(Not) Everybody Deserves A Second Chance

von MonaGirl
GeschichteDrama, Romanze / P16
01.01.2018
27.01.2019
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„Das ist die perfekte Rolle für dich!“

Skeptisch nahm ich das Drehbuch in die Hand, das mein Agent, John Smith, mir zugeschoben hatte und las den Titel mit gerunzelter Stirn: 'The Second Chance'. „Worum geht es in dem Film?“, fragte ich neugierig und sah ihn an.

„Wie der Titel schon sagt, es geht um zweite Chancen.“ Er grinste. „Es ist eine Liebesgeschichte“, ging er mehr ins Detail. „Ich habe es gelesen und sofort an dich gedacht.“

„Du denkst bei einer Liebesgeschichte an mich?“, fragte ich verwundert und schob eine Haarsträhne meines schulterlangen, kastanienbraunen Haares aus meiner Stirn. „Dir ist schon klar, dass ich die letzten Jahre nur in Krimiserien gespielt habe, oder?“

Er nickte. „Ja und? Was soll mir das jetzt sagen?“

„Das ich nicht eine Liebesszene in all den Staffeln hatte“, merkte ich trocken an und seufzte. „Ich frage mich also ernsthaft, wie du darauf kommst, dass ich für so etwas geeignet wäre?“

„Du vergisst die Zeit davor“, meinte er und tippte sich dabei nachdenklich an die Stirn.

„Davor?“, stammelte ich verwirrt und erinnerte mich plötzlich wieder. Vor ungefähr acht Jahren hatte ich in einer Soap mit dem Namen 'Surfer's Paradise' die weibliche Hauptrolle gespielt und mich direkt am Set Hals über Kopf in den Hauptdarsteller verliebt. Aiden McNamara, 1.90 groß, muskulös, dunkle, lockige Haare und braune Augen, war damals der feuchte Traum aller Mädchen über 16 gewesen. Und ich hatte es kaum glauben können, dass er dann ausgerechnet mich erwählt hatte. Nach zwei turbulenten Beziehungsjahren, hatten wir uns dann direkt nach dem Ende der Dreharbeiten getrennt, und ich hatte nie mehr etwas von ihm gehört. Obwohl, wenn ich ehrlich zu mir selber war, stimmte das nicht ganz. Dank der modernen Medien hatte ich auch weiterhin seinen Werdegang verfolgen können und so erfahren, dass er auch danach in einigen Serien und Filmen erfolgreich gewesen war. Doch privat hatten sich unsere Wege nie mehr gekreuzt. Was nicht verwunderlich war, weil er in L.A. und ich in New York lebte. Doch das lag schon alles so lange zurück, und ich wollte wirklich nicht mehr daran erinnert werden.

„Ihr hattet wirklich eine unglaubliche Chemie."

„Wie bitte?“ Wie aus einem Traum erwacht schaute ich hoch.

„Du und Aiden McNamara“, spezifizierte John und grinste. „Und ich denke, daran wird sich wohl auch bis heute nichts geändert haben.“

„Was genau meinst du damit? Und wie kommst du jetzt ausgerechnet auf Aiden?“, fragte ich jetzt genauer nach, weil mir seine Bemerkungen doch etwas suspekt erschienen. Als er mir dann einen Zettel zuschob, auf dem die Darsteller für den Film aufgelistet waren, hielt ich für einen Moment geschockt die Luft an. „Er spielt die männliche Hauptrolle?!“, stieß ich dann ungläubig hervor.

John nickte. „Was glaubst du, wieso ich dich für die weibliche Rolle vorgeschlagen habe?“, fragte er schmunzelnd. „Ich habe mir alte Szenen von euch angeschaut und war einfach begeistert. Diese Dynamik, diese erotische Spannung, diese..."

„Bist du noch ganz klar im Kopf?!“, fiel ich ihm unbeherrscht ins Wort. „Wie du sehr wohl weißt sind Aiden und ich seit sechs Jahren getrennt! Und wenn ich dich erinnern darf, war es keine sehr schöne Trennung. Es wurde damals in der Öffentlichkeit sehr viel dreckige Wäsche gewaschen. Und wenn auch nur die Hälfte davon gestimmt hat, wird wohl kaum jemand so scharf darauf sein, uns noch einmal zusammen auf der Leinwand zu sehen!“

„Beruhige dich, Kara!“ Er legte seine Hand auf meinen Arm. „Ich kann dich natürlich nicht zwingen, aber wie gesagt, diese Rolle wäre perfekt für dich.“ Er räusperte sich unbehaglich und fuhr dann fort. „Außerdem möchte ich dich daran erinnern, dass du schon seit längerem keine Angebote mehr hattest. In deiner Branche ist es wichtig, dass man dranbleibt. Sonst gerät man irgendwann in Vergessenheit. Du bist 30, also auch nicht mehr die Jüngste.“

Ich hasste es, wenn er mein Alter ins Spiel brachte. Doch er hatte Recht. Meine letzte große Rolle in einer Krimiserie hatte ich vor zwei Jahren gehabt. Seitdem herrschte Flaute, und ich musste mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Das Leben als Schauspieler war hart. Und viele scheiterten daran. Zögernd nahm ich das Drehbuch in die Hand. „Na schön“, gab ich nach. „Ich werde es lesen. Aber ich verspreche nichts“, fügte ich schnell hinzu, als ich seine leuchtenden Augen sah.

„Das ist mein Mädchen.“ Er nickte zufrieden. „Weicht keiner Schwierigkeit aus. Und glaub mir, ich weiß, dass das nicht leicht für dich ist. Wie lange kennen wir uns jetzt?“

„10 Jahre“, schlug ich vor.

Er nickte. „Und wie lange bin ich dein Agent?“

„Genauso lange?“ Ich fragte mich, was er mit dieser Fragerei bezweckte.

Er strich sich nachdenklich über seinen Schnurrbart. „Nun, ich habe das alles mitbekommen zwischen dir und Aiden. Ich weiß alles, weil ich es hautnah miterlebt habe. Und ich weiß auch, wie sehr er dich damals verletzt hat. Aber das ist Geschichte oder besser noch, war euer Privatleben. Du bist doch ein Profi, Kara. Du kannst Privatleben und Job voneinander trennen.“

So wie er mich ansah, mit diesem Blick voller Hoffnung und Überzeugung, glaubte ich beinahe selber, was er versuchte, mir zu suggerieren. „Lass mich erst das Drehbuch lesen, bevor ich eine Entscheidung treffe, okay?“, bat ich zögernd.

„In Ordnung“, stimmte er zu. „Doch lass dir nicht zu viel Zeit. Du weißt, die besten Rollen sind immer schnell vergeben.“

Ich wusste, was er meinte. Doch wollte ich diese Rolle überhaupt haben? Es waren sechs Jahre vergangen, und die Erinnerung daran, dass er mich damals betrogen hatte, schmerzte immer noch.

„Ich habe noch etwas für dich.“

Aus meinen Gedanken gerissen schaute ich hoch und runzelte fragend die Stirn, als mir John eine DVD zuschob. „Was ist das?“

„Die erste Staffel von 'Surfer's Paradise'“, meinte er und grinste. „Um dein Gedächtnis ein wenig aufzufrischen.“

Ich warf nur einen Blick darauf und bemerkte, wie mein Pulsschlag sich beschleunigte. Auf dem Cover war Aiden zu sehen. Er stand auf einem Surfboard inmitten des Ozeans auf einer riesigen Welle, den Oberkörper entblößt, so dass man seine Muskeln erkennen konnte und seine durchtrainierte, sonnengebräunte Figur. Er lächelte und hatte seine Hand in seinem dichten, dunklen Haare vergraben, während er zum Ufer schaute, wo ein Mädchen einsam am Strand stand. Man konnte nur von hinten ihre schlanke Gestalt sehen und die dunklen Haare, die ihr fast bis zum Po reichten und im Wind wehten. Mein Magen zog sich zusammen, während ich das Cover weiter anstarrte. Ich wusste, wer das Mädchen war. Doch acht Jahre waren seitdem vergangen, und ich war nicht mehr die naive 22 Jährige von damals, die sich Hals über Kopf verliebt hatte. „Danke, aber ich  brauche mir das nicht anzusehen“, sagte ich schärfer als beabsichtigt und schob die Box mit zitternder Hand von mir. „Ich war dabei. Schon vergessen?“

Er nahm die DVD zurück und betrachtete nachdenklich das Cover. „Vielleicht habe ich mich ja geirrt“, sagte er leise. „Vielleicht kannst du ja wirklich nicht zwischen Privatleben und Job unterscheiden. Schade...“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich dachte wirklich, dass du es damals ernstgemeint hättest als du gesagt hast, du würdest jede einigermaßen akzeptable Rolle annehmen, die ich dir aussuchen würde.“

Ich konnte mich zwar nicht erinnern, dass ich das gesagt hatte, aber seine Bemerkung kratzte an meinem Selbstwertgefühl. Genervt riss ich ihm die DVD wieder aus der Hand. „Gib schon her!“, sagte ich unwirsch. „Wenn ich mir diese verdammte DVD anschaue und das Drehbuch lese, wirst du mich dann in Ruhe lassen?“

Ein kaum erkennbares Lächeln huschte über sein Gesicht, als er nickte und dann aufsprang und zur Tür ging. „Dann will ich dich auch nicht länger stören. Gib mir Bescheid, wie du dich entschieden hast, okay?“

Worauf hatte ich mich da nur eingelassen? Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, saß ich einfach nur da, hielt die DVD in meinen Händen und wusste nicht, ob ich sie besser wegwerfen oder anschauen sollte. Doch ich hatte John indirekt mein Versprechen gegeben, es mir wenigstens anzuschauen, und deshalb ging ich zum Player, legte die DVD ein und drückte auf 'Start'. Es dauerte nicht lange, bis ich mich zurückversetzt fühlte in das Jahr 2009, in dem alles begonnen hatte.

Fortsetzung folgt...
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