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Als er ihn fortschickte

OneshotDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Akashi Seijūro Aomine Daiki Kise Ryōta Kuroko Tetsuya Midorima Shintarō Murasakibara Atsushi
24.12.2017
24.12.2017
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Geneigter Leser!
Vielen Dank, dass Du Dich für diese Geschichte entschieden hast. Möge sie Dich unterhalten und zu Fanfictions, Fan-Arts und Tagträumen inspirieren.
Ich begrüße besonders herzlich all jene Leser von meiner laufenden Kuroko-no-basuke-Fanfiction „Alle meine Freunde, alle meine Sorgen“ und jene, denen meine Halloween-Geschichte zu Yowamushi Pedal gefallen hat. Ein frohes Weihnachtsfest für euch alle!

Hinweis:
Die auftretenden Charaktere gehören nicht mir, sondern Fujimaki Tadatoshi, ich habe sie mir nur ausgeliehen und für meine Zwecke missbraucht. Ich verdiene mit dieser Fanfiction kein Geld.
Die Geschichte ist angelehnt an „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens, sie richtet sich in ihrer Handlung und ihrem Wortlaut jedoch eher nach den Disney-Verfilmungen „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Robert Zemeckis (2010) und „Die Muppets Weihnachtsgeschichte“ von Jim Henson (1992).
Ähnlichkeiten zu sonstigen realen sowie fiktiven Personen oder Vorkommnissen sind zufällig. Das Kopieren und Verbreiten dieser Fanfiction ohne Genehmigung des Autors ist untersagt.
Es handelt sich bei dieser Geschichte um reine Fantasie, deshalb sind einige Fakten aus dem Original abgeändert worden. Die Namen der auftretenden Charaktere richten sich nach der japanischen Reihenfolge, beginnend mit dem Familiennamen und gefolgt vom Eigennamen. Teile der Geschichte können auf Anfrage gern weiter verwendet werden.


Meine Anime-Empfehlung:
Ich möchte den Anime „Hoozuki no Reitetsu“ empfehlen. Einzuordnen in das Genre Comedy und Fantasy handelt dieser Anime auf der Grundlage des gleichnamigen Mangas von dem korrekten Hoozuki, dem ersten Sekretär des Königs der japanischen Hölle. Während seiner Arbeit des Seelen-Quälens in zahlreichen Kreisen der Hölle trifft er die verschiedensten Wesen, die ihm allesamt nicht das Wasser reichen können und deshalb zu ihm aufsehen.
Die Manga-Serie ist noch nicht abgeschlossen und besteht aus bisher 22 Bänden.
Der Anime besteht aus derzeit 2 Staffeln; die zweite Staffel wird gegenwärtig ausgestrahlt. Die erste Staffel umfasst 13 Episoden und 3 OVAs, die zweite Staffel umfasst 13 Episoden.
Wer sich gern von sarkastischen Sprüchen und Taten beeindrucken, von teilweise armseligen Möchtegern-Höllenfürsten und der Tatsache, dass Menschen nach ihrem Tod Höllenqualen durchleiden müssen, unterhalten lässt, ist bei „Hoozuki no Reitetsu“ genau richtig.


Als er ihn fortschickte

Niemand ist tot. Damit wollen wir beginnen. Wenn es am Anfang gleich einen Toten gegeben hätte, wäre nur wieder ein höllischer Horror-Thriller dabei herausgekommen. Doch noch leben sie alle und erfreuen sich bester Gesundheit. Ansonsten gäbe es auch keine Geschichte über sie zu erzählen.
Allerdings handelt diese Geschichte von einem jungen Mann, der gewiss in einiger Hinsicht oberflächlich betrachtet dazu in der Lage wäre, jemanden allein mit einem seiner Blicke zu töten. Ein tödlicher Blick aus rot glühenden Augen. Ebendieser Blick sorgte gerade dafür, dass ihm hastig Platz gemacht wurde. Mit finsterer Aura schritt er elegant und Eindruck schindend durch die langen Gänge hinaus aus dem Sportstadion, in dessen stählernen Wänden Jubelschreie in vielfachem Echo zurückgeworfen wurden und die Halle zum Beben brachten. Er ging einfach immer weiter, hatte schließlich genug gesehen und wusste, was er als nächstes zu tun hatte. Gleich würde er unterwürfigen Besuch bekommen und er musste ihn sich erneut erziehen. In dieser Welt ist Gewinnen alles. Nur Gewinner können sich behaupten, Verlierer werden abgelehnt. Ich habe niemals etwas verloren und ich werde es auch niemals tun. Denn ich gewinne immer und daher habe ich immer Recht. Ich habe kein Erbarmen für jene, die sich mir entgegenstellen. Wie könnte er eine andere Wahrheit für gegeben hinnehmen? Wie lange musste er sich noch wiederholen, bis endlich jeder diese seine Worte anerkannte und bestätigte, entweder aus eigener Erfahrung oder einfach nur aus Vorsicht? Wieso kümmerte es ihn überhaupt, was all die anderen Menschen um ihn herum dachten oder taten? Das konnte ihm vollkommen gleich sein. Nun, dieses eine Mal würde er noch ein Machtwort sprechen müssen, um diese ganze lästige Bagage zu beenden.
Auf dem Weg zu seiner Unterkunft tippte er noch recht enthusiastisch eine moralhebende SMS an all seine Teamkameraden und erwartete keine Antwort darauf: /Ich werde euch die Hölle auf Erden nahe bringen, wenn ihr beim Spiel gegen Shutoku High genauso versagt wie die Yosen High gegen Seirin High/. Er musste nicht einmal seinen Namen darunter setzen, denn diese Drohung genügte, um zu erkennen, von wem sie stammte.
Akashi Seijuuro war gewiss kein herzloser Mensch, doch Jahre der Einsamkeit und die extreme Konzentration auf das Gewinnen ließen sein Herz erfrieren. Nichts und niemand konnte ihm etwas anhaben geschweige denn ihn zu einer Emotion bewegen. Die Frage, ob man das nun wollte oder nicht, stellte sich nicht. Vielleicht hatten einige Mitmenschen Akashis eine Annäherung versucht, doch sie blieben alle erfolglos.
Sein Handy piepste und riss ihn aus seinen tiefen Gedanken, in denen er sich mit der Vorbereitung seiner Schmährede befasste. Überrascht las er: /Ja, da hast du Recht. Ich wünschte, ihm würden heute drei Geister erscheinen, die ihn wieder zurück auf den richtigen Pfad des Lebens führen/. Was zum...? Moment mal, diese Handynummer kannte er überhaupt nicht! Weshalb erreichte ihn diese Nachricht? Was sollte das überhaupt? Und... war Akashi damit gemeint? Möglicherweise machte er sich umsonst Gedanken... Ganz gewiss, denn die SMS war eindeutig nicht für ihn bestimmt, da war er sich sicher. Dennoch beunruhigten ihn diese Worte.
„Unsinn“, murmelte er und beschleunigte seinen Schritt. „Von so etwas lasse ich mich nicht kleinkriegen! Gespött und Neid ist der Lohn, den der Gewinner von seinen Unterlegenen erhält.“

Mit eher unsicheren, nervösen Schritten und einem anhaltenden Schniefen machte sich Murasakibara Atsushi auf den Weg. Er spürte förmlich die Guillotine in seinem Nacken, eiskalt und rasiermesserscharf. Rot glühende Augen durchdrangen ihn in seinen Gedanken und gleichzeitig eine reale ungeheure Angst vor dem unmittelbar Bevorstehenden. Murasakibara ahnte, was ihn erwartete, wenngleich es ihn traurig stimmte und sein Herz verletzte. Zwar kannte er die Ausmaße noch nicht, doch gewiss würde ihn Akashi in dieser Hinsicht nicht enttäuschen, eher im Gegenteil. Egal, mit welcher Ausrede oder Tatsache Murasakibara aufwarten würde – Akashi würde ihn in Grund und Boden stampfen, selbst im Angesicht der schmerzlichen Traurigkeit seines langjährigen Freundes. Tränen hatten den Dämon namens Akashi noch nie anrühren können und Murasakibara fragte sich zum wiederholten Male, wieso er noch immer an Akashi festhielt, sich nach ihm verzehrte und darauf hoffte, dass irgendwann die Menschlichkeit über ihn hereinbrach, damit er bemerkte, was ihm entging auf seinem Scheuklappenpfad Richtung Sieg. Der rothaarige Mann war dermaßen auf das Gewinnen fixiert, dass nichts und niemand ihn mehr interessierte, und das fand Murasakibara traurig. Es ging vor allem darum, was Akashi verpasste, doch wie könnte Murasakibara den Sturkopf davon überzeugen? Die Kraft dazu besaß er nicht. Deshalb bat er nur stumm sämtliche Geister und Götter um Hilfe, auf dass sie Akashi den richtigen Weg weisen mochten, der ihn zurück ins wertvolle Leben brachte. Bisher hatte sich kein göttlicher Eingriff dahingehend gezeigt...
Als Murasakibara mit zitternd zusammengeballter Faust an die Hoteltür klopfte, ertönte bereits die ihm wohlbekannte Stimme, die ihn geradezu in einen Eiszapfen verwandelte, so kalt klang sie. Beinahe wäre ihm seine große Plastiktüte voller Süßigkeiten aus den gefrorenen Fingern gerutscht, doch nun packte er sie fester, als wäre sie das einzige, das ihm einen Halt gab, und öffnete die Tür. Wohlerzogen streifte er sich die Schuhe von den Füßen und tapste durch den Flur in das große Wohnzimmer, das trotz der vielen hohen Fenster sehr düster wirkte.
Akashi saß posierend wie für ein Selbstportrait auf einem ausladenden Sofa, das ihn so viel edler wirken ließ und so viel mächtiger als ohnehin schon. Murasakibara verlangsamte seinen Schritt und kam schließlich zum Stehen. Abwartend musterte er Akashi, dessen Mund ein freudloses Lächeln umspielte. Er verströmte eine unangenehme Ausstrahlung, fast wie ein Teufel. Angst hatte Murasakibara vor Akashi nicht, doch den allergrößten Respekt. Nur deshalb klopfte ihm das Herz wild gegen die Rippen, nicht etwa aus Angst, dass er gleich auf einen Schlag alles Wichtige in seinem Leben verlieren würde.
„Atsushi“, begann Akashi kalt. „Ich gratuliere dir zu deiner Niederlage. Erwarte kein Mitgefühl von mir, du weißt, dass du versagt hast – auf ganzer Linie. Und du weißt, was du dafür verdienst, nicht wahr?“
Murasakibara wankte ein wenig, löste aber nicht den Blick von Akashis roten Augen, die ihm seltsam leer entgegenstarrten. Hatte sein Kapitän schon immer solche Augen gehabt? Murasakibara meinte, sich an eine Zeit zu erinnern, in denen sie regelrecht gefunkelt und gestrahlt hatten. Er erinnerte sich überhaupt an viele schöne Dinge, doch Akashi schien sie alle vergessen und regelrecht verstoßen zu haben. Der Riese rührte sich nicht, da er Akashis Ansicht nicht teilte. Gewiss, Murasakibara hatte verloren, doch versagt hatte er nicht. Noch nie hatte er bei einem Spiel so viel Spaß gehabt und noch nie hatte er mit solcher Ernsthaftigkeit gespielt! Es war geradezu erfrischend gewesen!
„Nun denn, bringen wir es zu Ende“, fuhr Akashi fort und breitete seine Arme über der Sofalehne aus. „Geh mir aus den Augen, Atsushi, und verschwinde aus meinem Leben. Für immer.“
Ein leises Rascheln folgte und ein paar Maiubou rollten über den sandfarbenen Teppich, anschließend schleiften ein paar Hotelangestellte den völlig erstarrten und fassungslosen Murasakibara aus der Luxussuite. Akashi grinste und widmete sich seinen eigenen Plänen, die er für das kommende Spiel gegen Shutoku High umzusetzen gedachte.

Nach einem langen, anstrengenden Abend reckte er seine müden Glieder und bereitete sich auf seine Nachtruhe vor. Gerade als er unter seine Bettdecke geschlüpft und der feine Geruch des sanften Waschmittels in den Bettbezügen in seine Nase gekrochen war, fiel ihm wieder die seltsame SMS ein: /...ihm würden heute drei Geister erscheinen, die ihn wieder zurück auf den richtigen Pfad des Lebens führen/.
„Unsinn“, versuchte er den Gedanken von sich zu schieben und schloss die Augen.
Der Sieg über Shutoku war zum Greifen nahe und Akashi gedachte nicht, diesen Winter-Cup in einer Niederlage enden zu lassen. Das Finale stand so gut wie fest, denn sein Plan hatte Hand und Fuß...
Ein kleines Glöckchen mischte sich in seine Träume und als es immer lauter wurde, begann Akashi dagegen aufzubegehren. Plötzlich gleißte ein helles Licht auf und stach ihm ins geschlossene Auge, wovon er erschrocken hochfuhr und senkrecht im Bett saß. Verwundert schaute er sich um – oder versuchte es zumindest.
Wo kam nur all dieses stechende Licht her? Wo befand er sich überhaupt? Träumte er noch oder war er wach? Das spielte vorläufig erst einmal keine Rolle, denn das Licht schwächte ab, zog sich zusammen und ließ eine halbdurchsichtige Person in dem Hotelzimmer zurück, in dem Akashi momentan hauste. Entsetzt klappte ihm nur der Mund auf, doch ein Wort brachte er nicht hervor.
„Guten Morgen, Akashi-kun“, sagte die geisterhafte Person mit flüsternder Stimme.
Akashi hatte Mühe, sie zu verstehen, wenngleich es ihn zu einer Reaktion herausforderte.
„Bist... Bist du ein Geist?“, fragte er leise.
Die schimmernde Gestalt nickte. Irgendwie kam sie Akashi bekannt vor...
„Ich bin der Geist deiner Vergangenheit“, flüsterte es wieder durch den Raum.
Akashi schaute auf den Funkwecker auf seinem Nachttisch. Ein Uhr morgens. Womit hatte er das nur verdient?
„Und was willst du?“, verlangte er mit vor der Brust verschränkten Armen zu wissen.
„Ich bin gekommen, weil ich um dein Wohlergehen besorgt bin“, antwortete der Geist.
„Wenn du mich schlafen ließest, gäbe es da kein Problem“, konterte Akashi grimmig.
„Gut, dann eben dein Seelenheil“, lenkte der Geist ein. „Es soll dein Schade nicht sein, mir zu folgen, also komm, Akashi-kun.“
Plötzlich sprang eins der großen Fenster in Akashis riesigem Schlafzimmer auf und die kalte Nachtluft strich herein. Entsetzt registrierte der Kapitän von Rakuzan High, dass der Geist abwartend davor stand und in der Dunkelheit flimmerte.
„Ano... Wir sind hier im achten Stock“, wandte er ein. „Falls du vorhast, mich aus dem Fenster zu stoßen, werde ich wohl doch lieber hier bleiben.“
„Nimm meine Hand und du wirst mehr überwinden als nur diese luftige Höhe, Akashi-kun“, sagte der Geist beruhigend und ein warmes Lächeln zierte das liebliche Gesicht.
Zögernd stieg Akashi aus dem Bett und betrachtete seinen nächtlichen Besucher noch einmal von Nahem. Er konnte durch ihn hindurch sehen, als wäre er nur eine milchig-trübe Plastikfolie. Ganz hellblaues Haar, das schon fast ins Weiße überging, wogte sanft in der kühlen Brise und große, runde Augen blickten Akashi voller Vertrauen an. Nun gut, dachte er sich, was hatte er schon zu verlieren? Also griff er nach der blassen Hand und wunderte sich noch, dass sie sich so warm anfühlte, als er auch schon den Wind in seinen roten Haaren spürte, der ebenso kräftig an seinem Pyjama zerrte. Erschrocken klammerte er sich fester an die warme Hand, als unter ihm die große, hell erleuchtete Stadt in Schlieren hinweg zog. Sie flogen in einem beachtlichen Tempo. Vor ihm zeigte sich so etwas wie ein schnell breiter werdender Silberstreif am Horizont.
„Was ist das für ein Licht?“, fragte er, mühsam gegen den peitschenden Wind ankämpfend. „Ist das schon das Morgengrauen?“
„Das ist die Vergangenheit“, flüsterte der Geist, doch Akashi verstand ihn diesmal deutlicher als im Hotelzimmer.
Möglicherweise nutzte der Geist den Wind, um seine Stimme kräftiger zu machen.
Das graue Licht raste auf sie zu, verschlang sie und kurz darauf landeten Akashi und sein durchscheinender Begleiter direkt vor einer Sporthalle. Verdutzt schaute Akashi sich um. Das war doch...!
„Ne, Akashi-kun, weißt du, wo du hier bist?“, fragte der Geist leise.
„Wo ich hier...?“, echote Akashi und fing sich rasch in seiner Überraschung.
Das konnte doch alles nur ein Scherz sein!
„Und ob ich das weiß! Hier bin ich zur Schule gegangen“, rief er aufgeregt. „Das ist die Sporthalle der Teiko-Mittelschule! Hier habe ich wundervolle Stunden verbracht...“
Er unterbrach sich und wandte sich ab, doch der Geist griff seine Hand fester und zog ihn unbarmherzig mit sich.
„Komm, das sehen wir uns an“, flüsterte er.
Akashi ergab sich knurrend seinem Schicksal, denn er war alles andere als begeistert, seine Vergangenheit erneut vor sich zu sehen.
Wie gut er sich an diesen Weg erinnerte, den er nun an der Hand des durchscheinenden Jungen zurücklegte! Wie oft war er durch diese Türen getreten? Wie oft hatte ihn der Geruch nach Schweiß und alten Socken übermannt? Wie oft hatte er seinen Spind geöffnet und geschlossen? Wie oft ein Trikot über sein Sport-Shirt gezogen, wie oft den Basketball gespürt? Wenn er jemandem nahe kam und diesen berührte, entlud sich gelegentlich ein Blitz zwischen ihnen, der von elektrischer Aufladung herrührte...
Der Geist hielt inne und auch Akashi stoppte, um sich das Geschehen vor sich anzusehen. Eine Horde Jungen kabbelte sich um den Basketball und sie lachten und schrien und spielten einander aus. Akashi kannte jeden einzelnen von ihnen, aber besonders vier Jungen erregten seine Aufmerksamkeit.
„K-können sie uns nicht sehen?“, fragte Akashi leise an den Geist gewandt.
„Sie sind nur Schatten deiner Vergangenheit“, hauchte der Geist zurück.
Wieder war er schwer zu verstehen, allerdings schien seine Stimme mit jedem knallenden Geräusch, das der Basketball verursachte, wenn er auf den Boden traf, kräftiger zu werden.
Die vier Jungen hatten eine ungewöhnliche Haarfarbe: Der eine Junge, der breit grinste und immer häufiger im Ballbesitz war, hatte kurzes, dunkelblaues Haar, der andere, der nicht unweit von seinem zu verteidigenden Korb stand, hatte lavendelfarbiges Haar, dann gab es noch einen ernst dreinblickenden Jungen mit Brille, der kurz darauf einen Dreipunkter warf und grüne Haare hatte, und – ein kleiner rothaariger Junge mit fast ausdruckslosem Gesicht. Dieser Junge war Akashi am besten bekannt.
„Ne, Akashi-kun, kommt dir dieser Junge bekannt vor?“, fragte der schimmernde Geist leise.
Akashi wandte den Blick von dem Jungen nicht ab und nickte langsam.
„Das bin ich“, sagte er mit belegter Stimme.
Es zog sein Herz zusammen, das sich offenbar allmählich wieder regte. Wenn er sein vergangenes Ich so betrachtete, konnte er bereits trotz aller Widerstände erkennen, dass er keine besonders lustige Person war; vielmehr spürte man an ihm Trauer und Einsamkeit haften. Eine gewisse Ausstrahlung schien alle anderen auf Distanz zu halten, doch die drei Jungs mit den anderen ungewöhnlichen Haarfarben ließen sich davon nicht abschrecken. Vielleicht, weil sie etwas Außergewöhnliches miteinander verband. Akashi sah, wie sich die drei in der Pause um sein vergangenes Ich scharten und einfach nur seine Nähe bevorzugten.
„Oh, was ist das?“, wisperte der Geist und trat näher an Akashi heran, dessen Hand er mittlerweile losgelassen hatte. „Deine Lippen, sie beben!“
Er sagte das so überrascht, dass Akashi rot wurde, und dann fühlte er etwas Warmes unterhalb seines rechten Auges, als der Geist ihn dort mit dem Zeigefinger berührte.
„Du... weinst?“
„Unsinn!“, schimpfte Akashi und schlug die Hand des Geistes weg.
So wollte er nicht angesehen werden. Der Geist lächelte nur wissend; er konnte genau sehen, was in Akashis Innerem vorging. Akashi erinnerte sich an die hässlichen und niederdrückenden Gefühle, die ihn beherrschten, als er noch jung war. Wie einsam und traurig er sich fühlte. Nur manchmal gelang es seinen Freunden, ihm die Zeit angenehm zu vertreiben, und dann fühlte er sich geradezu wohl. Doch kaum dass er sich von ihnen verabschieden musste, holte ihn alles wieder ein: die Angst vor den Lasten, die ihm sein Vater auferlegte, die Trauer um seine geliebte verstorbene Mutter, der Hass auf die Menschheit und die Verzweiflung, ob sein Leben fortan immer so weitergehen würde...
„Komm mit mir, Akashi-kun, es gibt noch mehr zu sehen“, wisperte der Geist, fasste wieder Akashis Hand und zog ihn mit sich.
Die Turnhalle verwischte und ein kleines Café materialisierte sich vor ihnen. Sofort stieg ihm der süße Duft von Zucker und Backwerk in die Nase und er schloss für einen Moment genießend die Augen. O ja, auch hieran erinnerte er sich sehr gut, wenngleich er diesen Duft schon sehr, sehr lange nicht mehr geschmeckt hatte. Die Luft wirbelte schwer um ihn, das Glöckchen der Ladentür bimmelte lustig und er erinnerte sich, wie gern er hierher gegangen war, um seine Laune zu heben. Das lag allerdings nicht nur an diesem Ort und dem Geruch, sondern vorrangig an...
„Aka-chin, lass uns dort hinsetzen“, ertönte direkt neben Akashi eine helle und träge Stimme und Akashi sprang erschrocken zur Seite.
Ein großgewachsener Junge mit lavendelfarbigem Haar schritt an ihm vorüber. Akashi erhaschte einen Blick auf ein fröhliches Gesicht mit glücklichem Lächeln und erstaunlicherweise hatte er diesmal weder im Mund noch in der Hand irgendeine Süßigkeit. Hinter dem Jungen trat Akashis vergangenes Ich ein und hielt den Blick auf den Rücken seines Vordermanns gerichtet. Konzentriert beobachtete Akashi die beiden Jungen, wie sie sich an einen Tisch setzten und etwas Süßes zu trinken und zu essen bestellten. Diesmal schwieg der Geist angesichts Akashis ergriffener Miene.
„Ne, Aka-chin, wirst du Kise-chin ins Team aufnehmen?“, fragte der große Junge und biss herzhaft in eine Streuselschnecke.
„Das werde ich, Atsushi“, antwortete Akashis vergangenes Ich und beäugte misstrauisch den Kakao in seiner Tasse. „Er wird gleich in der ersten Riege spielen.“
„So gut ist er?“, hakte sein Partner nach. „Und Kuro-chin?“
Akashis vergangenes Ich lächelte.
„Ja, so gut ist Ryouta. Tetsuya wird ebenfalls in der ersten Riege spielen. Du kennst das Motto von Teiko, Atsushi, wir können uns keine Niederlage erlauben.“
Der große Junge nickte nur, trank seinen Kakao auf einen Zug leer und packte einen Maiubou-Riegel aus.
„Na, wenn du das so planst, können wir ja gar nicht verlieren“, sagte er dann. „Du führst uns zum Sieg, nicht wahr, Aka-chin? Deshalb hast du uns ausgewählt.“
Der junge Akashi nickte nur und nippte vorsichtig am Kakao. Prickelnde Wärme durchzog seinen Körper und die Süße hinterließ ein angenehmes Gefühl auf der Zunge... Der große Junge lächelte plötzlich ungeheuer liebevoll.
„Gut, nicht wahr, Aka-chin?“
Der junge Akashi sah auf.
„Ich werde auf dich aufpassen, damit du immer lächeln kannst“, setzte der große Junge leise hinzu.
Akashi sah das Funkeln in den violetten Augen, doch der junge Akashi verzog plötzlich das Gesicht und erhob sich.
„Das kannst du nicht, Atsushi, das kann niemand“, sagte er kalt und drehte sich mit diesen Worten um, verließ erhobenen Hauptes den Laden.
Akashi, den ein seltsames Gefühl der Beklemmung befiel, wusste, wie der junge Akashi sich jetzt fühlte und was er tat: Er rannte so schnell es ging zur nächsten Bahnstation, stieg ein und kämpfte gegen die Tränen an, bis er endlich an seinem Lieblingsort angekommen war – ein großer, stiller Park. Schnell, aber ohne zu rennen, hastete er in den waldähnlichen Abschnitt und schlug sich durch das Gebüsch, bis er auf einer kleinen Lichtung angelangte. Hier konnte er sich verstecken und ganz einfach er selbst sein. Kraftlos lehnte er sich an den Stamm einer mächtigen Eiche, ließ sich daran niedersinken und kauerte sich zusammen. Dann endlich erlaubte er seinen Tränen Freigang. Noch nie hatte irgendjemand so wundervolle, liebevolle Worte zu ihm gesagt...
Der ältere Akashi stand noch immer leicht gebeugt vor Schmerz, an den er sich sehr gut erinnerte, in dem kleinen Café und schaute dem großen Jungen zu. Der hatte dem jungen Akashi perplex hinterher gesehen und kaute nun geknickt auf seinem Riegel herum, bis er ihn verwirrt ansah und beim Hinausgehen in einem Mülleimer versenkte. Akashi hatte die tiefe Trauer in den Augen seines früheren Freundes deutlich gesehen.
„Bitte...“, flehte er leise den Geist an. „Bitte, zeig mir nichts mehr. Macht es dir Spaß, mich so zu quälen?“
„Aber ich sagte dir doch, das sind nur die Schatten deiner Vergangenheit“, antwortete der Geist ruhig. „Und dass sie so sind, wie sie sind, mach nicht mir zum Vorwurf.“
„Ach, lass mich allein!“, rief Akashi erzürnt und ließ sich bekümmert auf einen Stuhl im Café sinken, das sich allmählich in Dunkelheit auflöste.
Nur nebenbei bemerkte Akashi, dass der Geist ihn offenbar zurück in sein Hotelzimmer gebracht hatte, doch viel besser fühlte er sich hier nicht, denn... ausgerechnet heute hatte er hier seinem Liebsten den Todesstoß gegeben... Bittere Tränen der Reue schlichen sich über Akashis Wangen, der sich unter der Bettdecke zusammenrollte und versuchte, wenigstens ein paar Stunden Schlaf zu erhaschen. Wenn Murasakibara jetzt noch hier wäre, bei ihm, dann hätte er wohl trotz allem, was vorgefallen war, Akashi in den Arm genommen und ihm alle Sorgen zerstreut, die ihn erneut heimsuchten... Akashi machte sich noch kleiner. Nichts war mehr von seiner Überheblichkeit zurückgeblieben. Der Schlaf übermannte ihn...

Jedoch nicht für lange. Zwei Glöckchen, die disharmonisch gegeneinander spielten, klingelten ihn aus seiner traumlosen Schwärze der Geborgenheit, in der er nichts zu befürchten hatte. Ein paar Augenblicke lang rasten seine Gedanken wild durcheinander, bis er sich erinnerte, was er soeben erlebt hatte: Ein durchscheinender Geist hatte ihn in seine Vergangenheit entführt.
„Unsinn“, murmelte Akashi. „Das war nur ein Traum, sonst nichts. Geister, pah! Der hat ausgesehen wie ein sehr, sehr durchsichtiger Tetsuya...“
Müde blickte Akashi auf den Funkwecker neben seinem Hotelbett. Zwei Uhr nachts. Seufzend wollte er sich zurück in die Bettdecke kuscheln, als plötzlich ebenjene von seinem Körper gerissen wurde.
„Guten Morgen, Akashi, aus ist’s mit dem Schönheitsschlaf! Raus aus den Federn, da wartet ein wunderbarer Tag auf uns!“
Diese Worte klangen nicht so fröhlich, wie sie es eigentlich sollten, ihrem Inhalt nach jedenfalls. Akashi blinzelte, doch es blieb noch immer dunkel bis auf das schwache Licht, das um eine hochgewachsene schlanke Person züngelte, die Akashis ausladende Bettdecke in der Hand hielt und sich mit der linken Hand die Brille zurechtschob. Perplex und fröstelnd setzte Akashi sich auf und musterte sein Gegenüber.
„Sh-Shintaro?!“
„Wie bitte? Ich bin der Geist deiner Gegenwart, mich betitelt man nicht mit einem Namen!“, fauchte der andere zurück.
Akashi rieb sich die Augen, aber noch immer stand unverkennbar Midorima Shintaro vor ihm. Oder ein sehr überzeugender Klon. Wie auch immer: Dieses Lichterflackern um ihn herum machte einen gespenstischen Eindruck und Akashi wurde skeptisch.
„So“, sagte er, als würde er einlenken. „Und was führt dich zu mir, Geist meiner Gegenwart?“
Er betonte die letzten Worte spöttisch. Der andere kniff die Lippen zusammen und warf in hohem Bogen die Bettdecke neben Akashis Bett.
„Nur keinen Spott, Akashi, das ziemt sich nicht“, sagte er leise drohend. „Komm, es gibt viel zu sehen.“
Er drehte sich um und öffnete die Tür, die aus Akashis Zimmer hinausführte.
„Hoi, ich laufe jetzt nicht im Pyjama durch das Hotel, nur dass du es weißt!“, rief Akashi ihm hinterher.
Der Geist, wie er sich nun einmal vorgestellt hatte, steckte den Kopf zur Tür hinein. Dann seufzte er resigniert und schnipste mit den Fingern seiner rechten Hand.
„Auch noch Ansprüche stellen“, murmelte er und verzog sich dann wieder.
Akashi überhörte die Bemerkung, denn als er an sich herabsah, erkannte er, dass er geradezu festlich gekleidet war: Ein schwarzer Kimono mit dunkelgrauen Streifen und einem weißen Obi hüllten seinen Körper ein und um sein Kopf war ein schmales Stirnband geflochten, deren Enden wie ein langer, dünner Zopf an seiner rechten Seite herabfiel. Hastig stand er auf und tapste hinüber zum riesigen Spiegel, der ihn in voller Größe und Schönheit präsentierte. Begeistert drehte Akashi sich davor hin und her.
„Was ist denn jetzt? Wir haben nicht ewig Zeit!“
Der Geist war nochmals zurückgekehrt und klang gereizt. Akashi schreckte aus seiner Betrachtung auf.
„Schon gut, ich komme ja!“, rief er, warf sich noch einen letzten Blick im Spiegel zu und schritt dann eilig dem Midorima-Geist hinterher.
Dieser durchmaß das Wohnzimmer und harrte mit der rechten Hand auf der Türklinke, bis Akashi zu ihm aufgeschlossen hatte.
„Nun denn, sind wir endlich soweit?“, fragte er mürrisch.
„Ja“, sagte Akashi erwartungsvoll.
„Nun denn...“
Der Geist öffnete die Hoteltür und ließ Akashi vorausgehen. Dieser staunte nicht schlecht, als er plötzlich mitten in einem sonnendurchfluteten gläsernen Fahrstuhl stand, der sich in schwindelerregende Höhen schraubte und schließlich mit einem leisen Pling zum Stehen kam. Die goldenen Türen rauschten lautlos beiseite und der Geist und Akashi stiegen aus. Vor ihnen lag ein langer stiller Gang mit grauem Teppich und marmornen Wänden, die im Licht der Morgensonne glühten – bis die Fahrstuhltür sich schloss. Prompt beschlich Akashi vom Grau und der Düsternis des Ganges eine eisige Kälte. Irgendwie ahnte er, wo er sich befand, dabei war er schon ewig nicht mehr bei ihm gewesen. Er schauderte. Waren auch hier nur Schatten seiner Gegenwart am Werk oder erlebte er seine Gegenwart tatsächlich? Nein, er wollte ihn nicht sehen, wollte ihm nicht begegnen, alles nur das nicht! Seine Schritte wurden zögernder, verlangsamten sich, bis er schließlich stehen blieb und alles an ihm nach Flucht schrie. Der Geist wandte sich mit kühlem Blick zu ihm um.
„Komm schon, wir haben nicht viel Zeit!“
Er packte Akashi am Handgelenk, doch der Kapitän von Rakuzan sträubte sich heftig.
„Nein!“, schrie er wild. „Nein! Nein! Ich will da nicht hin! Ich will ihn nicht sehen! Nein! Nein!“
Er stemmte seine Füße gegen den Boden, doch selbst wenn er sie in Zement gegossen hätte, da war er sich sicher, hätte der Midorima-Verschnitt ihn dennoch ohne weiteres einfach mit sich gezogen, so wie er es jetzt tat. Es schien fast so, als spürte der Geist Akashis Widerstand überhaupt nicht. Schneller als Akashi lieb war, standen sie vor einer großen, schweren Tür, die nach viel Geld stank und in Akashi Übelkeit aufsteigen ließ. Sein Körper begann zu rebellieren und ungesund zu zittern. Er wollte nicht, er wollte nicht...
Der Geist klopfte an und die Tür schwang schwerfällig auf. Dahinter öffnete sich ein weitläufiges Büro, das auf der Schattenseite des hohen Gebäudes lag, in dem es sich befand. Die Fenster waren mit halb heruntergelassenen Jalousien verhangen und ein klotziger Schreibtisch sowie einige Aktenschränke bildeten die einzige Möblierung. Akashis unruhige Augen suchten augenblicklich nach der Person, die sich hier zwangsläufig aufhalten musste, und tatsächlich erblickte er sie. Die Person, die er am allerwenigsten sehen wollte! Der kräftige Mann mit ergrautem Haar stand mit dem Rücken zu ihnen am Fenster und sah offensichtlich gar nichts von der lebhaften Stadt unter sich, die sich im Schatten des Bürogebäudes befand. Die massive Tür schloss sich hinter ihnen, wie Akashi verzweifelt bemerkte. Unwillkürlich drückte er sich an die Seite des Geistes, als erhoffte er sich Schutz von ihm. Dieser ließ nur Akashis Handgelenk los, denn fliehen konnte sein Schützling ohne ihn nicht.
Das Telefon auf dem gigantischen Schreibtisch klingelte nervtötend und nach einem Klicken schallte die Stimme einer Frau durch den Raum.
„Herr Akashi, es ist eine dringende Meldung von Ihrem Observationsteam gemacht worden, die Ihren Sohn Seijuuro betrifft.“
„Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, dass Sie seinen Namen nicht nennen sollen!“, fuhr der Mann die Frau herrisch an.
„V-Verzeihen Sie, Herr Akashi“, sagte die Frau schnell und schlug sofort den richtigen Ton an, um ihren Vorgesetzten nicht unnötig weiter zu verärgern. „Soll ich Ihnen die Meldung faxen oder sie jemanden zu Ihnen bringen lassen?“
„Faxen Sie sie mir von Ihrem Faxgerät aus, ich will nicht, dass unnötig viele Leute davon Wind bekommen, wenngleich es ohnehin irrelevant ist“, knurrte Herr Akashi und setzte sich erst in Bewegung, als aus dem Faxgerät auf seinem Schreibtisch das erwartete Schreiben herauskroch.
„Haben Sie es erhalten, Herr Akashi?“, meldete sich die Frau noch einmal.
„Ja, gehen Sie zurück an Ihre Arbeit, wenn das alles war“, sagte der Mann ungehalten.
„Das war vorläufig alles“, sagte die Frau und legte ohne ein weiteres überflüssiges Wort auf.
In der Telefonleitung knackte es leise.
Akashi zitterte noch immer, denn er fragte sich, wann sein... wann der Mann sich nun endlich IHM zuwenden würde, immerhin stand hier jemand in seinem Büro! Sollte er sich nicht erst einmal um die Besucher kümmern?
„Er kann uns nicht sehen oder hören“, sagte der Geist neben ihm, der offenbar Akashis Bedenken gespürt hatte.
Akashi sah ihn ungläubig an.
„So? Aber... Aber wieso dann... die Tür...“, stammelte er perplex.
„Das war nur so ein Spezialeffekt, mit dem ich angeben wollte“, antwortete der Geist verschmitzt und verschränkte die Arme vor der Brust.
Nun, diese Information beruhigte Akashi ein wenig, deshalb wandte er sich wie der Midorima-Geist dem Mann zu. Dem Mann, der sich sein Vater schimpfte. Dem Mann, der womöglich die größte Rolle in Akashis Leben gespielt hatte, allerdings nicht unbedingt im positiven Sinne. Akashi war machtlos gegen ihn, das hatte er schnell begreifen müssen.
Sein Vater setzte sich eine Lesebrille auf die Nase und studierte die Nachricht.
„So“, sagte er leise. „Hat sich nun also auch endlich das letzte Anhängsel von meinem Sohn entfernt, was? Und dann war es auch noch mein Sohn selbst, der ihn verstoßen hat! Sieh mal an, der Kleine kann ja richtig hart sein!“
Er lachte kalt und grausam. Akashi fuhr dieses Geräusch direkt unter die Haut bis ins Herz, wo sich alles vor Schmerz und Angst zusammenzog. Sein Vater zerknüllte das Papier und warf es in hohem Bogen in den blitzblanken Papierkorb, dann stellte er sich wieder vor das Fenster und starrte auf irgendeinen Punkt der Stadt.
„Nun, Seijuuro, bald wirst du erkennen, dass man im Leben auf niemanden angewiesen ist, um Erfolg zu haben. Nur wer gewinnt, hat das Recht an der Spitze zu stehen“, sagte der Mann eisig, doch die Stimme ging fließend in Akashis eigene um und plötzlich stand an dem Fleck, an dem eben noch sein Vater gestanden hatte, Akashi selbst und sah sich drohend in die eigenen Augen. „In dieser Welt ist Gewinnen alles. Nur Gewinner können sich behaupten, Verlierer werden abgelehnt. Ich habe niemals etwas verloren und ich werde es auch niemals tun. Denn ich gewinne immer und daher habe ich immer Recht. Ich habe kein Erbarmen für jene, die sich mir entgegen stellen.“
Ein unheimliches Lachen erschallte aus dem Mund des anderen Akashi und Akashi hielt sich mit angsterfüllt aufgerissenen Augen die Ohren zu, sah, wie sein eigenes Abbild sich krümmte vor Gelächter und wie abstoßend er aussah mit dieser selbstherrlichen Miene.
„Nein!“, schrie er und sank auf dem Boden zusammen, kniff die Augen zu und presste die Hände fester auf seine Ohren, doch das gruselige Lachen hallte in seinem Kopf noch lange wider.
Nach einer schier unendlich langen Zeit spürte Akashi eine Hand auf seiner Schulter, die Wärme durch seinen zuckenden, kalten Körper schickte. Als er verängstigt aufsah, erblickte er violette sanfte Augen und ein beruhigendes Lächeln in einem vertrauten Gesicht.
„Atsushi...?“
Murasakibara lächelte, dann hob er den Blick, als ob er etwas gehört hätte, und als Akashi seinem Blick folgte, da verschwand der Riese an seiner Seite in der Schwärze, die Akashi umgab.
„Halt, warte, Atsushi! Bleib hier!“, rief Akashi und streckte seine Hand aus, nur um in der Dunkelheit herumzurühren.
Unsicher zog er die Hand wieder an seinen Körper und schaute sich um, doch hier war nichts als Schwärze, er konnte nicht einmal sehen oder erfühlen, ob er saß oder auf was er hockte. Einsamkeit... Angst... Ja, er hatte es sich selbst eingebrockt, nicht wahr? Er hatte Murasakibara von sich gestoßen, den einzigen Menschen, der ihm je etwas bedeutet hatte, dem er je sein ganzes Leben anvertraut hätte, wenn er nicht so verdammt egozentrisch und überheblich wäre. Nun, sich vollkommen schuldig zu fühlen war gewiss auch nicht der rechte Weg, denn Akashi wusste, dass sein Vater ein eiskalter Geschäftsmann war. Musste er ihm dafür danken, dass aus Akashi eben dieser Mann geworden war, der er jetzt war? Und doch... Ein klein wenig mehr Menschlichkeit und Liebe hätte sicher gut getan... Nein, Akashi war nicht gänzlich für sein Handeln zu verurteilen, doch er konnte seinem Vater auch nicht böse sein. Was der Sohn seinen Freunden angetan hatte, lag nicht in der Entscheidungsgewalt seines Vaters. Außerdem... Trotz Ignoranz hatte Herr Akashi noch immer ein Auge auf seinen Sohn... War das vielleicht... die Liebe, die der eiskalte, herzlose Mann seinem Sohn noch entgegenbringen konnte?
Akashi fuhr sich mit dem Arm über die Augen, die schon wieder zu tränen begonnen hatten, und erhob sich. Ob sich nun etwas tat oder nicht, war ihm gleich, denn er hatte genügend Gedanken, die er verarbeiten musste.
Doch offenbar hielt man ihn für bereit, um Neues zu entdecken. Ein Lichtstrahl senkte sich von oben herab und befiel Akashi, der in die Helligkeit blinzelte.
„Na dann können wir ja weitermachen“, sagte plötzlich der Geist direkt vor Akashi.
„Uwah!“, schrie er erschrocken auf und taumelte zurück.
„Nicht so schüchtern, Akashi“, grinste der Geist hinterhältig und packte Akashis Handgelenk. „Lass es einfach RAUS!“
Die Stimme des Geistes schmetterte durch die Gegend und Akashi hatte das Gefühl, als stünde er in einer zusammenkrachenden Burgruine, deren steinerne Wände von der Lautstärke vibrierten und lauthals einstürzten. Wieder wollte er sich die Ohren zuhalten, doch der Geist hinderte ihn daran.
„Flüchte nicht vor dem ohrenbetäubenden Geräusch der Veränderung!“, schrie er, als große, dunkle Geröllblöcke neben ihnen zu Boden donnerten und Staub aufwirbelten. „Heiße es lieber willkommen und strecke deine Arme dem neuen Licht entgegen!“
Der Geist ließ Akashi los und machte es ihm vor, indem er seine Arme emporreckte und wie irre lachte, was Akashi aber seltsamerweise nicht mehr hörte. Er starrte ihn nur an und überlegte noch, ob er wirklich tun sollte, was der Midorima-Verschnitt ihm gesagt hatte. Da erkannte er tatsächlich, wie sich über ihm immer mehr Licht zeigte. Licht war gut! Besser als die erdrückende Finsternis, die ihn stets und ständig umgab! Also schrie Akashi aus vollem Halse und streckte die Arme danach aus. Um ihn herum krachten schwere, große Steine zu Boden, erschütterten ihn und erfassten seinen gesamten Körper wie der Bass eines Rocksongs. Es war ein unheimliches Gefühl, als wollte es ihm die Brust sprengen, gleichzeitig zog es angenehm in seinem Magen, als würde er massiert. Er wusste nicht, was er davon halten sollte, doch es würde weitergehen, irgendwie, da war er sich sicher.
Als dann endlich alle Felsblöcke eingerissen waren und Akashi leicht schwindelte, als würde er auf der Plattform, auf der er stand, nach oben sausen, empfing ihn das warme Licht und blendete ihn. Eine Hand legte sich auf seine Schulter.
„Du kannst jetzt mit dem Schreien aufhören“, sagte der Geist belustigt.
„Ah?“
Perplex sah Akashi sich um. Er stand in einem Wohnzimmer irgendeines Hauses, das er nicht kannte, denn gewiss würde er sich an diese Armseligkeit erinnern. Verlegen ließ er seine Arme sinken. Es war ganz still, bis plötzlich Schritte über ihm zu hören waren, die sich auf der Treppe zu seiner Rechten fortsetzten. Erschrocken keuchte er auf, als er die Person erkannte, die das knarzende Holz herabstieg und sich in der Küche zu schaffen machte.
„Das... das kann doch nicht...“, hauchte Akashi ungläubig.
Doch noch ehe er seinen Satz beenden konnte, flog die Haustür quietschend auf und eine weitere Person tauchte auf, die wie selbstverständlich die Tür daran hinderte, aus den Angeln zu springen, bevor sie sie bedächtig schloss. Dann wickelte der Mensch sich den Schal vom Kopf und holte tief Luft.
„Ah!“
Akashi erkannte auch diese Person und seine Augen konnten nicht größer werden vor Überraschung.
„Tadaima!“, rief der Blondschopf und lächelte.
„Okaeri, Ryouta“, antwortete die andere Person in der Küche, die sich nicht von den anderen Räumen abtrennte.
„Ne, Daiki, es ist kalt draußen!“, sagte Kise und trat, nachdem er seinen Schal über die Garderobe gehängt hatte, zu Aomine heran, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben.
„Allerdings“, sagte Aomine und nahm Kises Lippen in Beschlag. „Du hast ganz kalte Lippen. Und deine Nase ist rot. Du wirst doch hoffentlich nicht wieder krank?“
Er klang alarmiert. Kise schüttelte nur lachend den Kopf.
„Nein, nein, keine Angst, die letzte Erkältung hat mich erstarken lassen!“, meinte er fröhlich.
Aomine jedoch zog ein finsteres Gesicht.
„Ich... Wenn wir nur mehr Geld hätten, um die Heizung zu bezahlen...“, murmelte er fast unhörbar. „Aber... es geht nicht anders als mit dem Ofen...“
Kise, der bereits auf dem Weg nach oben war, zweifellos um sich umzuziehen, blieb stehen und kehrte zu Aomine zurück, mit einem ernsten Gesichtsausdruck. Er stellte sich vor Aomine und hielt ihn mit seinen Händen fest.
„Ich brauche keine andere Wärme als deine, Daiki“, sagte er ungewöhnlich bestimmt. „Sei einfach nur immer für mich da, so wie ich immer für dich da bin, und uns kann nichts passieren, hm?“
Er erwartete eine Antwort von Aomine, der sich fast in den goldenen Augen seines Gegenübers verlor.
„Ich bin immer für dich da, Ryouta“, sagte Aomine. „Ich liebe dich. Ich wünschte, ich könnte noch mehr für dich tun, ich weiß, wie sehr du hier frierst...“
Kise grinste und lehnte seinen Kopf an Aomines Schulter.
„Ich liebe dich, Daiki“, wisperte er und umarmte seinen Liebsten.
Akashi sah betroffen eine Träne über Kises Wange laufen.
Sie schreckten alle zusammen, als es plötzlich an der Tür klopfte, und wandten den Blick dorthin.
„Are? Wer kann das denn sein?“, fragte Kise und wischte sich verstohlen die Träne aus dem Gesicht.
„Keine Ahnung“, sagte Aomine leise.
Kise ging, um die Tür zu öffnen.
„Ja, bit... Murasakibaracchi!“, rief er aus.
Akashi zuckte zusammen. Murasakibara? Kise war ganz offensichtlich genauso erstaunt wie Akashi und auch Aomine entgleiste das Gesicht. Neugierig reckte Akashi den Hals nach seinem Freund... den er verstoßen hatte... Dieser Gedanke bohrte sich schmerzhaft in sein Herz und riss tiefe Wunden.
„Was ist mit dir passiert?“, fragte Kise besorgt. „Komm erst mal rein, na los, komm schon!“
Er musste den Riesen fast hineinzerren. Akashi erschrak bei dem Anblick. Der Riese wirkte viel kleiner als sonst, als wäre er kraftlos zusammengefallen. Tiefe Augenringe präsentierten sich auf seiner blassen Haut und die Augen waren stumpf; jegliche Leuchtkraft fehlte ihnen. Akashi überlief eine eisige Gänsehaut, die ihm Unbehagen bereitete. Was war nur passiert?
Das fragte sich auch Kise, der seinen ehemaligen Teamkameraden an den Esstisch auf einen Stuhl setzte, denn eine andere Sitzmöglichkeit gab es hier nicht, und ihm das Haar aus dem Gesicht strich. Erfolglos. Wie ein trauriger Vorhang fiel es über Murasakibaras Gesicht und verbarg es. Vorsichtig näherte sich Aomine den beiden anderen.
„Hallo, Murasakibara“, sagte er leise.
„... Mine-chin...“, kam flüsternd, fast lautlos die Antwort zurück.
„Ano... Können wir dir etwas anbieten? Vielleicht etwas zu trinken? Oder etwas zu essen? Oder einen Platz zum Schlafen?“, fuhr Aomine das Angebot auf.
Der Riese zuckte bei den letzten Worten zusammen, als hätte man ihn bei irgendetwas ertappt.
„... Nun, ich... Ich möchte euch nicht zur Last fallen“, sagte er leise und fuhr sich mit der Hand über das versteckte Gesicht.
Kise und Aomine tauschten einen Blick.
„Weißt du, du bist zu uns gekommen“, sagte Kise sanft und legte zärtlich eine Hand auf Murasakibaras gekrümmten Rücken. „Bei uns bist du sicher und zur Last fällst du uns auch nicht, denn du bist unser Freund, das weißt du doch.“
„Und du musstest dir deiner Sache sicher sein, dass du zu uns gekommen bist“, führte Aomine Kises Überlegungen weiter.
Murasakibara schwieg. Akashi biss sich nervös auf seinen Daumen, denn er ahnte, was seinen verstoßenen Freund umtrieb, das war doch völlig klar!
Noch einmal wechselten Kise und Aomine einen Blick, dann räusperte sich das Ass von Touou Gakuen.
„Es geht um Akashi, nicht wahr? Und um deine Niederlage gegen Tetsus Team, huh?“, fragte der stolze Mann und Akashi konnte Zornesfunkeln in dessen Augen ausmachen.
Murasakibara nickte leicht, man hätte es aber auch als Zuckung interpretieren können.
„Mattakku“, seufzte Aomine und fuhr sich genervt durch das Haar. „Dieser...! Ryouta und ich fanden es beide nicht fair, wie er sich dir gegenüber verhalten hat. So benimmt man sich einfach nicht, wenn man sich gern hat! So ein...!“
Kise gebot seinem Liebsten Einhalt und schüttelte stumm den Kopf, während er weiterhin beruhigend Murasakibaras Rücken streichelte.
„... Ja, nicht wahr? Eigentlich sollte es doch ein Leichtes sein, A... ihn aufzugeben“, wisperte der Riese. „Und trotzdem... Ich dachte wirklich, da wäre... eine menschliche Seite in ihm, die... die meine Gefühle anerkennt. Doch... anscheinend habe ich mich getäuscht, jahrelang getäuscht. Und nun hat er mich ver-verstoßen... Ich habe es nicht besser verdient, aber... nur... ein bisschen früher... gemerkt...“
Der Riese schluchzte nur noch zusammenhanglose Sätze und versuchte, seine Trauer zu unterdrücken. Hilfesuchend sah Kise Aomine an und nahm dann den großgewachsenen Mann in die Arme, um ihn zu beruhigen und ihm Halt zu geben. Aomine ballte wütend seine Hände zu Fäusten, doch Kises Blick ließ ihn verstummen, bevor er seinem Ärger Luft machen konnte.
„Bleib erst einmal hier bei uns“, sagte Kise ruhig. „Dann werden wir sehen, wie es weitergeht.“
Dunkelheit legte sich wie ein Mantel über die drei Menschen, die Akashi so gut zu kennen glaubte, und die Wohnung löste sich in Schwärze auf. An seiner Seite zupfte der Midorima-Geist an seinem Ärmel.
„Komm, meine Zeit ist um“, sagte der Geist leise und brachte Akashi zurück ins Hotelzimmer.
Überrascht musterte Akashi seinen nächtlichen Besucher.
„Sag mal... löst du dich gerade auf?“, fragte er perplex.
„Zu meinem Leidwesen ja“, antwortete der Geist nicht mehr ganz so enthusiastisch wie noch vor wenigen Minuten. „Meine Zeit ist knapp bemessen, dieses Mal endet sie, wenn die Uhr zwölf geschlagen hat. Bis dahin werde ich dich aber nicht persönlich begleiten, weißt du?“
Akashi runzelte die Stirn, nickte aber.
„Du meinst, du gibst mir eine Chance, bis dahin wieder alles gut zu machen, oder?“
„Nicht ganz. Zuerst bekommst du noch Besuch vom Geist deiner Zukunft, denn auch er hat dir einiges zu zeigen.“
„Muss... muss das denn sein?“, fragte Akashi unbehaglich.
„Wart es ab und lern ihn erst mal besser kennen!“
Mit einem volltönenden Lachen verschwand der Midorima-Geist direkt vor Akashis Augen, der die eintretende Stille als ungeheuer einsam empfand. Er drehte sacht den Kopf und erblickte sich selbst im Spiegel. Was für ein prächtiger Kimono! Es wäre ein Leichtes für ihn, solche Kostbarkeiten selbst herstellen zu lassen, denn genug Einfluss und Macht besaß er dafür. Doch dann geriet ihm wieder das Bild der ärmlichen Behausung von Kise und Aomine vor Augen und er schlug beschämt den Blick nieder.
„Was nützt all meine Macht, wenn ich nicht haben kann, was ich wirklich brauche?“, murmelte er vor sich hin. „Wie kann ich mit meinem Einfluss zulassen, dass es meinen Freunden schlecht ergeht? Ich darf mich nicht als Freund bezeichnen, das gebührt mir einfach nicht!“
Hastig, als hätte er Angst sich daran zu verbrennen, zog er den prachtvollen Kimono aus und ließ ihn dort auf dem Boden liegen. Dann zauderte er kurz, legte dann aber doch noch seine Hände wie für ein Gebet zusammen.
„Ich danke dir, Geist der Gegenwart, dass du mich so liebevoll umsorgt hast mit diesem wunderschönen Kimono. Ich werde deine Aufmerksamkeit in Ehren halten“, flüsterte Akashi ins Zimmer.
Kurz darauf verschwand auch der Kimono spurlos aus dem Hotelzimmer. Akashi überfiel ein leichtes Lächeln, ehe er gähnte und zurück in sein großes Bett kroch. Es erschien ihm nun viel zu groß und vollkommen überflüssig... Murasakibara... Nur ihn brauchte er noch, sonst nichts. Doch wie konnte er ihn zurückgewinnen? Oder... war es dafür schon zu spät?

Akashi erwachte davon, dass ein eiskalter Sturm in sein Zimmer fegte und klirrend und ächzend an den Möbeln und seiner Bettdecke rüttelte. Verschreckt klammerte er sich fest und ließ seinen Blick umherschweifen, um die Situation zu überfliegen, als er am Fenster, aus dem er heute Nacht schon einmal geflogen war, eine schwarze Kapuzengestalt ausmachte. Diese drehte sich bald um und Akashi erschauderte unter dem Blick, obwohl er diese Person sehr gut kannte. Oder... naja, zumindest war sie ihm nicht fremd.
„R-Reo?“, hauchte er.
Es blitzte und donnerte, dann prasselte Regen zum Fenster herein und Akashi fragte sich kurz, wieso er ausgerechnet in diesem Zimmer gelandet war, in dem es offensichtlich spukte.
Der Geist betrachtete ihn still mit verschränkten Armen und schien auf etwas zu warten.
„Ah!“, fiel es Akashi ein. „Verzeih, ich habe nur... Du bist gewiss der Geist meiner Zukunft, nicht wahr?“
Der Geist nickte und Akashi registrierte, dass die Dunkelheit, die des Nachts und im Moment herrschte, von eben diesem Geist ausging, während die vorangegangen beiden Geister von mehr oder weniger Licht umgeben waren. Es schien, als würde nun Akashis letztes Stündchen schlagen, wenngleich der Geist aussah wie Akashis derzeitiger Teamkollege aus Rakuzan, Mibuchi Reo. Dieser starrte ihn noch immer auffordernd an und Akashi wusste, dass ihm nun Angst, Kälte und vielleicht noch etwas Furchterregenderes begegnen würden. Er schluckte hart, straffte sich dann jedoch und entstieg seinem gemütlichen Bett, allerdings war es bei diesen Naturgewalten auch nicht mehr ganz so gemütlich.
Da er sich nun in gebührendem Abstand zu dem Geist gesellte, veränderte sich die Umgebung und er fand sich erneut in der ärmlichen Wohnung vor, die er bereits mit dem Geist seiner Gegenwart betreten hatte. Drückende Stille legte sich auf Akashis Ohren, während er Aomine mit gekrümmtem Rücken an der Küchenzeile stehen sah, mitten beim Kartoffelschälen erstarrt. Akashi wechselte einen Blick mit dem düsteren Geist an seiner Seite, der ihm zunickte, dann trat der Rakuzan-Kapitän an Aomine heran und sah ihm ins Gesicht.
Er weinte. Er weinte stumm und viele, viele Tränen. Erschrocken wich Akashi zurück, denn einen weinenden Aomine konnte er nicht ertragen, das war zu viel. Was war geschehen, dass dieser starke Mann nun so gebeutelt und voller schmerzender Trauer hier stand, in seinen eigenen Gedanken verstrickt, ohne seine Tränen zu bemerken?
Es klopfte an der Tür. Dieses Geräusch riss den Touou-Basketballspieler aus seiner Starre. Rasch fuhr er sich über das Gesicht und öffnete die Tür, vor der Kuroko und Kagami standen.
„Domo, Aomine-kun“, sagte Kuroko beim Eintreten und sah seinen ehemaligen Teamkameraden aufmerksam an.
„Hallo, Tetsu, Kagami“, antwortete Aomine, um ein Lächeln bemüht.
Kagami nickte nur und ließ seinen Rivalen nicht aus den Augen, allerdings konnte Akashi ganz deutlich große Besorgnis erkennen, nichts weiter. Eine Gänsehaut überlief ihn.
Kuroko stellte einen offenbar gepackten Korb auf den kleinen, abgenutzten Esstisch, zog sich die Mütze vom Kopf und umarmte dann Aomine tröstend. Das ließ sich der Größere gefallen und erwiderte die Geste, lehnte sich vorsichtig an den Kleineren und schloss kurz die Augen. Halt. Er brauchte Halt, das sah Akashi ganz deutlich. Am liebsten wäre er ebenfalls zu ihm gegangen, wenn er gesehen werden könnte, und noch immer interessierte ihn der Anlass für dieses Trauerspiel.
Als Kuroko von Aomine abließ und ein schmales Lächeln erntete, nahm Kagami seinem Freund die Jacke ab und hängte die seine dazu an den Garderobenhaken neben der Tür. Akashi blinzelte, als er Kises Schal dort hängen sah. Wo war denn der Blondschopf? Doch sofort geriet seine Frage ins Hintertreffen, als Kuroko begann, den Korb auszupacken, und Kagami sich zaghaft Aomine näherte, verlegen durch sein rot-schwarzes Haar fuhr und irgendwie versuchte, Blickkontakt zu halten, ohne den anderen dabei direkt anzusehen.
„Aomine... Es tut mir aufrichtig leid. Mein herzliches Beileid“, sagte das Seirin-Ass leise.
„Danke, Kagami“, antwortete Aomine und zwang sich zu einem etwas breiteren Lächeln, das allerdings eher so aussah, als bräche er gleich in Tränen aus.
Offenbar war auch Kagami dieser Ansicht, denn er überwand seine Verlegenheit und umfing den großen, braungebrannten Basketballspieler, der sichtlich abgenommen hatte und blasser geworden war, mit seinen starken Armen. Einige Sekunden konnte Aomine sich noch beherrschen, doch dann spürte er Kagamis Körperwärme zu ihm durchdringen und sein bemüht angespannter Körper erschlaffte, gab sich der Trauer hin, die in ihm wütete, und hing kraftlos in Kagamis Armen. Kuroko betrachtete die beiden und nickte Kagami beruhigend zu, der Aomine an sich drückte und ihn einfach nur festhielt. Halt geben. Etwas, das Akashi nicht konnte. Und nun war ihm auch klar, was passiert war.
„Sag... Es ist doch nicht wahr, dass Ryouta... tatsächlich...?“, wandte er sich an den Geist, konnte ein Zittern seiner Stimme nicht verhindern.
Der Geist sah Akashi lange nur ausdruckslos an, bevor er den Kopf nach rechts zur Treppe wandte. Vorsichtig stieg Akashi die Stufen hinauf und begab sich in das erste Zimmer, das ihn zu erwarten schien. Dort lag auf einem winzigen, klapprigen Bett eine Person, die von einem dünnen Tuch verborgen wurde. Akashi schlug sich die Hände vor den Mund, um keine Geräusche von sich zu geben, als sich seine Kehle zuschnürte und Tränen in seinen Augen sammelten. Nein, das konnte nicht sein! Man durfte doch einem anderen nicht seinen Liebsten nehmen! Wie ungerecht war diese Welt!
Dennoch... Akashi erkannte, dass er daran etwas hätte ändern können, wenn er sich nur ein wenig mehr darauf eingelassen hätte. Stiche der Reue setzten ihm zu, als er zaghaft das Leichentuch anhob und auf Kises eingefallenes Gesicht blickte. Ein schrecklicher Anblick. Wie musste es Aomine da erst gehen? Vermutlich kannte er keinen Ausdruck mehr für diese Leere und Verzweiflung in sich. Hatte Akashi es damals nicht auch gespürt, als er Murasakibara von sich gestoßen hatte? Ganz tief in seinem Inneren hatte er sich selbst eine schwere Wunde zugezogen, die wohl niemals verheilen würde. Oh, er musste seinen Liebsten wieder zurückholen oder wenigstens um Vergebung bitten, denn gewiss könnte der Riese Akashi nicht mehr verzeihen nach all den Fehltritten, die der Rakuzan-Kapitän sich bisher mit ihm geleistet hatte. Eine Träne fiel auf Kises einst hübsches Gesicht, bevor Akashi das Tuch zurücklegte.
„Bitte“, raunte er dem Geist, den er hinter sich spürte, zu. „Bitte, lass nicht zu, dass Daiki seine Liebe verliert. Lass nicht zu, dass Ryouta stirbt! Bitte, lass mich ihnen helfen, bevor es zu spät ist!“
Der Geist schien sich zu kräuseln, blieb aber ansonsten still.
„Wie... wie geht es Atsushi? Bitte zeige ihn mir“, flehte Akashi leise.
Der Geist rührte sich nicht, während das Zimmer sich auflöste.
Schweres Donnern und leises Quietschen ließen Akashi aufhorchen und den Kopf heben. Verwirrt blinzelte er in die Helligkeit vieler Scheinwerfer, die einige Meter vor ihm ein Basketballfeld ausleuchteten. Was machte er hier in einem Sportstadion? Zu seiner Rechten spähte der unheimliche Geist auf das Feld, zu seiner Linken stand – Murasakibara! Erleichtert lächelte Akashi, denn es schien ihm gut zu gehen. Mit ernstem Blick verfolgte der Riese das Geschehen dort unten, doch Akashi konnte nicht die Augen von ihm lassen, viel zu groß war die Angst, ihn erneut zu verlieren. Allerdings packte kurz darauf eine griffsichere Hand seinen roten Schopf und drehte ihn dem Basketballspiel zu. Gereizt wollte Akashi den Geist anfahren, dabei blieb er jedoch an einem Spieler dort unten hängen. Das war er selbst. Er selbst spielte dort unten! Sofort richtete sich sein ganzes Denken auf das Spiel. Rakuzan High behauptete sich gegen Seirin High beziehungsweise versuchte sie es. Akashi erkannte, dass seine Mannschaft einige Probleme hatte, die sie bis zum Ende nicht mehr ausmerzen konnte, da wurde das Spiel auch schon abgepfiffen und Seirin High zum Sieger erklärt. Der Lärm war unerträglich. Neben ihm stieß sich Murasakibara von dem niedrigen Geländer ab, auf das er sich abgestützt hatte, und ging davon. Rasch wechselte Akashi einen Blick mit dem Mibuchi-Geist, der ihm erneut zunickte, bevor er seinem Freund hinterherlief. Ihm zu folgen gestaltete sich als einigermaßen schwierig, andererseits bemerkten ihn die anderen Menschen nicht, handelte es sich ja nur um Schatten seiner Zukunft. Oder?
Murasakibara schritt bedächtig zu den Umkleidekabinen hinunter, in denen sich die Rakuzan-Spieler ihrer bitteren Niederlage hingaben. Akashi hielt sich weiterhin in Murasakibaras Schatten auf, neugierig was wohl kommen mochte.
Dann erblickte er sich selbst, sein zukünftiges Ich. Wunderschön, aber unnahbar und eiskalt, so sah er aus. Akashi fröstelte, denn dieser Mann war ihm gänzlich unbekannt. Der zukünftige Akashi trat gerade aus dem Umkleideraum heraus und machte sich offensichtlich geknickt auf den Heimweg, als er Murasakibara bemerkte.
Akashi verlangsamte seinen Schritt und kam schließlich zum Stehen. Abwartend musterte er Murasakibara, dessen Mund ein freudloses Lächeln umspielte. Er verströmte eine unangenehme Ausstrahlung, fast wie ein Teufel. Irgendwie kam Akashi diese Szenerie total bekannt vor, allerdings zog sich dabei sein Herz schmerzhaft zusammen und er konnte kaum noch atmen. Er wusste, was ihm bevorstand, doch er wollte es nicht. Nun war es zu spät für eine Umkehr, denn wie der Geist seiner Vergangenheit bereits gesagt hatte: Dass die Dinge waren, wie sie waren, konnte Akashi niemandem zum Vorwurf machen – außer sich selbst. Angst hatte Akashi vor der Zukunft nicht, doch den allergrößten Respekt. Ob er wohl jemals gut genug war, dass Murasakibara ihm verzieh. Nur deshalb klopfte ihm das Herz wild gegen die Rippen, nicht etwa aus Angst, dass er gleich auf einen Schlag alles Wichtige in seinem Leben verlieren würde.
„Seijuuro“, begann Murasakibara kalt. „Ich gratuliere dir zu deiner Niederlage. Erwarte kein Mitgefühl von mir, du weißt, dass du versagt hast – auf ganzer Linie. Und du weißt, was du dafür verdienst, nicht wahr?“
Der zukünftige Akashi wankte ein wenig, löste aber nicht den Blick von Murasakibaras violetten Augen, die ihm seltsam leer entgegenstarrten. Hatte sein Freund schon immer solche Augen gehabt? Akashi meinte, sich an eine Zeit zu erinnern, in denen sie regelrecht gefunkelt und gestrahlt hatten. Er erinnerte sich überhaupt an viele schöne Dinge, doch der zukünftige Akashi schien sie alle vergessen und regelrecht verstoßen zu haben. Erst der Geist seiner Vergangenheit hatte ihm diese wertvollen Schätze wieder aufgezeigt...
Der zukünftige Akashi rührte sich nicht, da er Murasakibaras Ansicht nicht teilte. Gewiss, Akashi hatte verloren, versagt hatte er auch. Er hatte verloren, was für eine Schmach! Der gegenwärtige Akashi betrachtete jedoch das Spiel als wichtige Erfahrung. Endlich verstand er, wie sich Murasakibara gefühlt haben musste an jenem Tag, da Akashi ihn verstoßen hatte. Was war er nur für ein herzloser Mensch!
„Nun denn, bringen wir es zu Ende“, fuhr Murasakibara fort. „Geh mir aus den Augen, Seijuuro, und verschwinde aus meinem Leben. Für immer.“
Beiden Akashis schwindelte. Es war, als hätte ihnen jemand bei lebendigem Leib das Herz herausgerupft und nun setzte tiefer Schmerz ein, qualvoller Schmerz, Schmerz, der nicht enden wollte. Der düstere Geist hielt seinen Begleiter auf den Beinen, während der zukünftige Akashi zusammenbrach und nun zu Murasakibaras Füßen lag. Nur der echte Akashi konnte sehen, wie sehr diese Worte den Riesen selbst verletzten. Das war das letzte Puzzleteil, das ihm fehlte: Akashi liebte Murasakibara und Murasakibara liebte Akashi. Immer noch. Bedingungslos. Er würde ihm alles verzeihen. Hoffnung breitete sich aus in Akashi. Wenn er... wenn er noch eine Chance bekäme, dann würde er alles dafür tun, dass seine Freunde nicht mehr litten. Er wollte sie glücklich sehen. Wie sehr hatte er das Wichtigste in seinem Leben aus den Augen verloren...
Wieder veränderte sich der Ort. Diesmal standen Akashi und der Mibuchi-Geist auf einem unheimlichen Friedhof. Hohe Trauerweiden und marmorne Grabmale streckten sich dem unheilverkündenden Himmel entgegen. Knisternd und raschelnd bahnten sich schwere Schritte einen Weg durch das herabgefallene Laub und Akashi erblickte erneut seinen großgewachsenen Freund. Dieser sah alles andere als lebhaft aus, eher wie eine wandelnde Leiche.
„Was... was macht er denn hier?“, fragte Akashi den Geist neben sich.
Doch dieser antwortete wie üblich nicht, sondern gebot seinem Schützling, weiter zuzuschauen. Akashi kam dieser Aufforderung nach.
Murasakibara hielt plötzlich inne, wandte sich einem schlichten Grabmal zu, das Akashi nicht ins Auge gefallen war, da es sich tatsächlich nur um einen klitzekleinen Erdhaufen mit einem selbstgebastelten Holzschild handelte. Der Riese kniete nieder, legte einen Strauß weißer Lilien dazu und neigte den Kopf.
„Kise-chin, du hast es schon geschafft, du bist nun im Paradies. Kein Leiden mehr, keine Grübeleien, keine Angst. Gewiss, Mine-chin ist immer noch am Boden zerstört. Er kann ohne dich nicht leben, doch wenn du ihm das Versprechen nicht abgerungen hättest, für ihn weiter zu leben, wäre er dir längst gefolgt. Es schmerzt, ihn so zu sehen, doch ich kann nicht wieder bei ihm einziehen. Er würde sich irgendwann an selbst eingeredete Gefühle für mich klammern und dich verdrängen wollen. Das darf er nicht. Kuro-chin und Kaga-chin besuchen ihn oft und trösten ihn viel besser, als ich es jemals könnte. Du hast es gewusst, nicht wahr, Kise-chin? Du hast gewusst, dass ich nie damit aufhören kann, Aka-chin zu lieben. Aber... es tut weh, es tut so weh und ich kann nicht mehr. Ich kann es nicht mehr ertragen, dieses elende Leben, das mich partout nicht an mein Glück heranführen will. Ja, ich weiß, dass ich Aka-chin treffen und mich in ihn verlieben durfte, war schon ein unerhört großes Glück. Meinst du, ich bin ein Feigling, weil ich mein Leben jetzt beenden will? Ich frage dich, Kise-chin, was hat es noch für einen Sinn zu leben, wenn Aka-chin doch nur unglücklich mit meiner Existenz ist? Siehst du, ich möchte nur, dass er glücklich ist. Und wenn das nur mit meiner Abwesenheit funktioniert, dann tue ich ihm den Gefallen. Also“, ächzend erhob sich der Riese, „dann werde ich mal gehen und mir ein hübsches Eckchen für meinen Tod suchen, schließlich will ich dein Grab nicht besudeln. Mine-chin ist so oft hier... Bald bin ich bei dir, Kise-chin, und dann kann ich dir noch ein wenig mehr von Mine-chin erzählen...“
Silberne Tränen rollten in rascher Folge über das Gesicht des Riesen und Akashi spürte sein eigenes Herz hämmern, als wollte es gegen einen bevorstehenden Herztod ankämpfen. Es tat so weh, seinen Liebsten so verzweifelt zu sehen... Dieser wandte sich um und verzog sich in eine abgeschiedene dunkle Ecke des Friedhofs, wo er ein Messer hervorkramte und die aufblitzende Klinge fast liebevoll betrachtete.
„Ah, Aka-chin, bald kannst du für immer glücklich sein...“, seufzte Murasakibara und legte das Messer an seine Brust.
„NEIN!“, schrie Akashi besinnungslos und vergaß, dass er nicht real an diesen Geschehnissen teilnahm.
Er warf sich zwischen Murasakibara und das Messer, spürte einen schneidenden Schmerz in seiner Seite, doch das machte ihm nichts aus, wenn Murasakibara dafür nur weiterlebte und unverletzt geblieben war...
Zwinkernd öffnete er ein Auge und musste lange überlegen, wo er sich befand. Kälte umgab ihn und seine Seite schmerzte und irgendetwas drückte gegen sein Gesicht... Sand. Sandfarbener Teppich. Und was war das dort? Ein dunkler Kasten... Ach so, das Bett. Das Bett? Zu hastig wollte er aufspringen, da bemerkte er, dass er in einer verrenkten Position auf dem Boden neben dem Bett lag. Offensichtlich war er während seines unruhigen Schlafes über den Rand gepurzelt...
Vorsichtig entknotete Akashi seine Gliedmaßen und richtete sich auf. Da saß er, unversehrt in seinem teuren Hotelzimmer, das absolut unnötig groß und luxuriös eingerichtet war, nach einer halbwegs durchzechten Nacht, zumindest was seine Kopfschmerzen anbelangte. In rauschenden Bildern ließ er das Geschehene Revue passieren...
Murasakibara! Kise! Schnell! Eilig stand er auf und trödelte nicht lang bei der Wahl seiner Klamotten. Dann stopfte er einige wichtige Sachen in seine Tasche und verließ flugs das Hotelzimmer. Er hatte viel zu tun und er hoffte, dass er nicht zu spät kam...

Heißes Keuchen erfüllte das winzige Zimmer, von dessen Wänden der Putz bröckelte und in dem nicht die geringste Wärme gehalten werden konnte, weil das Fenster kaputt war. Kise schmiegte sich enger an den warmen Leib, der auf ihm lag und ihn beschützte. Er unterdrückte ein heftiges Husten, was schnell in kehliges Stöhnen überging, als Aomine sich vollends in ihm versenkte. Hastig suchte er den Mund des anderen und krallte seine Finger in das kurze dunkelblaue Haar. Ihm war so heiß wie schon lange nicht mehr und das fühlte sich unglaublich gut an. Aomine wusste, wie er Kise aufheizen konnte.
„Ryouta“, hauchte der Touou-Spieler an den Lippen der Copy-Cat. „Ryouta, ich liebe dich.“
Kise antwortete nicht, sondern fing die warmen, vollen Lippen erneut mit seinem Mund ein und ließ sich fallen unter den liebevollen Händen. Aomine löste keuchend den Kuss und begann, in Kise zu stoßen. Mit jeder Bewegung stieg die Hitze in ihren Körpern und die Lust nach der Berührung, nach ihrer Liebe, die sich so kraftvoll zwischen ihnen entfaltete, dass sie bald ihre beiden Opfer über den Rand beförderte. Synchron stöhnten die jungen Männer auf und kamen mit dem Namen des jeweils anderen auf den Lippen zum Höhepunkt. Kise atmete schwer unter der Last von Aomines sportlichem Körper, dennoch schlang er seine Arme um ihn und senkte seine Nase in das leicht verschwitzte dunkle Haar. So wunderbar...
Aomine zog sich aus Kise zurück, beugte sich aber über ihn und küsste ihn innig, dann streichelte er zärtlich Kises Gesicht.
„Ist dir jetzt warm, Ryouta?“
Kise lächelte und nickte.
„Hai. Ich danke dir, Daiki.“
Noch ein tiefer Kuss und Aomine legte sich neben Kise ins Bett, nahm seinen Freund in die Arme und presste ihn an sich. Kise schnurrte zufrieden und streichelte Aomines breite Brust.
„Ich liebe dich auch, Daiki“, sagte er leise und Aomine grinste.
Bevor allerdings sonst noch jemand etwas erwidern konnte, klopfte es heftig an der Tür. Genervt verdrehte Aomine die Augen.
„Mattakku, hat man denn nicht einmal an seinem freien Tag seine Ruhe?!“, fluchte er und schälte sich aus den warmen Decken, die er sorgfältig über Kise ausbreitete, ehe er in seine Klamotten schlüpfte.
Kise sah ihm nachdenklich hinterher.
Nahe an der Grenze zur Wut riss Aomine fast die Haustür aus den Angeln, als er öffnete. Der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihn verstummen.
„Domo, Daiki“, sagte Akashi verhalten und nickte seinem ehemaligen Teamkameraden zu.
Aomine klappte der Mund auf.
„Bitte entschuldige die Störung, aber es gibt da etwas, das ich mit... also, das ich mit euch besprechen muss. Darf ich reinkommen?“
Das Ass von Touou Gakuen reagierte noch immer nicht, offensichtlich viel zu perplex, doch da antwortete jemand anders für ihn.
„Natürlich darfst du hereinkommen“, sagte Kise lächelnd, der sich ebenfalls angezogen hatte und nun die Treppe herunter kam.
Akashi reckte den Hals nach ihm und sofort legte sich Besorgnis in seinen Blick.
„Ryouta...“
„Hallo, Akashicchi, schön dich zu sehen“, sagte Kise.
In Aomine war beim Klang von Kises Stimme wieder Leben gekehrt, deshalb trat er nun beiseite und ließ seinen ehemaligen Teamkapitän eintreten. Sofort schritt Akashi zu Kise hinüber und packte den Jungen fest an den Armen, sah ihn durchdringend an.
„Ryouta, wie geht es dir?“, fragte Akashi besorgt.
„Eh? Mir geht es gut“, antwortete Kise verwundert. „Ganz ehrlich.“
„So? Und was ist mit dieser kalten Wohnung, deinem Husten, dem kaputten Fenster in eurem Schlafzimmer?“
Akashi klang strikter denn je, doch die beiden anderen hörten genauso gut die große Sorge heraus.
„W-woher...?“, setzte Kise an und warf dabei Aomine einen flüchtigen Blick zu, der schockiert seinen Freund angesehen hatte.
„Wie bitte? Du bist krank?“, wollte der große Basketballspieler wissen und ging auf Kise zu, doch Akashi hielt ihn auf.
„Ist schon gut, Daiki, ich sorge dafür, dass ihr woanders unterkommt“, sagte Akashi und hielt Aomines erstaunten Blick fest. „Ihr werdet ein schönes Häuschen bekommen, wo die Heizung funktioniert und ihr jede Menge Platz habt, um weiterhin gute Menschen sein zu können.“
Wäre die Situation nicht so ernst, hätte Akashi vermutlich gelacht – über Aomines entgleistes Gesicht, denn was immer er auch erwartet haben mochte, Akashi hatte ihn völlig überrumpelt. Vermutlich fragten sich seine beiden Freunde, was Akashi dazu veranlasste, so etwas zu sagen, doch bevor sie den Gedanken ergreifen konnten, klopfte es wieder an der Tür. Die drei Männer zuckten zusammen und wandten ihre Köpfe der Tür zu.
„Are? Wer kann das sein?“, fragte Kise.
Aomine haderte mit sich, ließ aber von Akashi ab und ging an die Tür.
„Ja, bit... Murasakibara!“
Akashi zuckte zusammen, wenngleich er halbwegs darauf vorbereitet gewesen war. Unsicher, wie er ihm nun gegenübertreten sollte, verharrte er still neben Kise und erwartete ihn, wohl ahnend, welch herzzerreißender Anblick sich ihm bieten würde.
Wie üblich enttäuschte Murasakibara Akashi nicht. Wie der Rakuzan-Kapitän es bereits in Begleitung des Midorima-Geistes gesehen hatte, entsprach der Riese nicht mehr seiner eigentlichen Körpergröße. Blass wie ein Gespenst mit dunklen Augenringen und stumpfem Haar stand er vor Aomine. Der Dunkelblauhaarige warf schnell einen Blick zu Akashi herüber, zog die Augenbrauen zusammen und fing dann Kises Blick auf.
„Komm erst mal rein, Murasakibara“, sagte Aomine seufzend und packte den Riesen am Arm.
Murasakibara ließ sich hineinziehen, doch dann erstarrte er, als er Akashis ansichtig wurde. Akashi konnte sehen, wie sich der gigantische Körper darauf vorbereitete, den Ort fluchtartig zu verlassen. Bevor sonst noch irgendjemand reagieren konnte, hatte Akashi sich in Murasakibaras Arme geworfen und klammerte sich an ihm fest. Dass Kise und Aomine anwesend waren, störte ihn längst nicht mehr. Er hatte viel mehr zu verlieren als einen Ruf...
„Es tut mir leid, Atsushi. Alles. Alles tut mir leid. Bitte verzeih mir. Ich war so dumm und blind... Ich... Ich weiß, dass es jetzt wohl zu spät ist, dich um Vergebung anzuflehen, dafür habe ich volles Verständnis. Es ist nur... Es war mir ein Bedürfnis, dir zu sagen, wie leid es mir tut, einfach alles. Ich habe lange gebraucht, um zu kapieren, was das Wichtigste in meinem Leben ist, bis ich es verloren habe. Ich war selbst daran schuld. Es tut mir leid, sehr, sehr leid...“
Er bemerkte nicht, dass er schluchzte und Murasakibaras dünne Jacke mit Tränen benetzte. Er konnte nur daran denken, wie sehr er diese Wärme vermisst hatte, wie lange er Murasakibara schon nicht mehr so nah gewesen war, wie verzweifelt er zurückkehren wollte an den Punkt in ihrer Beziehung, an dem sie noch irgendwie glücklich gewesen waren. Andererseits... Durch den Besuch der drei Geister hatte Akashi erkennen müssen, dass es kein Zurück mehr gab – außer bei den Dingen, die noch vor ihm lagen. Und seine oberste Priorität war Murasakibara. Nichts anderes.
Er spürte, wie sich der eingefallene Körper unter seiner Umklammerung aufrichtete, wie sich der Herzschlag beschleunigte (War es sein eigener?), wie sich Wärme in ihm ausbreitete, denn der Riese hatte Akashis Umarmung erwidert. Bedeutete das... Konnte es wirklich sein? Egal, für den Moment rieb Akashi seine Nase an Murasakibaras Brust und verstärkte den Druck auf seine Arme, nur um sicher zu gehen, sich nie wieder von seinem Liebsten trennen zu können. Ja, sein Liebster, Murasakibara war sein Liebster. Es hatte viel zu lange gedauert, um sich das einzugestehen!
„Ich gehe zu meinem Vater und mache es amtlich, wenn du willst“, fügte Akashi hinzu, nicht daran denkend, dass außer ihm keiner Ahnung von seinem plötzlichen Gedankensprung haben konnte, doch der Riese reagierte sofort.
„Nein!“, rief Murasakibara bestimmt und drückte Akashi fest an sich, sodass dem kleinen Mann die Luft wegblieb. „Ich kann dich nicht zu deinem Vater gehen lassen, er ist nicht gut für dich.“
Akashi lächelte und streichelte Murasakibaras Rücken.
„Dennoch bin ich sein Sohn und er liebt mich, wenn auch auf eine vollkommen unkonventionelle Art und Weise“, erwiderte Akashi leise.
Sauerstoff strömte in seine Lungen, als Murasakibara ihn grob von sich schob, um ihn an den Schultern zu packen und durchdringend anzusehen. Mit Freude stellte Akashi fest, dass Murasakibaras Augen das Funkeln nicht eingebüßt hatten. Er lächelte, gerade als der Riese seinen Mund geöffnet hatte.
„Du bist wunderschön, Atsushi. Es tut mir so leid, wie ich mich dir gegenüber verhalten habe, so leid...“, wiederholte Akashi und wollte so gern wenigstens noch ein letztes Mal Murasakibaras trauriges, besorgtes Gesicht streicheln, doch das würde dieser nicht zulassen, wie es schien.
„Aka-chin...“
Akashi bekam eine kribbelnde Gänsehaut, die ihn vom Scheitel bis zu den Fußspitzen überzog. Dieser besondere Name... Schnell blinzelte er, als er neue Tränen spürte.
„Oh, Aka-chin, was ist nur mit dir passiert? Du weißt doch, dass ich...“, Murasakibara zögerte. „Ich werde dir immer wieder verzeihen, Aka-chin.“
Sanft strich er über Akashis Arme und hockte sich vor ihn. So musste er nun trotz seiner Größe zu Akashi aufschauen. Der Kapitän schüttelte den Kopf und zwang den Riesen zum Stehen.
„Du musst, nein, kannst mir nur noch dieses eine Mal verzeihen. Wenn ich danach wieder einen Fehler mache, kann ich mir selbst nicht mehr in die Augen schauen. Du musst verstehen, wie ernst es mir dieses Mal ist, Atsushi“, erklärte Akashi, dann legte er Bestimmtheit in seinen Blick. „Ich liebe dich, Atsushi. Und wenn ich das nicht richtig auf die Reihe kriege, dann... ich...“
Er stockte. Er konnte es nicht sagen. Er wollte nie wieder von Murasakibaras Seite weichen, nie wieder, selbst wenn er sich blamierte oder sich daneben benahm. Aber natürlich war er ja nicht der einzige, um den es hier ging...
„Oh, Aka-chin...“
Murasakibara nahm Akashi in seine Arme, der daraufhin den Boden unter seinen Füßen verlor. Sehnsüchtige Küsse hagelten auf seinen Haarschopf und Akashi schmiegte sich dichter an seinen großen Freund. Es bedurfte keiner weiteren Worte, Akashi hatte verstanden: Murasakibara verzieh ihm. Beinahe erstaunt musste er feststellen, dass sie beide doch zusammengehörten, denn sie verstanden einander so gut...
„Ich liebe dich, Aka-chin, ich liebe dich so sehr“, flüsterte der Riese und knuddelte seinen Freund immer noch.
Akashi antwortete stumm und dankte ebenso still den Geistern, die ihn in dieser Nacht getriezt hatten – nur zu seinem eigenen Wohl. Er war dankbar von ganzem Herzen.

Am Esstisch in der ärmlichen Wohnung von Aomine und Kise, wo sich gerade vier liebende Menschen aufhielten und einander Liebesschwüre zusäuselten, saßen – verborgen vor aller Augen – drei Geistergestalten und stießen mit ihren Kakaotassen an.
„Scheint sich gelohnt zu haben“, bemerkte der Mibuchi-Geist und schlürfte das klebrig-süße Gebräu mit Hingabe. „Sei-chan sieht glücklich aus.“
„Daran ist uns allen gelegen“, sagte der Midorima-Geist. „Ich hätte das nicht gemacht, wenn der heutige Glücksbringer nicht ein Kimono gewesen wäre.“
„Oder die Glücksfarbe Schwarz, nicht wahr?“, stichelte der Kuroko-Geist vorsichtig.
Mibuchi lachte, während Midorima Kuroko geflissentlich ignorierte.
„Wann kehrst du zu deinem Menschen zurück, Kuroko-san?“, fragte Mibuchi.
„Jetzt. Kagami-kun ist sicher vom Einkauf zurück, da möchte ich ihn doch erwarten“, antwortete Kuroko.
„Wie es sich für ein braves Frauchen gehört, nicht wahr?“, frotzelte Midorima und schob sich die Brille die Nase hoch.
„Sag mir bloß, du willst Takao warten lassen!“, entgegnete Kuroko mit gespielt entsetztem Blick.
‚Sie sind so anders, wenn sie nicht in ihren Körpern gefangen sind‘, dachte Mibuchi und drehte sich wieder zu seinem Teamkapitän um.
Wenn der wüsste, was ihm in Zukunft alles bevorstand...

Frohe Weihnachten!

Wenn Dir, geneigter Leser, die Geschichte gefallen hat, dann schaue doch gern bei meiner oben genannten Kuroko-no-basuke-Fanfiction vorbei. Dort geht es am 02. Januar 2018 mit dem nächsten Kapitel weiter. Ich würde mich sehr über Deinen Besuch freuen.
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