Pendulum (1) ~ Ein Mythos von fünf Elementen

GeschichteFantasy, Horror / P16
01.01.2018
20.04.2018
32
144812
3
Alle
12 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
 
Der Schnee, der über der Stadt Leuchtenburg fiel, fühlte sich nicht anders an als der in Gundlingen. Er sah nicht anders aus und verhielt sich nicht anders, aber dennoch war er es. Und nicht nur der Schnee – es war die ganze Situation.
Felix atmete tief ein, doch auch die unangenehm kühle Luft, die seine Lungen füllte, war einfach anders, und als er sie wieder ausstieß, sah er ein, dass auch ein Seufzer nichts daran ändern würde. Das unbeschwerte Leben, das er früher in Gundlingen geführt hatte, gehörte nun der Vergangenheit an, genau wie seine alten Freunde, seine ehemaligen Lehrer und das Haus, in dem er aufgewachsen war.
Seit seinem Umzug nach Leuchtenburg, eine abgelegene, von Bergen und Wäldern umgebene Stadt, von der er so gut wie nichts wusste, außer dass die Familie seines Onkels auch hier wohnte, hieß es, neue Freunde zu suchen, neue Lehrer kennen zu lernen und sich in dieser neuen, fremden Umgebung zurechtzufinden. Doch schon die erste Aufgabe würde sich als schwierig erweisen, denn es gab kaum Kinder seines Alters in Branlau, dem kleinen, bewaldeten Stadtteil im Südwesten der Stadt, in dem seine Eltern das neue Haus gefunden hatten; die Auswahl neuer Spielkameraden in seiner näheren Umgebung ließ zu wünschen übrig.
Obwohl ihm das Einleben nicht leichtfiel, hatte er in der Stadt zumindest schon einen Lieblingsplatz gefunden. Der Fluss neben der Kirche der Heiligen Theresa, der die Grenze zwischen Leuchtenburg und dem Vorort Ardegen darstellte, war der ideale Ort zum Nachdenken. Selbst an diesen kalten Januartagen stand Felix gern am höchsten Punkt der Brücke, die über den Fluss führte, und beobachtete alles: die Sonne am Himmel und andere Naturschauspiele, Autos, die über die Brücke fuhren, Menschen, die herumliefen.
Letzteres war für ihn zu einem besonderen Hobby geworden. Er beobachtete Menschen, analysierte deren Bewegungen, ihre Stimmen und Sprechweisen, machte sich ein ungefähres Bild von ihnen. Darin war er gut. Zwar hatte er mit seinen gerade einmal zehn Jahren nicht viel von der Welt gesehen, aber einen Psychologen zum Vater zu haben, konnte sich manchmal als hilfreich erweisen.
Eines Sonntagmorgens fing aber auch sein Lieblingsplatz ihn zu langweilen an. An diesem Tag stand er nicht oben auf der Brücke, hatte nicht den Überblick. Wozu auch? Er wusste, wie die Leute aussahen, die soeben die Kirche verließen. Manche davon wohnten in Leuchtenburg, andere kamen aus Ardegen und gingen nach dem Gottesdienst über die Brücke wieder dorthin zurück, aber es waren immer die gleichen.
Er hatte auf einer kalten Bank Platz genommen, den Leuten den Rücken zugewandt und einen Lolli mit Erdbeergeschmack im Mund, die angenehmste Alternative zu Eiscreme in den kalten Monaten des Jahres. Auf die stillen Wellen des Flusses konzentriert, bemerkte er das Kind, das sich neben ihn setzte, erst, als eine hohe Stimme freundlich »Hallo« sagte.
»Hallo«, sagte auch er, etwas schüchtern, nachdem er den Blick von dem Fluss losgerissen hatte.
Der kleine, dickliche Junge war ihm schon oft aufgefallen. Er war eines der wenigen Kinder, die regelmäßig mit ihren Eltern den Gottesdienst besuchten und gut gelaunt wirkten, wenn sie wieder aus der Kirche herauskamen...
Nein, das stimmte nicht ganz. Im Grunde war er das einzige solche Kind.
»Du sitzt hier immer ganz allein. Hast du denn gar keine Freunde?«
Diese Frage hätte man leicht als Spott auffassen können, aber Felix erkannte, dass das nicht die Absicht dieses Jungen war. Er hatte ein viel zu ehrliches Lächeln auf dem Gesicht. Dieses ewige Lächeln... Felix hatte ihn noch nie anders gesehen.
»Ich bin neu. Natürlich hab ich keine Freunde«, antwortete er, doch um keinen Eindruck von Selbstmitleid zu erwecken, fügte er schnell hinzu: »Noch nicht.«
»Das dachte ich mir schon«, sagte der Junge.
Eine weitere Frage blieb aus. Er erwartete wohl, dass Felix von selbst anfangen würde, etwas von sich zu erzählen. Eine Gelegenheit, in der neuen Stadt seinen ersten Freund zu finden, und Felix tat dem Jungen den Gefallen.
»Meine Mutter hat eine neue Arbeit, deshalb mussten wir umziehen. Jeden Tag hin- und herzufahren, wäre für sie blöd gewesen.«
Seine Mutter war Fremdsprachensekretärin und beherrschte so viele Sprachen, dass er oft Angst hatte, sie könnte im Laufe der Zeit vergessen, welche ihre Muttersprache war, und auf einmal vor ihm und seinem Vater anfangen, Italienisch oder Französisch zu sprechen. Aber natürlich wusste er, dass das unmöglich war. Seine Mutter vergaß zwar hin und wieder manche Dinge und erinnerte sich stattdessen an andere, die nie passiert waren, aber ihre Sprache würde sie nicht vergessen.
»Ich kann mich im Moment nur schwer einleben«, fuhr er schließlich fort. »Aber das wird schon.«
Nach außen hin gab er sich optimistisch, doch innerlich fragte er sich, wie das klappen sollte. Nach dem Umzug vor fast vier Monaten war er in die vierte Klasse der Branlauer Grundschule gekommen, aber dort würde er nicht mehr lange bleiben, und somit war die nächste Veränderung in Sicht: der Wechsel auf das Gymnasium im kommenden September. Ihm blieb weder genug Zeit noch hatte es viel Sinn, sich jetzt noch mit jemandem in der Schule anzufreunden.
»Gehst du im September auch auf das Windolf-Gymnasium?«, fragte der Junge, als hätte er seine Gedanken gelesen.
Felix wusste nicht, wie dieses Gymnasium hieß, das ungefähr drei Kilometer von seiner neuen Haustür entfernt war, doch da seine neue Bekanntschaft seiner Beobachtung nach zu urteilen aus Ardegen kam und in der Nähe kein anderes Gymnasium war, ging er einfach davon aus, dass sie an die gleiche Schule dachten, und sagte: »Wenn die Noten so bleiben wie bisher, dann ja.«
Der Junge lachte. »Dann kennst du jetzt schon jemanden dort. Ich heiße Arthur Klamm, aber du darfst mich gern Arthy nennen.« Und er reichte Felix die Hand.
»Klamm«, wiederholte dieser und schüttelte Arthur die Hand. »Eine Lehrerin auf meiner Schule heißt so... oder hieß so. Ich glaube, sie ist an dem Tag gegangen, als ich gekommen bin.«
»Ja, das ist meine Mutter. Sie arbeitet jetzt in meiner Schule in Ardegen. Und wenn wir aufs Windolf kommen, wirst du meinen Vater kennen lernen. Er ist auch Lehrer und unterrichtet Geschichte und Religion...«
Und so begann er zu erzählen, von seinen Eltern, die sich während des gemeinsamen Studiums kennen und lieben gelernt hatten; davon, dass er aus einer sehr gläubigen Familie kam, was man besonders seiner großen Schwester Katharina ansah, die an Heiligabend Geburtstag hatte; von seinem dreijährigen Bruder Theodor, der ihm mit seiner großen Begeisterung für Engel gewaltig auf die Nerven ging; von seinem bisherigen Leben in Ardegen und der Grundschule dort.
Viele Minuten vergingen, in denen Felix sich erschlagen fühlte von dieser Informationsflut über seine neue Bekanntschaft, während er selbst nicht viel zum Gespräch beizutragen hatte und sich auch deswegen allmählich unwohl fühlte. Einmal bot er Arthur einen Lolli an, den dieser dankbar annahm.
Arthur schien durch dieses pausenlose Plappern warm zu werden, denn er zog den Reißverschluss seiner Jacke immer weiter auf. Das war eine der ersten Beobachtungen, die Felix über ihn gemacht hatte: Er lief selbst an den kältesten Tagen mit offener oder gar keiner Jacke herum, ohne zu frieren. Felix war das Gegenteil: Obwohl er wie ein Eskimo eingepackt war, fror er immer ein bisschen. Aber er redete auch nicht so viel. Vielleicht lag es ja daran?
»Wie heißt du denn überhaupt?«, fragte Arthur plötzlich, und Felix brauchte einen Moment, um zu reagieren, weil er nicht mit einer Frage gerechnet hatte. Und er stellte sich vor: Er war Felix Kohnen und froh darüber, dass sein Vater damals bei der Hochzeit beschlossen hatte, entgegen der gängigen Konventionen den Namen seiner Ehefrau anzunehmen, denn sonst hätte er seine Familie dazu verdonnert, Rülpswetter zu heißen. Arthur war bei weitem nicht der Erste, der das zum Schreien komisch fand.
Irgendwann, nachdem sie noch eine Weile geplaudert hatten, stand er auf.
»Musst du weg?«, wollte Felix wissen.
Arthur schüttelte den Kopf. »Hab nur keine Lust mehr zu sitzen. Wir könnten doch was spielen!«
Felix zuckte mit den Schultern. »Was willst du denn spielen?« Er sah sich in ihrer Umgebung um, entdeckte jedoch nichts Interessantes, womit sie spielen konnten, und Karten oder einen Ball hatte er nicht dabei.
»Wir könnten ne Schneeballschlacht machen!«, schlug Arthur vor, doch Felix schüttelte heftig den Kopf.
»Ich hasse Schnee«, erklärte er.
»Gut, dann gehen wir in die Kirche!«
»Ach was, in der Kirche ist es doch langweilig. Außerdem geh ich da nie hin.«
»Woher willst du dann wissen, dass es da langweilig ist?« Arthur setzte ein spitzbübisches Grinsen auf. »Und... weißt du, in den verbotenen Bereichen gibt es immer etwas Cooles zu sehen...«
Widerwillig ließ Felix sich überreden. Die Kirche der Heiligen Theresa hatte er zwar noch nie von innen gesehen, aber nichts an ihr überraschte ihn, als er sie erstmals betrat. Eine Halle mit zwei Reihen von Bänken, ein Balkon mit weiteren Sitzplätzen, einige Säulen, das Podium mit dem Altar, bunte Fenster, aufwendig verzierte und geschmückte Wände, eine Orgel... Nichts Besonderes, ein typischer Kirchensaal eben.
Unbeeindruckt warf er einen Blick auf seine Armbanduhr und stellte fest, dass es kurz nach halb zwölf war. »Ich glaube, es wird Zeit, nach Hause zu gehen. Um zwölf gibt’s Mittagessen...«
Er wandte sich gerade zum Gehen um, als Arthur ihn am Arm packte. »Jetzt warte doch mal! Bist du nicht neugierig, was es hier alles gibt?«
»Ehrlich gesagt bin ich eher neugierig, was es bei mir heute zu essen gibt.«
»Nur fünf Minuten, okay?«
Also gut...
Die wenigen Leute, die sich zu diesem Zeitpunkt in der Kirche aufhielten, nahmen keine Notiz von den beiden Jungen, die an den seitlichen Wänden des Saals entlangschlichen und auf das Podium zuhielten. Wenige Schritte davon entfernt blieb Arthur stehen und wandte sich einer Nische zu, vor der ein halb zugezogener Vorhang hing. Ein flüchtiger Blick hinter den Vorhang reichte ihm, um sich zu vergewissern, dass die Luft rein war, und er bedeutete Felix, ihm zu folgen.
Felix hatte Schwierigkeiten zu verstehen, was es in der Nische Besonderes gab. Abgesehen von einem Beichtstuhl, über dem ein großes Kreuz von der Decke hing, konnte sie nicht gerade mit hervorstechenden Sehenswürdigkeiten beeindrucken. Er stellte sich nur die Frage, warum es notwendig war, den Beichtstuhl in so einer Nische hinter einem Vorhang zu verstecken, als dürfte ihn keiner sehen.
Arthur fing an, sich umzusehen, und mehr reflexartig als beabsichtigt tat Felix es ihm gleich. Die Leute beachteten sie allerdings immer noch nicht; einige von ihnen saßen mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen auf den Bänken, wahrscheinlich in Gebete vertieft, andere waren aufgestanden und wandten sich zum Gehen, und wieder andere sahen aus, als würden sie ohnehin nichts mehr wahrnehmen.
Als er sich wieder zu Arthur umdrehte, um zu fragen, ob die Kirche früher oder später zwangsläufig auf alle einen solchen Effekt hatte, erschrak er bei der Feststellung, dass in der Wand neben ihm aus dem Nichts ein dunkler Durchgang erschienen war, der nach einigen Schritten vor einer Tür endete. Bevor er Fragen stellen konnte, hielt Arthur sich den Zeigefinger an die Lippen und deutete mit einer Kopfbewegung auf den verschobenen Wandteppich, der bis gerade eben den geheimen Gang verdeckt hatte.
Felix war schon immer ein äußerst neugieriges Kind gewesen, hatte es aber nie für möglich gehalten, eines Tages ausgerechnet in einer Kirche einen Geheimgang zu entdecken. Sofort war seine Abenteuerlust geweckt. Eine Tür, die hinter einem Wandteppich versteckt war, führte wahrscheinlich an einen interessanten Ort.
Irgendjemand hatte hier etwas zu verbergen, und er wusste nicht, ob es richtig war, dieser Sache nachzugehen, folgte Arthur aber trotzdem ohne Widerworte, als dieser den kurzen Gang betrat. Sein Verstand und sein Gefühl waren beide einer Meinung, als sie ihm sagten, dass er das nicht tun sollte, aber die Neugier war nun einmal stärker.
Als der Wandteppich zurück in seine gewohnte Position fiel, wurde es stockdunkel, doch Arthur stand bereits an der Tür, öffnete sie und fand schnell einen Lichtschalter. Offensichtlich war er nicht zum ersten Mal hier war.
Hinter der Tür, im schwachen Licht einer nackten Glühbirne, die an einem Kabel von der Decke baumelte, kam eine steile Wendeltreppe zum Vorschein, die nach unten führte. Als wäre das nicht schon gruselig genug, hatte die Glühbirne auch noch einen Wackelkontakt, knackte vor sich hin und flackerte beängstigend.
Ein guter Schutz vor Eindringlingen!, dachte Felix. Auch wer die Geheimtür hinter dem Wandteppich entdeckt, wird trotzdem nie herausfinden, was da unten ist, weil er es nicht wagt, weiterzugehen!
»So, bis hierher bin ich das letzte Mal gekommen. Weiter hab ich mich nicht getraut«, sagte Arthur im Flüsterton. »Ich will aber unbedingt wissen, was da unten ist! Na, bist du dabei?«
Alles in Felix rebellierte gegen diesen Gedanken. Er fühlte sich, als stünde er kurz davor, in eine düstere Angelegenheit verwickelt zu werden, von der er lieber die Finger lassen sollte, um es nicht hinterher zu bereuen. Allerdings wollte auch er wissen, was es da unten zu sehen gab, und schließlich willigte er ein.
Zögerlich und langsam, aber trotz allem unbeirrbar ging Arthur voraus. Felix lief dicht hinter ihm her und warf zweimal einen kurzen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass ihnen niemand folgte. Die gewundene Treppe aus braunem Gestein drehte sich auf dem Weg nach unten an der Wand entlang einmal im Kreis und führte selbstverständlich in einen stockdunklen Raum. Kurz vor der letzten runden Ecke hielt Arthur inne.
»Da ist jemand!«, flüsterte er.
Felix wusste, was das bedeutete. Wenn in dem Raum wirklich jemand war, verhieß die Tatsache, dass er sich lieber im Dunklen aufhielt, sicherlich nichts Gutes. Und er musste die Eindringlinge schon längst bemerkt haben, denn dass sie auf der Treppe das Licht angeschaltet hatten, konnte ihm kaum entgangen sein.
»Bist du sicher?«, fragte Felix dennoch.
»Da ist ein Licht! Und es strahlt genau in Richtung Treppe! Siehst du es denn nicht?«
Obwohl er Angst hatte, schlich Felix so leise wie möglich an Arthur vorbei und riskierte einen Blick. Dann sah er das Licht, allerdings ging es, soweit er erkennen konnte, nur von einer Taschenlampe aus, die auf dem Boden lag.
»Warum sollte sich jemand auf den Boden legen und uns mit der Taschenlampe anstrahlen?«, fragte er und wagte sich einen Meter in den dunklen Raum hinein. Ob er mutig oder nur leichtsinnig handelte, konnte er nicht mit Sicherheit sagen, doch die Lichtquelle bewegte sich nicht und um sie herum war nichts Verdächtiges zu hören oder zu sehen – nichts, was auf die Anwesenheit einer weiteren Person hätte schließen lassen. Also tastete er die Wände neben der Treppe vorsichtig ab, bis er einen Lichtschalter fand, und wenige Sekunden später sah alles viel klarer aus.
»Wow! Was ist das für ein krasser Raum?«, fragte Arthur, der nun auch hereinkam.
Zum Vorschein gekommen war ein ziemlich schmutziger, mittelgroßer Raum mit niedriger Decke, an der, wie über der Treppe, nur nackte Glühbirnen hingen, die aber wenigstens einwandfrei funktionierten und keinen Wackelkontakt hatten. Felix sah brüchig wirkende Holztische, die hier und da herumstanden, Bücherregale an der Wand und, wie er bereits erwartet hatte, die Taschenlampe, die eingeschaltet auf dem Boden lag und in Richtung Treppe leuchtete.
Nichts in diesem Raum hatte eine Ordnung. Die Tische waren in keinem erkennbaren Muster angeordnet, keines der Regale sah aus wie das andere. Es gab auch Metallschränke mit verschlossenen Türen, die fast zu modern aussahen für diesen Raum, dessen Gesamtbild den Eindruck eines mittelalterlichen Verlieses vermittelte, nur mit etwas mehr Möbel. Der Boden und die Decke bestanden aus demselben bräunlichen Gestein wie die Treppe, die Wände waren uneben und rau, nicht verziert und mit Gemälden behangen wie die im oberen Kirchensaal.
Felix fühlte sich, als hätte er nicht nur den geheimen Keller der Kirche entdeckt, sondern ein neues Gebäude betreten, wofür auch immer dieses gedacht war.
»Du hattest Recht mit diesen verbotenen Bereichen«, sagte er. »Ich glaube, hier könnte man so einiges finden, was manchen Leuten nicht passen würde.«
Während Arthur noch eine Weile mit offenem Mund am Fuß der Treppe stehen blieb und dann anfing, sich die Regale anzusehen, ging Felix auf ein Loch im Boden in der Mitte des Raumes zu. Es war ein perfekter Kreis, wie er auf natürliche Weise nie hätte entstehen können, mit einem Durchmesser von ungefähr einem Meter, und so dunkel, dass nicht erkennbar war, wohin das Loch führte.
Er hob die Taschenlampe auf, ein fast schon antikes, klapperndes Modell in dünner Blechummantelung, das aussah, als könnte es jeden Augenblick den Geist aufgeben, und ein seltsames Kribbeln in ihm auslöste, das ihn im Moment jedoch nicht weiter störte. Er versuchte den Boden des Loches zu erspähen, doch obwohl der Lichtkegel sehr hell war und eine gute Reichweite hatte, war außer der gähnenden, nicht enden wollenden Dunkelheit nichts zu sehen.
Felix wurde schwindelig, er trat einige Schritte vom Rand zurück und stieß mit dem Rücken gegen etwas Kaltes. Als er sich umdrehte, sah er eine solide Eisentür, die er zuvor noch nicht bemerkt hatte.
Nein, in diesem Raum passt absolut nichts zusammen!
Er versuchte, die Tür zu öffnen, aber sie war verschlossen. Das war nicht weiter schlimm, denn sein Gefühl, dass es allerhöchste Zeit war, von hier zu verschwinden, konnte er sowieso kaum noch ignorieren. Er war erst seit einer Minute in diesem Raum, aber diese fühlte sich schon zu lange an – viel zu lange.
»Arthy, ich finde, wir sollten abhauen.« Er ging auf seinen neuen Freund zu, der vergeblich an den Türen eines der Metallschränke zog. Dabei passierte er ein breites Regal mit lange verstaubten Büchern, das ihn möglicherweise interessiert hätte, wenn ihm sein Instinkt nicht so dringend geraten hätte, schnellstens zu verschwinden. »Arthur...«
Dann packte ihn jemand. Er wollte vor Schreck aufschreien, kam jedoch nicht dazu, denn eine starke Hand hielt ihm den Mund zu, während am Rand seines Blickfeldes eine weitere Hand zum Vorschein kam, die ein Messer umklammerte und die schimmernde Klinge gefährlich nahe an seinen Hals hielt.
Irgendein Geräusch musste Arthur genau im gleichen Moment erreichen, denn er vergaß den Metallschrank und fuhr herum. Nach einigen Sekunden des Schreckens machte er einen vorsichtigen Schritt nach vorne, was aber nur zur Folge hatte, dass der Angreifer, der aus dem Nichts erschienen war, die scharfe Messerklinge an Felix’ Hals drückte, statt nur damit zu drohen. Dann nahm er seine dicke Hand von Felix’ Mund.
»Wer hat euch reingelassen?«, fragte eine raue Stimme. Eine simple Frage, die so wütend und so nachdrücklich klang, dass Felix am liebsten sofort geantwortet hätte, aber er konnte nicht. Die an seinen Hals gepresste Klinge wartete nur auf die allerkleinste Bewegung seiner Kehle, um hineinzuschneiden.
Er konnte weder sprechen noch richtig denken. Sein Herz schlug zu schnell und seine zitternden Hände wollten sich an etwas festklammern, doch die alte Taschenlampe lag auf dem Boden. Er hatte sie vor Schreck fallen lassen, als ihn der Mann gepackt hatte.
»Es tut uns leid!« Arthur bemühte sich, die Fassung zu bewahren, aber sein unsteter Blick, der mehrere Male von dem Messer zu Felix zu dem Gesicht des Angreifers und wieder zu dem Messer wanderte, zeigte eindeutig, wie nervös er war. »Wir wollten Sie nicht ärgern. Wir wollten auch nicht... Wir wollten nicht in Ihrem Zimmer rumschnüffeln!«
Felix erkannte, dass Arthur unter all seiner Angst wütend war und eigentlich etwas ganz anderes sagen wollte, doch er war auch klug genug, zu wissen, dass die Situation eine vorsichtigere Wortwahl erforderte.
»So so, ihr wolltet also nicht rumschnüffeln?«, wiederholte der Mann. »Dann frage ich mich aber, warum ihr hier seid! Sicher, dass ihr nicht einfach nur Ärger gesucht habt? Oder wolltet ihr...«
»Wir waren nur neugierig!«, fuhr Felix dazwischen, als er die Klinge für einen Moment nicht mehr spürte.
»Ihr wart neugierig. Ach so.« Der Kerl schien es zu genießen, ihre Worte zu wiederholen.
Felix versuchte, anhand der Stimme seines Angreifers dessen Alter zu ermitteln, was ihm nicht gelang. Er war immer noch zu aufgebracht, und der Gedanke, dass eine Handbewegung des Mannes genügte, um ihn zu töten, machte es ihm nicht gerade leichter, sich zu konzentrieren.
»Lassen Sie ihn los!«, forderte Arthur den Mann auf. »Er hat nichts getan! Es war meine Idee, hier runterzukommen. Aber ich habe auch nichts Schlimmes getan. Wir haben uns nur ein bisschen umgeschaut!«
Der Mann hielt inne. Nur ein paar Sekunden wahrscheinlich, doch Felix kamen sie vor wie Stunden. Er hatte so viel Angst wie noch nie zuvor in seinem Leben.
»Warte mal... Bist du nicht der Junge der Klamms?«, fragte er dann, an Arthur gerichtet. Dieser antwortete nicht, aber darauf schien der Typ auch nicht zu warten. »Ich kenne deine Eltern zwar nicht persönlich, habe sie aber schon oft hier gesehen und weiß, dass sie sich freiwillig in dieser Kirche engagieren«, fuhr er fort. »Ob es die beiden wohl glücklich machen würde, zu erfahren, dass ihr Sohn vor ihnen scheinheilig tut, um sich in ihrer Abwesenheit in den verbotenen Bereichen der Kirche herumzutreiben?«
Das Verbrechen, das Arthur vorgeworfen wurde, empfand Felix im direkten Vergleich zu dem, was dieser Mann gerade tat, als ziemlich irrelevant, aber er hielt an dieser Stelle lieber den Mund.
Der Fremde lachte leise und geheimnisvoll. »Blut spritzt auf die Erde, Blut färbt das Wasser rot, Blut löscht das Feuer, Blut verdrängt die Luft.« Seine Stimme klang anders, als er diesen mysteriösen Spruch aufsagte, viel tiefer und beängstigender, beinahe dämonisch. Er wiederholte die merkwürdige Floskel noch ein zweites Mal, ganz langsam, als würde er wollen, dass die beiden Jungen sie sich genau einprägten, danach entfernte er das Messer von Felix’ Hals und stieß ihn zu Boden.
Felix fing sich mit den Händen ab und drehte sich um, wobei er endlich das Gesicht des unheimlichen Mannes sah. Er hatte sehr dunkle Augen und einen runden, nahezu kahlen Kopf. Die wenigen Haarbüsche, die darauf noch wuchsen, hatten sich an die Seiten zurückgezogen, seine Oberlippe wurde geziert von einem dicken, schwarzen Schnäuzer. Er sah aus wie sich Felix als kleines Kind einen freundlichen, italienischen Pizzabäcker vorgestellt hatte, doch Pizzabäcker benutzten ihre Messer nur zum Schneiden ihrer Pizzen, und nicht, um damit Leute anzugreifen.
Der gemeine Pizzabäcker, wie Felix den Mann in Gedanken ab sofort nennen wollte, ging vor ihm in die Hocke und genoss dabei sichtlich die Angst und die Empörung, die er auslöste. Er blickte Felix tief in die Augen und wiederholte ein weiteres Mal seinen Satz, der klang wie eine unheilvolle Prophezeiung. »Blut spritzt auf die Erde, Blut färbt das Wasser rot, Blut löscht das Feuer, Blut verdrängt die Luft.« Doch dieses Mal fügte er noch etwas hinzu: »Das Pendel ist in Bewegung.«
Felix hatte keine Ahnung, wovon er sprach, doch er war ganz sicher, dass dieser Mann professionelle Hilfe brauchte, um ein Vielfaches effektiver als die, die sein Vater oder sonst ein ihm bekannter Psychologe bieten konnte.
»Ich weiß nicht, wer du bist, aber ich spüre, dass irgendetwas uns verbindet. Dass du es tief in dir trägst. Eines Tages wirst du keine andere Wahl haben als hierher zurückzukehren, und dann werde ich dich töten.«
Eine dämonische Freude blitzte in den Augen des gemeinen Pizzabäckers auf, als er sein Messer noch einmal unübersehbar in Felix’ Sichtfeld rückte. »Aber da ich sowieso weiß, dass du zurückkommen wirst, kann ich dich doch gleich töten, oder? Jemanden wie dich kann ich hier gebrauchen, aber lebendig nützt du mir leider nichts.«
»Sie würden also ein Kind töten?«, fragte Felix mit bebender Stimme. »Tun Sie das öfter?«
»Nein, aber einmal ist immer das erste Mal.«
Der Pizzabäcker wollte noch weitersprechen, doch Felix hatte genug gehört. Sobald sich die Gelegenheit bot, griff er schnell nach der Taschenlampe, die neben ihm auf dem Boden lag, schlug damit nach seinem Gegenüber und zielte auf dessen Auge.
Der erste Schlag war ein Volltreffer und der Pizzabäcker schrie auf, als die als Waffe missbrauchte kleine Lampe ihm mit aller Wucht, die Felix aufbringen konnte, an das rechte Auge prallte. Felix hatte ihn nicht ernsthaft verletzt, aber der Schlag würde auf jeden Fall einen blauen Fleck hinterlassen, und er verschaffte den Jungen Zeit. Arthur trat vor, half Felix auf die Beine, und sie rannten in Richtung Treppe.
Keiner blickte zurück, als sie so schnell wie möglich die Stufen der viel zu langen Treppe erklommen, endlich oben ankamen und zurück in den Saal stürmten. Dort hielten sie nicht an, sondern liefen weiter, ohne sich um die Blicke zu scheren, die ihnen nachgeworfen wurden.
Hinaus ins Freie, nach rechts, an der Bushaltestelle vorbei, über die Straße und weiter in Richtung der Einfamilienhäuser von Branlau, zwischen denen genug Bäume und Büsche wuchsen, um die Blicke gemeingefährlicher Verfolger abzuschirmen. Sie versteckten sich aber nicht, sondern liefen weiter die Branlauer Straße entlang, bis sie nicht mehr konnten und mit jedem ihrer Atemzüge die schneidend kalte Luft in ihren Lungen brannte. Erschöpft setzten sie sich an den Straßenrand, um sich zu erholen, doch auch weiterhin plagte sie der Verfolgungswahn.
Wie auf glühenden Kohlen sitzend, warfen sie erstmals einen Blick zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren, und trauten sich plötzlich nicht mehr, wegzusehen, aus Angst, der unheimliche Mann könnte die Verfolgung aufgenommen haben und genau dann auf sie zustürmen, wenn sie unaufmerksam wurden.
»Wir hätten das niemals tun dürfen, Arthy!«, sagte Felix, sobald er wieder einigermaßen sprechen konnte. »Wir hätten niemals in diesen verbotenen Bereich gehen dürfen. Dieser gestörte Typ...«
Er wollte noch mehr sagen, doch ein Kloß in seinem Hals hinderte ihn daran. Sein Hals, der nach wie vor wehtat von der Berührung der harten, kalten Klinge, und er musste sich bemühen, die Beherrschung zu bewahren und nicht zu weinen. Die Vorstellung, dass sein Leben nach nur zehn Jahren so leicht ein schnelles, unnatürliches Ende hätte finden können, und auch noch ausgerechnet nach ihrem Umzug in diese fremde Stadt, war bitter und ließ ihn allzu schnell nicht mehr los.
»Ich will nie mehr dorthin zurückgehen!«, sagte Arthur. Seine Stimme zitterte. »Aber ich muss es wohl. Ardegen liegt auf der anderen Seite der Brücke...«
»Du musst gar nichts«, sagte Felix kopfschüttelnd. »Weißt du, ich wohne hier ganz in der Nähe. Komm einfach mit zu mir, dann kannst du deine Eltern anrufen und ihnen sagen, sie sollen dich abholen.« Er schnappte kurz nach Luft. »Und geh nicht mehr in diese Kirche. Es gibt doch bestimmt auch eine in Ardegen. Geh dorthin.«
»Aber wir müssen es doch irgendwem erzählen!«
»Denkst du, uns würde jemand glauben? Wenn der Pizzabäcker was anderes behauptet, und das wird er, dann glaubt jeder ihm, nicht zwei zehnjährigen Jungs!«
»Ich bin erst neun...«
»Siehst du, noch unglaubwürdiger.« Felix schüttelte weiterhin den Kopf. »Wir tun einfach so, als wäre das heute nicht passiert. Und der Pizzabäcker wird deinen Eltern auch nichts erzählen. Dafür ist das, was er dort unten macht, viel zu geheim, was auch immer es ist. Ich glaube, es wäre für uns alle das Beste, einfach den Mund zu halten. Und noch mal wird er uns bestimmt nicht angreifen.«
Aber in Gedanken beschäftigte ihn etwas anderes. Warum war sich der Mann so sicher gewesen, dass Felix irgendwann zurückkehren würde, oder dass sie etwas verband? Felix’ Bedarf, verbotene Bereiche zu erkunden, war fürs Erste gedeckt. Alles, was er jetzt noch wollte, war sein Zuhause. Am besten das alte Zuhause in Gundlingen, weit weg von dieser schrecklichen Kirche, aber zur Not würde es auch das neue tun, solange seine Eltern bei ihm waren.
Meine Mutter... Sie würde total ausflippen, wenn sie wüsste, was passiert ist!
Um den ersten Schritt in Richtung Zuhause zu machen, stand er auf. »Komm, gehen wir!«, sagte zu Arthur, der sich ebenfalls erhob, und sie gingen zusammen weiter.

Felix und Arthur hielten das Versprechen, das sie sich am Tag ihres Kennenlernens gegeben hatten, und sprachen mit niemandem über das, was ihnen in der Kirche widerfahren war. Dennoch prägte es sie. Während Arthur seit diesem Tag nie wieder die Kirche der Heiligen Theresa besuchte, jedoch seine Eltern nicht überreden konnte, in Zukunft in eine andere zu gehen, wurde Felix hin und wieder von Albträumen geplagt.
Aber ein Gutes hatte die Sache immerhin: Die beiden wurden beste Freunde, und oft hatte Felix sogar das Gefühl, Arthur schon seit einer Ewigkeit zu kennen; nicht erst seit dem Vorfall in der Kirche, sondern schon viel länger als er überhaupt am Leben war.
Doch das war nur so ein Gefühl...
 
'