Nie wieder 14f13 [Kalender 2018]

von RamonaXX
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
01.01.2018
31.12.2018
15
51.870
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31.12.2018 785
 
Nachwort

Was schreibt man zu solch einem Projekt ins Nachwort?

Ich habe wirklich lange über diese Frage nachgedacht und dabei die verschiedensten Ideen gehabt. Darunter waren eine Menge Sätze und Formulierungen voller Anteilnahme und Achtsamkeit, die ich letzten Endes doch verworfen habe. Denn ich denke, dass genau diese Dinge schon in den übrigen Kapiteln stecken. Ich will mich hier nicht wiederholen. Stattdessen habe ich mich entschieden eine Bilanz der etwas anderen Art zu ziehen.

In den vergangenen Tagen habe ich viel durch meine Aufzeichnungen und gesammelten Unterlagen geblättert, und neben einem dicken Stapel aus Flyern und Infobroschüren hat sich auch ein deutlich höherer Stapel an Rechnungen aufgetürmt. Hotelübernachtungen, Mietwagenabrechnung, Tankquittungen, Belege von Schnellrestaurants, Bäckern und so weiter…

Ich habe mir mal die Mühe gemacht, das alles auseinander zu sortieren und verschiedenen Positionen zuzuordnen. Das Ergebnis hat mich selbst staunen lassen:


…2x habe ich mir einen Mietwagen organisiert. [158,43 EUR]

…3x bin ich meine Reise mit dem Zug angetreten. [455,40 EUR]

…6x bin ich mit dem Auto unterwegs gewesen. [5238 km]

…11x habe ich abends in Restaurants gegessen. [180,00 EUR]

…15x habe ich den Tank von meinem Auto leergefahren. [604,17 EUR]

…18x Nächte habe ich in diversen Hotels verbracht. [1071,10 EUR]

…20x habe ich mich bei Bäckern, an Tankstellen, Bahnhöfen & Co. versorgt. [111,83 EUR]

Summe: 2580,93 EUR


Wie ich mir das als Auszubildender von meinem Lehrlingsgehalt habe leisten können, ist mir ein kleines Rätsel, denn ich bin bei diesem Projekt weder gesponsert worden, noch hatte ich von anderer Seite her finanzielle Unterstützung. Okay, irgendwann habe ich mein Sparschwein geplündert – aber das wird wohl kaum den Ausschlag gegeben haben.

Eine andere Frage die unbeantwortet bleibt, ist, wie viele Stunden Arbeit in dieses Projekt geflossen sind. Ich weiß es waren viele, sehr viele. Und es ist mir gewiss nicht leicht gefallen, mich immer wieder auf meine vier Buchstaben zu setzen und über ein so aufwühlendes Thema wie den Holocaust zu schreiben.

Ob ich es bereue?

Nun, mit zweieinhalbtausend Euro und mehreren hundert Stunden Arbeit hätte ich auch ganz andere Dinge anstellen können. Aber nein, ich bereue weder die Zeit noch das Geld, dass in dieses Projekt geflossen ist. Kein Stück! Denn wenn ich mir vor Augen halten, was ich alles in dieser Zeit gelernt habe, was ich an Reife und Erkenntnis dazugewonnen habe, dann kommt mir nur ein einziges Wort in den Sinn: unbezahlbar.

Vom 01. Juli 2017 bis zum 30. September 2018 bin ich unterwegs gewesen und es macht mich wirklich stolz, wenn ich heute die 12 Orte, die ich besucht habe, gemeinsam auf einer Karte eingezeichnet sehe.

Meine Reise ist nun zu Ende und nach dieser etwas ungewöhnlichen Bilanz, sollen die wirklich letzten Worte zu diesem Projekt doch ein wenig gedankenvoller und einprägsamer sein.

Verantwortung in Bezug auf den Holocaust zu übernehmen heißt für mich mittlerweile in dem Bewusstsein weiterzuleben, dass meine Freiheit ein unschätzbar wertvolles Gut ist, ich aber auch akzeptieren muss, dass ich einer gewissen Machtlosigkeit unterliege.

Denn die Realität ist: Was damals in den Konzentrationslager passiert ist, wird heute an anderen Orten und von anderen Tätern immer noch getan. Menschen werden verhaftet, eingesperrt, isoliert, vernachlässigt, verhört, gequält, gefoltert, brutal ermordet und zur Zwangsarbeit eingesetzt.

Ich habe mir auf meiner fünfzehnmonatigen Reise mehrfach die Frage gestellt, warum mir all diese Dinge bis jetzt erspart geblieben sind, aber keine abschließende Antwort darauf gefunden. Gut möglich das es etwas mit der erwähnten Gewaltigkeit der Zeit zu tun hat und die andere Hälfte einfach nur Glück ist. Ich weiß es nicht.

Allerdings kann ich mich hinstellen und einen Teil meiner Zeit und meiner Gedanken den Menschen widmen, die gelitten haben, bevor ich mich wieder dankbar und glücklich in mein friedvolles und angenehmes Leben stürze.

Und noch eine letzte Anmerkung:
Oft höre ich Leute in Verbindung mit dem Holocaust sagen: „So etwas darf sich nie wiederholen.“ Was ich dabei inzwischen immer vermisse, ist die Aufklärung, denn Verantwortung kann nur ein Mensch tragen, der auch aufgeklärt ist!

Deshalb meine Bitte an alle Geschichtslehrer und Menschen, denen dieser Satz schon einmal über die Lippen gekommen ist, sagen Sie ihren »Schüler« nicht bloß „So-etwas-darf-sich-nie-wiederholen“, nehmen Sie sie an die Hand und zeigen Sie ihnen warum.


Ich wünsche allen, die gelitten habe,
egal auf welcher Seite, nur eines –
Frieden.


(Nachwort verfasst am 30. Dezember 2018)






Rechtliche Hinweise:
Es handelt sich bei diesem Werk ausdrücklich um  keine wissenschaftliche Arbeit!
Ich habe mich bemüht alle Angaben auf Vollständigkeit und Richtigkeit zu prüfen.
Dem gesamten Werk liegen meine handschriftlichen Aufzeichnungen zu Grunde.

Ebenso möchte ich noch einmal betonen, dass dies kein fiktives Werk ist!
Die beschriebenen Orte habe ich alle zu den genannten Daten besucht.
© 2018 Ann-Kathrin Thon
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