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Letztes Weihnachten

von Tilajasar
OneshotTragödie / P12 / Gen
Greaseball Papa Rusty
24.12.2017
24.12.2017
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1.967
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24.12.2017 1.967
 
Da ich es lieber etwas düsterer mag, ist das hier auch alles andere als ein happy-go-lucky Oneshot. Nichtsdestotrotz wünsche ich euch frohe Weihnachten! Vielleicht schenkt mir ja der ein oder die andere ein Review, würde mich freuen. ^_^

***

Es ist gespenstisch still. Kein Laut dringt durch die sternenklare Nacht. Kein Knarzen der Bäume, kein Rascheln nachtaktiver Tiere, kein Geräusch vorbeifahrender Züge. Die Stille hat etwas Gespenstisches, etwas Unheimliches, etwas Bedrohliches. Als würde die Zeit still stehen. Als würde sich dieser Moment, in dem nichts passiert, zu einer Unendlichkeit ausdehnen. Eine Unendlichkeit gefangen in der Dunkelheit. Ohne Hoffnung auf Änderung, ohne Hoffnung auf einen neuen Sonnenaufgang.

Rusty steht an sein Depot gelehnt, die Arme vor dem Körper verschränkt, und richtet den Blick nach oben. Der Wasserdampf, den er ausstößt, kondensiert sofort und wird als kleine weiße Wolke davongetragen. Wie gern würde er mit ihr fliegen. Aber das ist ihm nicht vergönnt. Er muss hier auf dem Boden bleiben. Er muss warten. Warten bis auch für ihn das unvermeidliche Ende kommt.

Letztes Jahr um diese Zeit hatte er noch Hoffnung gehabt. Letztes Jahr war er noch nicht so allein gewesen. Er erinnert sich noch genau, wie er mit Pearl eine Schneeballschlacht machte, um sie aufzumuntern nachdem die anderen Personenwaggons einem anderen Bahnhof zugeteilt wurden. Damals ahnte er nicht, dass das nur der Anfang vom Ende sein sollte. Pearl lachte so herzlich, als er sich mit ihr im Schnee kugelte. Sie hatten so viel Spaß. Er ist sich sicher, dass er nur die Augen zu schließen braucht und schon würde er wieder ihre helle Stimme hören, wieder ihre schönen Augen funkeln und ihr bezauberndes Lächeln sehen. Aber er schaut weiter zum Himmel, lässt seinen Blick über die vielen glänzenden Sterne gleiten. Egal was hier unten geschieht, sie sind immer da und werden immer da sein, auch wenn es den Bahnhof und all seine Züge und Waggons nicht mehr gibt. Dessen ist sich Rusty immer sicher gewesen.

Es gab eine Zeit und sie lag nicht mal in allzu ferner Vergangenheit, da glaubte er, das Glück würde ewig währen. Da glaubte er zu wissen, seinen Platz gefunden zu haben und für immer ausfüllen zu können. Einen Platz als Lok, zu einem Bahnhof gehörend, der eine Gemeinschaft von Zügen und Waggons beheimatete, von dem aus er ganz nach Controls Wünschen seine täglichen Touren unternahm. Mal mit den Personenwagen, mal mit den Frachtwaggons. Aber er hatte sich getäuscht. Das Glück währt nicht ewig.

Die erste Zeit freute er sich noch darüber, nicht mehr jeden Tag raus zu müssen und die Zeit ganz wie er wollte mit Pearl verbringen zu können. Aber bald schon merkte er, dass die Tage, an denen Control ihn und die anderen losschickte, immer seltener wurden. Manchmal saßen sie tagelang im Bahnhof und warteten auf einen Abruf. Aus den Tagen wurden bald Wochen und irgendwann meldete Control sich gar nicht mehr.

„Hey, Rusty!“
Aus seinen trüben Gedanken gerissen, wendet Rusty den Blick auf die langsam heranrollende Diesellok. Wie alle Züge muss er aufpassen nicht auf dem glatten feinen Staub, der den Boden bedeckt, auszurutschen. Aber Rusty weiß, dass Greaseball, auch wenn er es gewollt hätte, nicht mehr schneller fahren konnte.
Der Diesel bremst vorsichtig vor ihm. „Es ist kalt. Was machst du hier draußen?“
Rusty zuckt gleichgültig mit den Schultern. Eigentlich weiß er das auch nicht. Er weiß nur, dass er schon eine ganze Weile hier steht.
„Komm doch mit rüber. Die Hopper wollen was vorführen.“
Rusty lächelt wehmütig. „Wie in alten Zeiten?“
Greaseball presst die Lippen zusammen. Die Diesellok sieht alt aus, alt und verbittert. Aber ist das ein Wunder? Er, der Champion, zur Untätigkeit verdammt, ohne Aufgabe, ohne Ziel, ohne Bewunderung und Wertschätzung, die er immer so dringend brauchte. Dinah wurde mit den anderen weggeholt, sie verrichtet sicher irgendwo ihren Dienst, aber Greaseball? Die Diesellok muss hier auf diesem verstaubten Bahnhof vor sich hinrosten, nicht anders als er selbst und all die anderen, die noch übrig sind.
„Gut, ich komme mit. Weil Weihnachten ist.“
„Vielleicht das letzte.“ Greaseball sagt das so tonlos als sei es ihm egal. Er dreht sich einfach um und fährt langsam zurück. Rusty löst sich von der Depotwand und rollt ihm ebenso langsam hinterher.

Der große Platz, über den sie hinwegrollen, ist verlassen. Vorletztes Jahr stand hier noch ein Weihnachtsbaum mit leuchtenden Kugeln. Jeden Abend drängte Pearl ihn zu dem Baum zu fahren, nur um ein paar Minuten in klirrender Kälte seine Schönheit zu bewundern. Wie die Jahre zuvor hatte Rusty immer die Zeit darauf verwendet die Kugeln zu zählen und wie die Jahre zuvor war ihm aufgefallen, dass der Baum immer genau gleich aussah. Aber Pearl erfreute sich Jahr für Jahr an ihm. Bis er letztes Jahr nicht mehr da war. Damals amüsierten sie sich noch darüber, dass Control vergessen hatte, dass Weihnachten ist. Kurz darauf verschwanden Buffy, Ashley und Dinah. Nein, sie verschwanden nicht einfach. Sie verabschiedeten sich noch tränenreich. Aber sie mussten gehen. Sie hatten keine Wahl. Control hatte so entschieden. Oder er hatte es nicht verhindert.

Während er hinter Greaseball herrollt fragt Rusty sich einmal mehr, warum sich alles so schnell geändert hat. Warum jetzt alles so schlimm für sie aussieht. War es vielleicht ihre eigene Schuld? Waren sie nicht schnell genug, haben sie Controls Aufträge nicht zu seiner Zufriedenheit erfüllt? Hatte er sich aus Enttäuschung darüber anderen Projekten zugewandt? Diesen und ähnliche Gedanken wälzend, hält Rusty hinter Greaseball. Sie stehen vor dem einzigen Depot am Platz durch dessen Fenster noch Licht dringt. Es ist warmes Licht, fast als erwarte sie darin anheimelnde Festtagsstimmung.

„Jetzt versuch mal ein bisschen fröhlicher zu gucken. Wenn Papa dich so sieht wird er nicht glücklich sein.“
„Fröhlich?“ Worüber soll er fröhlich sein? Dass er noch nicht den Geist aufgegeben hat wie sein bester Freund Dustin? Darüber, dass er noch nicht so verzweifelt ist, dass er sich komplett zurückzieht wie Caboose? Oder gar darüber, dass er nicht auf Strom angewiesen ist wie Electra, der inzwischen auf Reserve läuft und sich kaum noch bewegen kann?
„Ich mein ja nur. Heut ist Weihnachten. Da sollten wir doch versuchen freundlich zueinander zu sein“, versucht Greaseball zu erklären und fügt mit gesenktem Blick hinzu: „Das hat Dinah immer gesagt.“
„Freundlich und fröhlich ist doch nicht dasselbe.“ Das sollte Greaseball wissen. Aber vielleicht sind auch beides für ihn Fremdworte. Nein. Rusty ringt sich ein Lächeln ab. Er tut dem Diesel unrecht. Als es hart auf hart kam, war Greaseball bereit zu helfen und ließ sogar sein Ego außen vor. Er tut es noch. Sonst hätte er ihn nicht geholt.
„Schon besser.“
„Ich dachte schon, ich hab es verlernt.“
Jetzt grinst Greaseball, aber auch das wirkt traurig. „Dann auf in die gute Stube.“ Er öffnet die hölzerne Depottür und hält sie auf, bis Rusty ihm hineingefolgt ist.

Der große Raum wird nur von wenigen Kerzen erhellt. Sie stehen zusammengedrängt auf einem der vielen Tische. Auf dem einzigen Tisch um den herum noch Stühle stehen. Der einzige Tisch, der noch nicht wie alles hier drin von Staub bedeckt ist. Aber es ist gut, dass der größte Teil des Raumes im Dunkeln liegt. So wirkt er ganz anders als Rusty ihn in Erinnerung hat. Als noch alle da waren und hier gemeinsam gefeiert hatten. So kann er sich einreden, dass es den Raum aus seiner Erinnerung noch irgendwo anders gibt, dass die anderen nur an diesem anderen Ort auf ihn warten.

An diesem anderen Ort steht Dinah lächelnd hinter der Theke, verteilt ihre Köstlichkeiten gemeinsam mit dem neuesten Klatsch und Tratsch. Buffy hilft ihr dabei, rollt zwischen den Tischen hin und her, nimmt Wünsche entgegen und reicht kleine Snacks. Gelächter erklingt wenn Greaseball mal wieder etwas unfreiwillig Komisches von sich gibt. Oder es entbrennt ein lautstarker Schlagabtausch wenn er und Electra aneinander geraten. Aber selbst das gehört rückblickend irgendwie dazu. So muss es sein, so hätte es immer sein müssen. Alles war besser als die bedrückende Stille, die sich jetzt wie erstickender Nebel ausbreitet.

Rusty rollt hinter Greaseball zu dem Tisch, auf den die Kerzen ihren schwachen Schein werfen. Es herrscht Schweigen. Mit gesenkten Köpfen sitzen sie da und starren vor sich hin. Jeder in seinen eigenen Gedanken gefangen. Rusty kann nur vermuten, dass sie wie er in die glücklichen Erinnerungen aus der Vergangenheit eingetaucht sind, dass die Flut aus schönen Bildern sie mitgenommen hat an einen Ort der einst ihr blühender, geschäftiger Bahnhof war.

Zwei Stühle sind noch frei am Tisch. Als Rusty einen zurückzieht, um sich zu setzen, hebt Papa neben ihm den Kopf. „Schön, dass du gekommen bist“, sagt er leise und beginnt zu husten. Caboose und Flat Top schauen besorgt auf die alte Dampflok. Der Husten klingt schlimm und es dauert lange, bis Papa sich wieder beruhigt. Rusty würde ihm gern helfen aber er weiß, dass er nichts tun kann. Wrench könnte ihn vielleicht noch reparieren, aber ihr ist ebenso wie den anderen Components schon längst die Energie ausgegangen. Nein, auch wenn Papa das Gegenteil behauptet, seine Tage sind gezählt. Das weiß Rusty. Das wissen sie alle. Er tauscht einen Blick mit Flat Top aber der schüttelt langsam den Kopf.

„Wo sind die Hopper?“, fragt Rusty, um die Stimmung nicht noch bedrückender werden zu lassen. Suchend schaut er sich im Raum um. Aber alles was er sieht ist das schwache rote Leuchten von Electra aus der Dunkelheit heraus.
„Sie wollten noch was vorbereiten“, antwortet Flat Top ohne ihn anzusehen. „Aber so langsam sollten sie wiederkommen.“
Wie aus einem Automatismus heraus richtet Rusty seinen Blick auf die große Uhr, die an der Wand der Halle hängt. Ihr gleichmäßiges Ticken ist die einzige Konstante, die die Stille durchbricht. Aber es ist zu dunkel um die Stellung der Zeiger zu erkennen. Es könnte Abend sein aber auch beinahe Mitternacht.
Greaseball erhebt sich. „Ich fahr sie suchen.“
Rusty schaut ihm hinterher bis er in der Dunkelheit verschwunden ist.
„Ich glaub nicht, dass wir sie wiedersehen“, sagt Caboose so leise, dass Rusty seine Worte nur erahnen kann.
„Caboose, sag sowas nicht! Sie…“ Wieder hustet Papa. Für etliche Sekunden ist dies das einzige Geräusch, was die Stille durchbricht. Als schließlich nur noch das Ticken der Uhr zu hören ist, sagt Flat Top: „Aber er hat recht. So war es doch mit Dustin auch. Er wollte nur seine Mundorgel holen und dann…“ Der Steinwaggon verstummt. Und auch die anderen schweigen, denn alle wissen, was dann geschehen ist. Und keiner erinnert sich gern daran.

Rusty seufzt. „Was für ein Weihnachten.“ Wieder muss er an Pearl denken. Wie sie gemeinsam Geschenke auspackten, wie sie sich über alles freute, selbst über die lilafarbene Haarspange, die eigentlich gar nicht zu ihren pinken Haaren passte. Wie sie ihm um den Hals fiel und sich überschwänglich bedankte. Sie trug die Spange an dem Tag als er sie zum letzten Mal sah.

Papa lächelt traurig. „Gebt die Hoffnung nicht auf.“ Dieses Mal hustet er nicht. Aber trotzdem kann Rusty seine Zuversicht nicht teilen. Und er sieht den anderen an, dass sie es auch nicht tun. So sitzen sie stumm beieinander, jeder in seiner eigenen Welt versunken, denn in dieser gibt es nichts mehr für sie zu tun. Ihr Spiel auf dieser Bühne ist beendet. Der Vorhang fällt. Plötzlich verstummt auch das gleichmäßige Ticken der Uhr.

Die Zeit steht und sie mit ihr. Während er versucht das letzte Geräusch in seinen Gedanken festzuhalten, schließt Rusty langsam die Augen. Das war ihr letztes Weihnachten.
Aber vielleicht, vielleicht läuft die Uhr irgendwann einmal weiter. In einer fernen, besseren Zukunft. Vielleicht findet sich wieder jemand, der Freude daran hat, die Loks mit ihren Waggons umherfahren zu lassen. Sie streiten, lieben und Pläne schmieden zu lassen. Vielleicht würden sie dann auch wieder gegeneinander antreten. In einer schicksalhaften Nacht. Zu einer Weltmeisterschaft der Züge. Und vielleicht, ja vielleicht würde der Starlight Express über sie wachen. Darauf kann Rusty nur hoffen, aber sicher ist er sich nicht.
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