Nie wieder 14f13 [Kalender 2018]

von RamonaXX
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
01.01.2018
31.12.2018
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16.03.2018 3.934
 
März

So wie unter dem Kürzel „14f13“ Häftlinge in Konzentrationslagern systematisch getötet wurden, regelte die „Aktion T4“ das gezielte vernichten von geistig und körperlich Behinderten. Es ging darum, Menschen, die nicht dem Idealbild des Nationalsozialismus entsprachen aus der Gesellschaft zu entfernen. Die Bezeichnung „T4“ leitet sich dabei aus der damaligen Berliner Adresse (Tiergartenstraße 4) ab, wo sich die zuständige Dienststelle befand.



Gedenkstätte Ravensbrück, besucht am 31. August 2017

Und wieder bin ich unterwegs. Diesmal sogar mit Übernachtung. Gestern bin ich mit dem Auto ins wunderbar grüne und weitläufige Mecklenburg-Vorpommern gefahren und habe mich für zwei Nächte in einem kleinen Hotel an einem der vielen Seen eingemietet.

Heute Vormittag geht es ins benachbarte Brandenburg, nach Fürstenberg an der Havel und ins ehemalige Konzentrationslager Ravensbrück. Es ist ein Ort, den ich mit Spannung erwarte, denn was Ravensbrück für mich auszeichnet und es zu einem festen Bestandteil meiner Reiseroute macht, ist die Tatsache, dass es sich um ein Frauen-Konzentrationslager gehandelt hat.

Ich bin mir nicht sicher, welche Erwartungen ich mit diesem Fakt verknüpfe, aber dennoch habe ich das Gefühl, dass mich hier etwas anderes erwartet. Etwas, das sich von den bisher besuchten Gedenkstätten unterscheidet.

Ich folge der Ausschilderung am Straßenrand und setze den Fuß beinah automatisch auf die Bremse, als ich an einem großen, verrosteten Panzer vorbeifahre, der auf einem gepflasterten Platz nahe der Straße steht. Neugierig wende ich, parke den Wagen irgendwo und steige aus, um mir das Objekt genauer anzuschauen.

Es ist ein sowjetischer Panzer und die Gedenktafel im Hintergrund gibt Auskunft darüber, dass das Konzentrationslager Ravensbrück am 30. April 1945 von der Roten Armee befreit wurde. Das Datum bezieht sich auf einen Zeitabschnitt, der mir bei meinen Recherchen immer wieder ins Auge fällt. Unsagbar viele Ereignisse denen ich auf der Spur bin, fallen in die letzten Wochen des April und die ersten Tag des Mai 1945. Der Frühling ’45 muss eine Zeit gewesen sein, in der Europa in Flammen gestanden hat.

Es ist nur eine Vermutung, aber das wiederkehrende Auftauchen dieser Datumsgrenze suggeriert mir, dass eine ungeheure Erschütterung, eine große Aufgewühltheit, ein grenzenloses Chaos in diesen Tagen geherrscht haben muss. Wie ist das, wenn die Nachricht über das Ende eines Krieges um die Welt geht und zurück ein maßloses Schlachtfeld bleibt?

Mit diesem Gedanken setzte ich mich wieder in mein treues Gefährt und fahre weiter, denn eigentlich wollte ich zur Gedenkstätte, wo ich ja noch gar nicht angekommen bin.  


Vorplatz und Verwaltungsgebäude
Nachdem ich mein Auto über ein mit Kopfstein gepflasterte Straße und durch ein winziges Waldstück gelenkt habe, stelle ich es auf dem Parkplatz neben dem Besucherzentrum ab. In gewohnter Ausstattung mit Notizbuch und ohne Zeitgefühl begebe ich mich auf meine Erkundungstour und lassen mich von meiner Umgebung lenken.

Es ist ein warmer, fast wolkenloser Sommertag und würde nicht eine frische Brise wehen, wäre ich fast versucht meine leichte Sommerjacke abzulegen.

Das Erste, an dem meine Augen hängen bleiben, nachdem ich mich vom Parkplatz entfernt habe, ist ein gewaltiger mit feinem Kies bedeckter Vorplatz. Es ist nicht der Appellplatz, den die Fläche befindet sich eindeutig außerhalb des Häftlingslagers. Dennoch ist die Größe beeindruckend.

Vereinzelte Bäume stehen auf der mit dunkelgrünem Moos überzogenen Fläche und eine befahrbare einspurige Straße führt drum herum. Ich bewege mich mit großer Neugier um den Vorplatz, denn etwas auf der gegenüberliegenden Seite zieht mich magisch an.

Es ist die Front eines zweistöckigen, sandsteinfarbenen Gebäudes. Ein ausladender, von rechteckigen Säulen getragener Erker lässt in seinem Schatten den Eingang zu diesem Ungetüm vermuten und so steige ich die wenigen Stufen hinauf und durchschreite eine Holztür aus zwei massiven Flügeln; ungewiss, was mich im Inneren erwartet.

Ich finde mich in einem düsteren Windfang wieder. Tafeln hängen an den Wänden und verweisen zu den unterschiedlichen Ausstellungsbereichen. Erneut durchschreite ich eine geflügelte Tür, stehe im Erdgeschoss vor einer großen Treppe und kann nicht glauben welch lebhafter Geruch mich empfängt. Es riecht nach Holz, nach uraltem und von den Sonnenstrahlen durch große Fenster aufgeheiztem Holz.

Mit klopfendem Herzen setze ich den ersten Fuß auf die knarrende Treppe und kann nicht verhindern, dass die Illusion in meinem Kopf eine erschreckende Realität annimmt. Ich bin nur durch eine Tür gegangen und doch habe ich das Gefühl mehr als siebzig Jahre in der Zeit zurück gereist zu sein. Der Geruch, die Wände, das Holz – all das fügt sich zu einem unbeschreiblich lebendigen Bild zusammen.

Wie viele Schritte muss ich gehen, bis mir der erste Offizier in SS-Uniform entgegenkommt? Und könnte ich ihn überhaupt korrekt grüßen?

Ich erreiche den Treppenabsatz und vor mir ragen drei gewaltige Fenster empor. Wie muss es ausgesehen haben, als vor dieser gläsernen Front noch eine Flagge mit Reichsadler, Eichenlaubkranz und Hakenkreuz gehangen hat? Es ist nur ein Atemzug, den dieser Gedanke anhält, aber vorstellen tue ich es mit trotzdem. Würden diese Symbole des Nationalsozialismus jetzt dort hängen, ich könnte nicht unterscheiden ob ich mich an einem Filmset befände oder doch besagte Zeitreise hinter mir hätte.

Auf dem ersten Stockwerk durchlaufe ich eine umfangreiche Ausstellung, die die Entwicklung des Konzentrationslagers schildert, sowie den Alltag und das Leben der weiblichen Häftlinge zeigt. Auch hier ist der Geist der Zeit mit jedem Schritt zu spüren. Denn viel mehr als die Inhalte der Ausstellung, beeindruckt mich die Atmosphäre, die dieses Gebäude abstrahlt.

Man sieht, dass es renoviert worden ist; neue Türrahmen und Fußleisten, eine aufgearbeiteter Parkettboden im Flur und geschliffene Holzdielen in der ehemaligen Schreibstube. Und dennoch lässt sich der enge Kontakt zur Vergangenheit nicht leugnen. Hinter einem Durchgang entdecke ich ein ausgehaktes Türblatt, das als Ausstellungsobjekt an der Wand hängt. Man sieht dem Holz sein Alter ohne Frage an und ich wage nicht eine Sekunde an seiner Echtheit zu zweifeln.

Es ist erstaunlich wie sich in diesem Gebäude Geschichte und Neuzeit, Vergangenheit und Aufarbeitung mischen. Sie stören sich nicht aneinander, lassen keine Reibung oder ähnliches entstehen, sondern wechseln sich mit einer Gleichmäßigkeit ab, die weit mehr als nur eine Vorstellung von dem schafft, was sich in diesen Räumen damals abgespielt haben muss.

Kurz vor dem Ausgang bekomme ich noch einmal zu spüren, wie stark die Wirkung dieser Mauern und Wände ist, die mich hier umgeben. In einem der Ausstellungsräume fällt mit ein Bild auf. Es zeigt eine Handvoll Männer (SS-Offiziere, der Kleidung nach zu urteilen) und eine Frau (offensichtlich eine Aufseherin), die gemeinsam auf den Stufen unter dem Erker stehen. Sie alle stehen genau zwischen jenen Säulen, zwischen denen auch ich durchgegangen bin, um das Gebäude zu betreten. Es ist beängstigend zu sehen, welch unheilvollen Boden meine Schuhsohlen berührt habe.


SS-Garagen und Außengelände
Wieder an der frischen Luft zu sein, tut mir gut und lässt mich Kontakt mit der Gegenwart schließen, den ich jetzt gut gebrauchen kann. Ich suche mir eine Bank, um die ersten Gedanken in meinem Notizbuch festzuhalten. Erst jetzt wird mir so richtig bewusst, dass ich nicht allein bin. Viele Touristen tummeln sich in kleinen Grüppchen oder zu zweit auf dem Gelände, schwatzen vor sich hin und genießen die Sonnenstrahlen auf der Haut.

Ich stecke mein Notizbuch ein und folge neugierig einem Pulk von Menschen, der sich zielstrebig über einen Hof bewegt und auf ein flaches Gebäude zusteuert. Ein aufgestellter Kundenstopper gibt Auskunft darüber, dass an diesem Wochenende eine Tagung in den Räumlichkeiten stattfindet. Diese Information erklärt nicht nur die vielen Menschen, sondern befriedigt auch meine Neugier. Was ich in Ravensbrück suche, liegt woanders.

Nüchtern wende ich mich ab und schlage eine neue Richtung ein. Der Blickwechsel lohnt sich, denn was sich vor mir erstreckt sind die ehemaligen SS-Garagen. Schnurgerade reiht sich eine Garage an die nächste. Zehn, zwölf, zwanzig – ich weiß nicht wie viele und ich zähle sie auch nicht. Stattdessen gehe ich an ihnen vorbei und werfe neugierige Blicke hinein.

Die alten Holztore stehen weit offen und die Öffnungen, die einst die Einfahrt ermöglicht haben, sind heute mit großen Glasfassaden ausgekleidet. Im Inneren befinden sich Büros – die Verwaltung der Gedenkstätte. Schon bemerkenswert, was man aus einer SS-Garage so alles machen kann.

Mit jeder Garage, die ich passiere wird mein Schmunzeln breiten. Mir gefällt die Idee, dass dort wo früher Lastwagen und Fahrzeuge geparkt wurden, heute Menschen hinter dem Schreibtisch sitzen und sich darum kümmern, dass dieser Ort gepflegt wird und erhalten bleibt. Es ist in meinen Augen ein Beispiel dafür, wie vielschichtig man mit dem Erbe der deutschen Geschichte und mit den Altlasten des Nationalsozialismus umgehen kann.

Hinter der letzten Garage werde ich einige Meter weiter von einem großen Durchbruch in einer hohen Mauer angezogen.

Es ist für mich etwas ganz Neues ein Häftlingslager zu betreten, das Mauern statt Zäune hat. Zäune sind zumeist durchsichtig, sie trennen zwei Bereiche voneinander, aber man kann sehen, was auf der anderen Seite liegt. Eine Mauer wie diese, hoch und unüberwindbar, erinnert mich mehr an ein Gefängnis.

Ich weiß nicht wie es kommt, aber mit einem Mal stehe ich mitten auf dem Appellplatz von Ravensbrück und was ich sehe, erinnert mich stark an Neuengamme. Mir schlägt eine ebene Einöde aus grobem, schwarzem Kies entgegen. Es erfordert Mut diesem toten Land entgegenzutreten und einen Fuß vor den anderen zu setzen – so groß die Abschreckung, die von diesem Ort ausgeht.

Wege führen durch die schwarz-graue Kieslandschaft und hier und da markieren große Vertiefungen die einstigen Standorte der Baracken. Ab und an begegnet mir eine Infotafel. Die Aufschriften sind recht kurz gehalten, hingegen ist überall eine Nummer für den Audioguide aufgedruckt. Und wenn ich mich so umschaue, dann sehe ich, dass von den wenigen Menschen, die sich gemeinsam mit mir hier aufhalten, die meisten ein solches Gerät mich sich rumschleppen. Für mich hat es bis jetzt keinen Reiz gehabt, mich mit einem solchen Ding auszustatten, da ich es vorziehe dem Ort selbst zu lauschen.

Ich setze meinen Weg durch die Einöde, die kein Ende zu nehmen scheint, fort. Der Hauptweg ist gesäumt von hohen Bäumen, die jetzt im August in vollem Grün stehen. Aber auch dieser grüne, lebendige Tupfer vermag die einschüchternde Beklemmnis dieses Ortes selbst bei strahlenden Sonnenschein nicht zu mildern.

Ganz am Ende treffe ich wieder auf Mauern, bröckelig und staubig und mit Moos und Flechte überzogen. Ich drehe um und durchquere dieses toten Landstrich ein zweites Mal.


Mahnmal und Krematorium
Außerhalb des Häftlingslagers, wo intakte Gebäude stehen, eine gepflasterte Straße verläuft und ich einen Landschaftsgärtner bei der Arbeit beobachten kann, fühle ich mich deutlich wohler. Ich werfe einen Blick auf eine Tafel mit einem Lageplan und entschließe mich in eine Richtung zu gehen, in die ich bis jetzt noch keinen Schritt gemacht habe.

Die Bildunterschrift auf der Tafel hat den Punkt als „Mahnmal“ ausgewiesen und ich bin gespannt was mich dort erwartet. Ein paar Steinstufen führen nach unten, der Schatten hoher Bäume lichtet sich und im Hintergrund kann ich Wasser erkennen. Dass sich in der Nähe ein See befindet, ist mir bereits bei meiner Ankunft aufgefallen – man kann ihn vom Parkplatz aus sehen. Aber dass das Konzentrationslager praktisch am Ufer dieses Sees liegt, wird mir erst jetzt klar.

Bevor ich jedoch einen freien Blick auf das ruhende Gewässer werfen kann, stoße ich auf eine Mauer. Eigentlich ist es nur das Stück einer Mauer. Sie ist nicht besonders hoch, doch auf ihrer Front steht ein in den Stein gemeißelter Text. Die Inschrift lautet: „SIE SIND UNSER ALLER MÜTTER UND SCHWESTERN. IHR KÖNNTET HEUTE WEDER FREI LERNEN NOCH SPIELEN, JA, IHR WÄRET VIELLEICHT GAR NICHT GEBOREN, WENN SOLCHE FRAUEN NICHT IHREN ZARTEN, SCHMÄCHTIGEN KÖRPER WIE STÄHLERNE SCHUTZSCHILDER DURCH DIE GANZE ZEIT DES FASCHISTISCHEN TERRORS VOR EUCH UND EURE ZUKUNFT GESTELLT HÄTTEN.“

Ich muss die beeindruckenden Worte von Anna Seghers ein zweites und ein drittes Mal lesen, ehe mein Hirn wieder richtig arbeitet und mir die ersten sinnvollen Gedanken dazu kommen. Was mir dann wie ein Brett gegen den Kopf schlägt, ist die aufwühlende Erkenntnis: Verdammt, sie hat recht!

Denke ich daran, dass es damals den Begriff des „Tausendjährigen Reiches“ gegeben hat, kann ich verdammt froh sein heute hier zu stehen – frei, selbstbestimmt und ohne Zwang. Es ist der erste gedankliche Schritt hin zu der Frage, ob Freiheit und Selbstbestimmung ein verwurzeltes Grundrecht oder doch ein exklusives Luxusgut ist? Zunächst erscheint mir diese Frage ganz einfach. Natürlich hat jeder Mensch das Recht auf Freiheit! Andersherum, wenn dem so ist, warum ist dann nicht jeder Mensch frei?

Mit diesem existentiellen Gedanke stehe ich nun hier und frage mich, was ich tun soll? Soll ich meine Freiheit als ein glückliches Privileg ansehen, zur rechten Zeit am rechten Ort geboren zu sein? Oder soll ich respektvoll innehalten und dafür danken, dass es so sein darf?

Die monumentalen Worte, die vor mir auf der Mauer stehen, erinnern mich noch an etwas anderes – nämlich an ein Buch, dass ich vor nicht allzu langer Zeit ausgelesen habe. In dem Roman geht es um den jungen, amerikanischen Soldaten Waino Mellas, der als frischgebackener Offizier nach Vietnam kommt und es dort mächtig schwer hat. Er übersteht so manche heikle Situation, erlebt das extreme Ausmaß körperlicher Erschöpfung und wird Zeuge äußerster, menschengemachter Grausamkeit, dennoch gehört er als Romanfigur und Protagonist zu den Männern, die überleben.

Die eine Textstelle, die sich mir hier und jetzt aufdrängt, lautet: »Er lag vor Gott, wie sich eine Frau einem Mann öffnet, die Beine gespreizt, der Bauch ungeschützt, die Arme offen. Aber im Gegensatz zu mancher Frau besaß er nicht die innere Stärke, die es ihr erlaubt, so etwas ohne Furcht zu tun. In Mellas steckte überhaupt nichts von der Stärke einer Frau.« (1)

Vielleicht ist es das, was mich an den Worten so bewegt. Sie verweist auf etwas, das mir – und wahrscheinlich vielen anderen Menschen auch – viel zu selten in den Sinn kommt. Mögen auch noch so viele männliche Soldaten in den Krieg ziehen – Anna Seghers verweist auf die Stärken einer Frau.

Nach einigen Minuten löse ich mich von der Mauer und folge den flachen Stufen an der Seite, die mich näher ans Ufer bringen. Ich bin wahrhaft überrascht, als er dann in seiner ganzen Schönheit vor mir liegt; der Schwedtsee. Im Rücken habe ich das Frauenlager Ravensbrück, aber schaue ich geradeaus, sehe ich ein Stückchen Natur, so friedlich und unberührt, dass ich es kaum glauben mag.

Wellen schwappen leise gegen die steinernen Treppenstufen, die in den See hinein führen und bilden hier und da fluffige Schaumkronen. Vereinzelte Rosen treiben zum stillen Gedenken im Wasser. Der auffrischende Wind jagt eine raschelnde Woge durch das Schilf am Rand. Und ganz entfernt, am anderen Ufer kann ich den Kirchturm von Fürstenberg erkennen.

Mit beinah federleichten Schritten folge ich der geschwungenen Linie der Treppe zu einem massiven, steinernen Steg, der ins Wasser reicht. Hier befindet sich das Mahnmal. Auf einer hohen Säule steht eine Skulptur. Das Werk mit dem Titel „Tragende“ von Will Lammert zeigt eine dünne, ausgezehrte Frau, in langem Kleid und mit nackten Füßen. In den Armen trägt sie einen geschwächten Jungen; zehn, vielleicht zwölf Jahre alt. Der Blick der Frau ist kraftvoll geradeaus und auf den Horizont jenseits des Sees gerichtet. Ein paar Mal umkreise ich die Statur, lasse die Stimmung dieses besonderen Ortes auf mich wirken und gehe dann wieder auf die Mauern des Konzentrationslagers zu.

Die warme Sonne vom Vormittag verschwindet langsam hinter dicken, grauen Wolken, die von dem frischen Wind herangetragen werden. Ob ich heute wohl noch nass werde?

An einem kleinen Gebäude steht eine Tür offen und unbefangen entschließe ich mich es zu betreten. Kaum, dass ich im Inneren bin, bleiben meine Füße ruckartig stehen. Hätte jemand hinter mir in das Gebäude gewollt – er wäre garantiert in mich hineingelaufen. Aber zum Glück bin ich ganz alleine hier. Oder ist es vielleicht doch Pech? Was meine Füße an den Boden tackert, ist der Blick auf drei Verbrennungsöfen, mit schwarzen, eisernen Klappen.

Bilder von diesen Öfen habe ich schon dutzende während meiner Recherchen gesehen, aber leibhaftig davor zu stehen und diesem grausamen Objekt entgegenzublicken, ist etwas ganz anderes. Es macht mir klar, warum es andere Gedenkstätten gibt, in denen man die Krematorien abgerissen und mit eine Tafel oder einen Stein markiert hat.  

Ich bin ganz allein an diesem Ort und die Stille drückt mit einem Gewicht gegen meinen Körper, dass ich es kaum wage mich zu bewegen. Mein Blick fällt auf das schlichte und doch kunstvoll gestaltete Absperrgitter, das in diesem Moment einen schützenden Abstand zwischen mir und den Öfen schafft. Für viele ist dieses Gitter zu einer Art Traueraltar geworden. Unzählige Blumen (frische und verwelkte), Kränze und Schleifen sind daran befestigt – viele davon in Rot und Weiß, den Nationalfarben Polens.

Wie angewachsen stehe ich da und stelle fest, dass mein angespannter Blick immer wieder zu den offenstehenden Ofenklappen wandert. Es ist sonderbar, wie furchteinflößend dieser Ort ist, ist doch ein Krematorium an sich heutzutage ein Teil unserer westlichen Beerdigungskultur. Wer in einer Urne zur See oder in einem Grab bestattet werden möchte, dessen Körper wird zuvor verbrannt. So ist das. Und noch nie ist mir der Gedanke gekommen, dass dieser Prozess etwas Unnatürliches ist oder etwas vor dem ich mich fürchten sollte.

Aber vielleicht liegt die Antwort auf diesen großen Widerspruch viel näher als ich denke. Denn wie ich mir gerade selbst erklärt habe, ist das Verbrennen eines toten Körpers in einem Krematorium Teil eines Abschnittes, den wir oft mit Abschied, Trauer, Gedenken, Anteilnahme und einer feierlichen Beerdigung begleiten. Die Krematorien in den Konzentrationslagern dienten dem entsorgen von zu vielen Leichen – kein religiöser oder kultureller Gedanke war jemals an diesen „Vorgang“ geknüpft.

Irgendwann kommt das Gefühl in meine Füße zurück und wenngleich ich meinen Schritten nicht hundertprozentig vertraue, schaffe ich es doch mich umzudrehen und das Gebäude zu verlassen.


Führerhaus und SS-Siedlung
Ein zweites Mal passiere ich die Tafel mit dem Lageplan und bestimme die letzte Station meines heutigen Besuches. Ich bin bestimmt schon wieder einige Stunden unterwegs und mal abgesehen davon, dass ich allmählich müde werde, fühle ich, wie meine Aufnahmekapazität sich dem Ende neigt. Egal, ich schiebe meine Müdigkeit an den Rand meines Bewusstseins und mache mich auf den Weg.

Eine lange Steintreppe führt mich einen steilen, grünen Hang hinauf und oben finde ich etwas, das auf den ersten Blick wie ein putziges, gepflegtes Fachwerkhaus in zartem gelb und mit dunkelgrünen Fensterläden ausschaut. Es ist eines der ehemaligen „Führerhäuser“, in denen die ranghohen SS-Offiziere mit ihren Familien gewohnt haben.

Auf der obersten Treppenstufe drehe ich mich um und der Ausblick auf das Lagergelände bewirkt eine sonderbare Verzerrung der Perspektive. Ich hab das Gefühl auf einer unsichtbaren Grenze zu stehen. Kann es wirklich sein, dass in dem Haus hinter mir Frauen dem Haushalt nachgegangen sind, Kinder in ihren Zimmern gespielt haben und die Ehemänner die Straße überquert und zur Arbeit gegangen sind? Familienidylle und Völkermord nur einen Steinwurf entfernt?

Zu meinem Erstaunen kann man das Haus betreten und nicht bloß von außen anschauen. Gemäß meiner leichtsinnigen Neugier zieht es mich hinein und ich kann nicht anders als über das Werk der Restaurateure zu staunen. Hinter dem Windfang gelange ich in ein großes Wohnzimmer. Holzdecke, Türrahmen und auch der Fußboden sind eindrucksvoll aufgearbeitet. Eine schwarz verfärbte Fläche auf dem Boden lässt erkennen, wo früher der Kaminofen gestanden hat und in der Küche hängen sogar noch die alten Fließen. Auch hier verschwimmt die Wirklichkeit zu einer Mischung aus Filmkulisse und Geschichte.

Ich streife weiter durch das Haus, gehe von Raum zu Raum, lese die Aufschriften auf den Infotafeln und sehe mir die Bilder von damals an. Irre, wie das hier früher ausgesehen hat. Eine knarrende Holztreppe bieten mir an, das obere Stockwerk in Augenschein zu nehmen und auch hier finden sich in den einzelnen Räumen Tafeln mit Hinweisen zur früheren Nutzung. Niemals hätte ich gedacht einmal im Schlafzimmer eines SS-Offiziers vor den Resten seines Wandschrankes zu stehen. Niemals.

Was hier allerdings ganz und gar nicht hineinpasst und die Illusion der perfekten Filmkulisse stört, ist die Videoüberwachung. Wahrscheinlich ein Schutz gegen Vandalismus; so nehme ich an. Aber dennoch sorgen die vielen Kameras, die als schwarze, gläserne Kugeln an den Wänden hocken, wie tote Spinnen für eine eigenartige Atmosphäre.

Bei meiner Fahrt vom sowjetischen Panzer zum Besucherparkplatz ist es mir aufgefallen, dass in der unmittelbaren Umgebung des Lagers viele alte Häuser stehen. Jedoch ist keines davon auf die gleiche Weise in Stand gesetzt wie dieses. Die anderen Führerhäuser, die versteckt zwischen den Bäumen liegen, sind überwuchert und verfallen, wie in einer Geisterstadt.

Ein weiteres Mal kommt es mir wie ein unlösbares Rätsel vor, dass zur Zeit des Nationalsozialismus Anhänger der SS im vergleichbaren Überfluss gelebt haben, während nur hundert Meter entfernt Menschen durch gezielte Vernachlässigung und Misshandlung grausam ums Leben kamen. Es lässt eine Frage in meinem Kopf entstehen. Nämlich, wie tief muss man die Gräben zwischen Menschen eigentlich schaufeln, damit sie ihre Menschlichkeit verlieren und beginnen einander zu verachten, zu hassen und zu vernichten? – In Anbetracht der Tatsache, wie viele Kriege derzeit auf unserem Planeten toben, lautet die Antwort entweder: Wir müssen nicht sehr tief graben. Oder aber wir haben zu große Bagger.

Ich verlasse das Führerhaus, in dem auch der Lagerkommandant Max Koegel gewohnt haben soll und lasse mich von der Schwerkraft die Steintreppe hinab tragen. Der Himmel hat sich inzwischen noch weiter zugezogen und erschöpft von meinem Tag schleppe ich mich zum Auto.

Auch wenn ich das hier Gesehene und erlebte noch lange mit mir rumtragen werde, ist es wie ein erster Schritt der Erleichterung als die Fahrertür ins Schloss fällt und ich den Motor starte. Auf dem Weg zum Hotel denke ich an meine heiße Dusche und das warme Abendessen, das später auf mich wartet…  



◦ Insgesamt wurden über die Jahre seines Bestehens mehr als 120.000 Frauen und Kinder im Konzentrationslager Ravensbrück zur Zwangsarbeit missbraucht. Eine der zentralen Arbeitsstätten war dabei die sogenannte „Schneiderei“ oder „Textilfabrik“; ein Gebäudekomplex aus acht großen Werkhallen, der bis heute erhalten geblieben ist und besichtigt werden kann.

Anna Seghers  war eine deutsche Schriftstellerin. Ihr Buch bekanntes „Das siebte Kreuz“ handelt von der Flucht sieben Häftlinge aus einem Konzentrationslager. Seghers schrieb das Buch im Exil, da ihre Bücher zur NS-Zeit verboten und verbrannt wurden und sie Europa verlassen musste. 1941 gelang ihr die Ausreise nach Mexiko. Sie starb 1983 in Ost-Berlin.  

◦ Die ehemaligen Häuser der Aufseherinnen in der SS-Siedlung haben seit 2002 eine ganz besondere Verwendung. Hier sind die Jugendherberge Ravensbrück, sowie die Internationale Jungendbegegnungsstätte und der Pädagogische Dienst der Gedenkstätte untergebracht.



Kommentar zu Ravensbrück, vom  07. März 2018
Rückblickend fällt es mir nicht schwer zuzugeben, dass Ravensbrück meine Erwartungen in vielen Punkten übertroffen hat. In keinem anderen Konzentrationslager hatte ich zuvor das Gefühl der Geschichte so dicht auf der Spur zu sein. Es ist wirklich erstaunlich wie echt dieser Ort an manchen Stellen wirkt, wo doch so viele Jahrzehnte vergangen sind.

Selbst wenn ich mich nicht mehr an den Holzgeruch in dem Treppenhaus erinnern kann, weiß ich doch noch genau, wie ich mich dabei gefühlt habe. Es hat sich echt angefühlt. Und gerade diese Echtheit ist es, die mir nach all den Monaten in den Sinn kommt, wenn ich an meinen Besuch zurückdenke.

Was ich sicher auch niemals vergessen werde, ist die Begegnung mit den Verbrennungsöfen. Es ist nicht so, dass ich immer wieder daran zurückdenken muss oder, dass mich schlechte Träume davon verfolgen. Viel mehr wirkt eine tiefe Form von Bestürzung in mir nach. Es gibt Dinge, die kann man erst glauben, wenn man sie gesehen hat. Und hat man sie gesehen, dann reicht dieser eine Anblick für den Rest des eigenen Lebens. So ist das wohl mit mir und den Öfen in Ravensbrück.

Und dann sind da natürlich noch die Worte, beziehungsweise die Bedeutung, von dem, was auf die Mauer am Mahnmal geschrieben wurde. Hätte es die Frauen hier nicht gegeben, hätte es uns vielleicht auch nicht gegeben.  


Zitatnachweis:
(1) Karl Marlantes, Matterhorn (München: Heyne Verlag, deutschsprachige Taschenbuchausgabe 2013), Seite 470.
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