Lorelei

von Maugrim
GeschichteRomanze, Übernatürlich / P16 Slash
24.12.2017
24.12.2017
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Hallo erstmal an alle, die sich hierher verirrt haben,
und aus gegebenem Anlass auch 'Frohe Weihnachten'!

Ich schätze, ich tauche auch einmal wieder aus der Versenkung auf.
Ich habe ein Monster geschaffen! - Naja fast. Mit der Geschichte habe ich mich an etwas Fantasyartigem versucht. Ob es geglückt ist oder nicht, überlasse ich dabei einmal euch. (: Es war ein 1. Versuch, was in der Richtung Fantasy/Mythologie zu schreiben, nachdem ich zu dem Thema hier nicht allzu viel finden konnte. - Auch wenn ich gestehen muss, dass ich mir hierbei auch künstlerische Freiheiten gelassen habe.
Nun, lasse ich die Einleitungsrede meinerseits einmal und wünsche - ich hoffe - viel Spaß mit dieser Geschichte. (:

LG Maugrim,
ein Weihnachtsgrinch.


*****************


Die Holzscheite knackten in den Feuern und orangefarbene Funken stoben in den Nachthimmel auf wie winzige Lichter. Der Rauchgeruch würde noch tagelang in ihren Kleidern hängen. Beinahe das ganze Dorf hatte sich um die beiden großen Feuer herum versammelt und lauschte den Geschichten, die die Ältesten erzählten, wie es einmal im Mondlauf in ihrem Dorf zu einem Brauch geworden war.

Milos’ blondes Haar schimmerte golden im Schein der Flammen, während er Geras Erzählungen lauschte. Er hatte den Arm um eines der Mädchen gelegt und sie an sich gezogen. Die beiden gaben ein vertrautes Bild ab, dass Jurek einen Stich der Eifersucht in seiner Brust spürte. Milos drehte in dem Moment den Kopf, ihre Blicke trafen sich kurz über das Feuer hinweg und er grinste. Jurek wandte hastig den Blick ab. Man sollte ihn nicht beim Starren erwischen.
Er saß ein wenig abseits, hörte nur mit halbem Ohr hin, was eine der Ältesten erzählte. Die Wärme drang kaum noch bis zu ihm herüber und wärmte nur einen Teil seiner rechten Seite.

Die Geschichten, die Gera da weitergab, waren doch nur dazu da, um den Kindern Angst zu machen. Schauergeschichten, die sie belehren sollten, bestimmte Dinge nicht zu tun und den Erwachsenen dazu diente, sie zu belehren. Er hatte die Erzählungen schon so oft gehört, als er selbst noch ein Kind gewesen war. Die Jüngsten saßen dicht gedrängt um die Älteste im Dorf und hingen mit großen Augen an ihren Lippen.
„Erzähle uns noch eine!“, bettelten sie und Jurek verdrehte die Augen. Es waren ja nur das – Geschichten, die Kinder ängstigen sollten, nicht mehr. Wer glaubte denn auch noch an Geister, die einem im Schlaf heimsuchten?
Der alten Frau entfuhr ein gutmütiges Lachen. Das Flackern des Feuers malte ein Schattenspiel auf ihre Züge. „Nun, gut“, erwiderte sie und strich einem der Jungen neben sich durch das zerzauste, blonde Haar. „Eine letzte noch.“

Sie räusperte sich und hob die Stimme. „Es lebte einst ein Mädchen in diesem Dorf. Ein schönes Kind mit einer glockenhellen Stimme, die jeden zu betören vermochte. Ihr Name war Lorelei. Jeder Mann wollte sie zur Frau und sie hatte viele Verehrer, denn ihre Schönheit verdrehte vielen den Kopf, allerdings ihr Herz gehörte nur einem einzigen. Einem Seemann, der vor ihrer Hochzeit wieder in See stechen musste und sie versprach schweren Herzens auf seine Rückkehr zu warten.
Ein Sturm zog auf, während er auf See war, und sein Boot kehrte nie wieder. Lorelei wartete zuhause auf ihren Geliebten, fragte jeden Ankömmling, der durch dieses Dorf kam, ob das Schiff wiedergekehrt sei – und wurde jedes Mal vertröstet. Als die Nachricht seines Todes sie erreichte, stürzte sie sich vor Trauer von Sinnen in den See im Wald und ertrank darin.
In den alten Legenden heißt es, dass ein guter Geist sie aus Mitleid gerettet habe, ihr die Fähigkeit gegeben hat, unter Wasser zu atmen. Ihre Hände formten sich zu Krallen mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern und statt den Beinen wuchs ihr ein Fischschwanz, deren Schuppen glänzten wie reines Silber. Die Ärmste war von Rache getrieben und versuchte nun ihr eigenes Schicksal zu dem Unschuldiger werden zu lassen. Die jungen Männer, die an ihren See kamen, lockte sie mit ihrem Gesang ins Verderben und sie kehrten nie wieder.

Doch sie blieb nicht die einzige Bewohnerin des Sees. Es gibt noch mehr dieser Lorelei, wunderschöne Frauen und Männer, die des Nachts mit ihren Gesängen all jene anlocken, die sich vor den beschwörenden Klängen nicht schützen können. Dann schlingen sie die kalten, nassen Hände um euch, um euch mit sich in die Tiefen des Sees zu ziehen. Manche von ihnen kommen sogar bis zu unserem Dorf und legen sich zu euch in die Betten. Am Morgen, wenn nasse Fußabdrücke aus euren Zimmern führen, ist ein Anzeichen dafür, dass sie bei euch gelegen haben. Sie versklaven euren Geist, eure Gedanken, bis von euch nichts weiter bleibt, als willenlose Marionetten ihrer Stimmen.“
Einige der Kinder erschauderten und schlangen die Arme um sich, anderen entwich ein leises Wimmern. Aber dennoch liebten sie es die Geschichten wieder und wieder zu hören.

„Das sind doch nur Märchen“, murmelte Jurek leise und stocherte mit einem Ast in der Erde herum. Diese Geschichten hatten sich über die Jahre hinweg verändert, jeder hatte in seiner Version etwas dazu gedichtet oder einen anderen Teil weggelassen.
Wesen, die unter Wasser leben konnten? Das war doch Schwachsinn. Lorelei musste sich in den See gestürzt haben und ertrunken sein, aber ein Fischschwanz? Das war doch etwas weit hergeholt. Ihm entwich ein abfälliges Schnauben.

Dan, der ein Stück weit entfernt von ihm saß, hatte ihn gehört und wandte ihm den Blick zu.
„Du glaubst Geras Geschichten nicht?“ Seine Stimme hatte einen Tonfall, der irgendwo zwischen Herablassung und Ungläubigkeit schwankte. Er stieß Kuren neben sich an, der Gera noch immer lauschte.
„He, Jurek hier glaubt nicht, dass es die Wassermenschen wirklich gibt“, raunte er ihm überlaut ins Ohr. Sein Freund riss ungläubig die Augen auf und starrte Jurek an. „Aber natürlich gibt es sie!“
Dan nickte bedächtig und sie blickten ihn beide abschätzig an. Es war allerdings auch kein Geheimnis, dass Kuren nicht die hellste Flamme im Feuer war.

Jurek runzelte die Stirn. „Es sind Märchen, die man kleinen Kindern erzählt“, entgegnete er, „aber das bedeutet nicht, dass es sie tatsächlich gibt.“
Kuren sog scharf Luft ein. „Das sind keine Schauergeschichten! Es gibt sie…“, empörte er sich, doch Dan fiel ihm ins Wort. „Na, wenn es sie ja nicht gibt, Jurek, dann kannst du es ja beweisen, wenn du heute Nacht an den See gehst und dir mit eigenen Augen ein Bild machst.“ Das Lächeln, das auf seinen Lippen lag, hatte etwas Hinterhältiges an sich.
Jurek schnaubte. Er hätte ihm nur zu gerne das höhnische Grinsen aus dem Gesicht gewischt. „Ich muss euch gar nichts beweisen, weil es nichts zu beweisen gibt. – Hast du sie etwa schon einmal gesehen, wenn du so sehr an ihre Existenz glaubst?“, fügte er an Kuren gewandt hinzu. Der Junge presste daraufhin nur die Lippen zusammen und wandte den Blick ab. Das war wohl ein ‚Nein‘.

„Du traust dich doch nur nicht.“ Dan verzog die Lippen zu einem boshaften Grinsen. „Zuerst spuckst du hier große Töne, dabei hast du doch selbst nur Angst zum See zu gehen. Sollen dich die Lorelei doch holen, dann wirst du schon sehen!“
Einer von Dans älteren Brüdern, die bei ihnen saßen, war auf ihr Gespräch aufmerksam geworden und maß Dan nun mit strengem Blick. „Ihr solltet darüber keine Scherze machen“, wies er ihn scharf zurecht.
Jurek schnaubte und kniff die Augen zusammen. „Blödsinn! Die Flussmenschen sind doch nicht einmal real“, knurrte er.
Boshaftigkeit glänzte in Dans Augen auf. „Na, dann wird es ja kein Problem sein, zum See zu gehen, nicht wahr?“
Er zog den Kopf ein, als sein Bruder ihm einen leichten Schlag auf den Hinterkopf versetzte. „Schluss jetzt“, fuhr er dazwischen. „Kein Wort mehr davon, habt ihr verstanden? Ihr seid doch keine Kinder mehr, die meinen, Mutproben veranstalten zu müssen.“
Jurek gab darauf keine Antwort und stand auf. Wenn sie noch immer an Kindermärchen glaubten, bitte, sollten sie doch.

„Feigling!“, rief Dan ihm hinterher, so laut, dass alle es gehört haben mussten.
Jurek biss hart die Zähne aufeinander. Mit Dan war er nie ausgekommen und Kuren hechelte ihm sowieso nur hinterher und sagte zu allem ‚Ja‘, was sein Kumpel so von sich gab.
Mit festen Schritten verließ er den Festplatz, ohne sich noch einmal zu ihnen umzusehen. Er wollte einfach nur weg von dem Feuer, dem Licht, den Märchen. Weg von Dan und Kuren. Wasserwesen, die real waren – die beiden erschraken sich ja schon vor ihrem eigenen Schatten.

***

Feigling, Feigling.
Genervt drehte er sich auf den Rücken und starrte im Halbdunkel den Dachbalken in der kleinen Kammer an.
Du traust dich ja eh nicht zum See zu gehen.
Die Provokation wollte nicht so einfach aus seinem Kopf verschwinden, wie er sich das gewünscht hatte. Mit einem genervten Knurren setzte er sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Es ließ ihm keine Ruhe. Dans Worte waren wie ein Dorn, den er sich eingetreten hatte, und der bei jeder Bewegung drückte.
Den beiden würde er schon beweisen, dass an den Geschichten nichts daran war. Von Dan und Kuren ließ er sich keinen Feigling nennen und wenn sie ihren Beweis haben wollten…

Er griff nach seinem Hemd, das er nur unachtsam über den Bettpfosten gehängt hatte. Der rauchige Geruch stieg ihm in die Nase, als er es über den Kopf zog. Jurek sah zu dem zweiten Bett in der Kammer hinüber, das sich seine beiden, jüngeren Schwestern teilten. Außer leisen Atemzügen war es absolut still. Vorsichtig erhob er sich vom Bett, griff nach seinen Lederschuhen und schlich leise aus der Kammer.

Die Dielenbretter in der Wohnstube knarrten leise unter seinem Gewicht und er erstarrte in der Bewegung. Das Bett seiner Eltern lauerte wie ein dunkler Schatten in der Ecke des Raumes, doch das Schnarchen seines Vaters blieb unverändert. Jurek schlich weiter vor, umrundete den Schemen des Tisches und bemühte sich möglichst leise aufzutreten. Vor der Tür drehte er sich noch kurz um, betrachtete noch einmal den dunklen Raum, bevor er die Hand nach dem Türgriff ausstreckte. Die Angeln quietschten, als er die Tür ein Stück öffnete und sich durch den Spalt hindurch hinausstahl.

Jurek huschte zwischen den Schatten der Gebäude hindurch. Der Festplatz war inzwischen verlassen, auch wenn die Glut der Lagefeuer noch Wärme abgab. Vielleicht hätte er einen anderen Weg wählen können, statt einfach quer durch das Dorf zu schleichen, aber letzten Endes würde es ja doch nichts verändern. Wenn ihn jemand aufhalten sollte, konnte er sich immer noch eine Ausrede zurecht legen.

Um zu dem See zu gelangen, würde er ein Stück über die Felder und durch den Wald müssen. Er blickte kurz zu dem Vollmond auf, der jetzt noch genug Licht abgab, um sich gut orientieren zu können. Das kühle Licht war sein einziger Zeuge, dass er sich davon stahl. Wenn er aber erst einmal im Wald war, würde er aufpassen müssen, sich nicht da drin zu verirren. Eine Nacht in seinem Bett zog er einer zwischen stacheligen Tannennadeln und Geäst dann doch vor, aber immerhin plante er nicht, lange weg zu bleiben. Nur einen kurzen Abstecher zu dem Waldsee, damit er Dan und Kuren beweisen konnte, dass ihre Lorelei nicht existierten und er wäre schneller wieder da, als sie es sich wünschten.

***

Das Licht drang nur schwer durch die Baumkronen hindurch und erhellte kaum den schmalen Pfad, der durch den Wald führte. Er war ein paar Mal vom Weg abgekommen, den er aber, nach einigem Herumirren, dann doch wiedergefunden hatte. Sein Fuß blieb an einer Wurzel hängen, die er im schwachen Licht, das vom den Bäumen abgeschirmt wurde, glatt übersehen hatte. Fluchend konnte sich Jurek gerade so an einem Baum abfangen, bevor er auf dem Boden aufgeschlagen wäre. Die Rinde war rau, drückte sich in seine Handflächen. Er richtete sich wieder auf, hob den Kopf und musterte seine Umgebung, um sich ein wenig Orientierung zu verschaffen. Zwischen den Bäumen meinte er bereits das Glänzen des Sees hervor blitzen zu sehen. Fröstelnd schlang er die Arme um den Körper, als ihn ein Kälteschaudern überkam. Vielleicht hätte er doch noch einen Überwurf mitnehmen sollen, statt in dem einfachen Leinenhemd nach draußen zu gehen, doch jetzt war es ohnehin zu spät, um deswegen noch umzukehren.

Irgendwo hinter ihm im Wald raschelte es und er wandte den Kopf um und spähte in die Richtung, in der er die Geräuschquelle vermutete. Während er dem Pfad gefolgt war, hatte er immer wieder gemeint ein Rascheln hinter sich gehört zu haben. Er biss die Zähne aufeinander beschleunigte seine Schritte. Vielleicht hielt sich irgendein Tier in der Nähe auf, ein Reh, das auf Futtersuche war, oder ein Vogel in den Bäumen. Vielleicht war es auch nur eine Einbildung gewesen.

Der Vollmond stand über dem See, spiegelte sich auf Oberfläche wider, als er zwischen den Bäumen hindurch an das Ufer trat. Am Wasser war es kühler und eine Gänsehaut überzog seine Arme unter dem groben Leinenhemd, die nur teilweise von der Nachtluft her rührten.
Der See war ungewöhnlich rund, wie die Natur es eigenständig wohl niemals geschaffen hätte. Ein Grund, weswegen ihm die Leute im Dorf ihm allerhand Geschichten andichtet haben mussten. Die Tannen, die den See einschlossen, malten dunkle, schlanke Silhouetten in die Nacht. Leichte Nebelschwaden zogen über dem Wasser auf der anderen Seite auf, tasteten sich vor, fast wie eigenständiges Wesen.

Auf den ersten Blick erschien ihm nichts ungewöhnlich, das schwarze Wasser des Sees lag unberührt vor ihm. Keine wunderschönen Mädchen weit und breit, die auf den Felsen sangen, um ihn ins Verderben zu stürzen. Ein leichtes, triumphales Lächeln huschte über seine Lippen. Nun, konnte er ja wieder zurück nach Hause gehen und sich noch ein paar Stunden Schlaf gönnen, bevor er wieder auf den Feldern helfen musste.

Das Plätschern von Wasser, das durch irgendetwas aufgewirbelt wurde, drang an sein Ohr und er erstarrte.
Da ist nichts, versuchte er sich einzureden. Er hatte ja gerade selbst gesehen, dass der See nur eine glatte, schwarze Wasserfläche war, auf der sich die helle Scheibe des Mondes spiegelte. Nur ein Hirngespinst. Eine Bewegung im Augenwinkel.
Nein. Jurek biss die Zähne aufeinander. Jetzt spielten ihm auch schon seine Sinne einen Streich. Er atmete tief durch, bevor er sich wieder dem See zuwandte.

Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er den See nun eingehender. Er wirkte noch ebenso unberührt wie zuvor. Etwas Helles bewegte sich da unter Oberfläche und verschwand wieder. Er kniff die Augen zusammen, blinzelte und konzentrierte sich stärker. Schimmernde Leiber, die durch das dunkle Wasser glitten. Ein großer Fisch? Jurek wich einen Schritt zurück.
Fische in dieser Größe gab es nicht, zumindest nicht in dieser Gegend, nicht in einem See im Wald. Das konnte nur eine Täuschung sein. Vielleicht war es ein Fisch gewesen, dessen Schuppen in Mondschein geglänzt hatten. Die Erzählungen waren doch nichts weiter als Ammenmärchen.

Jurek reckte den Kopf und spähte in den See. Helles Haar waberte um einen Kopf, als eine Gestalt sich auf den Rücken drehte und ein bleiches Gesicht zu ihm hochblickte. Die Oberfläche des Sees war unruhig, verzerrte die Züge zu einer Fratze, bevor das Wesen die Richtung änderte. Ein Teil einer Schwanzflosse durchstieß die Wasseroberfläche, offenbarte ein durchscheinend silberne Haut und Schuppen, bevor die Lorelei wieder abtauchte.
Jurek fühlte sich, als hätte man ihm ein Schlag versetzt. Das war ein Traum, nur ein fieser Albtraum, den die Geschichten herbeigeholt hatten. Er atmete schwer. Ein Schauder rann kalt ihm über den Rücken, während er die Hände zu Fäusten ballte.

Er sah eine zweite Gestalt in dem tintenschwarzen Wasser in seine Richtung kommen. Seine Fingernägel stanzten sich in seine Handflächen. Er musste aufwachen, irgendwie. Das Wasser vor ihm kräuselte sich, als das Wesen die Wasseroberfläche durchbrach.
Langes, helles Haar war das erste, das er sah. Es schimmerte, hatte die Farbe des Mondlichts selbst. Ein paar Strähnen klebten auf einer nackten Brust. Wassertropfen rannen über bleiche Haut. Etwas glänzte an seinem Hals, breitete sich über einen Teil der Brust und Schultern aus - winzige, schimmernde Schuppen. Der Lorelei musterte ihn aus dunklen Augen und hielt seinen Blick fest. Er hatte ein geradliniges Gesicht, von einer Schönheit, die nicht so recht menschlich wirken wollte.

Jureks Hände begannen zu zittern und er kniff die Augen zusammen. Nicht real, nicht real, nicht real. Ein Trugbild, nichts weiter. Wenn er jetzt die Augen wieder öffnete, würde dieses Wesen fort sein. Er holte noch einmal tief Atem und öffnete die Augen. Der Mann stand noch immer bis zum Bauch im Wasser, nur wenige Meter vor ihm entfernt.

Komm!, die Stimme, die in seinem Kopf widerhallte, war betörend, lockend. Ein Sog schien von der Stimme auszugehen, dem er sich kaum widersetzen konnte. Er versuchte sich dagegen abzuschirmen, den Drang zu ignorieren, doch es gelang ihm nicht. Ein Muskel in seinem Bein zuckte und Jurek schluckte hart. Er musste hier weg. Hinter ihm im Wald raschelte es. Etwas knackte, als wäre ein Ast niedergetreten worden.

Keine Angst! Komm nur zu mir!, ein sanfter Tonfall, der direkt in seinem Kopf erklang. Jurek riss die Augen auf und holte scharf Luft. Der Blick schien intensiver zu werden, schien sich direkt in ihn zu bohren. Unwillkürlich machte er einen Schritt nach vorne, noch einen zweiten, ein dritten. Die Steinchen am Ufer knirschten unter seinen Schritten. Er konnte den Blick nicht abwenden. Die Alarmglocken in seinem Kopf schrillten los, rieten ihm zu fliehen, doch er konnte es nicht.
Das Wasser war kalt und er zuckte leicht zusammen, als es seine Hosenbeine tränkte. Jurek versuchte sich dagegen zu wehren, doch er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Er machte einen weiteren Schritt auf Flussmenschen zu.
Geschichten waren wahr. Sie lockten die Menschen wirklich mit ihrer Stimme in den See. Übernahmen ihren Willen…
Panik stieg in ihm auf und sein Herz schlug hart in seiner Brust. Das Wesen vor ihm würde ihn ertränken. War das seine Strafe, dafür, dass er nicht auf die Warnungen gehört hatte? Seine Brust hob und senkte sich schwer und seine Finger zuckten, als er gegen den Drang ankämpfte. Nein, nein!

Der Mann streckte die Hand nach ihm aus. Jureks Augen zuckten zu der Hand. Hatte er Schwimmhäute zwischen den Fingern? Sie sah überraschend normal, menschlich aus.
Seine Körper bewegte sich weiter auf den Mann zu, ohne dass er die Kontrolle darüber hatte. Er atmete so schnell, dass er sich beinahe an dem eigenen Atem verschluckte. Das Wasser reichte ihm bereits bis zum Bauchnabel und er erschauderte bei jedem Schritt, den er weiter in den See hinein machte,  erneut. Jurek schaffte es kaum zu atmen.

Die Hand des Mannes schoss vor und packte ihn am Handgelenk. Die Haut war kühl und nass vom Teich, aber nicht glitschig, wie es in den Geschichten hieß, doch sein Griff so fest, dass er das Handgelenk nicht frei bekam.
„Nein!“ Seine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Krächzen, als das Wesen sich nach hinten ins Wasser fallen ließ und ihn mit sich zog. Ihm blieb kaum noch genügend Zeit Atem zu holen, bevor das Wasser über ihm zusammen brach.

Er hatte die Augenlider fest aufeinander gepresst, während er im Wasser schwerelos trieb. Der Zug an seinem Handgelenk war sein einziger Fixpunkt. Jurek öffnete die Augen einen Spalt breit. Die blasse Gestalt des Mannes neben sich, war das einzig Helle in Finsternis. Er wagte einen kurzen Blick zur Seite, sah den Fischschwanz, dessen Bewegung sie vorwärts brachte. Die Panik flutete noch immer durch seine Adern, sein Herzschlag dröhnte immer lauter in seinen Ohren. Er hatte kein Gefühl mehr, wo sich oben und unten befand.
Der Sauerstoffmangel stach in seiner Brust, er musste dringend zu Atem kommen. Luftblasen quollen über seine Lippen. Seine Glieder zuckten, in einem verzweifelten Versuch sich zu befreien. Dunkle Flecken tanzten vor seinen Augen, als er den blassen Leib des Seewesens fixierte.

Der Lorelei drehte ihm den Kopf zu, hielt einen Moment inne. Das lange Haar trieb um seinen Kopf, als wäre etwas Eigenständiges. Sein Blick wurde immer unschärfer, das Stechen in seiner Brust unerträglich. Lärm in seinem Kopf, dessen Bedeutung er nicht verstand. Worte?
Am Rande bekam er noch mit, wie der Lorelei kam näher und den Arm um ihn schlang. Dann verschlang ihn die Dunkelheit.

***

Eine Berührung an seinem Kopf, kühle Hände an Kinn und Stirn. Eine feuchte Haarsträhne, die ihn streifte. Einen Herzschlag später waren fremde Lippen auf seinen, Luft strömte in seine Lungen. Ein Schlag gegen seine Brust, wieder und wieder. Er würgte, spuckte Wasser. Seine Glieder zuckten und sein Körper krümmte sich. Keuchend rang Jurek um Atem. Mit tränenden Augen sah er blinzelnd auf. Dunkelgrüne Augen fingen seinen Blick auf, dicht vor seinem Gesicht. Viel zu nah. Er sank zurück.
Ein Zittern durchlief seinen Körper, seine Kleidung hing schwer und kalt an ihm.

„Ruh dich noch ein wenig aus“, ein beruhigendes Murmeln einer fremden Stimme, das sehr weit weg klang. Jurek schloss die Augen wieder, konzentrierte sich auf das Atmen. Nur noch einen Moment die Augen schließen. Er driftete weg und gab sich der Dunkelheit hin.

***

Der Geruch nach Gebratenem lag in der Luft und sein Magen begann zu grummeln, verlangte nach Essen. Er hörte das leise Gezwitscher der Vögel, die irgendwo über ihm in den Zweigen sitzen mussten. Was für einen wirren Traum er gehabt hatte. Ein Lorelei, der ihn ertränken wollte. Ein besorgtes Paar dunkelgrüner Augen.
Geras Geschichten hatten doch ihre Spuren hinterlassen. Er drehte sich auf die andere Seite, spürte die Wärme der Sonne auf dem Rücken und kuschelte den Kopf enger an den weichen Untergrund. Es fühlte sich fast so an wie …Moos? Der Geruch nach Wald und Erde stieg davon auf.
Blinzelnd schlug er die Augen auf. Er befand sich am Waldrand, sah das Glitzern des Lorelei-Sees nur ein Stück weit von sich entfernt. Jurek setzte sich mit einem Ruck auf – und bereute es sogleich, als Schmerz hinter seiner Stirn zu pochen begann.

„An deiner Stelle würde ich es langsam angehen lassen“, bemerkte eine ruhige Stimme hinter ihm, die ihn erstarren ließ. Eine erneute Welle der Panik überkam ihn und er drehte dem Sprecher ruckartig den Kopf zu. Etwas in seinem Nacken kackte.
Ein Mann hockte vor einer kleinen Feuerstelle, über der zwei Fische auf Stecken langsam brieten. Das silberne Haar war lang, bedeckte seine Schultern und einen Teil seines Rückens. Als hatte er seinen Blick bemerkt, drehte er ihm nun den Kopf zu.
„Tut mir leid, übrigens. Ich hatte vergessen, dass ihr unter Wasser nicht atmen könnt.“ Der Mann rieb sich verlegen über den Nacken und er warf ihm ein entschuldigendes Lächeln zu. „Es war keine Absicht. Es haben sich schon länger keine Menschen mehr hierher verirrt.“
Wie …beruhigend.

Er schluckte hart und  rutschte einige Meter vor ihm weg. Der Mann wendete die Spieße mit den Fischen am Feuer und Jurek unterzog ihn einer gründlichen Musterung. Das lange, silberne Haar floss über seinem Rücken, die ersten Strähnen hinter die Ohren geschoben. Er trug ein grobes Hemd und ebensolche Hosen. Normale Kleidung. Beine! Keine Schwanzflosse, keine Anzeichen von Schuppen und scharfen Zähnen. Er sah aus wie ein Mensch, aber…
Ich hatte vergessen, dass ihr unter Wasser nicht atmen könnt.
Ein Lorelei! Der Mann am Feuer war eines dieser Flusswesen aus dem See! Der Lorelei, der ihn überhaupt erst in den See gezogen hatte. Nein, nein, nein. Das konnte nicht sein.
Erinnerungen an die vergangene Nacht fluteten seinen Geist. Der Griff um sein Handgelenk, als der Lorelei ihn in den See zog. Der Luftmangel, das Stechen in der Brust. Dunkelgrüne Augen. Die gleiche sanfte Stimme wie in seinem Kopf.
Sein Atem beschleunigte sich, während er dieses… Wesen mit aufgerissenen Augen anstarrte.

Der Mann drehte ihm den Kopf zu. Grüne Augen betrachteten ihn aufmerksam. Das gleiche Grün wie in seinen Erinnerungen, die Farbe war ungewöhnlich kräftig. Er hatte noch nie Augen in so einer leuchtenden Farbe gesehen. Seine Gesichtszüge waren fein, fast schon zu schön. Jurek musste sich zwingen, den Blick abzuwenden.  Sein Herzschlag beschleunigte sich in seiner Brust.

„Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich fresse dich schon nicht auf“, bemerkte der Lorelei mit einem Grinsen.
Nein, ihr ertränkt sie nur, dachte Jurek grimmig, erwiderte aber nichts und leckte sich nur über die trockenen Lippen. Er verstand nun, warum sich so viele Menschen in die Fluten stürzten. Die Anmut, die Schönheit, die Stimmen. Er musste noch selbst unter diesem Bann stehen.
„Wo wir auch beim Thema wären“, fuhr der Lorelei fort und riss ihn aus seinen Gedanken. „Hast du Hunger? Der Fisch hier wäre fertig.“ Er zog einen der Stöcke mit den Fischen aus der Erde und hielt ihn ihm entgegen. Der Lorelei musste ihn von einem Baum abgerissen haben.

Das hier konnte unmöglich tatsächlich passieren. Ein Lorelei, der ihm etwas zu essen anbot und mit ihm umging, wie mit einem …Gast? Das konnte doch nicht real sein, oder? Eigentlich sollte er doch schon längst am Grund des Sees liegen, mit steifen Gliedern und blauen Lippen. Wie konnte er hier sitzen, wie bei einem Picknick mit einem alten Freund?
Er musste noch immer in einem wirren Traum festhängen, anders war es nicht erklärbar. Wo waren die Krallenhände, die spitze Zähne und der Schuppenleib? Die Erinnerung an das silbrige Schimmern war ihm noch deutlich vor Augen.

Sein Magen gab erneut ein Grummeln von sich, verlangte nach Essen. Ein wenig ratlos blickte Jurek auf den Fisch auf dem Stock, den der Lorelei immer noch wartend in der Hand hielt. Er musterte ihn und Jurek fühlte den forschenden Blick auf sich, auch wenn er ihm nicht in die Augen sehen wollte. Als er keine Anstalten machte, ihm den Stock abzunehmen, seufzte der Lorelei schließlich und rammte das Ende des Stocks in die Erde, bevor er zurück ans Feuer ging, um sich dem zweiten Fisch zu widmen.

Nach einigem Zögern griff er mit einer hastigen Geste nach dem Stock, um dem Mann - Lorelei - bloß nicht zu nahe zu kommen. Der Lorelei musterte ihn noch einen Moment lang eingehend, bevor der Lorelei den Blick abwandte und für sich selbst den Fisch aus dem Feuer holte. Er ließ sich ein paar Schritte entfernt von ihm auf dem Boden nieder und kreuzte die Beine.
Jurek beobachtete ihn, wie er sich seinem Fisch widmete. Die gebratenen Schuppen knisterten, als er hineinbiss und behutsam kaute. Der Lorelei sah so verflucht menschlich aus. Ein gutaussehender Mensch, aber doch menschlich. Keine Schuppen, keine Kiemen. Nichts, was darauf hindeutete, einem Lorelei gegenüber zu sitzen - wenn man einmal von den Haaren absah. Das Gesicht sah eindeutig zu jung aus, um schon alt und silberhaarig zu sein.

Er ließ den Blick schweifen. Sie saßen am Waldrand, ein paar Schritt weit vom Seeufer entfernt. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und seine Kleider waren warm. Wie lange hatte er geschlafen? Die erste Hälfte des Tages musste bestimmt schon um sein.
Bei Tageslicht wirkte der See friedlich, hatte eine bläulich-grüne Färbung, in der sich die Bäume und der Himmel spiegelten. Ein paar Schritte von ihnen entfernt war ein glatter, flacher Felsen, der ein Stück in den See hineinragte. Es war schön und friedlich.

„Das ist doch alles nicht real“, murmelte er, schloss die Augen und atmete durch. Die tiefen Atemzüge taten gut, um wieder etwas klarer denken zu können. Dennoch veränderte sich an den Umständen nichts. Sein Gegenüber hielt einen Moment inne und sah zu ihm hinüber. Er kaute und schluckte den Bissen hinunter.
„Was ist nicht real?“ Der Lorelei blickte zu ihm hinüber, den Kopf noch über den weißen, nun schuppenlosen Leib des Fisches gebeugt.
Jurek hob den Blick und sah ihm geradewegs in die Augen. „Das alles hier“, er machte mit der freien Hand eine umschweifende Geste. „Ich träume doch, oder? Ich muss einfach…“
Der Mann ließ den Fisch sinken und zog ein paar Gräten zwischen den Lippen hervor. Die Hand wischte er im Gras ab. „Fühlt es sich so an?“, fragte er nach und sah zu ihm hoch. Jurek zuckte mit den Schultern.
Nein, das tat es nicht und genau da war das Problem. Die Gerüche waren zu intensiv, die Details zu zahlreich, aber dennoch war es besser an dem Wunsch festzuhalten und sich vorzustellen, dass das hier gerade nicht tatsächlich passierte.
Sein Gegenüber schwieg eine Weile, bevor er mit einem Blick in seine Richtung doch bemerkte: „Iss doch noch ein wenig, bevor der Fisch ganz kalt ist.“

Nachdenklich sah Jurek auf den Stock in seiner Hand hinunter, drehte ihn zwischen den Fingern. Das tote Auge des Fisches starrte reglos zurück.
Wann hatte zuletzt einen Fisch gegessen? Bei ihnen im Dorf hatte man aufgehört, die Fische aus dem See zu fangen, aus Angst, von den Lorelei in die Tiefen gezogen zu werden. War es nicht Ironie, dass Lorelei, die doch selbst Teil Fisch waren, ebendiese selbst aßen? Wie gut, dass er sich darüber keine Gedanken zu machen brauchte.
Mehr zu sich selbst, schüttelte er den Kopf. Der Geruch stieg ihm in die Nase und sein Magen knurrte laut. Er hatte zuletzt bei den Feuern gegessen und das musste schon beinahe einen halben Tag her sein. Aus den Augenwinkeln bekam er mit, wie der Lorelei ein Schmunzeln verbarg. Jurek fühlte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg.

Das Fleisch des Fisches war zart, weich, anders als das eines Tieres. Es hatte einen anderen Geschmack. Jurek kaute hastig und stockte, als er auf etwas Hartes biss.  Einen dünnen, spitzen Knorpel, der sich nicht zerbeißen ließ.
„Vorsichtig kauen und die Gräten ausspucken. Du überlebst es zwar, wenn du doch welche verschluckst, aber wenn sie sich in deinem Hals verkeilen, ist es ein Problem“, bemerkte der Lorelei mit einem amüsierten Lächeln, der ihn immer noch nicht aus den Augen gelassen hatte. Jurek schnaubte und zog sich ein paar der Knorpel aus dem Mund.

Er brauchte länger als der Lorelei, kaute jeden Bissen mit äußerster Vorsicht, bis das Fischfleisch nur noch eine Art Brei in seinem Mund war, bevor er sich traute zu schlucken. Als er die Mahlzeit beendet hatte und die Finger am Moos abwischte, erhob sich der Lorelei.

„Nun, denn. Ich schätze, unsere Wege trennen sich hier wieder.“
Jurek blickte hoch. Vor Hunger und Konzentration hatte er dessen Anwesenheit fast verdrängt. Er warf einen unwillkürlichen Blick zum Himmel hinauf. Die Sonne war wieder ein Stück weitergewandert.
Er sollte wirklich nach Hause. Man vermisste ihn sicher bereits -, wenn man ihn nicht bereits für tot befunden hatte. Allerdings wusste außer Dan und Kuren niemand, dass er hier war, und die würden es gewiss niemanden verraten.
„Ja, das denke ich auch.“

***

Im Dorf herrschte ein reges Treiben, als er über das Feld zurückkam. Die Grashalme unter seinen Sohlen knisterten leicht von leichtem Frost, denn die Sonne erreichte diesen Teil nicht. Die Dorfbewohner gingen ihren täglichen Arbeiten nach, dennoch schien etwas wie Eile in der Luft zu liegen. Man bereite sich auf den bevorstehenden Wintereinbruch bevor und machte sich bereits daran, die ersten Dinge einzulagern.  
Der Geruch von Schnee lag in der Luft und ein Blick in den verhangenen Himmel genügte, um baldigen Schnee anzukündigen. Kalt genug fühlte es sich hier im Schatten schon allemal an.

„Jurek!“ Er drehte den Kopf, sah seine Schwester Ela auf sich zu laufen, die Röcke erhoben. „Wo warst du?“ Er war wohl doch vermisst worden.
„Tut mir leid, ich…“, Jurek zögerte. Was sollte er sagen? Dass er bei dem Lorelei-See war? Wohl kaum. „Ich hatte noch etwas zu erledigen.“ Wenn man es genau nahm, stimmte das sogar- irgendwie-, er hatte etwas zu erledigen gehabt, wie zum Beispiel eine dumme Mutprobe zu bestehen, sich einmal eben von einem Lorelei fast ertränken lassen, was man halt so tat.
Ela schnaubte. „Das muss ja wichtig gewesen sein. Komm, wir sollen Kurens Vater helfen, die Säcke abzuladen.“ Sie nahm ihn an der Hand und zog ihn mit sich.

Mitten am Hauptplatz stand zwischen den Überresten des Lagerfeuers ein Viehkarren, der mit schweren Mehl- und Getreidesäcken befüllt waren. Der Ochse, der vor den Karren geschnallt war, döste mit halb geschlossenen Augen.
Kurens Vater stand auf der Ladefläche des Karrens und wischte sich gerade den Schweiß von der glänzenden Stirn, als er sich mit einem Ächzen aus der gebückten Haltung aufrichtete. Etwas wie Erleichterung oder Freude huschte über seine Züge, als er ihn erkannte. „Jurek! Sehr schön, endlich neue Unterstützung. Wo bist du nur gewesen, Junge? Wir können hier jede Hand gebrauchen.“

Sein Blick fiel auf Dan und Kuren, die soeben ein Sack Mehl von dem Karren hievten – und, als sie ihn bemerkten, den Sack prompt fallen ließen. Sie starrten ihn an, ungläubig, als stünden sie einem Geist gegenüber. Sie mussten nicht damit gerechnet haben, ihn wiederzusehen.

„Nun, kommt schon, steht hier nicht untätig herum! Bringt den Sack endlich in die Kornkammer – und kommt dann wieder! Der Wagen entlädt sich schließlich nicht von selbst“, wies sie Kurens Vater barsch zurecht.
Jurek fühlte die Blicke der beiden auf sich, als er an den Karren herantrat, um mit einem von Gehilfen einen der Säcke entgegen zu nehmen. Er sackte ein wenig unter dem Gewicht ein. Der Sack war schwerer als er angenommen hatte. Zusammen trugen sie ihn zu einem der Häuser, die für die Lagerung von Lebensmittel genutzt wurden. In dem Raum stapelten sich Säcke übereinander, die bereits für den Winter gespeichert wurden. Der Boden war staubig von Mehl. Gemeinsam hievten sie den Sack auf einige weitere, im hinteren Teil des Raumes.
Der junge Mann, der ihm geholfen hatte, nickte ihm in knappen Dank zu und wischte sich einige Schweißtropfen von der Stirn, bevor er die Kammer verließ.

Jurek ließ den Blick schweifen. Kurz überschlug er die Anzahl der Säcke. Die Ernten waren dieses Jahr nicht allzu gut gewesen, das zeichnete sich deutlich ab. Die Kammer war gerade einmal halb voll, sie würden den Winter niemals überstehen, wenn sie nicht noch mehr Korn bekommen würden.

Dan und Kuren trugen hinter ihnen den letzten Getreidesack hinein und warfen ihn zu den anderen.
„Wie kann es sein, dass du …überlebt hast?“, fragte Dan gedämpft. „Wovon sprichst du?“
„Stell dich nicht dumm! Wir haben mit eigenen Augen gesehen, wie der Lorelei dich in den See gezogen hat!“ Dan war lauter geworden und Kuren warf einen besorgten Blick in Richtung der Eingangstür. „Wie kannst du noch am Leben sein? Du solltest-“, er stockte.
„Ich sollte, was? Am Grund des Sees liegen? Glaubt mir, diese Frage habe ich mir auch schon gestellt“, gab er zurück und machte Anstalten, die Kammer zu verlassen.
Dan packte ihn am Arm und hielt ihn zurück. „Wie hast du überlebt, Jurek?“, zischte er erneut.
Jurek kniff die Lippen zusammen. „Der Lorelei hat mich nicht ertränkt. - Und jetzt lass mich gehen. Es sind noch genug Getreidesäcke abzuladen.“
Dan lachte auf. „Was hast du dem Lorelei dafür gegeben, dass er dich nicht getötet hat?“

Jurek schwieg. Etwas in ihm wurde mit einem Mal eiskalt. Das Thema hatte er bei seiner Rückkehr eisern verdrängt. Der Lorelei hatte kein Wort darüber verloren. Er biss hart die Zähne aufeinander und atmete zischend ein. Mit einem Ruck entwand er sich aus seinem Griff.
„Läufst du jetzt wieder davon?“, höhnte Dan.
Jurek drehte ihm noch einmal widerwillig den Kopf zu, die Hand bereits am Türpfosten. „Das mit der Gegenleistung ist allein meine Sache und geht dich nichts an.“
Dans Lachen folgte ihm nach draußen.

***

Das Licht der Laterne flackerte und schaffte es kaum, die Stube zu erhellen. Schatten lauerten in den Ecken und die Gesichter seiner Familie wurden nur gedämpft beleuchtet. Keiner von ihnen sprach etwas, jeder war über seine Schale mit Haferbrei vertieft.
Jurek zog lustlos Kreise in seinem Haferbrei. Er hatte nicht unbedingt Hunger.
Seit Dan die Sache mit der Forderung des Loreleis angesprochen hatte, ließ es ihm keine Ruhe. Zuvor hatte die ganze Sache etwas Surreales an sich gehabt, wie ein seltsamer Traum, der der Realität zu täuschend ähnlich war, aber nun… In den Geschichten hieß es, dass sie einen eher ertränkten, als einem überhaupt die Möglichkeit zu geben, zu verhandeln und die Schuld zu begleichen.
Er stand in seiner Schuld, dass er ihn nicht getötet hatte. Jurek wollte nicht wissen, was er im Gegenzug dafür verlangen würde.

„Du bist seit dem Mondfest so schweigsam, mein Sohn. Bedrückt dich etwas?“ Die schmale Hand seiner Mutter legte sich auf seine Schulter und Jurek zuckte zusammen. Er hörte auf, in dem Brei herum zu rühren.
„Es ist nichts, Mutter. Mach dir keine Sorgen.“ Er wich ihrem Blick aus und schob sich einen Löffel von der grau-braunen Masse in den Mund. Es schmeckte nach nichts und er schluckte die Brei ohne viel zu kauen hinunter.
„Aber...“, versucht sie es erneut, als sein Vater mit schroffer Stimme dazwischen fuhr: „Jetzt lass ihn doch in Frieden.“
Seine Mutter schluckte und flüsterte ihm noch zu: „Du kannst jederzeit mir mit reden, das weißt du, ja?“
Er nickte nur und häufte einen weiteren Bissen Brei auf den Löffel. Darüber würde er sich mit ihr nicht unterhalten. Er wollte nicht wissen, was sie oder sein Vater tun würde, wenn sie wüssten, dass er zum See gegangen war. Mit äußerster Mühe zwang sich Jurek den Gedanken an den Lorelei beiseite zu schieben und aus dem Gedächtnis zu verbannen.

Seine Mutter streckte die Hand nach dem Schöpflöffel aus, der noch in dem Topf mit dem warmen Haferbrei hing. „Wollt ihr noch etwas?“ Seine Schwester reichten beide ihre Schüsseln zurück und jede von ihnen kam noch einen Löffel Brei.
„Jurek?“ Seine Mutter hielt auffordernd die Schüssel hoch.
Er schüttelte müde den Kopf und schob die Schale von sich. „Danke, ich habe keinen Hunger. Ich denke, ich werde jetzt schlafen gehen.“ Jurek rückte den Stuhl zurück und stand auf.


***

„Komm!“
Die Stimme hallte in seinem Kopf wider. Er holte scharf Luft. Er erkannte den Klang wieder, der Lorelei. Er war hier. Sein Herz schlug hart in seiner Brust. Der Sog war wieder da, etwas zog in zu dem Rufer. Er stand auf, schlich sich aus dem Zimmer.

Das Gras war nass unter seinen nackten Fußsohlen und die Erde kalt, als er auf den Wald zuging. Doch Jurek registrierte die Kälte kaum. Er hatte sich nicht damit aufgehalten, Schuhe anzuziehen.

Eine Gestalt trat zwischen den Bäumen hervor. Ein dunkler Umhang verbarg ihr Gesicht, ihren Körper. Jurek hielt den Atem an, als sie die Hand hob und sich die Kapuze vom Kopf streifte. Silbernes Haar glänzte im Mondlicht,
„Schön, dass du gekommen bist“, sagte der Lorelei ruhig, ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel.
Jurek holte scharf Luft. „Was willst du?“ Sein Körper spannte sich an und er war in Alarmbereitschaft.
„Du schuldest mir etwas, dafür, dass ich dein Leben verschont habe.“ Die Stimme klang sanft, schmeichelnd. Der Lorelei beugte sich nach vorne, Jurek sah den Glanz in den dunklen Augen.
„Lass mich gehen“, brachte er rau hervor. Sein Atem kam nur in abgehackten Stößen von seinen Lippen, stieg als weiße Wolken auf.
Warmer Atem streifte sein Ohr. „Ich mache doch gerade gar nichts. Das geht alles nur von dir selbst aus.“ Ein Schaudern rann über seinen Rücken.
„Du lügst.“
Der Lorelei seufzte und zog sich zurück. „Nein.“ Er hob die Hand, legte sie auf seine Wange. Die Handfläche fühlte sich warm auf seiner kalten Wange an. „Das ist alles nur in deinem Kopf“, entgegnete er sanft. Sein Gesicht war näher gekommen und Jurek sah das dunkle Grün seiner Augen schimmern.

Ein Ruck an seinem Handgelenk. Wasser strömte in seine Lungen und er kämpfte dagegen an. Schmerz in seinen Lungen. Die Panik schoss durch seine Adern. Das schwarze Wasser drängte auf ihn ein. Das einzig Helle war das verzerrte Gesicht eines Lorelei, der lachend vor ihm im Wasser trieb.

Nun bist du mein! Die Stimme dröhnte in seinem Kopf wieder.

Mit einem Schrei schreckte er aus dem Schlaf hoch. Sein Atem kam ihm stoßweise über die Lippen.
„Jurek?“, drang Elas Stimme schlaftrunken an sein Ohr und er drehte ihr den Kopf zu. „Ist alles in Ordnung?“ Er sah schemenhaft ihre Silhouette, als sie sich im Bett, das seinem gegenüber stand, aufsetzte.
„Ja, alles in Ordnung. Ich habe nur schlecht geträumt. Schlaf weiter.“

Er ließ den Kopf seinerseits wieder in das Kissen zurück fallen und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Jurek bemühte sich gleichmäßig zu atmen, um das Poltern seines Herzens in den Griff zu bekommen. Er fühlte die Ader an seinem Hals im Takt seines Herzens pulsieren und schluckte hart.

Es war nur ein Traum gewesen. Sein Kopf musste erst einmal verarbeiten, was geschehen war. Letzte Nacht, bevor er in den Wald aufgebrochen war, hatte er nicht einmal an die Existenz von Lorelei geglaubt und nun… Es war so viel in der Zwischenzeit passiert.

Bei ihrer Begegnung hatte der Lorelei ihn an Land gezogen und ihm Nahrung gebracht, bevor er ertrunken wäre. Er hatte noch nie von so einem Fall gehört, dass die Lorelei jemanden hätten gehen lassen. In den Erzählungen war von blutdürstigen Wesen die Rede, nicht von welchen, die einen wiederbelebten und etwas zu essen kochten. Es passte einfach nicht.
Dennoch, auch wenn der Lorelei davon ausgegangen zu sein schien, dass sich ihre Wege nicht mehr kreuzen würden, sie hatten sich gewiss nicht das letzte Mal gesehen.

***

Eine Hand packte ihm an Handgelenk und einen Moment später wurde er an die Hauswand der Scheune gedrückt. Sein Herz machte einen erschrockenen Satz, beruhigte sich aber wieder, als Jurek die Person vor sich erkannte.
„Wohin so eilig, mein Lieber?“, schnurrte ihm Milos ins Ohr.
Jurek entspannte sich, als er Milos Stimme erkannte. „Ich habe noch etwas zu erledigen.“
Milos‘ Augen blitzten auf und er grinste verschmitzt, ehe er grob seine Lippen aus seine presste. Jurek entwich ein Stöhnen, als ihn Milos‘ Hände an der Hüfte packten und an ihn pressten. Er fühlte seine Erregung an seinem Schritt.
„Wir treffen uns bei Sonnenuntergang an der Scheune“, raunte Milos ihm ins Ohr, bevor er mit einem Mal wieder von ihm abließ.

***

Die Hitze, die von dem Ofen ausging, erfüllte die Schmiede, zusammen mit dem vertrauten Geruch nach Metall und Feuer. Die Flammen in der Feuerstelle verbreiteten einen warmen Lichtschein und die Kohlen glühten.
„Sohn, ich denke, es wird langsam Zeit, dass du dir auch eine Frau suchst“, bemerkte sein Vater schon fast beiläufig, als er nach dem Blasbalg griff, um das Feuer und die Glut erneut anzufachen.
Jurek biss die Zähne zusammen und tat sein Bestes ihn zu ignorieren. Er hatte gewusst, dass sein Vater irgendwann damit anfangen würde.
„Ich will keine der Frauen aus dem Dorf, Vater.“
„Aber irgendeine muss dir doch gefallen!“
Jurek schwieg. Ersetze eine durch einer und du kommst der Sache näher, dachte er grimmig, aber er würde den Teufel tun und es laut aussprechen. Er griff nach Eimer Wasser, das zur Abkühlung des heißen Eisens diente.
„Jurek?“, hakte er schärfer nach, als er nicht antwortete und er wandte sich zu ihm um. Sein Vater hatte die dunklen Brauen zusammen gezogen und die braunen Augen blinzten darunter hervor. Das schwarze Haar wuchs nur noch spärlich auf seinem Kopf und seine Stirn glänzte vor Schweiß. Er selbst hatte das gleiche dunkle Haar, wenn auch die grauen Augen seiner Mutter.

„Nein, Vater. Mich interessiert keines der Mädchen.“
„Meine Güte, Sohn, du musst sie ja nicht gleich lieben! Aber gefallen wird dir doch wohl eine“, fuhr sein Vater auf.
„Nein, Vater.“
„Hat dir etwa eine Lorelei den Kopf verdreht, dass du die Dorfmädchen noch nicht einmal ansiehst?“ Jurek zuckte zusammen. Ungewollt schob sich das Bild des Loreleis in seinen Kopf. Das lange, silberne Haar. Wassertropfen, die über nackte Haut rannen. Er schluckte hektisch und hoffte, dass sein Vater die Röte, die ihm in den Kopf gestiegen war, auf die Hitze des Feuers schob. Röte – er hatte keinen Grund, rot zu werden.
„Nein, es fühlt sich nur bei keiner so an, als wenn es über eine oberflächliche Freundlichkeit hinausgeht.“

Sein Vater griff nach der Zange und holte eines Eisenteile, die in den Kohlen gelegen hatten aus dem Feuer. Das Eisen glühte in leuchtendem Orange. Mit einer Hand hielt er es auf dem Amboss fest, während er mit der freien Hand nach dem Hammer griff.
„Weißt du, ich habe deine Mutter am Anfang auch nicht geliebt, aber mit der Zeit lernt man sich zu arrangieren. Das wird bei dir auch noch der Fall sein.“ Der Hammer fuhr auf das Metall nieder.

Jurek wandte den Blick ab. Er konnte seinem Vater ja schlecht gestehen, dass er den Männern im Dorf eher heimlich hinterher schaute – wenn niemand hinsah -, als den Frauen. Dass er Männer begehrte, war schon schlimm genug. Wenn die Sache mit Milos dann auch noch raus käme.

Metall traf auf Metall und das gleichmäßige, vertraute Hämmern war eine Zeit lang das einzige Geräusch in der Schmiede.

***

Die Anspannung, die seit dem Gespräch mit seinem Vater auf ihm gelegen hatte, fiel von ihm ab, als er hinaus auf die Lichtung trat. Er atmete tief aus und ließ die Schultern sinken.
Dieser Ort strahlte wirklich Ruhe aus, gab ihm auf eine Weise das Gefühl wieder freier atmen zu können. Vielleicht war es das, was ihn hierher gezogen hatte. Er ließ sich auf das Kiesbett am Flussufer sinken. Die Sonne schien ihm ins Gesicht und er schloss die Augen.
Er hatte Abstand gebraucht, von den Menschen, Dan und Kuren, die ihn kaum aus den Augen ließen. Er wusste nicht wissen, was sie dachten. Vielleicht hielten sie ihn einfach für noch mehr einen Außenseiter und Freak als sie es ohnehin schon taten. Jurek fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Sein Vater wollte immer noch, dass er sich eine Frau suchte, nachdem er - wie er nur zu gerne betonte - einen Nachfolger brauchte.

Jurek schnaubte. Von diesem Gefühl konnte er sich nicht so recht ein Bild machen. Ein Mädchen zu haben, das brav lächelnd sein Abendessen auf den Tisch stellte. Die Vorstellung fühlte sich nicht richtig an. Er wollte keine Frau, die nur sehnsüchtig darauf wartete, dass er heimkehrte.
Ein paar unschuldige Küsse, wenn niemand hinsah, bevor Rahel kichernd weggelaufen war. Es war merkwürdig gewesen, dieses Küssen; auch wenn die Erinnerung einige Jahre auf dem Rücken hatte, stand ihm nicht der Sinn nach einer Wiederholung. Es hatte sich nicht richtig angefühlt und Milos‘ Küsse waren kaum mehr als flüchtige Berührungen.
Er wollte nicht jemanden, der nur darauf bedacht war ihn zufrieden zu stellen – oder bei er nur daran dachte, die andere Person zufrieden zu stellen. Er wollte jemanden, mit dem er wirklich reden konnte. Jemand, der wusste, was er wollte. Jemand, der-

„Du bist zurückgekommen.“ Die Stimme riss ihn aus seinen Gedanken und Jurek fuhr auf. Der Lorelei stand ein paar Schritte von ihm entfernt, ein Lächeln auf den Lippen. Er schien überrascht zu sein, ihn wiederzusehen.
„Ich muss gestehen, dass ich damit nicht unbedingt gerechnet habe.“ Jurek hob den Kopf. Ein Mann stand am Waldrand, einige Meter von ihm entfernt. Jurek erkannte ihn wieder; es war der gleiche Lorelei, dem ihm erst vor viel zu kurzer Zeit begegnet war. Er hatte ein leichtes Lächeln auf den Lippen und strich sich eine paar der silbernen Haarsträhnen aus dem Gesicht, als er auf ihn zukam. Freute er es ihn etwa, ihn wieder zu sehen?

„Wie komme ich zu der Ehre, einen Besucher aus dem Dorf zu haben?“ Der Mann ließ sich neben ihm ans Ufer sinken und zog die Beine an. Jurek schwieg und starrte auf den See.
„Jemand anderes würde dich wohl am liebsten aus unserem Gebiet jagen oder könnte dich vielleicht doch mit in den See nehmen.“ Belustigung blitzte in seinen Augen auf, die Jurek nicht so ganz nachvollziehen wollte. Der Lorelei schien ihn tatsächlich aufziehen zu wollen.
Jurek sog scharf Luft ein und stand hastig auf. „Ich muss gehen!“, presste er hastig über seine Lippen.

„Ich habe nicht gesagt, dass es mich stört“, wandte der Lorelei ein und schenkte ihm ein Lächeln. „Ganz im Gegenteil, ich freue mich. Setz dich wieder!“ Der Lorelei deutete neben sich auf die sonnengewärmten Steine. Er schien es ehrlich zu meinen. Jurek ließ sich nach einem kurzen Zögern wieder nieder.

„Also, was bedrückt dich?“ Der Lorelei legte die Ellenbogen auf den aufgestellten Knien ab und sah abwartend zu ihm hinüber. So wie er ihn ansah, schien er wirklich gewillt zu sein, ihm ein offenes Ohr zu schenken. War das wirklich Interesse in seinen Augen?
„Ich wüsste nicht, was dich meine Belange angehen“, gab Jurek knapp zurück und löste den Blickkontakt. Er wusste nicht, woher der plötzliche Mut gekommen war, so mit ihm zu reden.
Aus den Augenwinkeln sah er, wie die Mundwinkel des Loreleis sanken herab und ein warnender Ausdruck legte sich in die Miene seines Zuhörers. „Dafür, dass du dich in feindlichem Gebiet aufhältst, bist du außerordentlich vorlaut, Kleiner“, bemerkte der Lorelei ruhig und Jurek biss sich auf die Lippen. Da hatte er leider nicht so Unrecht - und das war eindeutig nicht zu seinem Vorteil.
„Ist das eine Drohung?“, fragte er heiser und versuchte das plötzliche Ziehen in seinem Magen zu ignorieren.
Ein Lächeln deutete sich auf den Lippen an, als der Lorelei den Blick abwandte. „Nein, nur ein gut gemeinter Rat.“
Jurek schloss für einen Moment die Augen und atmete tief aus. Na immerhin.

Schweigend saßen sie neben einander und starrten auf das Glitzern des Sees hinaus. Das Wasser schien leicht in Bewegung zu sein und das Sonnenlicht, das sich darauf spiegelte, brachte es zum Glänzen. Ein Schwarm Krähen stieg mit einem heiseren Krächzen von den Zweigen auf. Die schwarzen Vögel hoben sich scharf von dem blassblauen Grund des Himmels ab.

„Ich soll heiraten“, brach Jurek nach einer Weile das Schweigen. Der Lorelei drehte ihm den Kopf zu.
„Ich will das nicht. Ich will nicht dazu gezwungen werden, eine Frau zu heiraten, nur weil es einfach …so gemacht wird. Ich meine, die Mädchen sind ja vielleicht ...nett und hübsch, aber ich will einfach...“ Er suchte händeringend nach Worten; seufzte und ließ die Hand wieder fallen.
„Mehr als das?“, schlug der Lorelei mit einem Seitenblick vor.
„JA! Ich will keines dieser unselbstständigen Mädchen, zu denen man sie in unserem Dorf erzieht. Ich will überhaupt kein Mädchen. Ich will einen Mann, einen Partner. Jemanden, mit dem man reden kann und sich nicht nur abends gezwungenermaßen das Bett teilt“, schloss Jurek und presste die Lippen aufeinander. Er hatte schon viel zu viel von sich preisgegeben.
Für einen Augenblick meinte er, etwas in Arais Augen aufblitzen zu sehen, doch es verschwand ebenso schnell wieder, wie es gekommen war.

„Dann heirate nicht!“, gab der Lorelei schnaubend zur Antwort. Unverständnis stand in seinen Augen, als er Jurek mit eindringlichem Blick betrachtete. „Warum sollt ihr heiraten, wenn ihr mit dieser Person nicht glücklich werdet?“
„Es ist nicht so, als ob ich dabei eine Wahl hätte“, knurrte Jurek bitter und riss einen der Grashalme aus, die zwischen den Steinen hervor wuchsen.
„Man hat immer eine Wahl“, widersprach sein Zuhörer. Der Lorelei klang überzeugt, als bestünde für ihn dabei nicht der geringste Zweifel.
Jurek schnaubte abfällig und zerpflückte den Halm zwischen Fingern. „Bei uns ist das nicht so einfach…“ Die Wut auf seinen Vater kochte wieder in ihm hoch. Die Wut auf ihn und auf die Pflichten, denen er sich nicht erziehen konnte.

Ein schiefer Seitenblick traf ihn, der Unglaube stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Ihr bindet diesen Menschen an euch, verbringt euer Leben miteinander, obwohl ihr ihn nicht liebt?“ Eine scharfe Falte zeichnete sich zwischen den hellen Brauen ab.
„In deiner Welt ist das vielleicht nicht so. Ich habe aber Verpflichtungen zu erfüllen, denen ich entsprechen muss. Ich muss eine Frau heiraten, irgendwann, Kinder bekommen und die Schmiede meines Vaters übernehmen, wenn er gestorben ist. So läuft es nun mal. Bei vielen Paaren war es nicht die Liebe auf den ersten Blick, aber es man engagiert sich mit der Zeit – wenn man nach meinem Vater geht.“
„Unsere Welten scheinen sich da wirklich sehr voneinander zu unterscheiden“, stellte sein Zuhörer fest und neigte nachdenklich den Kopf. Als Jurek ihm einen fragenden Blick zu warf, fuhr er fort: „Unsereins bindet sich an einen Partner, weil er den oder die andere wirklich will, nicht, weil es uns irgendwelche Vorschriften so vorgegeben. Es ist kein Zwang, sondern…ja, Liebe. Weil man es wirklich will.“

Jurek schwieg eine Weile und starrte auf den See hinaus.
„Dann ist da noch diese Sache mit Milos…“ Jurek seufzte und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Es ist leider alles nicht so einfach.“ Mit einem tiefen Seufzen schloss er die Augen.
„Wer ist Milos?“
Jurek zögerte, leckte sich über die trockenen Lippen. „Ich habe so etwas wie eine Affäre mit ihm.“ Es auszusprechen fühlte sich irgendwie seltsam an. Ungewohnt, weil er es noch nie irgendwem gegenüber ausgesprochen hatte. Das Wort ‚Affäre‘ hinterließ nicht unbedingt einen angenehmen Nachgeschmack im Mund, doch es war ja auch nicht mehr als das.
Er fühlte den Blick des Loreleis auf sich, doch er drehte ihm nicht den Kopf zu. „Liebt er dich denn?“, fragte er nach einer Weile.
Jurek biss hart die Zähne aufeinander. Etwas in seiner Brust stach bei der Frage, ein kleiner, scharfer Schmerz. „Ich weiß es nicht“, gab er ehrlich zurück. Das war eigentlich genau der wunde Punkt bei der Sache. Das, und die Tatsache, dass sie das nicht auf ewig würden beibehalten können.

Der Lorelei antwortete eine Weile nichts darauf, bevor er schließlich leise anmerkte: „Vielleicht solltest du mit deinem Vater noch einmal reden-“
Jurek holte Luft, um ihm zu widersprechen, doch der Lorelei fuhr schon fort: „Oder findest jemanden, der ein ähnliches Problem hat. Jemand, der auch nicht heiraten will und ihr vielleicht eine Art… Nun ja, Zweckgemeinschaft bilden könnt.“
Er blinzelte, daran hatte er in der Tat noch nicht gedacht. „Wäre eine vielleicht eine Möglichkeit“, murmelte er. „Danke.“ Jurek drehte ihm Kopf zu und lächelte leicht.
Die Augen des Lorelei funkelten, als er das Lächeln erwiderte. „Immer wieder gerne. – Du kannst jederzeit herkommen, wenn du jemanden zum Reden brauchst, ja?“
Jurek neigte dankbar den Kopf und der Lorelei nickte ihm seinerseits zu. Er stand auf und wandte sich zum Gehen.

Er hatte schon beinahe den Rand des Steinplateaus erreicht, als Jurek ihm nachrief: „Warte! Wie heißt du?“ Die Worte waren schneller raus, als dass er sie hätte zurück halten können. Warum wollte er das wissen?
Der Lorelei blieb stehen und drehte ihm den Kopf zu. „Arai“, erwiderte er. Ein Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus. Jurek hörte die Überraschung in seiner Stimme – und ja, was? Freude?
„Mein Name ist Jurek.“
Das Lächeln vertiefte sich und der Lorelei nickte ihm zu. „Es hat mich gefreut, dich wiederzusehen,  Jurek.“ Sein Name klang anders aus seinem Mund, auf eine Art weicher als er es gewohnt war. Arai wandte sich ab, nahm zwei Schritte Anlauf und sprang mit einem Satz in den See.

Nachdem er zusah, wie sich die Kreise des Wassers wieder langsam beruhigt hatten, wandte er auch sich ab. Der Lorelei hatte mit keinem Wort die Gegenleistung für seine Rettung erwähnt. Das war ein gutes Zeichen, oder?

***
Ein flüchtiger Kuss wurde auf seine Schulter gehaucht, bevor sich Milos schwer atmend von ihm herunterrollte.
„Ja, das war gut“, keuchte Milos, während er alle Viere von sich streckte. Er hob träge die Hand, um Jurek durchs Haar zu fahren, doch er wich der Hand gerade noch rechtzeitig aus.
Selbst noch keuchend rollte er sich in eine Seitenlage, um Milos gerötetes Gesicht ansehen zu können. Sein Hintern schmerzte noch von der Dehnung, doch er ignorierte es.
„Mal sehen, wie oft wir das noch tun können, bevor einer von uns eine Frau heiraten muss“, gab Jurek grummelnd von sich.
„Hey, sei nicht so schlecht gelaunt, Kleiner. Noch ist es ja nicht so weit.“ Milos war ihm ein aufmunterndes, wenn auch noch immer träges Grinsen zu. Jurek brummte und legte den Kopf auf dem abgewinkelten Arm ab und wickelte den nackten, verschwitzten Körper in eine der mitgebrachten Wolldecken.

„Sag, stimmen diese Gerüchte eigentlich, die man sich über dich erzählt?“, fragte Milos nach einer Weile.
Jurek öffnete mit einem stummen Aufseufzen die Augen. Er hatte befürchtet, dass er das Thema irgendwann einmal zu Sprache bringen würde. „Welche Gerüchte?“, fragte er matt.
„Die, mit den Lorelei?“ Milos spie die Worte förmlich aus. Ekel und Abscheu verzerrten sein Gesicht. „Dass du bei ihnen warst und einer dich fast ertränkt hätte?“
„Von wem hast du das?“, fragte er leise und versuchte den Zorn, der in ihm aufstieg, zu unterdrücken.
Milos runzelte die Stirn und betrachtete ihn aufmerksam. „Kuren hat es erzählt.“
Jurek knirschte mit den Zähnen. Wenn Kuren es weitererzählt hatte, wer wusste noch davon? „Ja, aber ich lebe ja immerhin noch.“
Milos setzte sich auf und rückte ein wenig von ihm ab. „Welchen Preis haben sie gefordert?“
„Noch keinen…“, murmelte er. „Wo ist das Problem?“
„Keinen?“, echote Milos ungläubig. Etwas in seinem Gesicht veränderte sich und stand auf. Mit einem Mal schien er es sehr eilig zu haben.
„Ich will dich nicht mehr sehen, solange du gemeinsame Sache mit diesen Monstern machst.“ Mit einer groben Geste zog er sich seine Kleidung wieder über, die noch im Stroh verteilt gelegen hatte.
„Milos, ich mache keine gemeinsame Sache…“, protestierte Jurek und sprang auf. Er versuchte ihn am Arm zurück zu halten, doch Milos entwand sich seinem Griff und wich vor ihm zurück.
„Fass mich nicht an!“, zischte Milos und betrachtete die Stelle, an der ihn so eben berührt hatte mit, Ekel. Mit lodernden Augen sah er wieder zu Jurek.
„Wage es nicht, in meine Nähe zu kommen, wenn du etwas mit diesen Ungeheuern zu schaffen hast. Das ist widerlich. Ein elender Verräter bist du, Jurek! Ein Verräter an uns, unserem Dorf. Wenn du sie hierher lockst, gibt es Krieg. Sei froh, wenn ich dich nicht an meinen Vater verrate und man dich hängt.“
Jurek ließ ihn los, als hätte er sich an ihm verbrannt. Die Worte schnitten tief in sein Fleisch, als ein Messer es gekonnt hätte. Er schluckte schwer und trat zurück.
Er fürchtete schon, dass Milos die Leiter hinunter fallen würde, die zum Heuboden der Scheune hinaufgeführt hatte, so eilig wie er die Flucht ergriff. Flucht vor ihm, weil Arai ihn gerettet hatte.
Das Scheunentor fiel mit einem Krachen hinter ihm ins Schloss, als Milos nach draußen stürmte.

Der Schmerz in seinem Inneren fühlte sich an wie ein schwerer Klumpen, der sich mit Klauen durch sein Inneres arbeitete. Sein Hals und seine Brust fühlten sich an wie zugeschnürt. Seine Sicht verschwamm und mit einer ärgerlichen Geste wischte er sich die Tränen aus den Augen. Er sollte nicht heulen deswegen, er war schließlich kein Kind mehr, dennoch saß der Schmerz und die Wut zu tief, um darüber stehen zu können. Schmerz, Wut und Enttäuschung darüber, dass Milos genau so reagiert hatte, wie vermutlich jeder im Dorf darauf reagiert hätte. Er hätte es wissen können – wissen sollen – und hatte dennoch mit einer anderen Antwort gehofft. Was war er doch für ein dummer Narr gewesen, dass er gehofft hatte!

Er griff nach seiner Hose, zupfte einige Halme des Heus fort, bevor er sich wieder anzog. Der Kloß in seinem Hals hielt sich hartnäckig. Die Frage, die Arai ihm gestellt hatte, kam wieder ihm in den Sinn. ‚Liebt er dich auch?‘ - Er hatte wohl soeben die Antwort darauf erhalten.

***
Als er am nächsten Tag hinaus blickte, überzog eine dünne Schneeschicht die Hausdächer und Felder und es war bereits hell geworden. Ein leichter Frost hatte sich in den Ecken der Fenster gebildet und die Eisblumen glitzerten auf dem Glas. Sein Atem stieg in weißen Wölkchen vor ihm auf.
Da hatten sie ja noch Glück gehabt, das Korn noch vor Wintereinbruch eingelagert zu haben. Wenn der Boden erst einmal zu frieren begann, war mit den Pflanzen kaum noch etwas anzufangen, außer vielleicht noch als Tierfutter zu dienen.

Mit einem Seufzen schwang er die Beine aus dem Bett und zog sich an. Das zweite Bett in der Kammer war leer. Er hatte viel zu lange geschlafen.
Der Geruch von Wachs und ausgeblasenen Kerzen hing in der Luft, als er die Stube betrat. Seine Mutter stand mit dem Rücken zu ihm an der Feuerstelle und war gerade dabei den Brei erneut zu erhitzen.
„Guten Morgen“, murmelte Jurek. „Warum habt ihr mich nicht geweckt?“
Seine Mutter drehte sich zu ihm um, lächelte. „Du sahst so aus, als könntest du den Schlaf gebrauchen. Du sahst niedergeschlagen aus, gestern Abend.“
„Es ist nichts, Mutter.“ Jurek nahm die Schale entgegen und setzte sich. Sie ging nicht darauf ein.

„Deine Schwestern helfen heute bei Gera im Haushalt und ich konnte deinen Vater dazu überreden, dass du heute nicht in die Schmiede musst. Ich muss heute auf den Markt und könnte ein paar starke Arme gut gebrauchen für den Karren.“
Jurek nickte und kaute weiter an dem Brei. „In Ordnung, Mutter.“ Hatte sie etwa seine Niedergeschlagenheit bemerkt, als er am Abend nach Hause gekommen war? Er hatte das Abendessen kaum angerührt. Wie auch immer, die Ablenkung kam ihn dennoch sehr gelegen.
Sie nickte. „Gut, dann iss auf, dann können wir den Karren beladen.“

***

Der Weg war schlammig von Schnee und Matsch und ein kalter Wind wehte über die Felder. Schneematsch spritzte unter den Wagenrädern weg, während Jurek den Karren langsam über die Landstraße zog. Es würde eine Weile dauern, bis sie in der nächst gelegenen Stadt waren, hinzukam, dass die Rädern gerne mal stecken blieben.
Auf der Ablagefläche des Karrens lagen die Stoffe und Handarbeiten seiner Mutter, die sie versuchen würde, am Markt zu verkaufen. Sie ging einige Schritte hinter ihm, hielt mit der Hand das Tuch, das sich um den Kopf geschlungen hatte fest, um den Wind abzuschirmen.

Sie waren noch nicht allzu weit gekommen, doch Jurek schwitzte bereits und die Hitze sammelte sich unter dem Mantel, den er sich übergestreift hatte. Er zog unwillkürlich die Schultern hoch, als eine erneute Böhe ihm Schnee und Wind in den Rücken trieb. Es war wahrlich nicht das passende Wetter für eine längere Strecke. Es blieb nur zu hoffen, dass der Wind und der Schnee nachlassen würden und Schneetreiben nicht stärker wurde.
Fluchend rutschte er in dem feuchten Schneematsch beinahe erneut aus, der kalt an seinen Schuhen klebte und konnte gerade noch sein Gleichgewicht mit einem hastigen Ausfallschritt korrigieren, bevor er gefallen wäre. Er hasste es, wenn die Straßen so waren wie jetzt, doch es ließ sich ja nicht ändern.

***
Seine Finger waren rot gefroren und fühlten sich schon beinahe gefühlslos an, als sie die Stadt erreichten. Vielleicht sollten sie sich wirklich einmal einen Esel zu legen, der den Karren ziehen konnte. Sie hatten sich einen Platz in einer einigermaßen vom Wind geschützten Nische gesucht und Jurek entwich ein erleichtertes Aufseufzen, als er den Karren abstellen konnte. Seine Arme schmerzten und er rieb sich den Nacken, um die Muskeln ein wenig zu lockern.
Er blickte auf, als seine Mutter ihm die Hand auf die Schulter legte. „Du kannst dich ruhig umsehen, mein Junge. Sei einfach in ein paar Stunden wieder hier.“ Sie drückte ihm ein paar Münzen in die Hand.
„Bist du sicher, ich kann-“, begann er, doch das Lachen seiner Mutter unterbrach ihn. „Nun, geh schon! Ich kann dich hier nicht gebrauchen.“
Mit einem letzten Lächeln neigte er leicht den Kopf, bevor er sich unter die Menschen am Markt mischte.

Die Straßen waren gefüllt mit Menschen, die sich dick in Umhänge gewickelt hatten mit den Kapuzen tief in die Gesichter gezogen, als Schutz gegen Wind und Kälte. Es hatte in der Zwischenzeit aber wenigstens aufgehört zu schneien. Es lag eine andere Dynamik in der Luft, als bei ihnen zuhause im Dorf. Ein geschäftigeres Treiben, das auch von dem nahe gelegenen Hafen herrühren mochte. Menschen, die sich durch die enge Straße drängten und hin und wieder an den Ständen Halt machten. Dazwischen Marktschreier, die mit ihren lauten Stimmen versuchten, das Gemurmel und die übrigen Geräusche, die die Stadt von sich gab, zu übertönen.
Die Mengen, die hier feilgeboten wurde, übertrafen alles, was er aus dem Dorf her kannte. Schweinehälften, die an Haken in dem Bretteraufbau hingen. Türme von Gewürzen, in den wunderlichsten Farben. Frisches Brot, das knusprig auf den Brettern lag und dessen Geruch zu ihm hinüber wehte, als er sich daran vorbei schob. Eine Reihe verschiedenster Gerüche lag in der Luft. Es roch nach gebratenem Fleisch, Fisch, Gewürzen, Ölen und anderen Dingen, die an verschiedenen Ständen angeboten wurden, unterlagert von dem Gestank nach Dreck, ungewaschener Haut und Urin.

Jurek öffnete und schloss die Fäuste, um die Finger wieder zu durchbluten und das taube Gefühl los zu werden. Die Bewegung schmerzte etwas und ihm war kalt. Vielleicht würde ihm ein warmes Getränk in einer Schenke dabei helfen, sich aufzuwärmen.
In dem dichten Gedränge war es schwierig besonders viel ausmachen zu können. Aber, dort! Relativ am Ende der Straße sah er ein Schild, das quietschend vom Wind bewegt wurde. Ohne groß zu überlegen, steuerte Jurek darauf zu. Mit den Münzen würde er sich vielleicht etwas Warmes zu trinken kaufen können und sich im Inneren etwas aufwärmen.
Es war zwar nicht sein Plan gewesen, das Geld sofort aufzubrauchen, doch als ein erneuter Kälteschauer ihn frösteln ließ, drängte er sich doch zwischen den Menschen hindurch, um zu der Schenke zu kommen.

Ein anderer Gast verließ sie soeben, als Jurek zu der Tür kam. Wärme und Gesprächslärm schlug ihm entgegen, zusammen mit dem Geruch nach Essen und Alkohol, als er hineintrat.
In der Gaststätte war es düster, wenn auch gut besucht. Den einzigen Platz, den er ausmachen konnte, war ein Hocker an der Bar und Jurek steuerte mit raschen Schritten darauf zu. Die Bedienung, die eilig zwischen den Tischen zugange war, bedeutete ihm, dass sie gleich zu ihm kommen würde. Er ließ sich auf den Hocker sinken.

Eine Gesprächsrunde am Nebentisch unterhielt sich lautstark miteinander. Aus den Augenwinkeln bemerkte er ein Glänzen und er drehte den Kopf. Ihm stockte der Atem. Der Umhang, den der Mann auf dem Rücken trug, glänzte wie die Schuppen eines Lorelei, als der Mann ausschweifende Gesten machte, um seine Geschichte zu unterstreichen. Man erzählte sich, dass er einmal einen im Kampf besiegt habe, er trug tiefe Narben am Hals, die die Klauen gerissen hatten und die nur knapp seine Stimmbänder verfehlt hatten. Ihm wurde übel, als sein Geist realisierte, was genau er da vor sich sah. Der Krieger hatte einem Lorelei die Schuppenhaut abgezogen. Mit einem Mal war ihm eiskalt.
Das Bild des Loreleis schob sich in seinen Geist. Jurek biss die Zähne zusammen. Er sollte nicht über Arai nachdenken. Vielleicht war es auch nur die Schuppenhaut eines großen Fisches gewesen. Mit einem Mal konnte er irgendwie verstehen, warum die Lorelei die Menschen hassten.
Von den Wortfetzen, die er aufschnappte, musste einer von ihren eine Geschichte erzählen. Er schnappte etwas auf von einem Kampf. Jurek konzentrierte sich, hörte genauer hin und versuchte das Gespräch aus dem übrigen Lärmpegel herauszufiltern.
„Und dann hat mich dieses Biest…verflucht spitzen Krallen… unter Wasser gezogen.“ Beinahe unmerklich zuckte Jurek zusammen. „…rammte ihr mein Messer in die Kehle.“ Die Vorstellung erregte ihm Übelkeit in ihm.

Der Gast neben ihm stieß ein dumpfes Grollen aus und Jurek wandte den Blick von dem Erzähler ab und drehte den Kopf. Die Gestalt war in einen Umhang gehüllt und die Kapuze war tief ins Gesicht gezogen, obwohl das keinen ersichtlichen Grund zu haben schien.  Viel mehr als die Hände konnte er im Moment nicht von ihm sehen.
„Verdammter Bastard!“, zischte er und trank einen Schluck aus dem Krug, der vor ihm auf dem Tresen gestanden hatte.
„Wen meinen sie?“
Der Verhüllte drehte den Kopf in seine Richtung „Von diesem glorreichen Helden dort an dem Tisch“, seine Stimme troff vor Verachtung. Er nahm einen weiteren Schluck. „Prahlt damit, eine Lorelei getötet zu haben.“ Der Mann stellte den Krug mit einem lauten Knall auf dem Tresen ab. Ein wenig von dem Met schwappte über den Rand, doch ihn schien es nicht zu kümmern.
Jurek leckte sich über die Lippen. Er wusste nicht so recht, was er darauf erwidern sollte.
„Ihn sollte man häuten, nicht uns!“ Die Stimme des anderen Gastes war lauter geworden und er griff erneut nach dem Krug. Etwas in seinem Inneren versetzte ihn einen Stich. Ein Lorelei. Jurek sog scharf Luft ein und packte ihn am Arm. Er beugte sich in seine Richtung und zischte ihn ins Ohr: „Ich denke, es wäre besser, den Mund zu halten, bevor Euch jemand zuhört!“

Er erhob sich und zog den Lorelei mit sich. Der Mann drehte ihm überrascht den Kopf zu, die Kapuze rutschte ein Stück zurück und eine silberne Strähne löste sich unter dem Umhang. Nur Lorelei hatten silberne Haare – wenn man einmal von älteren Menschen absah, dafür war sein Gegenüber allerdings eindeutig zu jung. Er dürfte vielleicht die eine ähnliche Anzahl an Wintern zählen, sofern die Alterung der Lorelei der eines Menschen ähnelten.
Von Überraschung gefügig, folgte ihm Silberhaarige nach draußen. Erst als sie in einer Seitengasse standen, ließ Jurek den Arm des Mannes wieder los. Was tat er hier eigentlich? Er hatte sich in die Angelegenheit zweier Städter eingemischt, die ihn nichts angingen. Verdammt, warum?

Mit einem frustrierten Seufzen fuhr er sich durch die Haare und drehte sich zu dem Mann um.
„Wie heißt du?“ Er machte sich nicht die Mühe, sich mit Höflichkeiten auseinander zu setzten. Graue Augen starrten ihn einen Moment stumm an. Der Blick war forschend, als wollte er in ihn hinein sehen und seinen Beweggrund erforschen wollen. Jurek war froh, dass er nicht in seinen Kopf eingriff.
„Nimai“, gab der Lorelei ihm schließlich zur Antwort.
„Mein Name ist Jurek.“
Der Lorelei sah erneut die Gasse hinunter, um deren Ecke sich die Schenke befand. „Ich sollte dir wohl danken…, schätze ich, dass du mich rechtzeitig davon abgehalten hast, etwas Dummes zu tun.“ Er lachte nervös auf und lehnte sich an die Hauswand. Den Kopf in Richtung des Himmels gerichtet, fragte er: „Warum hast du das getan?“
Jurek zuckte mit den Schultern. „Es war nur ein Gefühl“, murmelte er. „Tut mir leid, es …ging mich nichts an. Ich hätte mich nicht einmischen sollen.“
Der Blick, mit dem er erneut bedacht wurde, war unergründlich. „Du bist ein Mensch…“, murmelte Nimai leise, als spräche er zu sich selbst. „Warum hast du dich eingemischt? Ihr seid Menschen, ihr jagt uns, aber du…“ Irritation stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Jurek räusperte sich leicht. „Ich habe …kenne selbst einen von euch und dieser Schuppenumhang...“ Ein Schaudern rann ihm über den Rücken. „So etwas sollte man niemanden antun, gleich, welcher Spezies er angehört.“

Er fühlte Nimais Blick auf sich, als dieser ihn aufmerksam betrachtete. „Du bist nicht von hier, oder?“ Jurek schüttelte verneinend den Kopf und rieb die Hände aneinander.
„Das erklärt so einiges“, murmelte Nimai leise. Er atmete tief durch und seufzte.
„Was verschlägt dich hierher?“
„Der Markttag. Ich habe meiner Mutter mit dem Karren geholfen.“ Er nickt daraufhin nur. „Und du?“
„Ich lebe hier.“
Jurek hob die Augenbrauen. „Hier? In der Stadt?“ Nimai nickte. „Ich habe noch nie davon gehört, dass …“ er zögerte. „ihr in Städten lebt.“
Der Lorelei zuckte mit den Schultern und schob die Hände in die Taschen seines Mantels. „Lust auf eine Stadtführung?“
„Gerne.“

***
Der eigentliche Hafen begann nur wenige Straßen weiter. Riesige Holzboote lagen dort, die Masten ragten baumhoch in den Himmel und schwankten leicht im Wind, wie Betrunkene. Der Anblick war eindrucksvoll. „Wow, ich habe so etwas noch nie gesehen.“
„Was? Ein Schiff?“, zog ihn Nimai auf und grinste ihn an. Er hatte die Kapuze abgelegt und das silberne Haar lag in der Kapuze seines Umhangs. Es schimmerte leicht, in dem gedämpften Licht des bewölkten Himmels.
„Nicht so ein großes“, gab Jurek zurück. „Und dieser ganze Trubel hier. Ich kann nicht sagen, dass ich so viel Andrang gewöhnt bin.“
Der Lorelei schüttelte lachend den Kopf und strich sich eine Strähne zurück. „Du bist wirklich nicht von hier.“ Jurek zog die Schultern hoch.
Eines der Schiffe wurde so eben abgeladen, schwere Körbe, die randvoll mit Fischen waren, wurden von Bord getragen. Das waren Mengen, wie Jurek sie zuvor noch nie zu Gesicht bekommen hatte.
Die Gerüche des Fischmarkts und des Salz des Meeres wehten zu ihnen herüber und Jurek verzog das Gesicht.
Nimai grinste. „Magst du keinen Fisch?“
„Schon, aber der Geruch ist ziemlich intensiv.“
Der Lorelei lachte. „Man gewöhnt sich daran, mit der Zeit. Mir fällt es kaum noch auf.“
Allerlei Meeresgetier hing in den Körben und Netzen fest und die Fischer machten sich daran, die Tiere daraus zu lösen. Die mit Eis gefüllten Holzkisten füllten sich schnell mit dem Fang des Tages.

Jurek bemerkte die Blicke, die man ihnen mehr oder weniger verstohlen zu warf, wobei sie eher Nimai gelten mussten. Manchmal spiegelte sich Hass in ihren Augen wieder, manchmal beeilten sich die Menschen nur hastig an ihnen vorbei zu kommen. Dennoch herrschten weniger Anfeindungen, als er vermutet hätte.
Wenn er sich vorstellte, dass er mit Arai doch sein Dorf ging, man hätte sie beide wohl schneller getötet, als sie schauen konnten. Hier hingegen war die Verachtung nur teilweise gegeben und Nimai ignorierte die Blicke, die ihn trafen. Vielleicht war es hier einfacher für sie zu leben. Konnten besser als Mensch in der Masse verschwinden, als in einem kleinen Dorf, wo sich jeder kannte.

Nimai versorgte ihn mit allerlei Anekdoten über die Stadt, während sie durch den Hafen schlenderten. Geschichten über Seeungeheuer, die draußen auf dem Meer Schiffe angriffen hatten. Seestürme, die Boote zerlegt hatten.

Als es langsam später wurde, kehrten sie wieder zu der Schenke zurück.
Nimai lächelte leicht. „Es hat mich gefreut, dich zu treffen, Jurek.“
„Mich auch.“
„Du kannst mich ja besuchen kommen, wenn du wieder einmal in der Stadt bist. Ich würde mich freuen.“ Der Lorelei zwinkerte ihm zu.
Jurek hob zum Abschied noch die Hand, bevor er sich zurück auf den Weg zum Karren seiner Mutter aufmachte.

***

Es hatte bereits zu dämmern begonnen, als sie das Dorf wieder erreichten. Milos stand einige Meter von ihnen entfernt. Jurek sah, wie Milos‘ Gesicht merklich verdunkelte und er eine andere Richtung einschlug, als er ihn nicht bemerkt. Diese Reaktion, das pure Ignorieren tat fast mehr weh, als wenn er vor Ekel das Gesicht verzogen hätte. Die Zurückweisung hatte eine Art Endgültigkeit an sich, als hätte Milos bereits einen Schlussstrich darunter gezogen. Jurek schluckte und wandte den Blick ab.

Seine Mutter hatte zu ihm aufgeschlossen und sah von Milos wieder zu ihm. „Hattet ihr eine Meinungsverschiedenheit?“
„So etwas in der Richtung“, murmelte Jurek. Er fühlte ihren forschenden Blick auf sich. Er biss die Zähne zusammen, packte die beiden Holzbalken des Karrens fester und beschleunigte seine Schritte. Er wollte jetzt nicht darüber nachdenken, wollte nicht… Ach, verdammt. Der Druck und der Schmerz, der sich in seiner Brust ausgebreitet hatte, war wieder da.

***
Der Schnee auf den Bäumen glitzerte noch im Dämmerlicht und er genoss die Ruhe um sich, selbst wenn es bedeutete, dass es Raum für seine Gedanken ließ.
Jurek entwich ein Schnauben. Er war wieder hierhergekommen. Es war dumm von ihm, hier zu sein, aber er hatte den Abstand gebraucht und dieser Ort war ideal dafür, um Ruhe zu finden.
Wenn die anderen Dorfbewohner das wüssten… Milos wusste es, Dan und Kuren wussten es ohnehin.
Milos… Würde er ihn verraten?

Er hörte das Knirschen des Schnees hinter sich, der unter Schritten nachgab. Arai ließ sich neben ihn in den Schnee fallen „Was ist los?“, fragte er sanft.
Jurek spürte seinen Blick auf sich, doch er drehte sich nicht zu ihm um. „Nichts“, gab er tonlos zurück.
„Warum bist du dann so niedergeschlagen?“
„Ich bin nicht…“, er begann zu wiedersprechen, brach jedoch wieder ab. Er seufzte und fuhr sich mit der Hand fahrig durch die Haare. „Milos…Er…hat mir eine Art Ultimatum gestellt, entweder er oder ich halte mich von euch fern.“
„Und du hast dich für uns entschieden? Da fühle ich mich ja geehrt“, schnurrte Arai und grinste leicht. Der Lorelei schien sich darüber wirklich zu freuen.
Jurek warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Idiot“, zischte er und zog die Schultern hoch.
Arai lächelte, bevor sein Gesicht wieder ernst wurde. „Nein, aber im Ernst, du mochtest ihn doch. Warum hast du dann…?“
„Er will mich nicht mehr sehen, solange ich mit euch – mit dir – zu tun habe“, brach es aus ihm hervor. Die Worte auszusprechen, schienen den Schmerz wieder erneut aufleben zu lassen. Jurek schlang die Arme enger um seinen Oberkörper und starrte auf den See hinaus.
„Hm“, Arai schwieg, bevor sich seine Miene aufhellte. „In Ordnung. Dann werde ich mein Bestes geben, dass du es nicht bereust!“ Er stand auf. „Komm.“
Er blickte skeptisch zu ihm auf, als sich Arai vor ihn hinstellte und ihm eine Hand entgegen streckte.
„Was hast du vor?“
„Ablenkung.“
Jurek machte keine Anstalten, die Hand zu nehmen und Arai ließ den Arm nach einer kurzen Weile wieder sinken. „Komm schon, lass dich ein wenig auf andere Gedanken bringen. Du hast ja auch nicht gewonnen, wenn du hier sitzt und Trübsal bläst.“
Jurek schnaubte daraufhin nur und ignorierte ihn.
Arai grinste und ging in die Knie. Er raffte den Schnee zusammen und formte daraus eine faustgroße Kugel.
Aus dem Augenwinkel bemerkte Jurek sein Vorhaben und er sprang auf die Beine und streckte Hand nach ihm aus. „Komm schon, das…“ Der Schneeball traf ihn an der Schulter und er verzog das Gesicht. „He!“ Er wischte sich den Schnee von der Kleidung.
„Na, warte!“ Mit einem Blitzen in den Augen grub er ebenfalls die Hände in den Schnee, formte einen Ball. Man, war das kalt.

Arai zog grinsend den Kopf ein und drehte sich von ihm weg, als der Ball auf ihn zukam. Der Schneeball ging knapp daneben. Seine Augen blitzen auf, als sich wieder zu ihm herum drehte und zum Gegenschlag ausholte. Der Schneeball, den er nach ihm warf, erwischte Jurek gerade noch am Bein.
Oh, er wurde ihm dieses verschmitzten Grinsen noch mit dem Schnee aus dem Gesicht waschen! Jurek knetete erneut einen Schneeball zurecht und pirschte sich in den Wald hinein. Arai hatte sich hinter einem der Bäume versteckt.
Ein Arm schlang sich um seine Hüften, zog ihn an einen festen Körper. Er fühlte Arais warmen Atem, als er auflachte.
„Jetzt hab ich dich!“, schnurrte er an seinem Ohr. Gänsehaut breitete sich auf seinem Hals aus und Jurek wand sich in seinem Griff. Ein schneebeladener Ast hing kaum einen halben Meter hinter ihnen. Mit einem raschen Blick in Arais siegessicheres Gesicht, streckte er die Hand aus und zog an dem Ast. Schnee fiel herunter und landete direkt in Arais Gesicht. Er knurrte, als ihm die kalte Nässe in den Nacken rieselte.
„Das war gemein.“ Er schüttelte sich.

Mit einem Ruck versuchte sich Jurek aus seinem Griff zu befreien, doch der Lorelei entließ ihn nur ein Stück weit aus der Umarmung. Jurek stolperte und fiel – und zog Arai mit sich. Er ächzte unter dem Körper des Lorelei, als sie in den Schnee fielen. Ein Glucksen stieg in ihm auf, das sich bald zu einem Lachen steigerte.

Da lag er im Schnee, nach einer Schneeballschlacht mit einem Lorelei. Hätte ihm das jemand vor einem Mondlauf erzählt, er hätte ihn für verrückt erklärt.
Arai hatte die Handflächen neben seinem Kopf in den Schnee gestemmt, lag noch halb über ihm. Wangen und Nase waren gerötet vor Kälte und sein Atem ging schnell. Das lange Haar hing über seine Schultern und winzige Eiskristalle glitzerten darin.
Das Lächeln schwand aus Jureks Zügen und er schluckte. Die grünen Augen starrten in seine, bevor Arais Blick auf seine Lippen fiel. Sein Gesicht schien langsam näher zu kommen, Jurek meinte bereits den warmen Atem auf seinem Gesicht zu spüren.

„Ich denke, ich sollte mich langsam wieder auf den Weg machen“, sagte Jurek leise.
Der Lorelei verharrte, blinzelte langsam und starrte ihn an, als brauchte er einen Augenblick, bis die Worte zu ihm durchdrangen. Er holte Luft und stieß ein raues „Ja. Ja, natürlich.“ hervor, bevor er sich eilig von ihm erhob.
Mit einem Mal wirkte er seltsam fahrig, als er sich eine Strähne zurück strich und sich den Schnee von der Kleidung klopfte. Jurek stemmte sich aus dem Schnee hoch und zupfte sich seinerseits die Schneeklumpen aus den Haaren.


Hätte Arai ihn geküsst, wenn er ihn nicht aufgehalten hätte? Die Frage beschäftigte ihn noch, als er vor ihrer Hütte aus den Schuhen schlüpfte und sie vor dem warmen Kamin zum Trocknen abstellte. Ein wenig Wärme ging noch von dem letzten Glühen ab. Nach kurzer Überlegung streifte er sich auch das durchgeweichte, klamme Hemd über den Kopf und legte es in der Nähe der Feuerstelle ab. Gänsehaut überzog seine Arme und er rieb sich über die kalte Haut.
Ihm war kalt von dem Bad im Schnee, aber es hatte gewirkt.
     
Arais Aufheiterungsversuch hatte Früchte getragen und ihn so weit abgelenkt, dass seine Gedanken mit etwas anderes beschäftigt waren. Er lächelte bei der Erinnerung und schüttelte über sich selbst leicht den Kopf. Eine Schneeballschlacht. Das hatte er zuletzt gemacht, als er noch ein kleiner Junge gewesen war.

Er schlich leise durch die Stube und schlüpfte in die Kammer. Seine Schwestern schliefen, als er in sein Bett kroch. Mit einem leisen Seufzen drehte er sich auf den Rücken und zog die Decke höher.
Arai. Was war das vorhin im Wald gewesen? Hätte er ihn wirklich küssen wollen oder hatte er sich das bloß eingebildet?

Das Bild des Lorelei schob sich abermals in seine Gedanken. Die Ausgelassenheit dieser Schneeballschlacht passte so gar nicht in das Bild, das in Dorfgemeinde von den Lorelei gezeichnet wurde. Er sah wieder das Funkeln von Arais Augen vor sich, das Lachen. Da war keine Spur von einem mordenden Monster, das Unschuldige in den See zerrte – wobei, das war ja bereits geschehen.

Und wenn das alles nur einem langfristigem Zweck diente?
Wenn er dich hätte töten wollen, hätte er sich schon bei ihrer ersten Begegnung getan, meldete sich eine Stimme in seinem Kopf zu Wort. Aber es vielleicht auch nur eine Taktik gewesen, um ihn einzulullen. Die Taktik eines geduldigen Jägers, der sich langsam der Beute annäherte, bevor er sie zerfetzte?

Mit einem gequälten Laut drehte sich Jurek auf die andere Seite. Das passte nicht. Die Meinung, die man über die Lorelei hatte stimmte mit seinen Erfahrungen nicht überein. Er empfand keine Angst vor ihm, im Gegenteil. Er würde fast schon sagen, dass er den Lorelei irgendwie mochte…
Jurek biss sich hastig auf die Lippen. Er froh, dass man Gedanken nicht laut hören konnte. Wenn diesen letzten Gedanken jemand mitbekommen hätte. Sympathie für das Schreckenswesen aus den Legenden. Nur, dass es so gar nicht erschreckend wirkte.

Dan, Kuren und Milos wussten von seinem Kontakt mit Arai – und hatten darüber schwiegen. Die Frage war nur, wie lange das noch so bleiben würde.

***
Das Fest zur Wintersonnenwende stand kurz bevor. Die Häuser wurden geputzt und geschmückt, um für die Festlichkeiten ein schönes Heim zu haben. Aus den Schornsteinen quoll Rauch und ein feiner Geruch nach gebratenem Fleisch lag in der Luft.
Seine Mutter saß im Halbdunkel der Stube am Tisch, mit dem Gesicht in den Händen, als Jurek die Stube betrat. „Was ist los, Mutter?“ Er rieb sich die kalten Hände und trat näher an das Feuer im Kamin heran, um dich die Handflächen zu wärmen.
Sie hob langsam den Kopf. „Wir haben kein Fleisch, Jurek.“ Ihre Stimme klang erstickt. „Ich weiß nicht, wie…“
„Ich werde sehen, was ich tun kann, Mutter“, versprach er, bevor er sie hatte ausreden lassen. Jurek trat an sie heran, gab ihr einen leichten Kuss auf die Wange.
Die Sorgenfalten in ihrem Gesicht glätteten sich ein wenig, dennoch stand ein leichter Zweifel in ihren Augen. „Wie willst du das bewerkstelligen, Jurek?“
„Ich lasse mir etwas einfallen“, versprach Jurek. Er griff nach seiner Jacke, die am Haken neben der Tür hing und schlüpfte hinein. Seine Mutter hatte ein leichtes, hoffnungsvolles Lächeln auf den Lippen, als er sich noch einmal zu ihr umdrehte, bevor er das Haus verließ.

Es war immer noch eisig kalt, als er ins Freie hinaus trat. Ein kalter Wind fegte über die Felder und es hatte wieder angefangen zu schneien. Der Schnee knirschte unter seinen Schuhen, als er durch die Straßen eilte.
Er hatte mit Milos nicht mehr geredet, seit ihrem Streit in der Scheune. Er hatte ihn seitdem gemieden und mit abfälligen Blicken bedacht. Der Hass in seinen Augen schnitt sich jedes Mal aufs Neue in sein Inneres, selbst wenn Jurek langsam meinte, darüber hinweg zu kommen.

Er schluckte schwer, bevor er es wagte an die Tür zu klopfen. Er kam sich schäbig vor, Milos um Hilfe bitten zu wollen, doch welche Wahl hatte er? Sie hatten weder das Geld, noch Gegenstände von Wert, die man gegen ein Mahl eintauschen könnte.

Nachdem Jurek noch einmal tief durchgeatmete hatte, klopfte er gegen das raue Holz. Im Inneren waren Schritte zu hören und einen Augenblick später öffnete Milos Mutter die Tür. Sie blinzelte überrascht, als sie ihn erkannte. „Jurek! Mit dir habe ich gar nicht gerechnet. Ich wünsche dir eine frohe Wintersonnenwende.“ Ein leichtes Lächeln zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab, das von einigen tiefen Falten gezeichnet war.
Er biss sich auf die Lippen. „Frohe Wintersonnenwende. Ist Milos zuhause?“
„Oh, ja, Moment!“ Sie wandte sich um und lehnte die Tür an, damit keine kalte Luft ins Haus konnte. „Milos! Du hast Besuch!“

Einen Moment später trat Milos aus dem Haus. Als er ihn erkannte, verdunkelte sich seine Miene. „Was willst du?“
Jurek schluckte. „Ich wollte fragen, ob ihr vielleicht ein Stück Fleisch habt, das ihr nicht unbedingt benötigt.“
Milos Braue schoss in die Höhe. „Fleisch? Du bittest mich gerade um Almosen?“ Die Art und Weise, wie er das Wort betonte, versetzt Jurek einen Stich.
Er schluckte den harten Kloß in seiner Kehle hinunter. „Ja“, murmelte er und zwang sich ihm weiterhin ins Gesicht zu blicken, auch wenn er es kaum wagte, in Milos‘ funkelnde Augen zu sehen. „Bitte, Milos, wir…“

„Scher dich zum Teufel! Und wehe dir, du sprichst über diese Sache, die zwischen uns war“, zischte er und fügte mit gedämpfter Stimme hinzu: „Dass du es überhaupt wagst mich darum zu bitten! Meine Familie muss selbst zusehen, wie sie über die Festtage kommt, da brauchen wir keine Schmarotzer an unserem Tisch. – Geh doch zu deinen Lorelei, vielleicht gewährt dir einer einen Wunsch. Du scheinst dich ja mit diesen elenden Kreaturen so prächtig zu verstehen.“ Jurek zuckte vor den Worten zurück, senkte den Kopf und biss hart die Zähne zusammen.
„Es war ein Fehler von mir herzukommen, verzeih“, murmelte er.
Milos schnaubte und trat zurück ins Haus. Das Türblatt erzitterte unter der Wucht, mit der er die Tür zu warf.

Das war deutlich gewesen. Jurek schluckte und wandte sich um. Der Lorelei, vielleicht konnte Arai ihm wirklich helfen. Mit weniger, als er jetzt da stand, konnte er schließlich auch nicht.  
Schnee und gefrorener Schlamm knirschten unter seinen Schritten, als in Richtung des Waldes ging. Über den Feldern lag die dichte, weiße Schneedecke unberührt da. Er drehte ein letztes Mal den Kopf zurück, um sicher zu stellen, dass  niemand sein Verschwinden bemerkte, doch die anderen Dorfbewohner waren selbst zu beschäftigt, um ihn zu bemerken; vermutlich würden sie dem auch nicht allzu viel beimessen.

Wäre er im Moment nicht in Eile, hätte er sich vielleicht die Zeit genommen, der Schönheit des verschneiten Wald mehr Beachtung zu schenken. Der Schnee hing schwer auf den Zweigen und mehr als einmal bekam er eine Ladung davon ab, wenn er sich zwischen den Zweigen hindurch schlängelte. Er schüttelte sich, als Schnee den Weg unter seinem Hemd fand und ein geschmolzener, kalter Tropfen seinen Rücken hinunter rann. Wie er das Gefühl nur verabscheute.
Sein Atem kam in weißen Wolken über seine Lippen und seine Finger waren bereits gerötet und wenn er sie abwinkelte, schmerzten seine Gelenke, da sich steif geworden waren von der Kälte.
Er rutschte auf dem Schnee weg, als er über einen Baumstamm hinweg kletterte und wäre fast gefallen.

Der See war zugefroren und das Eis war von einer leichten Schneeschicht bedeckt. Der Schnee glitzerte leicht und die verschneiten Bäume verliehen dem Ort etwas Unwirkliches.
Nahe des Felsplateaus musste jemand ein Loch ins Eis geschlagen haben, denn es war die einzige Stelle, die von dem Eis ausgespart war.
Seine Zähne klapperten vor Kälte, als er mit bebenden Lippen zu rufen begann. „A-Arai! Bist d-du hier? B-bitte, ich brauchte deine Hilfe!“ Um ein Haar hätte er sich auf die Zunge gebissen, als sein Körper unter Schaudern erzitterte.

Jurek sah einen schimmernden Schuppenleib unter Wasser auf sich zu schwimmen. Arai brach durch die Wasseroberfläche, stützte sich mit den Armen am Rand des Eislochs ab. Wassertropfen hingen in seinen Wimpern, die er wegblinzelte. Der Lorelei sah halb unter den Wimpern zu ihm hoch, musterte ihn. „Ist alles in Ordnung?“
Jurek folgte mit den Augen einem der Wassertropfen, der an Arais Hals hinunter rann. Er bemerkte das Schimmern von kleinen, silbernen Schuppen auf seinen Handrücken, die sich über seine Unterarme zogen und sich dort langsam verjüngten. Schwarze Fingernägel hoben sich scharf von dem Eis ab und er sah, wie sich dünne Schwimmhäute zwischen seinen Fingern spannten.
Er schluckte und blinzelte, bevor er hastig den Blick abwandte.
„Bitte! Darf ich dich um einen Gefallen bitten?“, seine eigene Stimme klang heiser und er räusperte sich. „Ich weiß, dass es mir nicht zusteht, irgendetwas von dir einzufordern, nach allem, was du bereits für mich getan-“
„Worum geht es?“, unterbrach Arai ihn sanft.
„Wir haben für die Wintersonnenwende weder Fleisch noch Fisch und…“
„Ihr braucht welchen?“ Der Lorelei legte den Kopf schief.
„Ja…“

„Ich könnte dir helfen“, erwiderte der Lorelei nach einer Weile. Jurek drehte ihm überrascht den Kopf zu. Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Lorelei ihm helfen, es überhaupt in Betracht ziehen würde.
„Gegen eine Gegenleistung“, fügte Arai hinzu und warf ihm einen Blick zu, den Jurek nicht so ganz deuten könnte.
Er fühlte, wie sich die Nackenhaare aufstellten und versuchte den Kloß in seiner Kehle hinunter zu schlucken. „Was für eine Gegenleistung?“, fragte er heiser. Man schloss mit Lorelei keine Verträge, allerdings hatte ihre Begegnung von Anfang an keinen herkömmlichen Hergang gehabt.


Der Lorelei lächelte und lehnte sich noch ein Stückchen näher zu ihm, dass er schon den Hauch seines Atems fühlen konnte. „Ich will einen Kuss.“
Jurek starrte reglos in das ebenmäßige Gesicht. Der Lorelei sahen ihn abwartend an. Seine Augen hatten tatsächlich die gleiche Farbe wie Tannen. Ein sattes, dunkles Grün mit einem goldenen Ring um die Pupillen, die ihm noch nie aufgefallen waren. Die Spannung, die zwischen ihnen lag, prickelte auf der Haut. Er fühlte, wie sich eine Gänsehaut auf seinen Armen bildete, die nicht nur von der Kälte herrührte, und leckte sich über die trockene Lippen.
„Was...?“, krächzte er.
Arai lächelte. „Ich will einen Kuss, dafür, dass ich dir helfe“, wiederholte er.
Jurek schluckte. Der Abstand zwischen ihnen erschien ihm bei Weitem nicht mehr weit genug.
Welche Wahl hatte er? Ein Kuss gegen einen Fisch, von dem seine Familie heute Abend satt werden würde. Der Tausch war weit mehr als großzügig, auch wenn es sich kaum miteinander im Wert vergleichen ließ.
„In Ordnung“, die Stimme, die aus seinem Mund kam, hatte kaum noch Ähnlichkeit mit seiner eigenen.
Das Lächeln vertiefte sich und Arai löste sich vom Rand des Eises und versank wieder im eiskalten Wasser. Jurek hielt den Atem an. Unwillkürlich fragte er sich, wie Arai die Kälte überhaupt aushalten konnte.

Er trat von einem Bein auf das andere und rieb sich über die Oberarme. Sein Atem strömte als kalter Hauch aus seinem Mund und er starrte auf das Eisloch. Hatte er die richtige Entscheidung getroffen?
Und der Kuss? Warum hatte Arai genau das gefordert? War es eine Provokation? Bedeuteten Küsse für Lorelei etwas anderes als bei ihnen? War es seine Weise, um ihn zu zeigen, dass er irgendwelche Ansprüche geltend machte? Mit einem Seufzen fuhr sich Jurek mit der Hand das Gesicht. Es brachte nichts sich den Kopf über Arais Beweggründe zu zermartern.
Die Sache, über die er sich viel mehr Sorgen machen sollte, war, dass es ein Lorelei war, der einen Kuss von ihm eingefordert hatte. Es fühlte sich merkwürdig an. Es war nicht der Ekel davor, einen Mann zu küssen - bei weitem nicht, da hatte er in den gestohlenen Stunden mit Milos wohl Schwerwiegenderes getan als simple Küsse auszutauschen, aber ein Lorelei... Wenn das jemand erfuhr, als wäre es nicht schon schlimm genug, überhaupt mit Arai Kontakt zu haben…

Der Lorelei brach durch die Wasseroberfläche und zwei Fische schlitterten über das Eis in seine Richtung. Jurek ließ sich auf die Knie sinken und hob sie auf. „Danke! Ich stehe in deiner Schuld“, seine Zähne klapperten mittlerweile so stark, dass er die Worte fast nicht raus brachte, als er sie vom Schnee aufhob.
Der Lorelei nickte knapp. „Aber gerne doch.“
Jurek schluckte den plötzlichen Kloß in seinem Hals hinunter. „Was ist mit deiner Gegenleistung?“ Arai schmunzelte. „Die werde ich später einfordern.  Jetzt beeile dich nach Hause zu kommen, bevor du hier noch festfrierst und ich auf meine Gegenleistung verzichten muss.“ Jurek sah trotz des Tadels den Schalk in seinen Augen aufblitzen.“
„Danke“, wiederholte er erneut, bevor er sich umwandte und sich zurück auf den Weg ins Dorf machte.

***

„Mutter? – Hier.“ Jurek hielt ihr die beiden Fische hin. Ihre Augen weiteten sich, als sie erkannte, was er da hinhielt.
Etwas wie Angst glitt über ihre Züge. „Woher hast du die?“ Sie machte keine Anstalten, sie ihm abzunehmen.
„Eingetauscht“, entgegnete Jurek vage und ließ wieder den Arm sinken.
Sie schluckte. „Gegen welchen Preis?“, ihre Stimme klang erstickt, als bekäme sie kaum noch Luft. Sie packte ihn an den Schultern. Ihr Griff war erstaunlich kräftig. „Welchen Preis hast du dafür gezahlt, Jurek?“ Die Angst und Panik in der Stimme mitschwang verließ ihr einen schrillen Unterton.
„Einen Kuss“, murmelte er. Der Preis, den Arai verlangt hatte, fühlte sich immer noch banal an.
„Von wem?“
Er schwieg. Das Bild von Arai schob sich in seine Gedanken, der mit funkelnden Augen und Schnee in den Haaren über ihm war.
„Oh.“ Jurek blickte auf. Etwas wie Verstehen blitzte auf ihrem Gesicht auf. „Ich freue mich für dich, dass du endlich jemanden gefunden hast.“ Ihr Gesicht hellte sich schlagartig auf, bevor sie sich ein Schneidbrett griff und es auf den Tisch legte.
Er blinzelte irritiert. Irgendetwas musste er gerade verpasst haben. „Was?“
„Dass du endlich ein Mädchen gefunden hast.“
Oh, oh! „Nein, also… äh… es ist nicht…“, stammelte er und fuhr sich verlegen über den Nacken. Verdammt! Und nun? Vielleicht war das hier eben auch die Gelegenheit den Fragen nach einer Heirat für eine Weile auf sich beruhen zu lassen – oder, es im schlimmsten Fall zu intensivieren.
Er holte tief Atem. „Also, das zwischen uns ist noch recht neu und ich weiß nicht, ob es …ihr…“
Seine Mutter nickte verständnisvoll. „Natürlich.“ Sie legte den ersten Fisch auf das Schneidbrett und hob das Messer.
Er nickte ihr noch einmal zu, bevor er die Hütte verließ.

Das Holz der Hauswand war rau, als er sich dagegen lehnte. Das war ja noch einmal glatt gegangen, irgendwie, mit einer kleinen Notlüge. Er schüttelte halb-lachend den Kopf, es war ein fast hysterisches Lachen, als ihm die Trageweite der Lüge bewusst wurde.  Mit der Ausrede, dass es noch zu früh war, um es öffentlich zu machen, würde er sich noch ein Weilchen retten können, auch wenn es Spiel auf Zeit war.

***

Der Geruch nach gebratenem Fisch hatte die Hütte erfüllt, als Jurek einige Stunden später in das Haus zurückkehrte. Sein Vater hatte sich bereits am Tisch niedergelassen, während seine Schwestern dabei waren die Dochte der Kerzen anzuzünden.
„Jurek!“, das dumpfe Brummen seines Vaters rief ihn zu Ordnung. „Setz dich und lass sie machen.“ Er atmete aus, bevor er dem Befehl nachkam.
Der Geruch nach dem Alkohol aus der Schenke hing noch an ihm und der beißende Atem schlug ihm ins Gesicht, als er sich auf den Stuhl neben ihm sinken ließ.

„Enek hat heute von einem erneuten Angriff erzählt“, sagte sein Vater, als seine Schwestern die Beispeisen auf den Tisch brachten und seine Mutter eine Platte mit Arais Fischen abstellte.
„Diese Monster haben wieder ein Kind in die Tiefen gezerrt. Emalie, seine Jüngste. Sie hatte keine Chance, nur ihren toten Leib hat es ans Seeufer geschwemmt.“ Er griff nach dem großen Löffel und schöpfte sich etwas von dem Fisch in seine Schale, bevor er fortfuhr. „Man sollte diese Ungeheuer wirklich ein für alle Mal aus dem See vertreiben.“ Sein knurrender Tonfall vibrierte leicht, als er den Löffel an Jurek weiterreichte.

Schweigend nahm er sich ebenfalls. Das Essen roch gut und ihm rann bereits das Wasser im Mund zusammen, doch die Äußerung seines Vaters wollte er nicht so auf sich beruhen lassen.
Er holte tief Luft, bevor er die Frage über die Lippen brachte. „Bist du sicher, dass es wirklich so geschehen ist und sie nicht einfach nur ertrunken ist?“

Die Geräusche am Tisch verharrten einen Moment und die Stille füllte unangenehm den Raum. Seine Schwestern rutschten unbehaglich auf ihren Stühlen herum, während sie versuchten ihre Anspannung zu verbergen.
Das laute Schnauben seines Vaters löste die Stille auf, als er langsam den Blick hob und seinen Sohn unverwandt anstarrte und den Löffel sinken ließ.
„Wovon sprichst du da, Sohn?“ In seiner Stimme lag ein warnender Unterton.
Jurek leckte sich unbehaglich über die Lippen. Er hätte den Mund halten sollen, vielleicht wäre das klüger gewesen, doch etwas in ihm nagte zu sehr daran, dass er sich weigerte, die Frage zurückzunehmen. „Den Lorelei. Sind sie wirklich so bösartig?“ Ihm war bewusst, dass er sich bei seiner Fragerei gerade sehr weit aus dem Fenster lehnte. Außerdem war die feindliche Haltung, die sein Vater den Lorelei gegenüber an den Tag legte, an sich auch nichts Neues.

Ein abfälliges Lachen entfuhr seinem Vater, während er den Fisch Bissen für Bissen in sich hinein schaufelte. „Diese Monster haben keine Kultur, keine Regeln, da können sie noch so menschlich aussehen. Mache nicht den Fehler sie mit einem von uns zu vergleichen, Sohn.“
„Wir könnten uns irren.“ Seine Schwestern und seine Mutter schienen den Atem anzuhalten.
Die Augen seines Vaters verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Täusche ich mich, oder sympathisierst du mit ihnen, Sohn? Seit wann hegst du diese schändlichen Gedanken? Sprich!“, ein gebellter Befehl.
„Das tue ich nicht, Vater!“, würgte er hervor. Die Worte fühlten sich an wie vergifteter Schlamm auf seiner Zunge. Eine Lüge. Der scharfe Blick aus den dunklen Augen bohrte sich in ihn.
„Nun, gut. Dann sieh zu, dass es so bleibt.“ Jurek holte Luft, um zu einer Erwiderung anzusetzen.
„Und das reicht jetzt!“, schnitt ihm sein Vater das Wort ab, bevor er zu einer Erwiderung ansetzen konnte. „Ich will kein Wort mehr von diesen Ungeheuern an meinem Tisch hören!“
Er presste die Lippen aufeinander. „Ich verstehe, Vater. Es wird nicht wieder vorkommen“, murmelte er, was ihm nur ein knappes Nicken einbrachte.

Mit bedauerndem Blick sah Jurek auf die Mahlzeit in seiner Schale hinunter. Arais Großherzigkeit und seiner Mutter zu Liebe würde er versuchen, doch etwas zu essen, doch der Appetit war ihm vergangen. Der Fisch schien an Geschmack verloren zu haben, als er sich einen Bissen in den Mund schob.
Er war froh, dass sein Vater keine Frage zu seiner Herkunft gestellt hatte. Wüsste er, dass das, was er soeben aß, von einem solchen Wesen stammte, das er so sehr verabscheute, …
Nein, Jurek wollte es sich nicht weiter ausmalen.

***

Er war gerade dabei die Fibeln seines Mantels zu schließen, als er eine Bewegung hinter sich wahrnahm. Seine Mutter hielt ihn am Arm zurück. „Jurek!“
„Ja?“
Besorgnis schimmerte in ihren Augen, als sie den Umhang um ihre Schultern enger raffte. „Pass auf dich auf, ja? Ich weiß nicht, was genau du tun müsstest, dass wir den Fisch bekommen hast.“
Er musterte sie eingehend. „Was meinst du?“
Etwas Wissendes blitzte in ihren Augen auf und sie schluckte, nahm die Hand von seinem Arm. „Du weiß, wovon ich rede. Niemand würde um diese Zeit, zwei so große Fische besorgen können. Es sei denn…“ Sie holte scharf Luft und schwieg. Etwas in seinem Inneren begann zu zittern. „Ich hoffe, ich weiß, was du tust und ich bitte dich nur, dass du wieder zurückkehrst. Ich will dich nicht verlieren.“
„Natürlich, Mutter. Keine Sorge, es wird mir nichts geschehen.“ Er schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln, doch sie Sorge in ihrem Gesicht verschwand nicht. Ihre Lippen pressten sich zusammen.

„Du hast gar keine Verlobte, oder?“ Jurek keuchte auf. Er hätte es wissen müssen, dass sie etwas ahnte, doch er hatte es beiseitegeschoben. Sie wusste es.
„Wenn der Morgen anbricht, bin ich wieder da“, versprach er, bevor er sie stehen ließ und hinaus in die Kälte trat.

Der Schneesturm peitschte um ihn herum und der kalte Wind trieb ihm die dicken Flocken ins Gesicht. Jurek zog unwillkürlich die Schultern hoch, als er mit festem Schritt durch den Schnee stapfte. Der Wollmantel schien die Wärme aus der Stube kaum behalten zu können.

Seine Mutter wusste es, wusste, dass er gelogen hatte und die Fische aus dem Teich der Lorelei stammten. Sie war besorgt um ihn, weil sie nur die düsteren Erzählungen kannte. Aber würde sie etwas unternehmen? Würde sie zum Richter laufen und ihn des Verrats anklagen oder überwog ihre Liebe?
Wenn seine Mutter nicht ihn verriet, könnten es immer noch Dan und Kuren tun, oder auch Milos. Sie mieden ihn, aber sie waren stumm geblieben. Er wusste nicht, welche Vorteile sie sich davon erhofften,  wenn sie abwarteten. Wollten sie ihn unsicher werden lassen, da er nicht sagen konnte, wann es so weit sein würde?  Die Möglichkeit lag schwer im Magen und es schnürte ihm die Kehle zu, wenn er daran dachte, was sie mit ihm anstellen würden, wenn es herauskam. Es war ein Spiel auf Zeit, bei dem er nur verlieren konnte.

***
„Arai?“, rief er laut, als er ans Ufer trat. Hinter einem der eingeschneiten Bäumen knirschte der Schnee und Jurek wandte sich um, als der Lorelei dazwischen hervor trat, das Haar silbern im Licht.
„Du bist tatsächlich wieder da.“ Er lächelte.
„Ich habe es versprochen“, gab Jurek leise zurück.
„Das hast du“, bestätigte Arai lächelnd und machte einen Schritt auf ihn zu.
„Nun, ich würde vorschlagen, wir begeben uns erst einmal ins Warme. Mir ist kalt und so rot, wie deine Nase aussieht, kann es dir kaum besser gehen.“
Jurek nickte zustimmend. Die Kälte, die abermals in seine Glieder gekrochen war, ließ ihn erzittern.

„Wohin gehen wir?“, fragte er, als er Arai schweigend gefolgt war. Er schien scheinbar ziellos durch den Wald zu laufen, zumindest gab es keinen Weg, den sie folgten. Er fragte sich ja schon, wie der Lorelei da die Orientierung behielt, denn außer verschneiten Bäumen gab es nicht viel zu sehen; und schon gar nicht etwas, das ihm irgendwie bei der Orientierung geholfen hätte.
„Du wirst es gleich sehen.“

Wo auch immer Arai ihn gedachte hinzubringen, er wäre wohl nicht in der Lage diesen Ort wiederzufinden, sah doch alles völlig ident aus - aber es dürfte ihm in die Hände spielen, denn die Lorelei würden bestimmt keinen geheimen Ort einem Menschen anvertrauen, wenn das Risiko bestand, dass sie ihm wiederfinden könnten.
Dennoch, Arai musste wirklich Vertrauen zu ihm haben, wenn er ihm dieses fast schon Geheimnis anvertraute. Er biss sich auf die Innenseite seiner Wange.

Ein dunkler Umriss formte sich zwischen den Bäumen, als sie näher kamen, erkannte Jurek ein Haus , das verborgen von Schnee und Eis zwischen den weißen Bäumen lag.
„Ein Hütte?“, fragte Jurek verwundert. Er hatte nicht gewusst, dass es hier überhaupt eine Form von Behausung in den Wäldern gab, abgesehen von seinem Dorf.
Arai nickte. „Ja.“ Ein Stapel Holz lagerte neben der Hütte, die auf der Vorderseite gerade mal eine Tür besaß.
Der Lorelei klopfte sich den Schnee von den Stiefeln, bevor er die Verrieglung der Tür löste.
„Komm doch, es passiert dir schon nichts“, bemerkte Arai mit einem Augenzwinkern, als er Jureks Zögern bemerkte.
Er kam der Aufforderung nach und klopfte sich, wie schon der Lorelei vor ihm den gröbsten Schnee von den Sohlen, bevor er eintrat.

Die Hütte bestand gerade einmal aus einem Raum, der vielleicht ein kleiner als die Stube zuhause war, in dem gerade einmal ein kleiner Tisch, mit Stuhl, einem Kamin und ein schmales Bett Platz fand. Durch den hellen Schnee drang ein wenig Licht durch die beiden Fenster herein. Es war kalt, da die Hütte wohl zur Zeit nicht bewohnt wurde.

Arai ging vor der Feuerstelle in die Knie und machte sich daran im Halbdunkel ein Feuer zu entzünden. Eine Flamme leuchtete auf und Arai zischte, als er sich die Finger verbrannte.
Das warme Licht des Feuers wurde der Raum eine gemütliche Atmosphäre.

„Wie lange könnt ihr eigentlich im Wasser verbringen?“
Arai drehte ihm den Kopf zu und schmunzelte. „So lange wir wollen“, gab er amüsiert zurück. „Wie kommst du da drauf?“
Jurek überging die letzte Frage. „Und an Land?“
„Da auch. – Allerdings ist ein einseitiges Leben für uns nicht …ganz, wenn du so willst. Etwas scheint uns zu fehlen, weil wir einen Teil von uns nicht beanspruchen. Bei unserer Wandlung zwischen unserer menschlichen Gestalt und der unter Wasser verändern sich unsere Körper so, dass wir in dem jeweiligen Lebensraum problemlos überleben können; jedenfalls so lange, bis das Verlangen des anderen Teils sich wieder meldet.“
„Das heißt, ein reines Leben am Land ist euch nicht möglich?“
„Nein, das stimmt so nicht ganz. Es ist möglich, es kommt nur seltener vor“, berichtigte Arai. „Trotzdem kommt es vor, dass sich manche von uns für so ein Leben entscheiden. – Außerdem verbringen wir auch den Großteil des Winters an Land, im Wasser ist es dann selbst uns zu kalt.“
„Ich habe einen von euch vor ein paar Wochen getroffen. Draußen in der Stadt.“
Überraschung zeichnete sich auf Arais Gesicht ab, als er sich erhob und zu ihm herüber kam. Das Feuer gab ein warmes Licht ab und legte sich wie ein goldener Schein um ihn.

Die Matratze gab unter seinem Gewicht nach, als er sich auf das Bett setzte. Als er den Kopf drehte, befand sich Arais Gesicht dicht vor seinem. Er fühlte den warmen Atem auf seiner Wange, leckte sich über die Lippen. Die Spannung war wieder da, das Kribbeln auf der Haut. Seine Atmung beschleunigte sich, aber nicht aus Angst. Sein Herz schlug mit einem Mal schneller in seiner Brust und das Blut rauschte in seinen Ohren.
Jurek hob den Blick und sah ihm geradewegs in die Augen. Arais Blick lag forschend auf ihm, fiel auf seine Lippen. Es war wohl an der Zeit, den Preis zu zahlen. Ein Kuss, nur ein simpler Kuss. Das konnte doch nicht so schwierig sein. Besser jetzt, damit er es hinter sich bringen konnte.

Als er keine Anstalten machte, vor ihm zurück zu weichen, überbrückte Arai den letzten Abstand.
Lippen auf seinen, eine sanfte, fragende Berührung, die sich gegen seine bewegten. Sein ganzer Körper kribbelte. Der Lorelei küsste ihn. Er fühlte eine Hand in seinem Nacken, die ihn bestimmt, aber auf eine Weise auch sanft festhielt. Jurek war sich sicher, dass Arai ihn freigeben würde, wenn er sich wiedersetzte. Arais Lippen strichen über seine, pressten sich in einer fast schon verzweifelten Geste auf seine, bevor er sich wieder von ihm löste.

Die Hand löste sich aus seinem Nacken und der Lorelei zog sich von ihm zurück. Seine Augen schienen dunkler geworden zu sein.
„Du hast deine Schuld beglichen“, flüsterte Arai und lehnte sich von ihm zurück. „Es steht dir frei zu gehen.“
Jurek starrte ihn an. Er fragte sich, ob der Lorelei das wilde Schlagen seines Herzens hören konnte. Ein leichtes Lächeln schien in seinen Mundwinkeln zu liegen und er sah irgendwie…glücklich aus.

Er schluckte und sah ihm in die Augen. Bevor er sich seinerseits vorbeugte und ihn auf die Lippen küsste. Arai holte scharf Atem, schlang die Arme um ihn an sich zu ziehen. Der Kuss war hungriger, atemloser. Jurek vergrub die Hand in den silbernen Haaren, als er näher an ihn heran rückte, bis der Luftmangel sie schließlich zwang eine Atempause zu nehmen.

Die geweiteten Pupillen, der Atem so schnell wie sein eigener. Jurek lehnte seine Stirn an Arais. „Ich fürchte, ich sollte wieder zurück nach Hause“, bemerkte er leise.
„Du kannst auch hier bleiben, wenn du möchtest.“ Etwas in Arais Augen glitzerte und seine Stimme hatte einen schmeichelnden Tonfall angenommen.
Das Angebot war verlockend. Jurek sah sich noch einmal in der Hütte um, das Knistern des Lagerfeuers, die Wärme, Arai, der mit zerwühlten Haaren vor ihm auf dem Bett saß. Er wollte nicht weg und der Gedanke, wieder hinaus in die Kälte zu müssen, behagte ihm nicht unbedingt, aber es war…zu viel auf einmal. Er musste sich erst über etwas klar werden, wollte nichts überstützen.

„Ich schätze, ein wenig kann ich noch bleiben. – Aber, Arai“, er blickte den Lorelei in die Augen und er hätte schwören können, dass er für einen Moment den Atem angehalten hatte. Etwas wie Unsicherheit huschte über seine Züge und Jurek sah seine Anspannung. „Ich brauche noch ein wenig Zeit, um das alles …um mich daran zu gewöhnen.“
Arai stieß Luft aus und nickte. „In Ordnung. Wenn du Zeit brauchst, …“, er stockte. „Es ist in Ordnung. Nimm dir so viel, wie du brauchst.“

Wärme breitete sich in seiner Brust aus. „Hey!“ Jurek legte ihm die Hand auf die Wange und Arai blickte zu ihm auf. „Ich hab dich gerne. Vermutlich mehr, als ich sollte, wenn man nach den Mitmenschen in meinem Dorf geht. Das ändert aber nichts daran, dass ich mit dir gern Zeit verbringe. – Können wir einfach nur hier sein, für den Moment?“
Arai lächelte. „Natürlich.“

Er rückte ein Stück zur Seite, legte sich hin und streckte den Arm aus. Jurek dachte nicht lange darüber nach, bevor er sich neben ihn legte, mit dem Kopf auf seiner Brust. Er konnte Arai beinahe schmunzeln hören, als er belustigt schnaubte.
Einen Moment später verirrten sich Finger in sein Haar, kraulten seinen Nacken und Jurek stieß ein zufriedenes Seufzen aus. Er konnte spüren, wie die Entspannung langsam die Oberhand gewann. Er wollte hier nicht mehr weg.

***

Er war tatsächlich eingeschlafen. Arai hatte ihn ihm Schlaf noch enger an sich gezogen und sie lagen eng umschlungen in den schmalen Bett. Er hatte den Kopf in seiner Halsbeuge vergraben, während Arai ihm warm in die Haare atmete. Jurek sog den Duft ein, der von ihm ausging. Er roch nach einer Mischung aus Wald und Schnee und etwas, das er nicht ganz definieren konnte. Ein angenehmer Geruch.
Das Feuer war ausgegangen und es war in der Hütte kälter geworden. Durch das Fenster drang bereits Tageslicht herein, auch wenn es noch nicht allzu spät sein konnte. Jurek drängte sich noch ein wenig enger an Arai, genoss die Wärme, die von seinem Körper ausging. Ein leises, zufriedenes Brummen vibrierte in Arais Brust.

Jurek hob den Kopf und musterte das entspannte Gesicht. Er war schön, die Züge ebenmäßig, dass einer der Hofkünstler für die höhere Gesellschaft seine Freude daran gehabt hätte. Sogar seine Wimpern waren hell.
Ein Lächeln zuckte in Arais Mundwinkeln. „Genug gestarrt?“, fragte er mit einer Stimme, die noch rau vom Schlaf war, doch Belustigung schwang darin mit.
Jurek lächelte und er fühlte, wie ihm die Wärme in die Wangen stieg. „Nein“, gab er wahrheitsgemäß zurück, was ihm ein zufriedenes Lächeln einbrachte.
Sanftheit lag in den grünen Augen, als Arai die Hand hob und ihm die Handfläche an die Wange legte.

Mit einem Seufzen setzte er sich auf. „Wenn ich könnte, würde ich am liebsten einfach hier bleiben.“
Arai stützte sich auf einem Ellenbogen auf und sah ihn an. „Du kannst es ja.“
Jurek grummelte und fuhr sich mit einer unwirschen Geste durch die Haare. „Ich fürchte, ich muss jetzt wirklich bald gehen.“
Bedauern zuckte über Arais Gesicht. „Schade.“ Der Lorelei beugte sich vor und hauchte ihm einen letzten Kuss auf die Lippen. Ein zaghaftes, hoffungsvolles Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen. „Kommst du denn wieder?“ Seine Fingerspitzen glitten sanft über Jureks Haut.
„Wenn es mir die Zeit erlaubt und ich mich wegstehlen kann, ja. – Aber ich kann keine Versprechungen machen, wann das sein wird.“
Arai nickte. Das Lächeln vertiefte sich und das Grün seiner Augen strahlte. „Ich freue mich! Du bist jederzeit willkommen.“
Jurek erwiderte das Lächeln. Etwas regte sich in seinem Inneren, das er nicht so klar zu definieren wusste. Er empfand schon fast so etwas wie Zuneigung für ihn und jetzt gehen zu müssen, erfüllte ihn nicht unbedingt mit Freude, doch es blieb ihm nichts anderes übrig.
„Bringst du mich noch bis zum See?“
„Natürlich.“ Jurek erwiderte das Lächeln, das sich auf Arais Gesicht gebildet hatte, und hauchte ihm weiteren Kuss auf die Lippen.

***
So sehr er sich auch bemühte, sich den Weg zum See zurück einzuprägen, irgendwann hatte er dann doch die Orientierung verloren. Schweigend stampften sie nebeneinander her. Der Schnee knirschte unter ihrem Gewicht und Jurek nahm sich die Zeit, die Schönheit des Winters in sich aufzunehmen. Wenn es nicht so furchtbar kalt wäre, könnte er sich die weißen Landschaften ja stundenlang ansehen, ohne sich daran satt zu sehen.
Er warf Arai einen verstohlenen Blick zu. Der Lorelei ging neben ihm. Sie sprachen nicht, doch es war keine unangenehme Stille. Arai hob den Blick und sah ihn an. „Was ist los?“
Jurek fühlte, wie ihm eine verräterische Röte in die Wangen stieg. „Nichts.“
„So, so.“ Sein Begleiter schmunzelte.
Sie traten hinaus an das Seeufer. Er hatte ihn zu dem Felsplateau.

„Eigentlich ist es ja erstaunlich“, murmelte Jurek leise und der Lorelei drehte ihm den Kopf zu. „Das mit uns. Ein Mensch und ein Lorelei. Wenn das jemand wüsste...“ Er schüttelte schnaubend den Kopf.
Eine scharfe Falte erschien auf Arais Stirn, als er die Brauen zusammenzog. Eine helle Haarsträhne fiel ihm in die Stirn, die er mit einer nachlässigen Geste zur Seite strich. „Wovon sprichst du, Jurek?“
„Naja, bei uns erzählt man sich Schauergeschichten darüber, dass ihr Menschen ertränkt, die zu euch an den See kommen. Dass ihr sie an den Grund des Sees zieht, bis sie sich nicht mehr wehren und doch sind wir-“ Jurek stockte.

Aus Arais Zügen war jegliche Wärme gewichen und sein Blick wurde hart. „Wir sind keine Monster“, brachte es mit rauer Stimme aus ihm hervor. Verdammt!
Jurek streckte die Hand nach ihm aus, hielt ihn am Handgelenk zurück.  „Arai, nein! So war das nicht…“, begann er, doch der Lorelei ließ ihn nicht ausreden.
„Aber gut zu wissen, dass du uns immer noch dafür hältst. Ich hatte gehofft, wir hätten beide dazu gelernt“, es klang bitter und verletzt. Der Lorelei hatte die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst. Mit einem Ruck entwand er sich Jureks Griff, nahm Anlauf und sprang kopfüber in den See, bevor er ihn davon abhalten konnte.
„Arai!“

Stille. Jurek starrte auf das Loch im Eis. Der plötzliche Druck auf seiner Brust überfiel ihn ohne Vorwarnung. Er hatte ihn verletzt. Seine Worte hatten ihn verletzt, sie waren unbedacht von ihm gewesen. Der Abend, der Morgen, es war so schön gewesen und nun hatte er es zerstört.

„Arai!“, rief er erneut. „Bitte, es tut mir leid!“ Seine Stimme schallte ungehört über den See. Nichts rührte sich. Er musste geahnt haben, dass er ihm nicht in den See folgen würde.

***

Schweren Schrittes kam er zuhause an. Sein Vater öffnete ihm mit verschlossener Miene die Tür. „Wo kommst du her?“
Jurek schnaubte. „Von draußen.“ Er versuchte sich an ihm vorbei in die Hütte zu schieben, doch die Hand seines Vaters packte ihn hart am Arm.
„Das kann ich sehen, Sohn. Wo bist du gewesen?“ Der Ausdruck in seinen Augen war hart und unnachgiebig.
„Ich musste etwas erledigen“, murmelte er. Sein Vater musterte ihn eingehend, bevor er sagte: „Du riechst nach Schnee und Wald.“ Er ließ ihn los.
Jurek drängte sich an ihm vorbei in die Hütte und blieb vor dem Feuer stehen. Er fror und die Hitze, die von den Flammen ausging, war eine Wohltat auf den steif gefrorenen Gliedern. Die Haut an seinen Oberschenkeln kribbelte unter der Wärme und er widerstand mühsam den Drang, sich kratzen zu wollen. Jurek streckte die Handflächen aus und genoss die Wärme auf der Haut. Sein Nacken kribbelte und er fühlte den Blick seines Vaters auf sich.

„Ich erwarte, dass du mich heute in die Schmiede begleitest.“ Der Tonfall ließ keinen Widerspruch zu und er nickte, ohne sich umzudrehen. Einen Augenblick später fiel die Haustür zu. Jurek entwich ein tiefes Seufzen und er senkte den Kopf und schloss die Augen.
Schmerz saß in seiner Brust, pulsierte bei jedem Herzschlag.

„Du bist wieder da.“ Er zuckte zusammen und drehte sich halb zu seiner Mutter um. Sie stand ein Stück weit hinter ihm, eine angefangene Stickarbeit noch in der Hand. Er hatte sie zuvor nicht bemerkt.
„Ich schätze, ich sollte Vater nicht warten lassen“, presste er zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor und wollte sich abwenden, doch sie hielt ihn zurück.
„Jurek, bitte, was ist los mit dir?“ Er wollte die Besorgnis in ihren Augen nicht sehen. Sein Kiefer und seine Zähne schmerzten unter dem Druck, mit der sie aufeinander biss. Rührte der Schmerz in seiner Brust von einem schlechten Gewissen her?
„Ich denke, es ist besser und sicherer für dich, wenn du nichts damit zu tun hast“, gab er mit rauer Stimme zurück und verließ mit eiligen Schritten die Hütte, bevor sie ihn abermals aufhalten würde.

Wie viel wusste sie schon über die Sache zwischen ihm und Arai? Was hatte sie sich schon zusammen gereimt? Sie wusste, dass er bei den Lorelei gewesen war, um an die Fische zu kommen. Aber darüber hinaus?

Er ignorierte die Grüße, mit denen man ihm bedachte, als er um die wenigen Ecken bog, bis er bei der Schmiede seinen Vaters war. Die breite Gestalt ragte als dunkler Schemen vor dem Feuer auf, als er eintrat. Er drehte ihm kurz den Kopf zu, bevor er damit fortfuhr die Glut weiter anzufachen. Das gleichmäßige Zischen des Blasebalgs hatte irgendwie etwas Beruhigendes.

„Ich erwarte, dass du von nun ab, wieder häufiger bei mir in der Schmiede bist, Sohn.“ Jurek sah nur stumm auf seinen Rücken. „Du hast viel zu viel andere Dinge im Kopf und bist unkonzentriert. Wenn du diese Arbeit eines Tages übernimmst, wirst du lernen müssen, dich nicht ablenken zu lassen. Wie willst du deine Arbeit vernünftig machen, wenn du nicht bei der Sache bist? Ich möchte nicht hören, dass du den Ruf der Schmiede in den Schmutz ziehst, wenn ich dir das Geschäft übergebe. Es wäre eine Schande für mich und das werde ich nicht zulassen. Hast du mich verstanden?“
Jurek schluckte. „Ich verstehe, Vater.“
Er hatte im Augenblick nicht die Kraft, ihm zu widersprechen; ihm zu sagen, dass er nicht vorhatte in seine Fußstapfen zu treten, aber vielleicht würde ihm die Ablenkung auch helfen.

***

Jurek kam atemlos beim Seeufer an. Seit Tagen band ihn sein Vater in der Schmiede ein, dass er es abends noch gerade so ins Bett schaffte. Seine Arme schmerzten von den ungewohnten Bewegungen der Schmiedearbeiten.
Er holte tief Luft und rief laut: „Arai! Bist du hier?“
Atemlos starrte Jurek auf den See. Nichts rührte sich. „Bitte, ich will nur mit dir reden!“ Verdammt, er musste ihn doch hören, oder nicht?

Er sah den hellen Leib einer Lorelei unter der Oberfläche, der sich auf ihn zu bewegte. Erleichtert atmete er aus. Ein heller Kopf tauchte aus dem Wasser auf und strahlend blaue Augen begegneten seinen. Er stockte. Eine weibliche Lorelei mit silbernem Haar trieb vor ihm im Wasser. Ihr Oberkörper war nur unter der Oberfläche und das lange Haar verdeckte die Blöße ihrer Brüste und sie kreuzte zusätzlich die Arme vor der Brust.

„Er will dich nicht sehen, Mensch.“ Die Stimme der Frau war glockenhell und in dem Tonfall schwang Distanziertheit mit.
Jurek schluckte, machte einen Schritt auf die Lorelei zu. Die stumme Warnung, die in ihren Augen aufglomm, ließ ihn wieder verharren. „Nein, bitte, ich will doch nur mit ihm reden.“
„Es tut mir leid“, erwiderte sie, bevor sie sich von dem Felsen abstieß, bereit, wieder zu verschwinden.
„Warte! … Kannst du ihm wenigstens eine Nachricht von mir überbringen?“
Die Lorelei zögerte, atmete zischend ein und stieß einen lang gezogenen Seufzer aus. „Was soll ich ihm ausrichten?“
„Dass es mir leid tut.“ Mit einem Mal fühlte er sich, als wäre alle Luft aus seinen Lungen gewichen.
„Vielleicht solltest du ihm das besser selbst sagen“, erwiderte sie, bevor sie sich von dem Felsen abstieß und verschwand. „Ich werde versuchen, ihn dazu zu bewegen zu dir zu kommen und dich anzuhören. Aber ich verspreche nichts.“
„Danke…“, rief er ihr nach, doch da war sie schon wieder im See verschwunden. Mit einem enttäuschten Seufzen ließ er sich auf das Felsplateau sinken. Nun hieß es wohl abwarten.

Er wartete. Langsam begann er in dem dünnen Wintermantel zu frieren und es wurde langsam dunkel. Doch er konnte hier nicht weg, nicht, bevor er mit Arai geredet hatte.
Hin und wieder meinte er eine Bewegung unter dem Wasser zu sehen und jedes Mal trat sein Herz einen hoffnungsvollen Satz, doch niemand tauchte auf. Jurek rieb die kalten, geröteten Hände aneinander und hauchte sich warmen Atem in die Handflächen.

Er wollte noch nicht nach Hause, nicht bevor er sich mit Arai aussprechen konnte. Er rief erneut seinen Namen. Falls er ihn hörte, machte sich der Lorelei aber nicht bemerkbar. Die schweren Schneewolken schienen sich zu verdichten und es würde nicht mehr allzu lange dauern, bis es weiter schneien würde. Wenn er hier draußen nicht erfrieren wollte, musste er sich langsam einen Plan überlegen. Holz, das trocken genug war, um damit ein Lagerfeuer zu machen, wäre wohl ein Wunder bei dem ganzen Schnee und eine Schneehöhle zu bauen… Die Geschichten kamen ihm wieder in den Sinn, in denen sie ihn als Kind gewarnt hatte, nicht draußen zu schlafen. Wenn er in der Nacht hier draußen erfror…
Die Hütte! Wenn er die Hütte wiederfinden könnte, in der er und Arai sich geküsst hatten, konnte vielleicht dort die Nacht verbringen.

Jurek sah sich um und versuchte sich zu erinnern, in welche Richtung sie in etwa aufgebrochen waren. Weiter nach links? Weiter nach rechts? Vielleicht fand er sie mit etwas Glück. Die Bewegung würde ihm womöglich auch helfen, warm zu bleiben, statt hier auf der Stelle einzufrieren. Er setzte sich langsam in Bewegung.

Seine Schritte waren steif vor Kälte und er kam langsam voran. Die verschneiten Bäume sahen doch alle gleich aus. Wenn er hier den richtigen Weg fand, musste er schon unglaubliches Glück haben.
Er streifte einen Ast und eine Schneelawine fiel von den Zweigen, rieselte ihm in den Nacken. Jurek keuchte, als der kalte Schnee auf seiner Haut schmolz und wischte sich hastig die Brocken aus dem Genick.
Sein Körper war mittlerweile schon so durchgefroren, dass er schlotterte und seine Haut fühlte sich unter dem Stoff kalt an. Jurek bewegte abermals die Finger, bevor er sie wieder unter Achseln steckte, damit sie ein wenig Wärme abbekamen.

Er sah nichts als Bäume, wohin er auch sah. War er überhaupt noch auf dem richtigen Weg, oder war er schon so tief in den Wald vorgedrungen, dass er hier ohnehin nicht mehr hinaus finden würde? Er kniff die Augen zusammen und spähte zwischen den Bäumen hindurch. War da vorne nicht etwas, eine Art dunkler Fleck in all dem Weiß?
Innerlich betete er, dass es dieselbe Hütte war. Langsam hatte er kein Gefühl mehr im Gesicht und brauchte dringen etwas, wo er sich wieder aufwärmen konnte.

Der Atem kam ihm als helle Wolken über die Lippen, als er die letzten Kräfte mobilisierte. Ob es nun Arais Hütte war oder eine andere, wer auch immer dort wohnte, er würde ihn anflehen, bleiben zu dürfen.
Die Fenster der Hütte waren dunkel, als er näher kam, aber wenn er sich nicht irrte, sah sie genau so aus, wie die, in die Arai ihn das letzte Mal gebracht hatte.
Jurek klopfte an die Holztür. „Arai?“ Keine Antwort. Vielleicht war er auch gar nicht da, immerhin brannte im Inneren der Hütte auch kein Licht.
Er drückte die Klinke nach unten und die Tür schwang auf. Unverschlossen, was hatte er doch für ein unverschämtes Glück. Wer auch hier wohnen mochte, er hoffte, man würde es ihm verzeihen, wenn er hier für eine Nacht einbrach.

Dunkelheit war das Einzige, das ihn empfing. Es konnte kaum wärmer sein, als draußen im Schnee, dennoch fühlte es sich bereits nach einer Verbesserung an. Jurek klopfte die Schuhe an der Schwelle ab, bevor er eintrat. Mit steifen Fingern knüpfte er die Bänder auf und zog sich die Stiefel von den Füßen.
Der Holzboden war kühl unter seinen Sohlen, als weiter hinein ging. Im Halbdunkel tastete Jurek sich vorwärts. Das was er hier drin erkennen konnte, ähnelte der Einrichtung vom letzten Mal. Der Kamin befand sich an der gleichen Stelle, wie er es in Erinnerung gehabt hatte. Musste hier nicht irgendwo ein Funkeneisen liegen…? Seine Finger fanden das gebogene Metallstück und ein Feuerstein.

Im Schein der Flammen fand er eine Decke, die zusammen gefaltet auf dem Bett lag und die er um sich schlang, bevor er sich vor der Feuerstelle niederließ. Jurek genoss die Wärme, die davon ausging und seinen ausgekühlten Körper wärmte. Es dauerte nicht lange, bis ihm die Augen zufielen und er in dem Wärmekokon eingeschlafen war.

***

Er wachte auf, als ein kalter Luftzug über ihn glitt. Er zog sich die Decke enger um den Körper, bevor er die Augen öffnete und sich stöhnend aufrichtete. Die Nacht am Boden rächte sich nun. Vielleicht hätte er doch das Bett in Anspruch nehmen sollen.
Eine Gestalt ragte im Türrahmen auf. Winterluft und Schneeflocken wehten an ihr vorbei in die Stube.
„Jurek…“, er zuckte zusammen, als er die Stimme erkannte und sein Herz begann heftig in seiner Brust zu schlagen. „Was machst du hier?“ Arai schloss die Tür hinter sich und öffnete die Schließe seines Umhangs.
Jurek streckte sich, um die schmerzenden Muskeln ein wenig zu lockern. „Ich wollte mich bei dir entschuldigen.“ Er wickelte sich aus der Decke und rappelte sich mit einem Ächzen auf. „Ich habe nicht darüber nachgedacht, was ich da gesagt habe.“
Arai sah ihn mit unleserlicher Miene an. „Warum bist du hier?“, seine Stimme klang rau und er räusperte sich.
„Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe, Arai.“
Der Lorelei holte tief Luft und atmete sie mit einem langen Ausstoßen wieder aus.

„Bei unserer ersten Begegnung…Warum hast du mich damals in den See gelockt?“
Arai ließ sich stöhnend neben ihn auf den Boden sinken und vergrub das Gesicht in den Händen. „Es war besser so“, murmelte er leise. Mit einer seltsam hilflosen Geste fuhr sich der Lorelei durch die Haare. „Es war einfacher die Situation so zu lösen, dass sich ihre Vorurteile erfüllen.“
Jurek runzelte die Stirn. „Wovon sprichst du?“
„Von den beiden Jungs im Wald, die uns beobachtet haben.“
„Moment! Dan und Kuren war dort?“
Arai blickte zu ihm und hob eine Augenbraue. „Du kanntest sie?“
Jurek verzog das Gesicht. „Sie waren der Grund, warum ich überhaupt erst hierhergekommen bin“, murmelte er. „Es war eine Art …naja, Mutprobe, wenn du so willst, da ich nicht an eure Existenz geglaubt habe.“
Ein Lächeln huschte über Arais Lippen. „Tust du es denn jetzt?“
Jurek erwiderte das Lächeln und beugte sich näher zu ihm, den Blick fest auf ihn gerichtet. „Was denkst du denn?“, fragte er leise. Das Lächeln auf Arais Lippen wurde breiter. Die Antwort reichte ihm offenbar.

Jurek zog sich wieder zurück und seine Mundwinkel sanken herab, als er wieder auf das eigentliche Thema zurücklenkte. „Sie müssen mir hierher gefolgt sein.“
Der Lorelei neigte zustimmend den Kopf. „Wahrscheinlich. Ich dachte, wenn ich ihnen das biete, was sie sich erwarten und das Monster aus dem See mime, hätten wir hier unsere Ruhe.“
„Also war ich nur ein Mittel zum Zweck?“
„Zum Teil. Wäre es dir lieber gewesen, ich hätte dich wirklich ertränkt?“, fragte er mit kaum verhohlenem Spott in der Stimme. Jurek fühlte seinen Blick auf der Haut.
„Was ist der andere Teil?“
Ein langer Seufzer kam von Arai. „Ich war neugierig“, sagte er schließlich. Er wirkte fast ein wenig verlegen und blickte in die Feuerstelle, in denen die Überreste des Holzes schwarz und verkohlt darin lagen. „Es verirren sich nur noch selten Menschen hierher, war an euren Erzählungen liegen dürfte. Und die paar, die trotzdem im See landen aus Dummheit oder sonst wie…“
„Rettet ihr sie oder lässt ihr sie ertrinken?“ Die Frage war schneller heraus, als Jurek es hätte zurückhalten können.
Arai verzog das Gesicht. „Wir bringen sie an Land. Manchmal ist es allerdings dann für sie schon zu spät. Möchtest du etwa die Leichen von Ertrunkenen in deinem Lebensraum haben?“
Jurek überging die Frage. „Du hast mich auch wiederbelebt. Warum ausgerechnet mich?“

„Ich wollte kein Blut an den Händen haben. Dass du überlebt hast, nun, ich habe es ja noch rechtzeitig bemerkt.“ Er verzog das Gesicht und lächelte ein Lächeln, das Jurek nicht so recht zu deuten wusste; es war irgendwie mehr Grimasse als Lächeln.
Die Erinnerung kehrte zurück. Das Dröhnen, der Luftmangel. Das Wasser, das über seinem Kopf zusammenbrach. Die Kälte. Atmen, er musste atmen.

Eine Hand packte ihn an der Schulter, schüttelte ihn. „…rek!“, Arai schrie ihn an, die Stimme holte ihn in die Realität zurück. Er blinzelte, die Hütte kehrte zurück und Arai, der ihm mit besorgtem Blick betrachtete. Er fühlte seinen Atem auf der Haut.
„Tut mir leid, es hat… Erinnerungen hochgebracht.“
Die Hände blieben noch einen Moment auf seinen Schultern liegen, bevor der Griff sich lockerte. „Es tut mir leid, Jurek.“ Arais sah ihn eindringlich an.
„Schon gut.“
Arai schwieg.

Jurek ließ sich Zeit mit einer Erwiderung. „Was ist das dann bei uns?“ Er sah vorsichtig zu Arai hinüber.
„Ich weiß es nicht“, entgegnete der Lorelei, seine Stimme war leise. „Vielleicht eine Freundschaft – wenn wir es noch einmal versuchen wollen.“

***

Die Menschen steckten tuschelnd die Köpfe zusammen und wandten hastig den Blick von ihm ab, als ins Dorf zurückkehrte. Der Ausdruck in ihren Augen gefiel ihm nicht. Hass. Angst – vor ihm? Was war hier passiert? Jurek fühlte, wie sich die Härchen auf seinen Armen aufstellten. Ihre Reaktion verhieß nichts Gutes.

Das gesamte Dorf hatte sich auf dem Hauptplatz versammelt. Sie wichen vor ihm zurück, machten ihm Platz, er sich einen Weg durch die Menge bahnten. „Was ist los?“, fragte er laut. Ein unwohles Gefühl in seinem Inneren beschlich ihn. Der Kreis hinter ihm schloss sich. Er drehte sich einmal um die eigene Achse, blickte in abweisende Gesichter. Verschlossene, abweisende. Der Hass funkelte in ihren Augen.
„Jurek, dir wird der Kontakt zu den Lorelei vorgeworfen.“
Er drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme des Sprechers gekommen war. Willfred, einer der älteren Dorfbewohner, der als Richter in Streitangelegenheiten diente, stand auf einem Karren, um die Menge überragen zu können. Mit harten Blick blickte auf ihn hinunter. Die Angst legte sich wie eine kalte Umarmung um ihn und er versuchte, den Kloß in seinem Hals hinunter zu schlucken.
„Bestreitest du diese Anschuldigung?“

Jurek hob den Kopf, suchte in den Gesichter nach Hilfe, doch ihre Gesichter waren verhärtet, verächtlich und die Augen waren dunkel vor Zorn. Hass.
Das Gefühl drohte ihn beinahe zu ersticken, fühlte sich an wie unzählige Stiche in seinem Inneren.

„Ich bin noch am Leben!“, warf Jurek mit fester Stimme ein. „Sie haben mir nichts getan.“
„Ja, weil du eines ihrer Liebchen bist.“ Andere murmelten zustimmend. Jurek konnte den Sprecher in der Menge nicht ausmachen. Er schwieg. Das lief hier gerade gewaltig schief.

„Wurdest du von den Lorelei beeinflusst?“, richtete Willfred das Wort wieder an ihn.
Jurek zögerte. Er dachte an seine erste Begegnung mit Arai zurück, an seine Stimme in seinem Kopf, die ihn zu sich lockte. Mit einem flauen Gefühl im Magen, schluckte er.
„Ja.“
„Wurdest du auch beeinflusst, als man dich mit der Lorelei sah, dich unterhalten hast?“
Er zögerte. Sollte er die Frage bejahen oder lügen? Was würden sie mit ihm anstellen? Was würden sie den Lorelei, Arai, antun, wenn er die Schuld auf sie abwälzte? Von welcher Unterhaltung war hier überhaupt die Rede? – Eine Frage, die er besser nicht laut stellen würde.
Er schluckte. „Nein“, seine Stimme klang heiser.
„Und wurdest du auch nicht beeinflusst, als man dich und den Lorelei gesehen hat, wie ihr euch Unsittlichkeiten hingegeben habt?“
Unsittlichkeiten. Er hob den Blick und sah zu Milos hinüber, der ihn mit verschränkten Armen beobachtete. Da waren die Dinge, die sie gemeinsam angestellt hatten, bei weitem unsittlicher als Arais Küsse. Unsittlich, das war die falsche Bezeichnung. Welche Märchen hatten sie ihm erzählt?
„Eine Antwort, Junge!“
Jurek schwieg und krallte die Finger in den Stoff seiner Hose. Die Umstehenden begannen nervös zu murmeln.
„Nichts? Nun gut, da es ohnehin Zeugen für diese Unzucht gibt, werden diese zu Rate gezogen, zumal du selbst noch eine überdeutliche Markierung des Loreleis trägst.“ Warum hatte er dann überhaupt gefragt? Um ihn in eine Falle zu locken?
„Angesichts deines Zugeständnisses mit den Lorelei verkehrt zu haben, verurteile ich dich im Namen der Dorfgemeinschaft zum Tode.“ Etwas in ihm fiel und sein Körper fühlte sich plötzlich leichter an. Kalter Schweiß breitete sich auf seinem Körper aus. Eine Hinrichtung.
Jurek räusperte sich. „Mit welcher Begründung?“, seine Stimme war kaum mehr als ein Krächzen. Augen starrten ihn an, er sah die unterdrückte Wut dahinter.
„Wie wäre es mit Verrat?“ Jurek sah den Sprecher in der Menge nicht, aber es die allgemeine Meinung zu sein.

„Also…“ Willfreds Stimme ging in den Rufen beinahe unter.
„Also“, rief er nun nachdrücklicher und die Menge beruhigte sich ein wenig. „Wie sollen wir nun mit ihm verfahren?“, richtete er das Wort an die Menge.
„Wir sollten ihn ertränken!“, schlug eine Stimme in der Menge vor. Zustimmendes Gemurmel erschwoll. „Ja, zurück ins Wasser und zu seinen Bewohnern, die ihn ja so freudig aufgenommen haben.“  Die Menschen johlten und ihm wurde übel.
Er sah die Gesichter seiner Eltern in der Menge, die nur ausdrucklos beobachtete. Jurek wollte etwas sagen, die bitten ihm zu Hilfe zu kommen, zu widersprechen, irgendetwas. Sein Vater wandte sich demonstrativ von ihm ab und seine Mutter sah ihn nur stumm und leidender Miene an. Er wusste nicht, wo seine Schwestern waren.

Hände packten ihn, verdrehten ihm die Arme auf den Rücken und machten ihn bewegungsunfähig. „Nein, bitte…“, begann er, doch niemand schenkte ihm Gehör. Man zwang ihn auf die Knie.
Jemand hatte einen groben Strick hervor, schlang sie um seinen Oberkörper, fesselte seine Arme auf den Rücken. Jurek wehrte sich gegen die Stricke, doch gegen sie waren viel zu zahlreich.

„Bitte!“, seine Stimme bebte und er schluckte hart. Blinzelnd versuchte er ihnen in die Gesichter zu sehen, doch sein Sichtfeld war verschwommen von Tränen. Tränen aus Wut und Schmerz, die heiß über seine Wangen liefen.
Zwei Männer packten ihn an den Oberarmen und stellten ihn auf die Füße. Jemand spuckte ihn an und er kniff die Augen zusammen, als es seine Wange traf. Angeekelt verzog er das Gesicht und versuchte die Wange an seinem Hemd abzuwischen, als eine Hand in seine Haare fuhr und seinen Kopf in den Nacken riss. Er verzog das Gesicht vor Schmerz.

Willfred war von dem Wagen herunter gestiegen und hatte sich einen Weg durch die Menge gebahnt. Sein Gesicht eine abweisende Maske, als er vor ihm stehen blieb.
„Du bist Abschaum“, zischte er an seinem Ohr. „Ein elender Verräter deines Volkes, des Dorfes, deiner Familie.“ Er spuckte vor ihm auf den Boden aus. Jurek presste die Kiefer zusammen, bevor er zwischen zusammen gebissenen Zähnen ein „Bastard“ hervor stieß.
Willfred lächelte herablassend auf ihn hinunter. „Auf geht’s bringen wir es hinter uns!“

***

Eine Gruppe Männer flankierten ihn, er war ein Gefangener, der wie Vieh auf die Schlachtbank geführt wurde. Einige Male stolperte Jurek über die kleinen Unebenheiten des Pfades und wäre gefallen, wenn man ihn nicht noch rechtzeitig weitergeschleift hätte.

Mit aufgerissenen Augen starrte er in das Loch im Eis. Das Wasser darunter glänzte dunkel.  Arai hatte gesagt, dass der See im Winter kaum bevölkert war. Niemand war da, der ihn heraus ziehen würde, wenn er es nicht durch ein Wunder selbst an die Oberfläche schaffte. Er würde langsam ertrinken - und dieses Mal, ohne dass ein Lorelei sich seiner Erbarmen würde.

Ein Stoß in seinen Rücken ließ ihn nach vorne stolpern, direkt auf das Loch zu. Jurek versuchte sich auszubalancieren, doch das Eis war zu rutschig, um ihn Halt zu geben und er fiel.

Lähmende Kälte schloss sich um seinen Körper, Wasser drang in seine Lungen. Er sank, seine Kleidung hing schwer an ihm und schien ihn weiter hinunter zu ziehen. Über sich konnte er unscharf die Eisfläche ausmachen. Die Dorfbewohner waren dunkle Flecken auf dem Eis, sie bewegten sich, bewegten sich fort.
Jurek ruckte an den Seilen, versuchte die Arme irgendwie heraus zu winden, doch die Knoten waren zu fest. Es war bittere, humorlose Ironie, dass er dabei war zu ertrinken. Luftblasen strömten aus seinem Mund, die sich als helle Blasen an die Oberfläche bewegten. Seine Lungen rebellierten vor Luftmangel.

Von irgendwo hörte er gedämpft, wie etwas in den See eintauchte, spürte den Wasserdruck, den es verursachte. Er zwang seine Augen einen Spalt weit auf. Undeutlich sah er eine Gestalt auf ihn zu schwimmen, ein Mensch? Ein Schimmern umgab ihn, verdichtete sich. Die Beine verschwanden in dem weißen Licht, einen Herzschlag später fuhr eine gewaltige Schwanzfloss durchs Wasser. Der Lorelei kam näher, streckte die Hand nach ihm aus. Helle Schwimmhäute, die sich zwischen den Fingern spannten, schwarze, gebogene Nägel.
Arai…

Die Dunkelheit verdichtete sich um ihn.

***

Ihm war warm, als er wieder wach wurde. Entfernt hörte er das Knistern eines Feuers und der. Es fühlte sich fast so an, als würde er die Erinnerung an sein letztes Fast-Ertrinken erneut erleben. Mit einigen Unterschieden. Zum einen lag er nicht aus einem Moosbett, sondern hatte ein echtes Kissen unter dem Kopf und lag auf einer, wenn auch schon durchgelegenen, Matratze, in einem richtigen Bett. Zum anderen lag er hier nicht allein. Jurek spürte einen zweiten Körper, der dicht an ihn geschmiegt hinter ihm lag, der zugehörige Arm lag quer über ihm.

Jurek bewegte sich, versuchte von dem Körper ein wenig abzurücken, doch der Griff um seine Taille spannte sich mit einem Mal, verhinderte, dass er aus dem schmalen Bett gefallen wäre.

Er sah an sich hinunter. Die Kleider, die er am Leib trug, waren nicht seine eigenen. Das weite, helle Hemd war ihm fast ein wenig zu groß und die Hose könnte ihm, wenn er nicht aufpasste, glatt über die Hüften rutschen.
Das Bett war näher an die Feuerstelle gerückt worden, nah genug, um zusätzliche Wärme zu spenden, aber doch weit genug entfernt, dass nicht eines der Felle aus einer Unachtsamkeit heraus, Feuer fangen konnte.

„Hass ist eine so unschöne Sache“, murmelte Jurek heiser.
„Das ist sie“, gab Arai leise zurück und er zog Jurek ein Stücken enger an sich und Jurek schmiegte den Kopf an seine Halsbeuge. Nur für einen kurzen Moment den anderen Körper an sich zu spüren und die Wärme, die von ihm ausging. Dem gleichmäßigen Atem zu lauschen und einen Moment den Kopf abschalten zu können. Nicht denken, einfach nur fühlen und Kraft tanken.

„Ich will da nicht mehr zurück“, flüsterte er und schloss die Augen wieder. Er fühlte, wie Arais Hand über seine Wange strich und seinen Atem auf der Haut, als er sich über ihn beugte. Einige Haarsträhnen kitzelten ihn an der Stirn.
„Das musst du auch nicht“, murmelte Arai leise und zog ihn enger an sich. „Ich habe dir schon einmal angeboten hier zu sein und ich nehme es auch nicht zurück. Du kannst solange bleiben, wie du willst.“
Mit einem Seufzen schmiegte sich Jurek enger an den warmen Körper und genoss die Umarmung. Das war genau das, was er jetzt brauchte, sich halten zu lassen. Arais Finger zogen Kreise auf seinem Rücken und einen Moment später berührten weiche Lippen seine Stirn, als der Lorelei ihm einen Kuss auf die Stirn gab.

***

Die Sonne schien schon warm auf den Felsen und Jurek genoss die Wärme auf der Haut. Mit der Linken hatte er sich auf dem Fels abgestützt, die Beine vor sich ausgestreckt, während er mit der rechten behutsam durch Arais Haare fuhr, sich ein paar der Strähnen durch die Finger gleiten ließ. Arai lag neben ihm, hatte den Kopf in seinem Schoss abgelegt. Dem Lorelei entwich ein zufriedenes Brummen, als Jurek begann ihm sanft den Nacken zu kraulen.

„Hm?“, Arai drehte ihm den Kopf zu, blinzelte gegen die Sonne, als er zu ihm hochblickte. Durch den Lichteinfall strahlte das Grün seiner Augen noch mehr. Jurek lächelte auf ihn hinunter. Das Glücksgefühl und die Freude, die er empfang, strömte durch seinen Körper und hinterließ ein warmes Gefühl im Bauch.

„Und das alles nur, weil Lorelei damals einen Menschen geliebt hat“, murmelte er gedankenverloren und strich Arai eine Strähne aus der Stirn.
„Lorelei war nicht die erste meiner Art“, warf Arai ein und setzte sich auf. Jurek drehte ihm überrascht den Kopf zu und blinzelte. „War sie nicht?“
Arai schüttelte verneinend den Kopf und lehnte sich zurück. „Nein. Sie war vielleicht bloß die Einzige, an die sich dein Volk noch erinnert.“
„Es gab noch mehr solcher Vorfälle? Dass Ertrunkene zu Lorelei wurden?“
„Lorelei war von Anfang an eine von uns. Sie wurde nicht verwandelt, weil jemand Mitleid mit ihrem Verschwinden aus dem Reich der Menschen hatte, wie man es bei dir im Dorf erzählt hat. Lorelei kehrte nur nach dem Tod ihres Geliebten nach Hause zurück.
Manche sind der Ansicht, dass ein Mensch dazu verflucht wurde, teilweise ein Leben als Flussgeist zu führen; andere erzählen, dass wir die Nachkommen eines Menschen und einer Nymphe sind. Die Meinung gehen da auseinander.
Mein Schwarm ist auch nicht der einzige, der existiert. Es gibt auch einige, die weit draußen im Meer leben, auch wenn man ihnen andere Namen gegeben hat. Aber sicher ist, dass Lorelei nicht die Erste war, die mit den Menschen verkehrte.“
Arai warf ihm einen Seitenblick zu und schmunzelte. „Und wie es aussieht, war sie auch nicht die letzte.“
Ein fast schon verlegenes Lächeln machte sich auf Jureks Gesicht breit und er wandte den Blick, ab, blickte hinaus auf den See. Das Wasser glänzte und Jurek sah die schimmernden Silhouetten der Schwimmenden unter Wasser. Ein Fischschwanz durchbrach die Oberfläche und die silbernen Schuppen glänzten im Licht. Die Schwanzflosse schlug auf das Wasser und Tropfen spritzen nach allen Seiten weg, als die Lorelei wieder tiefer tauchte.

Die anderen Lorelei schienen sich auch langsam an seine permanente Anwesenheit zu gewöhnen, auch wenn es immer wieder einmal kleinere Reibereien zwischen ihnen gab. Er war ja kein Fremder mehr.

Jurek blickte auf die Schuppen auf Arais Handrücken hinunter, der sich mit dem Armen auf dem Felsen abgestützt hatte und sich von der Sonne bescheinen ließ. Er streckte die Hand danach aus und fuhr leicht über den schuppigen Arm hinauf. Der Lorelei öffnete die Augen und sah ihn an, Amüsiertheit lag in seinem Blick.

Dieser Ort, die Lorelei, die kleine Hütte im Wald, Arai - es war sein Zuhause geworden. Zwar eine, von der er nie gedacht hätte, sie hier zu finden, aber eine, die um nichts in der Welt wieder aufgeben wollte. Es fühlte sich irgendwie richtig an, als wäre er angekommen an dem Ort, an dem er wirklich hingehörte.

Er seufzte zufrieden auf. „Ich bin gerne hier“, murmelte er.
„Bist du?“ Der Schalk blitzte in Arais Augen auf und er brachte das Gesicht ein wenig näher an seines.
Ein abfälliges Schnauben entwich Jurek und er schlug ihm leicht gegen den Oberarm. „Das weißt du doch!“
Das Grinsen auf den Lippen seines Freundes vertiefte sich. „Es tut immer wieder gut, es zu hören“, schnurrte er ihm zu.
Jurek schnaubte. „Du kannst so ein Idiot sein“, grummelte er, bevor er die Hände in Arais Nacken legte und ihn küsste.
Sein Körper kribbelte vor Glücksgefühlen, die durch ihn strömten und sein Herz schlug aufgeregt in seiner Brust. Arais Hände packten ihn und zogen ihn näher an ihn heran.
Ja, so sollte es sein. Wärme, Geborgenheit. Etwas, das vielleicht schon über Freundschaft und Gefälligkeiten hinausging. Er wollte hier wirklich nicht mehr weg.
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