WhatsApp für dich - Íslenska fyrir byrjendur

von myamemo
GeschichteRomanze, Familie / P18 Slash
25.12.2017
08.12.2019
164
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Dieses Kapitel
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Da klären wir mal den Unbekannten ;)

lg mya

~~~
Fionn POV.

Während unserer Fahrt denke ich unweigerlich immer wieder daran zurück, ob der Typ mich wirklich aus Versehen angerempelt hat, oder ob es mit Berechnung war und er mich testen wollte wie ich reagiere, weil er mich eben doch erkannt hat und wusste, dass ich ihn ebenfalls erkennen würde und das sogar ohne großartige Anstrengung. Aber selbst wenn, dann müsste er ja schon recht überrascht gewesen sein und das auch noch gut versteckt haben, dass er mir so einfach in Island wieder über den Weg gelaufen ist, da ja mittlerweile jeder weiß, dass ich der Insel den Rücken gekehrt habe. Ich gebe zu, ein bisschen ist meine gute Laune gedämpft und es rumort ein bisschen in meinem Bauch, was ein sehr unangenehmes Gefühl in mir zurück lässt.

Aber wenn es wirklich so gewesen ist, dann wird sich dennoch nicht viel ändern. Meine Handynummer hat nur eine Hand voll ausgewählter Leute und denen traue ich nicht wirklich zu, dass sie meine Nummer einfach so weitergeben. Deswegen werde ich also nicht viel zu befürchten haben. Aber man soll ja immer auf der Hut sein. Dummerweise habe ich mich die ganze Zeit wegen meinen Eltern gewehrt wieder einen Fuß nach Island zu setzen, aber dass es ja noch andere Menschen gibt, die ebenfalls mächtig Einfluss auf mich haben könnten, daran habe ich nicht mal eine Sekunde gedacht. Nicht mal, als mir jeder die Sache mit meinem Ex und Exkumpel unter die Nase gerieben hat. Manchmal kann ich auch wirklich dämlich und blind sein.

Durch meine ganze Grübelei merke ich erst recht verspätet, dass Ryan mit mir gesprochen hat und ich schrecke ein kleines bisschen aus meinen Gedanken hoch.
„Hm?“, klinge ich also recht irritiert, bis seine Wörter in meinem Kopf langsam zu einem ordentlichen Satz zusammengefügt werden und ich den Sinn auch endlich dahinter verstehe. „Wie man es nimmt“, murmele ich als Antwort und schalte in den nächsten Gang, da wir gerade an einer grünen Ampel angefahren sind. „Weh getan hat mir derjenige nicht. Zumindest nicht körperlich“, spreche ich für ihn wahrscheinlich noch immer in einem einzigen Rätsel. Nach einem Schulterblick biege ich in die nächste Straße ein und beschleunige wieder.

„Das war Sjon, der mich angerempelt hat“, erzähle ich irgendwann weiter und bleibe an der nächsten roten Ampel stehen und schaue zu Ryan rüber. „Mein ehemals bester Freund. Jetzt grübele ich darüber nach, ob es Absicht oder ein Versehen war“, gebe ich zu, bevor ich aus dem Augenwinkel sehe, dass die Ampel wieder auf grün schaltet und ich schnell den ersten Gang einwerfe und losfahre, bevor ein ungeduldiger Autofahrer hinter mir noch hupt, weil es ihm nicht schnell genug geht.

„Ehrlich gesagt habe ich nie darüber nachgedacht, ob ich denen irgendwann mal über den Weg laufe, wenn ich wieder in Island bin. Einfach, weil ich sie aus meinem Leben komplett ausgeschlossen habe. Meine Devise war; aus den Augen, aus dem Kopf. Bis eben hat es auch super funktioniert. Aber die Begegnung eben… ich glaube, dass ich doch noch nicht ganz so sehr darüber hinweg bin wie gedacht. Es tut mehr weh, als ich mir bis jetzt vorstellen konnte“, dabei klopfe ich mit meiner Hand leicht auf meine Brust, genau auf der Höhe meines Herzens, damit er weiß, was genau ich meine.

***
Ryan POV.

Als ich auch nach einer meiner Meinung nach angemessenen Wartezeit keine Antwort bekomme, drehe ich mich besorgt zu Fionn hin, soweit es mir mein Gurt eben erlaubt, und versuche herauszufinden, was auf einmal mit ihm los ist.

Ein bisschen habe ich immer noch die leise Befürchtung oder wie auch immer man es nennen will, dass der Rüpel von vorhin ihm ernsthaft weh getan hat und er deswegen so verkniffen am Lenkrad sitzt und stur geradeaus auf die Straße starrt, dass diese beinahe schon vor seinen Blicken erzittern müsste. Andererseits glaubt ein Teil von mir nicht wirklich, dass es tatsächlich das ist, was meinen Freund so schweigsam macht, allerdings kann dieser sich leider auch nicht erklären, was es sonst sein sollte. Hmm...

Wenn ich ihn noch ein bisschen weiter beobachte, fällt mir vielleicht etwas ein – oder auch nicht. Das ziemlich verführerisch duftende Essen auf der Rückbank lenkt mich, wie ich zu meiner eigenen Schande eingestehen muss, ein wenig ab und wahrscheinlich springt mein Verstand auch deswegen zu der wahrscheinlich ziemlich lächerlichen Schlussfolgerung, dass Fionn vielleicht einfach nur Hunger hat, da er das Gleiche riecht wie ich.

Nein, so banal ist die Sache nicht und so banal ist auch Fionn nicht – er ist viel tiefgründiger und allein sein Gesichtsausdruck und seine gesamte Körperhaltung sagen mir schon, dass das – was auch immer es ist – tiefer geht. Sehr tief, wenn ich raten müsste. Ich weiß nur noch nicht, was dort ist...

Leise seufzend schaue ich dann erst mal eine Weile durch die Frontscheibe auf die Straße, genau wie er, vielleicht liegt die Antwort auf meine Fragen ja dort, aber so schnell wie mir der Gedanke gekommen ist, so schnell verscheuche ich ihn auch schon wieder. Die Straße hält keine Antworten für mich bereit, die hat nur Fionn und wenn ich es irgendwann schaffe, meinen Freund aus seinem tranceartigen Zustand heraus zu bekommen, dann bin ich schon mal einen Schritt weiter – aber vorher nicht.

Deswegen drehe ich mich dann wieder zu ihm hin und lege ihm sanft meine Hand aufs Knie, damit er nicht erschreckt beim Fahren, bevor ich dazu ansetze, ihn erneut anzusprechen. Das kann ich mir dann allerdings sparen, da er von ganz allein anfängt zu reden. Ich will schon nach den ersten Worten dazwischen grätschen und fragen, was genau er damit meint, aber da es ziemlich deutlich ist, dass da noch mehr kommt, bleibe ich vorerst still und warte ab, was er zu sagen hat.

Und Mann oh Mann, jetzt wunder ich mich nicht mehr über seine bis eben noch verhaltene Art...

Als Fionn mich dann auch noch direkt ansieht, bleibt mir glatt für eine Sekunde das Herz stehen, weil sein Blick einfach so... offen und verletzlich ist, dass es mir für einen Moment lang den Atem raubt. Nicht, dass ich seine Reaktion nicht verstehen kann... Mir würde es auch nicht anders gehen an seiner Stelle oder wenn ich zum Beispiel jemals wieder mit Jake konfrontiert werden sollte – was ich nicht hoffen will – auch wenn das etwas komplett anderes ist. Aber hier geht es gerade nicht um mich, sondern um meinen Freund und der leidet still vor sich hin, während er mir erklärt, warum ihn die Begegnung mit seinem ehemals besten Freund so aus der Bahn geworfen hat.

Am liebsten würde ich ihm gerade sagen, dass er das nicht muss, wenn es ihn zu sehr verletzt, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass er es einfach gerade rauslassen muss und sich danach vielleicht besser fühlt – zumindest etwas. Zwar macht er mir nach Beendigung seiner kleinen Rede nicht gerade den Eindruck, aber wer weiß – manchmal dauert das eben auch ein Weilchen hinterher. Jedenfalls hoffe ich, dass das alles ist, was es beziehungsweise was er brauchen wird. Ich hab nämlich keine Ahnung, was sonst zu tun wäre. Leider.

„Das tut mir leid...“, sage ich irgendwann leise und unterdrücke dabei das erneut in mir aufsteigende Bedürfnis, zurück zum Restaurant zu fahren und dem Typ – Sjon – doch noch meine Meinung zu sagen und ihn zurecht zu weisen. Egal ob er das mit Absicht gemacht hat oder nicht. Es war so oder so kein feiner Zug, aber jetzt wo ich weiß wer er ist, wundert mich das auch kein bisschen. Es macht mich einfach nur noch ungehaltener, vor allem um Fionns Willen.

Deswegen wurmt es mich wahrscheinlich auch gerade so dermaßen, dass ich absolut keine Ahnung habe, was ich jetzt zu ihm sagen soll. Mir will einfach nichts einfallen, was auf irgendeine Art und Weise hilfreich sein könnte und bevor ich irgendwas Belangloses von mir gebe, sage ich lieber nichts. Alles, was Fionn nicht helfen kann, ist es nicht wert ausgesprochen zu werden.

So bleibt mir einfach nur, ein bisschen sein Knie zu drücken und zu hoffen, dass ihm die körperliche Nähe wenigstens ein bisschen Linderung verschaffen kann und ihm zeigt, dass ich für ihn da bin, egal was auch ist. Ich kann es nur nicht in Worte fassen...

***
Fionn POV.

Falls Ryan überrascht ist, dann lässt er es sich definitiv nicht anmerken. Trotzdem kann ich spüren, dass ihn das Thema auch nicht gerade glücklich stimmt. Nicht, weil es um mich geht beziehungsweiße ich Aufmerksamkeit haben möchte, sondern einfach aus Prinzip, weil es allgemein eine scheiß Sache ist. Sanft lege ich meine Hand auf seine Finger und nehme sie nur weg, wenn ich in einen anderen Gang schalten muss.

„Dir muss nichts leidtun“, sage ich dann, als er sich allen Ernstes entschuldigt. „Du hast absolut nichts falsch gemacht und kannst am wenigstens dafür“, seufze ich und biege in die nächste Straße ab, die uns nun direkt zum Bungalow führen wird. „Die beiden müssten sich entschuldigen. Gut, sie haben es ehrlich gesagt sogar schon versucht, aber ich war nicht gewillt ihnen zuzuhören. Und wenn wir mal genauer darüber nachdenken, dann sollten wir vielleicht sogar dankbar sein. So scheiße es klingt, aber ohne dem ganzen Drama hätten wir uns nie kennengelernt und von mir aus halte mich für bescheuert, bereuen tu ich es nicht. Es tut weh, ja, aber es hatte eben nicht sein sollen“, drücke ich seine Finger fest, bevor ich meine Hand wieder ruhig auf seiner liegen lasse.

Umso weiter wir vom Stadtkern und diesem vermaledeiten Lokal wegkommen, umso leichter fühle ich mich auch wieder und das gefällt mir persönlich auch besser, da ich mich selbst nicht mag, wenn ich so grüblerisch und mit einer dunklen Aura irgendwo herum wandele.

Nach wenigen Minuten kommt der Bungalow in Sicht und kurz darauf stelle ich den Leihwagen gleich daneben auf einen Schotterplatz ab, der genau für solche Fälle angelegt wurde. Mittlerweile haben die verschiedenen Speisen das Auto schon vollkommen eingeduftet und selbst wenn vorher mein Appetit doch sehr gelitten hat, so kommt der Hunger dennoch langsam zurück. Also schnappen wir uns die Beutel mit den Gerichten und entern sogleich den kleinen Bungalow, der uns gleich mit seinem isländischen Charme empfängt. Die nicht vorhandene Wärme drinnen empfängt uns allerdings ebenso schnell.

„Du kümmerst dich um Teller und Besteck und ich heiz uns schnell ein“, verteile ich einfach mal die Aufgaben und schnappe mir einen großen Korb. Den schleppe ich nach draußen und wie früher steht hinter dem Haus ein riesiger Berg voller Holz, der ordentlich überdacht ist, das nicht unnötig Feuchtigkeit ran kommt. Schnell stapel ich die Holzscheite in den leeren Korb, bis absolut nichts mehr rein geht und schleppe ihn wieder ins Innere des kleinen Hauses. Dort ist der Ofen schnell vorbereitet und keine zwei Minuten später lodern dort orangefarbene Flammen drin und knistern beruhigend vor sich hin.

Ryan hat unterdessen schon alle möglichen Köstlichkeiten ausgepackt und sie ordentlich auf den Tisch gestellt. Zwar ist dort jetzt kein Platz mehr für Teller und Besteck, aber zur allergrößten Not essen wir auch direkt aus den Schalen. Ist zwar nicht ganz so romantisch, aber der Zweck heiligt nun mal die Mittel.

„Ich habe übrigens von Sóley noch was Besonderes besorgen lassen“, fällt mir nebenbei ein, als ich den vollen Tisch sehe. Schnell eile ich noch zu der kleinen Bar im Wohnbereich und hangele mir dort eine Flasche mit schwarzem Etikett heraus. „Das ist ‚Íslenskt Brennivín‘ auch unser ‚schwarzer Tod’ genannt.“, grinse ich und wackel mit der Flasche in der Luft herum. „Den trinken wir als Verdauungsschnaps und wenn ich mir das Essen so anschaue, werden wir den wohl auch benötigen.“ Ich lasse allerdings aus, dass er hohe Prozente hat und wohl auch davon seinen Namen trägt.

***
Ryan POV.

Fionns Worte lösen ein bittersüßes Gefühl in mir aus, welches so schnell von meinem gesamten Körper Besitz ergreift, dass mir ein bisschen schwindelig wird. Ja, ich weiß, dass ich im Prinzip nichts dafür kann und dass ich mich auch nicht entschuldigen müsste, aber ich hatte trotzdem das Bedürfnis, wenn auch einfach nur aus dem einen Grund, dass ich ihm nicht helfen konnte – wie auch immer ich das hätte anstellen sollen. Das fühlt sich nämlich ein bisschen wie versagen an, auch wenn ich so langsam begreife, dass es nicht wirklich so ist. Ich kann nur mein Bestes versuchen und wenn ich das tue, brauche ich mir eigentlich nichts vorzuwerfen. Eigentlich.

Mir gefällt trotzdem nicht, dass Fionn so trübsinnig aus der Wäsche guckt, auch wenn sich das langsam wieder von selbst gibt. Tja, ich kann nur hoffen, dass ich in Zukunft besser darin werde ihn aufzubauen, wenn er mal am Boden ist. Ich bin immer noch in einer Art Lernphase, auch nach all den Monaten.

Ich bin mir nicht sicher ob ich meinem Freund inbrünstig zustimmen soll, dass es ganz gut so ist, wie es nun mal gekommen ist, aber ich widerspreche ihm zumindest nicht (offen), da ich den kleinen Funken Wahrheit einfach nicht verleugnen kann, der sich hinter seinen Worten verbirgt. Ja, ohne das ganze Drama wären wir nicht dort, wo wir jetzt sind – ich wäre allein in Irland ohne zu wissen, was für ein großartiger Mensch da draußen ist und Fionn wäre noch hier in Island, würde sich um seine Werkstatt statt um einen Bauernhof kümmern und mit einem anderen Mann das Bett und sein Leben teilen. Okay, gut, ich sehe ein, dass es definitiv besser ist, wie es jetzt ist. Selbst wenn es schmerzhaft für ihn war.

Aber mir vorzustellen, dass Fionn nicht mein Fionn ist, sondern der eines Anderen... Das kann und will ich einfach nicht. Selbst, wenn wir uns dann rein logisch betrachtet nie kennen gelernt hätten und das Ganze von daher eigentlich nicht mal wirklich Sinn macht.
Na ja, dann vergessen wir das eben ganz schnell, bevor wir selber noch depressiv werden und sind lieber dankbar dafür, dass wir jetzt hier auf dem Beifahrersitz sitzen und niemand sonst, egal wie egoistisch das gerade klingt. Soll es ruhig, ich mache kein Geheimnis daraus dass ich über alle Maße froh bin, Fionn an meiner Seite zu haben.

Zurück in unserer Unterkunft dürfen wir dann erstmal feststellen, dass es im Inneren mindestens so kalt ist wie draußen und da wir so unmöglich einen gemütlichen Abend verbringen können, steht Fionn direkt seinen Mann und geht Holz holen um es uns warm und kuschelig zu machen, während ich mich noch komplett in meine Straßensachen gehüllt um den Tisch und unser Essen kümmere. Ein bisschen abgekühlt hat es sich inzwischen, aber die Behälter haben es trotzdem relativ gut warm gehalten sodass ich davon ausgehe, dass wir auch ohne das Ganze nochmal aufzuwärmen zurechtkommen. Aber dazu kann ich mir ja auch noch eine zweite Meinung einholen und sobald mein Freund zurück ist und der Ofen den kleinen Raum langsam aber sicher aufzuwärmen beginnt und wir unsere Jacken ausziehen können, tue ich das auch.

Selbst wenn ich bei der ganzen Aufregung völlig vergessen habe, dass ich Teller hinstellen sollte und nicht nur Besteck auslegen. Ups... Aber die passen jetzt sowieso nicht mehr auf den kleinen Tisch, wir können froh sein, dass die Behälter mit dem Essen überhaupt genug Platz finden, ohne dass einer abstürzt und seinen Inhalt auf dem Fußboden verteilt.
Ach na ja, denke ich mir, wir sind hier nicht in dem Restaurant, aus dem wir das Essen haben, da überleben wir auch mal einen Abend ohne Tischmanieren, an dem wir direkt aus der Verpackung essen. Es sei denn natürlich, Fionn ist da vehement dagegen, dann muss ich eben was arrangieren...

Zum Fragen komme ich allerdings dann gar nicht, da mein Freund noch etwas von unserer Gastgeberin hervor holt und mir unter die Nase hält, auch wenn mir das absolut nicht dabei hilft, das Etikett der Flasche zu entziffern – wie auch, ist alles auf Isländisch, da würde mir nicht mal ne Lupe helfen. Alles was ich entziffern kann, ist was Fionn gerade eben schon gesagt hat und der Umriss Islands selbst, aber das ist auch nicht wirklich schwer, dafür muss man die Sprache nicht beherrschen.

„Aus was ist der und warum hat er ein schwarzes Etikett? Schwarzer Tod klingt nicht wirklich... vertrauenserweckend“, muss ich ehrlich zugeben und runzel ein bisschen die Stirn, auch wenn mir natürlich klar ist, dass das Zeug nicht wirklich die Pest beinhaltet oder etwas Derartiges und tödlich wird es – in Maßen – sicherlich auch nicht sein. Wenn mein Freund sowas allerdings schon anschleppt, dann kann er mir wenigstens auch ein paar Hintergrundinformationen dazu geben. Wenn ich schon offen für Neues sein soll, dann will ich auch wissen für was genau.

***
Fionn POV.

Ja, ja, mein Ryan ist nicht dumm. Er hat sofort gecheckt, dass das Etikett nicht umsonst rabenschwarz ist. Gut, ich wage zu bezweifeln, dass die Erfinder das Etikett deswegen schwarz gemacht haben, weil es einen schon mal mit dem Gesöff umhauen kann, aber zu einem ‚guten Ruf‘ hat es zumindest nicht beigetragen.

Sowieso sollte das schwarze Etikett eigentlich vom Kauf abhalten, aber nun ist es eher zum Markenzeichen aufgestiegen und man kann es sich gar nicht mehr anders vorstellen. Dass dabei die waldmeistergrüne Kunststoffflasche noch ins Auge tritt, das zieht einen sogar dann noch mehr an. Finde ich zumindest.

„Svarti auði – also unser schwarzer Tod – ist ein Branntwein. Das Zeug wird aus fermentiertem Getreide hergestellt und hat zusätzlich noch ein Kümmelaroma. Wenn du viel davon trinkst, wirst du ganz schnell ganz lustig“, grinse ich. „Sóley hat sogar den stärkeren von beiden besorgt mit 40 % vol.“, stelle ich mit einem kurzen Blick auf das Etikett fest. Ich suche im Wohnbereich noch zwei Schnapsgläser zusammen und stelle diese dann noch irgendwo in eine Lücke auf unserem vollbepackten Tisch.

„Wir essen erst mal und danach probieren wir das Mörderzeug“, bestimme ich einfach und lasse mich auf einen der Stühle fallen. Ryan tut es mir gleich und danach können wir schon anfangen mit essen. Wir probieren uns wirklich durch alles Mögliche und ich kann am Ende gar nicht alles benennen, was wir in uns hinein stopfen. Fisch, Lamm, süß, herzhaft, alles ist dabei und alles schmeckt verdammt köstlich.

Mir ist in Irland gar nicht aufgefallen, dass ich das isländische Essen so sehr vermisse. Jetzt merke ich es allerdings ganz deutlich und ich kann beinahe nicht genug bekommen. Irgendwann passt aber einfach nichts mehr hinein und ich schiebe die Schale von mir weg, die ich zuvor erst vor meine Nase gezogen habe. Viel haben wir beide tatsächlich nicht übrig gelassen. Man kann wirklich sagen, dass wir heute Abend wie die Maden im Speck leben. Stöhnend lasse ich mich in die Stuhllehne sinken und die Arme an beiden Seiten hinab baumeln.

„Ich fühle mich, als könnte ich nie mehr etwas essen“, brumme ich. „Aber ich weiß selber, dass ich spätestens morgen Früh wieder Kohldampf haben werde“, grinse ich am Ende und richte mich wieder auf. Die wirklich leeren Packungen räume ich zusammen, damit mal wieder etwas Platz auf dem Tisch entsteht. Als wir uns dann wenigstens wieder auf der Holzplatte abstützen können, ziehe ich die zwei kleinen Gläser zu mir heran und greife danach gleich zur alles sagenden Flasche. Schnell habe ich etwas in die Gläschen gefüllt und halte eines Ryan hin.

„Dann wollen wir mal“, hebe ich mein Glas an und schnuppere kurz daran. Der Alkohol steigt mir sofort in den Kopf und wir beide werden morgen wahrscheinlich ganz schön zu leiden haben, sollten wir uns mehr als ein, zwei Gläschen von dem Zeug genehmigen.

„Skál!*“, spreche ich den isländischen Trinkspruch und kippe das Zeug mit einem Kopfnicken nach hinten hinunter. Der Alkohol brennt sich förmlich meine Speiserühre hinunter und ich muss selbst husten. Das Zeug bin ich echt nicht mehr gewohnt. Aber die Schnappatmung ist schnell vorbei und dann genieße ich das Brennen in meinem Hals und wie es sich meinen Oberkörper hinunter frisst.

* Prost

***
Ryan POV.

Fionn, mein wandelndes Island-Lexikon, erklärt mir umgehend, was es mit dem Teufelszeug auf sich hat und dass ich es so nenne stellt sich spätestens dann als zutreffend heraus, sobald mir mein Freund offenbart, wie viele Umdrehungen die klare Flüssigkeit hat. Mann oh Mann, da wird einem schön vom Hören schwindelig.

Nichts desto trotz bin ich jetzt schon ein wenig gespannt, wie es denn wohl schmecken wird und ob man den Kümmel, der dort laut Fionns Aussage drin ist, auch wirklich schmecken kann. Hoffentlich ist der nicht allzu stark, sonst erinnert mich das wieder an Mutters Kümmelöl, dass sie manchmal selbst zusammengerührt hat und wonach dann anschließend das ganze Haus gerochen hat. Ich weiß bis heute nicht mal so wirklich, wofür sie es gebraucht hat, aber na ja. Ich habe als Kind nicht alles hinterfragt, was so zuhause los war – im Gegensatz zu allen anderen normalen Kindern wahrscheinlich, aber was soll’s, so war ich eben und ich bin auch zurecht gekommen.

Bevor wir das Mysterium des Flascheninhalts allerdings auflösen können – zumindest für mich, Fionn kennt das Zeug schon und wird wohl auch schon wissen, wie es schmeckt – wird erstmal gegessen, bevor das gute Essen noch mehr abkühlt und gar nichts mehr für unsere Geschmacksknospen übrig bleibt. Das wäre nicht nur schade sondern auch vergeudete Mühe, immerhin hat das Restaurant uns das extra alles fertig gemacht.

Zum Glück machen wir uns im nächsten Moment schon daran, die einzelnen Behälter durchzugehen und so gut wie möglich von allem etwas zu probieren, sodass wir uns keine weiteren Gedanken um abfallende Temperaturen machen müssen. Das Feuer im Ofen hat den Raum inzwischen auch noch schön warm gemacht und zur Not könnten wir einfach den einen oder anderen Behälter da drauf stellen – wenigstens für einen kurzen Moment, wir wollen ja nicht dass er uns abfackelt – und ihn noch mal erwärmen.

Das wird wohl allerdings nicht wirklich nötig sein, denn so wie wir gerade essen, ist es eher unwahrscheinlich, dass noch viel zum Aufwärmen übrig bleibt – jedenfalls nicht mehr heute.
Und siehe da, am Ende ist nur einer der Container noch übrig und selbst der ist nicht mehr ganz voll, aber mehr bekommen wir einfach nicht runter. Wie gut, dass Fionn den Verdauungsschnaps schon da hat, auch wenn ich in meinem Leben glaube ich noch keinen einzigen Tropfen von so etwas getrunken habe. Tja, einmal ist immer das erste Mal, wie man so schön sagt, nicht?

Nachdem mein Freund den Tisch für uns abgeräumt hat und noch ein paar Schnapsgläser den Weg darauf finden, wird es dann endlich Zeit, das Siegel der Flasche zu brechen und herauszufinden, was es nun damit auf sich hat. Warum es jetzt schwarzer Tod heißt weiß ich zwar immer noch nicht, aber ich schätze mal dass werde ich schon noch herausfinden. Wahrscheinlich. Na ja, eigentlich lieber nicht, hoffentlich. Zumindest nicht wortwörtlich...
Ich würde ja noch verstehen, wenn das Zeug schwarz wäre wie die Nacht, dann hätte es sich zumindest seinen Namen ein bisschen verdient, aber wahrscheinlich würde es dann auch nach Lakritz schmecken, so wie ich die Isländer kenne, und dann käme es mir definitiv nicht zu nahe. Zum Glück ist das hier aber nicht der Fall und nachdem Fionn uns eingeschenkt hat, kann ich es irgendwie gar nicht erwarten davon zu probieren.

„Prost“, erwidere ich auf seinen Ausruf, bin dann allerdings nicht ganz so schnell wie er mit dem Trinken, sodass ich das volle Gläschen noch in der Hand halte, während seins bereits leer wieder auf dem Tisch steht. Hmm. Dabei wollte ich es mir doch nur etwas näher betrachten und wenigstens mal kurz dran riechen, bevor ich es einfach so hinter kippe. Außerdem bin ich bekanntermaßen kein Trinker und ich habe absolut keine Ahnung was passiert, sobald das isländische ‚Nationalgetränk‘ meine Kehle hinabrinnt.

Wahrscheinlich das Gleiche wie bei Fionn, wenn nicht noch schlimmer, denn der hustet selber los, als wäre es flüssiges Feuer gewesen und kein klarer Schnaps. Oh Gott, wie soll das dann erst bei mir aussehen?

Lange Rede, kurzer Sinn – lassen wir es einfach drauf ankommen.
Und siehe da – es erwischt mich mindestens genauso schlimm wie meinen Freund und es fühlt sich tatsächlich ein bisschen wie flüssiges Feuer an, es brennt sogar noch eine ganze Weile hinterher, sodass ich den Geschmack leider gar nicht wahrnehmen kann. Verdammt. Na ja, wenigstens wird es in meiner Magengegend schön warm und da ich mich hier in einer sicheren Umgebung und vor allem in vertrauenswürdiger Gesellschaft befinde, zögere ich auch nicht meinem Freund mein leeres Gläschen entgegen zu halten und ihn ums Auffüllen zu bitten.

„Noch Einen, den Ersten konnte ich gar nicht richtig schmecken.“
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