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Heiligabend

von Isaria
KurzgeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Agron Donar Naevia Nasir Spartacus
25.12.2017
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„Melina Taru, eine Puppe mit Zöpfen, Ahmed Kiras, eine Kiste mit Holzbausteinen, Narid Abbas, ein brauner Teddy, Nasir Abbas, ein Lexikon, Sara Menga, ein Dreirad.“

Während Agron die Wunschliste durchging, sortierten Spartacus und Donar die einzelnen Geschenke und verpackten sie sorgfältig. Es war Heiligabend und die Freunde hatten Naevia und ihrem Mann Crixus versprochen im Flüchtlingslager die Kinder zu beschenken.

Ein wenig nachdenklich nahm Agron das große Lexikon in die Hände und schlug es irgendwo auf. „Welches syrische Kind wünscht sich ein Lexikon? Und warum muss der Teddy unbedingt braun sein? Es gibt so schöne weiße Teddys aber dunkelbraun? Eigenartige Wünsche haben manche Kinder.“

Er legte das Buch zurück und hob stattdessen den großen Teddy an. „Ich will nur hoffen, dass der Junge größer ist als du, mein pelziger Freund. Wollen wir ihn taufen? Wie wäre es mit Benny? Was meinst du dazu, Spartacus?“

Der Angesprochene hob die Augenbrauen. „Du willst einen Teddy taufen, der für ein syrisches Kind bestimmt ist? Was soll das werden?“ Agron machte ein unschuldiges Gesicht. „Er muss es ja nicht erfahren, wir sagen einfach, dass der Name Benny zu ihm passt.“ „Auf deine Verantwortung.“, meinte Spartacus trocken.

„Jaa.“, freute sich Agron und machte fast einen Luftsprung. Überaus schnell füllte er ein Glas mit kaltem Wasser und stellte es auf den Tisch. Dann setzte er den Teddy auf einen Stuhl und stellte sich anschließend vor ihn hin. „Im Namen meiner Freunde und vor allem in meinem eigenen taufe ich dich, großer Teddy auf den wunderschönen Namen Benny. Möge er dir Glück bringen und die Liebe des Jungen Narid Abbas, der dich in gut drei Stunden in seine Arme schließen wird und dich mit seiner Zuneigung überhäufen wird.“

Vorsichtig tauchte Agron seine Fingerspitzen der rechten Hand in das Glas und spritzte dann ein wenig auf den Kopf des Teddys. Spartacus schüttelte zwar den Kopf, lachte aber doch anschließend mit. Mit einem Tuch trocknete Agron daraufhin den Teddy und dann half er die Geschenke in den großen Jutesack zu verstauen.

Eine gute Stunde später waren alle Geschenke verpackt und im Sack. Jetzt mussten nur noch die Tragetaschen mit den Weihnachtsleckereien bestückt werden. Jedes Kind würde dabei das Gleiche erhalten und sich gewiss freuen.

„Spartacus, ist der Kram abgezählt oder bleibt da auch noch was für uns über? Über diesen Fressbeutel würde ich mich auch hermachen.“, klang es wie beiläufig aus Agrons Mund. Der warf ihm nur einen Blick zu und schon hob Agron seine Hände. „War ja nur so ein Gedanke. Jedes Jahr schenkt mir meine Mutter einen solchen Beutel.“ Spartacus sah ihn grinsend an. „Sehe ich aus wie deine Mutter oder was? Du bist doch kein kleines Kind mehr.“ „He, ich bin eben ein großes Kind mit meinen zweiundzwanzig Lenzen.“

Donar hatte Mühe sein Lachen zu verbergen aber Agron nahm es ihm nicht übel sondern gab beiden eine feste Umarmung. Schon wollte Spartacus etwas entgegnen aber sein Smartphone klingelte und er musste sich melden.

„He Freunde, wie weit seit ihr? Hier ist für euch alles bereit, der Raum ist geschmückt, der Tisch ist gedeckt, die Kinder und Jugendlichen sitzen alle auf ihren Plätzen und wir werden jetzt den Tee und den heißen Kakao ausschenken. Schafft ihr es in einer halben Stunde zu uns ins Heim?“


„Keine Sorge Naevia. Alles ist verpackt und abmarschbereit. Wir müssen uns nur noch umziehen und dann können wir loslegen.“ „Prima, dann bis gleich.“, meinte sie noch und dann brach die Verbindung ab.


Währenddessen waren alle Kinder und Jugendlichen im Aufenthaltsraum des Heimes versammelt. An den Wänden hingen Girlanden, in der hinteren Ecke stand ein geschmückter Tannenbaum. In der Mitte des Raumes stand ein langer hübsch gedeckter Tisch. Mehrere Adventskränze brannten, auf langen Platten lagen Lebkuchen, Stollenscheiben, Früchtebrot und es gab Fruchtsalat.

Soeben hatte Naevia ihr Telefonat mit Spartacus beendet und flüsterte Crixus zu, dass die Freunde wie versprochen ankommen würden. Zusammen mit Lugo und Saxa stellten sie sich kurz vorne hin und begrüßten die Anwesenden.


„Willkommen zu unserer kleinen Weihnachtsfeier. Ich freue mich, dass so viele unserer Einladung gefolgt sind. Heute ist Heiligabend und hier in Europa feiern wir heute Nacht die Geburt Jesu Christi. Manche von euch kennen bestimmt diese Geschichte und auch den Brauch an Weihnachten und vor allem an Heiligabend Geschenke auszutauschen. Jeder von euch durfte vor zwei Wochen einen Wunsch äußern, und die gesamte Liste haben wir dann dem Weihnachtsmann geschickt. Soeben habe ich erfahren, dass der Weihnachtsmann mit seinen Helfern auf dem Weg hierher ist und in einer guten halben Stunde bei uns sein wird.“

Ein lautes Raunen war zu hören und viele der Kinder bekamen große Augen und Narid stupste seinen Bruder Nasir an. Auf arabisch unterhielten sich die beiden leise und freudig wollte Narid wissen, ob der Weihnachtsmann immer sein Wort halten und die Wünsche der Kinder erfüllen würde. Nasir gab seinem kleinen Bruder einen Kuss auf die Wange und drückte beruhigend seine linke Hand.

„Der Weihnachtsmann belohnt alle braven Kinder und bringt ihnen, was sie sich gewünscht haben. Keine Angst, kleiner Bruder, du wirst deinen neuen Teddy schon bekommen. Hast du auch gesagt, wie groß er sein soll?“ Der Junge sah ihn erschrocken an. Dann schüttelte er den Kopf und die ersten Tränen liefen an seinen Wangen hinunter. „Das habe ich vergessen, ich habe nur gesagt, dass ich einen braunen haben möchte.“ Nasir lächelte und wischte dem anderen die Tränen ab. „Der Weihnachtsmann ist klug und er weiß alles über dich und er bringt dir bestimmt einen schönen und recht großen Teddy mit.“ „Und dir das Lexikon, was du dir gewünscht hast.“ „Ich möchte noch sehr viel lernen, eine gute Schule besuchen und einen Beruf erlernen, um dich und unsere Familie davon ernähren zu können.“

„Warum hast du dir nicht den Laptop gewünscht und dieses Spiel? Der Weihnachtsmann hat sich bestimmt über deinen Wunsch gewundert.“ Nasir nickte und schwieg. Er wusste, dass die Geschenke von Naevia und ihren Freunden gekauft worden waren aber warum sollte er seinem kleinen Bruder die Vorstellung von einem Weihnachtsmann wegnehmen?

Um den Bruder abzulenken, stupste Nasir ihn auf die Nase und nahm seinen Teller und legte ihm eine Scheibe Stollen, zwei Lebkuchen und eine Scheibe von dem Früchtebrot darauf. In ein Schälchen schöpfte er zudem noch etwas vom Fruchtsalat und schenkte ihm Kakao in die Tasse.

Vorsichtig probierte der Junge vom Stollen und stieß danach Nasir in die Seite. „Der Kuchen schmeckt prima, kann ich noch ein Stück davon haben?“ „Wenn du aufgegessen hast, dann bekommst du noch eine Scheibe. Trink deinen Kakao, kleiner Bruder, nicht dass er kalt wird.“ „Ja, mach ich doch.“

Erst jetzt nahm sich Nasir selbst und fing an langsam zu essen. Er hatte sich für den Tee entschieden und schüttete jetzt großzügig Zucker dazu. Narid verzog bei dem Anblick sein Gesicht und schüttelte sich angewidert. „Wie kannst du das nur trinken? Der Tee ist doch gar nicht so bitter, wie zuhause.“ „Ist wohl nur die Gewohnheit.“


Noch während alle aßen, klopfte es auf einmal ganz laut an der Zimmertür. Alle im Raum zuckten merklich zusammen und schlagartig trat Stille ein, als Naevia langsam zur Tür ging und nach einem Blick sie weit öffnete und die draußen stehenden Personen freundlich hereinbat.

Die kleineren Kinder schrien erschrocken auf, als plötzlich der Weihnachtsmann gefolgt von zwei jungen Männern mit roten Mützen und Schals den Raum betraten. Narids Augen wurden bei dem Blick auf den riesigen Sack, den der Weihnachtsmann hereintrug immer größer. Sicherheitshalber rutschte er etwas näher an seinen Bruder und drängte sich an ihn. Nasir konnte die Anspannung recht gut nachvollziehen und legte liebevoll beschützend seinen Arm um dessen Schultern.

„Schh, alles gut, kleiner Bruder. Du brauchst keine Angst zu haben.“ „Aber der hat eine Reisigrute in der Hand. Ich will nicht, dass er mich damit schlägt, wie die Männer in unserem Dorf getan haben.“ Der Junge fing an zu zittern und Nasir hatte Mühe ihn zu beruhigen. „Sieh mal genau hin. Er hat sie schon weggelegt und dann sieh dir mal seine Augen an. Die sind freundlich und warm.“

Inzwischen hatten die Ankömmlinge vorne Aufstellung genommen und die beiden Helfer hatten die große mitgebrachte Holzsteige auf den Boden gestellt. Nach einem prüfenden Blick in die Runde und in die erwartungsvollen Augen der Kinder fing der Weihnachtsmann an zu sprechen.

„Ho ho, liebe Kinder, ich bin der Weihnachtsmann und ich habe gehört, dass hier ganz viele Kinder auf mich warten. Die beiden neben mir sind meine treuen Gehilfen und helfen mir die vielen Geschenke zu transportieren und zu verteilen.“ Aus seiner großen Manteltasche holte er nun eine Rolle Pergament hervor und rollte sie langsam auf.

„Sara Ingas, bitte komm zu mir.“ Das Mädchen erhob sich langsam und ging eilig nach vorn. Sie war keine acht Jahre alt schätzte Agron, als sie neben ihm stehenblieb und mit großen Augen zusah, wie Spartacus in der Verkleidung als Weihnachtsmann ihr ein Päckchen überreichte. Ihr Dank war leise und dann gab ihr Agron noch eine der Tragetaschen in die Hand. Schon wurde das nächste Kind aufgerufen, welches nach vorne eilte und sein Geschenk in Empfang nahm.

Irgendwann blieben Agrons Augen beim Umhersehen auf dem Gesicht eines der Jungen hängen. Im ersten Moment dachte Agron, er hätte ein Mädchen vor sich aber dann sah er genauer hin und sah die Anzeichen von leichtem Bartwuchs. Agron wurde ganz flau und er schluckte mehrmals schwer und war auf einmal mit seinen Gedanken mit dem Jungen ganz allein irgendwo.

Donar stieß ihn in die Seite und da erwachte Agron aus seinem Tagtraum und gab dem Jungen vor ihm seine Tragetasche. Gleich darauf wanderten seine Blicke erneut zu dem Jungen, der ihn ebenfalls mit unverhohlenem Interesse zu mustern schien und ein scheues Lächeln umspielte dessen Mundwinkel.

Nun rief Spartacus Narid auf und Donar zog den großen Teddy aus dem Sack. Der Junge strahlte zuerst seinen Bruder an und stand dann hastig auf. Agron lächelte und wusste auf einmal den Namen des Jungen, dem sein Interesse galt. Nasir und in seinem Kopf wiederholte er den Namen unzählige Male. Inzwischen war Narid vorne und drückte den Teddy fest an seine Brust. Als ihm Agron seine Tragetasche überreichte, raunte er ihm zu. „Er heißt Benny und du musst dich gut um ihn kümmern.“ Fragend sah Narid zu Naevia, die ihm die Worte übersetzte. „Benny.“wiederholte er schließlich und rannte glücklich zu seinem Platz zurück.

Nach drei weiteren Kindern fiel Nasirs Name und mit einem Lächeln stand er auf und ging nach vorne. Sein Päckchen war recht schwer und mit einem breiten Grinsen hielt ihm Agron eine der Tragetaschen hin. „Ich bin Agron. Deinem Bruder gefällt hoffentlich der Teddy.“ Nasir nickte. „Ja, sehr sogar.“ Jetzt atmete Agron schwer. „Nach der Feier, können wir uns da vielleicht allein treffen und vielleicht reden und näher kennenlernen? Ich habe auch einen kleinen Bruder und meine Familie hätte gegen einen weiteren Gast zum Abendessen nichts einzuwenden. Nur, wenn du magst, natürlich, ich will mich dir nicht aufdrängen.“ Ein scheues Lächeln war Nasirs Antwort und ein Nicken.

Agron grinste und Nasir war bei dem Anblick rettungslos verloren.

Wie versprochen wartete Agron nach der Feier vor dem Haus auf Nasir. „Wo ist dein Bruder?“ „Warum fragst du? Möchtest du nicht mich kennenlernen?“ „Natürlich, ja das möchte ich. Du hast dir ein Lexikon gewünscht, recht ungewöhnlich.“ „Ich möchte viel lernen und später einen guten Beruf haben und meine Familie versorgen.“ „Wie alt bist du?“ „Siebzehn, im März werde ich achtzehn. Narid ist elf und meine Mutter ist mit uns zusammen hier.“ „Ich bin zweiundzwanzig und mein Bruder ist neunzehn. Darf ich fragen, woher ihr kommt und weshalb ihr geflohen seid?“ „Wir kommen aus Syrien, aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Homs. Der IS hat unseren Vater ermordet, weil er das Glaubensbekenntnis der Muslime nicht gesagt hat.“

Agron reagierte etwas irritiert. „Aus welchem Grund?“ „Wir sind Christen, früher in den alten Zeiten waren wir eine große Gemeinde aber jetzt sind wir in der Minderheit und seit dem Bürgerkrieg ist es noch schlimmer geworden.“

„Christen sagst du? Bist du etwa in der Kirche getauft und dein Bruder auch?“ „Ja.“ Für einen kurzen Moment sah Agron zu Boden und dann platzte es aus ihm heraus. „Ich muss dir etwas gestehen. Als wir die Geschenke verpackt haben, da habe ich zum Spaß den Teddy deines Bruders auf den Namen Benny getauft.“

Nasir lachte und Agron glaubte in den leuchtenden Augen des anderen zu ertrinken. „Nette Idee. Meinem Bruder gefällt der Name. Und ich würde sehr gern deine Familie beim Abendessen kennenlernen. Dich natürlich vor allem. Ich finde dich sehr nett und so und vielleicht, na ja, du weißt schon.“

Agrons Antwort war eine feste Umarmung und dann gab er Nasir einen allerersten Kuss auf die Wange und zog ihn daraufhin lachend zu seinem Auto.

Dieses Jahr versprach das beste Weihnachtsfest aller Zeiten zu werden und Agron konnte es kaum erwarten, Nasir einen unglaublich schönen Abend zu bereiten. Und vielleicht auch noch etwas mehr.
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