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Es war etwa fünf Uhr früh...

von Amneris
OneshotSchmerz/Trost / P12 / Gen
29.12.2017
29.12.2017
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Hallo :o)
Wie schön, dass Du Dich hierher verirrt hast!
Eine kleine Anmerkung:
Selbstverständlich gehören mir keine der Charaktere, die im Musical „Sunset Boulevard“ vorkommen!
Der Rest ist allerdings meine Idee!
Die Idee zu diesem Kapitel hatte ich nach meinem Besuch in Bonn, nach der großartigen Aufführung mit Oliver Arno und Wietske van Tongeren. Die beiden sind also Schuld an dem, was ich hier fabriziert habe ^^

Viel Spaß beim Lesen wünsche ich!
Liebe Grüße,

Amneris

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„Zum Teufel noch eins!“
Sie schlug mit der linken Hand auf den Lenker ihres Fahrrads, das einen Moment lang gefährlich schwankte.
Betty konnte es nicht fassen. Die ganze Situation kam ihr so surreal vor.
Der Anruf, die Fahrt zu der Villa, dass Gespräch mit Joe.
Sie konnte selbst nicht sagen, ob sie wütend oder traurig war.
Was war das nur gewesen?
Sie schämte sich einerseits für ihre Gefühle, schämte sich dafür, Artie verraten zu haben, sich ausgerechnet in seinen besten Freund zu verlieben, während er in Tennessee schuftete und darauf wartete, sie endlich heiraten zu können.
Aber sie hatte sich nicht wehren können. Joe war so charmant gewesen und hatte sie unterstützt in ihrem Vorhaben, sich die Zeit genommen, mit ihr zu schreiben. Sie hatte sich mit ihm gemeinsam einen kleinen großen Traum erfüllt.
Und jetzt?
Sie lenkte das Fahrrad an den Bürgersteig, um ihre Jacke zu schließen. Sie fröstelte, was kein Wunder war, schließlich war es beinahe fünf Uhr morgens.
Sie kramte ein Taschentuch hervor, um sich die Nase zu putzen, da hörte sie Sirenen aufheulen und ein Krankenwagen rauschte an ihr vorbei, dicht gefolgt von einem Wagen der Los Angeles Times und anderen Zeitungen, sowie eines Fernsehteams.
Verwundert sah sie den Fahrzeugen hinterher und stieg dann wieder aufs Rad, um nach Hause zu fahren. Sie wollte nur noch ins Bett, nachdem sie sich hastig angezogen und ihr Fahrrad geschnappt hatte, um zu der von Joe genannten Adresse zu fahren.
Immer wieder ging ihr das Gespräch durch den Kopf.
Joes Gesichtsausdruck, als er ihr anbot, sie und Artie könnten zum schwimmen vorbei kommen. Er könne nicht weg von dem ganzen Reichtum.
Es war so verletzend gewesen. Sie konnte es nicht glauben, wie sie sich in ihm getäuscht hatte.
Wie konnte er sich so aushalten lassen? Wann war er käuflich geworden? Er wirkte gar nicht so. Natürlich, als sie sich kennen gelernt hatten, war er vollkommen blank und hätte jeden Job angenommen. Jeden? Tatsächlich?
Sie schüttelte leicht den Kopf, als sie endlich bei ihrer kleinen Wohnung nahe der Paramount Studios angekommen war.
Ihre Mitbewohnerinnen waren nicht da; eine übernachtete bei ihrem Freund, die andere war zum Urlaub zu ihren Eltern gefahren.
Betty betrat die stille Wohnung, legte den Schlüssel auf den Küchentisch und ging ins kleine Bad.
Sie wusch sich die Hände mit kaltem Wasser und befeuchtete sich das Gesicht.
Ihr Spiegelbild blickte ihr entgegen. Sie sah müde aus, erschöpft und bekümmert.
Einerseits wollte sie nichts anderes als sich ins Bett zu legen, andererseits wusste sie, dass sie keinen Schlaf würde finden können.
Sie ging wieder in die Küche, der einzige Raum, der tatsächlich immer aufgeräumt war. Sie nahm sich ein Glas, schenkte sich ein Glas Leitungswasser ein und setzte sich an den Tisch.
Gedankenverloren drehte sie ihren Verlobungsring hin und her.
Sollte sie Artie telegrafieren? Ihn bitten, schnellstmöglich zu ihr zu kommen? Wie sollte sie ihm jemals wieder unter die Augen treten?
Sie und Joe hatten sich geküsst, mehr nicht. Sie versuchte sich einzureden, dass gar nichts weiter passiert war.
Nein, sie würde zu Artie fahren! Sie musste weg, raus aus dieser Stadt, weg von den Filmstudios, wo sie alles an Joe erinnerte. Ihr regelrecht anklagend ins Gesicht schrie, was passiert war. Sie würde es nicht ertragen können, wenn er ihr über den Weg lief.
Ihre Wut wuchs. Sollte er sich doch mit dieser alten Schachtel vergnügen! Insgeheim wusste sie, was sie an Artie hatte. Natürlich wusste sie es. Er war liebevoll, er las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Sein größter Wunsch war es, mit ihr eine Familie zu gründen, ein kleines Häuschen für sie zu kaufen und dort mit ihr glücklich zu werden. Und ja, eigentlich war das auch ihr Wunsch. Sicher würde es sie freuen, wenn sie mit dem Drehbuch Erfolg haben würde und sie wusste, Artie würde ihr ihn von Herzen gönnen.
Er war ein so guter Mann. Sie wusste, was es für ein Segen war, ihn kennen gelernt zu haben. Längst nicht all ihren Freundinnen ging es so. Gerade im Filmgeschäft ging es so auf und ab und viele dachten nur an sich  und waren sich selbst der Nächste.
„Okay, Schluss jetzt!“
Sie stand auf, spülte schnell das Glas ab und räumte es in den Schrank zurück.
Dann ging sie in ihr kleines Zimmer und holte ihren Koffer unter dem Bett hervor.
Schnell waren die wichtigsten Sachen gepackt. Sie schrieb eine Notiz für ihre Mitbewohnerinnen und das Filmstudio, in dem sie ihren Chef aus familiären Gründen um kurzfristigen Urlaub bat und brachte ihn zum Eingang.
„Morgen, Miss Schaefer, Sie sind aber heute früh auf den Beinen.“, begrüßte sie der Portier an der Pforte und tippte sich an die Mütze.
„Guten Morgen. Ich muss schnell weg. Würden Sie dafür sorgen, dass Mr. Sheldrake dieses Schreiben erhält?“
„Selbstverständlich! Ist alles in Ordnung?“
Besorgt wurde Betty gemustert.
Sie atmete kurz durch.
„Ja, Danke. Ich hab’s leider eilig. Einen schönen Tag.“, verabschiedete sie sich schnell und machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle.
Zum Glück hatte sie ihren Mantel mitgenommen, denn es war recht kühl an diesem Morgen.
Sie stieg in den Bus und fuhr zum Busbahnhof. Die Fahrt dauerte gefühlt unendlich und die ganze Zeit über fragte sie sich, ob sie das richtige tat.
Sollte sie nicht vielleicht doch noch mal zur Villa fahren und versuchen, in Ruhe mit Joe zu reden? Oder erst einmal ein paar Tage warten, bis sich alle Gemüter beruhigt hatten?
Aber selbst, wenn sie hinfuhr, würde das etwas ändern?
Und was sollte sie Artie sagen, wenn sie angekommen war?
Es war so verdammt verzwickt alles!
Endlich am Busbahnhof angekommen, ging sie zum Schalter und erkundigte sich nach der schnellsten und nächsten Fahrt.
Sie schluckte, als ihr der Preis genannt wurde.
Die Fahrt würde eine Ewigkeit dauern, was sie schon von Artie wusste. Aber was soll’s, nun war sie hier.
Da noch eine dreiviertel Stunde Zeit war, bis der Bus fuhr, ging sie in einen kleinen Drugstore neben dem Busbahnhof und holte sich einen Kaffee. Außerdem wollte sie schauen, dass sie sich etwas zum Lesen für die Fahrt organisierte.
Ein junges Paar betrat den kleinen Laden, sich angeregt unterhaltend.
„Doch, wenn ich es dir sage! Timothy hat es mir erzählt und der hat es von Alan, der mit dem Kameramann befreundet ist.“
„Aber wie kommt denn so ein junger hübscher Kerl zu so einer ehemaligen Berühmtheit? Die Frau war doch gar nicht mehr zurechnungsfähig!“
Das wisse er auch nicht, entgegnete der Mann.
„Fakt ist, er wurde mit drei Schüssen im Rücken im Pool schwimmend gefunden! Drumherum schwammen lauter Briefe und Banknoten! Und ein kleiner Koffer lag im Wasser.“
„Mh…“, machte die junge Frau. „Für mich klingt das sehr nach Eifersuchtsdrama.“
„Keine Ahnung, du weißt doch, wie die Presse in Hollywood ist. Mord auf dem Sunset Boulevard und Zack, alles rennt und in ein paar Tagen ist es wieder vergessen, weil dann die nächste Sensationsstory aufgetaucht ist.“
Bettys Herz begann zu rasen.
Nein, nein, nein, dass musste ein Zufall sein! Sollte sie…?
„Verzeihung, ich kam nicht umhin, Ihr Gespräch mitzuhören.“, krächzte Betty.
Das junge Paar sah sie fragend an.
„Was ist denn passiert?“
Oh Gott, dass muss ein Missverständnis sein. Sie musste sich einfach irren in ihrer Vermutung!
„Haben Sie es noch nicht gehört? Norma Desmond ist heute Morgen verhaftet worden wegen Mord. Sie hat offenbar ihren Liebhaber erschossen.“
Betty wurde bleich.
„Alles in Ordnung? Oh schnell, fang sie auf!“

„Hallo? Miss? Hören Sie mich?“
Langsam öffnete Betty die Augen.
„Miss? Geht es Ihnen gut?“ Mehrere besorgte Gesichter beugten sich über sie und sahen sie fragend an.
Der Ladenbesitzer hielt ihr ein Glas Wasser hin.
„Sollen wir Sie nach Hause bringen?“, fragte die junge Frau des Paares.
Betty setzte sich auf und schlagartig fiel ihr alles wieder ein. Ihr wurde übel und sie fühlte sich elend.
„Das wäre sehr freundlich von Ihnen.“, flüsterte sie.
Sie trank dankbar das Wasser aus und stand mithilfe des Paares wieder auf.
„Kommen Sie, ich nehme Ihren Koffer und wir bringen Sie zum Wagen.“
Wie betäubt ließ Betty sich führen und nannte ihre Adresse, als sie im Auto saß.
„Können wir sonst etwas für Sie tun?“, fragte Jim, der sich ihr beim einsteigen vorgestellt hatte.
„Nein, vielen Dank. Ich möchte nur nach Hause.“
Jims Freundin, Ruby, brachte Betty nach oben in die Wohnung, während er unten im Wagen wartete.
„Sie kommen wirklich alleine zurecht?“
Wie benebelt nickte Betty und dankte erneut dafür, dass sie sie nach Hause gebracht hatten.
Sie ließ den Koffer im Flur stehen und ging ins Schlafzimmer, wo sie sich aufs Bett fallen ließ.
Ein lautes Schluchzen ins Kopfkissen entkam ihrer Kehle und endlich konnte sie weinen.
Die Tränen flossen unaufhörlich, bis sie irgendwann vor Kummer und Erschöpfung einschlief...
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