[MSP] ANY Adventure

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
03.01.2018
27.09.2018
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Meine Blicke ruhten zweifelnd auf Jonghyuk. Ich fühlte mich absolut nicht wohl in meiner Kleidung. Sie war zu prunkig. Zu unpassend... So gar nicht ich. Was hatte Soo-Won sich dabei gedacht so etwas für mich wählen zu lassen? Sicher wenn man mit einem König, ob zukünftig oder gegenwärtig, speiste, musste man wohl gemessen gekleidet sein, aber sicher hätte es auch ein hübscheres paar Hosen getan.

Soo-Won wartet schon auf dich. Du musst einfach die Tür öffnen und durchgehen“, erklärte Jonghyuk, der scheinbar merkte, wie sich alles in mir sträubte diesen Speisesaal zu betreten.

„Das weiß ich... Aber... ich seh total albern aus. So kann ich mich ihm doch nicht präsentieren.“

Zum gefühlten hundertsten Mal äußerte ich meine Bedenken über meine Garderobe. Und zum gefühlten hundertsten Mal fing Jonghyuk an, an meiner Kleidung herumzuzuppeln. So als wollte er sicher gehen, dass keine Falte eine Chance hatte, mich zu entstellen.

„Mach dir doch keine Sorgen. Du siehst gut aus. Die Sachen sind an einigen Stellen vielleicht dezent zu kurz, aber das wird schon. Soo-Won-sama wird dich deswegen nicht verurteilen.“

Alles in mir krampfte sich zusammen, denn gemessen meiner aktuellen Situation wollte ich nicht verurteilt werden und irgendwie schwebte dieses unsichtbare Henkersbeil immer noch über mir.

„Oh verzeih, falsche Wortwahl“, entschuldigte sich Jonghyuk sofort, als er merkte, wie ich mich anspannte.

„Ich meinte nur, dass Soo-Won-sama-“

„Ich weiß, ich weiß. Er wird kein schlechtes Wort über mein Aussehen verlieren.“

Ich seufzte, mich ergebend, und sah Jonghyuk ein letztes Mal an, bevor dieser mir die Tür öffnete und in das Innere blicken konnte.

Der Saal erschien mir schon jetzt viel zu groß und doch war er noch zu klein um Soo-Won gefühlte hundert Lichtjahre von sich entfernt zu haben.

Ich sah Soo-Won der bereits an einem Platz saß und auf mich zu warten schien. Die von mir gedachte Tafel, bestand nur aus einem kleinen runden Tisch, so dass ich nicht die Möglichkeit bekam mich 15 Stühle weiter weg zu setzen. Verdammt. Er schien es geahnt zu haben und hatte bereits alle Vorkehrungen getroffen, damit ich nicht fliehen konnte.

Mit einem sanften Stoß, schubste mich Jonghyuk in den Saal und verschloss, wie in einem Horrorfilm die Tür hinter mir. Und wenn ich eines aus Horrorfilmen gelernt hatte, dann waren Türen die sich hinter einen schlossen selten ein gutes Zeichen.

Mit einem tiefen Seufzen wandte ich meinen Blick zu Soo-Won, hinter dem zwei Wachen standen, die sich scheinbar angeregt unterhielten. Ihre Blicke waren bohrend, fast schon bedrohlich.

Mir war klar was sie dachten. 'Warum darf diese verdächtige Ausländerin mit Soo-Won zusammen essen?' Und ja, es waren berechtigte Gedanken, natürlich nur, wenn man nicht wusste, dass Soo-Won den König getötet hatte. Und alle Wachen und Soldaten konnten das unmöglich wissen.

„Es freut mich, dass du der Einladung gefolgt bist. Setz dich doch. Darf ich anmerken, dass dir der Hanbok steht?“

Soo-Won lächelte mich an und wies mit seiner linken Hand auf einen freien Platz ihm gegenüber. Ich näherte mich vorsichtig, wobei ich meinen Blick nicht von den Wachen nehmen konnte.

„Ich muss ehrlich gestehen ich fühle mich mit Röcken und Kleiderähnlichen Dingen nicht wohl. Ich bevorzuge Hosen“, erklärte ich und setzte mich auf den zugewiesenen Platz. Immer noch starrte ich zu den Wachen, deren Blicke mich förmlich erdolchten, erhängten und zusätzlich noch verbrannten. Monokuma hätte sicher seinen Spaß dabei gehabt.

„Ist das in eurem Land üblich? Das Frauen Hosen tragen?“

Ich sah zu Soo-Won und war kurz über seine Frage verwirrt. Doch ein paar Sekunden Bedenkzeit machten mir klar, dass Kleider und Röcke wohl eher üblicher für Frauen waren. Wie eigentlich überall im Mittelalter, wenn ich da einigermaßen richtig informiert war. Zumindest war es zur Zeit der Shinsengumi in Japan üblich. Weiter reichte mein geschichtliches Wissen dank Hakuouki nicht. Aber wenn ich es recht bedachte, hatte Yona auch eher selten bis nie in Hosen gesehen.

„Ja. Bei uns herrscht so etwas wie freie Kleidungswahl. Wenn Frauen Hosen tragen wollen, tragen sie welche. Die sind sogar meist für Frauen zurecht geschnitten.“

Soo-Won lächelte, schien das was ich sagte nicht zu verurteilen oder seltsam zu finden. Ich für meinen Teil fand seine Reaktion seltsam. Und das aus vielerlei Hinsicht. Er wusste, dass ich gelauscht hatte. Er wusste vielleicht sogar, dass ich ahnte, dass mir niemand die Wahrheit sagte. Immerhin, wenn ich nicht König Ils Mörder war, wer sollte es dann sein?

„Eure Heimat scheint wirklich ein interessanter Ort zu sein. Wenn ihr wollt, könnt ihr mir mehr erzählen.“

Egal was Soo-Won sagte, er weckte Misstrauen in mir. Warum sollte ihn interessieren, wie meine Heimat war?

„Erzählt mir bitte, warum ihr euch so sicher seid, dass ich König Il nicht ermordet habe.“

Kaum, dass ich meine Gedanken ausgesprochen hatte, gingen die Soldaten hinter Soo-Won in Position. Bereit mich festzusetzen, wenn ich auch nur eine falsche Bewegung machte. Doch Soo-Won hob die Hand und sein Lächeln, wurde sofort ernst.

„Weil ihr es nicht wahrt, deswegen. Wir haben den Sachverhalt genaustens geprüft und bereits einen anderen Verdächtigen im Visier, der wesentlich offensichtlicher und wahrscheinlicher der Mörder ist. Die unglücklichen Umstände haben euch lediglich in diese Sache hineingezogen. Bitte macht euch keine Sorgen, ihr seid mein Gast und könnt euch daher so frei bewegen, wie es euch beliebt. Und das werden alle hier respektieren.“

Ich konnte sehen, wie er mit den Augen in Richtung der Soldaten schielte. Es schien wie eine Warnung für diese zu sein. Ihre Haltung änderte sich sofort, wurde lockerer, fast schon ein wenig unsicher.

„Heißt das, ich darf jederzeit den Palast verlassen und meine Reise fortführen?“

„Selbstverständlich dürft Ihr das. Ich bitte euch aber noch etwas zu bleiben. Der Schlag den einer der Wächter euch verpasst hat, war nicht gerade sanft und mir wäre wohler dabei, wenn ihr so lange noch unter der Aufsicht unseres Arztes bleibt, bis dieser absolut sicher ist, dass es euch gut geht.“

Innerlich murrte ich. Denn damit machte mir Soo-Won einen Strich durch die Rechnung. Ich hätte wahrscheinlich den Palast noch am nächsten Tag verlassen und wäre zum Dorf des Windclans gereist. Doch unter diesen Umständen konnte ich nicht gehen.

„Das ist wirklich sehr freundlich von euch. Aber versteht bitte, dass ich eure Gastfreundschaft gerade jetzt nicht überstrapazieren mag. Ihr habt sicher viel zu tun mit der nahenden Krönung und Übernahme.“

„Macht euch darüber keine Sorgen.“

Sein ernster Blick war wieder einem gewohnten Lächeln gewichen. Das Lächeln, dass so viele Dinge verbarg, so viele Geheimnisse unsichtbar machte. Ein Lächeln, dass Soo-Won Einsamkeit und Trauer bescherte.



~~*~~




Ernste Gesichter. Unabhängig davon, in welche Richtung des Raumes ich blickte, ich sah einzig und allein in ernste Gesichter. Kaum hatte ich dem schwer verletzten Heang-dea geholfen, zu den anderen hinüber zu gehen, war dieser mir im Arm zusammengebrochen. Natürlich kamen Hak und Mundook sofort zur Hilfe, denn ich alleine hätte ihn niemals wieder auf die Beine hochziehen können. Leise flüsterte der junge Mann dem ehemaligen Oberhaupt, was er wissen musste, woraufhin dieser mit dem Fuß aufstieß.

„Beruhigt euch! Macht euch um den Fluss keine Gedanken! Lasst Heang-dea sofort zu meine Gemächer bringen. Und benachrichtigt meinen Hausarzt, möglicherweise sind Heang-deas Wunden schlimmer, als sie im Moment aussehen. Wir dürfen kein Risiko eingehen, insbesondere, nachdem die Lieferung heute noch nicht angekommen sein dürfte!“, sagte er mit starker Stimme, bevor er Hak die komplette Verantwortung über die Situation überlassen hatte. Erst in seinem Gebäude trafen wir ihn wieder. Yona und ich hatten die Wäsche wieder zusammengesammelt, doch in diesem Moment kümmerte es niemanden, ob die Laken nun dreckig waren oder nicht. Überhaupt war dieses Thema nebensächlich geworden, kaum hatten wir den stillgelegten Fluss gesehen. Zusammen mit sämtlichen anderen Bewohnern waren wir beiden Hak gefolgt, doch am Ende waren es nur noch wir drei und der ohnmächtige Heang-dea, die das imposante Gebäude betraten. Zwar wirkte es nicht so pompös wie so manche Schlösser, Kirchen oder andere wichtige Gebäude und doch konnte man schon alleine vom Aufbau des Hauses erkennen, dass es jemand sehr wichtiges sein Zuhause nannte. Ein flüchtiges Gefühl von Anmut streifte mein Herz, bevor ich mich wieder auf die Situation zurückkonzentrierte. Wie immer fiel es mir schwer, meinen Blick auf die Personen um mich herum zu fokussieren. Wie immer konnte ich mich nicht entscheiden, wen ich nun ansehen sollte. Heang-dea, wie er schutzlos vor uns auf der Matratze lag? Yona, welche mit besorgtem Gesicht in das meine sah, in der Hoffnung, meine Augen würden ihr die Antworten geben, die sie im Moment so sehr benötigte. Zu Hak, der überraschenderweise zu meiner Rechten saß? Oder doch eher zu Mundook, kaum, hatte er den Raum betreten? Ich wusste es nicht und so beschloss ich, abwechselnd alle Akteure des aktuellen Stücks anzusehen. Einfach der Gerechtigkeit wegen. Auch bekam ich ein seltsames Gefühl und sah mich weiter um. Sah die Bilder ehemaliger Herrscher des Windclans. Eine uralte Vase, von der ich nicht sagen konnte, ob sie ein teures Wertgegenstück war oder nur etwas, was man in meiner Zeit im Ein-Euro-Laden bekommen würde. Unter unseren Füßen bestand der komplette Boden, wie auch schon in Yonas Zimmer, komplett aus Holz, das von einem findigen Schreiner mehr als gemütlich gemacht wurde. Dennoch wurde mir klar, dass ich mir auf Dauer ein Kissen wünschen würde. So versuchte ich, eine Position zu finden, die weder anstößig, noch unbequem war. Erst, als ich meine Beine unter meinen Oberschenkeln ein wenig spreizen konnte, spürte ich, dass ich das wohl noch so eine Weile halten können würde.  

In der Zwischenzeit hatte sich Mundook zu uns gesellt, er saß direkt an Heang-deas Kopf und betrachtete ihn streng. Dann begann er sich zu räuspern, obwohl keiner von uns etwas sagte und wir ihm bereits jegliche Aufmerksamkeit schenkten. Ich nahm an, es war so seine Art, ein Gespräch zu beginnen. Ein Ritual, um letzte Unsicherheiten abzuschütteln, bevor er sich mit anderen Leuten verständigte.

„Opa“, sagte Hak, um das Gespräch irgendwie zu beginnen. Mundook seufzte laut, dann wandte er den Blick von seinem verletzten Clan-Mitglied ab.

„Das … das ist eine Warnung des Feuerclans“, begann er nüchtern zu erzählen. Uns allen war sofort klar, was er damit meinte. Da ich bereits einen kleinen Teil der Geschichte kannte, wusste ich sofort, wie die Geschichte weiterlaufen würde, doch ich wollte auf keinen Fall auffallen, als ich es vermutlich ohnehin schon tat. Daher hielt ich mich still zurück und überließ Hak das Reden.

„Eine Warnung?“, fragte Hak vorsichtig nach, noch immer konnte er sich kein Bild von der Situation machen. Sicher, der Feuerclan und der Windclan waren noch nie tiefe Freunde, aber der Angriff erschien ihm wohl zu willkürlich. Wieder begann Mundook zu seufzen, wieder nickte er langsam mit dem Kopf.

„Sie wollen, dass So-Won-sama den Königsthron besteigt.“

Erschrocken rissen Yona und Hak die Augen auf, ich versuchte ebenfalls, mich überrascht zu geben, konnte jedoch nicht sagen, ob ich damit Erfolg hatte. Zu meinem Glück achteten sie gerade nicht auf mich, trotzdem gab ich mir Mühe, so zu tun, als würde ich von all dem hier nicht wissen.

„Der Feuerclan …?!“, rief Hak laut auf, lauter, als es ihm wohl bewusst war.  Mundook legte eine Hand auf seine Schulter und fuhr fort: „Der Feuerclan scheint schon seit langem mit Suwon-sama unter einer Decke zu stecken. Sie setzen uns wohl unter Druck, weil ich bei der letzten Versammlung nicht zugestimmt habe, dass So-Won-Sama König wird. Leider war ich auch der Einzige mit dieser Einstellung, alle anderen … hielten diese Lösung wohl für praktikabel.“

Weiß wie die Wand, sank Yona in sich zusammen, die Hände in ihre Arme gekrallt. Ich konnte mir nur allzu gut vorstellen, was Yona gerade durch den Kopf ging. Zwar hatte sie sich von So-Won Verrat soweit erst mal erholen können, so gut es ging, doch das hier riss definitiv alte Wunden in ihr auf.

„Eure Hoheit“, sagte Mundook, nun an Yona gerichtet. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich ihn für einen Großvater gehalten, der gerade liebevoll seine Enkelin trösten wollte.

„Keine Sorge, ich werde das nicht zulassen.“

Er drehte sich zu ihr um und streichelte ihren Kopf, was ihr wieder ein wenig Farbe ins Gesicht zurückbrachte.

„Würde ich So-Won-sama als König anerkennen … würde ich akzeptieren, dass Hak des Königsmords verdächtigt wird. Oder andere unschuldige Menschen, nur, weil sie ausländischer Herkunft sind. So, wie eure neue Freundin dort“, sagte er und deutete auf mich. Ich spürte, wie die gesamte Aufmerksamkeit des Raumes auf mich gelenkt wurde und blickte von Heang-dea auf, sah einen nach den anderen an und versuchte ihre Gesichter zu deuten.

‚Ich kenne hier jeden, ich denke mal nicht, dass sie mich verraten würden … nein, sowas würden sie nicht tun. Nicht die drei hier. Abgesehen davon könnte ich mich gar nicht verteidigen und hier sterben oder ins Gefängnis zu kommen, das kommt einfach nicht in Frage. Immerhin muss ich wieder zurückfinden, zu ihm …‘

„Was möchtest du damit sagen, alter Mann?“, fragte Hak, nicht gerade sehr von Mundooks Worten überzeugt. Dieser räusperte sich.

„Nun, es war auch ein Teil unserer Besprechung, aber ich habe es auch hinterher von einer der Königswachen erfahren. Laut den neuesten Erkenntnissen, steht eine weibliche Person ausländischer Herkunft unter strengem Verdacht, König Il …“, er sah hinüber zu Yona und überdachte seine Wortwahl.

„Nun, dass eine Frau aus dem Ausland für das Unglück verantwortlich sein soll. Genaueres konnten mir die Wachen nicht sagen, außer dem Geschlecht und der Tatsache, dass es keine Frau sein soll, die aus Koka stammt.“

Noch immer sah ich, wie sie mich alle drei ansahen und es fiel mir noch schwerer, ihre Blicke zu deuten. Obwohl ich wusste, dass von ihnen keine Gefahr ausging, gab es wie immer einen Teil in mir, der die Gesichter der anderen nicht deuten konnte. Ein Teil in mir, der sagte, dass ich es mir nur einredete und dass ich in Wirklichkeit doch in Gefahr wäre. Das Bedürfnis, die Beine in die Hand zu nehmen und zu flüchten stieg in mir hoch.

‚Sagt doch was … sagt doch wenigstens irgendwas. Aber schweigt mich doch nicht so an. Ich bin kein Mörder!‘

Doch wie so oft fanden meine Worte nicht aus meinem Mund hinaus, aus irgendeinem Grund hielten es mein Gehirn und mein Mund für eine gute Idee, einfach dazusitzen und zu schweigen. Ich sah, wie Hak mit dem Kopf schüttelte und auch Yonas Gesicht nahm weichere Züge an.

„Ich kenne die junge Dame noch nicht so lange und auch noch nicht so gut“, begann Hak schließlich zu reden.

„Aber ich habe die letzten Tage mit ihr eng zusammen verbracht und ich bin mir sicher, dass sie auf keinen Fall die verdächtige Person sein kann. Mal davon abgesehen, dass sie in der Wildnis keine Nacht alleine überstehen würde, war sie oft mit Yona alleine. Wenn sie es auf den König abgesehen hätte, dann wäre sie mit Sicherheit auch hinter Yona her gewesen. Sie hätte genug Chancen gehabt, sie auch aus dem Weg zu räumen. Stattdessen hat sie ihr auf ihre unbeholfene, aber freundliche Art geholfen wieder ins Leben zurückzufinden.“

„Genau“, sagte Yona und nickte eifrig.

„Außerdem, Kira hat eine so auffällige Haarfarbe, die wäre ihnen mit Sicherheit im Gedächtnis geblieben. Sie ist bestimmt nicht die einzige Ausländerin, die sich hier aufhält. Und sie kann kein böser Mensch sein, das spüre ich einfach.“

Sie schüttelte mit dem Kopf und konnte mir gut vorstellen, dass sie kurz an Su-Won dachte. Von ihm dachte sie auch lange, dass er ein guter Mensch wäre, wurde dann aber so enttäuscht. Mundook verschränkte die Arme und nickte.

„In der Tat, es ist fast so rot wie Yona, auch wenn es hier drin eher wie das Lila einer Pflaume aussieht“, sagte er und betrachtete mein Haar erneut.

„Abgesehen davon glaube ich nicht an die Theorie, dass es ausgerechnet eine Frau aus fremden Landen getan haben sollte. Dazu hätte sie sich im Land, in der Stadt und auch im Palast gut auskennen müssen. Sie hätte all die Wachen passieren und den König überwältigen müssen. Selbst eine trainierte Frau, sollte es sie im Ausland überhaupt geben, hätte hiermit ihre großen Schwierigkeiten gehabt. Und wäre sie vorher bereits hier gewesen, um vorab Informationen zu sammeln, dann wäre sie bestimmt jemanden aufgefallen, der sich dann bei ihrem späteren Erscheinen erinnert hätte. Nein, nein, ich bin mir sicher, dass das nur ein Papiertiger ist. Man braucht nur einen Sündenbock, das ist alles. Man will die Sache so schnell wie möglich über die Bühne bringen und anschließend So-Won bei der nächstbesten Gelegenheit zum König krönen.“

„Argh … uff“

Stöhnend begann sich Heang-dea zu bewegen, öffnete seine Augen und versuchte sich aufzurichten. Hak stützte ihn, doch nach ein paar Minuten konnte er sich von alleine auf seine Arme abstützen. Zwar konnte ihn der Hausarzt so gut es ging verarzten, doch soweit ich es mitbekommen hatte, wurden dafür die medizinischen Reserven benutzt. Nun waren sie mehr denn je auf eine neue Lieferung angewiesen, denn sollte sich die Geschichte in eine mir unbekannte Richtung entwickeln, dann würde die Versorgung der zukünftigen Verletzten schwierig werden. Abgesehen davon, dass es noch jemanden gab, der dringend seine Medizin benötigte.

„Taeyeon, er ist wach“, begann Mundook in den Gang zu rufen und nach wenigen Sekunden konnte man bereits Schritte vernehmen. Er betrat den Raum, mit einer Karaffe voller Wasser und einem kleinen Becher. Diesen füllte er ab und reichte ihm Heang-dea, welchen er dankend annahm. Anschließend sah Taeyeon Yona und mich ehrfürchtig an.

‚Offenbar hat Yonas Geheimnis wohl sehr schnell die Runde gemacht … oder war er beim Fluss unten dabei? Ich weiß es gar nicht mehr‘

Ein wenig hustend, begann er uns anzulächeln. Was das Geräusch, das aus seinem Mund kam, nicht besser machte.

„Es sieht schlecht aus, denn wenn wir nicht bald die Medizin bekommen, dann wird Taeyeon …“

„Oh nein!“, erschrak Yona und verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. Doch Taeyeon hörte nicht zu lächeln auf, er versuchte noch weiter, unsere Laune wieder aus dem Keller zu holen.

„Keine Angst, ich werde das schon überstehen, immerhin bin ich …“

Was er ist, sollten wir so schnell nicht erfahren. Erneut suchte ein Hustenanfall seinen Körper heim, bevor er vor unseren Augen zusammenbrach. Hak kontrollierte auf der Stelle seinen Puls und als er fündig wurde, atmete er auf.

„Wir brauchen dringend seine Medizin … es ist wirklich ernst“, sagte Hak und nichts in seiner Stimme ließ Zweifel aufkommen, dass er sich sofort auf den Weg machen wollte. Doch da hatte sich Heang-dea, wenn auch recht wackelig, längst auf seine eigenen Beine gestellt.

„Hak-sama, wenn es möglich ist, würde ich mich gerne freiwillig melden und nach dem Händler sehen“, sagte er, mit einem Lächeln, das wenig erfolgsversprechend war. Hak schüttelte den Kopf.

„Ich bewundere deinen Mut, Dummkopf, aber du bist verletzt. Bis vor ein paar Minuten warst du noch ohnmächtig. Überlass es lieber jemand anderen, bevor du noch schlimmeren Schaden nimmst.“

„Dann werde ich wohl trotzdem gehen müssen … Hak-sama, ich kann mir vorstellen, dass Ihr gehen wollt. Aber ihr müsst unsere Heimat beschützen, für den Fall, dass der Feuerclan hierher kommt und uns alle angreifen möchte. Und ich bin der Einzige, der weiß, wo sich der Heiler im östlichen Wald aufhält, er hat ganz sicher noch was von der Medizin übrig. Ich bin der Schnellste hier im Windclan. Ihr müsst euch keine Sorgen machen, Kira kann ja mit mir mitkommen.“

‚Was? Warum denn ich?‘

Ich spürte meinen verdutzten Gesichtsausdruck und offensichtlich war er Heang-dea nicht entgangen. Fest nahm er seine Hand in meine und zog mich in Richtung Tür.

„Naja, wenn du mit mir mitkommst, dann werden sie dir sicherlich nichts tun. Draußen sind deine Haare so rot, dass sie wie die von Yona-Hime aussehen. Dann werden sie dir bestimmt nichts tun, dazu ist Yona-Hime einfach viel zu beliebt. Sie haben sie bestimmt noch nie wirklich gesehen, sondern immer nur von ihren roten Haaren gehört. Das ist doch eine gute Idee, oder? Aber alleine sollte sie nicht gehen, sie ist fremd und kennt sich nicht aus. Wir ergänzen uns also perfekt, oder nicht?“

Grinsend, soweit es seine Schmerzen zuließen, blickte er in die Runde. Auch ich sah die anderen an, wenn auch nicht so selbstbewusst wie der junge Mann neben mir.

‚Ich sollte was sagen … aber was soll ich sagen? Leider weiß ich nicht mehr genau, wie diese Situation gelöst wurde. Überhaupt, meine nächste Erinnerung ist die, dass Hak die Stadt verlassen möchte und Yona sich an ihn dran hängt … wie war das mit dem Teil dazwischen? Verdammt, Kira, erinnere dich!‘

Keiner von ihnen sah von der Idee wirklich begeistert aus, aber sie wirkten auch nicht, als würde ihnen eine Alternative einfallen.

„Einen Anfall … Taeyeon hatte schon immer eine schlechte Lunge. Manchmal bekommt er Atemlähmungen. Wenn er seine Medizin hier hätte, dann würde es ihm sofort besser gehen. Aber jetzt, wo die Händler überfallen wurden. Nicht nur du, Heang-dea, auch andere aus unserem Dorf haben uns diese schreckliche Tatsache bestätigen können . Hak, der noch immer unglücklich in die Runde blickte, wartete eine Reaktion der anderen ab, bevor er auf Heang-deas Vorschlag einging.

„Mir gefällt das Ganze zwar nicht, aber es ist ja nicht so, als hätten wir keine andere Wahl. Gut, dann geht, aber lasst euch nicht erwischen oder trödelt zu lange. Denkt daran, jede Minute zählt“, sagte er ernst. Ich konnte gerade noch stumm nicken, da wurde ich bereits von einem euphorischen Heang-dea an der Hand genommen und aus der Tür herausgezogen.



Ich hatte mir zwar bereits vorstellen können, dass sich Heang-dea sehr gut in der Gegend auskennen würde und doch erstaunte mich sein Wissen über alle Maßen. Er kannte nicht nur sichere Abkürzungen und Routen, die uns vor fremden Blicken beschützen würden, er kannte sogar Wege, die ich lahme Krücke gut hinter mich bringen konnte. Meine Sorge, ich würde ihn durch meine nicht vorhandene Ausdauer behindern, blieb unbegründet, da er es irgendwie geschafft hatte, dass wir zwar ein eiliges Tempo an den Tag legten, aber dennoch mich kaum erschöpfte. Später würde ich es wohl auf das Adrenalin in meinem Körper schieben oder auf die Tatsache, dass wir sehr viel herumschlichen, selbst im tiefen Wald, doch für den Augenblick überraschte es mich einfach nur, wie gut ich mit dem jungen Mann mithalten konnte. Zwar näherten wir uns ab und zu der Route, die in den Osten führte, aber mieden sie selbst so gut es ging. Einmal konnte ich sogar die zerstörten Wägen sehen, die den betroffenen Händlern gehört hatten.

‚Hier sind sie offenbar überfallen worden … der Feuerclan hat echt nicht viel Rücksicht genommen. Was sie wohl mit ihnen gemacht haben? Konnten sie flüchten? Oder wurden sie von den Leuten gekillt?‘

Zerstörte und angebrannte Wägen, hier und da eine kleine Blutspur, verstreute und zerstörte Waren – all das hatte der Feuerclan voller Stolz hinterlassen, als eine Art Mahnmal.

„Es ist schrecklich. Ich hoffe, es geht den Händlern gut“, sagte Heang-dea, nahm zum wiederholten Male meine Hand und zog mich wieder in den Wald hinein. Kaum waren wir wieder im Schutz der Bäume, kam eine größere Gruppe an Feuerclan-Kriegern vorbei.

‚Wie gut, dass sie uns nicht gesehen haben – das wäre unser Ende gewesen‘, dachte ich mich hinein. So gut es uns gelang, schlichen wir uns immer tiefer in den Wald hinein.

Der Wald selbst war bis auf ein paar seltsame Vogel- und anderweitige Tiergeräusche, die ich nicht zuordnen konnte, sehr ruhig. Auch wuchsen viele Pflanzen und Sträucher, die ich niemals hätte benennen können, weit verstreut zwischen den Bäumen. Das einzige tierische Highlight, das ich auch tatsächlich zu sehen und nicht nur zu hören bekamen, waren ein paar einzelne Hörnchen und ein fremdartiger Fisch, der sich in einem kleinen Bach herumtummelte. Überrascht blickte ich das kleine Gewässer an, doch da die Zeit drängte, nahm ich mir vor, den Bach zu einer späteren Zeit wieder zu besuchen. In der Hoffnung, dass ich es nicht wieder vergessen würde. Wie immer zog mich der Bach auf eine seltsame Art und Weise an, wie das Licht die kleinen Insekten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit hatten wir schließlich den Händler erreicht. Ein kleines, komplett aus Ton gefertigtes Haus stand vor uns, das Dach komplett nur aus Stroh und Holzbalken bestehend.  

‚Wow, das sieht aus wie das eine Haus, das so’n Typ auf YouTube gemacht hat. Ob er das auf die gleiche Art gebaut hat, das Haus? Sieht auf jeden Fall danach aus. Nur, dass er keine Ziegel fürs Dach gebrannt hat. Offenbar reicht ihm das  Strohdach … sieht aber auch sehr beeindruckend aus.

Noch beeindruckender war der alte Heiler, welcher plötzlich, ohne jegliche Vorwarnung vor uns auftauchte. Er war deutlich kleiner als ich, machte dafür aber einen vitaleren Eindruck als ich oder mein Begleiter. Falten und Narben zierten seinen Körper wie andere Leute Tattoos. Ungewohnt, mal in die andere Richtung zu gucken, sah ich auf den älteren Mann hinab. Während der ganzen Zeit hatte ich mir wie immer die Worte zurecht gelegt, mit denen ich den älteren Mann um Medizin bitten wollte, doch zu meinem Glück übernahm Heang-dea das Reden. Wofür ich sehr dankbar war.

„Guten Tag, weiser Heiler, vielen Dank, dass Ihr uns an Ihrem Haus empfangen“, begrüßte Heang-dea den Mann höflich, ich selbst schloss mich der Begrüßung mit einer stummen, angedeuteten Verbeugung an, wohlwissend, dass ich für diese Art von Kommunikation im falschen Land befand.

„Guten Tag, junger Mann, junge Dame“, erwiderte er unsere Begrüßung und ließ sich auf dem nächstbesten Stuhl nieder. Welcher im Grunde nur aus einem alten Baumstumpf bestand. „Was kann ich für euch beiden jungen Menschen tun? Stammt ihr nicht aus dem Windclan? Oder zumindest du, junger Mann? Die Dame in deiner Begleitung muss aus einem Land weit entfernt kommen, ihrer seltsamen Kleidung zufolge“, sagte er und deutete auf den regenbogenfarbenen Schädel auf meinem T-Shirt.

„Das stimmt“, sagte ich und versuchte, das Thema wieder weiter zu lenken.

„Jedenfalls, wir wollen Sie gar nicht so lange aufhalten, wir benötigen nur bitte eine neue Medizin für unseren Taeyeon. Es geht ihm nicht so gut und die Medizin wird ihm bestimmt wieder auf die Beine helfen. Es wäre sehr nett, wenn Sie uns was davon verkaufen könnten, denn er benötigt sie dringend!“

Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, bereute ich es schon. Kurz dachte ich an das Pony, das Fluttershys Notlage ausnutzte und die Preise für seine Ware deutlich anhob. Auch der Blick, den der alte Mann uns gab, machte mir wenig Zuversicht.

„Nun, das kann ich verstehen, allerdings ist erst eine frische Ladung an Medizin an euren Clan gesendet worden. So kurz danach noch mehr Medizin zu verlangen … nun ja, das wird doch ein wenig teuer werden. Immerhin muss ich mich hier an meinen eigenen Vorräten bedienen, um die Medizin jetzt herzustellen, obwohl ich eigentlich viel mehr Zeit dafür bekomme. Ich fürchte, ich werde nicht drum herumkommen, ein wenig mehr Geld von euch zu verlangen. Sagen wir, für den doppelten Preis kann ich es euch geben. Ansonsten kann ich euch leider nicht weiterhelfen“, sagte er und packte eine Art Pfeife aus. Verzweifelt sah ich Heang-dea an, er selbst wusste auch nicht genau weiter.

‚Ob ich es versuchen soll?‘

„Nun, wenn ich Euch einen Vorschlag machen darf … wir könnten Euch auch andere Waren oder Dienstleistungen anbieten, zusätzlich zu dem normalen Preis. Zumindest, solange es in unserer Macht und unseren Möglichkeit steht“, füge ich noch hinzu, doch der alte Mann winkte ab.

„Netter Versuch, Kleine, aber ich brauche nicht viel. Alles, was ich benötige, bekomme ich entweder vom Wald, von Händlern aus weit entfernten Ländern oder ich kann es mir selbst herstellen. Ich denke nicht, dass euer Clan etwas hat, was mich noch interessieren könnte, außer eurem Geld. Nun, wenn dir mein Preis nicht gefällt, dann könnt ihr ja gerne einen anderen Heiler aufsuchen.“

Am liebsten hätte ich ihm ins Gesicht gespuckt oder ihm eine verpasst, doch mit Mühe hielt ich mich zurück. Wenigstens mein Verstand wusste, dass Gewalt keine Lösung war. Wenigstens konnte ich mich auf ihn verlassen. Heang-dea sah mich wieder an, dann klärte sich sein Gesichtsausdruck und er zwinkerte mir zu. Unsicher sah ich ihn an, doch dann beschloss ich, ihn einfach machen zu lassen.

„Hören Sie, mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie es auch mit dem Glücksspiel haben. Nun, da ist Ihr Glückstag, denn ich bin ein guter Spieler und die junge Dame ist mein persönlicher Glücksbringer“, sagte er und deutete auf mich. Der alte Heiler machte zwar keinerlei Anstalten, seinen Stumpfstuhl wieder zu verlassen, wirkte jedoch deutlich interessierter als vorher.

„Sagen Sie mal, haben schon einmal von dem Spiel Yut gehört?“, fragte er ihn und nun hatte er vollkommen das Interesse des alten Mannes gewonnen.

„Natürlich kenne ich das Spiel, das habe ich bereits gespielt, da warst du noch nicht einmal eine Idee, mein Kleiner“, und begann zu lachen. Wir ließen ihn auslachen, denn so schnell durften wir ihn nicht mehr von der Angel lassen, gerade, wo er jetzt erst angebissen hat. Heang-dea grinste.

„Nun gut, dann würde ich Ihnen gerne einen Vorschlag unterbreiten“, sagte er und beugte sich tief zu dem Mann hinunter.

„Wir mögen nicht gerade für das Glücksspiel bekannt sein, aber dafür haben wir sehr fähige Handwerker in unserer Heimat, die ihr Handwerk nur zu gut verstehen. Sie sind bei ihrer Arbeit stets professionell, wobei sich einer von ihnen auf die Herstellung beliebter Brettspiele spezialisiert hat. Nun, darunter stellt er auch wunderschöne Yut-Stäbe her, erst neulich hat er eine Kollektion zu Ehren von König hergestellt. Es ist zwar, aufgrund des fortgeschrittenen Alters des Meisters, eine limitierte, aber auch sehr schöne Kollektion. Auch, was den Spielgrund und die Spielsteine angeht, so hat er sich sehr viel Mühe gegeben, damit es unserem geliebten und leider verstorbenen König nur gerecht werden kann. Nun, diese Kollektionen dürften sehr begehrt sein, allgemein sind seine Brettspiele nah und fern sehr beliebt, die Nachfrage nach diesen Kollektionen dürfte also mit der Zeit immer höher werden. Aber wir könnten dafür sorgen, dass eine der wenigen Exemplare in Ihren Besitz überwechselt. Nun, was halten Sie von dem Angebot?“

Nachdenklich sah uns der alte Mann an, er schien nicht gänzlich abgeneigt zu sein, aber so ganz sicher war ich mir nicht, ob er nun auf unser Angebot eingehen wollte oder nicht. Er kratzte sich am Kinn, dann sah er erst mich an, dann unseren Begleiter.

„Ich gehe wohl recht in der Annahme, dass Ihr ein solches Exemplar mit ihr euch führt, richtig? Nicht, dass ich an dem Wahrheitsgehalt eurer Worte zweifle, einen alten Mann wie mich kann man nicht so leicht hinter das Licht führen. Aber ich bin noch lange nicht senil und möchte schon gerne einen Blick in den Beutel werfen, bevor ich blind irgendeine Katze kaufe, die mir am Ende nicht gefällt“.

Er nahm einen etwas mitgenommenen Fächer in die Hand und tippte sich an die Stirn. Heang-dea lächelte nur und griff unter seine Kleidung, kurz darauf hin hatte er einen purpurnen Stoffbeutel hervorgeholt, den er öffnete und dem Heiler entgegen hielt. Kritisch beäugte er den Stoff, wie auch den Inhalt und betrachtete sowohl die einzelnen Stäbe, wie auch das Tuch und die Spielsteine genauestens. Auch das Spieltuch war aus einem feinen Purpur gefertigt und besaß wie der Beutel ein dezentes Blumenmuster. Sofort musste ich bei dem Anblick an Yona denken, wie auch an die rote, mantelartige Kleidung, die König Il immer getragen hatte. Die Steine waren mit schwarzen und weißen Vögeln verziert worden und in die Stäbe war König Ils freundlich lächelndes Gesicht zu sehen.

‚Ob das wohl Yona gefallen würde?‘

Noch immer blickte der Heiler kritisch auf die Ware, die ihm feilgeboten wurde, dann zauberte sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Schlagartig wandelte sich auch die allgemeine Stimmung im Raum, von düster zu freundlich-hell. Ein Seufzer verließ meine Lippen. Er dagegen begann laut zu lachen.

„Eins muss ich Euch Windclan-Bewohnern lassen, ihr versteht Euch im Handeln. Also gut, ich bin einverstanden. Der Handel gilt, unwiderruflich von beiden Seiten. Wir wollen doch alle, dass es ehrlich und fair zugeht.“

Heang-dea griff erneut unter seine Kleidung, doch der Heiler schüttelte den Kopf.

„Vergesst das Geld, das hier ist eindeutig mehr wert als alles, was Ihr in deiner gesamten Börse besitzt.“ Er blickte auf das kleine Bündel in seiner Hand. „Das hier reicht mir vollkommen als Bezahlung.“

Schließlich griff er hinter sich und zog ein weiteres Bündel hervor, welches lang nicht so schön und farbenreich war wie der, den er von Heang-dea bekommen hatte. Dieser nahm den tonfarbenen Beutel und bedankte sich eifrig. Wie immer, wenn ich mir unsicher war, wie ich zu reagieren hatte, kopierte ich Heang-deas Verhalten und bedankte mich ebenfalls eifrig, wenn auch deutlich leiser als er.

„Ein so gutes Geschäft auszuschlagen würde aus mir einen schlechten Heiler machen“, sagte der Heiler und grinste zufrieden vor sich hin.

„Nun gut, jetzt, wo jede Partei das bekommen hat, was sie möchte, werde ich mich wieder von Euch verabschieden. Ich werde eure Handlungsstärke im Hinterkopf behalten, möglicherweise werden solche und ähnliche Geschäfte in Zukunft mit Eurem Clan möglich sein“, fügte er hinzu, bevor er uns aus seiner Tür heraus beförderte. Worüber ich auch sehr froh war, denn kaum hatte der alte Mann das Spiel in die Hände bekommen, waren wir wie Störenfriede für ihn und er wollte uns loswerden. Heang-dea wirkte auf mich nicht so, als hätte er etwas davon mitbekommen, was mich ein weiteres Mal an meinem Urteilungsvermögen zweifeln ließ.

„Haben Sie noch einen schönen Tag“, verabschiedeten wir uns und machten uns auf dem gleichen Weg, auf die gleiche Weise, wieder auf den Weg zurück zum Windclan.



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Soo-Won schien wirklich dafür gesorgt zu haben, dass die Würze dieses Mal in Maßen und nicht in Massen gemacht wurde. Wir schwiegen, während das Essen serviert wurde und es war schließlich Soo-Won der das Schweigen beim Hauptgang brach.

„Hat euch das Schreibwerkzeug und das Buch erreicht?“, fragte Soo-Won und sah mich an, während eine irdene Schüssel vor mich hingestellt wurde. Ich sah hinein und erblickte ein Gericht, das bunt gemischt schien. Es war liebevoll hergerichtet, fast schon kunstvoll und zu schade um es zu essen.

„Ja. Allerdings muss ich gestehen, bin ich, was Pflanzen angeht nicht sonderlich bewandert und interessiert. Allerdings gab es in dem Buch eine Blume, die ich genutzt habe um ein paar Schreibübungen zu machen. Ich danke für die Schreibsachen.“

„Sagt einfach, wenn ihr mehr Papier oder Tinte braucht. Euch soll es während eures Aufenthaltes nicht an dem Mangeln, was ihr für euer Zubrot benötigt.“

Ich beobachtete, wie Soo-Won die Stäbchen nahm und einen Bissen aus der Schüssel vor ihm nahm. Ich beobachtete ihn genau und studierte seine Bewegungen. Bedacht, konzentriert, kein überflüssiges Zucken. Es war ein Ausdruck von der Person die er war.

Er bemerkte meine Blicke und sah auf, verwundert, ein wenig überrascht. Er lächelte verlegen, wobei ich vermutete, dass sich auch hinter diesem Lächeln etwas ganz anderes verbarg.

„Ihr müsst euch keine Sorgen machen. Niemand wird euch hier ein Haar krümmen. Auch nicht mit dem Essen. Jonghyuk hat das Essen persönlich Servierfertig gemacht.“

Er wollte mich überzeugen. Soviel stand fest. Dabei vermutete ich nicht einmal, dass man das Essen vergiftet hatte.

„Ihr seid ein seltsamer Mann, Soo-Won. Ihr empfangt eine Ausländerin als Gast, obwohl sie eine potentielle Attentäterin sein könnte. Stattdessen habt ihr eine andere Person in Verdacht. Ich verstehe euch einfach nicht. Denn ich habe mich mehr als auffällig verhalten. Meine Kleidung, die Tatsache dass ich an dem Ort war, wo ihr mir die Einladung zu diesem Essen ausgesprochen habt. Ihr reicht mir sogar noch Papier und Tinte, obwohl ich damit geheime Botschaften an meine Gefährten schicken könnte. Ihr scheint aber keinen einzigen Funken misstrauen mir gegenüber zu hegen.“

„Wie ich es erklärte, ihr seid einfach nur ein Opfer der unglücklichen Ereignisse geworden. Das ihr als Ausländerin mit Neugier einen fremden Palast erkundet ist, doch vollkommen normal. Ich bin auch immer sehr aufgeregt, wenn ich einen neuen Ort besuche und die Umgebung erkunden kann.“

Eine Lüge. Das war mir klar. Immerhin kannte ich Soo-Won aus der Serie. Wenn er etwas mit augenscheinlicher Neugier erforschte, dann nur um mehr Informationen zu bekommen und herauszufinden, wie er das nutzen konnte. Und gerade wollte er nicht, dass ich mehr erfuhr.

„Dann kann ich ja wohl erleichtert sein, dass ich eurer Gastfreundschaft zu Teil werden darf und da nicht andere Motive dahinter stehen. Ich danke euch dafür, Soo-Won.“

Jetzt war ich es, die sich bemühte zu lächeln. Und doch spürte ich eine gewisse Anspannung. Eine unausgesprochene Frage, die über uns beide schwebte. Die Frage, was der andere wusste und was nicht. Es war als würden wie beide wie hungrige Raubtiere umeinander herumschleichen. Jeder von uns wartete einfach darauf, dass der andere einen Fehler machte. Und jeder von uns wollte diesen nicht begehen, weswegen jedes Wort vorsichtig abgewägt wurde.

„Meine Gastfreundschaft ist vielleicht ein wenig eigennützig.“ Ich horchte auf und sah Soo-Won an. Was wollte er nun implizieren? Worin bestand sein Eigennutz jemanden wie mich zu beherbergen? „Eine Geschichtenerzählerin zu beherbergen die Geschichten aus aller Welt kennt, könnte zu meiner Unterhaltung in Form von Geschichten führen. Natürlich nur wenn Ihr wollt. Ich würde mich sehr über die ein oder andere Geschichte freuen, die ihr auf euren Reisen erfahren habt.“

Es war nicht das was er sagen wollte. Zumindest glaubte ich das. Warum sollte ihm eine einfache Geschichtenerzählerin für solche Unterhaltung genügen? Vielleicht war ich in diesem Moment einfach zu misstrauisch. Aber wahrscheinlich wäre das jeder in meiner Situation gewesen, wenn er wusste, dass er dem wahren Mörder von König Il gegenüber saß.

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