Nie wieder 14f13 [Kalender 2018]

von RamonaXX
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
01.01.2018
31.12.2018
15
51.870
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17.06.2018 4.365
 
Juni

Wenn von Euthanasie gesprochen wird, ist im medizinischen Sinne Sterbehilfe gemeint; also das Erleichtern des Sterbens durch die Gabe von Medikamenten. Im Nationalsozialismus wurde damit die Tötung von Menschen verharmlost. Das damalige Euthanasie-Programm beinhaltete neben den Aktionen „14f13“ und „T4“ auch die sogenannten „Kinderfachabteilungen“. Hier wurden Kinder mit geistigen und körperlichen Einschränkungen für medizinische Experimente missbraucht und durch die Gabe überdosierte Medikamente gezielt getötet.



Isenschnibber Feldscheune, besucht am 21. Januar 2018

Mein Tag beginnt noch vor Sonnenaufgang, denn ich will den Morgen, den ersten Sonnenschein an diesem 21. Januar an einem ganz besonderen Ort sehen – nämlich an der Feldscheune.  

Das Datum habe ich mir nicht ohne Grund ausgesucht. Es ist der runde Geburtstag von Richard Davis Winters, einem amerikanischen Soldaten, der im Zweiten Weltkrieg in Europa gekämpft hat und heute 100 Jahre alt geworden wäre. Wiederhole ich seinen Namen in meinem Kopf, kommen mir verschiedene Dinge in den Sinn.  

Das erste was mir dazu einfällt, mag ungewöhnlich erscheinen, aber es ist das unverwechselbare Gesicht des britischen Schauspielers Damian Lewis. Der Mann mit dem hellen Augen, dem kupferroten Haar und den markanten Linien um die Mundwinkel, der die Rolle von Winters in Band of Brothers gespielt hat.

Das zweite woran ich denken muss, ist ebenfalls ein Männergesicht, das ich klar und deutlich vor mir sehen kann. Tiefe Falten ziehen sich über die Wangen und um den Mund. Dünnes, graues Haar bedeckt den Kopf, über den klaren Augen hängen erschlaffte Lider und auf der Nase sitzt eine große, runde Brille. Eben der echte Richard Winters, mit weit über achtzig.  

Und noch etwas bestimmt meine Gedanken an diesem frühen Morgen als ich in meinem kleinen Hotelzimmer leise meine Sachen packe. Das hier ist die sechste Gedenkstätte, die ich besuche. Sechs von zwölf. Halbzeit.

Ich weiß, es mag zum jetzigen Zeitpunkt zusammenhangslos klingen, aber ohne diese beiden Männer – ohne Richard Winters und Damian Lewis – wäre ich nicht hier. Genau genommen wäre ich zu keiner der zwölf Gedenkstätten aufgebrochen, denn ich hätte nie den Anstoß zu meinem Holocaust-Projekt bekommen. Richard Winters, Damian Lewis, Band of Brothers, die Geschichte der Easy-Kompanie und mein Holocaust-Projekt – all das gehört für mich zusammen, bildet eine kausale Kette und begleitet mich auf meinem Weg.

Ich gebe meinen Zimmerschlüssel an der Rezeption ab, verstaue meine Reisetasche im Kofferraum meines Autos und breche auf zur Feldscheune.

Der Himmel über mir hat in diesen ersten Minuten des Morgengrauens eine satte tiefblaue Farbe, die von einem grauen Nebel – so dicht wie man ihn nur zwei, drei Tage im Jahr erlebt – heftig verschleiert wird. Die Straßenbeleuchtung geht gerade aus, als ich die Ortschaft verlasse und feststelle, dass das Licht meiner Scheinwerfer vom Nebel auf der Straße als weißer Schatten reflektiert wird. Es ist genau die magische Stimmung, die ich mir für diesen Morgen erhofft habe.

Wie ein Geist jage ich im Tiefflug über die stille und vereinsamte Landstraße, bin hellwach und spüre ein gesundes Fieber in mir aufsteigen. Ich weiß einfach, dass es ein fantastischer Tag werden wird.


Ankunft
Bis ich mein Ziel erreiche, ist es hell genug um ohne zusätzliches Licht auszukommen und aus dem kräftigen Blaugrau ist ein reines Grau geworden. An der Straße steht ein Schild und entschlossen folge ich dem Feldweg. Der unbefestigte Weg sorgt für laute Rollgeräusche unter den Reifen und sicherheitshalber drossel ich das Tempo. Dennoch, das Fieber in mir treibt mich voran.

Ich kenne dieses aufgekratzte Verhalten von mir und weiß, dass es weniger etwas mit dem Ort zu tun hat, als mit diesem naturschauspielhaften Wetter. Es ist die Zeit, wo alles noch in der Schwebe liegt, wo der Tag die Nacht ablöst. Wo das Leben noch nicht erwacht ist, die Geister der Toten sich aber bereits schlafen gelegt haben. Eine Art geheimnisvoller Nullpunkt. Die unergründliche Balance der Natur.

Der dichte Nebel hüllt mein ohnehin weißes Auto ein, als ich, in der Annahme mein Ziel erreicht zu haben, am Straßenrand parke. Wie schon in Flossenbürg steige ich, ausgestattet mit Handschuhe, Schal und Mütze aus dem Wagen. Es ist kalt.

Ich gehe die ersten Schritte über einen grasbewachsenen Streifen und der gefrorene Tau knuspert unter meinen Schuhsohlen. Vermutlich liegt die Temperatur um den Gefrierpunkt. Fröstelnd schlage ich den Kragen meines Mantels hoch und frage mich zum ersten Mal, Was mich nur dazu geritten hat, mitten im Winter dieses Ort aufzusuchen? Wie bin ich bloß auf diese blödsinnige Idee gekommen?

Bevor ich über eine Antwort nachdenken kann, bremst mein Gewissen mich aus. Es ruft mir die Häftlinge ins Gedächtnis, die bei Wind und Wetter, über Stunden und ohne Schuhe oder Winterbekleidung im Freien schuften mussten, nur um dann in dunkle, überfüllte und unbeheizte Baracken gesperrt zu werden. Also was jammere ich eigentlich? Ich habe doch meine warmen Klamotten! Da werde ich ja wohl zwei, drei Stündchen Frösteln überstehen, um mich anschließend ins beheizbare Auto zu setzen und nach Hause zu fahren.

Nachdem dieser Gedanke abgehakt ist, schaffe ich es mich auf meine Umgebung zu fokussieren. Und das erste, was mir auffällt, ist die Stille. Ich bleibe auf dem Weg stehen. Horche. Nichts. Es ist eine mystische Stille. Kein Windhauch. Kein Vogelgezwitscher. Nichts dergleichen. Das einzige Geräusch in diesem schweigenden Nebel verursache ich selbst, als ich mein Notizbuch hervorhole und raschelnd durch die Seiten blättere, um etwas von dieser Stille auf Papier zu bannen.

Als ich den Kopf wieder hebe, zeichnen sich vor mir schemenhafte Form im Nebel ab. Sie bewegen sich! Es ist ein Mann, der mit seinem Hund auf einem der umliegenden Wege spazieren geht: Irgendwie das Letzte, was ich an diesem Morgen hier erwartet hätte, aber durchaus nicht ungewöhnlich.

Am Eingang der Gedenkstätte treffe ich auf ein kleines Häuschen. An der Außenwand unter einem Vordach hängt eine Infotafel. Aus meiner Recherche weiß ich bereits, was an diesem Ort vor über 70 Jahren passiert ist. Die Fakten, sachlich und in aller Kürze vor dem Betreten des Geländes nochmal zu lesen, hinterlässt dennoch ein mulmiges Gefühl in mir.

Am 13. April 1945 wurden in der Feldscheune zu Isenschnibbe 1016 Häftlinge aus verschieden Lagern zusammengetrieben, eingesperrt und die Scheune mehrfach in Brand gesteckt. Wer sich wehrte oder versuchte zu fliehen, wurde erschossen. Nur einen Tag später, am 14. April 1945, stießen amerikanische Soldaten der 102. Infanteriedivision auf das ausgebrannte Gebäude mit den verkohlten Leichen. Die Isenschibber Feldscheune erinnert nicht an ein Konzentrationslager. Sie ist Gedenkstätte für ein Kriegsverbrechen.

Mein anfängliches Fieber hat sich an der kalten Luft abgekühlt und vorsichtig wage ich die ersten Schritte. Das Gelände ist lange nicht so furchteinflößend, wie seine Geschichte es am Eingang verkündet. Durch den dichten Nebel, der sich kein bisschen lichten will, erkenne ich die Anfänge einer Grünanlage, wie sie auch in einem Park zu finden ist. Ein gepflasterter Weg bietet sich mir als Leitfaden an und vertrauensvolle lasse ich mich auf seine Führung ein.

Schnell stelle ich fest, dass der Weg von Infotafeln gesäumt ist, die alle paar Meter aufgestellt sind. Ich will den ersten Text lesen, doch eine Schicht aus gefrorenem Reif versperrt mir die Sicht. Ein weiteres Mal ärgere ich mich, über mein Vorhaben mitten im Winter und so früh am Morgen unterwegs seien zu wollen und lasse meinen Unmut an der Tafel aus. Mit meinen Handschuhen reibe ich kräftig über die Plexiglasscheibe und bekomme nach und nach eine freie Sicht.

Als ich mit Lesen fertig bin, gehe ich zur nächsten Tafel. Auch hier muss ich kräftig Rubbeln, bevor ich überhaupt etwas erkennen kann. Und gleich das erste, was ich sehe, lässt mich augenblicklich hektisch weiter Rubbeln. Es ist das Titelbild von einer Ausgabe des LIFE Magzines. Was hat das hier zu suchen?

Ich kenne das LIFE Magzine noch aus der Zeit als ich über den Vietnamkrieg recherchiert und mir digitalisierte Ausgaben aus den Sechzigern angeschaut habe. Dass in dieser populären amerikanischen Zeitschrift auch über den zweiten Weltkrieg und den Holocaust berichtet wurde, ist mir bis jetzt kein einziges Mal in den Sinn gekommen. Warum eigentlich nicht? Ich lese die aufgeschlagen Seite mit angehaltenem Atem und merke nicht, wie ich vollkommen versinken – in dem Text, diesem Ort, seiner Geschichte und auch seiner Atmosphäre.

Der Ärger mit dem gefrorenen Reif wiederholt sich ebenso bei der dritten und vierten Tafel. Und außer, dass ich mir zwischenzeitlich den Eiskratzer aus dem Handschuhfach meines Autos herbeiwünsche, wird mir nebenbei recht warm und ich sehe feine Dunstwolken aus Atemluft vor meinem Gesicht aufsteigen. Einen frostigeren Tag hätte ich mir wohl kaum aussuchen können.  So vergeht die Zeit, während ich mir die Geschichte zur Feldscheune im wahrsten Sinne des Wortes erarbeite.

Ich bin ganz verwundert als ich irgendwann nicht mehr kratzen muss und zu einem gemauerten Unterstand komme. In dem Unterstand hängt eine übergroße Landkarte. Die Menschen, die in der Scheune ums Leben kamen, waren Häftlinge, die auf Todesmärsche getrieben worden waren. Die Karte zeigt als verworrenes Netz aus Linien ihre zurückgelegten Wege. Daneben hängen einige kleine Gedenktafeln und an einer anderen Wand finde ich einen Satz auf Englisch: „MAY THIS MEMORIAL BE A CRY FOR FREEDOM AND PEACE”

Ich kann dem Satz von der ersten Sekunde an etwas abgewinnen und bleibe mit meinen Augen immer wieder an der Stelle „CRY FOR FREEDOM“ hängen. Es ist eine willkommene Begebenheit, dass ich „CRY“ im Deutschen sowohl mit „Aufschrei“, als auch mit „Weinen“ und „Appell“ übersetzen kann. Alles drei klingt für mich stimmig.

Von Respekt und Mitgefühl begleitet, trete ich unter dem Unterstand hervor und tauche ein weiteres Mal in diesen Ort ein. Ich bin vollkommen ungestört hier. Unterwegs, ohne eine Menschenseele. Eingehüllt in den Nebel.


Scheune
Das reine Grau des Himmels hat inzwischen zu einem seichten Weiß gewechselt. Es ist eine unerwartet angenehme Veränderung, dass über dem dichten Nebel allmählich die Sonne aufgeht. Selbst wenn ich sie nicht sehen kann.

Ich folge weiter dem gepflasterten Weg, der sich durch das Gelände zieht, passiere einige weitere Tafeln, die es freizukratzen gilt und komme den Resten der Feldscheune dabei langsam näher. Als ich die letzte Infotafel durchgelesen habe, hebe ich den Blick und schaue mich um.

Ich befinde mich auf einem großen gepflasterten Vorplatz, Moos zieht sich über die Gehwegplatten und an der Seite befindet sich eine steinerne Rednertribüne. Ich stehe weit genug weg um das Mauerwerk der Scheune zu überblicken, und ich muss sagen, dass ich mir unter einer „Scheune“ immer ein Gebäude aus Holz vorgestellt habe. Doch was hier vor mir erstaunlich hoch in die Höhe ragt, ist tatsächlich eine Mauer – mit rotem Klinker und weiß verputzten Flächen. Es sieht den Bilder, die ich im Internet gefunden habe extrem ähnlich und selbst davorzustehen, gibt dem Gebäude ein ganz anderes Ausmaß als eine Fotografie es je tun könnte.

Mit zögerlichen Schritten nähere ich mich dem Bauwerk, das mit seinem großen Torbogen in der Mitte in meinem Kopf so gar nicht zu dem Wort „Scheune“ passen will. Links davon ist ein auffallend langer Text in übergroßen Buchstaben angebracht. Ein Teil der Inschrift lautet:

SOLLTE EUCH JEMALS IM KAMPF GEGEN FASCHISMUS UND IMPERIALISTISCHE KRIEGSGEFAHR GLEICHGÜLTIGKEIT UND SCHWÄCHE ÜBERKOMMEN, SO HOLT EUCH NEUE KRAFT BEI UNSEREN UNVERGESSLICHEN TOTEN.

Ich denke einen Augenblick über die Worte nach und komme zu dem Schluss, dass mir der englische Satz von eben besser gefällt. Das hier ist mir irgendwie – ich weiß auch nicht. Irgendwie ist es mir in seiner Wortwahl zu aggressiv und ich vermisse die innere Zustimmung von meinem Bauchgefühl. Mit „FREEDOM“ und „PEACE“ kann ich weit mehr anfangen als mit „FASCHISMUS“ und „IMPERIALISTISCHER KRIEGSGEFAHR“.

Ich lassen den Text, Text sein und setze mich mutig wieder in Bewegung, denn eine selbst auferlegte Aufgabe steht mir noch bevor – nämlich dorthin zu gehen, wo sich einst das Innere der Scheune befunden hat.

Bereits aus der Ferne habe ich gesehen, dass die Überreste kein geschlossenes Gebäude mehr bilden. Es steht wirklich nur noch dieses eine Mauerstück mit dem Durchgang. Wo sich die anderen Wände der Scheune befunden haben, verläuft heute einen niedrige Umfassungsmauer. Dahinter liegt eine grüne Wiese – das Gras im tiefen Winterschlaf – und daran angrenzend einige Felder.

Es ist ein schwer zu beschreibendes Gefühl als ich durch den Torbogen schreite. Was in meinem Kopf eine „Scheune“ ist, passt in die Grundrisse dieser  Scheune drei möglicherweise sogar vier Mal rein. Es ist viel größer als ich es mir vorgestellt habe und der Moment, in dem ich hier eintreten, im stillen Gedenken und an diesem bitterkalten Wintermorgen, geht mir tief unter die Haut.

Atemlos stehe ich im Inneren der Scheune, wo es nichts gibt, außer einer Säule mit einer Feuerschale oben auf. Wie es wohl aussehen mag, wenn hier ein Feuer entzündet wird?

Ich bin unfähig mich vom Fleck zu rühren und blicke schweigend über das weitläufige Gelände. Unscharfe Formen am Horizont lassen Bäume und Büsche eines Knicks erkennen. Meine Sicht verliert sich im Schleier der Ferne und mit ihr gehen auch meine Gedanken verloren.

Der Nebel und die Stille halten die Zeit an.

Ich sehe einen rostbraunen Eisenbahnwaggon vor mir. Und weiß bereits in dem Moment, wo die große Seitentür mit einem lauten Quietschen aufgeschoben wird und den Blick auf einen Stapel verwesender menschlicher Überreste freigibt, dass es eine Erinnerung ist. Meine Erinnerung an die wenigen Minuten aus Band of Brothers, die sich mir tiefer ins Gedächtnis eingeprägt und mich mehr bewegt haben, als alle anderen Filmminuten zusammen. Es sind die Minuten in denen die Männer der Easy-Kompanie (unter ihnen auch ihr Bataillonskommandeur Richard Winters) das kleine Außenlager bei Landsberg entdecken und die zurückgelassenen Häftlinge befreien.

An jede Frage, die ich im Kopf hatte, als ich diese künstlich erschaffenen Bilder des Holocaust zum ersten Mal sah, kann ich mich hier in diesem Moment erinnern. Ich hab die Bilder, die mir gezeigt wurden damals nicht verstanden. Wie kamen die Menschen in diesen Eisenbahnwaggon? Sind sie darin gestorben? Oder waren sie schon vorher tot? Und wieso hat eigentlich niemand die toten Körper aus dem Stacheldrahtzaun rund um das Lager entfernt? Die hat man doch nicht absichtlich da liegen lassen! Oder doch? Und was ist mit den Baracken. Die war niemals so eng und düster! Das ist doch völlig übertrieben! Oder etwa nicht?

Genau das ist es, was mich seit dem Beginn meiner Reise antreibt. Diese innere Verwirrung als mir der Holocaust zum ersten Mal nicht aus einem trockenen Geschichtsbuch entgegenblickte, sondern mir in Form einer filmischen Erzählung gezeigt wurde. Da war eine unglaublich große Kraft in mir, die diese fruchtbaren Bilder Lügen strafen, das Gegenteile behaupten und die gezeigte Grausamkeit einfach nicht wahrhaben wollte.

Mittlerweile weiß ich: Den Holocaust zu leugnen, bringt nichts.

Nach Antworten zu suchen schon eher. Wer jedoch Antworten sucht, muss zuvor Fragen im Kopf haben. Und wer Fragen im Kopf hat, der hat etwas gesehen, gehört oder gefühlt, dass er nicht verstanden hat. So ist es mir damals ergangen. Ich hab sie nicht verstanden, die Bilder von den aufgestapelten Leichen in dem Eisenbahnwaggon, von den toten Körper, die unangetastet im Stacheldrahtzaun hingen, von den ausgehungerten Menschen, die in ihrer löchrigen Häftlingskleidung den Soldaten weinend um den Hals gefallen sind und von den entsetzten und sprachlosen Gesichtern der Soldaten, die das Lager entdecken haben. Gesichter, wie das von Damian Lewis als er in der Rolle von Richard Winters in den offenen Eisenbahnwaggon blickt…

Irgendwann komme ich zu Besinnung, wache auf wie aus einem Tagtraum und spüre, dass die Zeit weiter läuft. Das Gefühl kehrt meine Füße zurück und mit zaghaften Schritten, die sich anfühlen als könne der Boden unter mir jeden Augenblick brechen, verlasse ich die Scheune.


Friedhof
Mittlerweile hat das seichte Weiß am Himmel einen kräftigen Goldstich bekommen. Wirklich durchkommen, tut die Sonne durch den Nebel nicht, aber sie färbt ihn merklich ein. Es ist eine tröstliche und beruhigende Farbe, in der die Gewissheit mitschwingt, dass es zu einem späteren Zeitpunkt noch hell und freundlich werden wird.

Ich setzte meinen Weg durch die Gedenkstätte fort und bleibe immer wieder stehen, um einen Teil meiner Gedanken in meinem Notizbuch festzuhalten. Dabei muss ich feststellen, dass mir das Schreiben immer schwerer fällt. Mag der Himmel über mir auch heller werden, wärmer wird es dadurch noch lange nicht. Meine Finger fühlen sich zunehmend taub an und die Seiten von meinem Notizbuch wellen sich langsam; sind feucht von den Eiskristallen, die am Ärmel meines Mantels haften.

Ich gehe meinem letzten Ziel an diesem Morgen entgegen, dem Friedhof. Schon von weitem sehe ich ein Meer aus weißen Kreuzen, die so akkurat in Reih und Glied stehen, dass ich unweigerlich an den amerikanischen Militärfriedhof in Arlington denken muss. Doch bevor ich die Chance habe mich näher mit den Gräbern zu befassen, stoppe ich vor einer großen Holztafel.

Der Texte auf der Tafel – die in etwa halb so groß wie ein Garagentor ist – ist auf der einen Seite in Englisch, auf der anderen in Deutsch verfasst. Es steht dort geschrieben, dass 1016 Kriegsgefangene auf diesem Friedhof liegen, dass die Bewohner von Gardelegen (der zugehörigen Gemeinde) die Opfer damals begraben mussten und die Verpflichtung auferlegt bekommen haben, diese Gräber im Sinne aller freiheitsliebenden Menschen zu pflegen. Unterzeichnet ist der Text von Frank A. Keating, einem Major General der vereinigten Staaten von Amerika.

Bereit mich darauf einzulassen, was mir 1016 identisch aussehende Gräber wohl für ein Gefühl geben, lasse ich die Holztafel hinter mir und betrete das Friedhofsgelände, das sich in vier gleich angelegte Abschnitte teilt. Symmetrischer hätte man es kaum machen können. Und auch wenn ich nie in Arlington gewesen bin, es sieht genauso aus wie auf den Bildern, die ich kenne.

Die Gräber selbst sind gerahmte Rechtecke, deren Innenraum mit Kieselsteinen ausgelegt ist. Dahinter steht jeweils ein schmales, weißes Kreuz. Ich streife durch den breiten Mittelgang und lassen meinen Blick umher schweifen. Nahezu auf jedem Kreuz, das ich sehe, steht „UNBEKANNT“.

Am Ende des Friedhofes erreiche ich einen großen Gedenkstein, darauf geschrieben steht das Datum des 14. April 1945, dem Tag als die Befreier von Gardelegen die Feldscheune erreichten. Eine Weile stehe ich ruhig davor, kann aber kein Gefühl der Angst oder Beklemmung in mir entdecken. Es ist wie der Name schon sagt, ein Friedhof. Ein Ort, an dem Frieden eine wichtige Rolle spielt. Halte ich mir jedoch vor Augen, was hier geschehen ist, bekommt der Ruf nach Frieden – mein persönlicher „CRY FOR FREEDOM“ – einen seltsam bitteren Beigeschmack.

Würde es Frieden wie den Sand des Sandmännchens in kleinen bunten Stoffsäckchen geben, ich würde mir ein solches Säckchen besorgen und den Frieden über diesen Landstich streuen, sowie das Sandmännchen süße Träume in die Augen der Kinder. Aber das ist bloß Wunschdenken. Den hier ruhenden Seele Frieden zu geben, liegt nicht in meiner Macht. Was letzten Endes sicherlich auch sein Gutes hat. Denn um ehrlich zu sein, möchte ich nicht mit einer solch übermenschlichen Verantwortung durchs Leben gehen.

Langsam wende ich mich von dem Gedenkstein ab und stelle verblüfft fest, dass der dichte Nebel sowohl mein weißes Auto, als auch die Überreste der Scheune verschluckt hat. Die Stille. Die Kälte. Der Nebel. Alles bleibt an diesem Morgen unverändert, zieht sich gleichmäßig durch diesen 21. Januar.

Aufrecht und mit sicheren Schritten trete ich den Rückweg an und habe diesmal nicht das Gefühl, dass der Boden unter meinen Füßen brechen könnte. Im Gegenteil, es fühlt sich eher so an als würde die gefrorene Erde die Vergangenheit fest verschlossen halten. Ein überaus sonderbares Gefühl, dass ich so in noch keiner Gedenkstätte gespürte habe. Was hier ruht, ruht tatsächlich.

Nahe dem Eingang treffe ich noch einmal auf die Infotafeln, die ich am Anfang so mühevoll vom Reif befreit habe. Sie alle sind bereits wieder von einer dünnen Schicht aus kleinen, weißen Kristallen bedeckt.

Nach drei langen, durchgefrorenen Stunden steige ich in mein Auto, starte den Motor und werfe im Vorbeifahren einen letzten Blick auf die Isenschnibber Feldscheune. Dann schaue ich in den Rückspiegel und beobachte, wie die Scheune im Nebel verschwindet – als wüsste niemand, dass sie hier steht.


Abschluss
Die Autobahnen sind frei und auf meinem Heimweg habe ich viel Zeit über das Gesehene nachzudenken und die Puzzleteile in meinem Kopf zu sortieren. Immer wieder kreisen meine Gedanken dabei um die Tatsache, dass die Soldaten, die damals in Deutschland eingerückt und in den geräumten und zerstörten Konzentrationslagern auf den Holocaust gestoßen sind, als „Befreier“ bezeichnet werden.

Ich schaue mir an welche Puzzleteile ich bis jetzt zu diesem Punkt gesammelt habe und probiere im Gedankenspiel aus, an welchen Stellen ich sie zusammensetzen könnte. Dabei kommt mir folgende zentrale Frage in den Sinn: Wer waren die alliierten Soldaten eigentlich wirklich?

Waren sie heldenhafte Befreier, weil sie den Holocaust dokumentiert, die Lager befreit und den zurückgelassenen, leidenden Menschen geholfen haben?

Waren sie ehrenwerte Rächer, weil sie – schockiert und erzürnt über die Grausamkeit – den Aufsehern und SS-Soldaten hinterher gejagt sind und sie auf der Türschwelle ihrer Häuser erschossen haben?

Waren sie monströse Vergewaltiger, weil sie brandschatzend und plündernd durchs Land gezogen sind und auf ihrem Weg tausende Frauen und junge Mädchen misshandelt und vergewaltigt haben?

Oder waren sie am Ende doch seelische Kriegsopfer, weil sie mit der gleichen zertrümmerten Seele zurückgelassen und nach Hause geschickt wurden, wie so viele andere in diesem großen Chaos?

Zu allen vier Punkten habe ich recherchiert, alle vier sind wahr und alle tragen sie eine düstere Facette des Krieges in sich. Ich glaube nicht, dass es meine Aufgabe ist über diese Dinge zu richten und zwischen Gerechtigkeit und Vergeltung zu entscheiden. Aber ich glaube daran, dass es der Sache gerecht wird, die oben genannten Fakten zusammenzutragen und sie jedem Leser als Frage zum eigenen Überdenken an die Hand zu geben.

Der Krieg hinterlässt einen Abdruck auf der menschlichen Seele, wie das Negativ einer alten Fotografie. Und sehen wir in die Augen, der Menschen die den Krieg gesehen haben, dann sehen wir nicht den Krieg – sehr wohl aber sein negatives Abbild. Genau diese Bilder, in eben diesen Augen sind es, die ich ergründen will. Und es sind ihre Tränen, die mich auf meinen Weg geführt haben.

Woher mein Wille kommt mich mit Krieg auseinanderzusetzen, wird mir immer dann klar, wenn ich mir aufgezeichnete Interviews mit Veteranen anschaue und am Ende feststelle, dass ich genau wie sie am Weinen bin. Gerade bei den bewegenden Ausschnitten, wie sie in Band of Brothers gezeigt werden, bin ich mehr als einmal von der Sofakante gerutscht. Es ist eine Art Ursprung; der Punkt an dem ich mich entschlossen habe aufzubrechen.

Dieses einmalige Projekt ist in seinen allerersten Worten den Opfern des Holocaust gewidmet. Und wenn es etwas gibt, für das ich immer wieder aufstehen und meine Stimme erheben würde, dann ist es meine feste Überzeugung, dass nicht nur Juden und andere verfolgte Gruppen Opfer des Holocaust waren, sondern auch die Soldaten, die gegen ihn gekämpft haben.

Soldaten – besonders im Kriegseinsatz – sind gewiss keine Heiligen. Sie nehmen und sie bewahren Menschenleben, aber ihnen steht das gleiche Recht auf Würde zu, wie allen anderen Menschen. Und was mich betrifft, so kann ich sagen, dass mir das Dilemma, dem sich manche Soldaten aussetzen einen großen Respekt abnötigt. Ich möchte mit keinem dieser Menschen tauschen, aber ich bin bereit mir ihre Geschichten anzuhören.

Eventuell werde ich die Frage über die Rolle der alliierten Soldaten nie für mich beantworten können, ich habe jedoch daraus gelernt, dass der Krieg etwas Übermächtiges ist. Er hat die Macht Grenzen aufzulösen und Menschen umzupolen. Denn wer glaubt, die Gefangenen in den Konzentrationslagern hätten bedingungslos zusammengehalten und stets eine eingeschworenen Gemeinschaft gegen ihre Unterdrücker gebildet, der läuft mit einer rosaroten Brille durch den Holocaust.

Kapos haben Mithäftlinge geschlagen und gedemütigt. Verräter wurde gelyncht. Und ähnlich wie die alliierten Soldaten auf ihrem Beutezug, haben Häftlinge in den Lagerbordellen Frauen misshandelt und vergewaltigt.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum der Krieg einen Schatten auf der Seele hinterlässt, weil Mitgefühl und Verantwortung von Raserei und Wahnsinn aufgefressen werden. Und möglicherweise ist genau dieser Mangel an Liebe und Menschlichkeit der Grund, warum so viele fiktive Geschichten, Erzählungen und Filme über den Krieg (ob nun mit oder ohne wahren Kern) in Lovestorys und Heldenmythen enden.

Es geht darum dem Grauen gegenüber etwas in der Waagschale zu werfen. Was ich in diese Waagschale legen kann, sind mein Mut, meine Offenheit, sowie mein Talent und meine Begeisterung für das geschriebene Wort, und daraus resultierend dieses einmalige Projekt...



◦ Was in Gardelegen an der Feldscheue passiert ist, wird heute zu der langen Liste aus Verbrechen in der Endphase des Zweiten Weltkrieges gezählt. Zu diesen Verbrechen zählen auch die angeordneten Todesmärsche, das Ermorden von Kriegsgefangenen, sowie das Erschießen fahnenflüchtiger deutscher Soldaten.

◦ Zu Zeiten der DDR (Deutsche Demokratische Republik – 1949 bis 1990) wurden der Vorplatz und die Rednertribüne vor der Scheue häufig für öffentliche Kundgebungen und Veranstaltungen genutzt. Bestandteil der Erinnerungskultur in der DDR war es das Leid der Opfer anzuerkennen, sich aber einer tiefgründigen Aufarbeitung der Geschehnisse zu entziehen.

◦ Der Artikel, der am 7. Mai 1945 im LIFE Magzine erschien, wurde unter der Überschrift „The German Atrocities“ (Die deutschen Gräueltaten) veröffentlicht. Der zugehörige Leitartikel der Ausgabe hieß „War in Europe draws to its end“. Darunter sind diverse Bilder von hochrangigen Offizieren gezeigt, die sich die Hand reichen und gemeinsam anstoßen.



Kommentar zur Isenschnibber Feldscheune, vom 26. Mai 2018
Die Frage nach der Rolle der alliierten Soldaten im zweiten Weltkrieg beschäftigt mich inzwischen nur noch selten. Ich habe gemerkt, dass es viele Menschen überfordert, sich so tief in dieses Kriegsdilemma reinzudenken. Mitunter ist es sogar ein seelisch gefährdendes Unterfangen, wenn man in diesem Irrgarten keine Karte zur Hand hat, die einem dem Weg nach Hause zeigt.

Ich habe eine solche Karte für mein Unterbewusstsein. Es ist der Grund warum ich immer wieder bereit bin mich auf das Thema einzulassen – weil ich weiß, wie ich nach Hause komme. Ich weiß, was mich erdet und was ich tun muss, um die Eindrücke und Bilder in meinem Kopf wieder loszulassen. Leider ist dieser Plan so individuell auf die eigene Psyche zugeschnitten, dass ich meinen nicht einfach kopieren und an meine Mitmenschen (in diesem Fall meine Leser) verteilen kann.

Ich für meinen Teil weiß, dass alle vier aufgezeigten Rollen – und vielleicht gibt es sogar noch viel mehr? – der Wahrheit entsprechen und von Menschen durchlebt und druchlitten wurden. Mit diesem Bewusstsein habe ich gelernt, jedem Werk, das sich mit Krieg befasst, offen gegenüber zu treten. Mag es nun ein Drama, eine Liebesgeschichte, ein Heldenmythos und etwas ganz anderes sein.

Wer sich – obwohl er sich in einem sicheren Umfeld befindet – mit Krieg befasst und auseinandersetzt, der tut etwas Mutiges, vor dem sich viele Menschen fürchten und zurückschrecken.
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