Copy Paste: Fenster der Vergangenen

von Hellgate
GeschichteDrama, Romanze / P18
03.01.2018
16.09.2018
59
186971
26
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
 
 
Vorwort: In diesem Fall möchte ich anmerken, dass die Story nach dem Thema "Big Mom" ansetzt. Es könnten also kleine Spoiler enthalten sein, wobei es nicht viele sein dürften, da die Story ihren eigenen Weg geht.

Das hier ist der erste Teil, von insgesamt vier.

Disclaimer: Alle Charaktere, bis auf meine OC's, gehören Eiichiro Oda, dem Schöpfer von One Piece.

Bei Interesse könnt ihr auf meiner Facebook-Seite Hellgate vorbeischauen.
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Die Zeit ist zu langsam, wenn man sie mit Warten vergeudet.
Sie ist zu vergänglich für jeden, der Veränderungen fürchtet.
Manche finden die Zeit zu lang, weil sie nichts anderes tun, als zu bereuen.
Gleichzeitig ist sie auch zu kurz, weil sie alles überdenken.
Für wenige ist die Zeit hingegen endlos.
Für jeden der liebt, lieben lernt oder geliebt hat.
Denn in diesem Fall bekommt man immer mehr als eine Chance vor dem Ende.


○○○


Der Zettel in ihren Händen wirkte bei weitem mehr abgegriffen, als er sein sollte. Vermutlich hatte man sich nicht darauf einigen können, ob sie dem Auftrag nun folgen sollte oder nicht. Dabei war es etwas Einfaches, etwas so Belangloses, dass es schon fast wie eine Zeitverschwendung erschien überhaupt einen Blick auf das Ganze zu werfen. Doch man half, wo man konnte und in diesem Fall war sie es, die Hilfestellung anbot. Das tat sie immer, solange es nur eine Kleinigkeit blieb. Manche Dinge in einer Geschichte sollte man nicht verändern und dessen war Naoe sich bewusst.
Die Worte, die man auf den kleinen Schnipsel geschrieben hatte, gaben nicht sehr viel mehr preis als den Ort, an dem man sie erwartete. Ein Haus am Ende der Stadt, die ohnehin aus nichts anderem bestand als häuslichen Bauten. Das Gestein reihte sich dicht aneinander und bot nur wenig Platz für Gassen, die vom belebten Hauptteil wegführten. Die Menschen auf dieser Insel hatten sich mit dem bisschen Platz arrangiert, den man ihnen gegeben hatte. Doch obwohl es wie eine Meisterleistung erschien auf diese Art zu leben, so kam Naoe nicht umhin, all die Gebäude und Menschen als beengend zu empfinden. Kinder hatten an diesem Ort nur wenig Platz zum Spielen, Tiere gab es so gut wie keine. Alles bestand aus tristem Stein, sah man vom matschigen Sand ab, der die Insel umgab.

Sich seufzend durch die Menge drängend, versuchte Naoe sich einen Weg nach vorn zu bahnen, doch die Leiber der anderen drückten sich gegen ihren zierlichen Körper, schoben sie in ungewollte Richtungen und stahlen ihr die Orientierung. Nur mit Mühe konnte sie eine der schmalen Gassen erreichen, die von all diesem Chaos wegführten.
Kaum, dass sie sich freier bewegen konnte, verfielt sie in einen beständigen Trab. Den Kunden warten zu lassen, zeugte von schlechter Arbeit und soweit sie ihre Mithilfen kannte, hatte man sie vermutlich bereits angekündigt. Man erhoffte sich somit ein baldiges Erscheinen, welches in dieser Stadt zu einer reinsten Hürde wurde. Einem Auf und Ab, dem man kaum entrinnen konnte.
Den Gassen nachgehend, bog Naoe einige Male ab und folgte den langweilig grauen Wänden, die bei jeder Abzweigung immerzu gleich erscheinen. Wäre sie nicht schon seit ein paar Tagen auf der Insel gewesen, hätte sie sich hoffnungslos verirrt. Ähnlich wie bei den ersten Malen, bei denen sie nur schwerlich zurück in die Masse gefunden hatte.
Vorbei an schlecht gesetzten Fenstern, die niemals das Sonnenlicht sehen würden, schlüpfte sie letztlich auf einen breiteren Weg, an dem die Türen beinahe dicht an dicht standen. Schmale Häuser, die mehr als offensichtlich kaum Platz boten, dienten an dieser Stelle als Unterkünfte. Es war ein Ort für diejenigen, die noch weniger hatten, als alle anderen auf der Insel. Weniger Geld, weniger Ansehen und vor allem weniger Einfluss.
Den Zettel noch immer fest in der Hand, musterte Naoe die Hausnummern, welche dreckig und oftmals schief gegen das Gestein geschlagen wurden. Ihr Ziel war dabei die Nummer dreizehn, welche dicht gedrängt neben sieben und zwanzig stand. Es ließ sie verwundert eine Braue heben, wobei sie sich kurz umsah. Die Zahlen hatte man quer verstreut, ohne jegliches System. Die Mühe für etwas mehr Ordnung wollte wohl keiner auf sich nehmen.

Kopfschüttelnd wandte sie sich wieder der Tür zu, wobei sie in einer fließenden Bewegung die Kapuze ihres dunklen Umhangs überzog. Das Schützen der eigenen Identität war in manchen Fällen wichtiger als in anderen. Solange sie noch ungesehen auf den Wegen mancher Inseln spazieren gehen konnte, war sie zufrieden. Schlimm wurde es erst, wenn man sie verfolgte, um ihre Dienste zu erlangen. Denn selbst die schlimmsten Gestalten hatten ihre Wünsche und von diesen wollte sie keinen einzigen erfüllen müssen.
Mit zaghaften Schlägen gegen das erstaunlich feuchte Holz machte sie sich bemerkbar, hoffte darauf, dass man ihr die Tür öffnete. Es dauerte eine ganze Weile, bis man ihr tatsächlich gegenübertrat und sie argwöhnisch musterte. Vor ihr stand eine mollige Frau, die Haare streng hochgesteckt, umschmeichelt von einem blauen Kleid, welches viel zu eng anlag. Ihrem Auftreten nach zu urteilen, gehörte sie nicht an diesen Ort. Sie hielt sich eindeutig für etwas Besseres und dennoch stand ihr die Scham ins Gesicht geschrieben. Irgendjemand hatte auf ganzer Linie versagt, was die Finanzen anbelangte, besah man sich das Ganze.

„Ich bin gekommen, um zu verändern, was einst vergangen ist.“
Wie immer sprach Naoe den einen Satz aus, der sie identifizieren sollte. Ihre Kunden bekamen grundlegend im Vorfeld etwas zugesandt, das sie erkennen ließ, ob die richtige Person vor ihnen stand. In ihrem Fall war es ein einfacher Satz, den man sich ohne große Mühen einprägen konnte. Zwar stieg dabei die Skepsis im Blick ihres Gegenüber, doch den Einlass verwehrte man ihr nicht. Die Frau machte einen schweren Schritt zur Seite, um Naoe genug Platz zum Eintreten zu geben. Sich mit einem Nicken an ihr vorbeischleichend, blieb sie nur wenige Schritte hinter dem Eingang stehen. Man hatte das Haus in die Länge gebaut, sodass man einen schmalen Wohnraum und eine genauso schmale Küche zur Verfügung hatte. Gleichzeitig war es auch alles, was man bekam. Zwei Räume, in denen man schlief, aß oder Konversationen führte. Nicht eine einzige, weitere Tür war zu finden. Allein der Gedanke auf so engem Raum zu leben, wirkte wie ein einziger Albtraum. Selbst auf einem Schiff gab es mehr Platz, als in manchen Bauten dieser Stadt.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“ Nachfragend versuchte Naoe die Gedanken aus ihrem Kopf zu verdrängen. Somit richtete sie sich an den Mann, welcher am Tisch ihr gegenüber saß und stur die Decke anstarrte. Neben ihm ließ ein kleiner Junge die Beine baumeln und musterte sie eindringlich. Keiner von ihnen schien wirklich etwas von einer Unterhaltung zu halten.
„Wie du wohl sehen kannst, müssen wir etwas Vergangenes verändern. Ein Kartenspiel.“ Die Frau beantwortete ihre Frage, wobei sie sich langsam auf den Tisch zubewegte. „Mein nichtsnutziger Idiot von Ehemann hat vor ein paar Tagen eine Menge Geld in einem einfachen Pokerspiel verloren. Wie man wohl gut erkennen kann, hat das unsere komplette Existenz ruiniert.“
Innerlich die Augen verdrehend, versuchte Naoe den unhöflichen Ton ihrer Kundin zu überhören, auch, wenn es sich als schwierig gestaltete. Die spitze und vor allem überschwänglich beleidigte Stimme wirkte wie ein Stechen in ihren Ohren.
„Verstehe. Nun denn, in diesem Fall kann ich Ihnen helfen.“ Mit einer schnellen Handbewegung zückte sie eine kleine, handliche Sanduhr aus einer Innentasche des Umhangs. „Diese kleine Uhr gibt Ihnen etwa zwei Stunden, um das Problem zu bereinigen. Deshalb ist es wichtig, dass Sie an den richtigen Moment denken, während wir zurückgehen. Wir müssen vor Ablauf der Zeit wieder hier sein. Hinzukommend dürfen sie sich selbst nicht wiedererkennen, weshalb ich Sie darum bitten muss, einen Zeitpunkt zu wählen, an dem man Ihr vergangenes Ich verschwinden lassen kann. Behalten Sie außerdem im Hinterkopf, dass sich der jetzige Moment zusammen mit der Vergangenheit verändern wird. Ihre Erinnerungen werden überschrieben, aber Ihr jetziges Handeln wird bestehen bleiben. Als eine Art...Lehre für künftige Dinge.“

Während Naoe die üblichen Informationen herunterleierte, entging ihr nicht, wie der Mann, welcher zuvor noch die Decke angestarrt hatte, seinen Blick langsam auf sie legte. Sein Interesse schien geweckt, was nicht unüblich war, dachte man an den Fehler, den er ausbessern wollte.
„Ist das alles?“ Seine Stimme wirkte müde, rau, als hätte er sich viele Nächte in Folge über seinen misslungenen Erfolg ausgelassen.
„Wenn Sie alles verstanden haben, dann können wir weitermachen. Ich werde bezahlt, bevor ich meine Dienste ausführe. Ich akzeptiere Berry, Gold, Sterlingsilber, gebrochene Herzen und Geheimnisse. Wie möchten sie zahlen?“
„Silber.“ Dem Jungen am Tisch ein Zeichen gebend, sprang er auf und reichte Naoe eine hochwertige Halskette, welche sie prüfend entgegennahm. Dank der eingravierten Zahl, konnte sie erkennen, dass es für eine Bezahlung genügte. Die Verarbeitung war einwandfrei, somit würde sie mit Sicherheit einen Gewinn erhalten.
„Ich habe die Bezahlung zur Kenntnis genommen. Kommen wir zum Geschäftlichen...“ Es brauchte nur wenige Schritte, um am Tisch zu stehen, an welchem noch immer ihr eigentlicher Kunde saß und sie ansah. „Ich brauche einen Tropfen Blut.“
Er zögerte nicht, interessierte sich nicht einmal für den Grund, um ihr sein Blut zu geben. Achtlos biss er sich an einer Seite des Fingers die Haut auf und reichte ihr die Hand, während die rote Flüssigkeit langsam aus der Wunde drang. Mit dem Zeigefinger über die Stelle streichend, sammelte Naoe ein wenig davon auf und verrieb es zwischen ihm und dem Daumen. Als hätte sie damit einen Pinsel getränkt, hob sie gleich darauf die Hand und wandte sich ab. Sie konnte das Kribbeln ihrer Fähigkeit in den Fingerspitzen fühlen. Ihre Teufelsfrucht verlangte förmlich danach benutzt zu werden und sie wollte ihr diesen Einsatz nicht vorenthalten. Ähnlich Zauberei zog sie die Form eines Vierecks in der Luft nach, woraufhin sich rote, dicke Linien abzeichneten. Im Nichts fanden sie Halt, wurden breiter, dunkler, stabiler. Gleichzeitig erfüllte das Knacken von Holz den Raum. Der Rahmen formte sich, bot Halt für Glas, welches sich aus der Luft kristallisierte. Soweit bis ein Fenster mitten im Raum auftauchte. Es war ein Akt von wenigen Sekunden und dennoch kam es Naoe so vor, als würden Minuten vergehen. Vielleicht mochte es daran liegen, dass die Vergangenheit auf der anderen Seite dieses Fensters lag. Ein bereits bestrittener Lebensabschnitt, den sie nun verändern wollte.
Demonstrativ öffnete sie das Fenster, welches freudig nach außen hin aufschwang. Das schreckliche Quietschen der Scharniere ließ ihren Kunden dabei kurz zusammenzucken. Allerdings fasste er sich schnell, erhob sich von seinem Stuhl und ging so aufrecht wie nur irgendwie möglich auf den Durchgang zu. Er drehte sich nicht mehr zu seiner Familie um, schenkte Naoe hingegen einen entschlossenen Blick, ehe er durch die Öffnung stieg und gänzlich aus dem Zimmer verschwand.

„Das Ganze wird für Sie vielleicht fünf Minuten dauern. Gedulden Sie sich.“ Zum kurzzeitigen Abschied winkend, verschwand auch Naoe durch das Fenster. Das Gefühl in zwei Hälften gerissen zu werden, ließ sie dabei kurz aufkeuchen. Es war immer dasselbe. Ging sie in eine Vergangenheit, musste sie etwas zurücklassen. Ein Original.
Die Sanduhr in der Hand umdrehend, sodass die Zeit langsam ablaufen konnte, atmete sie tief durch und folgte der tiefen Schwärze, die sich auf der anderen Seite des Fensters breit gemacht hatte. Es brauchte ein zweites Fenster, welches aus zwei Metern so hell wie der Ausgang eines Tunnels schien, um am Ziel anzukommen. Ihr Kunde hatte den Weg bereits beschritten und sie folgte ihm.
Erst auf der frühen Seite der Gegenwart wagte sie ihn zu stoppen. Sie standen in einem Flur aus edlem Holz. Ganz klar ein Haus, welches jemandem gehören musste, der mehr besaß als so manch anderer.
„Wo sind Sie?“ Naoes Augen wanderten die Wände entlang, die man mit Gemälden gepflastert hatte, als wären es Gehwege.
„Ich befinde mich im Moment im Spielzimmer. Doch ich werde gleich für einen kurzen Moment das Zimmer verlassen.“ Konzentriert starrte der Mann die Tür an, wartete den Augenblick ab, in dem die Klinke sich langsam nach unten drückte. Auf Anhieb sprang er hinter Naoe, um sich zumindest halbwegs zu verstecken. Froh darüber, dass er ihr zumindest bei der Ausführung zugehört hatte, schlenderte sie einige Schritte voraus. Tatsächlich verließ sein altes Ich den Raum und schloss die Tür mit einem spöttischen Lachen hinter sich. Vermutlich waren die ersten Runden des Spiels gar nicht so übel gelaufen, wie das Ende des Abends.
Als er sich gerade in ihre Richtung wandte und sie etwas verdutzt zur Kenntnis nahm, hatte sie auch schon ausgeholt. Mit einem kräftigen Schlag, soweit sie dazu in der Lage war, schlug sie ihm seitlich gegen die Schläfe. Eine einfache Methode, um ihm das Bewusstsein für einen Moment lang zu rauben. Den massigen Körper etwas zur Seite ziehend, deutete sie ihrem Kunden näher zu treten.

„Sie sollten die Kleidung wechseln. Sie wollen doch immerhin nicht auffallen.“ Sich wegdrehend gab sie ihm die nötige Privatsphäre, um sich selbst zu entkleiden und die Sachen seines vergangenen Ichs an sich zu nehmen. Während sie den Stoff hinter sich aneinander reiben hören konnte, erkundigte sie sich nach dem weiteren Vorgehen. „Was planen Sie zu tun?“
„Ich werde da reingehen und eine meiner Karten nicht aus der Hand nehmen. Ich weiß noch, was alle anderen auf der Hand haben. Dieses Mal werde ich es besser machen.“
„Vergessen Sie die Zeit nicht. Machen Sie ihren Zug, kommen Sie wieder raus und verschwinden Sie mit mir. Wenn ihre Worte stimmen, dann werden wir uns bei Rückkehr in anderen Gefilden aufhalten. Ihre Frau und ihr Sohn werden das Gefühl haben, niemals in dem Zustand gelebt zu haben, in dem sie nun sind. Auch, wenn sie es besser wissen.“
Er schloss nur kurz die Augen, was Naoe als Bestätigung nahm. Sie sah ihm dabei zu, wie er die Tür zum Spielzimmer öffnete und mit einem breiten Grinsen auf den Lippen verschwand. Selbst ließ sie sich auf dem Boden nieder, auf dem sie auch die kleine Sanduhr abstellte. In Momenten wie diesen bevorzugte sie es, den winzigen Körnern dabei zuzusehen, wie sie fielen und die Zeit verstreichen ließen. Egal was kommen würde, die zwei Stunden würden irgendwann vergehen und niemand konnte sie daran hindern. Selbst wenn man die Uhr noch einmal umdrehte, so rieselte der Sand, der einst von oben herabstürzte, von unten nach oben. Befand man sich einmal in einem dieser Zeitfenster, gab es kein Zurück mehr. Entweder saß man die Zeit ab, oder man ging einfach wieder in die Gegenwart, wissend, dass man diesen einen Teil der Vergangenheit niemals wieder betreten durfte. Tat man es dennoch, wartete nichts weiter als verbitterte Kälte, die ihre eisigen Finger um die Kehle ihrer Opfer schlingen würde. Zwar hatte Naoe es selbst noch nicht erlebt, aber es gab schon vor ihr zwei andere Nutzer der Teufelsfrucht, die sie nun besaß. Zwei Menschen, die ihr Leben gelassen hatten, weil sie sich an bestimmte Regeln nicht halten konnten und niemals an einen Weg dachten, der ihnen die Anwendung erleichtern könnte.
Vorsichtig winkelte sie eines ihrer Knie an und stützte ihren Kopf darauf ab. Ihr Zeigefinger strich sachte über das dunkle Holz, welches die kleinen Glasbehälter der Sanduhr hielt. Ihr Haupt verlor dabei etwas das Gleichgewicht, sodass sie schlussendlich ihre Wange auf das Knie legen musste, um eine halbwegs angenehme Sitzposition zu finden. Dabei rutschten ein paar ihrer roten Haarsträhnen, kombiniert mit einer schwarzen, unter der Kapuze hervor. Es waren die vorderen Strähnen, die ein Stück länger als das Kinn waren. Den Rest ihrer Haare hatte sie nach hinten reichend kurz geschnitten, sodass sie wenig Arbeit bedeuteten.
Vorsichtig griff sie nach den Spitzen, wickelte sich das Haar um die Fingerknöchel und befreite sich wieder aus den eigenen Strängen. Die Langeweile plagte sie in diesem Fall enorm, denn weder konnte sie etwas tun, noch durfte sie zusehen.

Den Kopf in den Nacken legend, stöhnte sie leise auf, woraufhin die Tür zum Spielzimmer sich fast wie gewünscht öffnete. Ihr Kunde kratzte sich etwas verlegen am Hinterkopf, entschuldigte sich dafür, dass er noch einmal kurz verschwinden müsste und schloss den Eingang dann wieder. Gleich im nächsten Moment eilte er auf sie zu. „Ich habe alles erledigt. Nach dieser Runde bin ich damals gegangen, nicht nur, weil ich kein Geld mehr hatte, sondern auch, weil mich das Spiel gelangweilt hatte. Wir können gehen.“
„Sie müssen sich zuerst umziehen.“ Abwinkend vergrub Naoe das Gesicht in den Händen und wartete ab, bis der Mann sich umgezogen hatte. Erst, als sie den reibenden Stoff nicht mehr hören konnte, sah sie auf. Alles sah wieder genauso aus wie vorher, nur, dass sein altes Ich bewusstlos am Boden lag. Wissend, dass man diesen Zustand nicht verändern konnte, stand sie auf, packte ihre Sanduhr ein und schnippte lediglich mit den Fingern. Als hätte es nur auf seinen Einsatz gewartet, manifestierte sich das Fenster erneut, lud dieses Mal jedoch zur Heimreise ein.
Wieder ließ sie ihrem Kunden den Vortritt und folgte ihm kurz darauf durch die Schwärze hindurch auf die andere Seite. Noch bevor sie das Licht der Gegenwart erreicht hatte, fügte sich allerdings etwas in ihr zusammen. Das, was sie zuvor zurücklassen musste, vereinte sich nun wieder mit ihr. Alles war genau so, wie es sein sollte. Zumindest im Zwischenraum, denn in der Gegenwart lief die Planung aus dem Runder.
Den Kopf herausstreckend, bemerkte Naoe sofort, dass sich nichts verändert hatte. Noch immer saß seine Familie am Tisch, in dem schäbigen kleinen Haus, in welchem sie den Rückgang gestartet hatten. Ihr Kunde stand hingegen, mit dem Rücken zu ihr gewandt, genau vor dem Fenster. Ihn ein wenig nach von schubsend, sprang sie aus der einstigen Verbindung, welche bei ihrem Verlassen einstürzte. Das Holz zersprang, das Glas wurde mit der Atmosphäre wieder eins.

„Wieso hat sich nichts verändert?“ Es war der Junge, der die angespannte Stille unterbrach. Vermutlich hatte er von Beginn an niemals gewusst, was genau sein Vater getan hatte. Generell schienen sie nur wenig miteinander zu kommunizieren.
Die Frage zum Startschuss nehmend, drehte der Mann vor ihr sich zu Naoe um, ergriff sie an den Schultern und wirkte mit einem Mal viel panischer. Sein Blick traf flehend auf ihre blauen Augen, die seine Angst zu ignorieren wussten. Er hatte einen Fehler begangen, so viel stand fest. Sie konnte kein Mitleid für jemanden empfinden, der sich nicht einmal selbst einschätzen konnte. Der seine Familie zweimal in dieselbe Situation bringen würde.
„Wir müssen noch einmal zurück. An genau diesen Ort!“ Seine Stimme glich einem Hauch, unterlegt mit Angst und einem bittenden Ton. „Ich werde es besser machen!“
„Wir können nicht zurück. Einmal, das habe ich gesagt. Wer zweimal denselben Fehler begeht, würde es auch bei einem dritten Mal nicht schaffen. Ich könnte Ihnen hundert Versuche schenken, sie würden alle gleich enden. Vielleicht ist dieses Leben noch nicht ernüchternd genug.“
„Ich habe dich bezahlt!“
„Genau genommen hat mich Ihre Frau bezahlt. Für meine Dienste, die hiermit zu Ende sind.“
„Dann zahle ich dir mehr!“
„Hör endlich auf, du armseliger Idiot!“, fast schreiend unterbrach seine Frau das Gespräch, die nur abwertend den Kopf schüttelte. „Es reicht. Du elendiger Trottel hast einfach weitergespielt. Du hättest sowieso weitergespielt, bis du verloren hättest, egal was passiert wäre. Egal, wie oft du dein dummes Spiel gewonnen hättest!“
Entschuldigend drehte er sich zu seiner Gattin um, was Naoe dazu nutze um an ihm vorbeizukommen und die Flucht zu ergreifen. Einem Streit zwischen einem sich „liebenden“ Ehepaar wollte sie nur ungern im Weg stehen.

Kaum hatte sie den ersten Fuß zurück in die Gasse gesetzt, in welcher sie das Haus einst betreten hatte, steuerte sie erneut die engen Seitenwege an, die sie zurück in die Menge führen würden. Ihr Auftrag war erledigt, es gab somit keinen Grund zu zögern.
Erst, als sie außer Sichtweite der armen Häuser der Insel war und von schlecht angelegten Fenstern umzingelt wurde, zog sie die Kapuze wieder ab. Mit einer Hand fuhr sie sich dabei genervt durchs Haar, wissend, dass sie als nächstes irgendwie auf die nächste Insel kommen musste. Ihre beiden Gehilfen arbeiteten zusammen, doch selbst blieb Naoe allein. Weder hatte sie ein Schiff, noch einen Plan, um irgendwo hinzukommen.
Um eine letzte Ecke biegend, quetschte sie sich gleich darauf erneut durch erstickende Mengen menschlicher Individuen – bis zu einem Zeitungsstand. Schon den ganzen Tag hatte sie die Nachrichten lesen wollen, hatte den Stand allerdings nie erreichen können. Dankbar über ihr kleines Glück, zahlte sie dem Händler den Preis für eine Zeitung und zog sich in eine der Gassen zurück, in denen das Leben wie ausgestorben wirkte. Das gefaltete Papier aufschlagend, musterte sie die ersten Zeilen. Es trieb ihr ein leichtes Schmunzeln auf die Lippen. Big Mom war gefallen. Monkey D. Luffy und ein paar Mitglieder seiner Crew hatten es sich nicht nehmen lassen, die vier Kaiser auf wohl drei zu reduzieren – wobei Charlotte Linlin sicherlich noch am Leben war. Für gewöhnlich tötete der Strohhut niemanden und Big Mom war darin eindeutig keine Ausnahme. Es war erstaunlich wie die Journalisten der Zeitung die Geschehnisse auf die Allianz schoben und „den grobschlächtigen Trafalgar D. Water Law“ für all den Tumult verantwortlich machten. Er musste nicht einmal vor Ort sein, es war trotzdem seine Schuld. Dabei war es nur natürlich, dass sie ihm die Verantwortung an dem Schlamassel gaben, denn immerhin besaß er im Gegensatz zu Luffy ein gewisses Maß an Intelligenz. Hinzukommend bereiteten die beiden Piraten nicht nur den kleinen Marinesoldaten Angst, da die Weltaristokraten das Geschehen vermutlich ebenfalls mit wenig Begeisterung betrachteten, denn Männer wie diese beiden brachten nichts als Ärger. Es wäre nicht verwunderlich, wenn das Chaos irgendwann Überhand gewinnen würde.  
Doch bis dahin würde mit Sicherheit noch mehr Zeit vergehen, als die meisten dachten.
Schon viel zu oft hatten die Journalisten Chaos vorhergesagt, aber die wirklichen Katastrophen hatte niemand kommen sehen. Die Schlacht am Marine Ford war eine davon. Trafalgars Bemühungen, um einer der sieben Samurai der Meere zu werden, eine weitere. Den Artikel dazu hatte sie ganze zweimal gesehen. Einmal als Neuigkeit und einmal als bereits vergangene Tatsache.
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