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Nie wieder 14f13 [Kalender 2018]

von RamonaXX
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
01.01.2018
31.12.2018
15
51.870
11
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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29.12.2018 3.957
 
Dezember

Im amerikanischen Sprachgebrauch bezeichnet der VE Day (auch „Victory in Europe Day“) den 8. Mai 1945. Der Tag wird offiziell als Ende des 2. Weltkrieges angesehen, da an ihm die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht in Kraft trat. Von deutscher Seite wurde der Vertrag einen Tag zuvor von Generaloberst Alfred Jodl unterzeichnet, welcher später in den Nürnberger Prozessen schuldig gesprochen und hingerichtet wurde.



Landsberg am Lech, besucht am 30. September 2018

Es ist ein komisches Gefühl, das mich durchströmt, als ich morgens im Hotelbett aufwache, aus dem Fenster sehe, einen putzigen Friedhof neben einer kleinen Kapelle entdecke und feststelle, dass ich mich mitten im bayrischen Oberallgäu befinde. Das Gefühl nicht hier herzugehören, sondern auf einer Reise durch die Vergangenheit zu sein, begleitet mich schon seit einer Weile… Aber der Reihe nach!

Vor drei Tagen bin ich Zuhause gestartet – bin zwei Tage mit dem Auto nach Bayern gefahren – habe mir gestern Vormittag Dachau angeschaut – und bin nachmittags in einem kleinen Gasthof bei Kaufbeuren abgestiegen. Nun ist also Tag vier meiner Reise und mein letzter Ausflug in die Vergangenheit steht an, bevor es wieder mit einer Zwischenübernachtung zurück nach Hause geht.

All diese Gedanken trage ich zusammen, während ich im Frühstücksraum sitze und mich über den fremden Dialekt der anderen Gäste wundere. Das Gefühl hier nicht herzugehören, ist nicht wirklich schlimm. Es ist einfach nur die tiefe Gewissheit hier fehl am Platz zu sein und sich ausschließlich zwecks einer Aufgabe hier aufzuhalten. Worin diese Aufgabe besteht, kommt mir beim Nachdenken recht schnell wieder in den Sinn.

Heute ist der letzte Tag von meinem Holocaust-Projekt. Ein letztes Mal mache ich mich auf den Weg zu suchen und zusammenzutragen was von diesem Stück Geschichte übrig ist und was davon sich heute an den Orten des Geschehens noch finden lässt – oder eben nicht. Zeit aufzubrechen!


Ein kleines Andenken
Die Sonne scheint und es ist ein unglaublich warmer und klarer Herbsttag als ich mit meinem geschulterten Rucksack über den mit Kies ausgelegten Parkplatz des Gasthofes zu meinem Auto gehe. Die feinen Steinchen knirschen verräterisch unter den Autoreifen als ich vom Hof rolle.

Mein erstes Ziel für heute ist die „Europäische Holocaustgedenkstätte“ bei Landsberg. Ein Name der weitaus pompöser klingt, als es der Ort ist, den er beschreibt. Aber vielleicht sollte ich auch hier – wie beim Frühstück – meine Gedanken der Reihe nach sortieren.

Was mich dazu getrieben hat mein Projekt genau hier in der Nähe von Landsberg enden zu lassen, ist in einem Satz gesagt: Es war die Geschichte von Lewis Nixon. Dass wiederum zu erklären, braucht ein paar Sätze mehr.

Es stimmt schon, dass der unbeschreibliche Ausdruck im Gesicht von Damian Lewis in Band of Brothers mir den nötigen Impuls gegeben hat, rauszufinden was von den inszenierten Filmszenen der Wahrheit entspricht und was nicht. Aber mindestens genauso viel Einfluss auf die Gestaltung meines Weges hat die schauspielerische Leistung von Ron Livingston genommen.

Er ist es, der Lewis Nixon in Band of Brothers ein Gesicht und eine Stimme gegeben hat und es ist dessen Sichtweise aus der die Folge „Why We Fight“ erzählt wird, in der die Easy-Kompanie ein Konzentrationslager bei Landsberg entdeckt. Und um dem Ganzen eine tiefere Bedeutung beizumessen, habe ich mir auch bewusst den Geburtstag von Lewis Nixon für meine letzte Gegenüberstellung mit dem Holocaust ausgesucht.

Am 21. Januar (zum 100. Geburtstag von Richard Winters) war ich an der Feldscheune und heute, am 30. September (pünktlich zum 100. Geburtstag von Lewis Nixon, einem treuen Wegbegleiter und vermutlich besten Freund von Winters) bin ich in Landsberg und will sehen, was vom Lagerkomplex „Kaufering“ übriggeblieben ist.

Meine persönliche Aufarbeitung des Holocaust ist untrennbar mit diesen beiden Männern verbunden. Und ich habe das Gefühl diese Symmetrie der Datumsgrenzen dringend zu brauchen, um selbst die Orientierung nicht zu verlieren. Die beiden haben mich hier hergeführt, und über all die Zeit habe ich dieses Projekt in dem festen Glauben verfolgt, dass sie mir auch wieder einen Weg hinaus zeigen.

Also Jungs, führt mich! Ihr wart dabei. Ihr wart hier, vor über 70 Jahren. Und es ist eure Geschichte, die ich weitererzählen und die ich mit in meine Generation nehmen möchte.


Holocaustgedenkstätte in Landsberg
Die Landstraße über die ich fahre, ist so unscheinbar, dass sie überall in Deutschland liegen könnte. Etwas genau lokalisiert, liegt sie zwischen Landsberg und Erpfting und mein Fuß springt überraschend schnell auf die Bremse als ich ein Schild zur Gedenkstätte am Straßenrand entdecke.

Der kleine Parkplatz ist nicht mehr als eine planierte, sandige Fläche direkt neben der Straße und ich bin keineswegs überrascht, dass mein Auto das einzige an diesem Vormittag dort ist. Denn wie bereits erwähnt steckt hinter der „Europäischen Holocaustgedenkstätte“ weniger, als man bei diesem Namen vielleicht erwartet mag.

Es ist ein sehr warmer und sonniger Vormittag. Und bin ich am Gasthof noch mit meiner Jacke ins Auto gestiegen, kann ich sie jetzt gar nicht schnell genug abstreifen. Verflucht, wieso hat mir eigentlich niemand erzählt, dass Ende September in Bayern noch Sommer ist, wenn es an der Ostsee bereits wieder grau ist und in einer Tour nieselt?

Nun gut. Nach einer kurzen Akklimatisierung kann ich mich auf das unerwartet sommerliche Wetter einlassen und beginnen den Ort zu spüren.  

Von dem Parkplatz weg führt ein schmaler Kiesweg, mitten durch eine Wiese hindurch. Das Gras ist saftig und grün, und neben meinen eigenen Schritten sind da noch ein Dutzend Grillen, die lauter zu Zirpen scheinen, je weiter ich von der Straße wegkomme.

Am Rand der Wiese ragen hohe Bäume empor und recke ich den Kopf ein Stück weiter, sehe ich in einen absolut perfekt blauen Himmel. Das Blau ist wirklich beeindruckend intensive. Eben ein echt sattes „Bayrisches Blau“ – was mich nicht zuletzt daran erinnert, dass die Farbe eine regionale Bedeutung hat.

Mit sicheren Schritten gehe ich weiter, der Weg macht einen leichten Bogen nach links und dann kommen auch schon die ersten Barackenüberreste in Sicht. Der Weg endet und als ich weiter über das Gras laufe, bekomme ich das Gefühl eine unsichtbare Grenze aus Raum und Zeit zu überschreiten. Der weiche Boden lässt meine Schritte langsamer werden, und dann stehe ich da, vor einem hohen Maschendrahtzaun, dahinter die Rest des Lagers Kaufering VII.

In der Tat besteht die „Europäische Holocaustgedenkstätte“ bei Landsberg auf den ersten Blick aus nicht mehr als einem eingezäunten Gelände mit ein paar Ruinen und Grabsteinen. Wer den großen Nervenkitzel oder eine wissenschaftlich fundierte Ausstellung erwartet, der ist hier fehl am Platz. Und genau so scheint es den beiden Radfahrern zu ergehen, die sich kurz nach meiner Ankunft hinzugesellen.

Sie stellen ihre Räder ab, werfen ein paar Blick auf die Ruinen, gehen ein Stück am Zaun entlang und zucken ungerührt mit den Achseln, bevor sie sich nach einem kurzen Wortwechsel der Enttäuschung wieder auf den Weg machen. Ich hingegen bin nicht enttäuscht von diesem Ort. Wenngleich ich sagen muss, dass er sich nicht so zugänglich zeigt, wie von mir erhofft.

In dem Versuch mich dem Ort von der geschichtlichen Seite zu nähern, gehe ich hinüber zu der großen dreiteiligen Infotafel, die an der Seite aufgestellt ist und lese mich durch die Zeilen. Über 23.500 Häftlinge gab es bis Kriegsende im gesamten Kaufering-Komplex, wovon Schätzungen zu Folge 6.400 ums Leben kamen.

Das sind beachtliche und für mich schwer vorstellbare Zahlen, wenn ich einen Blick zur Seite werfe und vor mir nichts außer einer eingezäunten, grünen Wiese mit ein paar bröckeligen Steinen erkennen kann. Doch so schnell gebe ich nicht auf, denn wenn ich etwas auf meinem Weg durch die vielen Gedenkstätten erlernt habe, dann ist es Ausdauer.

Ich gehe ein paar Schritte am Maschendrahtzaun entlang, suche mir unter dem blauen Himmel ein sonniges Fleckchen und bleibe einfach stehen; still und bewegungslos wie die Ruinen.

Eine Weile passiert nichts. Und so gerne ich mir auch ein Flüstern oder ein Rauschen einbilden möchte, da ist nichts. Nichts Gutes und auch nichts Böses. Weder strahlt der Ort etwas Bedrohliches und Aggressives aus, noch kann ich behaupten Ruhe und Frieden hier zu spüren.

Das auf diesem Boden Menschen gefangen gehalten wurde und gelitten haben, erscheint unerreichbar fern. Und genau diese Ferne ist es, die mich mit einem Mal erfüllt.

Was ich spüre, ist die Gewaltigkeit der Zeit.

Ja, Zeit hat eine große Gewalt in meinen Augen. Sie bestimmt unser aller Leben, hat Einfluss auf unseren Alltag, definiert Beginn und Ende unsere Existenz und ordnet uns einem Platz im Universum zu. Zum ersten Mal begreife ich was es heißt, dass mein Platz ganz andere Koordinaten hat, als der jener Menschen von damals.

Mit fast 27 Jahren stehe ich 2018 vor einem Maschendrahtzaun, dahinter die Reste des Holocaust, und mit einer geformten Vorstellung von dieser Zeit in meinem Kopf, und was ich erlebe, ist, wie sieben Jahrzehnte sich zu Lichtjahren ausdehnen. Es ist ein atemberaubendes Gefühl.

Es ist kaum zu glauben, aber ein simpler Wimpernschlag bringt mich zurück ins Hier und Jetzt. Alles ist wie zuvor, der Zaun, die Ruinen, das grüne Gras und der blaue Himmel. Und doch ist etwas anders. Zeit ist verstrichen und der Holocaust ein Stück weiter in die Vergangenheit gerückt.

Mit einem seltsamen Gefühl der inneren Zufriedenheit mache ich mich auf den Weg zurück zu meinem Auto. Dabei muss ich irgendwie die ganze Zeit lächeln, denn ich fühle mich als hätte ich etwas verstanden, was anderen Menschen verborgen bleibt; als hätte ich ein kleines Rätsel des Universums gelöst.


Kaufering IV bei Hurlach
Wieder zurück auf der Straße und auf dem Weg zu meinem zweiten Tagesziel, stelle ich fest, dass das Wetter so verflucht klar ist, dass ich nicht anders kann, als die Sonnenblende in meinem Wagen runter zu klappen.

Es ist kaum etwas los an diesem sonnigen Sonntagmittag und mit meinen treibenden Gedanken und dem gemäßigten Tempo kommt es mir fast wie eine Spazierfahrt vor. Ich habe Zeit. Und gerade dieses bestimmte Gefühl der Unbestimmtheit ist es, das ich mir unterbewusst für diesen Tag gewünscht habe.

Mein seichtes Träumen wird allerdings unterbrochen, als die Landstraße mich in die Stadt führt und ich die Ortschaften Landsberg und Kaufering durchfahre. Auf einer schnurgeraden Straße geht es vorbei am Hauptsitz eines großen deutschen Werkzeugmaschinen Herstellers, dann noch in einen kleinen Kreisverkehr und schon bin ich zurück in der endlosen Weite aus Felder und Wiese und in meine Gedanken vertieft.  

Auch hier ist es ein kleines Schild, das mich wissen lässt mein Ziel erreicht zu haben. Ich biege von der Landstraße ab und rolle ein paar Meter über einen Schotterstreifen. An diesem entlegenen Ort – irgendwo im Nirgendwo – gibt es nicht mal einen Parkplatz. In guter Absicht parke ich mein Auto am Rand und vertraue darauf, dass es noch da ist, wenn ich wiederkomme, denn wie das Schild weiter Auskunft gibt, sind es noch ein paar hundert Meter Fußweg.

Bei strahlendem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen mache ich mich auf den Weg, mit achtsamen Schritten auf den Spuren des Holocaust und meinem kleinen Notizbuch in der Hand.

Was ich mir ansehen möchte, sind die Überreste vom Außenlager IV des Kaufering-Komplexes. Der Entschluss diesen Ort zu besuchen, ist damals gemeinsam mit der Entscheidung gefallen dieses Projekt zu starten. Denn mehrere Quellen stimmen darin überein, dass sich auf diesen Koordinaten jenes Außenlager befunden hat, dass auch Richard Winters, Lewis Nixon und die anderen Männer ihrer Einheit gesehen haben.

Wenn mich also die Bilder aus Band of Brothers auf den Weg geschickt haben, warum sollte ich dann nicht da vorbeischauen, wo sich die gezeigten Dinge tatsächlich vor über 70 Jahren zugetragen haben?

Der Feldweg dem ich folge führt durch ein gelb-grünes Meer aus Sonnenblumen, die zu beiden Seiten des Weges wachsen und mich um ein gutes Stück überragen. Insekten surren durch die warme Luft und ein blasser Falter flattert an mir vorbei. Es ist als hätte ich die Realität hinter mir gelassen, als wäre ich aus der Zeit hinaus getreten und würde nun, wie Alice im Wunderland, durch eine andere Dimension wandern.

Wieder begegne ich einem Schild und diesmal lässt die Aufschrift mein Herz schneller schlagen. Bis zum KZ-Friedhof sind es nur noch wenige Schritte. Mir wird ein bisschen unheimlich, während ich dem moosbewachsenem Pfand im Schatten einiger Tannenbäume folge. Das Sonnenlicht bricht durch die Zweige und abertausende winzige Mücken tanzen in der Luft, die nach süßem Harz und Wald riecht. Und dann bin ich da; stehe vor einem kleinen Friedhof, umgeben von einer niedrigen Mauer und mit einer Pforte, die ein Davidstern ziert.

Eine beeindruckende Stille liegt über diesem Ort, der umringt von Felder und unter einem blauen Himmel in der Mittagssonne liegt. Die Zeit im Wunderland scheint still zu stehen.

Mit einem leisen Quietschen öffne ich die Pforte und gehe ein paar Schritte, bis ich vor dem Gedenkstein stehe. Mein Blick läuft über die Inschrift, die an 360 Tote erinnert und dass es diesen Ort seit 1950 gibt. Ich halte einen Moment inne und versuche mehr zu spüren, doch was sich in mein Bewusstsein drängt, ist das ferne Rauschen der Schnellstraße, die hinter den Bäumen am Horizont liegt.

Auch hier scheint die Gegenwart der Vergangenheit einen zarten Todeskuss zu geben. So sehr ich mich auch konzentriere, was ich suche, kann ich hier nicht finden. Die Zeit ist eine mächtige Kraft – vor allem nach über siebzig Jahren.

Ruhig und gleichmäßig atme ich noch einmal durch, dann setze ich mich in Bewegung und verlasse den Friedhof. Leise schließe ich die Pforte hinter mir und gebe den Toten – die gebunden sind an ihr eigenes Gefüge aus Zeit und Raum – ihre Ruhe zurück.

Nur wenige Schritte vom Friedhof mit dem Gedenkstein entfernt, befindet sich jener Flecken Erde auf dem einst das Lager gestanden hat. Doch wie mir bereits bekannt ist, liegt dort heute nur noch ein großer Baggersee. Ich gehe dennoch das kleine Stück, stelle mich oben an den Rand der Kiesgrube und blicke minutenlang über das Wasser, das so blau ist als könne es aus einem Reisekatalog für Karibikurlauber stammen.

Bin ich wirklich 900 Kilometer gereist, um eine Viertelstunde auf einen verlassenen Baggersee zu schauen? Von außen mag das so erscheinen, aber sehe ich in mich hinein kann ich sagen, dass mehr dahinter steckt.

Ich wollte wissen was der Holocaust ist, weil ich den Bildern, die ich in Band of Brothers gesehen habe keinen Glauben schenken wollte. Heute weiß ich, dass ich meine Frage umformulieren muss. Korrekt formuliert müsste es heißen; was der Holocaust gewesen ist. Der Holocaust ist nicht mehr und als Beweis dafür gibt es heute Orte, die als Gedenkstätten erhalten wurden und andere – so wie dieser – wo nichts mehr übrig ist.

Offenbar hat die Zeit eine ebenso mächtige und kraftvolle, als auch schöne Schwester. Die Natur. Und in der Verbindung ihrer beiden schöpferischen Kräfte haben diese beiden Mächte jede noch so kleine Spur der Grausamkeit für immer von diesem Ort gewischt und einen Baggersee mit azurblauem Karibikwasser hinterlassen.

Wie wäre es wohl mit einem Veteran oder einem Zeitzeugen hier zu stehen? Würde er sich erinnern? An den Weg? Seine leichte Biegung? Oder vielleicht an den Sonnenstand über den Bäumen? Ich wünschte, ich könnte auch nur für den Bruchteil einer Sekunde an genau diesem Ort in die Vergangenheit schauen. Aber vielleicht ist das auch nur einer dieser Wünsche, bei denen ich dankbar sein sollte, dass sie sich nie erfüllen.

Als ich diese Zeilen in meinem Notizbuch festhalte, frischt der Wind plötzlich auf und eine frische Brise weht mir durchs Haar. Sei vorsichtig was Du dir wünschst. Alles klar, ich habe verstanden. Scheinbar singt auch hier der Wind ein Lied, wie in Dachau die Pappeln.

Ich klappe mein Notizbuch zu und mache mich auf den Rückweg, dabei denke ich darüber nach, welche Kräfte ich als Autor besitze. Gegen die Zeit und die Natur komme ich nicht an, aber mir steht die Tür zum Reich der Fantasie und des Vorstellungsvermögens offen.

Wenn ich mir als Autor die Dinge in meinem Kopf ausmale, sind sie nicht selten intensiver, als wenn ich mich tatsächlich an die Orte des Geschehens begebe – diese Erfahrung habe ich bereits oft gemacht. Die Vorstellungskraft des Menschen kann zu weilen intensivere Gefühle erzeugen als das bewusste Erleben. Aber ist nicht genau das der Grund, warum es so viele Menschen gibt, die gerne Lesen? Weil es sie in eine andere Welt eintauchen lässt, die sich im Positiven, wie auch im Negativen realer anfühlt als die Realität?


Stadtpfarrkirche in Buchloe
Entgegen aller Unsicherheit steht mein Auto noch dort, wo ich es abgestellt habe – am Rand eines Schotterstreifens, irgendwo an einer abgelegenen bayrischen Landstraße.

An dem wunderschönen Wetter hat sich nicht das Geringste geändert, noch immer strahlt der Himmel in einem „Bayrischen Blau“ als wäre er eigens für mich aus einem Landschaftsgemälde gehüpft. Nur die Sonne ist weiter gezogen und steht jetzt auf dreiviertel vor spät Nachmittag.

Mein wirklich letztes erklärtes Ziel soll ein Ort der Ruhe und der Einkehr sein. Ich will eine Kirche besuchen, genauer gesagt, die Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Buchloe. Denn genau wie Landsberg ist auch dieser Ort namentlich in der Chronik der Easy-Kompanie erwähnt.

Ich bin mir gar nicht sicher, was ich hier glaube zu finden, aber irgendwie habe ich das Gefühl mit dem Besuch einer Kirche einen stimmigen Abschluss zu schaffen. Mal ganz abgesehen davon, dass ich schon immer der Meinung war, dass Kirchen einen Blick ins Innere wert sind – ganz gleich ob man gläubig ist oder nicht.  

Die massive Holztür lässt sich überraschend leicht öffnen und auch wenn ich mir die größte Mühe geben sie leise zu schließen, hallt das Geräusch in den hohen, säulengetragenen Kirchenschiffen nach.

Es ist eine beeindruckend schöne Kirche. Alles ist geschmückt, verziert oder mit Gold umrandet und automatisch geht mein Blick unter die Decke, wo ich über die vielen Kunstwerke staune. Mit langsamen Schritten gehe ich durch das Mittelschiff und wären da nicht meine quietschenden Schuhsohlen auf dem glatten Steinfußboden, könnte ich mich glatt in der erhabenen Stille verlieren.

Eine Weile sitze ich auf einer Kirchenbank im Querschiff, schaue auf den Altar und höre vereinzelte Besucher kommen und gehen. Auch ihnen gelingt es nicht die Tür unbemerkt zu öffnen oder zu schließen. Ich war nie ein Mensch, der an Gott geglaubt hat. Aber ich bin schon lange ein Mensch, der zufrieden in dem Glauben lebt, dass da schon jemand aufpasst und eine vertraute Kraft mir die Hand reicht, wenn es soweit ist. Oder wie Bonhoeffer es umschrieben hat: Von guten Mächten wunderbar geboren…

Irgendwann beschließe ich aufzustehen und noch eine Runde umherzuschlendern.

Durch die hohen Kirchenfenster fällt helles Tageslicht. Der Ort strahlte eine besondere Ruhe aus. Es ist eine Stimmung, die das Gemüt ausgeglichener macht und wie man sie nur in einer Kirche findet. Aber auch hier ist es schwer die Zeit im Kopf zurückzudrehen. Auf meinem Hinweg ist es mir sehr deutlich aufgefallen, wo früher wer-weiß-was war, stehen heute schicke Neubaugebiete mit Sandkästen und großem Trampolin in den Vorgärten.

Gedankenversunken laufe ich alle möglichen Wege ab und betrachte dabei die vielen Kunstwerke. Über mehrere Wände wird die Geschichte der Kreuzigung erzählt. Keine schöne Geschichte. Und nicht zum ersten Mal frage ich mich, was den Christen eigentlich so sehr an ihrem Kreuz liegt?

Es gibt sie in klein und in Gold, aus Silber, Holz und selten noch aus Elfenbein. Und jedes Mal, wenn mir ein Mensch begegnet, der ein Kreuz trägt, frage ich mich ob dem Träger eigentlich bewusst ist, dass er ein symbolisches Folterinstrument um den Hals trägt? Immerhin, ans Kreuz genagelt zu werden, war eine Todesstrafe!

Aber so darf man das natürlich nicht sehen. Schließlich ist das Kreuz seit Jahrtausenden ein christliches Symbol, das unter anderem für Gott, die Vergebung der Sünden und die Opferung von Jesus Christus steht. Ich denke, wer sich heute entschließt ein Kreuz zu tragen, tut das nicht um an Folter und Schmerzen zu erinnern oder daran, dass in den letzten Jahren viele Fälle von sexuellem Missbrauch in der Kirche an die Öffentlichkeit gedrungen sind; sondern um seinem Glauben an Gott und seinem Gefühl der Verbundenheit einen Ausdruck zu vergeben.

Mit der gleichen Argumentation erkläre ich übrigens häufig warum ich „Hundemarken“ trage. Schon seit ein paar Jahren hängen an einer schlanken Kette zwei ovale Blechmarken um meinen Hals, wie sie gewöhnlich von Soldaten getragen werden. Ich bin weder Soldat, noch trage ich diese Marken als Zeichen dessen, dass ich Waffengewalt, Kriegsverbrechen und Zerstörung befürworte.

Sie drücken aus, womit ich mich verbunden fühle, was mir beinah täglich durch den Kopf geht und woran ich glaube – nämlich dass es Soldaten gibt, die einen verdammt anspruchsvollen Job machen und  für ihre inneren wie äußeren Konflikte häufig das Verständnis in der Gesellschaft fehlt.

Ich verlasse die Kirche und entscheide mich dafür das schöne Wetter noch für einen Spaziergang über den Friedhof zu nutzen. Bevor ich mir aber anschaue wer-hier-so-liegt, bleibt mein Blick neben dem Eingang an einem Automaten für Grablichter hängen. Tatsächlich kann man hier gegen eine Gebühr Grablichter aus dem Automaten bekommen, wobei der aufgedruckte Werbespruch definitiv unschlagbar ist: „Qualitätsgrablichter aus Recyclingwachs“.

Richtig, genau daran denke ich, wenn ich als Angehöriger das Grab eines Verstorbenen besuche; an die fortschreitende Vermüllung unseres Planeten und dass ich mein Grablicht aus Recyclingwachs nicht vergessen darf! Kopfschüttelnd und mit einem ironischen Schmunzeln beginne ich meinen Rundgang über den Friedhof.

Fünfzehn Monate bin ich mit achtsamen Schritten den Spuren des Holocaust gefolgt und hier endet meine Reise nun, auf einem Friedhof in Buchloe, rund 900 Kilometer von meinem Heimatort entfernt, wo der Holocaust nachweislich stattgefunden hat, aber nichts mehr davon übrige ist… zum Glück.



◦ Das Gefängnis von Landsberg begleitet eine lange Geschichte. 1924 schrieb Adolf Hitler Teile von „Mein Kampf“ dort, während er nach seinem gescheiterten Putschversuch eine Haftstrafe absaß. Ab 1947 richtete die U.S. Army in dem Gebäude das War Criminal Prison No. 1 ein. Eine Vielzahl verurteilter NS-Verbrecher verbüßten hier ihre Haftstrafe oder wurden hingerichtet. 2014 trat der deutsche Fußball-Funktionär Uli Hoeneß seine Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung in Landsberg an.

◦ In der Serie Band of Brothers wird gezeigt, wie eine Patrouille der Easy-Kompanie das Lager Kaufering IV findet und anschließend befreit. Verschiedene Quellen verweisen jedoch darauf, dass eine Einheit der 12. Panzerdivision bereits am 27. April 1945 dort eintraf.

◦ In den Aufzeichnungen die Stephan Ambrose in dem Buch Band of Brothers über die Easy-Kompanie verfasst hat, heißt es: »On April 29 [1945] the company stopped for the night at Buchloe, in the foothills of the Alps, near Landsberg. Here they saw their first concentration camp.« (3)



Kommentar zu Landsberg am Lech, vom 23. Dezember 2018
Zu gerne würde ich schreiben, dass mein letzter Blick auf den Holocaust eine tiefe und nachhaltige Wirkung auf mich gehabt hat, aber dem ist nicht so, und ehrlich gesagt bin ich nicht einmal traurig deswegen. Ich habe eine Menge Orte gesehen und besucht, die mich tief bewegt und zum Teil lange beschäftigt haben, und jeder davon hatte sein eigenes Gesicht.

Einen ganzen Tag bin ich durch die Gegend um Landsberg und Buchloe gefahren ohne auch nur den Hauch eines Kribbelns zu spüren, so wie es mir beispielsweise im Leichenkeller von Sachsenhausen gegangen ist. Schaue ich mir hingegen die vorletzte Folge von Band of Brothers noch einmal an, spüre ich die Gänsehaut an meinem ganzen Körper. Genau das ist der feine Unterschied zwischen erlebter und erzählter Wirklichkeit, zwischen der Magie der Fantasie und der Kraft der Realität.

Was ich wohl nie vergessen werde, sind die märchenhafte Verschlafenheit des winzigen, bayrischen Ortes in dem ich zwei Tage genächtigt habe und dieses wunderbare spätsommerliche Wetter, wo es so warm war, dass ich sorglos im T-Shirt an der sonnenbeschienen Landstraße spazieren gehen und am Horizont bis zu den blau-grauen Ausläufern der Alpen blicken konnte.

Und noch etwas nehme ich von meinem Besuch in Bayern mit: Erinnern heißt erhalten! Wenn wir denkwürdige Orte nicht erhalten, wird es späteren Generationen deutlich schwerer fallen sich zu erinnern.


Zitatnachweis:
(3) Stephan E. Ambrose, Band of Brothers (Simon & Schuster UK Ltd, Taschenbuchausgabe 2016), Seite 262.
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