust, machte mit dem Kopf eine Geste in Richtung des Zimmers und sagte mit einem halb genervten, halb erschöpften Ton: „Hier. K4024. Den restlichen Scheiß kannst du dir ja wohl selber organisieren. Ich bin weg.“ Mit einer stürmischen Bewegung drehte er sich um und bevor der a’Shir noch etwas erwidern konnte, stampfte er davon. Die Schritte waren wie erwartet noch eine Weile sehr deutlich zu vernehmen.

Aven ließ den absonderlichen Menschen ziehen und betrat schließlich das Zimmer. Es war nicht besonders groß, und hatte mittig gegenüber der Tür ein Fenster, vor dem ein Tisch und zwei Stühle standen. Links und rechts befand sich jeweils ein höhlenartig in die Wand eingelassenes Bett. Neben jedem Bett, näher an der Tür als am Fenster, befand sich eine Schranktür in der Wand. Hinter den Betten führten zwei Türen in kleinere Sanitärräume, eine Toilette und ein Bad, wie Aven feststellte. Hier würde er also nun vorerst bleiben. Im Grunde konnte er nicht klagen, im Vergleich zu den Armeequartieren auf Zel wirkte dieses Zimmer luxuriös. Der unangenehme Teil lag eher auf der linken Seite des Zimmers dargeboten: Das Bett war in Unordnung, die Schranktür offen und es lagen irgendwelche Kleinigkeiten herum. Es war offensichtlich, dass Ronus die linke Seite bewohnte. Das hier vorhandene Durcheinander war bei der bisher gezeigten Disposition des Kadetten durchaus zu erwarten gewesen.

Mit einem leisen Surren schloss sich die Tür, als er das leere Zimmer hinter sich ließ, um Leutnant Elphom aufzusuchen.


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„Der Ausblick aus der Hölle ist ein blauer Himmel. Wer hätte das gedacht…“, murmelte er leise zu sich selbst. Regungslos lag er auf dem Rücken, Arme und Beine von sich gestreckt und den Blick nach oben gerichtet.

Am Himmel waren nur wenige, faserige Wolkenstreifen zu sehen, die bereits von allmählich goldgetöntem Abendlicht erleuchtet wurden. Eine leichte Brise wehte und ließ in einiger Entfernung die Bäume rauschen und flüstern. Auch das Gras, in dem er lag, wogte sacht im Wind. Alles wirkte natürlich, wenn auch ein wenig kitschig. Es war ruhig. Friedlich. Normal. Wie früher. Wenn er die Augen schloss, konnte er sich fast vorstellen weit, weit weg von Lachanx auf der Erde zu sein. Dort war der Himmel blau, die Wälder grün, das Meer tief, der Wind wehte ein Streicheln durch die Luft und die Sonne schien warm auf ihn herab. Ihre Strahlen kitzelten seine Haut und ließen sogar hinter geschlossenen Lidern milde flackernde Lichter tanzen. Auch ohne hinzusehen war es klar: Ein schöner Sommertag voll Wärme und Frieden. Man konnte Zweige rascheln und knistern, Insekten surren und die Vögel zwitschern hören. Eine leise und angenehme Geräuschkulisse, die den zärtlich im Hinterkopf vibrierenden Grundton der friedvollen Ruhe ausmachte. Kraftspendende Ruhe. Erholsame Ruhe. Warme Ruhe. Eben die gute Art von Ruhe. Ruhe war keine simple Stille. Ruhe fand man nicht einfach so in der Stille. Ruhe brauchte mehr. Ruhe brauchte so etwas wie einen warmen Sommertag, einen blauen Himmel und friedliche Gedanken, um sich vollends zu entfalten. Ruhe brauchte mehr als Lautlosigkeit. Ruhe war nicht Lautlosigkeit. Lautlosigkeit verursachte das verdammte Gegenteil von Ruhe. Es erzeugte Unruhe. Anspannung. Stress. Und Ronus hatte auch ohne Lautlosigkeit schon genug Stress.

Er knirschte mit den Zähnen. Der a‘Shir stresste ihn gewaltig. Dieser Typ war einfach nur gruselig. Er war vollkommen lautlos. Definitiv die ungute Art von lautlos. Er bewegte sich, als würde er schweben. Verdammt nochmal schweben – dabei ging er auch nur auf zwei Beinen, wie die meisten anderen. Er war auch lautlos, wenn er sich nicht bewegte. Wenn er einfach nur da saß und keinen einzigen Mucks von sich gab, während der Kommandeur gerade explodierte und ihn zur Sau machte. Wenn er unsichtbar und unhörbar an einer Wand lehnte, während er selbst sich den Ekel des Erbrechens abwusch. Er war lautlos und schwer wahrzunehmen. Außer er machte den Mund auf. Er hatte nur einmal das Wort an Ronus gerichtet. Und sogar dabei war er irgendwie lautlos gewesen. Seine Stimme war einfach so leer. Unheimlich leer. Vollkommen ruhig. Die schlechte Art von ruhig. Undeutbar. Ronus war es gewohnt, dass die Leute ihn in Gesprächen mit allerlei Untertönen, Anmerkungen und Gesichtsausdrücken konfrontieren, vor allem wenn er beispielsweise gerade sehr offensichtlich ziemlich lange auf dem Klo kotzen war. Aber eine undeutbare Stimme, die hinter einer Maske hervorkam und ihn mit ihrer Ausdruckslosigkeit fast wegfegte – das war ungewohnt. Und unheimlich. Genau wie die Augen von diesem Kerl. Eigentlich gut, dass er die Maske aufhatte. Die starrenden, tiefschwarzen Augen zusammen mit der ausdruckslosen Stimme wären noch schlimmer, der absolute Gipfel der lautlosen Unheimlichkeit. Ronus schauderte fast unmerklich. Und mit diesem Typ sollte er klarkommen. Mit diesem Schatten. Gemeinsam kämpfen. Ein Team bilden.

Ihm entfuhr ein Seufzer, der deutlich verzweifelter klang, als er das wollte. Nicht, dass es hier draußen jemand hören konnte, aber trotzdem. Seine letzte Chance, alles auf die Reihe zu bekommen, war dieser absurd unheimliche Typ in seiner Kapuze und lächerlichen drei weißen Mänteln. Dieser … Fetzenprinz. Er hatte es praktisch im ersten Moment schon versaut. Wie sollte er es schaffen, sich mit einem lautlosen Schattenkrieger zu vertragen, den er anstatt zu begrüßen beleidigt hatte? Der a’Shir war vermutlich ohnehin kein Fan von ihm, so wie er sich gegenüber dem Kommandeur aufgeführt hatte. Er war still, gehorsam und hatte einen riesigen Stock im Arsch. Ein spießiger Langweiler-Soldat, angepasst und gedankenlos, wahrscheinlich noch glattgeschliffener als alle anderen in dieser scheiß Basis. Kurzum, nicht mehr als ein lachhaftes Klischee. Ronus‘ Stirn runzelte sich, seine Mundwinkel neigten sich verächtlich nach unten. Die Gesichtsregung war unwillkürlich, aber unnötig anstrengend. Er zwang sich halbherzig wieder zur Entspannung.

Im Grunde waren diese ganzen Kleinigkeiten nämlich auch egal und sich darüber den Kopf zu zerbrechen war sinnlos. Sie würden sich nicht vertragen. Nicht einmal ertragen. Er würde Aven nicht ertragen. Aven würde ihn nicht ertragen. Bald war er sowieso wieder weg, wie alle anderen zuvor. Er würde es nicht hinkriegen. Er bekam nicht einmal sich selbst auf die Reihe. Nicht mal annähernd. Er gab seit Monaten, seit Jahren sein Bestes, so zu tun, als würde er allmählich klarkommen. Als würde es mit der Zeit leichter und besser werden. Als würde es hier besser werden. Besser. Nichts war wirklich besser.

Die üblichen, altbekannten bitteren Gedanken krochen aus ihren Nischen. Zunächst langsam und zögerlich, doch dann immer schneller und unaufhörlich windend bohrten sie sich durch seinen Verstand, ohne dass er noch irgendetwas dagegen tun konnte. Sie höhlten alles aus, bis vom bewussten Denken nicht mehr als löchrige, trübe Gedankenrinnsale übrig waren. Sie bereiteten den Weg für das, was danach immer und unweigerlich folgte. Zerbrochene, schemenhafte Erinnerungen. Diffuse Schmerzen in Schläfen und Nacken. Düstere Bilder der Vergangenheit. Eine luftabschnürende Angst, die seine Eingeweide zusammenzog und seine Atmung beschleunigte.

Ronus machte seine Augen langsam wieder auf und schaute wie in Trance in den blauen Himmel. Erwartungsvoll und wie gelähmt. Er atmete keuchend und seine Fingernägel gruben sich in den Boden. Der warme Sommertag auf der Erde war so weit weg. In seinem Kopf war es still. Die Ruhe war der Stille gewichen. Und in der Stille gediehen sie hervorragend. Sein schaler Blick gefangen im unheilvollen, blauen Himmel. Als die traumhaften Trugbilder überhandnahmen, verschwand das Blau.


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Aven verstaute die Ausrüstung, die er von Leutnant Elphom bekommen hatte, gewissenhaft in seinem Bereich des Zimmers. Bettzeug, Sanitärmittel, Utensilien um die gängigsten Waffen zu warten und zu reparieren, ein kleines holographisches Gerät, das anscheinend der Unterhaltung und Freizeitgestaltung diente, das kleine Modul, welches die Rüstung enthielt, einen persönlichen Interlog, der Kommunikation und Datentransfer für jeden Kadetten ermöglichte und diverses Anderes fand einen vorläufigen Platz. Rüstung und Interlog legte er dabei zur späteren, näheren Begutachtung auf die Ablagefläche am Kopfende seines Betts. Leutnant Elphom hatte ihm einiges dazu erklärt, und er war, nunja, nicht unbedingt gespannt, aber zumindest interessiert daran, wie diese beiden hochtechnologischen Geräte funktionieren würden. Er hoffte, dass sich keine Interferenzen mit seinen Fähigkeiten und Kampfmethoden ergeben würden.

Neben der Ausrüstung hatte er außerdem eine Führung über das Gelände bekommen, sodass er einen ersten Überblick über die Basis Lachanx hatte. Die Trainingshallen, das Außengelände, die Kantine und noch einige andere Stationen hatte er bereits besichtigt. Leutnant Elphom schien, ganz im Gegensatz zu Kommandeur Sator, keine Vorbehalte ihm gegenüber zu haben. Und wenn doch, vertuschte es die Byrep sehr gut, indem sie mit ihrem höflichen Ton und interessiertem Gesichtsausdruck alle möglichen Sachen erfragte und im Gegenzug auch erklärte. Avens emotionslose Sprechweise trieb sie nicht zur Weißglut, sie wirkte eher erfreut über den hohen Informationsgehalt jeder Aussage. Sie zeigte sich unvoreingenommen und auch pflichtbewusst – nach dem mühsamen Aufeinandertreffen mit dem aufbrausenden, reizbaren Kommandeur und seinem gänzlich unausgeglichenen Partner eine erfreuliche Abwechslung.

Aus seiner eigenen Tasche, die er ebenfalls bei Leutnant Elphom abgeholt hatte, räumte er danach seine persönlichen Gegenstände um. Die wichtigen Dinge kamen in die Schrankfächer auf Augenhöhe: Seine zivile Kleidung, seine persönlichen Notizen, der Schleifstein für seine Klingen aus der Mine in Sqala ach Zel, der Transformatorkristall der Hierophanten und andere nützliche Überbleibsel seiner Ausbildung und der Zeit bei der Zelchail. Die noch wichtigeren Dinge kamen in die hintersten Winkel des Schranks, damit er sie nicht ansehen musste. Damit er sie behalten und vergessen konnte. Damit er sich nicht erinnern musste, warum diese Gegenstände überhaupt hier waren. Er begrub sie so weit hinten wie möglich unter einem zweiten Satz Bettwäsche.

Das leise Surren kündigte ihn an wie die Ruhe vor dem Sturm einen ebensolchen. Avens Körper spannte sich beim Erklingen dieses unerwarteten Geräuschs an. Er hatte in Gedanken an die wichtigeren Dinge seine polternden Schritte nicht aktiv wahrgenommen – so ein Fehler durfte ihm nicht wieder passieren. Unter entsprechenden Umständen war so eine Unachtsamkeit tödlich. Abrupt drehte er sich zur Tür. Ronus kam im nächsten Augenblick herein, seine Schritte waren schnell und geladen. Es lagen deutlich zu vernehmen gewisse Aggressionen und Wut darin. Als er Aven neben sich bemerkte, schien er für einen winzigen Moment zu erstarren. Die hellen Augen des Menschen wirkten gehetzt, müde und verärgert. Sie fokussierten ihn und weiteten sich merklich. Nur einen Lidschlag später, als sich hinter ihm die Tür wieder schloss, wandelte sich sein Schreck wieder in Ärger. Er drehte sich weg, ging zu seinem Bett und grummelte irgendwelche unverständlichen Worte vor sich hin. Aven neigte den Kopf.

„Zmii shiron, Kadett Ancoar.“

Er sah, wie der Mensch zusammenzuckte. Ohne ihn auch nur anzusehen, antwortete dieser entnervt: „Ja, ja. Hallo oder so. Nenn mich Ronus und starr mich nicht mit deiner scheiß Maske an.“

Er war fast versucht zu schmunzeln ob dieser absurden Gesprächssituation. Dieser Mensch gab sich äußerst rebellisch dafür, dass für ihn alles am seidenen Faden von Avens Geduld hinsichtlich ihrer ‚Partnerschaft‘ hing. „Ich werde deine unhöfliche Sprache in Anbetracht der Umstände vorerst hinnehmen und deiner implizierten Bitte nachkommen, Ronus.“

Der Mensch stoppte, was auch immer er grade zu tun anfangen wollte und schaute ihn über die Schulter mit fragendem Gesicht an. Als wäre er beleidigt, dass er so höflich antwortete. Aven hatte die Fenster bereits bei seiner eigenen Ankunft im Raum verschlossen, sowie das künstliche Licht an der Decke aktiviert, und nahm daher sogleich seine Maske ab. Den meisten Kulturen war es wichtig in einem Gespräch ungehinderten visuellen Kontakt zu halten, und Aven wollte, allen Widrigkeiten zum Trotz, zumindest versuchen eine respektvolle Verbindung zu seinem Partner aufzubauen. Er sah ihn also direkt an. Ronus wirkte einen Moment lang so, als wäre ihm der Anblick ziemlich unangenehm – wie schon zuvor, als er seinem Blick nicht standgehalten hatte. So etwas war für den a’Shir nichts Neues, viele reagierten so auf seine Merkmale. Doch dieses Mal blieb der Mensch beharrlich und starrte völlig unverblümt in sein Gesicht. Der unangenehme Ausdruck war eher Neugierde gewichen.

„Deine Augen sind irgendwie schräg.“

Daraufhin drehte Ronus seinen Kopf wieder nach vorne, nahm mit einem Handgriff sein Rüstungsmodul ab und warf es aufs Bett, was sogleich den ganzen Anzug samt Stiefel verschwinden und ihn in Unterhosen dastehen ließ, und mit der anderen Hand zog er ein Kleidungsstück aus dem Schrank. Er verschwand wortlos im Bad.

Aven blinzelte leicht irritert. Das war alles? Keine weitere Aussage? Keine Beleidigung? Keine Abscheu? Keine Angst? Er hatte den Menschen vielleicht doch vorschnell beurteilt. Scheinbar hatte die stressige Situation im Büro des Kommandeurs nicht unbedingt Ronus‘ bessere Seite hervorgebracht. Wobei ‚besser‘ hierfür ein starker Begriff war. Eher seine ‚weniger unhöfliche aber immer noch nicht besonders respektvolle‘ Seite. Aus dem Bad erklang mittlerweile ein plätscherndes Rauschen. Möglicherweise war mit ihm doch etwas anzufangen, wenn seine übrigen Fähigkeiten nicht völlig verzichtbar sind, schloss Aven den Gedanken ab. Er setzte sich auf sein Bett und wandte sich seiner technischen Ausstattung zu.


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Das warme Wasser spülte für eine Weile alles davon. Die Schmerzen in seinen Gliedern, das unangenehme Ziehen in seinem Kopf, die schlechten Gedanken, die furchtbaren Bilder, alle Narben auf seiner Haut und seiner Psyche. Das warme Wasser spülte auch den Sommertag davon, es sorgte für eine taube Ruhe. Es sorgte für ein paar Minuten des Abschaltens.

Ronus saß einfach nur auf dem Boden der Dusche, die Augen geschlossen, der Oberkörper an die Wand gelehnt und kraftlos. Er ließ sich berieseln und wartete auf gar nichts. Das gleichmäßige Geräusch erfüllte für einige Minuten den Raum und auch ihn.

Er seufzte, als die Taubheit im warmen Wasser allmählich abklang und die Gedanken zurückkamen. Er saß immer noch schlapp auf dem Boden und ließ sie auf sich zukommen. Als erstes kam der Gedanke an den Abend, an die Wiese. Er schob ihn beiseite. Dann kam der Gedanke an den Nachmittag, das Büro des Kommandeurs, den Druck, die letzte Chance. Er schob in beiseite. Dann kam ein unerwarteter Gedanke. Der Gedanke an gerade eben. Der Gedanke an den Fetzenprinzen draußen vor der Tür. Er hatte doch gerade eben etwas Seltsames gehört, oder? Ronus war sich noch nicht zu hundert Prozent sicher, aber er hatte zumindest eine Vermutung. Ein kleines Verdachtsmoment. Er ging die Situation noch einmal durch. Er hatte ihn angepflaumt und Aven hatte geantwortet. „Ich werde deine unhöfliche Sprache in Anbetracht der Umstände vorerst hinnehmen und deiner implizierten Bitte nachkommen, Ronus“, hatte er geschwollen gesagt. Und seine Stimme war zum ersten Mal nicht unheimlich oder leer gewesen. Da war etwas anderes in diesem Satz aufgetaucht. Kaum rauszuhören, aber dennoch vorhanden. Ein … Schmunzeln? Und als er ihn danach angesehen und hinter der Maske seinen absoluten, nichtssagenden Blick erwartet hatte, waren da einfach nur ein bleiches Gesicht umrahmt von längeren, dunklen Haaren und zwei schwarze Augen gewesen. Keine ausdruckslosen schwarzen Löcher, sondern zwei tatsächliche Augen, die ihn irgendwie abwartend ansahen. Er hatte im Eifer des Gefechts nicht mehr als die Einschätzung ‚schräg‘ für diese Situation erübrigen können.

AHA! Ronus kniff die Augen zusammen und ein hämisches Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. Dieser täuschende Pisser, dachte er, während er aufstand und nach seinem Shampoo griff. Unter Kapuze, Umhängen und Maske war also gar kein undeutbarer, lautloser Superschattenkrieger. Naja, lautlos schon. Schattenkrieger höchstwahrscheinlich auch. Aber nicht so durchdringend unangenehm lautlos und undeutbar wie am Anfang befürchtet. Sondern etwas … realer. Ein wenig menschlicher, so sehr man das halt für einen Alien mit weißer Haut und schwarzen Augen sagen konnte. Damit konnte er arbeiten. Zumindest ein bisschen. Es war ein Anfang! Ronus grinste weiter und wirbelte Schaum durch seine Haare. Für den Moment triumphierte er dank dieser Erkenntnis. Für den Moment ließ es ihn vergessen, was er gerade alles von sich waschen wollte. Für den Moment hatte er ein gutes Gefühl im Bauch. Vielleicht gab es doch noch Hoffnung für diese letzte Chance bei der Concordia.


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Als Ronus frohen Mutes aus dem Bad kam und sich einfach nur noch in sein Bett fläzen wollte, erstarrte er direkt. Der a’Shir turnte gerade, immer noch ohne Maske und zu seiner Verblüffung auch ohne Kapuze und Mäntel, im offensichtlich viel zu beengten Raum herum und wedelte dabei mit zwei Schwertern. Die Klingen waren geradlinig, aus dunklem Metall, weitestgehend ohne Schnörkel oder Verzierungen und jeweils so lang wie ein ausgestreckter Arm. Nun gut, es sah vielleicht nicht exakt aus wie Turnen oder Rumwedeln, sondern mehr wie ein blitzschnelles Gleiten und Drehen und ein äußerst elegantes Schneiden und Hacken. Aven bemerkte ihn, hielt augenblicklich inne und senkte die Schwerter, um ihn vorbeizulassen. Ronus starrte argwöhnisch auf die beiden Klingen. Wo zur Hölle kamen die plötzlich her? Er hatte nicht gesehen, dass der a’Shir bewaffnet war. Hatte er sie unter seinen Umhängen getragen? Aven sah ihn abwartend an. Ronus sog tief Luft ein. Natürlich reagierte der a‘Shir nicht von selbst, war eigentlich auch zu erwarten. Fein, dann musste er halt nachfragen: „Was. Zur. Hölle. Machst. Du. Da?“

„Ich teste meine neue Rüstung.“

Ronus musterte ihn mit hochgezogener Augenbraue. Er trug tatsächlich die Concordiarüstung aus dem Modul auf seiner Brust. Es war verwunderlich, ihn ohne die gefühlten siebentausend weißen Stoffschichten zu sehen, was auch bedingte, dass er nicht wusste, was er darunter zuvor für eine Rüstung getragen hatte oder wie sein Körper überhaupt aussah. Er war in etwa so groß wie er selbst und hatte eine schmale aber muskulöse Statur, die eigentlich ziemlich menschlich wirkte. An seiner Hüfte war ein Gürtel, an dem sich hinter dem Rücken offensichtlich die Halterung seiner zwei Schwerter befand. Soweit so verständlich. Ronus schnaufte im Vorbeigehen ein „Aha.“ und legte sich mit einem wohligen Seufzen ins Bett. Der Schatten setzte sich wieder in Bewegung und zerschnitt die Luft im Raum unzählige Male.

Ronus schloss für eine Weile die Augen. Das Gefühl nicht mehr alleine im Zimmer zu sein war gleichzeitig aufregend und ernüchternd. Er genoss eigentlich seinen Freiraum an diesem übervollen Ort, wo in ziemlich jeder Ecke Leute waren, hatte aber andererseits das Problem, dass niemand es lang mit ihm aushielt und er demnach mehr allein sein musste als wollte. Schon stellte sich der bittere Beigeschmack, der eigentlich mit jedem ‚neuen‘ Partner auftrat, ein. Er musste den Raum teilen und sollte sich auf jemanden einlassen, der ihn sowieso nicht leiden konnte und spätestens in ein paar Wochen wieder aus seinem Zimmer und seinem Leben verschwand. Ronus presste seine Lippen zusammen und verzog den Mund vor Frustration.

Ein Luftzug streifte sein Gesicht. Ronus lauschte. Er konnte ihn kaum wahrnehmen, auch mitten in diesen weitläufigen Paraden, Schrittfolgen und Drehungen. Wäre nicht ein kurzer Windhauch dagewesen, wäre seine Anwesenheit so nicht zu bemerken. Anscheinend waren so einige der Geschichten über die a’Shir wahr, zumindest die über ihre absurde Kleidung und ihre Lautlosigkeit. Er öffnete seine Augen wieder und schaute auf die andere Seite des Raumes. Am Schrank hing das weiße Kapuzenmantelkonglomerat. Neben dem Bett lagen die Maske und anscheinend seine eigentliche Rüstung. Ronus schnaufte unweigerlich belustigt. Sie sah ziemlich genau so aus wie die der Concordia. Einfach nur schwarz, größtenteils schmucklos und mehr wie ein Anzug aus einem Stoffgewebe als eine richtige ‚Rüstung‘. Da war die Umstellung ja nun wirklich nicht allzu groß.

Sein Blick wanderte noch einmal zu dem wirbelnden Typ mitten im Zimmer. Er beobachtete seine fließenden Bewegungen und präzisen Angriffe und wunderte sich über die absurde Eleganz in diesem sicherlich vernichtenden Akt des Kampfes. Und dann fiel sein Blick auf Avens Brust. Da war etwas, das daraus hervorragte. Etwas, das aussah wie ein schwarzer Stein, so groß wie eine Hand, doch es war schwierig bei der Geschwindigkeit etwas Genaueres zu erkennen. Seine Oberfläche wirkte glatt, hatte aber zwei große, im Kreuz verlaufende Kratzer darin. An den Seiten schien etwas zu fehlen. Als wären links und rechts Stücke aus dem ovalen Kristall herausgeschlagen worden. Der Stein schien direkt aus dem Körper des a’Shir zu kommen. Er erinnerte sich vage daran, so etwas schon einmal gehört zu haben: In den Geschichten hieß es, ihre Herzen waren aus Stein. Konnte das ernsthaft sein? War das nicht nur eine Metapher für „Das sind emotionslose Arschlöcher“? Denn er konnte sich eigentlich ziemlich gut vorstellen, dass diese Metapher in Bezug auf das Volk der a’Shir stimmte.

Aven räusperte sich. Ronus blickte hinauf in sein Gesicht, sodass ihm auffiel, dass der a’Shir wohl schon geraume Zeit stillstand und ihn ansah. Seine ruhige und leere Stimme ertönte wieder.

„Wenn du eine Frage hast, stell sie, Ronus.“

Er fühlte sich unweigerlich ertappt. „Ähm.. okay. Was genau ist der.. äh.. Stein?“

„Meine Seele.“ Die Antwort kam abrupt und leer.

„Was?“

„Meine Seele.“

„Ja, ich hab‘ dich schon gehört. Ich meine nur … WAS? Das ist ein Stein. Verarschst du mich?“, fragte er ungläubig.

„Nein.“ Aven zeigte sich ungerührt.

„Was nein?! Hörst du dir eigentlich zu? Seelen sind doch nicht einfach nur Steine!“, kam prompt der Protest. Ronus fasste sich an die Stirn. Was war das überhaupt für ein hirnrissiges Gespräch gerade?

„Das ist wahr. Mein Volk trägt die eigene ätherische Essenz in einem Kristall in der Brust, und diese Kristalle sind nicht einfach nur Steine.“

Ronus wollte noch etwas sagen, etwas Spöttisches, oder etwas Genervtes. Irgendwas, aber sein Mund reagierte nicht mehr. Er traute seinen Augen nicht. Ja, okay, es waren zugegebenermaßen schon mehrere schier unglaubliche Faktoren in dieser Situation vereint: Er war in einer galaktischen Basis einer intergalaktischen Friedensorganisation, auf einem Planeten unglaublich weit entfernt von der Erde. Umgeben von Aliens aller möglichen Spezies. Und Raumschiffen, von denen eins spektakulärer war als das andere. Und Technologie, die sein Verständnis dermaßen weit überstieg, dass er gar nicht ohne Schwindelgefühl darüber nachdenken konnte. Und vor ihm stand ein Wesen, das offensichtlich völlig lautlos sein konnte und seine Seele in einem Kristall in der Brust trug.

Aber er traute trotzdem seinen Augen nicht ganz, als Avens zwei Schwerter vor ihm in der Luft herumtanzten, ohne dass er seine Hände überhaupt bewegte. Sie sausten mit der gleichen Eleganz und Präzision durch die Luft wie zuvor, nur alleine. Aven stand ganz ruhig da, mit einem neutralen Ausdruck und schien keinerlei Mühe zu haben. Ronus versuchte zu erfassen, was gerade passierte. War das Magie? Telekinese? Oder machte das echt der Stein? Er musste wohl grad ziemlich dumm aussehen, wie er mit offenem Mund auf seinem Bett saß, die Augen ungläubig aufgerissen und ganz generell in grobes Staunen versetzt.

Schließlich beendeten die Klingen abrupt ihren Tanz und verschwanden in der Halterung am Gürtel des a’Shir, den dieser danach abnahm. Er setzte sich auf sein Bett, legte alles neben sich auf die Ablagefläche und in seinem Gesicht glaubte Ronus dabei für den Bruchteil einer Sekunde eine Gefühlsregung zu erkennen. Aber diese war zu flüchtig, um sie irgendwie einzuschätzen. Aven sah ihn wieder an, mit einem ausdruckslosen Blick, nickte leicht und sprach leise: „Zmii shiron“, ehe er sich hinlegte und umdrehte. Er sah ihn noch sein Rüstungsmodul abnehmen und weglegen, bevor die weiße Haut unter der Bettdecke verschwand. Das Gespräch und die Demonstration waren offenbar zu Ende.

Ronus schaltete daraufhin das Licht aus und lag noch geraume Zeit an die Decke starrend auf dem Rücken. Hatte er ihn beleidigt? Hatte er zu intensiv mit offenem Mund gestarrt? Hätte er noch irgendetwas sagen sollen? Oder konnte es sein, dass Aven selbst diese Fähigkeit unangenehm war? Was war das für ein Ausdruck in seinem Gesicht gewesen? Seine Gedanken zirkulierten unruhig, während seine Atmung regelmäßiger und ruhiger wurde und seine Augen allmählich zufielen.

„Was heißt das überhaupt?“, fragte Ronus nach einer ganzen Weile in die Dunkelheit. Er rechnete eigentlich nicht mehr mit einer Antwort.

„Mögest du im Schatten wandeln.“

Aven klang nicht beleidigt. Er klang, als würde der Satz etwas Gutes bedeuten. Oder vielleicht lag das auch an der Müdigkeit. Im Schatten wandeln. Hm. Ronus versuchte noch darüber nachzudenken, doch ihm war, als hätte diese simple Phrase sein Gedankenkarussell zum Stillstand gebracht. Eine seltsame, neue Art der Ruhe machte sich breit.

Er schlief ein.



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Don’t look, just keep your eyes peeled
Thoughtless, trapped in my minefield
Shotgun, never behind the wheel anymore
Danger, monsters of smoke and mirror
Slowly, can one so lost be found?


Keep Your Eyes Peeled - Queens Of The Stone Age

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