Nie wieder 14f13 [Kalender 2018]

von RamonaXX
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
01.01.2018
31.12.2018
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Februar

Unter Nationalsozialismus wird allgemein die Regierungszeit von Adolf Hitler von 1933 bis 1945 verstanden. Im Mittelpunkt standen damals in extremer Form die Identifizierung mit dem Staat und der solidarische Zusammenschluss der Gesellschaftsmitglieder. Damit einhergingen Rassismus, Judenfeindlichkeit (auch Antisemitismus genannt), sowie die gewaltsame Ausgrenzung von „Andersdenkenden“.



Gedenkstätte Neuengamme, besucht am 17. Juli 2017

Es sind kaum drei Wochen vergangen, da mache ich mich bereits auf den Weg zum zweiten Ziel meiner Reise. Fast zwei Stunden verbringe ich auf der deutschen Autobahn-Baustellen-Landschaft bis ich in Hamburg-Curslack die Abfahrt nehme.

Mein Ziel heißt Neuengamme. Dabei ist das Erstaunlichste für mich, dass eines der größten Konzentrationslager so nah an meinem eigenen Heimatort gestanden hat. Bis vor Kurzem waren diese düsteren Orte für mich noch unscheinbare Punkte, irgendwo auf einer Deutschlandkarte und jetzt stelle ich fest, der Holocaust liegt eigentlich direkt vor meiner Haustür – erschreckend.

Ich staune nicht schlecht, als ich in die Straße einbiege, die mein Navigationssystem mir als Zieladresse nennt und sich zu meiner linken Seite ein riesiges Gelände auftut, das kein Ende zu haben scheint. Ich fahre und fahre – die Suche nach einem Parkplatz sekundenschnell aus meinem Bewusstsein gelöscht – und das Gelände neben mir zieht sich weiter und weiter.

Irgendwann schaffe ich es dann doch meinen kleinen Wagen in einer der vielen ungenutzten Parkbuchten am Straßenrand abzustellen und alles in meine Taschen zu packen, was wichtig ist. Wie beim ersten Mal bewaffne ich mich mit meinem Notizbuch und lasse das Mobiltelefon im Auto.

Beim Aussteigen fällt mir auf, dass ich mit dem Wetter wieder auf wundersame Weise Glück habe. Es ist ein lauwarmer Sommertag, nicht zu heiß, dafür trocken und sonnig und mit einer milden Brise – typisch norddeutsch eben. Vereinzelte Wolken ziehen am Himmel vorüber, während ich mich auf den Weg zum Haupteingang mache.  


Appellplatz und Häftlingsbaracken
Was sich hinter dem ehemaligen Haupteingang des Lagers – wo heute zwei moderne Glasgebäude stehen, die als Informations- und Servicecenter dienen – auftut, ist schwer zu beschreiben. Vor mir erstreckt sich ein gigantischer, mit Betonplatten ausgelegter Platz. Selbst bei ganz grober Schätzung sind es mehr als 100 Meter.

Die mächtige Größe des Appellplatzes schüchtert mich ein, zumal, wenn ich versuche mir vorzustellen, wie hier vor Jahrzehnten tausende von Menschen zum Zählappell antreten mussten. Andererseits, wären die angedeuteten Fundamente, der Häftlingsbaracken nicht drum herum, könnte ich auch glauben, mich auf dem Rollfeld eines Flughafens zu befinden.

Fürs erste weiche ich der Konfrontation mit diesem großen Platz aus und lasse mich von meinen Füßen zu den ehemaligen Baracken tragen. Abseits der Betonplatten beginnt ein extrem grober, pechschwarzer Kies, der den Boden bedeckt. War es in Bergen-Belsen noch die Stimmung des Ortes, die meine Schritte gebremst hat, ist es hier der Untergrund selbst, der mich langsam werden lässt.  

Auf dem schwarzen Schotter, der stark an die Befestigung von Bahngleisen erinnert, lässt es sich nur schwer vorwärts kommen. Immer wieder rutschen meine festen Schuhsohlen auf dem unwegsamen Geröll ab. Dennoch zieht mich meine Neugier weiter und ich erreiche nach einer Weile die erste Informationstafel.

Ich stehe vor dem künstlich aufgeschütteten Fundament von dem, was einst das Krankenrevier war. Doch mehr als die Zahlen und Daten der Infotafel zu meinen Füßen erschüttert mich das Gefühl, das die unmittelbare Umgebung mir gibt.  

Hier in Neuengamme scheint auf den ersten Blick vieles anders zu sein. Keine Natur, kein Wald, keine Bäume oder Blumen sind hier zu finden. Dafür harter Stein, kahle Flächen und sichtbare, so wie fühlbare Grenzen. Was in anderen Gedenkstätten überwuchert oder zurückgedrängt worden ist, überrollt mich hier mit seiner erschreckenden Präsenz. Es ist nicht bloß der riesige Appellplatz und die unzähligen durch aufgeschütteten Kies markierten Baracken, es ist diese erzwungene Lebensfeindlichkeit des Ortes, die sich mir binnen kürzester Zeit tief ins Gedächtnis einbrennt.

Was mir jedoch den größten Schauer über den Rücken jagt, sind die nachempfundenen Grenzzäunen zwischen den einzelnen Lagerbereichen. Keine Schneise im Grün – nein, hier gibt es kein Grün. Dafür schlanke, runde Pfosten, die in der Sonne metallisch-matt glänzen und im Abstand von einigen Metern entlang der ehemaligen Grenzen stehen.  

Es ist ein verflucht sonderbares Gefühl zwischen diesen sterilen Pfosten hin und her zu wandern, die in ihren schnurgeraden Reihen die stillschweigende Drohung aussprechen, sie nicht zu durchschreiten. Dennoch wage ich mich wieder und wieder zwischen ihnen hindurch, gehe von einer Baracke zu nächsten und nehme in mich auf, was die Aufschriften der Infotafeln preisgeben.  

Inzwischen ist mir so warm, dass ich meinen Pullover ausgezogen habe und im T-Shirt weiter umher wandere, wenngleich der Schauer auf meiner Haut kein bisschen abgenommen hat.    

Es kommt schon fast dem Auffinden einer Oase gleich, als ich auf den einzigen Baum weit und breit erreiche. Es ist eine alte Trauerweide, deren lange, feingliedrige Äste knapp den Boden streifen. Ich frage mich ob diese Weide hier schon zu Zeiten gestanden hat als das Lager noch betrieben wurde und lese sogleich die Antwort auf einer Tafel am Fuß des Baumes. Ja, hat sie.

Der kleine Garten mit angelegten Beeten und Parkbänken, den es damals an dieser Stelle gegeben hat und der tatsächlich „Oase“ genannt wurde, war nur den SS-Leuten zugänglich gewesen. Die Häftlinge konnten sich der Gnade dieses liebliche Stückchens Natur, wenn überhaupt nur aus der Ferne erfreuen.

Noch einmal schaue ich in das leise raschelnde, grüne Blätterwerk der Weide auf und frage, mich was dieser Baum vor 75 Jahren alles gesehen haben muss, bevor ich meinen Weg fortsetze.


Zwangsarbeit, Neuzeit und Kommandantenhaus
Nach der Begegnung mit der Weide und dem Häftlingslager bin ich froh den feindlichen Schotter hinter mir zu lassen und in einen anderen Teil des Geländes zu kommen, der weniger erdrückend, aber keineswegs weniger spannend ist.

Neben den unmenschlichen Haftbedingungen war Vernichtung durch Arbeit ein wesentliches Ziel im Nationalsozialismus. Harte Zwangsarbeit bestimmte den Alltag vieler Häftlinge und in Neuengamme treffe ich zum ersten Mal auf die Überreste dieser menschenunwürdigen Behandlung.  

Meine erste Station sind die an das Häftlingslager angrenzenden Walther-Werke. Das erste was mir zu „Walther“ einfällt sind Pistolen, wie die Walther P38 oder die Walther PPK. Tatsächlich wurden in den riesigen Hallen, von denen eine heute noch zu besichtigen ist, Waffen für die SS hergestellt. Die Arbeit dort war unter den Häftlingen verhältnismäßig beliebt, da sie überdacht und im Trockenen stattfand.

Mein Weg führt mich weiter und mit jedem Schritt, den ich gehe wird mir klarer, wie unfassbar groß dieses gesamte Lager ist und wie viele tausend Menschen hier eingesperrt gewesen sein müssen.

Der Gebäudekomplex der Walther-Werke zusammen mit dem benachbarten Hammerwerk kommt mir unnatürlich groß vor. Und hätte ich nicht die Gewissheit mich auf einem KZ-Gelände aufzuhalten, dann würde ich das hier vielleicht für die Überreste eines Industrieparks oder einer Werft halten. Aber das ist es nicht. Das hier sind die mahnenden Schatten eines Menschheitsverbrechens, das sich kaum in Worte fassen lässt.    

Die Walther-Werke waren nicht das einzige Arbeitskommando in Neuengamme, aber bevor ich mich weiter mit den Spuren der Zwangsarbeit beschäftigen kann, kreuzt noch Etwas meinen Weg, das ich hier am allerwenigsten erwartet hätte; ein Umspannwerk.

Tatsächlich befindet sich mitten auf dem Lagergelände ein kleiner, abgezäunter Bereich mit einem modernen Gebäude. Auf der Grünfläche davor ragen riesige Isolatoren in die Luft. Ein Wirrwarr aus Leitungen spannt sich über ihnen zusammen, steigt immer höher und nimmt schließlich mit dem ersten Strommasten seinen Lauf Richtung Horizont.

Gut, so richtig wundern tut mich das nicht. Denn erstens erscheint es mir logisch, dass der Strom zur Versorgung dieser Region ja irgendwie hierher kommen muss. Und zweites sind mir schon bei meinem Eintreffen die großen Windkraftanlagen ins Auge gefallen, die weit hinter dem Gelände aufgestellt sind. Das Umland von Hamburg ist sehr flach und entsprechend weit kann man hier gucken.

Ich lasse dieses kurze Aufblitzen der Neuzeit hinter mir und gehe weiter. Es ist komisch wie dieser Teil des Lagers so ganz anders wirkt. Ein Sandweg führt unbeirrt geradeaus und mit den frisch gemähten Wiesen links und rechts erscheint es mir fast wie ein Teil einer Parkanlage – nur eben ohne Blumen.

Als ich dann noch an einem niedlich anmutenden Holzhaus ankomme, scheint die Idylle perfekt. Doch an der Geschichte dieses Hauses ist rein gar nichts niedlich oder idyllisch. Es ist das Wohnhaus des ehemaligen Lagerkommandanten Max Pauly, der hier mit seinen fünf Kindern gewohnt hat.

Ein ganze Weile bleibe ich vor der geschmiedeten Gartenpforte stehen, blicke auf das weiße Holzhaus mit dem gepflegten Vorgarten und frage mich wer hier wohl ein- und ausgegangen ist? Wer hat, wie ich, vor dieser Pforte gestanden? Wer sie durchschritten?

Männer in SS-Uniform? Wahrscheinlich.

Lagerhäftlinge? Unwahrscheinlich.

Spielende Kinder? Wer weiß.  

Es dauert lange bis ich mich von diesem Ort lösen kann und weiterziehe.


Mahnmal und Haus des Gedenkens
Der nächste Punkt meiner gewählten Route bringt mich von dem offenen Gelände zu einem kleinen Waldstück, das schattig und kühl ist. Unter den hohen Bäumen wird mir frisch und ich ziehe meinen Pullover wieder über.

Ich folge dem sandigen Pfad und eine graue Steinmauer macht mich neugierig. Ich gehe um die Mauer herum und finde mich am Mahnmal von Neuengamme wieder. Eine rechteckige, steinerne Säule ragt hoch in den Himmel, deren Inschrift lautet: „EUER LEBEN EUER KAMPF UND EUER TOD SOLLEN NICHT VERGEBENS SEIN!“ Das schlichte Monument wird von einem kleinen, gepflasterten Platz umgeben und das dahinter liegende Gelände ist mit Gras bewachsen; frei von jeder Art von Bäumen oder Sträuchern. Doch was mich an diesem Ort – der überwiegend Stille und eine Art des friedlichen Gedenkens vermittelt – am meisten anzieht, ist eine vom Wetter gegerbte Skulptur gegenüber der Säule.

Das in Bronze verewigte Werk stammt von der Französin Françoise Salmon, die selbst zu den Überlebenden des Holocaust zählt. Es trägt den Titel „Der gestürzte Häftling“ und irgendwie erinnert das Wesen, dass dort in mehr als Lebensgröße vor mir auf dem Boden kauert auch entfernt an einen Menschen. Knie und Kopf berühren in einer schmerzhaften Haltung den Boden. Es hat Arme, Beine, einen Brustkorb, so wie Füße und Hände. Nur viel mehr hat es dann auch wieder nicht.

Der Körper wirkt so unnatürlich ausgezehrt, dass es kaum zu glauben ist, dass ein Mensch so viel von sich geben kann, ohne dass der Organismus auf der Stelle versagt. Doch ich habe die Bilder der verhungerten Häftlinge gesehen. Und ich glaube zu wissen, dass das was hier vor mir liegt – ein geisterhaftes, feingliedriges Gerippe aus Knochen, überspannt mit einer viel zu dünnen Haut – keine künstlerische Interpretation ist, sondern ein Abbild der Wirklichkeit.

Ich bin um die kurze Seite der L-förmigen Mauer herumgekommen und gehe nun an der langen Seite entlang. Auf Steinplatten, die wie Grabsteine im Beet seitlich des Weges liegen, bekunden die unterschiedlichsten Nationen ihre Trauer, ihren Schmerz und ihr Mitgefühl.

Ich bin so mit dem Lesen und Zuordnen der verschieden Länder beschäftigt, dass ich überrascht aufschaue als ich am Ende der Mauer angelangt bin und wie aus dem Nichts vor einem dunkelgrauen, fensterlosen Gebäude stehe, dass mich im ersten Moment an einen Bunker denken lässt.

Als ich das „Haus des Gedenkens“ betrete, weiß ich noch nicht was mich erwartet. Ich gehe weiter über den gefliesten Boden, der stark hallt und zur Achtsamkeit aufruft, bis ich in der Mitte des Gebäudes stehe und mein Blick automatisch zur Decke gelenkt wird, von wo aus helles Licht einfällt.  

Was ich an den Wänden drum herum sehe, verschlägt mir die Sprache. An tief dunklen, weinroten Wänden hängen meterlange, weiße Banner auf denen unzählige Namen in blauer Schrift aufgedruckt sind. Es sind die Namen der Toten, sortiert nach den Todesdaten.

Mit offenem Mund schaffe ich es kaum meinen Blick von dieser übermächtigen Sammlung zu nehmen und vertraue darauf, dass meine Füße auch ohne mein bewusstes Zutun sicher ihren Weg zur Treppe und rauf auf die Empore finden.

Tatsächlich komme ich unfallfrei oben an und gehe dort mit achtsamen Schritten einmal rundherum, den Blick wie magnetisch an die weißen Banner geheftet. Es sind so viele, so unendlich viele Namen, dass es mich fast erschlägt.

Als ich noch über den Vietnamkrieg recherchiert habe, sind mir Bilder vom Vietnam Veterans Memorial in die Hände gefallen – eine lange Wand auf der die Namen aller rund 58.000 im Vietnamkrieg gefallenen amerikanischen Soldaten verzeichnet sind. Der Geist des Menschen ist gewiss in der Lage sich vieles vorzustellen, aber etwas so abstraktes wie Zahlen, übersteigt doch zumeist unser Verständnis. Wer kann schon einen gefühlten Unterschied zwischen 58.000 gefallenen Soldaten und 55.000 toten Häftlingen machen?

Hier bekommen die abstrakten Zahlen dennoch eine spürbare Bedeutung. All die Namen nur zu lesen, würde vermutlich Stunden, wenn nicht sogar Tage dauern. Es ist einfach nur atemberaubend, an den Wänden entlang zu streifen, die verschiedenen Daten zu überfliegen und zu sehen, wie sich ein Name an den nächsten reiht.

Das systematische Verfolgen und Vernichten von Menschen im Nationalsozialismus war kein räumlich begrenztes Ereignis. Es war ein flächendeckendes Ausüben brutalster Gewalt und Grausamkeit, dessen Ausmaße mir hier zum ersten Mal begreiflich erscheinen. Viele Millionen Menschen sind damals ums Leben gekommen und was hier an den Wänden steht, ist so eindrucksvoll und deckt doch gleichzeitig nicht mal einen Bruchteil davon ab.

Jeder Name ein Mensch. Jeder Mensch ein Leben. Und jedes Leben, in diesem Haus ein Toter.


Klinkerwerk und JVA Vierlande
Ich lasse das „Haus des Gedenkens“ hinter mir und schlage von diesem entferntesten Punkt wieder grob die Richtung zum Lagereingang ein. Mein nächster Halt ist das ehemalige Klinkerwerk.

Unter den vielen Arbeitskommandos, die es in Neuengamme gab, war auch eine Ziegelproduktion. Aus Tongruben, die sich ebenfalls auf dem Gelände befanden, mussten Häftlinge im Laufschritt schwer beladenen Kipploren über das verlegte Schienennetz bis zum Klinkerwerk schieben.

Heute vor diesem gigantischen Bauwerk zu stehen, hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Das komplette Gebäude des historischen Klinkerwerkes ist erhalten und es ist so unfassbar groß, dass es gefühlt mehr als eine Viertelstunde dauert es zu umrunden.  

Die größte Anziehung hat auf mich die Frontseite, dort wo die mit Ton beladenen Loren in das Werk hineingeschoben wurden. Schienen führen eine lange Schräge hinauf und zwischen den verlegten Gleisen verläuft eine Treppe. Entschlossen Kontakt mit diesem faszinierenden Ort aufzunehmen, erklimme ich die Stufen.

Es ist etwas, was ich vom ersten Moment an in Neuengamme gemocht habe – die Freiheit, mit der ich mich hier bewegen kann. Natürlich gibt es angelegte Rundweg und auch Teil die nicht zugänglich sind. Aber alles in allem steht es jedem Besucher frei sich seinen eigenen, individuellen Weg durch diesen Ort und seine tief bewegende Geschichte zu bahnen. Ich bin jedenfalls froh darüber, dass kein Absperrband mich davon abhält diese imposante Treppe emporzusteigen und so einen unvergesslichen Ausblick zu bekommen.

Und tatsächlich ist das, was ich oben auf der obersten Stufe erblicke, als ich mich umdrehe, unvergesslich. Das Lager zu durchschreiten, lässt einen irgendwann fußlahm werden, aber es von diesem hohen Aussichtspunkt in seinen Ausmaßen zu begreifen, ist überwältigend. Über all die Gebäude und den weitläufigen Rasen hinweg kann man bis zum Lagereingang und den Walther-Werken blicken. Es mag vielleicht unpassend erscheinen, aber was ich mich in diesem Moment ernsthaft frage, ist: Wer mäht eigentlich diesen ganzen Rasen?

Sich der einschüchternden Präsenz dieses Ortes zu stellen, ist die eine Sache. Ein Achtung davor zubekommen, wie viele Menschen mit der Erhaltung und Pflege beschäftigt sein müssen, eine ganz andere.

Mit weichen Knien steige ich von der Rampe des Klinkerwerks wieder hinunter und suche den nächsten Punkt meiner Route auf, die Mauerreste der JVA Vierlande. Es lässt mich im ersten Moment an einen schlechten Scherz denken, dass auf dem Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers in den Siebzigerjahren ein deutsches Gefängnis gebaut wurde – aber es ist wahr. Auf dem Grund, auf dem Menschen eingepfercht und zu Tode gequält worden sind, hat man noch bis 2006 nach deutschem Recht verurteilte Straftäter im Rahmen ihrer Haftstrafe eingesperrt.

Wie verblendet müssen die Entscheidungsträger gewesen sein, die so etwas zugelassen haben?

Kann es wirklich sein, dass der Mensch die zuweilen leichtgläubigste und makaberste Lebensform von allen ist? Dass er sich selbst negativ hinstellt, sich öffentlich derart blamiert und mit solch einer Schandtat brandmarkt?

Ich gehe an den Mauerresten und dem letzten verbliebenen Wachturm der JVA entlang und denke, ja. Der Mensch kann unbegreiflich dämlich sein und sich sogar denunzieren. Hier, wo die Überreste einer Justizvollzugsanstalt sich mit den Erinnerungen eines Konzentrationslagers schneiden, wird das mehr als deutlich.  


Zaun und Hauptausstellung
Der Tag ist schon weit fortgeschritten, was ich am Stand der Sonne ablesen kann, die schleichend aber stetig ihren Kreis um mich zieht. Meine müden Füße zum Gehen motivierend, mache ich mich auf den Weg, denn zwei Punkte gibt es noch, die ich unbedingt gesehen haben will, bevor ich diesen Ort verlasse.

Ich betrete wieder das Häftlingslager, was zwangsläufig ein weiteres Durchschreiten der Lagergrenze mit sich bringt. Ich mag diese mahnenden Pfosten nicht. Ich mag sie wirklich nicht! Sie sind mir unheimlich.

Dennoch gehe ich eine Weile an ihnen entlang bis ich auf die ehemalige SS-Hauptwache und den zugehörigen Wachturm treffe. Ein Stück daneben liegt mein Ziel. Es ist eine Nachbildung des ursprünglichen Zaunes, der das Lager damals von der Außenwelt getrennt hat.

Originalzaunpfähle aus hellgrauem, bröckeligem Beton sind mit Moos bewachsen und ragen in die Höhe. Ihre oberen Enden biegen sich in einem Viertelrund nach innen und die Drähte, die zwischen ihnen gespannt sind, vermitteln den Eindruck, dass jeder Versuch des Überkletterns vergebens ist. Zumal eine Infotafel am Rand darüber aufklärt, dass der Zaun früher unter Strom gestanden hat und jede Berührung mit ihm tödlich endete.  

Vor dem Zaun verläuft ein breiter Schutzstreifen aus Sand. Wachmänner der SS patrouillierten hier und suchten nach Fußspuren von Häftlingen. Mit einem unguten Gefühl stehe ich davor und denke darüber nach, wie viele der Häftlinge hier vom Wachpersonal niedergeschossen wurden, mit der absurden Begründung sich zu dicht dem Zaun genähert zu haben. Und wie viele der Häftlinge sich wohl in ihrer aussichtslosen Verzweiflung selbst auf das unter Strom stehende Drahtgeflecht gestürzt haben, um ihre Tortur zu beenden.

Die Botschaft des vergleichsweise kurzen Zaunstückes ist eindeutig: Bis hier hin, und nicht weiter!

Ein Teil von mir unterwirft sich dieser Drohgebärde und ich wende mich ab, um die wirklich allerletzte Station meines Besuches aufzusuchen. Ausgerechnet die Hauptausstellung ist der letzte Punkt auf meiner Liste und nicht zum ersten Mal an diesem Tag denke ich, dass ein Besuch gar nicht ausreicht, um hier in Neuengamme alles zu sehen und zu erkunden.

Die Ausstellung befindet sich in einem riesigen zweistöckigen Klinkergebäude, das nahe der Häftlingsbaracken steht. Auch hier waren in den letzten Jahren vor der Räumung des Lagers Häftlinge untergebracht. Heute findet man hier eine umfangreiche Sammlung an Gegenständen und Dokumenten, sowie eine detaillierte Aufarbeitung der Geschichte von Neuengamme.  

Mein Kopf ist von den vielen Eindrücken, die ich auf meinem Rundgang aufgesogen habe so überfüllt, dass ich die Ausstellung nur im Blindflug passiere. Zu viel gibt es hier zu bestaunen und zu begutachten, als dass ich mir die Zeit nehmen könnte, die jede Vitrine, jeder Schaukasten, jedes Ausstellungsstück verdient.

Nur das winzig schmale, dreistöckig Bett, das den Gefangen zur Verfügung stand und das sich mir auf sonderbare Art in den Weg stellt, bleibt mir bildhaft in Erinnerung. Genauso wie die übriggebliebene Hälfte des ehemaligen Lagertors; eine Konstruktion aus Holz und Stacheldrahtzaun, die mich gleich zum Beginn der Ausstellung überfallen hat. Alles andere verschwimmt in einem Meer aus Eindrücken und Informationen, die mich für diesen Tag überfordern.

Als ich wieder ins Freie trete, setze ich erleichter Kurs auf den Ausgang. Ich überquere den Appellplatz und bin froh darüber in wenigen Minuten wieder bei meinem Auto zu sein. Das Wetter hat sich kaum verändert. Flauschige Wolken ziehen über einen sonst blauen Himmel und eine leichte Brise weht mir um die Nase.

Die Sonne scheint warm in meinem Rücken und hinter mir lasse ich einen der düstersten Orte zurück, an dem ich je gewesen bin. Das Letzte was ich von Neuengamme sehe, ist das Spiegelbild einer Windkraftanlage auf der sonnenbeschienenen Glassfassade des Servicecenters. Nach 75 Jahren überstrahlt der Schein der Neuzeit selbst den dunkelsten Schatten der Vergangenheit, ohne ihn jedoch ganz wegwischen zu können…



◦ Von 1938 bis 1945 waren insgesamt 106.000 Menschen in Neuengamme inhaftiert. Davon starben etwas mehr als die Hälfte (55.000) an Vernachlässigung, Unterversorgung und durch Mord und Folter.  

◦ Neuengamme besaß ein Lagerbordell, dessen Nutzung u.a. besser gestellten Häftlingen (sog. Kapos) zugestanden wurde. Die Frauen, die dort zur Prostitution gezwungen wurden, kamen zum Teil aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück.

Kurt Heißmeyer, einer der Ärzte aus Neuengamme führte 1944 Experimente mit Tuberkuloseerregern an 20 jüdischen Kindern durch. Um die Versuche zu vertuschen wurden die  Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren in der Nacht vom 20. auf den 21. April 1945 zusammen mit ihren Pflegern im Keller eines Schulgebäudes (Bullenhuser Damm) ermordet.



Kommentar zu Neuengamme, vom  28. Januar 2018
Mich an meinen Besuch in Neuengamme zu erinnern, fällt mir nicht schwer, denn es war im Vergleich zu Bergen-Belsen unglaublich aufregend und spannend und eindrucksvoll. Insofern bleibe ich bei meiner Aussage, dass ein Tag tatsächlich nicht ausreicht um sich alles anzusehen, denn ich habe mir wirklich die Füße dort platt gelaufen.

Alternativ kann ich jedem raten, der nach Neuengamme möchte, sich vorher zu überlegen, was er sich anschauen will und natürlich – aufgrund meiner eigenen Erfahrung – den Blick von der Treppe des Klinkerwerkes mitzunehmen. Es ist wirklich ein einmaliger Ausblick, den man von dort oben hat!

Unterm Strich, habe ich bei meiner zweiten Besichtigung eines Konzentrationslagers gelernt, dass die Erhaltung eines solchen Ortes auch ganz anders sein kann. Es muss nicht die geebnete Wiese, mit dem schlichten Gedenkstein sein. Eine Gedenkstätte kann (und sollte) meiner Meinung nach auch etwas „Erlebbares“ an sich haben. Was sicherlich zuletzt nicht auch eine Frage von Fördermitteln und Gelder ist. Aber das ist Politik und somit nicht mein Fach.  

Für mich zählt das, was ich erlebt habe und was wohl auf lange Sicht in meiner Erinnerung bleiben wird. Und das ist definitiv – neben dem Ausblick von der Treppe – der Rundgang durch das „Haus des Gedenkens“. Die vielen Namen an den Wänden zu sehen, hat mein Bewusstsein für die Opfer sehr nachhaltig beeinflusst.
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