Toujours dans mon cœur

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12
25.12.2017
21.02.2018
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Am nächsten Tag fanden wir uns zum Krisengespräch in der Oper ein. „Wir sollten diesen unverschämten Forderungen nicht nachkommen!“, empörte sich Firmin. „Wer glaubt dieser Mann zu sein?“ André ließ das Skript von „Don Juan“ auf den Tisch fallen. „Wir können es uns nicht leisten, dieses Phantom noch einmal herauszufordern! Wir haben keine Wahl, Firmin!“ Er raufte sich die Haare.
„Sie wollen ihm doch nicht wirklich nachgeben, Monsieurs?“, fragte Raoul ungläubig und stand von seinem Stuhl auf. „Er lässt Sie an seinen Fäden tanzen! Befreien Sie sich!“ Er schaute von den Direktoren zu mir und Philipp. „Ihr stimmt mir doch sicherlich zu, oder? Wir sehen uns das schon viel zu lange an!“
Ich wich seinem Blick aus. Was blieb uns schon anderes übrig als zuzusehen? Waren wir nicht machtlos gegen Erik? Gerade hier, in der Oper, in seinem Revier. Natürlich war er im Vorteil. Er war wie ein wütendes Raubtier auf der Jagd nach seiner hilflosen Beute. Er wartete im Verborgenen, bereit zum Angriff. Scharfe Klauen und ein unstillbarer Blutdurst. Es fehlte nur noch der entscheidende Augenblick.
Die Tür öffnete sich und Christine schob sich schüchtern in das Büro. „Mademoiselle Daaé“, begrüßte Firmin sie und bot ihr einen Stuhl an. „Sie haben die größte Rolle in diesem Stück.“
André reichte ihr das Skript der Oper. Sie starrte darauf und schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht“, sprach sie leise. Besorgt legte ich ihr eine Hand auf die Schulter. „Niemand zwingt dich dazu.“ Ich versuchte, Wärme und Vertrautheit in meine Stimme zu legen.
„Jedoch könnte das unsere Chance sein, dieses Phantom endlich zu stellen!“ Raoul war von einer plötzlichen Euphorie ergriffen worden. „Wie meinst du das?“, fragte Philipp und richtete sich auf. „Er wird sich die Aufführung seiner Oper nicht entgehen lassen. Er will Christine singen hören. Glauben Sie mir, er wird dort sein.“ „Dann umstellen wir das Gebäude und überwachen seine Loge! Brillant, Monsieur!“Firmin schüttelte Raoul überschwänglich die Hand. Ich sah unsicher von einem zum anderen. Wussten sie nicht, auf was für eine Art Katz-und-Maus-Spiel sie sich einließen? Christine wirkte ebenfalls nicht überzeugt.
Die vier Männer redeten nun emsig und ernst über ihre Pläne, bis Christine abrupt aufstand und „Don Juan“, auf den Boden schleuderte. „Nein! Ich kann das nicht tun! Bitte, zwingen Sie mich nicht, das zu tun!“ Sie sank schluchzend in sich zusammen. Ich wollte sie tröstend in den Arm nehmen, doch Raoul war schneller. „Christine“, begann er und strich ihr über den Rücken. „Habe keine Angst. Er ist nur ein Mann, weiter nichts. Er kann dir nichts tun.“ Sie lösten sich voneinander. Raoul strich ihr über die Wange. „Bitte, du musst uns helfen. Er wird uns sonst nie in Ruhe lassen. Nie aus unserem Leben verschwinden.“
Christine schloss die Augen. Tränen rollten über ihre Wangen. „Ihr versteht nicht“, flüsterte sie. „Er wird mich nicht noch einmal gehen lassen. Seine Welt, sein Gesicht... Er verfolgt mich, wohin ich gehe! Ich habe Angst, Raoul!“ Aus ihrem Gesicht sprach blankes Entsetzen.
Ich griff ein, bevor Raoul etwas erwidern konnte, dass sie noch mehr verunsichern oder gar verletzen würde. „Es ist zu gefährlich für sie. Für uns alle. Wir können das Risiko nicht eingehen, dass wegen unseren Entscheidungen noch mehr Unglücke geschehen.“
Raoul sah zu mir auf. „Denkst du, dass es unsere Entscheidungen waren, die dafür verantwortlich sind, dass Menschen starben? Dass all das auf unser Konto geht? Verdammt, es ist ein Wahnsinniger, der hier in dieser Oper haust und mordet! Und jetzt hat er es auf Christine abgesehen! Was sollen wir anderes tun, als uns gegen dieses Monster zu wehren?“ Er war immer lauter geworden. Ohne viel Nachzudenken stand ich auf.
„Du hast keine Ahnung, was der Mann womöglich erleben und ertragen musste! Auch nicht, was ihn zu dem Monster gemacht hat, als das du ihn bezeichnest! Ihr verdrängt vollkommen, dass auch er ein fühlender Mensch ist, dass auch er Gründe für all das hat, was ihr ihm vorwerft!“
Alle starrten mich an. „Du... fängst doch nicht wirklich damit an, Sympathie und Mitleid für den Operngeist zu empfinden?“, fragte Philipp stockend, ohne viel Ton in der Stimme. Ich erwiderte seinen Blick, schwieg aber. Kurz herrschte eine bedrückende Stille im Büro.
„Ich halte an unserem Plan fest“, sprach Raoul dann und erntete anerkennende Zustimmung seitens der Direktoren und auch Philipp. Christine jedoch sprang von ihrem Stuhl auf. Sie blickte mit geröteten Augen jeden von uns einen Moment an, bevor sie aus dem Büro flüchtete. Raoul eilte ihr nach.
Die beiden Direktoren schüttelten ratlos den Kopf. „Wie sollen wir das nur schaffen?“ Philipp versicherte ihnen, dass sie sich auf unsere Unterstützung in dieser Angelegenheit verlassen konnten. Ich griff nach der Hand meines Mannes. Als meine Augen Philipps trafen, sah ich etwas in ihnen, was ich zuvor noch nicht gesehen hatte: Zweifel. Ich war mir bewusst, dass ich, trotz meiner Wut auf Erik, meine geschwisterlichen Gefühle und meine Angst um meinen Bruder zu weit an die Oberfläche hatte steigen lassen.
Während Firmin und André weiter mit Philipp redeten, starrte ich gedankenverloren auf das am Boden liegende Skript von „Don Juan“. Ich musste unbedingt mit Erik reden. Ganz gleich, was alles auf dem Spiel stand.


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Nach etwas längerer Wartezeit als gewohnt hier endlich das nächste Kapitel. Über Feedback jeglicher Art würde ich mich wie immer sehr freuen :)
Liebe Grüße
TheWorldIsQuietHere
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