Nie wieder 14f13 [Kalender 2018]

von RamonaXX
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
01.01.2018
31.12.2018
15
51.870
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Dieses Kapitel
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31.07.2018 4.965
 
Juli

Die Postenpflicht bezeichnet eine Dienstvorschrift der SS (Schutzstaffel), welche den Gebrauch der Dienstwaffe geregelte hat. Sie beinhaltete, dass in der Nähe der Zäune eines jeden Konzentrationslagers sofort und ohne Warnung geschossen werden sollte. Das wahllose Erschießen von Häftlingen wurde durch die Postenpflicht weitgehend legitimiert, da ein Posten der seiner „Pflicht“ nachkam grundsätzlich straffrei blieb.



Gedenkstätte Buchenwald, besucht am 24. März 2018

Es ist ein sonniger Morgen, als ich mit meinem Auto mal wieder durch eine Landschaft fahre, die so gar nicht widerspiegeln will, was für Dinge sich vor über 70 Jahren in dieser Gegend zugetragen haben.

Es ist eine ländliche Gegend, links und rechts sehe ich Wiesen, Felder und Weiden. Ich fahre durch winzige Ortschaften, sehe Ziegen und Schafe im Vorgarten und ein paar Hühner, die Körner auf der Straße aufpicken. Bin ich auf meinem Weg zum Konzentrationslager etwa falsch abgebogen und unbewusst der Ausschilderung „Idyllisches Paradies“ gefolgt?

Erst ein kleines Schild mit der Aufschrift „Buchenwald Memorial“ bestätigt mir, dass ich nicht von meinem Weg abgekommen bin. In leichten Schlangenlinien führt die Straße einen dicht bewaldeten Berg hinauf.

Oben auf der Kuppe lichtet sich der Wald unerwartet und weicht einer gigantischen asphaltierten Fläche. Ich staune nicht schlecht, als ich den riesigen Parkplatz befahre und versuche mich an den aufgemalten, weißen Linien zu orientieren, um nicht auf die Busspur zu geraten. Wenn das hier nur der Parkplatz ist, wie groß ist dann bitteschön das Lager?


Ein zerstreuter Anfang
Noch ziemlich baff, finde ich eine Parklücke auf der PKW-Seite, die mir zusagt und stelle den Motor ab. Ich schaue auf die Uhr. Es ist genau 10:00.

Pünktlich um 10 Uhr öffnet die Gedenkstätte und was ich vor mir sehe, lässt mich daran glauben, die falsche Zeit erwischte zu haben. Bisher hatte ich immer Glück und war weitgehend ungestört, wenn ich morgens als einer der ersten auf den Besucherparkplatz einbog. Was sich hier allerdings bereits zum Beginn der Öffnungszeit abspielt, erinnert mich eher an den Andrang auf einem Rummelplatz.

Fast ein Dutzend Reisebusse halten nahe dem Besucherzentrum und laden haufenweise Schulklassen und Besuchergruppen aus. Es ist ein buntes Treiben und obwohl ich noch in meinem Auto sitze, kann ich die vielen lauten Stimmen vernehmen, die aufgeregt durcheinander brabbeln.

Irgendwie mag ich mir gar nicht vorstellen, dass der Publikumsmagnet hier eines der fünf größten Konzentrationslager sein soll, die je in Deutschland existiert haben. Aber andererseits ergibt es doch Sinn, wenn ich daran denke auf wie vielen Lehrplänen ein Besuch in diesem Lager steht und wie viele Menschen den Namen „Buchenwald“ einzuordnen wissen.

Immer noch ein wenig abgeschreckt von der Menschenmasse verlasse ich meinen Wagen. Es ist wirklich ein sonniger und warmer Tag. In gewohnter Routine stecke ich mir mein Notizbuch – inzwischen musste ich ein zweites anfangen – zusammen mit meinem Lieblingskugelschreiber in die Jackentasche und schließe das Auto ab, um mich auf den Weg zu machen.

Ich schaffe es gerade so vom Parkplatz runter, bis meine Aufmerksamkeit von etwas angezogen wird, dass mich in Erstaunen stehen bleiben lässt. Blumenkästen?

Tatsächlich blicke ich auf die lange Seite eines sandsteingelben Hauses, in dessen oberen Stockwerk bepflanzte Blumenkästen vor den Fenstern hängen. Dass es Menschen gibt, die in der Nähe und auf den Zufahrtsstraße zu einer Gedenkstätte ihre Wohnhäuser habe, ist mir ja inzwischen bekannt. Aber dass man auch auf dem Gelände einer solchen Gedenkstätte wohnen kann, das ist mir neu. Und ehrlich gesagt, finde ich es befremdlich.  

Meine Neugier und vor allem mein Wunsch mich geirrt zu haben, sind so groß, dass ich auf den Eingang des Hauses zugehe, bis ich die Namen auf den Klingelschilder lesen kann. Müller, Meier, Schulze… Nein, ich habe mich nicht geirrt. Aber an was für einem verrückten Ort bin ich dann hier gelandet?

Mehr oder weniger entschlossen nehme ich Kurs auf die Masse und bahne mir meinen Weg durch hibbelige Schülerklassen und andere Besuchergruppen, die von Touristenführern mit ausladenden Handbewegungen zusammengetrieben werden wie folgsame Schafherden.

Als einsamer Wolf unter den Schafen suche ich mir mein erstes Ziel, mit dem übergeordneten Anspruch möglichst weit weg von diesem Trubel zu kommen. Wie ich an den Flyer mit dem Lageplan gekommen bin, habe ich längst vergessen. Aber ich halte ein Exemplar in meiner Hand, als der Lärm um mich herum endlich versiegt und ich einer breiten und leeren Straße folge.

Hinter mir höre ich die Schafherden leise blökend in Richtung Haupteingang ziehen und bin doppelt froh, dass mein gewählter Weg mich in eine andere Richtung führt. Es geht einen kleinen Hang hinab und während ich darüber nachdenke, dass es mir noch nie so schwergefallen ist an einer Gedenkstätte anzukommen und mich auf ihre Stimmung einzulassen, werde ich auch schon von dem ersten historischen Gebäude angehalten.

Es ist ein großer Garagenhof mit einem kleinen Tankstellenhäuschen in der Mitte. Interessiert gehe ich zum Hinweisschild und erfahre, dass ich mich auf der zentralen Zufahrtsstraße zwischen Bahnhof und dem Lagertor befinde. Augenblicklich bekommt der Asphalt unter mir eine neue Bedeutung und wenngleich er aus der Neuzeit stammt, so will ich doch nicht leugnen, dass etwas in mir wach wird, sich meine Aufmerksamkeit mit einem Mal verschärft.

In einer weiten Kurve führt die Straße den Hang wieder hinauf und auch wenn ich noch einige Schritte entfernt bin, kann ich bereits erkennen, dass ich auf die alten Bahngleise zulaufe.

Die einzige Infotafel weit und breit wird gegenwärtig von einem Hirten und seiner Herde umringt. Leicht gefrustet halte ich mich im Hintergrund auf und gehe an den Gleisen entlang, in der Hoffnung, dass die Besucherherde bald weiter zieht. Doch so richtig will mein Wunsch nicht in Erfüllung gehen. Im Gegenteil, dass Blatt wendet sich gegen mich und zu der ersten Herde gesellt sich rasch eine zweite und eine dritte.

Für einen kurzen Moment schließe ich die Augen, höre den drei Hirten mit ihrem Thüringischen Dialekt zu und frage mich, ob das jetzt den ganzen Tag so laufen wird? Entschlossen später noch einmal zu dem Bahnsteig zurückzukehren, schlage ich einen neuen Weg ein; ein weiteres Mal auf der Flucht vor den Besuchermassen.

Ich gehe besagten Hang wieder hinab und biege an einer Kreuzung, die sich schnell auf meinem Flyer wiederfinden lässt, rechts ab. Mit einem Mal sehe ich ein bekanntes und doch unheimliches Bauwerk vor mir in die Höhe ragen. Es ist der typische Stacheldrahtzaun, der die Lager umgeben hat und hier erschreckend bedrohlich und einschüchternd wirkt. Vorsichtshalber nehme ich den nachträglich angelegten Nebeneingang und lassen mich von der asphaltierten Straße, die in einen sandigen Weg übergegangen ist, weiter abwärts tragen.

Buchenwald liegt tatsächlich an einem Hang und ich bin überrascht, wie abschüssig das Gelände ist. Unten am Weg angekommen, stelle ich mit Erleichterung fest, dass ich einen Platz gefunden habe, an dem ich für den Augenblick alleine bin.

Es dauert nur wenige Atemzüge, bis ich die lärmenden Schafherden vergessen habe und meine Richtung nicht mehr selbst wähle, sondern mich von dem Weg leiten lasse. Er biegt ab in ein kleines Waldstück und angezogen von der Ruhe und dem warmen Sonnenlicht, das die schlanken Baumstämme als Schatten auf den weichen Waldboden zeichnet, folge ich.

Was ich links und rechts des Weges sehe, lässt mich neugierig die Umgebung absuchen. Überall stehen matt-silberne Stelen im Wald. Sofort muss ich an meinen Besuch in Neuengamme denken, wo genau mit solchen Objekten die alten Grenzzäune innerhalb des Lagers markiert sind.

Immer weiter zieht es mich in den Wald, bis ich umgeben bin von unzähligen silbernen Stelen. Ich schaue genauer hin und stelle fest, dass auf jeder von ihnen eine Nummer eingraviert ist. Die höchste Zahl, die ich spontan entdecke, ist 470. Es ist mir im ersten Moment ein Rätsel, wo ich hier gelandet bin und fragend ziehe ich meinen Flyer zu Rate.

Aha, murmel ich leise vor mich hin, als ich die gesuchte Information in dem kleinen Heftchen finde. Ich stehen auf einem Friedhof, besser gesagt auf dem Gelände eines Massengrabes. Das ergibt Sinn, denke ich und heben den Blick, um mich noch einmal umzuschauen. Es ist wirklich unglaublich wie viele Stelen hier aufgestellt worden. Sie sind zwar schlanker als die Bäume und nicht wirklich in der Überzahl, aber ihre matte Oberfläche spiegelt das Sonnenlicht so stark, dass sie doch deutlich ins Auge stechen.

Anders als in Neuengamme fühle ich mich von diesen Stelen aber kein bisschen bedroht. Im Gegenteil, sie strahlen etwas Friedliches aus; fügen sich auf eine ganz eigene Art und Weise in das Gesamtbild ein. Es ist ein gemischtes Gefühl, mit dem ich diesen Ort verlasse. Und irgendwie amüsiert es mich, dass ich mal wieder nichtsahnend in die Vergangenheit hineingestolpert und doch nicht gefallen bin.


Eine seltsame Ausstellung
Da der Waldfriedhof ein Stück außerhalb des eigentlichen Lagers liegt, suche ich nach der nächsten Gelegenheit zurück zu den Baracken zu kommen. Recht schnell befinde ich mich wieder im Häftlingslager, sehe vor mir den steilen Hang und kann in einiger Entfernung, über seiner Kuppe den Turm des Torgebäudes mit seiner großen Uhr erkennen.

Entschlossen und noch mit reichlich Energie ausgestattet, setze ich einen Fuß vor den nächsten. Die Größe des Geländes beeindruckt mich und fürs Erste übersteigt es doch mein Vorstellungsvermögen, mir dieses riesige Lager voller Häftlinge vorzustellen. Würde ich von hier zu meinem Auto wollen, wäre ich sicher eine gute Viertelstunde unterwegs.

Aber noch ist es nicht soweit, dass ich mich in Gedanken mit dem Rückweg beschäftigte. Ich bin schließlich hier, um mir ein paar Sachen anzuschauen. Das nächste Ziel, dass ich wähle, ist ein großes, dreistöckiges Gebäude, das etwas weiter am Rand steht. Mein Flyer benennt mir eine Ausstellung in dem Gebäude, das früher als Kleider- und Gerätekammer gedient hat und neugierig, was mich wohl erwartet, steuere ich auf den Eingang zu.    

Empfangen werde ich von einer seltsamen Gruselmusik in einem großen Raum. Eigentlich ist es mehr ein Saal oder eine Halle. Die gesamte untere Etage hat keine Trennwände und wird von massiven, rechteckigen Säulen getragen. In der einen Ecke entdecke ich einen grauen Infotresen, dahinter graue Schließfächer. Und mit einem Mal fällt mir auf, dass hier alles irgendwie in einem hellen Grau beziehungsweise einem dunklen Weiß gehalten ist.

Ich will wissen wozu diese schaurige Musik gehört und gehe zu einer übergroßen Platte, die auf ein schräges Fundament auf dem Boden montiert ist. Von oben wird eine Art Film auf die geneigte Oberfläche projiziert. Es ist eine Art Einführungsvideo zur Ausstellung. Aber die Musik ist so abschreckend, dass ich mich nicht lange davon überzeugen kann, mir das Video anzusehen.

Die Musik klingt weder bedrohlich, noch beängstigend. Ich finde sie einfach übertrieben dramatisch. So wirkungsvoll es auch sein mag bedeutende, tragende und emotionale Szenen in einem Film mit Musik zu untermalen, so überflüssig empfinde ich es bei dem gezeigten Material über den Holocaust. Als die Menschen in den Konzentrationslagern eingesperrt, gefoltert und getötet wurden, lief auch keine Musik im Hintergrund.

Ich verlasse den Eingangsbereich und bahne mir meinen Weg zur nächsten Ausstellungsebene.  

Es geht eine Treppe hoch, aber wirklich ansprechender wird es dort auch nicht. Auch hier ist alles in den Farben Grau und Weiß gehalten. Die Beleuchtung ist gut und es gibt reichlich Informationen zur Geschichte des Lagers, aber die Bauweise der Ausstellung verwirrt mich. Es ist zu verwinkelt, zu abstrakt, zu futuristisch.

Statt klarer, gerader Linien, denen man intuitiv folgen kann, sind die Gänge, Vitrinengläser und Infotafeln seltsam schief geschnitten und abgeschrägt oder besitzen künstliche Kanten und Ecke. Irgendwie habe ich nie das Gefühl genau zu wissen wo ich mich befinde und in welcher Reihenfolge ich die Schaukästen abgehen muss, damit ich auf alles mal einen Blick geworfen habe.

Es ist mehr ein Informationsirrgarten als ein Ausstellung, da die individuellen Exponate aber doch sehr aufschlussreich aufgearbeitet und ausgestellt sind, verbleibe ich eine Weile in der Ausstellung und nehme es stoisch hin, mich ab und an zu verlaufen und an manchen Sachen mehrfach vorbeizukommen.

Was den Andrang betrifft, so habe ich Glück. Schulkassen sind momentan keine unterwegs und bei den wenigen anderen Besuchern, die sich neben mir durch die Ausstellung schlängeln, handelt es sich meist um Einzelpersonen oder Paare.

Das grau-weiße Architektenmonster setzt sich in der dritten Etage fort und auch als ich das Ende erreiche, ist mir noch kein Licht aufgegangen, wie der Zick-Zack-Kurs, den ich gelaufen bin, ein Sinn ergeben soll.

Mit dem Gefühl eine unangenehme Aufgabe hinter mich gebracht zu haben, verlasse ich die Ausstellung durch das Treppenhaus. Dabei halte ich auf einem der Treppenabsätze noch einmal an und nehme mir die Zeit ein großes Modell vom Lager in Augenschein zu nehmen. Beim Hinaufgehen war die Miniaturlandschaft mit den kleinen Häuschen, die aussehen, als hätte man sie aus einem Monopoly-Spiel gemopst, von einigen Schülern umringt gewesen, aber jetzt habe ich einen freien Blick darauf.

Eine Weile studiere ich das Modell, wobei mir die Abschüssigkeit des Geländes hier noch viel stärker ins Auge sticht, als sie mir ohnehin beim Durchschreiten des Lagers aufgefallen ist. Mehrfach sehe ich aus dem großen Fenster hinter der modellierten Landschaft und vergleiche verschiedene Punkte in der Ferne mit den kleinen Monopoly-Häuschen vor meiner Nase. Die Größe des Lagers lässt sich wirklich schwer in Worte fassen. Und noch immer bekomme ich es nicht in meinen Kopf, dass dieses ganze Gelände einmal voller inhaftierte Menschen gewesen sein soll.

Schließlich entscheide ich mich meinen Streifzug durch Buchenwald fortzusetzen und mich nochmal auf dem Außengelände etwas weiter umzusehen. Vielleicht finde ich ja dort was ich suche?


Ein riesiges Lager
Die nächste Station auf meiner gedanklichen Liste ist das Torgebäude, um das ich – ähnlich wie in Sachsenhausen – zu Beginn einen respektvollen Bogen gemacht habe, getreu dem Motto: Wenn ich dich nicht sehe, siehst Du mich auch nicht.

Mit einem unsicheren Gefühl überquere ich den Appellplatz und nähere mich schüchtern dem Lagertor. Ich bin überrascht, als mir auffällt, dass ein paar Details hier anders sind. Das Tor in Sachsenhausen stand offen; man konnte vollkommen frei hindurchgehen. Dieses Tor hingegen ist zu.

Ich staune nicht schlecht, als mein Blick auf eine kleine Gruppe von Leuten auf der anderen Seite fällt, die ohne das geringste Zögern näher kommen, die Klinke ergreifen und das eiserne Tor öffnen, um sich selbst ins KZ zu lassen.

Ist das euer Ernst? Ich soll das Tor selber öffnen? Mich selbst in einem KZ einsperren? Beziehungsweise daraus entlassen?

Wow, dass finde ich gewagt!

Ich bin schockiert und im ersten Moment erscheint es mir um ein vielfaches leichter den langen Umweg in Kauf zu nehmen, um das Gelände dort zu verlassen, wo ich es betreten habe; nämlich durch die nachträglich angelegte Lücke im Zaun. Das macht mir weitaus weniger Angst, als die Vorstellung diese Klinke in die Hand zu nehmen und möglicherweise eine Verbindung mit der Vergangenheit einzugehen, die ich nicht wieder lösen kann.

Ich fühle mich nicht wirklich in der Lage, diese Entscheidung hier und jetzt zu treffen und da ich ja noch andere Orte auf dem Außengelände sehen will, kehre ich dem Lagertor den Rücken. Nicht jedoch, ohne zuvor in meinem Notizbuch festzuhalten, dass ein weiteres wichtiges Detail der Schriftzug ist. In Buchenwald steht nicht „ARBEIT MACHT FREI“. Hier heißt es: „JEDEM DAS SEINE“.

Ich überquere den Appellplatz erneut und schlage dabei eine andere Richtung ein. Mitten auf der kieseligen Wüste halte ich an. Ich stehe ziemlich weit oben auf dem Hang, fast an der höchsten Stelle und blicke mit einem seltsamen Gefühl über das Lager.

Wie fast überall markieren dunkelgraue Kieselflächen die Standorte der ehemaligen Baracken. Es sind mehr Reihen und Linien als ich mit einem Blick ernsthaft schätzen kann. Und zum dritten Mal an diesem Tag scheitere ich an der Aufgabe mir diesen Ort voller Häftlinge und patrouillierenden SS-Soldaten vorzustellen. Es ist ein verdammt riesiges Lager und ähnlich wie in Neuengamme kann man ohne große Probleme den einen oder anderen Kilometer zu Fuß zurücklegen.

Was ich von meinem hohen Aussichtspunkt noch überblicken kann, ist das Tal, das weit hinter dem Wald liegt, der das Gelände des Konzentrationslagers umgibt. Dort stehen wieder die bekannten Windkraftanlagen; ein verlässliches Zeichen dafür, dass ich mich im 21. Jahrhundert befinde. Mit stoischer Gelassenheit, drehen die rot-weißen Blattspitzen ihre Kreise durch den blauen Himmel, wie ein Löffel, der gelangweilt in einer Suppe rührt.

Eine ganze Weile streife ich über das Gelände, schlendere von einer Gedenktafel zur nächsten und genieße den Fakt, keine Schulklassen um mich herum zu haben. Meine Füße werden mit der Zeit müde und irgendwann finde ich mich in der Nähe des Lagertores, bei einem der wenigen anderen noch erhaltenen Gebäude wieder.

Unentschlossen stehe ich vor dem meterhohen Holzzaun, der das Krematorium umgibt. Soll ich, oder soll ich nicht?

Was mich erwartet, davon habe ich doch inzwischen eine feste Vorstellung, also warum kneifen?

Das kleine Schild neben dem Eingang wirkt dennoch abschreckend. Mit Jugendlichen unter 14 Jahren wird von dem Besichtigen des Krematoriums abgeraten. Ich bin 26, aber wirklich sicherer fühle ich mich mit dieser Tatsache auch nicht.

Am Ende entschließe ich mich für die Nummer vom Wolf im Schafspelz und hänge mich (hoffentlich nicht zu auffällig) an eine der Schüler-Schafherden. In geordneter Reihe folgen wir unserem Hirten und lassen uns ins das kleine Gebäude mit dem verräterischen Schornstein führen.

Bevor es zu den Öfen geht, gibt es noch eine Art Gedenkraum zu besichtigen. Praktisch jeder Quadratzentimeter an der Wand ist mit einem erinnerungswürdigen Gegenstand bedeckt – sei es nun eine einfache, selbst gemalte Karte aus Pappkarton oder eine große, aus Bronze gegossene Gedenktafel.

Hier bekommt die Erinnerung an den Holocaust in meinen Augen wieder etwas das die Menschen verbindet. Lass ich meinen Blick über die Wände gleiten, sehe ich verschiedenste Nationen, Sprachen und Religionen, die hier gemeinsam gedenken.

Dann öffnet sich eine Tür und die Herde trottet dem Hirten schweigend hinterher. Mit etwas Abstand folge ich und bin doch ein wenig erschrocken, wie nah man in diesem Krematorium an den Öfen vorbeikommt. Kein Gitter bietet einem Schutz oder hält einen davon ab, sich direkt vor die offenen Ofenklappen zu stellen und hineinzusehen. Es ist mir ein bisschen unheimlich hier und ich bin durchaus dankbar, als mein Blick von etwas Farbenfrohem und Buntem angezogen wird.

Was ich sehe ist eine Art elegant gefaltete Papiergirlande in kräftigen Regenbogenfarben. Daran hängt ein weißes Schleifenband, mit asiatischen Schriftzeichen. Ich tippe auf Chinesisch, aber sicher bin ich mir nicht. Dennoch beschäftigt mich im Vorbeigehen die Frage, wer aus Asien nach Deutschland kommt, um sich die Gedenkstätte eines Konzentrationslagers anzusehen? Und vor allem warum?

Auf dem Hinterhof des Krematoriums hält der Hirte die Schafe an und beginnt zu reden. Das ist mein Stichwort und mit einem stillen Dank verlasse ich den Schutz der Herde und setze meinen Weg auf eigene Faust fort.

Bevor ich mich wieder vollkommen frei bewegen kann, muss ich noch an einer anderen Stelle wieder in das Gebäude rein, um den umzäunten Hinterhof zu verlassen. Ich passiere einen Raum mit einer Vorrichtung, die dem Messen der Körpergröße dienen soll, sich aber beim zweiten Blick als Nachbau einer Genickschussanlage entpuppt. Mit einem unangenehmen Kribbeln auf den Schultern gelange ich ins Freie und durch ein schweres Tor in dem massiven Holzzaun komme ich zurück auf das Gelände des Häftlingslagers.

Hier stehen ich nun zum gefühlt x-ten Mal an diesem Tag und blicke über die riesige Fläche, die einfach nicht kleiner werden will. Inzwischen habe ich aufgehört, zu versuchen mir vorzustellen, wie es hier wohl vor rund 75 Jahren ausgesehen hat. Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal zu mir selbst sage, aber es ist einfach nicht vorstellbar.


Ein besonderes Mahnmal
Schon reichlich müde und von dem Gedanken beschlichen, dass mich heute in diesem Lager keine tiefere Erkenntnis mehr treffen wird, entschließe ich mich mir einen letzten Ort anzusehen. Ich nehme den Flyer aus meiner Tasche und betrachte den Langeplan.

Ein wenig weiter weg vom Häftlingslager befindet sich etwas, dessen zweidimensionale Skizze mich an eine Festung mit Burgmauern denken lässt. Es sieht schon reichlich komisch aus dieses Objekt und verglichen mit den anderen grauen Flächen auf dem Plan – die erhaltene und verfallene Gebäude darstellen – ist es gigantisch. Was bitte ist das?

„Mahnmal“ ist alles was ich in der Legende dazu finde und angezogen von der seltsamen Form und Größe, mache ich mich auf den Weg.

Selbstverständlich hätte ich das Auto nehmen können – zumal der Plan eigens einen zweiten Parkplatz neben dem Mahnmal ausweist – aber wie so oft entscheide ich mich trotzig zu Fuß zu gehen. Ein bisschen unwohl ist mir allerdings schon dabei, da der Lageplan keinen Maßstab enthält und ich mich lediglich an den Entfernungen orientieren kann, die ich im Lager zurückgelegt habe.

Am Ende ist es gar nicht so weit und nach einer gefühlten Viertelstunde sehe ich das Ziel vor meinen Augen auftauchen. Dichte, grüne Bäume versperren mir die Sicht. Aber ein abgenutzter, gepflasterter Gehweg, lässt erkennen in welche Richtung ich gehen muss. Intuitiv vertraue ich meine Schritte dem Weg an.

Zwischen den Bäumen tut sich eine breite Schneise auf. Es geht ein paar lange, flache Stufen hinab und in der Vorahnung, dass mich etwas Großes erwartet, setze ich angespannt einen Fuß vor den anderen. Dann durchschreite ich ein gemauertes Tor, erreiche unerwartet den Rand der hohen Bäume und bleibe im gleichen Moment atemlos stehen. Was ich vor mir sehe, ist so gewaltig, dass ich keinen Schritt mehr machen kann.

Über einen flachen, grünen Abhang, der sich scharf umrissen gegen den satt-blauen Himmel abhebt, erstreckt sich ein monumentales Bauwerk. Unmittelbar vor meinen Füßen beginnend führt eine lange, leicht geschwungene Treppe abwärts. Am Fuß der Stufen sehe ich den Beginn einer riesigen, runden Mauer; als hätte dort einst ein gigantischer Turm gestanden. Davon weg führt ein gepflasterter Weg, der so übermächtig breit ist, dass ich ihn fast als „Straße“ bezeichnen würde. Säulen säumen den Verlauf dieser Straße und von meinem hohen Aussichtspunkt frage ich mich, ob die kleinen grauen Flecke, die ich auf den Säulen entdecke, Feuerschalen sind?

Ich habe nicht das Gefühl Herr meiner Schritte zu sein, als meine Füße anfangen mich langsam hinab zu tragen. Die Stufen sind breit und einige von ihnen ungewöhnlich lang. Ohne Probleme kann ich mehrere Schritte machen, bevor es wieder tripp, tripp, tirpp, drei kleinere Stufen abwärts geht.

Sprachlos und von meiner Umgebung schwer beeindruckt, lass ich mich vor einer guten Macht lenken und steige die unzähligen Stufen hinab. Wie im lautlosen Gleitflug passiere ich dabei sieben in Stein gehauene Bilder, die Alltagssituation aus dem Lager zeigen.

Unten angekommen, wende ich mich nach rechts und blicke auf die Reste des ersten „Turmes“. Von einer runden hohen Mauer umgeben, befindet sich unter freiem Himmel ein tiefer, grüner Krater, dessen Durchmesser so groß ist, dass es unmöglich mal ein Burgturm gewesen sein kann.

Für den Augenblick bleibe ich im Ungewissen über seine wahre Bedeutung und richte meine Aufmerksamkeit auf die breite Straße, die mich weiterführt. Es stellt sich heraus, dass die grauen Flecken oben auf den Säulen tatsächlich Feuerschale sind. Wenngleich sie um einiges größer sind als ich es angenommen habe. Überhaupt ist hier irgendwie alles groß… und offen… und weit… und beeindruckend. Von oben sah das alles so überschaubar aus.

Ich schmunzle über mich selbst und setze meinen Weg fort.

Jede der achtzehn Säule, an den ich vorbeikomme, trägt den Namen einer Nation, aus der Häftlinge in Buchenwald gefangen gehalten worden sind. Dass ich mich hier an einem Ort befinde, der ein Mahnmal sein soll, habe ich längst vergessen. Was ich um mich herum entdecke, lässt mich an einen herrschaftlichen Schlossgarten (ohne Blumen) oder die Überreste einer fürstlichen Ritterburg denken; nur nicht an ein Konzentrationslager.

Die Idee mit der Festung und den Türmen nimmt schnell wieder Gestalt an, als ich auf einen zweiten, grünen und von einer Mauer umgebenen Krater treffe und schließlich zu einem dritten und letzten Gebilde dieser Art gelange, das so unglaublich groß ist, dass ich auf einem angelegten Weg einmal herum laufen kann.

Was ich jetzt noch nicht ahnen: Wenn ich später in meinem Hotelzimmer bin und mich frisch gemacht habe, werde ich noch einmal den Flyer durchblättern und lesen, dass die großen grünen Krater, die ich für Türme gehalten habe in Wahrheit Gräber sind, in denen etwa 3.000 Tote verscharrt wurde.

Für mich sind es aktuell die Überreste von Burgtürmen und irgendwie denkt sich meine Fantasie ganz von alleine eine Geschichte dazu aus. Ich sehe eine alte Festung vor mir, denke an feierliche Ritterspiele, wiehernde Pferde und vornehm gekleidete Hofdamen, die von einem jonglierenden Hofnarren unterhalten werden.

Ich glaube, ich stecke im falschen Film! Nichts von dem was mich umgibt, lässt mich an Tod und Folter oder das Leid der Häftlinge denken. Stattdessen überlege ich ernsthaft, ob ich im nächsten Moment möglicherweise die mächtigen Flügel eines feuerspeienden Drachen über mir schlagen hören und sehe, wie sich das magische Tier anmutig durch die Lüfte schwingt.

Ich befürchte, ich habe einen Sonnenstich. Oder vielleicht bin ich auch nur dehydriert? Egal. Um von der abenteuerlichen Mittelalterszene wegzukommen, schlage ich den einzigen Weg ein, der sich mir biete – eine steile, gerade Treppe, die hinauf ins Ungewisse führt.

Ich habe keine Ahnung wie lang es dauerte, bis ich oben angekommen bin und ich haben auch kaum Zeit darüber nachzudenken, viel zu monumental ist der Anblick, der sich mir bietet. Vor einem Turm (diesmal ist ein echter Turm) steht auf einem gigantischen Platz eine denkwürdige Skulptur, die eine Gruppe kämpferischer, entschlossener Männer abbildet. Ihre Körper sind ausgezehrt und dünn, aber ihre Blicke siegessicher und voller Tatendrang.

Ich studiere die Gesichter der Männer eine Weile, bevor ich die Gruppe hinter mir lasse, über den Platz streife und zielstrebig auf den Turm zu steuere. Wieder geht es ein paar Stufen hinauf. Und dann mache ich einen wunderbaren Fehler – ich drehe mich um!

Was vor mir liegt, ist kaum in Worte zu fassen. Ich blicke über ein atemberaubendes Tal, sehe in der Ferne kleine Ortschaften, Häuser so winzig wie Sandkrümel und selbst der nächstgelegene Kirchturm ist nicht mehr als ein Strich in der Landschaft. Schränke ich mein Sichtfeld etwas ein, blicke ich auf die lange Treppe, die ich eben empor gestiegen bin. Ihre Stufen zerfließen zu einer grau gepflasterten Schräge, die geradewegs in den grünen Krater führt. Und drehe ich den Kopf nach rechts, erkenne ich die Feuerschalen auf den Säulen, die wieder zu kleinen grauen Tupfern geworden sind.

All das ist eingehüllt in die Wärme und Farben eines wundervollen Frühlingstages. Und als könnte meine Fantasie nicht anders, spielt sie mir ein weiteres Mal einen Streich und lässt mich an einen meiner Lieblingsfilm aus Kindertagen denken. Ich sehe den kleinen Löwen Simba vor mir, der neben seinem Vater mit der prächtigen, dunklen Mähne hoch oben auf dem Löwenfelsen sitzt und gesagt bekommt: »Eines Tages wird das alles dir gehören.« Es ist die tiefe Verantwortung, die in diesen Worten steckt, die mich jedes Mal überkommt und tief bewegt zurücklässt, wenn ich an diese traumhafte Szene aus „König der Löwen“ denke.

Wie heißt doch so schön? Das Beste kommt zu Schluss.

Mit diesem fantastischen Ausblick werde ich tausendfach für das hektische Treiben am Anfang entlohnt. Bis jetzt ist es nicht in mein Bewusstsein gedrungen, aber ich bin tatsächlich ganz allein am Mahnmal. Ohne dass ich es wahrgenommen habe, hat sich mir die Chance geboten jeden Eindruck dieses besonderen Ortes ganz ungestört in mich aufsaugen und wirken zu lassen. Und das, obwohl die Gedenkstätte am Vormittag von Besuchern praktisch überschwemmt wurde.

Ich hätte nie geglaubt solche Worte einmal zu gebrauchen, aber, wenn es etwas gibt, was ich als „Tor zum Himmel“ beschreiben möchte, dann ist es das, was ich hier und jetzt erlebe und fühle. Ich nehme noch einen Atemzug der kostbaren Freiheit, die so offen und wunderschön vor liegt und einschließe mich dann diesem besonderen Ort friedlich den Rücken zukehren.

Meine große Müdigkeit wird mir schlagartig wieder bewusst, als ich mich zu meinem Auto schleppe. Und während ich so schleichend vorwärts trotte, denke ich darüber nach, was „Mahnmal“ eigentlich bedeutet. Geht es darum, das Mahnmal nicht zu vergessen oder soll man das, woran das Mahnmal erinnert, wofür es in seiner Symbolträchtigkeit steht, nicht vergessen? Eine durchaus relevante Frage, wie ich finde…



◦ Auf dem Waldfriedhof mit den Stelen, der heute zur Gedenkstätte Buchenwald gehört, sind keine Häftlinge des Konzentrationslagers begraben. Es sind Opfer des sowjetischen Speziallagers, das im Anschluss an den Krieg von 1945 bis 1950 dort existiert hat.

◦ Nachdem die SS-Einheiten vor den amerikanischen Truppen geflohen waren, öffneten Häftlinge, die dem Widerstand angehörten am 11. April 1945 das Lagertor. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich rund 21.000 Häftlinge in Buchenwald.

◦ Das monumentale Denkmal nahe der Gedenkstätte wurde von 1954 bis 1958 errichte. Im Turm des Mahnmals befindet sich die 6,8 Tonnen schwere „Buchenwald-Glocke“, die u.a. jedes Jahr zu Gedenkveranstaltungen und am Tag der Befreiung läutet.



Kommentar zu Buchenwald, vom 15. Juli 2018
Denke ich an Buchenwald zurück, komme ich nicht umhin mich an die vielen, vielen Besucher dort zu erinnern. Es war wirklich ein ziemliches Gedränge auf dem Parkplatz und insgesamt lässt es sich nicht leugnen, dass Buchenwald zu den „Publikumsmagneten“ unter den deutschen Gedenkstätten gehört. Wäre ich an einem windigen Tag voller Regen dort gewesen, wäre wohl kaum weniger los gewesen.

Wie an anderen Orten findet man auch in Buchenwald die typischen Überreste des Nationalsozialismus, sein es nun erhaltene Gebäude, alte Gräber und Gedenksteine, zusammengetragene, historische Informationen oder Ausstellungen mit einer Vielzahl von Exponaten. In diesen Punkten hat die Gedenkstätten viel mit anderen gemeinsam.

Was dieses Ort in meinen Augen jedoch besonders macht, ist das Mahnmal. Und es ist sicherlich nicht überraschend, wenn ich jetzt sagen, dass mir einmal mehr das am meisten in Erinnerung geblieben ist, was ich an wenigsten erwartet habe. Was ich in dieser Gedenkstätte zum Schluss sehen durfte, hatte jede Erwartung an ein Holocaust-Mahnmal übertroffen. Angefangen mit dem flachen Abstieg auf der Treppe, dem Umrunden des Massengrabes und dem langen Aufstieg zum Glockentrum.

Abschließend kann ich sagen, dass es sich für mich mehr als gelohnt hat, mich durch die Besuchermasse zu wühlen, um am Ende ganz allein diesen fantastischen Ausblick zu genießen. Es ist ohne Zweifel ein Ort, den ich wieder besuchen würde, wenn sich mir die Gelegenheit dazu bietet.
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