Etwas Besonderes

OneshotAllgemein / P12
Hauro
28.12.2017
28.12.2017
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AN: Zwar ist Weihnachten nun schon rum, aber dieser Oneshot wurde als Wichtelgeschenk für lilarin geschrieben und ich wollte ihn nicht hochladen, bevor das Geschenk auch ausgepackt wurde. Ich hoffe, ich habe deinen Geschmack getroffen, was die Genres angeht! Jedenfalls habe ich es versucht, haha.
Mir gehören natürlich weder die verwendeten Charaktere, noch das Setting, noch besitze ich irgendwelche Rechte an diesem Film. Einzig die Idee stammt von mir.
Frohe Weihnachten natürlich auch den anderen Lesern noch nachträglich, ich hoffe, ihr hattet ein schönes Fest :)



Etwas Besonderes


Weihnachten war etwas, das Hauro noch nie verstanden hatte. Die Aufregung vor dem Weihnachtsfest, welche nicht nur die Kinderaugen, sondern auch die der Erwachsenen leuchten ließ, hatte ihn noch nie erreicht. Egal, wie viel Mühe Markl sich immer beim Aufbau der Stimmung gegeben hatte, die Gefühle hatten ihn nie erreicht, selbst am Heiligen Abend nicht.
Natürlich war er dennoch immer darum bemüht gewesen, Markl alles zu bieten, damit er Weihnachten so erleben konnte, wie es am besten für den Jungen war. Aber weder der Geruch von Keksen, noch das Schmücken des Baumes oder das Verpacken seines Geschenkes für Markl hatten ihn wirklich erreichen können, und so hatte er stets das Gefühl gehabt, dass irgendetwas fehlte, um das Fest wirklich feiern zu können.

Nun, wobei noch nie vermutlich nicht ganz der Wahrheit entsprach. Ganz früher, als er selbst noch ein kleiner Junge gewesen war, und noch bevor er Calcifer getroffen hatte – bevor er sein Herz von sich gegeben hatte – konnte er Weihnachten genießen. Zu seinem Bedauern war die Erinnerung zu schwach, um sie wirklich abrufen zu können. Es war, als würde der herabfallende Schnee in seinen Gedanken zu einem grauen Schleier werden, welcher es ihm nicht länger ermöglichte, sich an die vergangenen Weihnachtsfeste zu erinnern. Und alles, was er nach dem Tag, an dem er sein Herz verloren hatte, erlebte, war nur umso grauer…
Es war nicht so, als hätte Hauro die Zeit über gar nichts gefühlt, aber mittlerweile schien alles verstärkt. Als würden die Farben der Wälder kräftiger leuchten, die blauen Seen stärker schimmern und die Vögel in den Bäumen viel sanfter singen. Obwohl nun schon einige Monate vergangen waren, seit er sein Herz wieder hatte, war er von manchen Anblicken noch immer überwältigt. Es war, als würde er alles zum ersten Mal richtig sehen können. Und immer hatte er Sophie an seiner Seite, die in diesen Momenten zu ihm hinübersah und sanft lächelte, genau wissend, was gerade in ihm vorging.

Die Tage zum diesjährigen Weihnachtsfest rückten immer näher, und Hauro wollte etwas Besonderes für Sophie haben. Er wollte es, dass es genauso besonders wie sie selbst war, während er ganz genau wusste, dass er so etwas ohnehin nicht finden könnte, ganz gleich, in welchem entlegensten Winkel der Welt er auch suchen würde. Aber es musste ihr immerhin zeigen, welchen Stellenwert sie in seinem neu gefundenen Herzen einnahm.

Und deswegen fand er nichts.

Kleider, die er ihr zauberte, trug sie meistens nicht – sie seien zu schön, um sie tragen zu können, und allem voran zu schön für sie selbst. Ihre Hüte machte sie sich noch immer selbst, eine Frau für viel Schmuck war sie nie gewesen, und obwohl er sie zuweilen verträumt bei dem Lesen eines staubigen Buches entdeckte, fiel ihm auch kein einziges Werk ein, das ihn als Geschenk annähernd zufriedenstellen würde. Sie war keine herkömmliche Frau für ihn, also wollte er sie auch nicht mit herkömmlicher Kosmetik oder Düften abspeise, und ganz abgesehen davon befand Hauro, dass Sophie solche Dinge auch wirklich nicht benötigte. Er erlaubte sich auch, so egoistisch zu sein und ihren Duft nicht verlieren zu wollen. Der leichte Geruch nach Feuer, der sich durch Calcifer immer in ihren Haaren absetzte, der frische Geruch der Blumen an ihren Händen, die sie täglich pflegte, und letztlich ihr eigener Geruch, der ihn stets an silberne Seen und hohe, vom Wind umspielte Baumkronen erinnerte. Nein, Hauro wollte diesen Duft ganz sicher nicht missen, wenn er sich abends zu ihr legte und seine Nase in ihrem Haar vergrub.

Während er sich den Kopf zerbrach und weder Calcifer, noch Markl wirklich hilfreiche Ratschläge vorbrachten, zogen die Tage geradezu an ihm vorbei. Es wurde spät hell und früh dunkel, und Hauro fühlte die Zeit immer mehr wie Sand durch seine Finger rinnen. Er durchforstete all die Bücher, die er in seinem Schloss finden konnte, doch erst, als er eine Pause vom Lesen einlegte und sein Blick auf all seine ehemaligen Talismane fiel, die sie nun überall im Haus als Dekoration nutzten, kam ihm endlich eine Idee.

Es war ein kleiner, handbemalter Spiegel, der seine vagen Erinnerungen an ein versunkenes Artefakt wachrief. Den Erzählungen nach zu urteilen, wirkte es auf den ersten Blick wie ein gewöhnlicher, antiker Spiegel, doch wenn man die glatte Oberfläche berührte, konnte man darin die Bilder aus seinen Gedanken lebendig werden lassen. Natürlich wusste er nicht, ob er den Erzählungen Glauben schenken konnte, aber einen Versuch war es sicherlich wert – und in jeder Geschichte steckte meist auch ein Funken Wahrheit. Dieser Funken war Hauro genug, um zwei Tage vor Weihnachten noch am frühen Morgen aufzubrechen und den anderen einen Zettel zu hinterlassen, dass er spätestens an Heiligabend wieder zu Hause sein würde. Sophie konnte er natürlich nicht von seinem Vorhaben erzählen, und wenn er sich an einer Ausrede versucht hätte, so hätte sie ihn ohnehin durchschaut und sich vielleicht sogar Sorgen gemacht, er könne etwas Gefährliches vorhaben. Also schrieb er seinen Vorwand, Besorgungen in einer entlegeneren Stadt zu machen, einfach in seinen Brief, in der Hoffnung, zumindest seine Zeilen könne sie nicht lesen wie sonst seinen Blick.

Sein Weg führte ihn nach Strangia, ein Land, welches er lange nicht mehr besucht hatte, obwohl es an Ingary grenzte. Die Leute dort nutzten und besaßen deutlich weniger Magie als ihr Nachbarland, weswegen es Hauro wunderte, dass ausgerechnet dort ein magischer Spiegel zu finden sei. Doch für gänzlich unwahrscheinlich hielt er es nicht, schließlich würden die meisten Magier dort sicherlich als letztes danach suchen.
Hauro legte die Strecke überwiegend fliegend zurück, nahe an den tief hängenden Wolken oder auch im Nebel versunken, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er hatte weder Zeit, noch Lust auf potentielle Auseinandersetzungen, und da die beiden Länder bekanntlich nicht gut aufeinander zu sprechen waren, hielt er sich lieber bedeckt. Wieder und wieder stieß er auf Patrouillen, egal, ob in der Luft, am Boden oder auf dem Wasser, doch seine Tarnzauber schützten ihn stets zuverlässig und die Magie der Strangianer war zu schwach, um eine ernsthafte Herausforderung für ihn zu sein.
Schon seit einiger Zeit brodelte es zwischen Ingary und Strangia und Hauro hoffte innig, dass es nicht zu einem Krieg kommen würde. Falls doch, sah er Ingary eindeutig auf der überlegenen Seite, was aber nichts daran änderte, dass er sich das Leid gerne ersparen würde.
Außerdem hatte er sich geschworen, den Kriegen, die auch ihn und seine Familie betrafen, nicht länger entkommen zu wollen. Doch zeitgleich wollte er Sophie nicht verlassen, nicht noch einmal, ganz gleich, wie sicher seine Rückkehr zu ihr wäre.

Doch heute blieb er glücklicherweise ohnehin von jeglichen Auseinandersetzungen verschont. Schon bald glitt er über unbewohntes Terrain hinweg; nur hier und da entdeckte er einen einsamen Bauernhof und große Schafherden, die aufgrund des einsetzenden Nieselregens zurück in die Scheunen geführt wurden. Wolfrudel zogen über die einsame Landschaft hinweg, und entlang eines reißenden Flusses entdeckte er eine kleine Bärenfamilie, die sich am Fischfang versuchte.

Sobald die Felsen immer dunkler und kantiger wurden und das Gebirge sich allmählich weiter gen Himmel streckte, ließ er die Wolken und Nebelschwaden hinter sich und glitt nun dicht über den Boden hinweg. Die Luft wurde immer kühler, doch entgegen seiner Erwartung wehte kaum Wind. Wie die Ruhe vor einem Sturm, dachte Hauro sich, und wenn er sich die dunklen Wolken besah, lag er damit vielleicht einmal gar nicht so falsch.
Fast schon wollte er umkehren und den Anfang des Gebirges erneut absuchen, als er schließlich zwei gezackte Felsen in der trostlosen Landschaft ausmachen konnte. Wenn er den Informationen trauen konnte, an die er gelangt war, dann müsste sich der Eingang direkt dahinter in einer Felsspalte befinden…

„Das läuft fast ein wenig zu glatt“, sagte Hauro leise zu sich selbst, als er die Füße sanft auf dem Boden absetzte und tatsächlich einen Höhleneingang hinter den auffällig geformten Felsen ausmachen konnte. Er war dunkel und eng, aber immerhin hoch genug, um ihn mit gesenktem Kopf betreten zu können. Federn regneten zu Boden, als Hauro seine Flügel verschwinden ließ, und nach einem letzten Blick nach hinten, um sich zu vergewissern, dass auch niemand in seiner Nähe war, trat er schließlich seinen Weg in das Innere des Berges an. Mögliche Gefahren hatte er in den Geschichten über den Spiegel nicht ausmachen können – abgesehen von dem Zauberer, welcher ihn bewachte, doch der dürfte mittlerweile bereits zu Erde zerfallen sein – und selbst wenn, würden sie vermutlich ohnehin nur zur Abschreckung dienen. Er hatte schon genügend Talismane und Schätze gesucht, um zu wissen, dass die meisten Fallen und Biester gar nicht existierten.

Die Luft im Inneren der Höhle war feucht und stickig. Schon bald wünschte Hauro, er hätte mittels Magie ein wenig Luft von draußen mit sich genommen, damit ihm das Atmen nicht so schnell schwerfallen würde. Doch die Flamme über seiner linken Hand, welche ihm flackernd Licht spendete, würde schon erlöschen, wenn ihm der Sauerstoff ausgehen würde. Er hatte schließlich eine natürliche Flamme entstehen lassen und keine seiner blauen, welche durch die Magie auch ohne ausreichend Luft weiterbrennen konnten.

Hin und wieder trat er über die Skelette von kleinen Tieren hinweg, sah Schnecken, welche sich bei dem Schein seines Lichtes in ihre Häuser zurückzogen, oder erschauderte, wenn ihm ein kalter Wassertropfen von der schiefen Höhlendecke auf die Nase fiel. Doch je tiefer er kam, desto weniger Lebewesen begegneten ihm, und schon bald war er ganz alleine und hörte nur noch seine eigenen Schritte und seinen keuchenden Atem. Der Gang wurde immer schmaler, sodass es allmählich wirklich anstrengend wurde, ihn zu passieren. Hauro wusste schon, warum er sich lieber in den Lüften befand…

Das Wasser floss nun immer stärker die Wände hinab, bildete kleine Rinnsale, bis Hauro mit seinen Stiefeln ein lautes Platschen verursachte, als er in eine Pfütze trat. Kurz ließ er seine Flamme heller aufleuchten und erkannte, dass der Boden in wenigen Metern vor ihm bereits vollständig mit Wasser bedeckt war. Hauro webte mit seinen Fingern geübt einen schnellen Zauber um seine Füße, und sobald das helle Leuchten seiner Magie verebbt war, setzte er seinen Weg fort – über die Wasseroberfläche schreitend, als wäre sie ein gefrorener See.
Die Luft blieb feucht, wurde jedoch mit jedem seiner Schritte klarer und klarer. Schon bald erblickte er wieder Moos und Schnecken mit skurril geformten Häusern an den Höhlenwänden, und nach der nächsten Abzweigung konnte er helles Licht vor sich ausmachen. Hauro runzelte die Stirn. Vielleicht öffnete sich der Berg an dieser Stelle?

Als er um die letzte Ecke trat und endlich wieder aufrecht stehen konnte, hielt er auf der Stelle inne. Staunend glitt sein Blick über die Höhle vor sich.

Meterhoch erstreckte sie sich vor ihm, und sie schien so lang, dass er das Ende mit bloßen Augen nicht einmal ausmachen konnte. Das Gestein unter seinen Füßen war von einem dunklen Rotbraun, ehe es schließlich wenige Meter von ihm entfernt unter einem riesigen See verschwand. Er leuchtete in einem so kräftigen, dunklen Blau, dass es schon unnatürlich wirkte. Und überall auf der glatten, unbewegten Oberfläche sah er goldene Lichtpunkte, die im Sekundentakt auftauchten und wieder verschwanden, oder hin und wieder über den See zu wandern schienen.
Erst, als Hauro seinen Blick hob, erkannte er, dass es sich um Reflektionen handelte. Die gesamte Höhlendecke war von Glühwürmchen besetzt. Seite an Seite gedrängt hielten sie sich an der Decke fest oder flogen von der einen zur anderen Seite hinüber, um einen Tanz zu beginnen. Hier und da erblickte Hauro auch einen hellblau glühenden Leuchtkäfer. Wenn er sich nicht irrte, trugen diese Tiere sogar einen Hauch Magie in sich.

Da die gesamte Höhle von dem goldenen und hellblauen Schein der Glühwürmchen erleuchtet wurde, ließ Hauro das Feuer über seiner Hand verebben. Möglichst leise, um die Tiere nicht aufzuschrecken, bewegte er sich an der rechten Seite des unterirdischen Sees entlang. Der Weg führte sogar ein kleines Stück in den See hinein, wie ein Steg, aber dann ging es nicht mehr weiter. Hauro sandte mit einem Fingerschnippen ein kleines Irrlicht aus. Durch dessen blaues Licht war es gut getarnt und schwebte eilig die Seiten der Höhle ab, sodass er sich einen Überblick verschaffen konnte. Doch er konnte nirgendwo eine Nische oder einen weiteren Durchgang entdecken. Wenn der Spiegel sich an diesem Ort befinden würde, dann also vermutlich auch in dieser Höhle.

Mit einer raschen Handbewegung seinerseits verschwand das umhertanzende Irrlicht wieder. Nachdenklich ließ Hauro seinen Blick über die Umgebung schweifen, kam jedoch immer wieder zu dem Steg zurück, auf dem er sich befand. Die Kanten an den Seiten waren zu gerade und zu glatt, um natürlich entstanden zu sein…

Hauro nahm seine Hand ruckartig beiseite und schickte einen Luftstoß in den See. Mit einem lauten Platschen schoss das Wasser in die Höhe, und augenblicklich erlosch das Licht der Glühwürmchen, als hätte man eine Kerze ausgeblasen.
Er sah, was er vermutet hatte. In der entstandenen Dunkelheit glühte nur ein einziges, schwaches Licht – vom Grunde des Sees aus schimmerte es blaugrün. Bevor die Leuchtkäfer ihr Licht wieder aussandten, streckte Hauro seine Fingerspitze nach vorne und drängte das dunkle Wasser mit seiner Magie zu beiden Seiten zurück. Rauschend glitt es beiseite, türmte sich zu hohen Wellen auf, während es ihm Platz schaffte. Wenige Sekunden später lag der Steg vor ihm komplett frei, und an dessen Ende konnte Hauro das grünliche Leuchten nun noch stärker ausmachen. Seinen Zauber noch immer haltend, lief er schließlich mit langen Schritten darauf zu.

Ein Steinsockel aus dunklem Fels erhob sich am Ende des Steges. Das blaugrüne Licht drang aus winzigen Spalten, welches das Wasser um ihn herum in einen unheimlichen Schein tauchte, doch auch aus den Inkrustationen des darauf platzierten Gegenstandes leuchtete es hervor. Es war der Spiegel. Die glatte, silbern schimmernde Oberfläche war in etwa so groß wie die Sitzfläche eines Stuhls, und umgeben wurde sie von dünnem Perlmutt, welches dem Spiegel eine rechteckige Form verlieh und von allerhand feinen Verzierungen übersät war. Die Gravuren waren so dünn, dass man sie auf den ersten Blick als bloßes Muster abtun könnte, doch wenn man genau hinsah, erkannte man, dass jede einzelne sich von den anderen unterschied. Hier erblickte er eine filigrane Rose, dort eine einfache Spirale, und am Rande des Spiegels wand sich eine Blütenranke entlang.  

Als er in den Spiegel sah, erblickte er sich selbst. Das dunkle Haar, welches er mittlerweile nicht mehr färbte, die hellen Augen, welche aufmerksam die Oberfläche musterten, und ein Hauch von Erschöpfung auf seinen Zügen von dem langen Flug. Seine Gesichtsfarbe wirkte durch das blaugrüne Licht beinahe geisterhaft.

Behutsam und mit beiden Händen nahm er das Artefakt schließlich an sich. Rasch wurde das Leuchten schwächer und ebbte völlig ab, sobald es den Steinsockel nicht mehr berührte. Ohrenbetäubendes Rauschen wurde laut, und plötzlich brachen die Wassermassen über ihm zusammen. Hauro riss den freien Arm über sich und konnte gerade noch so einen Schutzzauber um sich herum wirken, da brach bereits der Boden unter ihm weg. Das eisig kalte Wasser versetzte ihm beinahe einen Schock, als er hineinfiel.

Die Welt war in Dunkelheit getaucht. Der Grund des Sees leuchtete nicht länger. Nicht die Leuchtkäfer an der Decke der Höhle, nicht der Spiegel in seinem Arm. Das kalte Wasser um ihn herum sandte nur Schwärze aus, sodass er keine Orientierung hatte, wo sich oben und unten befand. Er spürte, wie seine Gliedmaßen bereits taub wurden, da nur sein Kopf und Oberkörper von seinem Zauber geschützt wurden. Die Luft innerhalb dieser Blase musste ihm ausreichen, um den Weg nach oben zu finden. Aber es war nicht das erste Mal, dass er sich aus einer solchen Situation befreien musste, und wenn er ruhig bleiben würde, sollte es kein Problem darstellen.

Hauro entfachte eine blaue Flamme, doch sie konnte die Dunkelheit kaum durchdringen. Mit kräftigen Beinschlägen steuerte er die Richtung an, an dessen Ende er die Oberfläche vermutete. Lautlose Sekunden vergingen – nicht einmal das Wasser um sich herum konnte er hören – bis seine ausgestreckten Finger etwas anderes erreichten. Aber es war der Grund des Sees.
Missmutig stieß Hauro sich mit den Füßen ab und schwamm in die andere Richtung. Es wäre schneller gegangen, wenn er beide Hände zur Verfügung hätte, aber er wollte nicht riskieren, den Spiegel zu verlieren. Zwischen all dem dunklen Wasser würde er ihn sicherlich nicht mehr wiederfinden.

Seine Luftblase wurde deutlich kleiner, während er die andere Seite erreichte. Die Kälte des Wassers lähmte seine Bewegungen mehr und mehr, und das blaue Feuer innerhalb seines Schutzzaubers flackerte immer stärker. Hauro wollte endlich auftauchen, als er mit den Fingern wieder gegen harten Stein stieß. Ungläubig weiteten sich seine Augen.
Er hatte die exakt gegenüberliegende Seite angesteuert. Nicht die linke, nicht die rechte. Das hier musste die Oberfläche sein. Oder… war die gesamte Höhle überflutet worden? Nur woher sollte all das Wasser stammen?

Er atmete tief durch und versuchte, die Nervosität nicht Oberhand gewinnen zu lassen. Mit ruhigen Bewegungen begann er, an der Decke – oder dem Grund, er wusste es nicht länger – entlang zu schwimmen. Irgendwann müsste er schließlich auf die Seite des Sees stoßen, und dann würde er so die Oberfläche finden können. Oder aber zumindest den kleinen Gang, von dem er gekommen war.

Doch seine Luftblase wurde immer kleiner, sein Feuer immer schwächer, und sein Körper immer schwerer. Durch die erdrückende Dunkelheit konnte er nicht einmal einschätzen, wie viel Zeit verging. Fünf Minuten? Fünfzehn? Oder sogar noch mehr Zeit?
Er ärgerte sich über seine Naivität, keine wirkliche Falle vermutet zu haben – oder zumindest keine, welche ihm ernsthafte Probleme bereiten konnte. Aber er wollte ja auch nur einen Spiegel beschaffen, der Illusionsmagie wirken konnte. Keine Waffe, mit welcher er ein gesamtes Königreich auslöschen könnte. Wer machte sich so eine große Mühe, so einen Spiegel zu beschützen?

Unwillkürlich glitt sein Blick zu dem Artefakt hinab, welches er mit dem einen Arm noch immer fest umschlossen hielt. Vielleicht hätte er doch ein anderes Geschenk wählen sollen. Die spiegelnde Seite zeigte zu ihm hinauf, sodass er sich selbst sehen konnte. Seine Augen funkelten düster und waren leicht verengt, und seine Haare ruhten bewegungslos auf seinen Schultern. Im Hintergrund flackerte der blaue Schein. Oder besser gesagt… leuchtete er?

Hauro weitete die Augen. Dann schloss er sie. Und riss sie wieder auf.

Seine Finger lagen auf dem perlmuttfarbenen Rand des Spiegels. Er schwamm in keinem See, sondern stand mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Höhle. Sein Haar und seine Kleider waren trocken, von keinem eisigen Wasser durchnässt.

Langsam blickte Hauro sich um, die Gedanken noch immer verschleiert, als wäre er gerade aus einem tiefen Traum erwacht. Eine Illusion, dachte er, erschrocken darüber, dass sie funktioniert hatte.
Über ihm sandten die Leuchtkäfer stetig ihr goldenes und hellblaues Licht aus, erleuchteten die Wände. Das Artefakt vor ihm leuchtete noch immer in dem gleichen, geisterhaften Schimmer.
Der See war verschwunden; nicht einmal ein Rinnsal erblickte Hauro in der Höhle. Dort, wo sich einst der Grund des Sees befunden haben musste, erblickte er nur noch eines: Skelette.

Unwillkürlich schluckte er, versuchend, zu erkennen, wie viele Menschen dort ihr Leben gelassen haben mussten. Er erblickte kleine Knochen, große, weit auseinanderliegende und ganz dicht beisammen liegende. Waren sie hier ertrunken, als es noch einen See ergeben hatte? Oder waren sie hier bis zu ihrem Tod in der Illusion gefangen geblieben?

Er wusste, was Sophie nun sagen würde. Mit einem tiefen Seufzen nahm er die Hände von dem unheilbringenden Spiegel und brach mittels Magie ein Stück aus dem steinernen Sockel heraus. Hauro ließ das Steinstück in der Luft schweben, ehe er es mit großer Geschwindigkeit auf die Oberfläche des Artefakts hinabschießen ließ. So etwas würde er seiner Frau sicherlich nicht zum Geschenk machen.
Der Spiegel zersprang in mehrere Teile. Klirrend kamen sie auf dem Boden auf, während das blaugrüne Leuchten verebbte. Nun endgültig, wie er hoffte.


*~*


Auf seinem Rückweg machte Hauro Halt in einer der größeren Städte und tarnte sich mit einem Zauber, während er dort nach geeigneten Geschenken suchte. Tatsächlich fand er mehrere Bücher, die Sophie vermutlich gebrauchen könnte – einige über die Blumenzucht, andere über das Blumenbinden, und einige waren einfach nur Geschichten, von denen er meinte, dass sie ihr gefallen könnten. Es war nicht das, was er sich vorgestellt hatte, aber ohne etwas aufkreuzen wollte er nicht. Also kaufte er die teils antiken, teils gerade erst erschienen Bücher, und fand auch noch einige Blumen an den Ständen, welche es nur in Strangia geben sollte, wenn er den Beteuerungen der Verkäufer Glauben schenken konnte. Immerhin hatte er sie aber tatsächlich noch nicht in Ingary sichten können, wenn er sich nicht irrte.

Mit den Büchern und Blumentöpfen im Gepäck ließ es sich umständlicher reisen als zuvor, aber Hauro erreichte pünktlich an Heiligabend die Tür ihres Schlosses. Er hatte deutlich mehr Zeit in der Höhle verbracht als gedacht und war wirklich froh, dass er dem Illusionszauber so verhältnismäßig schnell entkommen war.

Markl wartete bereits ungeduldig bei dem großen Weihnachtsbaum, unter den sie all ihre Geschenke gelegt hatten, und Sophie schien bei seiner Ankunft deutlich erleichtert. Hauro versicherte ihr, dass er nur ihre Geschenke in Strangia besorgt hatte, aber ihre prüfenden Blicke während des Essens verrieten ihm jetzt schon, dass sie mehr ahnte. Trotz dieser Kleinigkeit war die Stimmung friedlich und ausgelassen, und Hauro meinte, nun allmählich verstehen zu können, was die anderen immer als Weihnachtsstimmung beschrieben hatten.
Nachdem Markls Bitte nachgegeben wurde und alle schließlich ihre Geschenke überreicht hatten, blieb ihnen ein Moment der Ruhe. Sophie umfasste sanft seinen Arm und zog ihn zur Seite, während Calcifer im Hintergrund die Reste ihres Essens vertilgte.

„Was hast du wirklich getan?“, fragte Sophie mit kritisch gehobener Braue. Zu seiner Erleichterung hatte sie sich auch wirklich über seine Geschenke gefreut, doch über seinen Vertuschungsversuch konnten sie nicht hinweg täuschen. Hauro versuchte gar nicht erst, sie anzulügen. Das wollte er nicht und es wäre auch ohnehin ein sinnloser Versuch geworden. Also gab er mit einem beschämten Lächeln nach und erzählte ihr schließlich, was er wirklich in Strangia versucht hatte.

„ … Du bist wirklich unverbesserlich“, sagte Sophie, nachdem er geendet hatte. Bei dem Versuch, ernst zu bleiben, entglitt ihr jedoch ein Lachen. Dann fasste sie nach seiner Hand und blickte sanft zu ihm hinauf. „Du musst mir doch gar nichts Besonderes schenken. Darum geht es an Weihnachten nicht. Sondern nur darum, beisammen zu sein.“

„Ich weiß.“ Er blickte beiseite, noch immer ein wenig beschämt. „Zumindest weiß ich es jetzt. Entschuldige, dass ich es geheim gehalten habe.“

„Es ist in Ordnung. Das größte Geschenk ist immer noch, dass du zurückgekommen bist“, sagte Sophie leise, während sie die Arme um seinen Nacken schlang. Sie zog ihn in einen sanften Kuss, ehe sie wieder von ihm abließ und in tadelndem Tonfall hinzufügte: „Also ab jetzt keine waghalsigen Besorgungen mehr, einverstanden?“

„Einverstanden.“ Er lächelte schief. „Frohe Weihnachten, Sophie.“

Ihre Augen erstrahlten, während sie ihm ein Lächeln zurück schenkte. „Frohe Weihnachten, Hauro.“
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