the armor falls;

KurzgeschichteRomanze / P12 Slash
Raven (Gilbert Nightray) Xerxes Break
22.12.2017
22.12.2017
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Hallöchen :)

Was wäre Weihnachten ohne einen semi-autobiographischen One Shot von mir über Gilberts Innenleben?

Das hier ist alles Utes (The lies) Schuld.
Bless Accoustic-Versionen von Taylor Swift Songs.

Fröhliche letzte Vor-Weihnachtstage & ein schönes Fest! :)
Liebe Grüße,
Jolly







so you were never a saint and I loved in s h a d e s of wrong
w
e learn to live with the p a i n – mosaic b r o k e n hearts
b
ut this love is b r a v e and w i l d and I never saw you c o m i n g
and I'll n e v e r be the same
this is a state of g r a c e;







Mit einem sehnsüchtigen Seufzen zog sich Gilbert seinen Schal enger um den Hals, dann trat er aus der relativen Wärme der Universität hinaus auf den verschneiten Campus. Sein Atem gefror sofort in der kalten Luft, der frisch gefallene Schnee knirschte unter seinen Stiefeln. Er seufzte noch einmal. Wenigstens hatte es mittlerweile aufgehört zu schneien.

Den ganzen Nachmittag über hatte er von seinem Platz im Seminarraum dem Schneesturm dabei zusehen können, wie er die Uni-Gebäude und die Dächer der Stadt dahinter in eine weiße Winterlandschaft verwandelt hatte, die jeder andere vermutlich als wunderschön bezeichnet hätte.

Gilbert fiel dazu nur ätzend ein.

Der ganze Tag war ätzend gewesen, wo ihm das Wort schon so bereitwillig auf der Zunge lag.
Er hatte zu früh aufstehen müssen, nachdem er am Abend vorher zu lange mit den üblichen Grübeleien beschäftigt gewesen war. Dann hatte er feststellen müssen, dass irgendjemand (ganz sicher Alice) die letzte Packung Milch aufgebraucht hatte, was für Gilbert die Konsequenz gehabt hatte, dass er seinen Kaffee hatte schwarz trinken müssen; etwas, das ihn unter normalen Umständen nicht stören würde, aber der Billig-Kaffee, den er sich aus reinem Geiz gekauft hatte, schmeckte dermaßen widerlich, dass er tatsächlich nur mit viel Milch zu ertragen war. Dieses kleine Ärgernis und seine Müdigkeit hatten seine Morgenroutine so aus dem Konzept gebracht, dass er keine Zeit mehr gehabt hatte, etwas vernünftiges zu essen, bevor er sich auf den Weg zu seinem Seminar hatte machen müssen. Auf dem Weg zur Uni waren ihm seine Kopfhörer abgerissen und schließlich hatte schon in den ersten zwei Stunden des Seminars der Akku seines Handys aufgegeben und ihn der absoluten Langeweile ausgeliefert.

Er hasste die langen Seminare am Samstag.
Alle Studenten hassten diese Seminare.
Selbst die Dozenten hassten diese Seminare.

Warum sie immer noch existierten, war ihm ein Rätsel.

Seine schlechte Laune war auch nicht davon besser geworden, dass er, ohne Handy und somit ohne die Ablenkung von Candy Crush und Co, ständig der Vorstellung ausgeliefert gewesen war, wie sein Samstag alternativ hätte verlaufen können.

Am liebsten wäre er irgendwann am späten Vormittag neben Break aufgewacht. Sie hätten gemeinsam Frühstücken können – mit gutem Kaffee und Pancakes – und dann den Rest des Tages einfach im Bett verbringen können, auf Netflix die neue Staffel Stranger Things bingen und hin und wieder ein paar hitzige Berührungen austauschen.

Stattdessen hatte er mit halbem Ohr dem Vortrag über Zielsetzung zuhören müssen, was ihm auch nur gebracht hatte, dass er sich einmal mehr bewusst wurde, wie vollkommen ohne Ziel er im Moment dastand. Und die ganze Zeit über war der Schneesturm vor dem Fenster immer heftiger geworden und hatte Gilbert damit nasse Füße und durchgefrorene Hände prophezeite.

Als er über den mittlerweile verlassenen Campus schlurfte, konnte er bereits spüren, wie der kalte und nasse Schnee in seine nicht wintertauglichen Schuhe eindrang. Er hätte sich doch schon letzte Woche ein neues Paar kaufen sollen, aber er hatte die unangenehme Aufgabe ja unbedingt bis zum letzten Moment hinauszögern müssen.

Missmutig kramte er nach der Packung Zigaretten in seiner Jackentasche, nur, um festzustellen, dass er sein Feuerzeug verloren hatte. Er stopfte die Zigaretten zurück in seine Tasche und biss sich auf die Lippe, um ein bitteres Lachen zu unterdrücken.

Der einzige rettende Gedanke war, dass er in spätestens einer halben Stunde zuhause in seinem Zimmer sein konnte, auf dem Boden kauernd und den Rücken gegen die Heizung gepresst, in seine Lieblingsdecke gewickelt und mit einer Tasse Tee in den Händen.

Nur eine halbe Stunde.

Dann würde er auch sein Handy aufladen können. Vielleicht wartete dort schon eine Nachricht von Break auf ihn. Der Gedanke ließ einen sanften Schimmer Hoffnung in ihm aufleuchten, aber er verbot sich selbst, diesen Funken zu nähren. Zu groß wäre die Enttäuschung, würde er sich irren. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Er hasste es, so von diesem Bedürfnis nach Nähe abhängig zu sein, so von Break abhängig zu sein. Aber gleichzeitig vibrierte er jedes Mal wieder vor Wärme, wenn er diese Zuneigung zwischen ihnen zu spüren bekam.

Nur, dass das in letzter Zeit viel zu selten der Fall gewesen war.

Teilweise, weil sie so kurz vor Weihnachten beide sehr mit ihrem jeweiligen Studium beschäftigt waren. Teilweise auch, weil sich Gilbert gerade in der Vorweihnachtszeit zu verletzlich fühlte, um die Nähe, nach der er sich eigentlich sehnte, zuzulassen. Er war auf Distanz gegangen, seit er den ersten Weihnachtsschmuck in den Fenstern gesehen hatte.

Liebend gerne würde er dafür Weihnachten die Schuld geben, diesem furchtbar kitschigen, unnötigen Fest, das jeden noch so rationalen Menschen anscheinend in ein mit rosa Watte gefülltes Kuscheltier verwandelte. Aber er wusste, dass es eigentlich an ihm selbst lag. An seiner Unfähigkeit, vernünftig mit jeglicher Art von Emotion umzugehen, und so fühlte er sich in diesen quälenden Dezemberwochen immer wie eine offene Wunde, die nicht aufhören konnte zu bluten. Wenn er nicht vorsichtig genug war, würde er sich entzünden.

Zu seiner großen Erleichterung hatte Break bis jetzt Verständnis dafür gezeigt, dass Gilbert in dieser Zeit seine Ruhe brauchte. Trotzdem konnte Gilbert nie ganz die nagenden Zweifel abstellen, die ihn davor warnten, sich allzu sehr auf Breaks Verständnis zu stützen.

Er seufzte, eine weiße Wolke seines Atems vor sich her schiebend.

Nur noch zwei Wochen. Er musste das alles nur noch zwei Wochen lang ertragen, dann konnte er diesen Feiertag und alle damit verbundenen Unannehmlichkeiten – inklusive seiner fantastisch dysfunktionalen Familie – hinter sich lassen. Er schwor sich selbst in diesem Moment, Break danach mit einer der extravagantesten Torten zu entschädigen, die man sich vorstellen konnte.

Der Schneeball traf ihn vollkommen unvorbereitet im Nacken.

Gilbert schrie erschrocken auf und fluchte laut, sich den Schnee mit den bloßen Händen aus dem Nacken fegend. Glücklicherweise war nichts durch seinen Schal in seine Kleidung gerutscht, aber seine Haare waren nass und fast sofort steif gefroren.

Wütend drehte er sich um, um nach seinem Angreifer zu suchen.

Schon im nächsten Moment traf ihn ein weiterer Schneeball, dieses Mal von vorne an der Schulter, wo sein dicker Mantel ihn aber schützte.

Seine Augen verengten sich zu Schlitzen als er den Übeltäter erkannt hatte.

„Break?“, fragte er und machte sich nicht die Mühe, weder seine Überraschung noch seinen Ärger zu verbergen.

Sein Freund stand, mit einem breiten Lächeln auf den Lippen und in dicke Winterkleidung gehüllt, am oberen Ende der Treppe, die Gilbert auf den Weg vom Campus in die Stadt bereits bis zur Hälfte hinab gestiegen war. Er hatte ein belustigtes Funkeln in den Augen.

Gilbert spürte sofort, wie sein Ärger verblasste und einer fast schon ausgelassenen Freude Platz machte. Break schien diese Freude wahrzunehmen, denn sein freches Grinsen wurde zu einer sanfteren Version seines üblichen Lächelns.

Eigentlich wäre Gilbert jetzt einfach auf ihn zu gegangen und hätte ihn begrüßt, aber da war eine ganz kleine Stimme in seinem Kopf, die ihm vorschlug, etwas anderes zu tun. Und so griff er, zu seiner eigenen Überraschung aber auch zu Breaks, nach etwas Schnee, der sich auf dem Treppengeländer angesammelt hatte, formte daraus einen Schneeball und warf ihn nach Break.

Er war schon immer gut im Zielen gewesen.

Break verzog mit einem Kreischen das Gesicht als ihn der Schneeball genau zwischen den Augen traf. Gilbert konnte nicht anders, als laut zu prusten. Aber Break hatte sich schnell wieder gefangen, den nächsten Schnee vom Boden aufgehoben und nach Gilbert geworfen. Gilbert schaffte es gerade so, auszuweichen. Er griff sich mehr Schnee und traf seinen Freund erneut, dieses Mal direkt auf die Brust.

Breaks nächster Wurf verfehlte sein Ziel nicht und Gilbert hatte Mühe damit, sich den Schnee aus dem Gesicht zu wischen. Trotzdem spürte er ein ausgelassenes Lachen in seiner Kehle empor steigen als er den nächsten Schneeball formte. Break stimmte in sein Lachen mit ein, während er mit einem weiteren Schneeball in der Hand auf Gilbert zu lief. Gilbert nutzte die breiten Treppenstufen aus, um auszuweichen. Sein nächster Schneeball traf Break in den Nacken und ein Schwarm an Ausgelassenheit fegte durch sein Inneres.

Ihre kleine Schneeballschlacht endete erst, als sie beide außer Atem waren und Gilberts Hände vor Kälte zitterten. Obwohl sie sich einen harten Kampf geliefert hatten, waren sie nicht vollkommen durchnässt, was Gilbert sehr zu schätzen wusste. Im Gegensatz zu Break war er nur in seinen liebsten Mantel und einen Schal gewickelt, sein Freund hatte sich mit Handschuhen, einer Wollmütze, einem wirklich großen Wollschal und seiner dicken Daunenjacke schon etwas passender angezogen.

Sie standen mehrere Stufen von einander entfernt und grinsten sich an. Breaks Mütze saß schief auf seinem Kopf und etwas Schnee rieselte ihm aus den Haaren in die Stirn hinein. Unter Breaks erwartungsvollen Blick ging Gilbert langsam auf ihn zu und strich ihm die weißen Strähnen aus dem Gesicht.

„Hi“, sagte er leise.

„Hi“, erwiderte Break mit einem seiner frechen Grinsen.

Die plötzliche Nähe zu ihm, die er so lange vermisst hatte, surrte durch Gilbert hindurch wie ein reißendes Drahtseil. Er nestelte etwas unbeholfen am Träger seines Rucksacks und versuchte so die plötzliche Verlegenheit zu überspielen, die ihm die Hitze in die Wangen trieb.

„Was tust du hier?“, fragte er mit klopfendem Herzen, die Hand immer noch sanft in Breaks Haaren vergraben.

Breaks Grinsen wurde breiter und er lehnte sich in die Berührung hinein. „Ich dachte mir, ich überrasche meinen kleinen Weihnachtsmuffel indem ich ihn von seinem Seminar abhole, und schleppe ihn dann mit auf den Weihnachtsmarkt. Nur für eine Tasse Glühwein und um ein Geschenk für Sharon zu suchen?“

Etwas in Gilbert sträubte sich schon allein bei der Vorstellung, auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. All die Menschen, all die kitschige Musik, die vielen Lichterketten und die ganze verdammte Stimmung. Überall glückliche Pärchen und Freundesgruppen und Familien … Es gab Situationen, die machten Gilbert seine eigene Einsamkeit und emotionale Unordnung bewusst, und die vorweihnachtliche Liebe in der Luft gehörte definitiv dazu. Alles in ihm wollte Breaks Bitte zurückweisen. Aber Break sah ihn aus hellen, weiten Augen an, die vor Hoffnung und Zärtlichkeit und Vorfreude nur so strahlten, und Gilbert schluckte sein Nein hinunter.

„Okay“, seufzte er und zwang sich zu einem Lächeln. „Aber dafür bekomme ich einen Kuss.“

Break strahlte noch heller und kicherte. Dann lehnte er sich vor und gab Gilbert einen zärtlichen und unschuldigen Kuss. Gilbert schloss die Augen während er sich in das vertraute Gefühl von Breaks weichen Lippen auf seinen hinein fallen ließ.

Bevor sie sich wieder lösten, zog Break ihn in eine zaghafte Umarmung. „Danke“, sagte er und das Wort gefror in der kalten Winterluft zu einer weißen Wolke über ihren Köpfen.

Gilbert lächelte nur und lief neben ihm die Treppe der Universität hinunter.

Und wenn ihm etwas wärmer wurde als er Breaks Hand ergriff, dann konnte er es dieses eine Mal vielleicht zulassen.



***




Wie erwartet war der Weihnachtsmarkt gerappelt voll. Überall drängten sich die Menschen, Eltern mit ihren Kindern, Jugendliche und Studenten in ihren Cliquen, Senioren in kleinen Grüppchen. Der Anlauf zu den verschiedenen Ständen war fast schon lächerlich hoch und Gilbert hatte große Mühe damit, sein gerade so zustande gebrachtes Lächeln nicht durch einen verkniffenen Strich seiner Lippen zu ersetzen.

Ein großes goldenes Karussell stand an einem Ende des Marktes und drehte sich gemächlich, lachende Kinder saßen mit ihren Eltern oder alleine auf hölzernen Zirkuspferden und eine Drehorgel spielte eine blecherne Version von Stille Nacht, als Break und er sich förmlich in die Menge warfen. Sofort waren sie eingehüllt in den Duft nach gebrannten Mandeln und Crêpes, Waffeln und Bratwürsten, Flammkuchen und Pommes, Glühwein und Punsch und Zimt und Anis und Nelken. Mittlerweile war es dunkel geworden und die vielen Lichterketten erhellten die mit Schnee bedeckten Dächer der vielen kleinen Hütten. In der Mitte des Marktes war ein großer Weihnachtsbaum aufgestellt worden, dessen Lichterkette in einem warmen Gelb leuchtete und somit alles in ein dämmriges Strahlen tauchte.

Die Welt wirkte gedämpft, als hätte jemand einen dieser körnigen Instagram-Filter über alles gelegt, die alle Konturen und Farben verwischten. Trotzdem waren es so viele Eindrücke, die auf Gilbert einprasselten, so viel Ton und Sehen und Riechen, dass er das Gefühl hatte, in dieser Reizflut zu ertrinken. Er hörte sein eigenes Herz in seiner Brust schlagen und musste sich förmlich dazu zwingen, ruhiger zu atmen. Er klammerte sich an Breaks Hand wie ein Ertrinkender nach einem morschen Stück Treibholz griff.

„Hast du schon eine Idee, was du Sharon schenken willst?“, fragte er, während Break ihn wahllos von einem Stand mit Wollmützen und anderen Strickereien zu einem Stand mit kunstvoll lackierten Tontellern und bunten Tassen zog.

Break schüttelte unbekümmert den Kopf. „Nahhh, ich überlege mir einfach spontan etwas!“

Er winkte ab und sah gierig zu einem Stand hinüber, der gebrannte Mandeln und andere Süßigkeiten verkaufte. Gilbert rollte liebevoll mit den Augen, ein ehrliches Schmunzeln nicht ganz unterdrücken könnend.

„Gib es zu, du hast mich nur hier her geschleppt, um ein paar Süßigkeiten abzustauben“, neckte er.

Break grinste breit. „Das ist eine gemeine Lüge! Ich wäre doch niemals so manipulativ!“

Gilbert prustete ungläubig. „Sicher. Ich mache dir einen Vorschlag“, gab er schließlich nach. „Sobald du ein Geschenk für Sharon gefunden hast, kaufe ich dir zur Belohnung mit Schokolade überzogene Erdbeeren.“

Break strahlte ihn an und nickte enthusiastisch. Gilbert vergrub sein Gesicht halb in seinem Schal und stopfte sich die freie Hand in die Jackentasche, um seine mittlerweile blau gefrorenen Knöchel wenigstens etwas zu wärmen. Die Hand, die noch immer Breaks Finger umklammert hatte, zitterte mittlerweile leicht, aber er war noch nicht bereit dafür, loszulassen.

Vielleicht, überlegte er, war es langsam an der Zeit, sich ein Paar dieser furchtbar kitschigen Pärchen-Handschuhe zuzulegen. Er dachte einen Moment lang ernsthaft darüber nach, dann verwarf er die Idee wieder. Nein, so weit kam es noch! Wie aufs Stichwort lief genau in diesem Moment ein Pärchen an ihm vorbei, eng umschlungen, die Hände in den jeweiligen Hosentaschen des anderen, die Gesichter nur Millimeter von einander getrennt, während sie blind für alle in in ihrer Umgebung über den Markt schlenderten und dabei mehr als nur ein paar Leute dazu zwangen, ihnen auszuweichen. Gilbert schnaubte verächtlich und schüttelte den Kopf.

Break, der sich gerade einen Stand mit Halbedelsteinen und Silberschmuck angesehen hatte, drehte sich zu ihm um und sah ihn fragend an. „Was ist los?“

Gilbert winkte ab. „Nichts, ich habe nur gerade daran gedacht, wie absolut nervtötend Pärchen zur Weihnachtszeit sind. Ständig kleben sie an einander und sehen sich mit diesen zuckersüßen Blicken an, von denen man Karies bekommt. Das ist einfach nur – “ Er unterbrach sich, als er merkte, dass Break ihn nur mit hochgezogener Augenbraue erwartungsvoll ansah.

Es dauerte einen weiteren Moment, bis der Groschen endgültig fiel, dann stöhnte Gilbert entnervt.

„Wir sind auch so ein furchtbares Pärchen, oder?“, fragte er, obwohl er die Antwort bereits an Breaks selbstgefälligem Grinsen ablesen konnte.

„Jup“, sagte Break schlicht und zwinkerte ihm zu.

Gilbert erschauderte, ob vor Kälte oder Selbstekel konnte er nicht sagen.

„Ich fürchte, wir müssen jetzt Schluss machen“, sagte er trocken.

Break zuckte mit den Schultern. „Das ist absolut verständlich.“ Er legte seine Arme um Gilberts Nacken und zog ihn etwas zu sich herunter, während er selbst auf die Zehenspitzen ging, bis sich ihre Nasenspitzen fast berührten. „Aber wir können doch trotzdem noch Freunde bleiben, oder?“, fragte er. Sein warmer Atem streifte über Gilberts eisige Wangen und brachte ihn erneut zum Erbeben.

„Freunde kling gut …“, brachte er noch zustande, dann trafen sich ihre Lippen endlich zu einem langen, zärtlichen Kuss. Break schmeckte nach Pfefferminze und Zucker, seine Präsenz hüllte Gilbert ein wie eine gemütliche Decke, und ließ ihn für einen kostbaren Augenblick alles andere vergessen und ausblenden.

Als sie sich wieder lösten, lächelte Break ihn sanft an und Gilbert spürte das Bedürfnis in sich aufsteigen, zurück zu lächeln. Aber ein kleiner Zweifel zupfte an den Saiten in seinem Inneren.

„Wir machen nicht wirklich Schluss, oder?“, fragte er, den dissonanten Akkorden seiner eigenen Unsicherheit nachgebend. Break legte den Kopf schief und sah ihn nachdenklich an.

„Natürlich nicht“, sagte er schließlich zu Gilberts maßloser Erleichterung. „Du müsstest doch mittlerweile mitbekommen haben, dass ich mich bis über beide Ohren in dich verliebt habe.“

Gilbert riss überrumpelt die Augen auf, aber bevor er etwas sagen konnte, küsste Break ihn noch einmal kurz, dann wandte er sich wieder dem Schmuck-Stand zu und überließ Gilbert somit ganz der Wärme, die sich in seinem Inneren bei diesen Worten ausgebreitet hatte.

Verliebt … Bis jetzt hatte es noch keiner von ihnen gewagt, dieses Wort in den Mund zu nehmen. Dabei hatte Gilbert selbst es schon einmal gedacht, heimlich und in der Dunkelheit seiner eigenen Gedanken. Jetzt war dieses Wort ein helles Licht in dem ewigen Gestrüpp seiner Einsamkeit. Als hätte jemand die Dornenranken mit einer Lichterkette behangen, dachte er als sein Blick hinüber zu dem hell erleuchteten Weihnachtsbaum glitt. Plötzlich hatte er das unbändige Verlangen, dieses Licht, diese Wärme, gegen die er sich sonst immer so sträubte, zuzulassen.

Für Break, und für sich selbst, um dieses Leuchten zwischen ihnen noch eine Weile länger aufrecht zu halten.

Er sah dabei zu, wie Break einen filigranen Kettenanhänger aus Silber für Sharon erstand, in den ein zart-rosa Halbedelstein eingefasst war, und ein paar dazu passender Ohrringe. Kaum hatte er die beiden Schmuckstücke in seiner Manteltasche verstaut, sah er Gilbert aus großen, leuchtenden Augen an, ein schelmisches Grinsen im Gesicht.

Gilbert verdrehte die Augen, aber er griff erneut nach Breaks Hand und zog ihn mit sich zu dem Stand mit den Süßigkeiten.



***




Gilbert brauchte drei Anläufe, bis er es schaffte, den Schlüssel in das Schloss seiner Wohnungstür zu stecken. Break hinter ihm lachte

„Ich kann nicht glauben, dass eine Tasse Glühwein dich schon in diesen Zustand versetzt hat“, neckte er.

Gilbert warf ihm einen schmollenden Blick zu, bevor er die, wie immer ein wenig klemmende, Tür aufsperrte. Es war wirklich nur eine Tasse Glühwein gewesen, aber zusammen mit der Zigarette, die er sich mit einem geliehenen Feuerzeug schließlich doch noch hatte anzünden können, und der frischen Luft, war seine ohnehin schon niedrige Toleranzgrenze für Alkohol bereits überschritten und ihm war einigermaßen schwindelig. Wie er die Stufen im Treppenhaus in den letzten Stock zu der Wohnung, die er sich mit Oz und Alice teilte, geschafft hatte, ohne sich etwas zu brechen, war ihm ein Rätsel.

Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass er Breaks stetige Anwesenheit in seinem Rücken gespürt hatte, wie eine fast schon selbstverständliche Stütze.

Die Tür schwang auf und offenbarte völlige Dunkelheit, was bedeutete, dass Oz und Alice beide unterwegs waren (vermutlich gemeinsam, und Gilbert spürte einen kleinen Stich bei diesem bitteren Gedanken). Er tastete ein wenig unbeholfen nach dem Lichtschalter für den Flur und blinzelte, als die plötzliche Helligkeit ihn blendete.

Dann stockte er. Direkt hinter der Tür im Flur hing ein Strauß Mistelzweige, der mit einer dicken roten Schleife zusammen gebunden war. Ein sanftes Lächeln legte sich auf Gilberts Lippen, als er in den Flur trat und mit klopfendem Herzen darauf wartete, dass Break ihm folgte.

Als sie schließlich beide unter dem Mistelzweig standen, drehte Gilbert sich um und grinste Break herausfordernd an, mit dem Zeigefinger auf den Mistelzweig deutend.

Break starrte erst verwirrt zurück, bevor er den Blick an die Decke richtete. Ein amüsiertes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Das hat Oz doch sicherlich für sich und Alice vorbereitet“, witzelte er, trat aber näher an Gilbert heran, bis sich ihre Körper nur ganz leicht berührten. Gilbert spürte die Hitze auf den Wangen, die Breaks Nähe immer mit sich brachte. Sein Herz klopfte wie wild in seiner Brust und sein Mund war trocken. Die Spannung zwischen ihnen war wie ein eben entzündendes Streichholz, das noch nicht ganz Feuer gefangen hatte, aber nur auf den letzten Funken wartete, der das Holz in Flammen aufgehen lassen würde.

Gilbert beugte sich langsam zu Break hinunter, während Break ihm entgegen kam, bis sich ihre Lippen trafen.

Das Streichholz brannte lichterloh.

Break schlang die Arme um Gilberts Rücken und krallte sich unter seinem geöffneten Mantel in sein Hemd. Gilbert konnte die Kälte seiner Hände durch den Stoff auf der Haut spüren; diese ganz spezielle Mischung aus Kühle und Hitze brachte seinen Körper zum Erbeben. Er zog Break noch etwas näher zu sich heran, bis sie so dicht aneinander gepresst waren, dass Gilbert nicht mehr sagen konnte, wo seine Brust aufhörte und Breaks anfing. Seine Lippen zitterten unter ihrem gemeinsamen Rhythmus. Break schmeckten nach Schokolade und Pfefferminze und Glühwein, und am liebsten hätte Gilbert diesen Geschmack in Flaschen abgefüllt um sich immer und immer wieder damit zu betrinken.

Als sie sich von einander lösten, schwer atmend und nach Luft ringend, konnten sie sich im ersten Moment nur wie gebannt anstarren, fasziniert von der reißenden Strömung zwischen ihnen.

„Bleib“, brachte Gilbert schließlich atemlos hervor. Er hielt Breaks Ärmel umklammert, als könnte er ihn so physisch an sich binden.

Break zögerte einen Moment. „Bist du sicher?“, fragte er leise.

Gilbert schluckte.

Vorhin auf dem Weihnachtsmarkt hatte er darum gebeten, den Abend alleine verbringen zu können, weil er erschöpft von seinem Seminar und der ganzen Woche und all den Emotionen war, die er nicht kontrollieren konnte. Break hatte verstanden, und obwohl Gilbert sehen konnte, dass er ein wenig enttäuscht war, hatte er nur darauf bestanden, Gilbert zumindest nach hause bringen zu dürfen (was in Gilberts leicht angetrunkenem Zustand auch keine so schlechte Idee gewesen war).

Break hob seine freie Hand und strich Gilbert zärtlich eine schwarze Locke aus der Stirn. „Du musst dich nicht dazu zwingen“, sagte er sanft.

Aber Gilbert konnte den kleinen Schimmer Hoffnung in Breaks Augen sehen. Das dämmerige Leuchten, die Sehnsucht nach Nähe und Zusammensein.

Gilbert schüttelte den Kopf. „Ich will es wirklich“, sagte er fest.

Er war es leid, sich gegen die Wärme zu sträuben. Er wollte keine unnötige Distanz mehr zwischen sich und Break. Es war so anstrengend, die Dämme permanent aufrecht zu halten. Dieses Mal würde er die Flut zulassen, und wenn sie ihn mit sich reißen würde, würde er gefälligst schwimmen anstatt unter zu gehen.

Bestimmt zog er Break mit sich in Richtung seines Schlafzimmers.



***




Gilbert wachte mit einem zufriedenen Seufzen auf. Es war immer noch dunkel in seinem Zimmer, also war es vermutlich noch mitten in der Nacht und viel zu früh, um aufzustehen, und obwohl er immer noch müde war, war es die gute Art von Müdigkeit.

Er streckte sich in seinem Bett, die schwere Trägheit seines Körpers genießend, und blinzelte sich den Schlaf aus den Augen.

Ein glückliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als seine Hand dabei Breaks warmen Rücken neben sich berührte. Er drehte sich gemächlich auf die Seite, um seine Arme von hinten um Breaks Körpermitte schlingen zu können, nackte Haut traf auf nackte Haut, und Gilbert seufzte erneut wohlig.

Er drückte Break einen kurzen Kuss in den Nacken und grinste, als sein Freund im Schlaf leicht schnurrte.

Erst dann bemerkte er den Schnee.

Vor seinem Fenster, von dem orangen Licht einer Straßenlaterne erhellt, fielen die dicken, weichen Flocken vor dem schwarzen Hintergrund der Nacht vom Himmel.

Gilbert setzte sich langsam auf, Gänsehaut überzog seine Nackten Arme, als er dabei die wärmende Decke verlor. Einen Moment lang sah er dem Schnee einfach nur beim Fallen zu, wie hypnotisiert von der merkwürdig gleichmäßigen Choreographie, die durch Wind und Schwerkraft entstand. Dann schüttelte er Break sanft an der Schulter.

„Wach auf“, sagte er, leise und sanft, aber laut genug, um Break unwillig Murren zu lassen.

Er kicherte, während sein Freund irgendetwas Unverständliches vor sich hin murmelte und dann sein Gesicht noch tiefer in den Kissen vergrub.

„Es schneit“, sagte er schließlich die magischen Worte.

Und tatsächlich, Break riss sofort die Augen auf, federte förmlich in eine aufrechte Position und starrte Gilbert einfach nur an. Gilbert gab sein bestes, ein lautes Lachen zu unterdrücken, dann nickte er mit dem Kopf in Richtung Fenster. Break folgte der Bewegung langsam, sein Mund klappte auf und seine ohnehin schon tellergroßen Augen wurden noch eine Spur größer.

„Es schneit!“, wiederholte er enthusiastisch. Untypisch ungelenk befreite er sich vollkommen von den Decken, stieg aus Gilberts Bett und durchquerte sein Zimmer, und kniete sich rittlings vor dem Fenster auf Gilberts alten Ohrensessel, sodass er sich mit den Armen auf dem Fensterbrett abstützen konnte. Er presste das Gesicht gegen die Fensterscheibe und verharrte vollkommen regungslos in seiner Position.

Gilbert hatte das alles nur fasziniert beobachtet.

Auch jetzt konnte er den Blick kaum von Break lassen. In der blassen Dunkelheit seines Zimmers war Breaks heller Körper ein anmutiger Kontrast, gerahmt von dem minimalistischen Weiß der Schneeflocken.

Den leichten Schmerz in seinem Rücken ignorierend schwang sich schließlich auch Gilbert aus dem Bett. Er nahm eine Bettdecke mit sich und setzte sich neben Break, der ihm automatisch Platz machte, auf den Sessel. Er wickelte die Decke um ihrer beider nackter Körper und lehnte zaghaft den Kopf gegen Breaks Schulter. Genau hier gehörte er hin.

Dieses plötzliche, starke Gefühl von Zugehörigkeit trieb ihm beinahe die Tränen in die Augen, und er versteckte es mit einem herzhaften Gähnen, während er sich noch ein bisschen enger an Break kuschelte.

„Wie schön …“, flüsterte er, und meinte nur teilweise den fallenden Neuschnee.

„Lass uns morgen einen Schneemann bauen“, murmelte Break leise. Er hatte die Arme auf der Fensterbank verschränkt und sein Kinn auf seinen Handrücken abgestützt, während sein Blick immer noch sehnsüchtig nach draußen gerichtet war.

Gilbert brummte zustimmend. Er schloss die Augen und stellte sich morgen vor: er würde neben Break aufwache, ob vor dem Fenster oder in seinem Bett war irrelevant, frischen Kaffee aufbrühen und vielleicht Pancakes zum Frühstück machen. Sie würden einen Schneemann bauen, wie versprochen, und sich dann mit heißem Tee und Plätzchen aufwärmen. Vielleicht hatten Oz und Alice auch Lust dazu. Vielleicht konnte er morgen mit den Menschen verbringen, die ihm von allen am wichtigsten waren.

Break wandte kurz seine Aufmerksamkeit ab von den Schneeflocken, um Gilbert einen kleinen Kuss auf den Kopf zu hauchen.

„Was ist aus meinem kleinen Grinch geworden?“, fragte er liebevoll neckend.

Gilbert vergrub sein Gesicht an Breaks Hals um die Röte auf seinen Wangen zu verbergen.

„Er hat sich verliebt“, gestand er mit zittriger Stimme. Er hob etwas den Blick um beobachten zu können, wie sich ein glückliches Strahlen auf Breaks Gesicht ausbreitete.

Dabei war es nur die halbe Wahrheit.

Er hatte sich verliebt, das stimmte. Aber das war schon vor langer, langer Zeit passiert. Heute hatte er es zum ersten Mal geschafft, sich dieser Liebe zu stellen. Und vielleicht lag das an Weihnachten. Vielleicht lag das an der ekelhaften Liebe in der Luft. Vielleicht lag das an Plätzchen und Glühwein und an kleinen Ständen mit kitschigen Tontassen. Vielleicht lag es an Mistelzweigen und Schneeballschlachten. Vielleicht lag es an Break, der Gilberts Bedürfnis nach Distanz akzeptiert hatte, und der ihn im richtigen Moment ganz nah an sich heran gelassen hatte.

Vielleicht lag es am frisch fallenden Schnee.

(Es fühlte sich fast an wie Gnade.)
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