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von Kaepsele
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P18 Slash
Eskel Lambert OC (Own Character) Vesemir
29.12.2017
23.05.2020
53
201.098
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23.05.2020 5.579
 
Eskel atmete tief und bewusst ein. Ließ die Luft seine Lungen ausdehnen. Dann strömte sein Atem langsam wieder aus.
Wer nervös ist, stirbt zuerst, hatte Vesemir ihnen mehr als einmal eingebläut.
Aber gerade konnte der Hexer seine Unruhe nicht gänzlich ablegen. Immerhin war er kurz davor, einem besonderen Kampf entgegenzutreten. Zu gerne hätte er schon sein Schwert gezogen, bloß um das beruhigende Gefühl des vertrauen Stahls in seiner Hand heraufzubeschwören. Aber das wäre ihm nur als Schwäche ausgelegt worden.
Also ließ er seine Hand auf dem Beutel mit dem Bomben ruhen, als er einen kleinen Bachlauf überquerte und auf das fragliche Domizil zuging.
Er klopfte.
„Moment!“
Aus dem Inneren drangen die typischen Geräusche und Gerüche einer kräuterbasierten, alchemistischen Arbeit zu ihm durch. Das gläserne Klappen von Gerätschaften, das Zischen von kleinen Flammen, das irritierende Kitzeln, wenn mehrere ätherische Öle sich in der Luft vermengten und die Augen und Nase reizten.
Endlich stellten man diese Tätigkeiten ein und die Tür wurde geöffnet.
Eskel spannte all seine Muskeln an, versuchte seiner Aufregung Herr zu werden und … lächelte. „Hallo, Iga. Ich –“
Weiter kam er nicht, weil ihm die Tür vor der Nase zugeknallt wurde. „Verzieh dich“, drang es gedämpft von innen nach draußen.
Eskel spürte einen dumpfen Schmerz in seiner Brust. Er hatte den ersten Treffer in dieser Auseinandersetzung kassiert, aber das hatte er sich schon im Vorhinein gedacht. Nun war es an ihm, nachzusetzen.
Drinnen wurde wieder das Klappern aufgegriffen, aber nun waren auch Flüche zu hören und ein Klirren, als ein Glas zu Bruch ging. Iga stöhnte frustriert auf.
Eskel öffnete die Tür und wurde von einem rötlichen Nebel in Empfang genommen, dem er schnell wieder nach hinten auswich. Er würde es gerne vermeiden, einem von Igas schief gelaufenen Experimenten zum Opfer zu fallen.
Tiefe Falten zerfurchten Igas Stirn, als sie das zerbrochene Glas auf dem Boden musterte. Sie richtete ihren Blick nicht auf, sondern starrte weiter hinunter, als sie grollte: „Ich … ich habe gesagt, dass du … gehen sollst!“
Vielleicht hätte Eskel das tatsächlich getan. Wenn Iga während ihrer Worte nicht ins Stottern gekommen wäre und nicht ihre Augen geschlossen hielt, offensichtlich um ihre Tränen zurückzuhalten und um ihre Stimme einigermaßen im Zaum halten zu können. Er hörte ihren angespannten Atem, den sie stoßweise und unregelmäßig ausstieß.
Vorsichtig näherte sich Eskel. Verletzte Gegner waren diejenigen, die sich mit der größten Vehemenz wehrten. Als er auf Scherben trat, denen er nicht ausweichen konnte, blickte die Halbelfe auf.
„Iga … ich-“
Und auch hier ließ sie ihn nicht aussprechen. Iga drängte sich an ihm vorbei, aus der Tür nach draußen. „Lass mich in Ruhe!“
„Hey! Iga!“ Miro, der draußen auf der anderen Uferseite vor einer Hütte auf einer Bank gewartet hatte, sprang auf und lief seiner ehemaligen Mentorin ein Stück weit nach, die in den nahen Wald stürmte. Verwirrt sah der Junge ihr nach, bevor er sich an Eskel wandte.
Dieser schüttelte den Kopf. „Wir sollten ihr etwas Zeit lassen. Ich glaube … wir haben sie ein wenig überrumpelt.“
Miro blickte wieder zu der Stelle, an welcher Iga hinter den Bäumen verschwunden war. Er seufzte, drehte sich dann mit einem Lächeln zu seinem Lehrer um, das einen guten Teil an Miros üblicher Strahlkraft vermissen ließ. „Nun … wir haben zwei Jahre auf ein Wiedersehen gewartet … was machen da schon ein paar Stunden mehr?“
Der Junge ging zur Bank, auf der er zuvor Platz genommen hatte und nahm behutsam das Bündel auf, das er dort zurückgelassen hatte. Dann bedeutete er Eskel mit einer Geste, ihm zu folgen. „Komm, ich stell euch dem Dorf vor!“



Die Herbstsonne färbte den Horizont langsam in einem angenehmen Orangeton, als Iga endlich wieder Herrin über sich selbst wurde. Das Zittern in ihren Gliedmaßen ließ nach, sie konnte wieder ruhig atmen und endlich versiegten auch ihre Tränen. Außerdem hatte sie nicht mehr das Gefühl, kraftlos zusammenzusacken und vom Ast zu fallen, auf dem sie sich im Wald zurückgezogen hatte.
Eskel zu sehen hatte zunächst eine Welle des Hasses in ihr ausgelöst. Er hatte bewusst und ohne Rücksicht auf sie eine Wunde aufgerissen, die Iga so lange geleckt hatte und die nur schwer heilte. Wenn überhaupt.
Es war ihr fast, als hätte sie wieder dort gestanden, in der Großen Halle. Und alle gegen sie.
Aber nach dieser ersten Emotion war sie nun etwas zur Ruhe kommen. Während der letzten Jahre hatte sie viel über all das nachgedacht, was auf Kaer Morhen passiert war. Und sie hatte sich sogar überlegt, wie sie reagieren würde, wenn einer von ihnen ihr gegenüberstände. Von spontanen Mordanschlägen bis zu Heulkrämpfen vor versammelter Mannschaft war alles dabei gewesen. Nur eines nicht.
Weglaufen wie ein Feigling.
Du empfindest zu stark, hatte Florin einmal zu ihr gesagt.
Mit einem Lachen hatte Iga damals geantwortet, dass sie nur deswegen auch so intensiv lieben könne.
Und mit einer unglaublichen Härte hassen, hatte der Magier vor Jahrzehnten geantwortet.
Mittlerweile war sich Iga bei diesem letzten Punkt nicht mehr ganz sicher. War es wirklich Hass, den sie gegenüber Florin, Lambert, Miroslaw und Eskel empfand?
Nein, antwortete sie sich. Es waren andere Emotionen, von denen Iga nur dachte, sie wären Hass.
Da war Angst. Angst, dass Miro genau das gleiche Schicksal teilten würde, wie ihre beiden Söhne, die entweder nur den Krieg kannten oder bloß den Tod kennengelernt hatten. Wie konnte sie das einem kleinen Jungen wünschen?
Dann war da Misstrauen, vor allem gegenüber Lambert. Sie hatte gesehen wie der Hexer mit dem Jungen umgegangen war. Und ja, auch wenn er über die gemeinsamen Wochen hinweg immer mehr gegenüber Miroslaw aufgetaut war, hatte Iga ihm nicht glauben können, dass er sich gut um den Jungen kümmern konnte. Er hatte keine Ahnung von Kindern.
Und dann war da die Enttäuschung, das größte und mächtigste Gefühl in diesem Gefüge.
Die Enttäuschung, nicht gut genug und ausreichend für Miroslaw gewesen zu sein. Die Enttäuschung darüber, dass niemand ihr bis zu dieser allerletzten Minute etwas gesagt hatte, noch nicht einmal angedeutet. Die Enttäuschung darüber, dass weder Eskel, in dessen Armen sie sich so sicher und geborgen gefühlt hatte, noch Florin, der schon so lange treu an ihrer Seite gestanden hatte, ihr in die Augen hatte sehen können, um ihr das zu sagen.
Diese ganze giftige Mischung war dann auf das unbändige Verlangen getroffen, unbedingt nach Heddel zu gehen, um dort ihren Leuten zu helfen.
Es hatte keine zwei Monate gedauert, da hatte sie ihren Ausbruch auf Kaer Morhen zutiefst bereut. Gegangen wäre sie so oder so, wegen dem Dorf. Aber dass sie alle so verletzt hatte … das erschien ihr aus heutiger Sicht etwas voreilig gewesen zu sein.
Aber Iga hatte auch keine Intension, die Situation aufzulösen. Zwar hatte sie schon darüber nachgedacht, Florin einen Brief nach Oxenfurt zu schicken und – falls dieser nicht zustellbar wäre – wieder die beschwerliche Reise zur Hexerfeste anzutreten.
Aber Iga wusste, dass sie das niemals tun würde. Stolz, Sturheit, Uneinsichtigkeit – man konnte es nennen, wie man wollte, aber Iga würde nicht nachgeben und vielleicht eine kleine Schuld bei sich selbst einsehen. Dafür empfand sie sich viel zu sehr in der Rolle der Übergangenen, als derjenigen, die im Recht war.
Aber …, meinte nun eine leise, fast stumme Stimme in ihr, … was, wenn Eskel sich entschuldigen wollte? Und du hast ihm gar keine Chance dazu gelassen … uns jetzt ist er vielleicht wieder fort … und kommt nie wieder zurück …
Dieser Gedanke nagte gerade an ihr, als sie ein Knacken und Schleifen im Wald hörte und sich nach dem Geräusch umsah.
Nach ein paar Augenblicken konnte sie von ihrem Hochsitz im Baum aus erkennen, dass Arne sich seinen Weg durch den Wald in Richtung Dorf suchte. Und offenbar auch zu ihr, denn der Mann blickte gleich nach oben auf das Geäst ihres Rückzugsortes und nickte ihr dann zu. „Ach, da bist du, Iga“, brummte er in seinem tiefen Bariton.
Arne war seines Zeichens Holzfäller – weswegen er auch den Stamm eines jungen Baumes hinter sich herzog, der das schleifende Geräusch mit sich gebracht hatte und ein schweres Beil über der Schulter trug. Vermutlich hätten zwei, wenn nicht sogar drei Männer den Stamm tragen müssen; Arne zog den Riemen des Baumgeschirrs ohne große Mühe hinter sich her.
Iga hatte Arne kennengelernt, als sie vor zwei Jahren seine Hilfe zur Rettung des Dorfes gebraucht hatte. Überraschenderweise war er anschließend einfach geblieben. Während dieser Zeit hatte sich die Halbelfe mit dem riesigen Mann angefreundet, nicht zuletzt, weil er ziemlich gut wusste, wie es war, mit zwei Beinen in völlig unterschiedlichen Welten zu stehen.
Nun warf er der älteren Frau einen fragenden Blick nach oben zu. „Was machst du da überhaupt?“
„Ich … habe überraschenden Besuch bekommen.“
„Und über den hast du dich so gefreut, dass du wie ein scheues Kätzchen den Baum hochgekraxelt bist und jetzt nicht mehr alleine runterkommst?“ Der Hüne gab ein Glucksen von sich, das wie gedämpfte Paukenschläge klang.
Iga ging nicht auf seinen Scherz ein, wie sie es sonst tat. Die Sache war ihr ernst. „Erinnerst du dich an den Jungen, von dem ich dir mal erzählt habe? Der aus Heddel stammt und nun bei ein paar Hexern lebt?“
Arne kratzte sich an der Wange, die unter einem dichten, schwarzen Vollbart verborgen lag. „Dieser Miroslaw?“
„Ja. Einer der Männer, bei denen er geblieben ist, stand heute in meiner Hütte. Ganz plötzlich. Ohne Vorwarnung.“
„Und hast du ihn gefragt, wie es deinem Jungen geht?“
„Nein …“ Iga schämte sich. Sich nach Miro zu erkundigen war ihr noch gar nicht in den Sinn gekommen. Es war immer nur um sie gegangen und wie es ihr ging. Keine Sekunde hatte sie über Miro nachgedacht. Kein Wunder, dass er nicht mehr bei mir bleiben wollte … wo mir mein eigenes Ego doch wohl so viel wichtiger ist, als er selbst …
„Dann würde ich vorschlagen, dass du zumindest das tust“, riss Arne Iga aus ihren düsteren Gedanken. „Ich weiß, dass du mir nie alles anvertraut hast, was da zwischen dir, den Hexern und dem Jungen vorgefallen ist. Noch nicht einmal Magda weiß alles … aber ich weiß ganz genau, was dir dieser Junge bedeutet. Und das solltest du nicht einfach so wegschmeißen.“
„Ich weiß nicht, ob ich das einfach so kann …“, erwiderte sie. „Es … ist viel Schlimmes gesagt worden. Ich habe viel Schlimmes gesagt.“
„Aber offenbar war es nicht schlimm genug, um dem Mann von einem Besuch abzuhalten“, gab Arne zurück. „Du weißt doch, dass ich mal in einer Zwergenstadt gelebt habe?“
Mit gerunzelter Stirn nickte Iga. „Und was hat das damit zu tun?“
„Die Zwerge dort haben ein Sprichwort, das sie gerne verwenden, wenn es um Elfen geht.“
„Welches?“
„'Ein Zwerg ist weder Kuh, noch Elf. Er kann seine Meinung ändern.'“
Iga schnaubte. „Du meinst also, ich solle an meine menschliche Hälfte appellieren?“
„Das tue ich bei mir jeden Tag“, erwiderte Arne. „Mit sichtlichem Erfolg.“
Iga dachte darüber nach … und nickte schließlich. „Möglich, dass du damit recht hast.“
„Dann kommst du jetzt runter?“
Die Halbelfe schüttelte den Kopf. „Ich … brauche noch einen Moment.“
„Schön. Aber wenn du nicht in einer halben Stunde in Heddel auftauchst, werde ich nach dir suchen müssen. Magda zieht mir sonst noch das Fell über die Ohren, wenn ich dich bei Einbruch der Dunkelheit alleine im Wald zurücklasse.“ Der massige Hüne schien von der Aussicht, von der kleinen, resoluten Hüterin gescholten zu werden, tatsächlich eingeschüchtert zu sein.
Iga lachte. „Ich werde zusehen, dass du kein böses Wort von deiner Frau zu hören bekommst. Auch, wenn ich mir sicher bin, dass sie dich nie mit ihrem wirklich verärgerten Blick bedenken würde.“
„Hm“, machte Arne nur und setzte sich mit dem Baumstamm in Bewegung, Richtung Dorf.


Miro bildete nun schon seit Stunden den Mittelpunkt des Dorfes, indem er am Lagerfeuer auf dem Dorfplatz stolz von seinen Reisen und bisherigen Erfolgen als 'Hexer in der Ausbildung' erzählte, während die einfachen Menschen ihn mit großen Augen und offenen Ohren folgten und die Erzählungen des Jungen nur dann und wann unterbrachen, wenn sie mit ungläubigen Nachfragen die unglaublichsten Geschichten auf die Probe stellten.
Eskel hielt sich im Hintergrund. Die Hüterin des Dorfes – Magda, wie Miro sie ihm vorgestellt hatte – hatte dem Hexer einen Platz auf ihrer Bank vor ihrer Hütte angeboten, auf der sie beide saßen und von dort aus den Erzählungen lauschten. Es war schön, die Ruhe mit ihr zu genießen.
„Ihr habt schon so viel erlebt, Meister Hexer“, meinte die junge Frau dann irgendwann in die Stille hinein. „Miro ist erst zwei Jahre bei Euch und dennoch kommt es mir so vor, als wären für ihn mehrere Leben vergangen.“
„Er fühlt sich wohl … und genießt das Leben, dass ihm als Hexer bevorsteht. Manchmal denke ich, dass er für den Pfad geboren worden ist. Und das, obwohl dieser Weg gefährlich ist.“
„Furcht im Zusammenhang mit Monstern hat Miroslaw noch nie so empfunden, wie es ihm gutgetan hätte“, meinte Magda und strich sich über ihren Bauch. „Nur, wenn er das Leid für andere sehen musste, bekam er Angst.“
„Die Faszination für Kreaturen jeglicher Art ist es auch meistens, das ihn in Schwierigkeiten bringt. Sicher wird er nicht in einem normalen Kampf sterben, sondern weil er sich etwas ansehen wollte, was der Bestie unangenehm war.“
Der Hexer wollte sich für seine Worte entschuldigen, da er den möglichen Tod seines Schützlings angesprochen hatte, der für ihn als Monsterschlächter jeden Tag anstehen konnte, aber für Magda vielleicht grausam wirken konnte.
Zu Eskels Überraschung lachte sie leise. „Das klingt ganz nach ihm.“
Die beiden verfielen wieder in ein Schweigen, als Eskel Schritte aus dem Wald wahrnahm. Zuerst hatte er sich erhofft, dass es vielleicht Iga war, aber gleich darauf wurde ihm klar, dass das nie und nimmer sein konnte. Die Schritte waren zu laut und wurden von einem Schleifen begleitet, das er nicht einordnen konnte.
Statt der Halbelfe schälte sich der Umriss eines Mannes aus dem Schatten der Bäume. Ein wahrer Muskelberg, der einen Baumstamm, den Eskel nur mit Mühe und Not alleine hätte schleppen können, wie einen Ast zog und neben einem Holzlager ablegte.
Mit langen Schritten, die trotz seiner Körpermasse ungemein leicht daher kamen, eilte der Holzfäller auf den Hexer und die Hüterin zu. Und da schlug Eskel der Geruch des Mannes entgegen und er musste sich beherrschen, nicht sofort nach seinem Silberschwert zu greifen.
Magda, die den Holzfäller nun ebenfalls entdeckt hatte, stand freudig lächelnd auf und rannte auf ihn zu. Sie umarmte ihn zunächst, dann küssten sie sich, wobei sie sich auf die Zehenspitzen stellen und er sich tief nach unten beugen musste.
Eskels Blick wanderte unwillkürlich zu Magdas Bauch, der keinen Zweifel daran ließ, dass sie ein Kind erwartete. Offenbar von dem Mann, der wie ein Ungeheuer stank.
Das Auftauchen des Mannes war auch Miro nicht verborgen geblieben, der ebenfalls in der Luft schnupperte, ehe er das Bündel in seinen Händen in die Arme eines älteren Mädchens übergab und sie bat, kurz darauf aufzupassen.
Dann huschte er auf Magda und den Holzfäller zu. „Du musst Arne sein“, begrüßte er den Hünen, der nickte.
„Und du Miroslaw.“
Eskel runzelte die Stirn. Woher wusste der Holzfäller das? Die beiden konnten sich noch nie begegnet sein, da Miro überrascht gewesen war, als Magda dem Jungen von ihrem Ehemann erzählt hatte, den sie erst seit knapp zwei Jahren kannte.
Und natürlich hielt sich der Junge nicht so zurück, wie Eskel. Miroslaw schnupperte noch einmal in der Luft, dann sagte er geradeheraus: „Du bist ein Werwolf.“
Der Holzfäller wirkte überrascht und sprachlos, als Magda ihm zur Hilfe kam. „Zum einem gehört es sich nicht, Leute so bloßzustellen, Miroslaw. Du weißt nie, in welcher Situation sie sich befinden. Und in aller erster Linie ist Arne mein Mann. Und ein guter dazu.“
„Dann schlägt er dich nicht?“, hakte Miro mit seinem wie immer entwaffnend neutralen Tonfall nach.
„Niemals“, warf der Mann nun knurrend ein und Eskel erhob sich. Ihm gefiel es nicht, eine unbekannte Größe in seiner Nähe zu wissen. Er kannte diesen Arne nicht, wusste aber aus eigener Erfahrung, dass Werwölfe unberechenbar sein konnten, wenn sie sich in die Enge gedrängt fühlten.
„Miro … Arne ist schon als Kleinkind verflucht worden“, erklärte Magda dem Jungen. „Deswegen hat er wesentlich mehr Kontrolle über alles, als andere Lykanthropen. Und er würde mir nie wehtun.“
„Nicht so wie deine anderen Männer?“
Magda sah ihren Gefährten an und lächelte. „Nein. Niemals.“
Miroslaw legte den Kopf schief. „Wenn das so ist … mag ich dich, Arne.“
Für einen Augenblick war es still, dann lachte der Gestaltenwandler mit seiner tiefen, volltönenden Stimme. „Da habe ich wohl noch mal Glück gehabt!“
Dann wandte sich Miro wieder ab und ließ sich sein Bündel von dem Mädchen wieder aushändigen.
Eskel trat auf das Ehepaar zu. „Ihr seid als Kind verflucht worden?“
Arne nickte. „Vermutlich war meine Mutter das eigentliche Ziel, aber zu der Zeit mit mir schwanger. Aber … ich weiß es nicht genau. Seit ich denken kann, war ich ohne meine Eltern.“
Der traurige Ausdruck in seinen Augen hielt Eskel von weiteren Nachfragen in diese Richtung ab. Wie eine menschliche Frau einen Werwolf zur Welt bringen sollte, ohne dabei zu sterben, konnte sich der Hexer nicht vorstellen.
Kurz und mit leichter Besorgnis wanderte Eskels Blick wieder zu Magdas Bauch, ehe er sich wieder an den Holzfäller wandte. „Dann besteht auch keine Hoffnung, herauszufinden, worauf der Fluch abzielt?“
„Auf Heilung hoffe ich schon lang nicht mehr, Meister Hexer“, erwiderte der Holzfäller. Dann blickte er auf die Frau hinab, die einen Arm um seine Mitte geschlungen hatte und sich an ihn schmiegte, als sei er eine eigene, kleine Sonne, die nur sie und das Herz ihres ungeborenen Kindes wärmte. „Aber ich habe etwas viel Besseres gefunden.“
Mit einem Lächeln verabschiedete sich das Paar und nahm auf der Bank Platz, auf der Eskel zuvor mit Magda gesessen hatte. Die offensichtliche Liebe, die sie für einander teilten, war beides: wunderschön anzusehen und verdammt schmerzhaft.
Denn nun wurde dem Hexer wieder bewusst, dass er alleine da stand.
Dem Pulk der Dörfler wollte er sich nicht anschließen. Eskel sah sich gerade nach einem anderen Ort zum Verweilen um, als ihm eine Gestalt am Haus jenseits des kleinen Bachs auffiel.
Iga.
Sie hatte ihn wohl im Auge gehabt, denn sofort, als er sie bemerkte, nickte sie ihm grüßend zu. Eskel zögerte noch einen Moment, dann ging er auf sie zu. Mehrere Meter vor ihr blieb er stehen. Er wollte nicht, dass sie erneut das Gefühl hatte, er wolle sie einengen und dass sie daraufhin verschwand.
„Iga.“
„Eskel.“
Auch wenn er sich wegen der einsetzenden Dämmerung nicht sicher sein konnte, meinte Eskel doch erkennen zu können, dass Iga gerötete Augen hatte. Als hätte sie geweint.
Der Hexer wollte gerade ansetzte, als sie ihm zuvor kam.
„Es tut mir leid“, gab sie bekannt und fügte eilig hinzu: „Dass ich abgehauen bin. Vorhin. Ich … hätte dich ausreden lassen sollen. Und ich wollte dich fragen, wie es Miro wohl geht.“
„Miroslaw geht es gut“, antwortete der Hexer, verriet ihr aber noch nicht, dass er nur ein paar Dutzend Meter weiter an einem Lagerfeuer saß und die Dörfler mit seinen Geschichten unterhielt. Offenbar hatte sie die Rufe des Jungen am Mittag gar nicht bemerkt, weil sie so mit Weglaufen beschäftigt gewesen war.
„Und … was hast du vorhin sagen wollen?“, hakte sie unsicher nach.
„Dass es mir leidtut, wie alles auseinander gegangen ist.“ Er sagte nichts von Schuld. Denn die empfand Eskel nicht.
Es war so offensichtlich, dass Miroslaw sich damals richtig entschieden hatte. Es wäre einer Lüge gleichgekommen, zu behaupten, dass es ein Fehler gewesen sei, den Jungen als Anwärter aufzunehmen.
Iga atmete gedehnt. „Ja … mir auch.“
Eskel sah ihr direkt in die Augen. In ihnen sah er so vieles. So viel Unausgesprochenes. Aber vor allem eins: echte Reue. Und Bedauern.
Und das war wesentlich mehr, als der Hexer sich erhofft hatte.
Er schluckte. Es fühlte sich nicht so an, als könnte er direkt da ansetzten, also wechselte er zunächst das Thema, wie er es oft tat, wenn er im ersten Moment nicht weiterwusste.
„Wie … ist es dir seit dem ergangen?“ Er blickte kurz über die Schulter zu dem Dorf. „Offenbar konntest du Heddel helfen.“
„Ja.“ Sie seufzte und erzählte dann weiter: „Nachdem ich … gegangen bin, habe ich die Spur von Iorweths Truppe verfolgt. Ich habe sie auch eingeholt und dann Keira … äußerst höflich gebeten, mich nach Hause zu bringen.“
Eskel musste lächeln. Er hatte Iga damals verfolgt – mit Abstand und im Verborgenem. Seine Sorge, sie könnte alleine da draußen erfrieren, war einfach zu groß gewesen. Kurz vor dem Lager der Rebellen hatte er auch Teile des genannten Gespräches mitbekommen – und es waren deutlich mehr Schimpfworte, Drohungen und Flüche zum Einsatz gekommen, um es noch guten Gewissens als 'höflich' zu bezeichnen.
„Metz hat mich auch nach einiger Überlegung über mehrere Portale zu den Sturmfeldern gebracht. Aber als ich ankam, war es fast schon zu spät.“ Sie senkte ihre Stimme. „Das Dorf hat in meiner Abwesenheit wieder Reizwäsche angefertigt … ein Umstand, weswegen Heddel schon vor Jahrzehnten vom Hierarchen von Novigrad mit einer Strafe belegt worden war. Und leider war es dem heuchlerischen Geldsack auch dieses Mal nicht verborgen geblieben. Er hat Männer geschickt, die uns eine Geldstrafe auferlegt haben. Leider wurde Magda dabei erwischt, wie sie die schwarze Kerze benutzt hat, um mir Bescheid zu geben. Die Männer haben sie mitgenommen, weil sie angeblich eine 'böse Hexe' sei, die 'finstere Magie' praktiziere. Sie wollten sie in Novigrad verbrennen.“
Eskel spannte sich an. Die Lage der freien Stadt nahm immer abscheulichere Züge an. Er hatte das Gefühl, dass die Situation bald kippen könnte und etwas daraus entstand, dass sich niemand wünschen konnte.
„Also bin ich nach Novigrad aufgebrochen. Ich habe es geschafft, Magda vor dem Tag ihrer geplanten Hinrichtung einige Kirschlorbeer-Blätter im Gefängnis zukommen zu lassen. Als die Wachen sie am nächsten Morgen auf den Platz des Hierarchen schleppen wollten, fanden sie Magda bewusstlos vor - tot, in ihren Augen.“
„Das war wagemutig“, warf Eskel ein. Er wusste natürlich, dass die Pflanze giftig war und Bewusstlosigkeit hervorrufen konnte. Aber eine Vergiftung war immer riskant, selbst wenn man sie bewusst herbeiführte.
„Ich weiß, aber … ich habe keinen anderen Ausweg gesehen. Und offenbar war es den Behörden ein Gräuel, eine Tote zu verbrennen. Die schreien ja auch weniger und dienen so nicht wirklich der Abschreckung, wie sie es eigentlich sollten“, ergänzte Iga äußerst zynisch. „Jedenfalls haben sie Magda zur Leichenhalle gebracht. Dort habe ich einen der Wärter … nett gebeten, mir den Körper auszuhändigen.“ Dabei nickte Iga in Richtung des Holzfällers.
„Du hast Arne erpresst, nehme ich an?“
„Ich habe gedroht, dass ich allen verrate, dass er ein Werwolf ist und in weniger als zwei Tagen auf dem Scheiterhaufen landen könnte. Aber ich glaube, Arne wollte ohnehin von dort weg. Er wusste einfach bloß noch nicht, wohin er sonst sollte. Von dem her haben wir uns beide benutzt. Und wie man sieht, ist nur Gutes daraus entstanden.“ Mit einem Lächeln lag Igas Blick nun auf Magda und ihrem Schwangerschaftsbauch.
„Und … wie erging es euch?“
Eskel zögerte. Er wollte seine letzten Jahre realistisch darstellen, aber ihr nicht das Gefühl geben, dass alles ohne sie gut gewesen wäre. Denn für ihn war es – trotz Miroslaw, Lambert und Florin – eine einsame Zeit gewesen.
Und Miro hatte ebenfalls sichtlich darunter gelitten, auch wenn man das bei seiner durchgängigen Fröhlichkeit nicht gleich sehen konnte. Genauso wie der Zauberer, der sich natürlich auch nichts anmerken lassen wollte, ihnen allen zuliebe. Nur Lambert hatte sich ziemlich schnell damit zurechtgefunden.
„Es hat sich vieles verändert“, fing der Hexer an. „Im Frühjahr sind wir weiterhin auf dem Pfad, zusammen mit Miro. Und in den kalten Monaten versuchen wir, aus Kaer Morhen wieder ein Zuhause zu machen. Florin hilft uns viel mit seiner Magie, deswegen geht es gut voran.“
Eskel überlegte, ob er Iga auch davon erzählen sollte, wie de Challant die Kräuterprobe und die Mutationen für sich neu interpretiert hatte. Der Magier war zu dem Schluss gekommen, dass die Erfolgschancen wesentlich höher waren, wenn man die Mutationen auf jeden Probanden individuell anpasste, indem man den Anwärter vorher Testproben aussetzte und alles auch in größeren Zeitabständen statt finden ließ, damit sich der Körper besser darauf einstellen konnte.
So hatte Miro im letzten Winter die meisten seiner Sinne schärfen lassen und dieses Jahr würden Mutationen folgen, die seine Augen veränderten, sein Wachstum förderten und seine Muskeln aufbauten. Und so wie es sich darstellte, würde es ein voller Erfolg werden. Nächstes Jahr würden dann voraussichtlich die letzten Veränderungen folgen.
„Und Miro … fügt sich gut ein?“
Eskel fühlte sich beinahe ertappt, als sie erneut den Jungen erwähnte. Und nun wollte er sie auch nicht länger von ihm fernhalten. Der Hexer wusste, dass sie Miro unbedingt sehen wollte und seine Fragen waren fürs Erste geklärt. Für alles weitere würde er sich gedulden müssen. Aber Langmut war eine Eigenschaft, die er schon als Kind besessen hatte.
„Warum fragst du Miro das nicht selbst?“
Iga blickte überrascht auf. Und genau in dem Augenblick lachte jemand am Lagerfeuer. Unverkennbar Miroslaws glockenhelles Gelächter.
Sie sah noch kurz zu Eskel, dann ging sie an dem Hexer vorbei auf die Dorfmitte zu. Eskel folgte ihr mit etwas Abstand. Etwa auf der Hälfte des Weges wurde die Halbelfe dann von Miroslaw entdeckt.



„Iga!“
Als Miro die Frau erblickte, stand er eilig auf und rannte so schnell er es mit dem Bündel in seinen Armen verantworten konnte, auf sie zu. Als sie nur noch wenige Meter auseinander standen, hielt der Junge inne. Er wollte Iga nicht verscheuchen, auch wenn er sie jetzt am liebsten in seine Arme genommen hätte. Miro hatte lang genug darauf gewartet und jede weitere Minute war eine Qual.
Dennoch schwiegen sie zunächst.
Bis ein klagendes Wimmern vom Bündel in Miros Armen heraufstieg. Der Junge wippte es leicht und versprach ihm flüsternd: „Ich mach dir gleich was zu essen.“
„Was ist das, Miro?“ Iga starrte nun angespannt den Mulltuchhaufen an, den Miro so sicher hielt.
Der Junge grinste. Er hatte so lang darauf warten müssen, Iga sein neuestes Familienmitglied zu präsentieren, dass er das Bündel beinahe vor Aufregung fallen gelassen hätte, als er es ihr nun entgegenstreckte.
Mit einem breiten Lächeln und stolzer Brust stellte er vor: „Das ist Arty.“
Fassungslos fiel Iga auf die Knie und nahm regungslos den Säugling entgegen, den Miro nun in ihre Arme legte. Sie atmete stockend.
Miros Grinsen blieb bestehen. Die Überraschung war gelungen! Und auch wenn Iga gerade noch überfordert wirkte, würde sie sich bestimmt gleich für ihn freuen.
„Aber … woher kommt dieses Kind, Miro?“, fragte Iga immer noch fassungslos.
Der Angesprochene grinste breit. „Er ist mein Überaschungskind.“
„Was?!“, stieß sie nun so laut aus, das Arty nun lauter weinte und Miro war kurz versucht, seinen Jungen wieder zurückzunehmen. Aber Iga wiegen Arty und beruhigte den Säugling mit einigem Flüstern und einer gesummten Melodie. Miro erinnerte sich an das Lied; Iga hatte es ihm selbst manchmal vorgesungen.
Arty wurde schnell wieder ganz ruhig.
Also erzählte Miro, wie er zu seinem Kind gekommen war. „Ich habe jemanden vor dem Tod gerettet und mich als Hexer zu erkennen gegeben. Man fragte mich nach einer Bezahlung, ich habe das Recht der Überraschung genannt und Arthur bekommen.“
Er lächelte auf das Baby hinab, das für ihn beinahe augenblicklich zu einem Fixpunkt in seinem Leben geworden war. Wenn es Arty gut ging, konnte Miro keine andere Stimmung haben und wenn es dem kurzen Kleinen – wie Lambert den Neuzugang getauft hatte – schlecht ging, dann hatte es die höchste Priorität für Miro diesen Umstand wieder ins Positive abzuändern. Denn bei einer Sache war er sich ganz sicher: „Es war Schicksal.“
Iga drehte sich zu Eskel um, der nur mit den Schultern zuckte. „Ich war nicht dabei. Ich habe das Kind nur mit Miro abgeholt.“
„Es ist passiert, als ich mit Lambert gerade auf den Pfad gegangen bin. Der erste Auftrag des Jahres“, erklärte Miro nun. „Lambert war auf der Jagd nach einem gefährlichen, schwarzen Drachen und hatte mir gesagt, dass ich im Gasthof in Sicherheit bleiben sollte. Das habe ich auch gemacht. Also, zum Großteil. Als Lambert wiederkam, hatte ich Arty bereits.“
„Und Lambert konnte nichts dagegen machen, weil das Recht der Überraschung galt. Selbst, wenn Miro noch kein vollwertiger Hexer ist“, ergänzte Eskel nun.
„Aber … du kannst kein Kind versorgen!“, erhob Iga nun Einspruch in Miros Richtung.
Der runzelte die Stirn. „Warum nicht? Klar, die ersten Monate mussten wir Arty ein paar Dörfer weiter zu einer anderen Mutter geben, die ihn für uns bis zum Abstillen versorgt hat. Aber in den letzten drei Monaten habe ich mich schon um ihn gekümmert.“
„Du bist selbst noch ein Kind, Miroslaw!“, hielt Iga dagegen.
„Das ist egal“, erwiderte Miro gelassen. Er wusste, dass er das Richtige tat, denn so fühlte es sich auch an. „Ich spüre die Verbundenheit zwischen uns und weiß, dass ich einfach bei ihm sein muss. Und ich tue es gerne. Auch wenn das Wickeln manchmal echt eklig ist …“ Dabei verzog der Hexer-Lehrling sein Gesicht. Daran hatte er sich noch nicht gewöhnt, vor allem, da sein Geruchssinn jetzt so viel besser war als zuvor.
„Aber …“, wiederholte Iga nun und blickte wieder auf das Kindchen in ihren Armen hinunter. Abgesehen davon, dass Arty gerade Hunger hatte, konnte sie schwerlich einen Mangel feststellen, denn Miro nahm seine Rolle sehr ernst.
„Ich habe ihn gerettet, Iga“, meinte der Junge nun. „Ich habe Artys Familie beobachtete. Sie haben schon sieben Kinder. Ein weiteres hätte sie vollkommen überfordert. Und die Kinder, die sie haben … der Vater … er hat sie geschlagen.“ Miroslaw blickte düster drein. Er hatte das alles ja nur zwei, drei Tage observieren können, aber das hatte ihm schon mehr als gereicht.
„Als sich also die Chance ergeben hat, habe ich sie ergriffen. Damit ich zumindest einem Kind ein besseres Leben bieten konnte. Denn jedes Leben ist wertvoll.“ Er sah Iga direkt an. „Das hast du mir beigebracht und mich immer spüren lassen. Auch wenn viele mich für seltsam hielten, hast du mir gezeigt, was Respekt bedeutet, hast mich unterrichtet und mir so vieles beigebracht. Und du hast mich geliebt.“
Denn das war die Lektion, für die Miro ihr auf ewig dankbar war. Ihm war bewusst, dass er anders war, sich anders verhielt als andere Kinder in seinem Alter. Aber Iga hatte ihm gezeigt, dass das nichts Negatives sein musste, dass es sogar von Vorteil war, zu sein, wer man war und das man daran festhielt. Selbst, wenn es schwerfiel.
„Das tue ich immer noch. Dich lieben.“ Nun rannen Iga die ersten Tränen die Wange hinunter. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, um ihr Schluchzen etwas zu dämpfen.
„Keine Sorge“, fuhr Miro nun fort und kam näher auf sie zu. Er legte ihr seine Hand auf die Schulter. „Ich werde ihn zwar aufziehen, aber Arthur wird selbst entscheiden, ob er ebenfalls Hexer werden will oder eben nicht. Dieser Weg ist steinig und nicht leicht zu verfolgen und ich würde ihm nie einen Vorwurf daraus machen, wenn er lieber etwas anderes wäre. Denn kaum etwas schätze ich an dir mehr, als die Tatsache, dass du mir einen freien Willen gegeben hast – und den will ich an mein Kind weitergeben.“
Iga griff mit ihrer freien Hand nach Miroslaw und umarmte ihn. Er schmiegte sich fest an die Frau an, so gut es mit dem Säugling zwischen ihnen ging.
Endlich, dachte Miro. Endlich war der Schmerz, den er so lange empfunden hatte, leiser geworden. Dumpfer. Und bald würde er ganz verschwinden, da war sich der Junge sicher.



Eskel betrachtete das Ganze stumm lächelnd. Für einen Moment war die Harmonie der drei für jeden deutlich spürbar und der Hexer genoss das Gefühl, das viel zu selten in ihm aufglomm.
Dafür war er hergekommen. Miroslaw war zwar mit ganzen Herzen bei seiner Ausbildung und bei seinem Überraschungskind, aber es gab immer wieder diese düsteren Augenblicke, in denen klar wurde, dass Miro Iga vermisste. Und zwar sehr.
Jetzt zu sehen, wie der Junge wieder ganz wurde, setzte auch etwas in den Hexer wieder zusammen.
Iga löste sich nur, um sich nach Eskel umzudrehen. Tränen liefen über ihr dunkles Gesicht.
Sie lächelte. Es war das Lächeln, das ihr so gut stand. Das, dass er an ihr am liebsten sah.
Eskel atmete erleichtert auf.
Den ganzen Weg hierher hatte er die Befürchtung gehabt, dass all diese Strapazen, all diese schlaflosen Nächte, all die Selbstvorwürfe, die er sich wegen Iga gemacht hatte, für umsonst gewesen sein könnten.
Weil der Verrat für sie zu schwer wog.
Oder weil Eskel es ihr einfach nicht wert war. Und das, was sie gehabt hatten, ohnehin nur ein netter Zeitvertreib gewesen war und nie etwas anderes.
Aber nun sah er es in ihren tiefschwarzen Augen. Keine verborgenen Gefühle. Keine unbändige Leidenschaft. Keine grenzenlose, hasserfüllte Abscheu.
Sondern einfach nur wahre Dankbarkeit. Und das Echo der Zuneigung, die sie schon einmal für ihn empfunden hatte.
Für diesen Blick – und vor allem für dieses Lächeln – hatte er den ganzen Weg gerne zurückgelegt.



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Meine liebe Leserschaft,

so, nun ist es tatsächlich vorbei. Das war der letzte Satz in dieser Geschichte. Puh …
Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet 'in your place' die ff sein wird, die mich während des Schreibens am längsten begleitet – denn die mit der meisten Textmenge ist sie nicht.
Daher nochmal ein großes Dankeschön an all diejenigen, die die Geschichte schon so lange verfolgen – oder seit kurzem dabei sind ^^

Und danke an die ff selbst!
Deine Charaktere haben mich immer wieder aufs neue überrascht und haben sich teilweise ganz anders entwickelt, als ursprünglich gedacht. Und auch, wenn ich rückblickend das ein oder andere kürzen und weglassen würde, muss ich doch sagen, dass du mir gut gefällst.
Dank deiner Hilfe habe ich wieder viel gelernt, was das Schreiben anbelangt und du hast mich definitiv weiter gebracht.
Mögen dich noch viele Leute lesen :D

Grüßchen,

kaepsele
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