Schmetterlingseffekt

KurzgeschichteDrama, Angst / P12
25.12.2017
28.01.2018
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War es seltsam, auf sich selbst eifersüchtig zu sein?

Luke blinzelte und drehte ruckartig den Kopf weg, als der Professor und der andere ihm einen besorgten Blick zuwarfen. Der andere Luke. Der Ältere. Es war seltsam, ihn anzusehen und dabei zu denken, das bin Ich. In 10 Jahren werde ich genau so aussehen, genau so leben und genau so sein. Nicht das es schlecht war.

Der ältere Luke war grandios. Er war gewiefter, schlauer und furchtloser. Er war besser. Und trotzdem zog sich Lukes Magen, der des Kleineren natürlich, der, der sich noch vor Geistern fürchtete und vor der Dunkelheit, zusammen. Es war etwas, was er nicht verstand, denn auch wenn die Zukunft im Moment nicht allzu rosig aussah, war sein Zukunfts-Ich doch jemand, zu dem er aufsah. Und wenn sie es geschafft hatten, den Wissenschaftler aufzuhalten und diese Zukunft wieder in Ordnung gebracht hatten, dann war es auch wieder eine gute Zukunft. In der sein Zukunfts-Ich ein gutes Leben führen konnte.

Luke biss sich auf die Lippe. Es war nicht so, dass er nicht daran glaubte, mal so zu werden. Er hatte immer wie der Professor werden wollen und der Ältere Luke hatte es doch irgendwie geschafft oder? Er war schlau, konnte sich gut ausdrücken und na ja … er war kein bisschen wie Luke. Er bezweifelte, dass es dem Professor aufgefallen war. Oder nein, es war ihm ganz sicher aufgefallen, denn nichts entgeht dem Professor, aber es war bestimmt nicht etwas, was ihm solche Magenschmerzen bereitete wie es Luke tat.

„Na komm Kleiner,“ unterbrach der Ältere, Luke nannte ihn so, weil Zukunfts-Ich irgendwie total seltsam und surreal klang, also noch surrealer als das alles hier war, seine Gedanken und nickte mit dem Kopf in Richtung der Tür. „Wir lassen mal den Professor allein mit seinen Gedanken okay?“ . Es war nur so ein kleines Detail, etwas was ihm nicht in den Kopf wollte. Weil er bezweifelte, dass das hier sein Zukunfts-Ich war.

Luke war einen unsicheren Blick in Richtung seines Mentors, doch dieser lächelte ihn nur aufmunternd an. „Na los Luke, den ganzen Tag in der Stube zu hocken, ist für Kinder in deinem Alter nicht gut!“ neckte er ihn. „Ich bin kein Kind,“ schoss Luke zurück und spürte wie seine Ohren heiß wurden. Natürlich war er ein Kind. Er stand neben seinem 10 Jahre älteren Ichs. Das gerade ganz leise kicherte. Luke wiederstand dem Drang, ihn zu boxen. Wäre das Selbstverletzung? Wenn er sich jetzt selbst boxen würde, würde er in 10 Jahren, auch mit einer geänderten Zukunft, vielleicht ein Echo des Schlages seines jüngeren Ich’s spüren?

Dieses ganze Zeitreisen war einfach unfassbar kompliziert!

„Ich werde gut auf mich aufpassen,“ rief der andere über die Schulter während er Luke geschickt aus der Tür bugsierte. Luke hatte das nagende Gefühl, dass ihn der andere vom Professor weghaben wollte. Vielleicht weil es störend sein konnte, ein Kind zwischen den Beinen zu haben, wenn man damit beschäftigt war, einen Weg zu finden, die Welt zu retten.

Luke fragte sich, ob es der Professor vielleicht mehr mochte, mit dem Älteren zu reden. Und sofort entschied er sich, dass das jetzt wirklich nicht der beste Zeitpunkt war, um sich über diese Krise Gedanken zu machen. Nein, streich das, es würde nie der Zeitpunkt kommen, an dem er sich darüber Gedanken machen würde. Punkt.

Die Luft, die ihm entgegenschlug, war vertraut. Es war ein etwas modriger Geruch, der sich immer in London festzusetzen schien, wenn es geregnet hatte. Luke wollte, für einen unfassbar selbstsüchtigen Moment, nach Hause. Er wollte in die Universität und in das Arbeitszimmer des Professors. Er wollte seine Eltern wiedersehen. Wo die wohl hier waren? Waren sie noch in Amerika? Oder war sie vielleicht sogar … Der Junge kniff die Augen zusammen und versuchte, das Brennen zu ignorieren. Ein Gentleman weint nicht.

Die Hand auf seiner Schulter war ganz warm. Sie steht im krassen Gegensatz zu dem feuchten Nebel, der langsam anfängt durch die Straßen zu kriechen. Luke mochte dieses London nicht. Selbst am Tag schienen die Häuser traurig. Und abends beginnt seine Fantasie die Schatten in riesige Monster zu verwandeln.

„Also, was willst du machen?“ fragte in der Andere, furchtlos und irgendwie ziemlich fröhlich, als gäbe es nichts Schöneres als diesen Moment an diesem Ort. Das war etwas, worauf sich Luke freute, dann, wenn er so alt war. Das die Schatten einfach nur Schatten sein würden.

„Wie bist du so geworden?“ fragte Luke abwesend. Für einen Moment glaubte er, dass die Hand auf einmal sehr kalt war und um seine Schulter wie eine Klammer lag. Und vielleicht auch, dass das Gesicht des Anderen für einen Bruchteil seltsam Angst einflößend aussah.

„Was?“ aber das hatte er sich bestimmt nur eingebildet, denn jetzt blinzelte der Ältere nur und zog die Augenbrauen verwirrt zusammen. Es war auch eine ziemlich dumme Frage gewesen. Luke spürte, wie sein Nacken brannte.

„Vergiss es,“ murmelte er und sah sich um. Nur nicht in das Gesicht des anderen sehen!

„Nein, jetzt komm schon, ich bin du. Wenn man mit jemandem reden kann, dann doch mit sich selbst oder?“ Hörte sich Luke so an? So … überzeugend? So als könnte man ihm wirklich alles erzählen? Er versuchte immer Leuten das Gefühl zu geben, mit ihm reden zu können, aber meistens stolperte er immer über seine eigenen Worte oder kam zu großspurig rüber. Aber so, so würde er sich gerne einmal anhören. Luke schluckte hart.

„Ich meine, na ja“ er zuckte etwas hilflos die Schultern und wand den Kopf.

Wie drückte man es aus, dass man neidisch auf sich selbst war? Und man Angst hatte, alles zu vermasseln und nie so zu werden? Denn Luke fühlte sich nicht wirklich im Stande, so zu werden. So furchtlos und so schlau. Er wusste, dass er noch älter werden würde und neue Dinge lernen würde, aber die Tatsache, dass in der sehr nahen Zukunft ein sehr großer Teich zwischen ihm und allem liegen würde, was er bis dahin gekannt hatte, ließen die Vorstellung irgendwie mehr beängstigend als erfreulich aussehen.

Der Nicht-Erselbst-Luke ließ sich in die Knie sinken. Himmel, Luke kam sich jetzt wirklich winzig vor. Er zwang sich dazu, dem anderen in die Augen zu blicken und zu lächeln. Sie hatten besseres, wichtigeres, zu tun. Der Andere sah ihm wirklich verdammt ähnlich. Er war größer und seine Augen war irgendwie anders, aber vielleicht war das auch nur das Licht oder vielleicht drehte seine Fantasie jetzt vollends durch.

Das war er also. So würde sich Luke auch eines Tages im Spiegel sehen. Seine Kehle fühlte sich zugeschnürt an. Er leckte sich unsicher über die Lippen.

„Du kannst mir nicht vielleicht einen Tipp geben, was die Zukunft betrifft?“ murmelte er und starrte auf seine Schuhe. Der Andere lachte. Ein kurzer Laut, der kein glückliches Lachen war. Eher überrascht vielleicht? Nicht das Luke den anderen wirklich lesen konnte, wenn er auf seine Schuhe starrte. Oder allgemein. Der Professor war darin immer viel besser.

„Die Zukunft?“ fragte ihn der Ältere. Er strich das Pony aus dem Gesicht und stupste Luke leicht unter das Kinn.

„Vergiss es, das war dumm,“ brummte Luke und verschränkte die Arme vor der Brust. Diese ganze Zeitreisengeschichte fing an, seine Gedanken durcheinanderzuwerfen.

„Ich denke nicht, dass ich das tun sollte,“ fuhr der andere fort, als hätte er ihn nicht gehört. „Weißt du was der Schmetterlingseffekt ist?“

Der Junge schüttelte den Kopf.

„Das bedeutete, das auch die kleinste Kleinigkeit eine verheerende Wirkung auf etwas haben kann.“ erklärte ihm der Andere während er sich aufrichtete. „Wenn ich dir jetzt etwas sage, so nebensächlich es wäre, könnte das unvorsehbare Auswirkungen haben.“ Jetzt grinste er. Luke musste sich das vorhin definitiv eingebildet haben.

„Wirklich?“ „Na klar, und weißt du, ich würde gerne noch ein bisschen existieren. Stell dir nur einmal vor, du würdest etwas anders machen als ich. Das wäre dann ein Paradoxon.“

Luke spürte wie sich anfing sein Schädel zu drehen.

„Zeitreisen sind so was von kompliziert!“ stieß er frustriert aus.

„Nicht, wenn man sich an die Regeln hält,“ hielt der andere dagegen. Bestimmt hatte er das schon vor Ewigkeiten verstanden. Luke spürte wieder diese Unerklärliche Eifersucht in ihm brodeln. Man war nicht auf sich selbst eifersüchtig. Mann war allgemein nicht eifersüchtig. Ein Gentleman war nicht eifersüchtig.

„Worauf sollst du denn bitte eifersüchtig sein?“ fragte ihn der Größere. Er hatte das anscheinend laut ausgesprochen. Luke hoffte inständig, dass er das in der Zukunft verlieren würde. Seine Macken, die neben dem anderen ziemlich kindisch wirkten.

„Ich meine dich,“ sprudelte es aus ihm heraus. „Ich wünschte du könntest mir sagen, wie ich werde wie du.“

Das Gesicht des Anderen machte etwas kompliziertes durch. Es war völlig ausdruckslos, aber Luke glaubte, die Knochen darunter sich bewegen zu sehen. Er musste den Kopf in den Nacken legen, um es sehen zu können.

„Vergiss es einfach,“ ruckartig drehte er sich und ging die Straße hinunter. Nicht, das er wirklich eine Ahnung hatte, wohin die führte. Oder die Tatsache, dass es wirklich dunkel war. Luke spürte wie seine Hände feucht wurden.

Es gab keine Geister, dachte er und lief weiter. Nicht wirklich. Er war 13 Jahre. Er sollte sich nicht um so etwas sorgen.

Trotzdem zuckte er viel zu heftig zusammen als sich die Hand auf seine Schulter legte.

„Hey,“ murmelte die Gestalt hinter ihm und tätschelte ihm den Kopf. „Alles in Ordnung?“

„Vergiss es,“ wiederholte sich der Junge und zog die Schultern zusammen. „Ist nicht wichtig.“

„Sag doch so was nicht. Ich kenne mich doch wohl gut genug um zu erkennen, dass etwas nicht in Ordnung ist.“ Der Ältere trat um Luke herum und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Anscheinend mochte Luke in der Zukunft diese Geste.

Wieso auch immer. Es gab so vieles, was Luke nicht verstand. Er hatte immer gedacht, als er damals den Brief gelesen hatte, dass er dem Schreiber nur ins Gesicht sehen musste, und dass dann etwas klick machen würde. So wie diese Spiegel auf dem Jahrmarkt vielleicht, die einen größer darstellten. Genau so hatte er es sich vorgestellt.

Stattdessen fühlte es sich an, als sähe er in eine Art zerbrochenen Spiegel.

„Ich werde nie so sein wie du,“ platzte es aus ihm heraus. Und dann brannten seine Augen und er wischte sich hastig über die Augen. Vielleicht weinte ein Gentleman nicht, aber Luke war sich ziemlich sicher, dass er noch meilenweit davon entfernt war, einer zu sein..

Der Andere machte ein undefinierbares Geräusch, aber Luke kümmerte sich wenig darum, was er wohl dachte. Oder was er von sich selbst dachte?

„Hey,“ wisperte die tiefere Stimme. „Jetzt wein doch nicht gleich. Es ist doch nicht so schlimm.“ Er hörte sich etwas verloren an. Irgendwie schön, dass auch der Ältere Luke manchmal anscheinend ratlos sein konnte.

„I-Ic-ch weine gar nicht,“ hickste Luke und presste seinen Ärmel fester gegen die Augen.

Etwas unbeholfen, schlossen sich Arme um ihn. Luke entschied sich, dass es sowieso egal war, was der Andere jetzt von ihm denken sollte. Also schlang er seine, im Vergleich sehr kurzen Arme wie ihm auffiel, um die Brust des anderen.

„Ich würde nur gerne wie du werden. Weil das bedeuten würde, dass alles gut wird.“

Luke war sich nicht sicher, ob ihn der andere überhaupt hörte, und es war ihm ehrlich gesagt auch egal. Der Andere, der Mann, der Luke war und irgendwie auch nicht, der in einer Zukunft lebte, die Luke erleben würde und auch wieder nicht, all das war nicht wichtig. Stumm hielt ihn der andere ihm Arm und Luke überlegte, dass er wahrscheinlich nicht viel Übung darin hatte. Vielleicht gab es in dieser Zukunft nicht viele Menschen, die man umarmte.

„Ich will doch einfach nur wissen, was ich machen soll. Wie ich werde wie du. Wie ich einfach …“ Luke brach ab und entschied sich, die Klappe zu halten. Er hatte das Gefühl, dass er sowieso nicht wirklich etwas sinnvolles von sich geben würde.

Er fragte sich, ob das für den Älteren seltsam war, genau wie für ihn. Ob der Andere sich auch manchmal Luke ansah und versuchte, diese Verbindung zu sehen, die sie anscheinend teilten. Oder war es für ihn leichter, weil er es erlebt hatte? Weil er wusste, wie es in Amerika sein würde und was danach passiert? Luke wollte ihn so gerne fragen, wie er es gemacht hat. In dem neuen Land. Bei all den neuen Leuten. Ohne den Professor. Ohne Flora.

„Blöder Schmetterlingseffekt,“ wisperte er noch leiser. Es fühlte sich an als würde er betrügen, wenn er fragen würde. Wie der Andere es geschafft hatte und wie Luke es schaffen sollte.

„Das war jetzt nicht unbedingt das, was ich mir vorgestellt habe, als ich vorgeschlagen habe, dass wir rausgehen. Eigentlich dachte ich nur, dass dir vielleicht irgendwann die Decke auf den Kopf fällt.“ sagte der Ältere Luke.

Luke spürte, wie seine Ohren anfingen zu brennen.

„´tschuldigung.“

Der Größere schien ganz kurz etwas sagen zu wollen, Luke erkannte es dadurch, dass der Atem, der davor regelmäßig an seinem Ohr vorbeigerauscht war, ganz kurz stockte. Aber dann drückte er nur einmal ganz fest den kleineren Körper bevor er aufstand und den Kleineren angrinste.

„Na komm schon, gehen wir. Es gibt schönere Ecken in London als diese Gasse.“

Luke versuchte zu lächeln, aber er hatte das Gefühl, dass er nicht wirklich mehr zustande brachte, als ein schwaches Zucken.

„Okay,“ murmelte er und rieb sich hastig die Augen. „Erzähl ihm bitte nichts davon, okay?“

„Natürlich Kleiner.“

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Clive wollte den Kleinen packen. Packen und durchschütteln und anbrüllen.

Werd nicht wie ich. Wünsche dir nicht einmal in deinen Träumen so zu sein wie ich.

Aber er tat es nicht. Immerhin, war alles Teil des Plans.
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