Nie wieder 14f13 [Kalender 2018]

von RamonaXX
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
01.01.2018
31.12.2018
15
51.870
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15.04.2018 4.330
 
April

Das Wort Holocaust bedeutet im Ursprung so viel wie „völlig verbrannt“. Mit diesem Begriff wird in den Vereinigten Staaten von Amerika und in vielen Ländern Europas die Verfolgung und Vernichtung von Juden während der Zeit des Nationalsozialismus beschrieben. Im hebräischen existiert dafür das Wort Schoah, das so viel wie „Untergang“ oder „Katastrophe“ bedeutet.



Gedenkstätte Sachsenhausen, besucht am 01. September 2017

Gestern Ravensbrück und heute Sachsenhausen. Mein Terminkalender ist eng gesteckt, aber wo ich schon mal auf der Ecke bin, kann ich gleich noch eine weitere Gedenkstätte besuchen, bevor ich wieder die Heimreise antrete und mein Holocaust-Projekt für einige Wochen ruhen lassen, um mich zu erholen.

Mit dem Auto geht es auf der Autobahn Richtung Berlin – besser gesagt nach Oranienburg. Hier befinden sich die Überreste des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen. Es ist eines der bekanntesten und größten Lager auf deutschem Boden, dessen namentliche Erwähnung zuweilen noch heute Unbehagen bei den Zuhörern auslöst. Zumindest habe ich diese Reaktion in meinem Bekanntenkreis geerntet, als ich davon erzählt habe, dass ich beabsichtige mir dieses spezielle Lager anzusehen.

Von meinen vorangegangenen Reisen mit Mut als auch mit einer Erwartung beseelt, mache ich mich daran diesen namenhaften Ort aufzusuchen und seiner Erinnerung und seinem Vermächtnis auf den Grund zu gehen.

Ein weiteres Mal führt mich mein Navigationssystem auf den letzten zwei bis drei Kilometern durch ein großes Wohngebiet. Selbst auf der direkten Zufahrtsstraße zum Lager stehen Ein- und Mehrfamilienhäuser. Und zum wiederholten Mal drängt sich mir die Frage auf, wer ein Wohnhaus mit Ausblick auf ein Konzentrationslager kauft? Auf die Schnelle fallen mir dazu nur zwei mögliche Antworten ein. Entweder sind die Häuser extrem günstig, weil sowieso niemand hier wohnen will. Oder aber es interessiert die Leute, die hier leben nicht, was in ihrer Nachtbarschaft passiert ist.

Ich parke den Wagen am frühen Vormittag auf dem Besucherparkplatz und das erste was mir um die Nase weht, als ich an diesem frischen Spätsommertag die Fahrertür öffne, ist der Geruch von frisch frittierten Pommes. Mit einer Mischung aus Irritation und Neugier schaue ich mich um und finde rasch die Quelle – ein kleines Gebäude direkt am Straßenrand, mit der Aufschrift „Bistro“ verströmt Bratwurstbudenduft.

Ein Gefühl der Unangemessenheit will sich bei mir, mit diesem so vertrauten und den Bedürfnissen der schnelllebigen Konsumgesellschaft angepassten Geruch in der Nase, nicht einstellen. Viel mehr sorgt es für einen unerwarteten Anstieges meines Appetits. Doch ich bin gewiss nicht hier hergekommen um etwas zu essen. Also schnell weiter.

In meiner üblichen Ausrüstung, mit Notizbuch und ohne Mobiltelefon, starte ich meinen Streifzug und lasse diesen ersten, skurrilen und tourismusüberfrachteten Eindruck hinter mir.


Eine Mauer voller Erinnerungen
Der Besuchereingang ist schnell passiert. Und gegen eine kleine Gebühr erstehe ich noch ein druckfrisches Exemplar eines Lageplans, der sich praktisch in meine Jackentasche falten lässt. Ich folge der Wegbeschreibung zum Häftlingslager und bin froh darüber noch nicht viele andere Menschen zu sehen, die hier unterwegs sind.

Ich weiß, dass ich im Grunde auch nur einer dieser Touristen bin. Aber in einer bunten Masse aus Leuten festzustecken, nimmt mir häufig das Gefühl einen Zugang zu dem Ort zu finden und seine Geschichte zu erspüren. Wenn ich einem Ort zuhören will, muss es dort leise sein. Nur dann kann ich ihn flüstern hören. Eine fast unmögliche Aufgabe, wenn mit Kameras und Audioguides geschmückte Touristen um einen herum wuseln und lebhaft dabei schnattern.  

Noch ist es früh am Tag und die wuseligen Touristengruppen brauchen mich nicht zu interessieren. Ich gehe über eine Art asphaltierten Weg, der breit genug ist, dass er auch als Straße dienen könnte und nach kurzer Zeit fällt mein Blick nach links, auf eine hohe und offensichtlich alte Steinmauer.

Auf jedem Segment der Mauer ist eine übergroße Tafel mit Bildern und Texten befestigt. Neugierig fange ich an zu lesen. Erzählt wird die Geschichte von der Befreiung des Lagers. Es wird von der Not und dem Elend der Häftlinge berichtet, von erzwungenen Todesmärschen und den sowjetischen Truppen, die das Lager am 22. und 23. April 1945 erreichten.

Es ist die letzte Phase, die Endphase, dieses enge gesteckte Zeitfenster, das immer wieder in den Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit rückt. Wenn man so will, ist die Fotodokumentation das Ende der Ausstellung. Aber da ich in der Zeit zurückgehen will, ist es aus meiner Blickrichtung der Anfang.

Unbeirrt und schon jetzt – vor dem eigentlichen Lager – ohne jedes Zeitgefühl lese ich mich durch diese bewegende Geschichte und erlaube mir jedes Bild so lange zu betrachten, wie es zum Wirken braucht.

Die Zeit streicht vorbei und mit ihr ändert sich der Stand der Sonne. Es wird wärmer und als gebe es einen Zusammenhang dazwischen, trotten die ersten lebhaften Schulklassen im Gänsemarsch hinter meinem Rücken zum Lagereingang, während ich noch mit dem Studieren der Mauer beschäftigt bin. Schon bald gesellen sich die ersten Busladungen von Touristen dazu und neben dem frechen Berliner Dialekt, den ich ein paar Mal in meinem Rücken höre und der ein Schmunzeln in mein Gesicht zaubert, vernehme ich englische und auch andere Stimmen, die ich nicht zuordnen kann.

Erst als das Ende der Fotodokumentation in Sicht ist, schaffe ich es mich aus dieser tiefgreifenden Geschichte über die Befreiung des Lagers zu lösen und meine Aufmerksamkeit wieder der unmittelbaren Umgebung zukommen zu lassen. Gegenüber der Mauer steht ein unscheinbarer Maschendrahtzaun, dahinter liegt ein uninteressanter Parkplatz. Doch ein Schild auf der anderen Seite des Zaunes macht den Parkplatz für einen Augenblick doch zu einem interessanten Objekt.

Es ist der Parkplatz der „Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg“. Ich muss über diesen Fakt anerkennend die Stirn runzeln. Es weckt ganz klar Sympathie in mir, dass die Aufschrift des Schildes den Standort der Fachhochschule mit der Auseinandersetzung mit der Deutschen Geschichte begründet und den ersten Satz unseres Grundgesetzes zitiert: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Lieber eine Fachhochschule der Polizei neben einer Gedenkstätte, als eine JVA in einem ehemaligen Konzentrationslager, denke ich und ziehe weiter.

Nach einer Zeitspanne, die ich nicht ermessen kann, habe ich tatsächlich das Ende der Dokumentation erreicht. Die Mauer öffnet sich und vor mir erblickte ich etwas, dass ich schon oft auf Bildern im Internet gesehen habe.


Der „Turm A“
Ich hole meinen Faltplan hervor, der das Gebäude vor meiner Nase als „Eingang zum Häftlingslager“ und „Turm A“ ausweist. Für mich sieht das Ganze mehr aus wie ein Torhaus. Denn genau das ist es – ein Haus mit einem Durchgang in der Mitte, der durch ein Tor verschlossen ist.

Das Gebäude ist zweistöckig, in seinen Abmaßen recht überschaubar und in einem zarten Sandton gestrichen. Alles in allem wirkt es putzig, fast möchte ich es schon niedlich nennen. Doch am Durchgang zum Lager steht in der schwarze Eisenpforte eingelassen ein Schriftzug, der wie kaum ein anderer zum Inbegriff der Grausamkeit in Konzentrationslagern geworden ist: ARBEIT MACHT FREI

Ich scheue im ersten Moment die Konfrontation mit diesem Stück der Geschichte, schleiche wie eine Katze auf dem Vorplatz des Gebäudes hin und her und bin zum ersten Mal froh, mich mit einem Blick auf die vorbeiströmenden Touristen ablenken zu können. Unschlüssig stehe ich am Rand und lausche halbherzig interessiert der englischen Ausführung eines Touristenführers, während ich überschlägig die Besucher mit Audioguides am Ohr zähle. Auf eine stille Weise bewundere ich die Menschen, die einfach so – als wäre es keine große Sache – dieses Tor passieren und dabei ein Foto knipsen. Bin ich vielleicht zu weich, zu empfindlich? Oder sind die anderen zu abgestumpft, zu teilnahmslos?

Meinem Widerstreben das Tor zu durchschreiten, entgehe ich mehr oder minder geschickt, da mir nach einigen entschlusslosen Minuten ein Hinweisschild auffällt. Es verweist auf eine Ausstellung innerhalb des Turmes und neugierig betrete ich das Gebäude. Ein unheimlicher Geruch, vermischt mit überhitzter Luft empfängt mich. Ich nehme den einzig möglichen Weg, der eine steile Treppe hinauf führt. Das Holz knarrt unter meinen Schulsohlen und wie schon in Ravensbrück überfällt mich das seltsame Gefühl, dass die Realität zu einer Filmkulisse zerfließt.

Oben angekommen beginnt die Ausstellung. Es ist eine Sammlung aus aufbereiteten Daten und Fakten über die Täter. Über SS-Angehörige, die hier ihre Büroräume hatten, das Lager verwaltet und zum Beispiel die Post der Häftlinge zensiert haben. Vor allem aber geht es um Gewaltverbrechen und die beteiligten Personen.

Ich lasse überwiegend die Bilder auf mich wirken, lese hier und da mal einen Text und vertiefe meinen Blick in die Schaukästen. In einem davon sind verschiedene Waffen ausgestellt und etwas beeindruckt mich schon daran, dass diese zum Teil viel größer sind, als ich sie mir immer vorgestellt habe. Es führt mir vor Augen wie friedlich ich eigentlich aufgewachsen bin, dass ich Schusswaffen in ihrer Handhabung und ihrem Gebrauch nur aus Filmen kennen und Dinge, wie ihre Größe und ihr Eigengewicht einzig meiner Fantasie entspringen, da ich selbst nie eine in der Hand gehalten habe.

Ich wende mich einem großen Fenster zu und trete näher. Von hier hat man einen weitläufigen Blick über das gesamte Lager. Was auf meinem Faltplan eine grau-weiße Skizze ist, wird hier zur Realität. Vor mir erstreckt sich das Konzentrationslager Sachsenhausen, das in seiner scharfkantigen, geometrischen Form ein gigantisches Dreieck bildet. Hier im „Turm A“, befinde ich mich in der Mitte, der unteren Seite des Dreiecks und kann fast bis zur gegenüberliegenden Spitze sehen. Es ist wirklich unvorstellbar groß.

Ich schließe meinen Rundgang durch die Ausstellung ab, gehe eine andere Treppe hinunter und befinde mich sogleich auf dem Vorplatz, wo ich gestartet bin. Was ich von oben durch das Fenster gesehen habe, hat mich doch so sehr erstaunt, dass ich mich entschließe einen zweiten Anlauf auf die Eisenpforte mit seinem mahnenden Schriftzug zu nehmen.


Leichenkeller und Pathologie
Mit etwas Abstand hefte ich mich an eine Touristengruppe und folge ihr zum Tor. Trotz der relativen Sicherheit, bleibt es ein sonderbares Gefühl durch diese offenstehende Pforte das Lager zu betreten. Doch mein Unwohlsein ist nur von kurzer Dauer, denn auf der anderen Seite erstreckt sich vor mir im Halbkreis ein riesiger Appellplatz, um den sich sternförmig angeordnet die Fundamente der Baracken befinden.

Ich ziehe meinen Plan zu Rate und entscheide mich dorthin zu gehen, wo eine dunkelgrau hinterlegte Fläche mir verrät, dass es etwas zu besichtigen gibt. Mein Weg führt mich weg vom Appellplatz und vorbei an einem rostigen Stacheldrahtzaun. Dahinter sehe ich die hohe Außenmauer, die sich einmal um das Lager zieht. Ein Schild verweist darauf, dass in der Nähe des Zaunes sofort und ohne Aufforderung geschossen wird. Es bringt mir die Gedanken an jene Menschen zurück, die sich hier in ihrer Verzweiflung bewusst in den Tod gestürzt haben, um ihrem Leid selbst ein Ende zu bereiten. Vom Zaun kurzzeitig abgelenkt fällt mein Blick auf ein kleines, mausgraues Gebäude. Ist das der Ort, wo ich hin wollte?

Über eine Antwort nachzudenken fällt mir schwer, da sich etwas in mein Blickfeld drängt, das jeden klaren Gedanken fortzuwischen scheint. Eine Rampe. Eine lange abwärts gerichtete Rampe, links und rechts mit Treppenstufen, führt augenscheinlich hinunter zum Keller des mausgrauen Gebäudes.  

Doch was mich in Wahrheit anstachelt, ist die offenstehende Tür am Ende der Rampe. Kann ich da etwa reingehen? Darf ich da überhaupt reingehen? Nach kurzem Zögern, werfe ich alle sinnigen Überlegungen über Bord, setze den Fuß auf die erste Stufe und lasse mich von meiner Wissbegierde nach unten ziehen. Bin ich eigentlich verrückt?!

Es dauert nicht länger als meine Augen brauchen sich an das schummerige Halbdunkel in dem feuchten, muffigen Keller zu gewöhnen, bis ich begreife, wo mich meine Naivität hingeführt hat. Weiß geflieste Wände, ein glatter Fußboden mit vergitterten Abflussschächten und von Säulen getragene, niedrige bogenförmige Decken. Ich stehe in einem Leichenkeller. Hätte ich doch mal vorher genauer auf den Plan geschaut!

Das zweite Mal an diesem Tag bin ich dankbar, für die anderen Besucher und ihre Stimmen, die mich zurück in die Gegenwart holen. Hier  wollte ich ganz bestimmt nicht hin. Aber wo ich schon mal da bin... Wieder taucht da diese Stimme auf, die mich auch die Rampe hat runtergehen lassen. Ich mache mir klar, dass ich mich so oder so bewegen muss, um hier wieder rauszukommen, also warum nicht noch ein bisschen erkunden?

Es ist eine ganz abstrakte Verrenkung aus Neugier und Fluchtinstinkt, die mich hier unten hält. Und auch wenn ich die Stimmen von zwei, drei anderer Besucher höre und mir mit einem Mal die Überwachungskameras in jedem Kellerraum auffallen, spüre ich doch mit jeder Sekunde, die verstreicht, dass das hier kein Ort ist, an dem ich mich länger aufhalten sollte. Denn ich fühle mich in diesem Keller der Geschichte nicht nah, ich fühle mich ihr zu nah.

Am Ende siegt meine Vernunft und als sich mir die Möglichkeit bietet den Keller über eine schmale Treppe zu verlassen, zögere ich keine Sekunde. Oben angekommen geht es mir gleich viel besser, denn durch die Fenster des Raumes kann ich nach draußen schauen. Der Blick auf das Gelände der Gedenkstätte rückte meine Realitätswahrnehmung wieder ins Gleichgewicht und von wo auch immer nehme ich die Kraft mich auf meine neue Umgebung einzustellen.

Ich stehe in einer Art großem Flur, mitten im Erdgeschoss des Gebäudes. Meine Augen wandern zu einer üppig beschriebenen Infotafel, hinter der die Treppe in den Keller hinab führt. Nach Informationen suchend, beginne ich zu lesen. Ich befinde mich hier in der Pathologie. Ich lese weiter und erfahre, dass in diesen Räumen massenweise Leichen obduziert wurden, um die Resultate medizinischer Experimente festzuhalten. Hier oben ist es kein bisschen besser als unten im Keller. Und dennoch weigert sich ein Teil von mir, das Gebäude – welches mir zu Beginn so unauffällig erschien – zu verlassen, bevor ich nicht in jeden Raum einen Blick geworfen habe.

Zuletzt betrete ich einen großen Saal; es ist der Obduktionssaal. An den Wänden hängen weiße Kacheln, die Fugen sind ergraut, die Lasur aufplatzt und hier und da fehlen Ecken und Kanten. Dass sich durch den alten Terrazzoboden ein gut sichtbarer Riss schlängelt, nehme ich nur am Rand wahr. Zu sehr sind meine Augen damit beschäftigt auf die zwei Seziertische zu starren, die mitten im Raum stehen und in ihrer abgesenkten Mitte einen Abfluss für Körperflüssigkeiten und Sekrete haben. Auch sie sind rundherum mit den gleichen scheußlichen Kacheln verkleidet.

Das Tageslicht, was zu beiden Seiten in den Raum einfällt, nimmt ihm nichts von seiner abschreckenden Wirkung. Nur ein einziges Mal umrunde ich die Tische und bin danach heilfroh, dass mein Neugierde mich entlässt und ich dieses Gebäude verlassen kann. Hastig ergreife ich die Flucht und stürze beinah aus der Pathologie ins Freie.

Der frische Wind, der mir um die Nase weht, weht mit einer kaum zu beschreibenden Erleichterung.

Mit meinen, zugegeben weichen Knien und meinen schweren Schultern, suche ich die nächste Möglichkeit mich für einen Moment hinzusetzen. Die nächste freie Bank ist meine! Meine Rettungsinseln. Mein Zufluchtsort.


Die Baracken 38 und 39
Mich zu beruhigen und von den unheimlichen Eindrücken Abstand zu bekommen, nimmt mehr Zeit in Anspruch als ich für möglich gehalten hätte. Mein Notizbuch hilft mir dabei, indem es viele meiner gegenwärtigen Gedanken aufnimmt; wenn auch mit nervöser Hand und verzerrter Schrift.

Den Gedanken meinen Besuch in Sachsenhausen abzubrechen, verwerfe ich seltsamerweise gleich wieder. Denn je länger ich hier sitze, desto klarer werden mir zwei Dinge. Erstens, ich bin nicht allein an diesem Ort. Da sind inzwischen eine ganze Menge andere Leute auf dem Gelände unterwegs. Und zweites, ich bestimme immer noch selbst das Tempo. Wenn ich mit naivem Anlauf in die Überreste des Holocaust hineinlaufe und mich erschrecke, dann sollte ich vielleicht versuchen langsamer zu gehen.

Mit diesem guten Vorsatz im Kopf, klopfe ich mir innerlich ermutigend gegen die Brust und verlasse mein kleines Rettungsboot, namens Bank.

Ich kehre zum Appellplatz zurück, umrunde ihn und gehe zur gegenüberliegenden Seite des Lagers. Wie in bisher allen besichtigten Konzentrationslagern sind auch in Sachsenhausen die ehemaligen Standorte der Häftlingsbaracken markiert. In großen Metallrahmen liegt grober Schotter und auf dem Rand des Rahmens ist die jeweilige Barackennummer zu lesen.

Es sind unsagbar viele Baracken; mehr als man mit einem Blick abschätzen kann. Die Nummer werden immer höher und wie magnetisch zieht es mich über das offene Gelände zu den zwei einzigen hölzernen Bauten, die noch erhalten sind. Neue Fensterscheiben, ein makelloses Äußeres, sowie verdächtig rostfreie Regenrinnen zeugen davon, dass hier nachgebessert, instand gebracht und restauriert wurde.

Bedenkenlos reihe ich mich in die Kette der vielen Besucher, die sich hier tummel, ein und warte darauf in die erste der beiden Baracken zu kommen. Es ist mir in diesem Moment nicht bewusst, aber meine Panik und mein Fluchtinstinkt sind einmal mehr dieser unbefriedigten Neugier und ihrer sie stets begleitenden Naivität gewichen.

Als ich endlich im Eingang stehe, kehren sich die Gefühle mit einer ungeahnten Kraft aufs Neue um. Ich stehe in einem schmalen Flur und blicke gerade aus in einen Raum, der früher als Waschraum und Latrine gedieht hat. Nur wenige Meter vor mir stehen zwei dieser altertümlichen Waschbrunnen. Es sind große, runde rostige Becken, die auf einer massiven Säule stehen.

Augenblicklich flackern die Bilder aus Neuengamme durch meinen Kopf. Dort habe ich in einer der Ausstellungen von Häftlingen gezeichnete Skizzen solcher Brunnen gesehen. Für einen kurzen Moment bin ich geschockt. Es ist fast wie mit den Öfen in Ravensbrück. Ich könnte mir noch so viele Bilder davon ansehen – leibhaftig davor zu stehen, wird immer etwas anderes sein. Immer.

Die Menschenmenge drängt mich in dem schmalen Flur zum Weitergehen und wahllos schlage ich die Richtung ein, die die meiste Bewegungsfreiheit verspricht. Der hintere Teil der Baracke ist überraschend hell und freundlich gestaltet. Hier finde ich eine moderne Ausstellung mit allerlei Geschichten und Lebensläufen von Häftlingen. Dieser „Museumsteil“ hat sogar ein unteres Stockwerk. Auch hier findet man Exponate und Bildmaterial auf beeindruckende Weise aufbereitet und ausgestellt.

Was ich hier sehe, steht im schwer zu begreifenden Kontrast zu dem belassen Teil der Baracke, wo ich vor wenigen Minuten noch auf schmutzige, auf den Fußboden gemauerte Kästen gestarrt habe, die als Toilette benutzt werden mussten. Es steht vollkommen außer Frage, dass die Umstände unter denen die hier eingepferchten Menschen gehaust haben unerträglich gewesen sein müssen.

Vom Strom der anderen Besucher getrieben, bewege ich mich wieder auf den Ausgang zu. Die kühle Luft an diesem ersten September Tag, fühlt sich an wie der erste Atemzug nach einem langen Tauchgang. Mir bleibt nicht mehr Zeit zum Luftschnappen, als meine Füße brauchen, um mich zu der zweiten Baracke zu tragen. Dann tauche ich wieder ab.

Auch hier vermischen sich Elemente moderner Museumspädagogik mit den Überresten in Vergangenheit geratener Grausamkeit. Tafeln an den Wänden berichten von Folter, Misshandlung und Morden in den Waschräumen durch SS-Soldaten. Und es bleibt mit ein Rätsel, wie manche Menschen hier schnatternd umherwandern. Ich mache ihnen daraus keinen Vorwurf; zumindest beabsichtige ich das nicht. Es wirft schlicht diese eine große Frage auf, die sich mir schon vor dem „Turm A“ gestellt hat. Bin ich es, die zu sensibel ist für diesen Ort?

Ich schließe meinen Rundgang durch die zweite Baracke ab und verlasse das Gebäude mit einem unumstößlichen Gedanken: Das hier war nicht echt. Das hier ist  echt.


Mahnmal und „Station Z“
Als hätte ich den Großteil meiner Energie nicht schon an den ersten Stationen verbraucht, schaue ich vor den Baracken 38 und 39 auf meinen Faltplan. Das große Stück Papier erweist sich als äußerst strapazierfähig und nimmt mir das fortwährende auf- und zufalten nicht krumm. In Anbetracht meiner schwindenden Ausdauer wähle ich meine letzten beiden Ziele für heute und mache mich auf den Weg.

Erneut durchquere ich die symmetrische Anordnung der Barackenlandschaft und werde mir wiederholt der immensen Größe dieses Lagers bewusst. Wenngleich ich ohne Probleme von einer Spitze des Dreiecks zur anderen sehen kann, dauert es doch seine Zeit zu Fuß dorthin zu gelangen.

Was mir aus allen Winkeln in den Blick fällt, ist das Mahnmal, das man errichtet hat. Es ist ein alles Umliegende überragender Obelisk, in der Form eines Dreiecks, der mitten im Freien steht. Bereit mir etwas von dem Monument erzählen zu lassen, stelle ich mich davor und recke den Kopf nach oben.  

Unerreichbar hoch hängen große, rote Dreiecke, die alle mit der Spitze nach unten zeigen. Ihre Form erinnert mich stark an die bunten Winkel, die die Häftlinge zur Kennzeichnung tragen mussten. Ich zähle die Winkel: 3 mal 6. Das macht 18.

Seitlich gehe ich an dem Mahnmal vorbei und stelle dabei überrascht fest, dass jede der drei Seiten des Obelisken diese 18 Winkel trägt. Nur ihre Bedeutung erschließt sich mir nicht vollständig. Rote Winkel wurden von politischen Gefangenen getragen, das weiß ich. Aber warum sind es gerade 18?

Nach einem verhältnismäßig kurzen Fußweg verlasse ich das Häftlingslager und gelange durch einen Durchbruch in der Mauer zur „Station Z“, die sich außerhalb des dreieckigen Geländes befindet.

Das erste was mir sofort ins Auge fällt, ist ein spitz zulaufender Graben. Seine Wände sind mit verwitterten Baumstämmen ausgekleidet und er ist so tief, dass ohne fremde Hilfe heraus zu klettern unmöglich erscheint. Was sich direkt vor meiner Nase erstreckt und über eine abfallende Rampe zu erreichen ist, ist der Erschießungsgraben.

Ich befinde mich hier unter freiem Himmel und selbst wenn dieser Tag zunehmend grau und wolkenverhangen ist, verankert mich die Weite über mir doch stark genug in der Gegenwart, um mutig in den Graben hinabzusteigen.

Die Sohle des Grabens ist erstaunlich breit. An den holzverkleideten Wänden finden sich Gedenktafeln und vor Kopf befindet sich eine schmale Überdachung; dahinter dicke Baumstämme. Vor dieser Wand mussten sich die Häftlinge aufstellen, bevor sich erschossen wurden. Ein Gefühl der Enge bekomme ich hier unten nicht, dennoch drücken die Wände mit einer seltsamen Kraft auf mein Gemüt. Es lässt meinen Körper nicht wie erwartet in einen Zustand angespannter Wachsamkeit wechseln, sondern bringt eine nie dagewesene Stille mit sich. Ich werde still in diesem Graben, mit der nicht zu beantwortenden Frage im Kopf, wie viele Menschen hier wohl hingerichtet worden sind.

Zuverlässig tragen mich meine Füße wieder an die Oberfläche. Ich atme durch und werde mir nochmal des weiten Himmels über mir bewusst. Wie sehr ich auch das Gewicht dieses Ortes unter meinen Schuhsohlen spüre, die frische Brise, die durch meine Haare und über mein Gesicht streicht, bleibt der sichere Beweis, dass ich im Hier und Jetzt lebe.

Mit diesem festverwurzelten Gedanken steure ich auf ein riesiges, weißes Konstrukt zu, das mich an die Überdachung eines Fußballstadions denken lässt. Hinter dem Eingang – der nicht mehr ist, als ein enorm breiter Durchlass in der schneeweißen Konstruktion – versperrt eine graue Wand das Blickfeld. Ihre Inschrift breitet den Leser darauf vor, was sich hinter ihr verbirgt. Und tatsächlich tun sich nach einigen Schritten die verstaubten Überreste des Krematoriums vor mir auf.

Es passt alles zusammen.

Die aufwendige Überdachung schützt die fragilen Fundamente vor Wind und Wetter und zieht sich über den gesamten Komplex aus Gaskammer, Genickschussanlage und Krematorium, mit seinen vier zum Teil erhaltenen Öfen. Ein Infopult, das die Grundriss zeigt, gibt Auskunft darüber was sich wo befand und welchen Weg die Häftlinge, die hierher gebracht wurden zu gehen hatten.

Wie bei einem Fußballstadion ist die Mitte des Daches offen und lässt viel Licht ins Innere fallen. Ich wandere auf den erlaubten Wegen ein wenig umher und versuche mir dabei der Bedeutung dieses Ortes bewusst zu werden. Der Staub, der ringsum auf den letzten verbliebenen Ziegelsteinen liegt, ist hell und fein. Es ist der Staub einer längst vergangenen Zeit. Zum Abschluss ziehe ich eine Runde ganz außen um die Fundamente herum und verlassen anschließend die „Station Z“.

Mein Besuch in Sachsenhausen ist fast vorbei und ich bin heilfroh darüber. Reichlich erschöpft und benommen von diesem anstrengenden Tag mache ich mich auf den Weg zu meinem Auto. Der Rückweg kommt mir erstaunlich lang vor und führt mich – zumindest auf Sichtweite – an allen Orten vorbei, die ich mir angesehen habe.

Es lässt die Frage in mir aufkommen, was wohl in weiteren 25 Jahren vom Holocaust noch übrig sein wird. Als Antwort darauf fällt mir nur ein, dass wir alle, die nicht dabei gewesen sind, ganz unabhängig unsere Nationalität und unseres Glaubens eine Verantwortung haben. Auch wenn ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht mal im Ansatz sagen könnte, wie diese Verantwortung aussieht...



◦ Das Konzentrationslager Sachsenhausen bestand von 1936 bis 1945. Über diese Zeit hinweg waren Schätzungen zu Folge rund 200.000 Menschen dort inhaftiert. Im Totenbuch von Sachsenhausen sind heute mehr als 21.000 Tote namentlich und zum Teil mit Geburts-, sowie Todesdatum und Häftlingsnummer genannt.

◦ Zu den vielen bekannten Persönlichkeiten, die in Sachsenhausen inhaftiert waren, gehörte auch der Autor Jurek Becker  (1937–1997). Sein erfolgreicher Roman „Jakob der Lügner“ (erschienen 1969) handelt von einem Mann, der seinen Mithäftlingen in einem polnischen Getto dadurch Hoffnung macht, dass er behauptet ein Radio zu haben und das ihre Befreiung kurz bevor stünde.

◦ Wie in Konzentrationslagern üblich, wurden auch in Sachsenhausen im „Krankenrevier“ medizinische Experimente an Häftlingen durchgeführt. In den Baracken R I und R II, die sich gegenüber der Pathologie befinden, ist heute eine umfangreiche Ausstellung über die medizinischen Verbrechen zu sehen.



Kommentar zu Sachsenhausen, vom  07. April 2018
Das Konzentrationslager Sachsenhausen ist einer der aufreibendsten und gleichzeitig düstersten Orte, an denen ich je gewesen bin. Wenn ich mich jetzt im April an meinen Besuch im September erinnre, läuft mir immer noch ein Schauer über die Haut. Es gibt in diesem Bericht Textstellen, wo ich mich ernsthaft frage, ob ich das wirklich gemacht habe, was da steht. Aber es ist wahr. Alles was hier niedergeschrieben ist, habe ich selbst erlebt, gefühlt und durchgestanden.

Verglichen mit damals kann ich sagen, dass ich heute vorsichtiger an die Sache rangehe. Mein Interesse und auch meine Neugier für das Thema sind ungebrochen, aber meine Art und Weise mich den Dingen zu nähern, ist überlegter geworden. So blindlings wie in den Leichenkeller der Pathologie bin ich bis jetzt irgendwo hinein gestolpert und ich hoffe auch sehr, dass das nicht wieder vorkommt. (Selbst das Krematorium in Ravensbrück war nicht so intensiv wie diese Erfahrung.)

Und auch das nehme ich aus Sachsenhausen mit: Erfahrung. Überhaupt schlängelt sie sich durch dieses Projekt, wie ein wilder Fluss durch unberührte Landschaft – man kann nie sagen, wo die nächste Biegung kommt.

Den Bericht über Sachsenhausen zu schreiben, war keinesfalls leicht und hat mich definitiv einiges an Überwindung und Kraft gekostet. Aber wenn ich es nun vor mir sehe, dann glaube ich nach wie vor an die Tragweite dieses einmaligen Projektes.
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