Das Camp der übersinnlichen Wesen

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
31.12.2017
13.04.2018
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Ice



Nachdenklich sah ich auf den See. Ich saß auf der obersten Spitze einer 30 Meter hohen Fichte und fragte mich wie schon so oft, ob die Höhe für einen Selbstmord reichen würde oder ob sie mir nur gebrochene Knochen, einen monatelangen schmerzhaften Heilungsprozess und nicht wieder heilbare Schäden zufügen würde. Die spitzen Felsen unter mir würden zwar theoretisch meine Knochen zerschmettern, aber dummerweise würden mich meine vampirischen Instinkte zuvor retten. Vermutlich würde ich bloß ein paar Kratzer davontragen, die innerhalb von Stunden verheilen würden. Wenn ich also runter sprang würde mein Instinkt überhand nehmen und ich nicht wirklich Chancen darauf dem Ganzen ein Ende zu bereiten.

Blicklos starrte ich geradeaus. Ich konnte noch nicht mal weinen. Ein Engegefühl ergriff von mir Besitz, legte sich mit stählernen Banden um meine Brust. Es zog sich zusammen, ich … bekam .. kein Luft mehr. Keuchend fasste ich mir an die Kehle, mein anderer Arm verzweifelt um mich selbst geschlungen. Schluchzend wiegte ich mich hin und her. Alles zitterte - ich, der Baum, meine ganze Welt. Konnte das denn nicht endlich ein Ende haben. Dann zwang ich mich meine Augen zu öffnen. Verschwommen sah ich das mit blutroten Strahlen überzogenem Meer - ich hasste den Nachmittag wenn alles in ein furchtbar grelles orange-rotes Licht getaucht war.

Obwohl es wirklich hübsch aussah - fast so als ob die Sonne in das Meer gefallen wäre und nun umgeben von dichten Wäldern, hohen, schroffen Klippen und kleinen Buchten scheinen würde. Allerdings würde man keinen Schlaf mehr in der Villa auf der Klippe finden, da diese noch schrecklich alte Fensterläden besaß, die gerade einmal als Brennholz taugten und jeden noch so winzigen Lichtstrahl hindurch ließen.

Allmählich beruhigte ich mich wieder. Dadurch, dass ich mich auf etwas anders konzentrierte und nicht an SIE … Nein … Stopp …

Doch schon driftete ich wieder ab …

Warum Sea? Warum sie und nicht ich? Ich hatte es so viel mehr verdient zu sterben. Hatte schon so viele Menschen getötet, hatte schon so viele Sünden begangen. so viel falsch gemacht.

Hier brauchte mich doch keiner mehr. Sie kamen allein klar. Das Pulver für die Rückverwandlung konnte Van machen. Ich hatte praktisch alles was sie benötigten schon lange weitergegeben. Wenn ich starb würde meine Zauberkraft sowieso auf die Person übergehen, die mir am nächsten war. Also warum? Warum konnte ich nicht einfach sterben? WARUM???

Die Aussicht war  wirklich wunderschön - ganz im Gegensatz zu meinen Gedanken. Doch ich sah sie nicht, weil Tränen meinen Blick verschleierten. Ich schluchzte weder, noch verzog sich mein Gesicht. Es war so abartig. Wenn ich weinte sah ich fast schöner aus, als wenn ich glücklich war. Ich musste lachen wegen dieser Ironie. Ein bitteres, abgrundtief trauriges Lachen, aber es war ein Anfang …

Doch welch grausamer Gott hatte sich so etwas ausgedacht? Da sitzt jemand todverzweifelt auf einer Tanne, weint sich die Seele aus dem Leib und erscheint zugleich wie ein Madonna - unschuldig und sanft. Wie konnte das Innere einer Person nur so hässlich sein, wie das Äußere schön? Ich ertrug mich selbst nicht mehr. Ich war schwach, schwach, schwach. Schwach und erbärmlich. Wer brauchte mich schon? Wer konnte schon jemanden wie mich aufrichtig lieben? Jemanden, der immer alle nur wegstieß und nie jemanden an sich herankommen ließ? Irgendwann würden sie mich aufgeben und ich .. ich … ich …

Ich kann nicht mehr. Es war alles zu viel. Ich wünschte ich könnte mich selbst aufreißen, Narben schlagen, alles Schlechte herausreißen, alle Gefühle verbannen. Ach - könnte ich doch nur meine Seele herausreißen und auslöschen. Ich will nicht mehr. Ich kann … kann es einfach nicht mehr …



Zu existieren - welch grausames Schicksal, dachte ich und ein verzerrtes Lächeln schlich sich auf mein Gesicht.





Dann, um mich abzulenken, dachte ich über das Gespräch nach, welches zu meinen Füßen stattgefunden hatte. Durch Riks Gedanken hatte ich das ganze Gespräch ganz gut mitbekommen - seine Gedanken waren wirklich erstaunlich klar dafür, dass er von mir zusammengefaltet - oder besser gesagt mit einem Schwert bedroht worden war. Alle machten sich Sorgen um mich, so viel hatte ich begriffen, und sogar Selina hatte sehr besorgt durch Riks Gedanken gewirkt, obwohl das sonst gar nicht ihre Art war.

,,Denken sie wirklich so gut von mir? Bin ich ihnen wirklich so viel wert?", fragte ich mich. Ich sagte mir, dass ich mich noch mehr beherrschen musste und versuchen, ihnen weniger Sorgen zu bereiten, indem ich so tat, als ob alles in Ordnung wäre.

Denn wer könnte schon bis in alle Ewigkeit sich Sorgen machen um jemanden wie mich? Ich musste besser werden, weniger schlecht sein und besser werden .. am Besten ich vergrub einfach alle bösen Gefühle in mir und  … und … Ich wusste nicht was ich tun sollte um sie davon zu überzeugen, dass es mir besser gehen würde. Doch plötzlich viel mir eine Möglichkeit ein.

Ich musste Rik an mich heranlassen, denn - wie ich damals dachte - das war die einzige Lösung für mich, meine Freunde zu beruhigen und gleichzeitig nicht allzu verletzt zu werden. Sterben konnte ich nicht um ihnen diese Last von den Schultern zu nehmen, also musste ich so gut leben wie ich konnte.

Und das bedeutete die Kontaktaufnahme mit Rik. Ich wollte wirklich nur ihn an mich heranlassen - er würde schließlich auch nicht sterben von daher war das relativ risikofrei. Was ich jedoch ganz und gar nicht wollte war eine erneute Annäherung an Van und Ulf - denn sie würden mich früher oder später zurücklassen und das könnte ich nicht ertragen.

Eigentlich war es mir schon zu viel irgendjemanden an mich heranzulassen, zu zeigen wie schwach und erbärmlich ich doch in Wahrheit war. Aber mein rationaler Teil sagte mir, dass ich Hilfe brauchte, sagte mir, dass ich Probleme hatte. Psychische Probleme. Ziemlich große sogar.

Ein normaler Mensch könnte sich jemand neutralen, jemand professionellen suchen. Ich konnte das nicht. Natürlich konnte ich gehen, unter Menschen leben, doch ich konnte sie alle nicht im Stich lassen. Ich war letztendlich unwichtig als Individuum, aber wichtig als Verteidigungsmechanismus. So sah ich mich damals. Nicht mehr, nicht weniger. Als jemanden, dessen Wohlbefinden - dessen Gesundheit egal war, mochte ich noch so nahe am Abgrund stehen, solange die anderen okay waren, war mir das egal. Ich konnte nicht sehen wie sehr sie sich sorgten und wie sehr all das uns bedrohte und in den Abgrund reißen könnte…





Im Himmel blinken schon vereinzelt Sterne auf. Während ich auf meiner Fichte gesessen hatte, war die Sonne klammheimlich untergegangen, ohne dass ich es bemerkt hatte. Ich musste mehrere Stunden auf dem Baum gesessen haben. Unterdessen war der Mond aufgegangen und schickte nun seine weißen Strahlen über das Meer, die Bäume, die kleine Hütte, in der der Großteil von uns nun friedlich schlief und vor sich hin träumte, er schickte seine Strahlen über mich und alles andere.

Er schickte das Licht über mein Zuhause.

Ob ich wirklich sterben wollte? Nein eigentlich nicht. Es war nur so, dass ich in meinem Dasein keinen Sinn mehr fand. Und mal ehrlich: Wer kann ohne dein Sinn seines Lebens zu kennen schon leben und nicht nur existieren? Leben und existieren erschienen auf den ersten Blick das selbe zu sein, doch sind das genaue Gegenteil. Leben ist lieben, hassen, weinen, lärmen, schreien, hoffen, kämpfen ... Existieren ist essen, schlafen und absolute Leere im Kopf und im Herzen.

Ich hatte es so satt nur zu existieren!

Ich auf meine Uhr, weil ich wissen wollte wie viele Stunden es genau waren. Meine Augen weiteten sich vor Erstaunen, als ich der genauen Uhrzeit gewahr wurde. Es war Mitternacht. Geisterstunde, wie meine Mutter sagen würde - wenn sie denn noch leben würde. Ich konnte es kaum fassen, dass ich schon fast acht Stunden auf dieser vermaledeiten Fichte verbracht hatte. Auf ihr saß ich immer wenn ich emotional aufgewühlt war.

Ich blickte nach unten und sah, wie eine einzelne Träne in einem Flug, der Minuten zu dauern schien, nach unten tropfte und endlich auf den Boden aufschlug, um dort in tausend einzelne winzig kleine Partikel zu zerspringen. Apathisch sah ich auch weiterhin nach unten, längst nachdem die Träne zersprungen war. Ich hätte sie jederzeit fangen können - mit einem Zauberspruch, mit einem Sprung - ich hätte sie sogar noch in der Millisekunde, in der sie zersprang, retten können. Normalerweise tat ich das immer, weil ich nie zuließ, dass auch nur ein einziges Körperteil von mir aus der Reihe tanzte. Nicht einmal einer Träne, die außer mir niemand sah, hätte ich erlaubt, außer Kontrolle zu geraten.

Diese eine kleine Träne, die ich einfach fallen ließ, ohne sie aufzuhalten, gab mir das Gefühl, dass ich meinem Herz erlaubte wieder aufzutauen - etwas was nie geschehen durfte und auch nie geschehen würde, wie ich mir in diesem Augenblick schwor. Trotzdem blieb ein kleiner Funke von Misstrauen zurück und ich hatte das Gefühl, als hätte ich schon die Kontrolle verloren. Oder vielleicht … ganz vielleicht lernte ich endlich wieder Kontrolle abzugeben und nicht immer die kleine Miss Perfect zu sein.

Schließlich lehnte ich mich nach vorne und ließ mich einfach fallen - in der Hoffnung, so wie die Träne zu enden und ihr gleich in tausend Stücke zu zerspringen. Leider war es nicht so. Ich schwebte wie eine Feder zu Boden und kam so weich auf, als ob ich nur kurz in die Luft gehüpft wäre und sich unter mir zusätzlich zwanzig Matratzen befänden. Die spitzen Felsen unter mir hatten nicht einmal anflugweise irgendwas gebrochen. Wieder einmal hatten mich meine vampirischen Instinkte gerettet, die ich so sehr hasste und doch zugleich so liebte, da sie mich immer vor der ständigen Gefahr bewahrten und mein elendes Leben andauern ließen. Ich konnte nichts dagegen tun, zwar konnte ich sie kontrollieren, aber in solchen Situationen schalteten sie sich automatisch an und ich war machtlos ihnen gegenüber. Es war als ob ich besessen wäre und meinen Dämon nur bis zu einer bestimmten Grenze kontrollieren könnte.

Ich war zwar schon einmal besessen gewesen - das jedoch noch in meiner menschlichen Zeit - aber damals hatte ich wenigstens noch die Hoffnung gehabt, den Dämon wieder loszuwerden. Jetzt konnte ich auf so etwas nicht mehr hoffen, denn die einzige Möglichkeit wäre mich umzubringen. Doch das war so gut wie unmöglich. Ich konnte nicht verhungern, mich nicht ertränken, mich nicht zu Tode stürzen und nicht einmal Zyankali konnte mich umbringen - im Gegenteil, Zyankali ist richtig lecker und ziemlich nahrhaft für Vampire.

Alles was ich ausprobiert hatte, hatte mich nicht umgebracht sondern nur stärker gemacht. Anscheinend waren Vampire die Reinkarnation von dem Sprichwort 'Alles was mich nicht umbringt macht mich nur stärker'. Leider hatte ich keine Ahnung, was mich umbringen könnte und von allen meinen fehlgeschlagenen Versuchen war ich nun fast so stark wie King Kong. Sie hatte es irgendwann auch einmal gegeben - zumindest bis die ach so netten Menschen sie umgebracht hatten. Ja, richtig gelesen: King Kong war eine Sie. Und sie ist lesbisch gewesen.

Plötzlich knackte im Unterholz ein Ast und ich hob alarmiert den Kopf - nicht weil ich Angst vor einem erneuten Angriff hatte - sondern weil ich einfach nur alleine sein wollte. Denn dass es ein Campbewohner war, wusste ich daher, dass in meinem Kopf keine Alarmsirenen schrillten, die ich mir mit einem ziemlich komplizierten Zauberspruch dort eingerichtet hatte. Ich überlegte allerdings schon seit geraumer Zeit den Klingelton, und vor allem die Lautstärke und -länge, zu ändern. Schon nach einer Minute klingelten mir nicht nur die Ohren, sondern ich hatte das Gefühl am ganzen Körper zu zittern. Und glaubt mir - es ist verdammt schwierig den Gegenzauber zu finden wenn man sich nicht mehr sicher ist wo oben und wo unten ist.

Ich drehte mich um und wanderte gelassen zu der Lichtung. Während des Gehens fasste ich mir meine Haare wieder zu einem Dutt zusammen. Auch hatte ich mit einem Schnipsen wieder meinen gelben Faltenrock und das zartgelbe T-Shirt an. Selbst mein Haarband hatte sich wieder in Gelb gewandelt.

Äußere Ordnung half mir auch im Inneren geordnet zu bleiben. Dumm nur, dass ich Ordnung hasste.

Ich seufzte und setzte mich in das Gras, um die Sterne besser betrachten zu können. Der Mond schien sie fast zu überstrahlen, aber die Sterne waren gerade hell genug um sich neben ihm zu behaupten. Als ich den neuen Stern sah, der erst heute aufgegangen war, kamen mir fast die Tränen. Nur wenige wussten, dass die Sterne die Seelen der verstorbenen übersinnlichen Wesen waren und uns so für alle Zeiten begleiteten. All diejenigen, die eines gewaltsamen Todes gestorben waren, hatten die Farbe von Blut und wenn sie ihren Mördern nicht vergaben, würden sie nach und nach tiefschwarz werden und irgendwann verlöschen. ,,Ich hoffe, dass dieses Schicksal nicht von Sea Besitz ergreift, denn was mit den Seelen, die erloschen sind, passiert, weiß niemand und niemand möchte von so einem Schicksal ereilt werden", dachte ich und seufzte erneut. Dann ließ ich mich ins Gras fallen, welches immer noch von riesigen Pfotenabdrücken übersät war. Träumerisch starrte ich nun mein Sternzeichen an: Zwilling. Passt auch zu mir, da ich vor langer, langer Zeit einmal einen Zwilling gehabt hatte. Doch meine Zwillingsschwester war bei unserer Geburt gestorben, weil die Zauberkraft einer Hexe sich nicht teilen kann und immer nur einen Erben hat - die folgenden Kinder sind entweder ganz normale Menschen oder sterben schon früh im Mutterleib. Sie war nur noch nicht gestorben, weil es noch nicht entschieden war wer von uns die Zauberkraft erhalten sollte.

So gesehen war der Tod schon von Anfang an mein Begleiter. Obwohl für diesen Tod nichts konnte, fühlte ich mich nichtdestotrotz schuldig. Doch damit kam ich klar, weil ich wusste, dass sie mir nicht böse war.

Ich kann mich nicht an sie erinnern und sie somit auch nicht vermissen, denn wie kann man etwas vermissen, das man nie hatte - Geld mal ausgenommen.

Alles was ich konnte, hatte ich mir selbst beigebracht. Alle Zauberei, das Lesen und Schreiben, Rechnen und vieles mehr. Aber vor Allem habe ich mir eines beigebracht: Überleben - du kannst dich nur auf dich verlassen!

Meine Mutter hatte mich damals verteidigt, aber sie war nicht stark genug gewesen und gestorben. Ich vermisste sie manchmal, aber nicht oft. Meist vermisste ich ihren Duft oder ihre Stimme, denn an mehr kann ich mich nicht erinnern. Aber ich hatte das Gefühl, ihr etwas zu schulden - dafür dass sie ihr Leben für mich geopfert hatte - und ich sehnte mich danach, sie überhaupt vermissen zu können - als Person und nicht nur als einen flüchtigen Duft, der nur kurz in der Luft hängt und sich dann in nichts auflöst.

Dieses Gefühl, dieses Sehnen nach mehr als da ist, habe ich auch heute noch.

Es war damals meine persönliche Hölle. Ich wollte etwas fühlen, irgendetwas, aber ich hatte mein Herz so gut eingefroren, meine Maske so sehr perfektioniert, dass ich mein falsches Ich nicht mehr ablegen konnte. Es war, als ob ich mich immer mehr in dieser Einsamkeit verlöre und keiner mehr die wahre Ice hinter all meinen Panzern, all meinen Masken erkennen könnte.

Plötzlich spürte ich einen heftigen Schmerz in meiner Brust und ich bekam keine Luft mehr. In meinem Leben hatte man mir schon oft wehgetan - körperlich und seelisch.

Als ich die Ermordung meiner Mutter mit ansah, sie in ihrem eigenem Blut liegen sah und wusste, dass ich ihr nicht helfen konnte.

Als ich in dieser Schneewehe lag und fast erfroren wäre, kurz bevor Alisha und Ben mich fanden.

Als ich vor dem Grab meiner Mutter stand und den anderen Namen las, der zusammen mit ihrem auf dem Grabstein stand. Als ich das erste Mal jemanden im Kampf tötete.

Als ich spürte, wie Ben seine Zähne tief in meinem Hals versenkte und als ich dann später mit der Gewissheit aufwachte niemals zu sterben, doch alle anderen sterben zu sehen.

Der drückende, schnürende Schmerz der mich immer überkam, wenn ich einen Zusammenbruch hatte und der mich nach Luft schnappen ließ.

Und dann heute Nachmittag, als ich meine Cousine getötet hatte.

Doch dieser Schmerz nun war völlig anders. Er brannte wie ein Schwert, nahm mir den Atem wie ein Erlebnis, das dein Leben auf unangenehmste Weise prägt, drückte mich zusammen und er schmerzte in meinem Herz wie der Tod eines lange vermissten und gerade neu gefundenen Familienmitglieds. Es tat mehr weh wie alles zusammen.

,,Ich will nur noch vergessen, wie all dies mein Leben verändert hat. Ich will wieder das fröhliche Kind von früher sein und mein Leben unbeschwert von Schicksal, Hass und immer neuen Kämpfen leben können. Vielleicht könnte ich ein neues Leben als Einsiedlerin beginnen, aber was wird dann aus all denen, die ich immer noch liebe, obwohl ich nicht darf?!", dachte ich verzweifelt und drehte mein Gesicht weg vom Mond, da ich diesen Anblick nicht mehr ertrug. Leise schluchzte ich ins Gras und verschloss meine Ohren gegenüber allen Geräuschen, die nicht von mir kamen. Ich hörte nur noch, wie mein Atem stockend entwich, mein Herz mein Blut viel zu langsam durch meinen Körper pumpte und ich unter Schluchzen versuchte einen Kummer heraus zu schwemmen, der viel zu tief saß, um ihn mit Tränen zu bekämpfen. Es war ein stiller, leiser schmerz der mich immer und überall begleitete. Er war nicht wie meine sonstigen Zusammenbrüche, sondern andauernd. Hatte ich den Zusammenbruch überstanden, war es erst einmal wieder gut. Aber das hier … das hier hatte einen Geschmack von ewiger Einsamkeit in sich. Ich rollte mich zusammen, zog meine Knie an die Brust, vergrub meinen Kopf in  meinen Armen. Alleine würde ich es nie schaffen ihn zu vernichten und Hilfe wollte ich nicht, weil ich niemand anderen verletzen wollte. Ich wähnte mich vollkommen einsam, allein … für alle Ewigkeit …

Und so riss ich meine Augen überrascht auf, als ich plötzlich eine Hand in meinem Rücken spürte, die verzagt meine verspannten Schultern strich. Wer berührte mich da? Langsam drehte ich mich um, um zu sehen wer mich gestreichelt hatte, doch durch den Tränenschleier konnte ich kaum etwas erkennen. Ich erkannte ihn erst, als er mit sanfter Stimme fragte: ,,Warum weinst du?"

,,Rik?! Hast du mich gerade wirklich berührt?", fragte ich ungläubig und wischte mir wie nebenbei die Tränen aus dem Gesicht. Rik zog daraufhin schnell seine Hand, die immer noch auf meiner Schulter gelegen hatte, zurück, als ob er sich verbrannt hätte. Auch ich zuckte zurück, aber nicht, weil er mich berührt hatte, sondern weil er mich anstarrte wie einen Tiger, der tief verwundet war und der dadurch nur umso gefährlicher geworden war. Ich kam mir vor wie ein Monster, weil er fast Angst vor mir hatte.

,,Entschuldige. Ich wollte dich nicht belästigen, aber du sahst so traurig aus, dass ich dir einfach helfen wollte. Ich wollte dich wirklich nicht verärgern", sagte er mit leiser Stimme und gesenktem Blick.

Ich starrte ihn an. Und brach zusammen. Er wirkte so besorgt, wegen mir? War er besorgt wegen … nein um mich? Es war schön gewesen, wieder einmal ein Berührung zu spüren, die nicht von einem Schwert oder Klauen herstammte. Nicht immer die starke und unnahbare Ice sein zu müssen, alle Schutzmauern im Schutze der dunklen Nacht fallen zu lassen und vielleicht sogar einmal verletzlich und anschmiegsam zu sein. Nur ein letztes Mal gefühlvoll sein, bevor ich jegliche Gefühle verbannen musste, um niemanden, nicht einmal mich selbst, zu verletzen.

Ich klammerte mich an ihn und als er seine Arme um mich schlang und mich sanft von einer Seite auf die andere wiegte brachen all meine Dämme.

Weinend lag ich in seinen Armen.
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