Nie wieder 14f13 [Kalender 2018]

von RamonaXX
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
01.01.2018
31.12.2018
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31.08.2018 4.311
 
August

Unter dem Begriff Todesmärsche sind allgemein die Räumungen der Konzentrationslager in den letzten Kriegswochen gemeint. Ziel war es die Häftlinge von den näher rückenden alliierten Streitkräften wegzubringen und die Spuren des Holocaust zu verwischen. Viele Lager wurde zu diesem Zweck in Brand gesteckt und die nicht mehr gehfähige Häftlinge auf den Märschen erschossen oder totgeschlagen.  



Gedenkstätte Mittelbau-Dora, besucht am 25. März 2018

Und wieder bin ich auf Doppeltour unterwegs. Gestern Buchenwald und heute Mittelbau-Dora. Obwohl diese beiden Lager vergleichsweise dicht beieinander liegen (Luftlinienentfernung etwa 80 km) und Buchenwald bekannt, um nicht zu sagen populär ist, kennt kaum jemand Dora.

Was mich dazu bewogen hat diese Gedenkstätte in meine Liste mit aufzunehmen, weiß ich noch ganz genau. Es war ein Bild, das ich bei meiner Recherche im Internet gefunden habe. Die schwarz-weiß Fotografie zeigt den Eingang zu einem unterirdischen Stollen und davor ein gutes Dutzend stolze amerikanische Soldaten.

Es war nicht ihre Haltung die ich bewundert habe, es war der Blick in ihren Gesichtern, der mich angezogen hat. Diese Männer von dem Stolleneingang – selbstbewusst und in ihren Fliegerjacken aus Leder und mit Fellkragen – sahen so aus, als hätten sie den großen Fang gemacht. Keine Trauer, keine Bestürzung, keine Wut – nichts von alle dem, was ich mit der Entdeckung eines Konzentrationslager in Verbindung bringen würde. Einfach nur der blanke Stolz, ohne den Anschein von Überheblichkeit oder Überlegenheit.

Diese amerikanischen Soldaten sahen einfach auf eine ganz bestimmte Weise glücklich aus. Und genau das, hat in mir den Wunsch geweckt, herauszufinden, was diese Männer in dem Stollen, der zum Konzentrationslager Mittelbau-Dora gehört, entdeckt haben.


Ein perfekter Tag
Es ist ein früher Sonntagmorgen und ich bin mit dem Auto unterwegs. Ungewiss was mich erwartet, schlängelt sich mein Wagen durch eine Landschaft, die ähnlich idyllisch ist, wie die gestrige.

Ich fahre durch eine recht anschauliche Wohngegend mit vielen kleinen Häusern und schicken Vorgärten. Dann führt eine schmale Straße hinter dem letzten Haus irgendwo hin, hinaus ins grüne Nichts. Unsicher ob ich mich vielleicht nicht doch verfahren habe, nehme ich den Fuß vom Gas, folge aber weiter der Straße, die sanft einen Berg hinaufführt. Und dann bin ich tatsächlich da. Jedenfalls glaube ich das.

Es ist nicht viel, was ich auf den ersten Blick sehe. Zu meiner Rechten befindet sich ein großer, grauer Neubau; vermutlich das Besucherzentrum. Zu meiner Linken ein Parkstreifen mit zwei Autos. Ohne groß zu überlegen stelle ich meinen Wagen als dritten in die Reihe, schnappe mir mein Zeug und steige aus.

Der morgen ist verdammt kalt für einen Tag Ende März. Aber der Ausblick ist dafür umso fantastischer. Die Gedenkstätte von Mittelbau-Dora liegt am Hang eines Berges, des Kohnsteins, umgeben von Feldern und Wiesen. Hier und dort steht auch mal ein vereinzelter Baum, aber blicke ich in die Richtung, aus der ich gekommen bin, habe ich absolut freie Sicht.

Auf den Wiesen rings um mich herum liegt Morgentau und eine knöchelhohe Schicht aus Frühnebel schwebt sanft über die umliegenden Felder. Selbst die Sonne, obwohl schon aufgegangen, versteckt  sich noch hinter einem Band aus Dunst. Ich atme die frische, kühle Morgenluft ein und denke mir: Ja… So kann ich einen Tag beginnen.

Entschlossen setze ich mich in Bewegung und nehme Kurs auf das freistehende Gebäude, das trotz seiner kantigen Form irgendwie an diesen Orten zu gehören scheint, selbst wenn es sich nicht auf Anhieb in die Atmosphäre einfügt.

Bevor ich jedoch die Tür erreiche, zieht etwas anderes meine Aufmerksamkeit auf sich. Es ist ein großes Modell des Lagers, mit all seinen Gebäuden, dem steilen Hang und den zwei Stolleneingängen, die in den Berg hineinführen.

Wirklich lange will mein Blick allerdings nicht auf der in Bronze gegossenen Landschaft verweilen. Denn irgendwo in der Ferne höre ich Kirchenglocken läuten. Irritiert schaue ich mich um und mein Blick fällt runter in die nächste Ortschaft. Einen Kirchturm entdecke ich nicht, aber den Ausblick genieße ich dafür umso mehr.

Hier draußen Kirchenglocken zu hören, ist im ersten Moment etwas befremdlich für mich, aber dann erinnere ich mich. Es ist Sonntagmorgen, 10 Uhr. Zeit in die Kirche zu gehen oder aber, wie in meinem Fall, in die Ausstellung einer KZ-Gedenkstätte.


Hauptausstellung
Bevor es los geht, lege ich noch einen kurzen Stopp am Infotresen ein.

Ich erstehe gegen die kleine Gebühr von 50 Cent einen gut strukturierten Flyer mit Lageplan und allerlei nützlichen Informationen und melde mich darüber hinaus für die spätere Führung an; denn ohne Führung, kein Zugang zu den Stollen. Und da ich ja wissen will, was die amerikanischen Soldaten entdeckt haben, mache ich einmal etwas total Untypisches und schließe mich auf meinem Weg offiziell einer Besuchergruppe an.

Danach geht es in die Ausstellung. Mich empfängt ein dunkler Raum mit gedämpfter Atmosphäre. Nur die beleuchteten Gegenstände in den Vitrinen und ein Lichtband am Fußboden erhellen die Umgebung. Die Ausstellung befasst sich mit der Geschichte von Mittelbau-Dora und wie in vielen Gedenkstätten gibt es auch hier zu Beginn ein kleines Eingangsvideo. Folgsam wie ein gelehriger Schüler nehme ich auf einer kleinen Sitzbank Platz.

Der Filmausschnitt ist schwarz-weiß und zeigt eine große Versammlung von Menschen in einer Art Opernsaal, mit hohen Rängen zu beiden Seiten. Vorne auf der Bühne ist ein Rednerpult aufgebaut und davor steht ein ausdrucksstark gestikulierender Mann. Nein, es ist nicht Hitler. Denn hätte ich erkannt.

Über Lautsprecher an der Decke höre ich einen Teil der Rede. Es ist eine aufwühlende und kämpferische Rede und doch muss ich zugeben, dass sie mich überwiegend kalt lässt. Der Inhalt erzeugt bei mir ein nüchternes Kopfschütteln, gemischt mit einem Schulterzucken. Die angesprochen Leute hingegen reagieren begeistert, sie toben vor Freude und heben ihre Arme in die Luft zum Hitlergruß. Wer diese Menschen auf so eindrucksvolle Weise mobilisiert, ist Joseph Goebbels, der während seiner Rede im Berliner Sportpalast den »Totalen Krieg« ausruft.

Den Blick starr auf die Videoleinwand gerichtet, sitze ich da und frage mich warum mich das Feuer dieser Rede nicht ebenfalls ansteckt. Ist es, weil ich weiß, dass der Inhalt menschenverachtend ist? Oder gehöre ich bereits zu dieser „tauben Generation“, die sich in Internet mit Gewaltvideos, Pornos und YouTube zudröhnen muss, um überhaupt irgendetwas zu fühlen?

Auf der Suche nach einer Antwort, versuche ich es mit einer dritten Theorie, tausche Goebbels in meinem Kopf durch eine Hardrock Band aus und mache aus den begeisterten Zuhörern kreischende Fans mit langen Haaren und in zerrissenen Jeans. Es ist so einfach Massen zu bewegen. Vielleicht ist es zu einfach. Mit dieser Erkenntnis löse ich mich von dem Eingangsvideo und gehe auf den ersten Schaukasten zu.

Mich in die Geschichte von Dora einzulesen, fällt mir deutlich leichter, als mich mit der Rede von Goebbels zu befassen. Jedoch läuft das Video im Hintergrund auf Schleifen und zum wiederholten Mal höre ich die geschriene Frage: „Wollt ihr den totalen Krieg?“

Das Erste, was ich in dieser Ausstellung lerne, ist, was es mit der „Vergeltungswaffe 2“ auf sich hat. Dora war ein Arbeitslager, wobei die Häftlinge nicht etwa in einer Fabrikhalle oder unter freiem Himmel in einem Steinbruch arbeiten mussten, sondern unter der Erde in einem Stollen. Das in den Kohenstein gegrabene Tunnelsystem war eine unterirdische Raketenfabrik. Die Produktionsstätte der „V2“.

Mit einem Schauer auf der Haut, lese ich von den Bedingungen, unter denen damals die Stollen von Häftlingen in den Berg geschlungen wurden. Dunkelheit, fehlende Belüftung, sowie Flöhe und Läuse waren noch die kleinsten Probleme. Die geschilderten Schicksale fesseln mich auf eine eigentümliche Art, obwohl ich eigentlich spüre, dass sie mich abschrecken sollten. Dennoch lese ich weiter und nehme wissbegierig auf, was die vielen Vitrinen an Informationen hergeben.

Besonders bewegen tut mich dabei eine dreidimensionale Karte, in der Mitte der Ausstellung. Mit sichtbaren Vertiefungen und Erhebungen ist ein gesamter Landstrich dargestellt. Praktisch überall ragen kleine, schlanke Pfeiler empor, auf denen die Namen der vielen Außenlager aufgedruckt sind. Selbst in Artern, wo ich mein Hotelzimmer gebucht habe, gab es damals ein Außenlager mit rund 250 Häftlingen. Dass der Holocaust nicht aus einem Dutzend großer Lager bestand, sondern ein erschreckend fein gesponnenes Netz gewesen ist, rückt immer dann zurück in mein Bewusstsein, wenn ich solche Karten sehe.

Meine Außenwelt nahezu vollkommen ausgeblendet, setze ich meinen Weg durch die zweite Hälfte der Ausstellung fort und werde dabei von allerhand Interessantem, Schaurigem und auch Verwunderlichem aufgehalten. Was mir allerdings inzwischen auf die Nerven geht, ist die sich wiederholende Frage nach dem »Totalen Krieg«, die ich selbst im entlegensten Winkel der Ausstellung noch hören kann. Nein, danke Goebbels. Kein Bedarf!

Zielsicher zieht es mich von Vitrine zu Vitrine und ich bin sehr froh, mir nicht den Kopf darüber zerbrechen zu müssen, wo es weiter geht und ob ich vielleicht etwas übersprungen habe, so wie gestern in der Hauptausstellung von Buchenwald.

Ich passiere eine Wand voll mit Bildern und Täternamen. Mit ihren strengen Gesichtern und in ihren identischen Uniformen sehen sie alle gleich für mich aus. Männer – tatsächlich sind es alles Männer – denen ich nicht im Dunkeln und ebenso wenig im Hellen begegnen möchte. Einzig und allein ein freundliches Gesicht begegnet mir unter den steifen Mienen und bei dem frage ich mich dann, wie dieser junge Mann, die gleichen Gräueltaten verüben konnte, wie jene, die sein Foto umgeben.

Ich wechsle mit meiner Aufmerksamkeit zur nächsten Infotafel und plötzlich lässt etwas meine Augen erregt aufleuchten. Die Feldscheune. Tatsächlich führt eines der Häftlingsschicksale, die von Dora aus auf einen Todesmarsch geschickt wurden nach Gardelegen zur Feldscheune. Selbst das Coverbild vom LIFE Magzine finde ich hier wieder. Es ist ein aufwühlender Moment für mich, als ich wieder einmal zwei Puzzleteile in diesem großen Ganzen miteinander verbinden kann.

Als wäre das noch nicht genug, bleibe ich bei der nächsten Wand sprachlos vor einer Videoaufnahme stehen. Gezeigt werden Aufnahmen von amerikanischen Soldaten, die am helllichten Tag nach der Entdeckung von Mittelbau-Dora durch den Wald spazieren und sich einen Überblick verschaffen. Irgendetwas lässt mich glauben, dass ich diese Aufnahmen schon mal gesehen habe. Dass sie vielleicht gar nicht echt sind, sondern wie schon so manche Eindrücke, die ich auf meiner langen Reise gesammelt habe, zu einem Filmset gehören.

Ich sehe einen amerikanischen Offizier, der sich eine Sonnenbrille aufsetzt und muss unweigerlich an die Figur von Lewis Nixon denken. Ganz klar, was ich hier sehe, ist geschnittenes Material aus Band of Brothers. Selbst wenn ich weiß, dass das nicht stimmt und nur Einbildung ist, für einen Moment füllt dieser Gedanke meinen gesamten Verstand aus.

Inzwischen bin ich am Ausgang angekommen. Es war eine wirklich spannende Ausstellung und mein Timing ist fast perfekt, um gleich im Anschluss an der Führung teilzunehmen. Schnell mache ich mir noch ein paar Notizen und spüre, dass es allerhöchste Zeit für mich wird diesen Ort zu verlassen. In meinem Rücken schreit schon wieder jemand: „Wollt ihr den totalen Krieg?“

Scheiße Goebbels! Halt die Klappe!


Im Stollen
Sammelpunkt für die Führung ist das Lagermodell, das draußen vor dem Eingang steht. Ich bin positiv überrascht, als der Rundgang beginnt und unsere kleine Gruppe aus überschaubaren acht Leuten besteht. In diesem kleinen Kreis hat das Ganze alles andere als etwas mit Tourismus zu tun und irgendwie kann ich mir gut vorstellen, dass ich unter diesen Umständen der Führung mehr abgewinnen kann als zuerst angenommen.

Brav folgen wir dem Mann, der uns in gemäßigtem Tempo über das Gelände von einem Punkt zum nächsten führt und wo immer er anhält, viel zu sagen weiß ohne lange darüber nachdenken zu müssen, was ihm zur Geschichte von Dora einfällt. Auch neugierige Fragen werden ausführlich beantwortet, wobei ich mich bei diesem Part zurückhalte.

Alles in allem ist es eine sehr ansprechende Führung und auch wenn ich mir inzwischen viel allgemeines Wissen zu Konzentrationslagern angeeignet habe, ist es interessant ein paar weitere Details und Fakten aufzuschnappen. Die Zeit dazwischen verbringe ich damit noch etwas mehr von der Atmosphäre dieses einmaligen Ortes aufzusaugen.

Noch immer lädt das Wetter nicht dazu ein die Jacke auszuziehen, wenngleich die Sonne scheint und der Himmel über mir Wolken frei ist. Vielmehr ist es so, dass ich mich bewusst mit dem Rücken in die Sonne stelle, um mich ein wenig aufzuwärmen. Am Rand der Gruppe stehend, schließe ich für einen Augenblick die Augen und atme bewusst und leise ein.

Ein Specht holt mich mit seinem vertrauten Klopfen zurück. Ich schaue auf meine Füße und sehe einen kleinen blass gelben Schmetterling mit atmenden Flügelbewegungen vor mir auf einem blühenden Pflänzchen sitzen. Es ist ein zauberhafter Moment, der mich zum Lächeln bringt und ich kann und will es nicht leugnen; dieser Ort ist wunderschön.

So vergeht eine gewisse Zeit, bis sich die Gruppe endlich in Richtung des Stollens aufmacht.

Ich war noch nie in einem Stollen. Und irgendwie ist es mir ein bisschen unheimlich, als ich über einen breiten Kiesweg auf den Eingang zugehe, der auf den ersten Blick nicht mehr ist, als ein schwarzes, dunkles Loch in Form eines runden Torbogens. Wieder muss ich an das Bild der stolzen Amerikaner denken und frage mich mit welchem Gefühl ich aus dem Stollen wieder hinauskommen werde. Und vor allem, was mich im Inneren erwartet.

Die erste Antwort lautet: Kälte und Dunkelheit.

In der Tat ist es so, dass im Inneren des Kohensteins das ganze Jahr über konstante 8 Grad °C herrschen. Verglichen mit dem Sonnenschein in meinem Rücken habe ich mit einem Mal das Gefühl einen Kühlschrank betreten zu haben. Und auch wenn es vollkommen logisch ist, dass ein Berg keine Fenster hat, ist es dennoch sonderbar urplötzlich im Dunkeln zu stehen.

Einzige Lichtquelle sind ein paar Leuchtstoffröhren, die in großen Abständen dicht über dem Boden angebracht sind und der Handscheinwerfer, mit dem der Mann an der Spitze vorausläuft. Instinktiv rückt die Gruppe näher zusammen und zum ersten Mal begreife ich, was es mit dem sprichwörtlichen Licht am Ende des Tunnels auf sich hat. Denn in diesem Fall fehlt es einfach.

Umhüllt von Dunkelheit und Kälte gehe ich einen Weg entlang, der mir unendlich vorkommt und in Wahrheit vermutlich nur hundert Meter misst. Es kommt einer Erleuchtung gleich, als wie aus dem Nichts das Licht angeht und ich mich in einer gewaltigen Halle mit runden Decken und Wänden wiederfinde.

So etwas habe ich noch nie gesehen! Steinerne, kahle Wände, helle Strahler, die von den Decken hängen und ein übergroßes Modell der gesamten Stollenanlage, das an dünnen Stahlseilen hängt, die vom Boden bis zur Decke reichen und es praktisch in der Luft schweben lassen. Doch halt! Was ist das da drüben? Ist das etwa der verrostete Körper einer Rakete, die hier die Zeit überdauert hat? Wow!

Hier stehe ich nun im Stollen von Mittelbau-Dora, völlig fasziniert und überwältigt und weiß nicht, wo ich zu erste hinschauen soll. Auf das Modell der Stollenanlage, zu den rostigen Raketenrest, dem zugeschütteten Bereich dahinter oder doch auf die gesamte Konstruktion an sich?

Am Ende fesseln mich die Infotafeln an der gegenüberliegenden Seite und wie ein Schwamm sauge ich jedes Wort in mich auf. In Hintergrund höre ich wieder wie der Gruppe Details über die harte Arbeit und das unmenschliche Leben in Stollen erzählt werden, doch die Text vor mir haben eindeutig die größere Anziehung auf mich. Was ich oben in der Ausstellung über die Zustände hier unten erfahren habe, fand ich bereits abschreckend. Aber jetzt diese Geschichten zu lesen und dabei am dem Ort zu sein, wo es passiert ist – das ich wirklich gruslig.

Es fällt mir schwer mich von dem letzten Text zu lösen, als ich bemerke, dass die Gruppe sich langsam entfernt. Ich erwäge bereits, dass die Führung durch den Stollen sich dem Ende neigt, als ich die unverhofften Worte höre, dass es weiter geht.

Wie, das geht noch weiter?  

An der Seite geht es ein paar Holzstufen hoch und dann weiter über eine Art Laubengang, der dicht an der Wand des Stolles entlang führt. Mir bleibt fast das Herz stehen, als ich über die Schulter einen Blick zurück werfe und sehe, dass die große Halle in schatten- und umrissloser Dunkelheit verschwunden ist. Wer hat bloß das Licht ausgeknipst und vor allem wann?

Mein Puls wird automatisch schneller. Zu wissen, dass hinter mir dieselbe schaurige Dunkelheit liegt, wie vor dem Mann mit dem Handscheinwerfer, der uns weiter führt, als kenne er diesen Stollen wie seine Westentasche, bringt einen ungeahnten Nervenkitzel mit sich.

Der Laubengang – zu beiden Seiten mit ellenbogenhohen Gittern gesichert – macht einen scharfen Knick und führt in einen Quergang. Auch hier geht wie durch Zauberhand das Licht an. Was nun vor mir liegt, setzt dem von eben eindeutig noch einen drauf.

Gemeinsam mit der Gruppe stehe ich in der Kammer 45 – einem ehemaligen Schlafstollen – und blicke auf beleuchtete Trümmerteile und Rest, die so unberührt daliegen, als hätte sie seit über 70 Jahren niemand mehr angefasst oder bewegt. Alles Mögliche findet sich in den Trümmern. Eisenrohre, Blechteile, Stahlträger, Schutt, Felsbrocken, Staub und Ziegelsteine. Was ich hier sehe, raubt mir mehr den Atem, als alles andere, was ich je zuvor auf meiner Reise durch den Holocaust zu Gesicht bekommen habe.

Die Kälte im Stollen scheint mir förmlich unter die Jacke und in meine Ärmel zu kriechen, so frisch ist mir inzwischen. Die Vorstellung, dass hier unten Menschen gehaust und zur Arbeit gezwungen worden, erscheint mir unwirklich. So unwirklich, dass ich es am liebsten leugnen möchte, nur um mich nicht der grausamen Wahrheit zu stellen, dass ich dafür keine Erklärung habe.  

Dennoch, auf der Suche nach einem Anknüpfungspunkt entführt mich meine Fantasie mal wieder an einen Ort, den ich nicht eingeplant hatte. Im Handumdrehen finde ich mich in der Welt von Tolkien wieder. Ich bin der junge Bilbo Beutlin und wo ich mich befinde, das ist die Höhle von Gollum. Jetzt ergibt das alles einen Sinn. Und mag dieser auch noch so schwach sein, ist er doch beruhigend.

Ein klein wenig erleichtert sehe ich mich nach der Gruppe um und stelle fest, dass diese sich erneut in Bewegung setzt.

Was? Noch weiter?

Langsam werde ich mir unsicher, ob ich überhaupt noch weiter gehen möchte. Der Gedanke, das Bilbo es auch aus der Höhle raus geschafft hat, ist da nur ein schwacher Trost. Denn Gollum möchte ich unter keinen Umständen über den Weg laufen.  

Ich habe Glück und es ist keine runzlige und nackte Kreatur mit bleicher Haut und gebückter Haltung, der ich begegne. Dafür sehe ich – am Ende des Laubengangs angekommen – zwischen den Ritzen der Holzplanken und links und rechts von den Absperrgittern etwas, was mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Wasser. Vollkommen unbewegtes, glasklares und von Unterwasserscheinwerfern angestrahlten Wasser!

Ich halte den Atem an und bin von einem Moment auf den nächsten von dem Wunsch besessen hier ganz schnell rauszukommen. Doch meine Füße wollen sich nicht so recht bewegen, und durch die Dunkelheit zurückzulaufen, erscheint mir auch keine Option zu sein. Also bleibe ich bei der Gruppe und dem behütenden Licht des Handscheinwerfers.

Was dabei an Informationen an mein Ohr dringt ist beängstigend, habe ich doch gedacht ich befinde mich hier in einem Stollen, nicht in einer Grabkammer. Aber genau so ist es. Unter mir, in den eingestürzten und mit Grundwasser vollgelaufenen Kammern des Stollens, befinden sich Gott weiß wie viele niemals geborgene und begrabene Opfer, von deren Überresten mich nur ein paar Holzbretter und eine mehrere Meter tiefe Wassersäule trennen. Ist das zu glauben?

Als es endlich zurück geht, bin ich so erleichter und gleichzeitig erschöpft, dass ich in der Hast mehrmals über meine eigenen Füße stolpere. Überhaupt bewegt sich die ganze Gruppe eigenartig schnell. Jedenfalls kommt es mir so vor, denn der Rückweg zum Stolleneingang dauert nur einen Bruchteil der Zeit.

Das gruselige Spiel aus Licht und Dunkelheit bleibt dabei dasselbe wie gehabt. Vor uns das ungewisse Dunkel, wo wir uns gegenwärtig befinden ein heller Hoffnungsschimmer und hinter uns geht das Licht wieder aus.

Auf wackligen Knien wanke ich dem Ausgang entgegen und halte dabei einen Gedanke mit ganzer Kraft fest: Nein, der Mensch gehört nicht unter die Erde. Jedenfalls nicht lebendig.


Außengelände
Das Sonnenlicht blendet.

Nach der langen Zeit im Dunkeln ist es kaum zu ertragen. Und während ich mich – wie jeder andere aus der Gruppe – mit schnellem Blinzeln versuche an das Tageslicht zu gewöhnen, genieße ich den tröstlichen und warmen Sonnenschein auf meiner Haut. Es ist wahrlich ein Segen zurück an der frischen Luft zu sein und verglichen mit der Kälte im Stollen, ist mir so unerwartet heiß, dass ich reflexartig meine Jacke ausziehe.

Anschließend werden vor dem Stollen ein paar abschließende Worte gesagt, es wird leise applaudiert und sich bedankt und dann löst sich die Gruppe so schleichend auf, wie sich sie vor gut zweieinhalb Stunden zusammengefunden hat.

Mir ist immer noch heiß.

Mit meiner Jacke über dem Arm schlendere ich den Weg zurück zum Lager. Dabei werde ich auf der asphaltierten Zufahrtsstraße von einem lässigen Typen auf seinem Skatboard überholt. Ich schaue dem jungen Mann in weiter Kleidung, mit Kopfhörern und umgedrehter Baseball Cap hinterher, wie eine dumme Kuh, die glotzend am Weidezaun steht; so unwirklich kommt mir diese Begegnung in jenem Moment vor.

Ich spüre deutlich, dass ich nach dieser Erfahrung mehr als erschöpft bin, weiß aber auch, dass ich jetzt nicht die Geduld habe mich irgendwo hinzusetzen um mich auszuruhen. Ich muss das Gesehene erst verarbeiten, es irgendwie wieder loslassen. Am Lagertor angekommen, entscheide ich, dass ein Rundgang durch das gesamte Außengelände eine gute Möglichkeit ist um runterzukommen. Ohne lange zu zögern, mache ich mich auf den Weg.

Das Gelände stellt sich mir in den Weg, da ich bei meinem Plan nicht bedacht habe, dass ich mich am Hang des Kohnsteins entlang bewegen muss. Der Aufstieg ist anstrengend und ich bin fast versucht zu sagen, das er sich nicht lohnt, führt er mich doch zu einem Ort, den ich mir jetzt ganz sicher nicht näher anschauen möchte – dem Krematorium.

Dennoch halte ich mich eine Weile auf dem Gedenkplatz davor auf, insbesondere um zu verschnaufen. Um mich herum herrscht eine wundersame Stille, einzige unterbrochen von meinem atemlosen Keuchen und dem Wind, der raschelnd das Laub durch den Sonnenschein trägt. Die Aussicht von diesem erhöhten Punkt ist fantastisch. Und in dem Wissen, dass ich dieses Gefühl heute nicht zum ersten Mal habe, kann ich nicht anders, als in diesem Ort etwas überaus Schönes und Wertvolles zu sehen.

Mit gesammelten Kräften setze ich meinen Weg fort. Es geht in ein Waldstück und von dort in einem langen geschlungenen Pfad den Hang wieder hinab. Das Laufen tut mir gut, macht den Kopf frei und lässt mich zur Ruhe kommen.

Unten angekommen, passiere ich einige moosüberwucherte Grundmauern, die mich wage an meine Eindrücke aus Bergen-Belsen erinnern. In den Ruinen sind mittlerweile Bäume gewachsen.

Langsam kommt das Lagertor – das nur noch symbolisch existiert – wieder in Sicht. Die letzten zwei-, dreihundert Meter lege ich auf der alten Lagerstraße zurück. Die Betonplatten, die die Zeit überdauert haben, sind bröckelig, spröde und von Rissen durchzogen. Ein Stück Zeitgeschichte auf dem es sich leichter gehen lässt, als ich erwartet habe. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich so verflucht müde bin und sehnlichst zu meinem Auto und zurück ins Hotel möchte.

Ich komme an weiteren verwitterten Fundamenten vorbei und folge der Lagerstraße, die mich geradewegs über den mit dunklem Kies bedeckten Appellplatz führt. Mein Blick geht in die Ferne und mir fällt zum ersten Mal auf, dass es hier weit und breit keine Windkraftanlagen gibt. Einzig ein paar Strommasten spannen ihre elektrischen Leitungen in sanften Bögen durch den blauen Himmel.

Hier bin ich, am Eingang vom ehemaligen Konzentrationslager Mittelbau-Dora, neben den Überresten der schmalen Eisenbahnschienen, die hier einst verlegt waren und versuche ganz allein für mich zu begreifen, was ich heute alles gesehen habe.

Zum Abschluss eine Runde umher zu spazieren, hat mit gut getan. Aber bis ich all das verstanden und verarbeitet habe, wird es wohl noch eine Weile dauern. Nur eines weiß ich jetzt schon gewiss, nämlich, dass mir das Bild von den amerikanischen Soldaten vor dem Stollen nie wieder aus dem Kopf gehen wird.

Ich verlasse Mittelbau-Dora, die warme Sonne im Rücken und mit meinen klimpernden Hundemarken um den Hals…



◦ Die ursprünglichen Stollenzugängen wurde 1947 gesprengt. Seit dem 11. April 1995 ist ein Teil der Anlage über einen neu angelegten Tunnel wieder zugänglich, wobei sich der Tag der Wiedereröffnung mit dem 50. Jahrestag der Befreiung des Lagers deckt.

◦ Die unterirdische Raketenproduktion begann im Januar 1944 und endete im März 1945. In der vergleichsweise kurzen Zeit von nur 14 Monaten wurden dort über 6.000 Raketen gebaut.

◦ Während des Baus der Raketenfabrik verloren mehr als 5.000 Häftlinge ihr Leben. Viele von ihnen starben bei Arbeitsunfällen oder aber auf Grund der schlechten Lebens- und Hygienebedingungen in den Schalfstollen. Ein Lager mit Baracken entstand erst im Frühjahr 1944.



Kommentar zu Mittelbau-Dora, vom 18. August 2018
Mittelbau-Dora ist für mich ein Ort, mit dem ich durchweg Positives verbinde, selbst wenn die Besichtigung des Stolles mich an meine Grenzen getrieben hat. Auch jetzt blättere ich noch gerne durch den Flyer und besehe mir die Orte an denen ich gewesen bin. Komme ich zu den Bildern des Stollens, bin ich immer wieder erstaunt, dass ich da tatsächlich einen Fuß reingesetzt habe. Es ist definitiv einen Erfahrung, die ich nicht missen möchte und die mich zu gleichen Teil erschreckt wie fasziniert hat.

Aber nicht nur die Besichtigung des Stolles ist mir lebhaft in Erinnerung geblieben. Auch an die Ausstellung denke ich gerne zurück. Sie ist in meinen Augen sehr ansprechend gestaltet und hält auf wunderbare Weise das Gleichgewicht, das eine gute Präsentation dieser Art ausmacht. Ich habe mich auf meinem Rundgang weder überfordert gefühlt, noch gelangweilt.  

Selbst zu der Führung muss ich sagen, dass es mir gefallen hat in einer so kleinen Gruppe über das Gelände zu schlendern und etwas erzählt zu bekommen. Es war eine überaus angenehme Atmosphäre und ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl Teil einer gaffenden Herde zu sein.

Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist Dora ohne Frage der interessanteste Ort, den ich bis jetzt im Rahmen meines Holocaustprojektes besucht habe. Und würde mich jemand bitten eine Empfehlung für eine Gedenkstätte abzugeben, ich würde ganz klar Mittelbau-Dora nominieren.
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