Für dich, mein Herz

von Lucy Monk
GeschichteDrama, Romanze / P16
Aro OC (Own Character)
20.12.2017
29.03.2020
56
308549
33
Alle Kapitel
91 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
Kapitel 51

Bitte nehmt es nicht persönlich!

Hochzeit feiert man gewöhnlich

ja sehr groß und aufwendig.

Das ist schön, ganz sicherlich,

doch wir wollen es ganz schlicht.


~ Textauszug aus dem Gedicht "Einladung"
von Ellen Zaroban (zu finden auf: Aphorismen.de) ~

~~~~~


Viel zu aufgeregt in Erwartung ihrer bevorstehenden Hochzeit, hatte Marguerite in dieser Nacht kaum ein Auge zugemacht. Sie war erleichtert, als endlich der Morgen heraufdämmerte und sie aufstehen konnte. Sehnsuchtsvoll trat sie an ihr Fenster, schob die Vorhänge beiseite, öffnete es und lehnte sich weit heraus, den Blick über die vor ihr liegenden Häuser und Plätze schweifen lassend. In der Nähe erkannte sie Renata, wie sie verwundert registrierte. Nichtsdestotrotz winkte sie ihr zu und wünschte ihr einen 'Guten Morgen'. Renata erwiderte den Gruß freundlich und ging dann rasch davon.

"Seltsam", dachte Marguerite. "Was hat Aros Bedienstete so früh am Morgen vor meinem Haus zu suchen? Ob er sie geschickt hat, um mir bei den Vorbereitungen für die Hochzeit zu helfen?"

Es dauerte nicht lange, bis eine ihrer eigenen Dienstmädchen an ihre Zimmertür klopfte und zaghaft fragte: "Seid Ihr schon wach, Comtesse?"

"Ja, komm rein!"

"Verzeiht mir, dass ich Euch bereits zu einer so frühen Stunde störe", sagte die Bedienstete leise, nachdem sie die Tür geöffnet und an der Schwelle stehen geblieben war. "Aber unten sind einige Personen, die behaupten, dass Conte Aro sie geschickt habe, um etwas für Eure Hochzeit zu bringen. Darunter befindet sich eine Frau, die erklärte, dass sie Euch bereits am Fenster gesehen habe und es nur deshalb wagte, schon jetzt Einlass zu begehren."

"Wie du siehst, entspricht das der Wahrheit", gab Marguerite zurück. "Was hat Conte Aro mir denn geschickt?"

"Vier Körbe voller roter Rosen, Comtesse. Seine Bediensteten warten unten, denn sie sollen diese Blumen entweder nur Mademoiselle Lefevre oder Euch persönlich übergeben."

"Nun, das wird schwierig sein, denn Mademoiselle Lefevre schläft sicher noch. - Aber gut, wecke zunächst Arlette auf, damit sie mir beim Ankleiden hilft. Bis ich unten bin, kann es eine Weile dauern. Daher biete der Dienerschaft meines Bräutigams doch einige Erfrischungen an."

"Sehr wohl, Comtesse!"

*


Etwa eine halbe Stunde später kam Marguerite, in ein einfaches, blaues Kleid gehüllt, aus ihrem Zimmer und traf auf dem Weg zur Treppe ihre Freundin Louise, die sich ebenfalls angekleidet hatte.

"Du bist schon auf?", wunderte sich die Comtesse.

"Ja, ein sehr aufgeregtes Dienstmädchen weckte mich und erzählte mir, dass unten einige Diener von Conte Aro warten", klärte Louise sie auf.

"Niemand trug ihr auf, dich zu wecken", grummelte Marguerite. "Ich war doch schon wach und das Personal meines Bräutigams sollte warten, bis ich hinunterkomme."

"Oh, das arme Ding war sehr aufgeregt", meinte ihre Freundin. "Seid nachsichtig mit ihr. Für uns alle ist heute ein sehr aufregender Tag, oder?"

"Du hast recht, Louise, ich will mal nicht so sein."

Zusammen schritten die Freundinnen hinunter in den Flur, in dem fünf Personen mit blassen Gesichtern standen, vier von ihnen mit einem großen Korb voller Rosen in den Händen - Renata jedoch nicht. Diese stand vielmehr wie eine Art Anführerin vor den zwei Männern und den zwei Frauen und schenkte ihrer neuen Herrin sowie der Verlobten Caius'  ein freundliches Lächeln.

"Willkommen in meinem Haus", begrüßte Marguerite sie. "Tut mir sehr leid, dass Ihr warten musstet. Doch ich hoffe, man hat Euch während dieser Zeit Erfrischungen angeboten?"

"Ja, Eure Dienerschaft war überaus zuvorkommend", erwiderte Renata, die offenbar als Sprachrohr für das Personal der Volturi-Brüder fungierte. "Verzeiht, dass wir es wagten, so früh hier einzutreffen. Wenn ich gewusst hätte, dass Ihr noch nicht aufgestanden seid, hätte ich mir niemals erlaubt, mit meinen Begleitern um diese Stunde vorzusprechen."

"Es gibt nichts zu verzeihen", meinte die Comtesse in sanftem Ton. "Mein Dienstmädchen meldete mir, dass Ihr mir Blumen meines Bräutigams bringt, die Ihr jedoch nur mir oder Mademoiselle Lefevre übergeben solltet."

"Das ist richtig!", bestätigte Renata und trat etwas vor, neigte ihr Haupt leicht vor Marguerite und überreichte ihr ein Schreiben. "Diese Botschaft schickt Euch Meister Aro, Comtesse."

"Oh, vielen Dank", sagte die junge Frau überrascht und nahm den Brief entgegen, öffnete ihn rasch und las: >>Rosen für meine Rose, mein geliebter Engel. Ich habe sie extra aus unseren Gärten in Italien für dich holen lassen, damit du dich und dein Haus an diesem wundervollen Freudentag schmücken kannst, wie es dir beliebt. Alle Welt soll sich an unseren Hochzeitstag erinnern! Bis bald, mein Herz, ich liebe dich.<<

"Wie überaus romantisch!", hauchte Marguerite und zeigte ihrer Freundin danach den Brief, den diese rasch überflog und danach bestätigend nickte.

"Welch ein Gentilhomme", meinte Louise. "Nein, auf solch eine reizende Idee zu kommen."

"Ja, das finde ich auch", stimmte die Comtesse ihr zu. "Wir sollten die Körbe gleich zu mir aufs Zimmer bringen, mir schwebt etwas Bestimmtes vor."

Kaum waren diese Worte über Marguerites Lippen gekommen, wandte sich Renata an ihre Begleiter: "Ihr habt gehört, was die Comtesse wünscht. Also bringt die Körbe nach oben."

"Nein! Nicht doch!", protestierte die junge Braut. "Wartet, ich rufe meine Dienstboten her. Sie können Euch die Körbe abnehmen und hinauftragen."

"Es macht uns wirklich nichts aus, es selbst zu tun", wandte sich einer der jungen Männer an Marguerite. "Sagt uns nur, wohin wir die Rosen bringen sollen."

Ehe die Comtesse darauf antworten konnte, meinte Louise: "Bitte, folgt mir. Ich zeige es Euch."

Danach schritt sie voran und gehorsam trotteten die beiden Burschen und die zwei Frauen hinter ihr her. Marguerite sah ihnen kurz nach, lächelte dann etwas und drehte sich wieder zu Renata herum, die immer noch vor ihr stand.

"Wenn Ihr noch etwas von uns wünscht, stehen wir Euch gern zu Diensten", sagte die Vampirin. "Ihr braucht es nur zu sagen."

"Sehr freundlich, aber ich denke, mein Personal, meine Freundin und ich kommen gut alleine zurecht", gab Marguerite gut gelaunt zurück. "Bestellt Eurem Herrn meinen herzlichen Dank und dass ich ihn in der Kirche treffen werde. Ich hoffe, er läuft mir nicht davon."

"Nein, das braucht Ihr nicht zu befürchten", erwiderte Renata. "Meister Aro liebt Euch - allerdings... ich hoffe sehr, Ihr lauft ihm nicht davon."

Die junge Frau wurde sofort ernst und sah ihr Gegenüber stirnrunzelnd an.

"Wie kommt Ihr nur auf solch eine absurde Idee?", fragte Marguerite. "Diese Heirat mit Eurem Herrn ist einer meiner größten Wünsche."

"Mag sein, Comtesse, aber vielleicht... nun ja, vielleicht überlegt Ihr es Euch doch noch anders. Verzeiht mir, wenn ich so offen mit Euch spreche, aber unser Leben in Italien unterscheidet sich sehr von Eurem bisherigen. Wie ich hörte, seid Ihr in einem großen Landsitz aufgewachsen, der zu Euren Besitzungen gehört, und Ihr habt gute Freunde und könntet ein schönes Leben führen, wenn Ihr wollt. Mir jedenfalls würde es schwerfallen, all das einfach aufzugeben, um in ein anderes Land zu ziehen."

"Das hört sich ja ganz so an, als ob Ihr etwas dagegen hätte, dass ich Euren Herrn heirate."

"Nein, nein!", protestierte Renata sofort. "So war es keinesfalls gemeint! Ihr müsst Meister Aro zweifellos sehr lieben, wenn Ihr dazu bereit seid, mit ihm in seiner Heimat zu leben - mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt. Es wird wahrlich eine große Umstellung."

"Das soll nicht Eure Sorge sein, meine Liebe. Mir ist klar, dass sich nach meiner Heirat einiges in meinem Leben ändern wird. Seid versichert, dass ich eine gute Erziehung genoss und mehrere Fremdsprachen erlernte, zu denen auch das Italienische zählte. Ich werde mich in der Heimat meines Mannes sicherlich zurechtfinden."

"Und ich werde Euch beistehen, wenn Ihr es mir erlaubt."

"Vielen Dank, Renata, das ist sehr freundlich von Euch."

Die schöne Vampirin nickte und schwieg dann. Wenige Minuten später waren ihre Begleiter wieder bei ihr, verneigten sich vor Marguerite und verließen danach das Haus. Louise, die mit ihnen hinuntergekommen war, trat nun neben Marguerite und wisperte ihr ins Ohr: "Schon sehr merkwürdige Gestalten, die Euer Bräutigam und seine Brüder für sich arbeiten lassen."

"Mag sein, aber anscheinend sehr zuverlässig", tat die Comtesse es ab. "Komm, lass uns nach oben gehen. Es wird Zeit, dass ich mit dir bespreche, was ich bei der Trauung zu tragen beabsichtige."

***


Arlette war entzückt über die vielen Körbe voller Rosen, von denen sie einige besonders schöne heraussuchte, um sie in den Schleier, den Madame Martin gestern Morgen geliefert hatte, zusammen mit Perlen und Myrtenzweiglein einzuarbeiten.

Viele weitere Rosen wurden von ein paar anderen Dienstmädchen sortiert, zurechtgeschnitten und in Vasen gesteckt, die man im Zimmer der Comtesse, in der Gesindeküche, in den beiden Salons und auf der Kommode im Eingangsbereich des Flurs verteilte. Louise selbst ließ es sich nicht nehmen, aus einem Teil der Rosen einen Brautstrauß mit Myrthenzweiglein zusammenzubinden, den Marguerite später mit in die Kirche nehmen würde.

Die Rosen, die danach noch übrig waren, schenkte Marguerite allen weiblichen Angestellten, als sie ihre Dienstboten in der Gesindeküche zusammenrief, bevor sie sich in ihr Gemach zurückziehen wollte. Als alle Augen erwartungsvoll auf ihr ruhten, begann sie: "Wie ihr wisst, wird dieser Haushalt allmählich aufgelöst. Ihr habt alle Euren Lohn für den ganzen Monat sowie gute Zeugnisse erhalten und ich hoffe, dass ihr danach auch wieder eine gute Stellung bekommen werdet. Ein paar gute Freunde von mir suchen jedoch auch Personal, weshalb ich diejenigen unter euch, die noch keine neue Anstellung habe, bitte, in den nächsten Tagen bei Madame und Monsieur de Fournier vorzusprechen."

Einige der Dienstboten klatschten nach dem letzten Satz. Marguerite lächelte etwas, bevor sie fortfuhr: "Sobald ich mit Mademoiselle Lefevre das Haus verlassen habe, bitte ich Euch, damit zu beginnen, das Haus gründlich zu reinigen, aufzuräumen und die Möbel jedes Zimmers abzudecken. Außerdem erlaube ich Euch, die restlichen Getränke und Lebensmittelvorräte mitzunehmen, da ich keine Verwendung mehr für sie habe, denn ich werde nach meiner Heirat im Hause meines Gemahls leben. Für all die Arbeiten gebe ich Euch drei Tage Zeit, das sollte genügen. Danach dürft Ihr zu Euren neuen Herrschaften gehen. Ich erwarte, dass mir einer von Euch dann die Schlüssel dieses Hauses überbringt. Ich habe selbst noch einige private Dinge in meinem Gemach, die ich vor meiner Abreise holen werde."

"Wir wünschen Euch viel Glück für die Zukunft, Comtesse!", rief einer der männlichen Bediensteten und die anderen stimmten darin überein, dann klatschten alle in die Hände, während Marguerite etwas errötete.

"Vielen Dank für die guten Wünsche", erwiderte die junge Hausherrin, nachdem es in der Küche wieder ruhig geworden war. "Auch Euch wünsche ich ebensoviel Glück wie ich es gerade habe. Auf Wiedersehen."

Erneutes Klatschen folgte diesem letzten Gruß. Marguerite empfand Rührung, da sie nicht geahnt hatte, wie freundlich ihr das städtische Personal gesonnen war. Bevor ihr die Tränen kamen, wandte sie sich rasch um und verließ die Küche...

***


"Ihr seht wundervoll aus", schwärmte Arlette, nachdem sie und Louise der Comtesse beim Ankleiden ihres weißen Spitzenkleides, beim Frisieren und anschließendem Drapieren des mit Rosen, Perlen und Myrten geschmückten Brautschleiers in ihrem Haar geholfen hatten.

"Ach ja? Findest du?", fragte Marguerite ein wenig kritisch . "Wirke ich nicht eher wie eine Figur auf einer Zuckergusstorte?"

"Aber nein", beschwichtigte Louise ihre Freundin. "Glaubt mir, Ihr seid eine sehr schöne Braut."

"Nun gut... vielleicht bin ich ein wenig überempfindlich", räumte die Comtesse ein, die zusehends nervös wirkte. "Was, wenn in letzter Minute etwas dazwischen kommt?"

"Nichts wird passieren", versuchte Louise sie zu beruhigen. "Es ist völlig normal, dass Ihr an Eurem Hochzeitstag aufgeregt seid. Wir werden gleich losfahren. Wenn Ihr erlaubt, würde ich gerne Arlette und noch eines der Dienstmädchen mitnehmen, damit sie uns bis zur Kirche begleiten. Draußen ist es doch sehr kalt, weshalb Ihr Euch in einen warmen Mantel hüllen solltet. Sobald wir in der Kirche sind, nehme ich Euren Mantel an mich, während die beiden danach Euer kleines Gepäck an die Bediensteten Eures Bräutigams übergeben und mit Eurer Kutsche zurück in Euer Stadtdomizil fahren. Schließlich haben sie noch genügend zu tun."

"Ja, das klingt vernünftig", stimmte Marguerite dem Vorschlag ihrer Freundin zu und wandte sich dann an ihre Zofe. "Also, Arlette, lauf nach unten und nimm eines der anderen Dienstmädchen, zieht Euch warm an und haltet die Mäntel für mich und Mademoiselle Lefevre bereit!"

Arlette tat sofort, wie ihr geheißen, während Marguerite sich erneut im großen Spiegel des Zimmers hin und her drehte, um sich kritisch zu betrachten.

"Es gibt für Euch keinen Grund, besorgt zu sein", sagte Louise mit sanfter Stimme. "Kommt, ich möchte Euch etwas zeigen."

Die brünette, junge Frau trat ans Fenster, schob den Vorhang etwas beiseite und fuhr fort: "Seht, wer dort unten vor unserem Hause steht. Obwohl ich annehme, dass dies auf Bitten Seiner Majestät erfolgt, scheint Seine Eminenz nicht vergessen zu haben, dass Euer Vater einst der Hauptmann dieser Truppe war."

Neugierig trat die Comtesse neben ihre Freundin und schaute herab. Dort unten saßen etwa zehn bewaffnete Männer der Roten Garde vor und hinter ihrer eigenen bereitstehenden Kutsche auf Pferden, während der Wagen nur darauf zu warten schien, endlich Richtung Rue Saint-Denis, wo sich die Kirche Saint-Leu-Saint-Gilles befand, losfahren zu dürfen.

"Wie überaus aufmerksam von Seiner Eminenz", murmelte Marguerite gerührt und musste unwillkürlich an ihren verstorbenen Vater denken. Wie bedauerlich, dass er ihre Hochzeit nicht mehr miterleben durfte. Er wäre gewiss nicht nur mit seinem zukünftigen Schwiegersohn einverstanden gewesen, sondern hätte sich über die nette Geste der Roten Garde, seiner Tochter Geleit zu geben, sehr gefreut. Eine kleine Träne schlich sich verstohlen aus den Augenwinkeln Marguerites, doch sie wischte sie vorsichtig weg und wandte sich wieder ihrer Freundin zu: "Wir sollten weder meinen Bräutigam noch die Rote Garde warten lassen."

*


Das lange, schwarze Haar mit einer silbernen Spange am Hinterkopf zusammengehalten und gekleidet in einen festlichen, silberdurchwirkten, weißen Seidenanzug, an dessen linker Seite ein einfacher Myrtenzweig festgemacht war, angetan mit zum Anzug passenden Seidenstrümpfen und glänzend lackierten, schwarzen Schnallenschuhen wartete Aro di Volturi in der Kirche neben seinen Brüdern stehend und blickte immer wieder unruhig auf die Tür.

"Dov'è?", murmelte der Bräutigam ungeduldig. "Ich verstehe das nicht!" [1]

"Nur die Ruhe", gab Caius in leicht ironischem Ton zurück. "Du solltest eigentlich wissen, wie Frauen sind. Marguerite hat womöglich Mühe mit ihrem Brautkleid oder dem Schleier oder was weiß ich?"

"Gestern Abend wollte sie mich nicht gehen lassen und nun..."

"Nun lässt sie dich warten, wie du es verdient hast. - Komm, beruhige dich. Sie wird schon noch kommen, schließlich liebt sie dich und darüber solltest du glücklich sein. Letztlich hat sie sich für dich entschieden, nicht wahr?"

"Gebt endlich Ruhe, Ihr beiden!", rief Marcus seine Brüder zur Ordnung. "Aro, lass dich nicht von Caius provozieren! - Und du, kleiner Bruder, finde dich endlich damit ab, dass Marguerite sich für Aro entschieden hat."

"Das ist längst geschehen!", behauptete der blonde Jüngling. "Selbstverständlich respektiere ich die Entscheidung Marguerites - doch Aro sollte mehr Dankbarkeit zeigen, dass sie ihn erwählte. Stattdessen steht er hier und grummelt rum, nur weil sich seine Braut ein wenig verspätet. Es ist noch keine zwei Uhr!"

"Still jetzt!", fuhr Marcus ihn leise an und wandte seinen Blick zur Tür. "Die Menschen kommen!"

"Ach ja, wir haben noch Gäste", murmelte Aro. "Das hatte ich beinahe vergessen."

"Schau ihn dir an! Er ist so verliebt, dass er nichts anderes als seine Braut im Kopf hat", spottete Caius und blickte danach zur Tür. Einen Moment später trat Madame de Colignon ein und hinter ihr erschien - zur Überraschung der Volturi-Brüder - ihre Nichte Giselle, die sich ebenfalls fein angezogen hatte.

Marcus fasste sich als Erster wieder, schritt auf seine Angebetete zu und begrüßte sie.

"Wie schön, dass Ihr da seid, Amelie", sagte er. "Und wie ich sehe, habt Ihr Mademoiselle de Roux mitgebracht."

"Ja, ich hoffe, dass es in Ordnung ist?", fragte sie mit leisem Zweifel. "Eigentlich war Giselle nicht eingeladen, aber sie erschien vor einer halben Stunde bei mir und erklärte, dass sie im Auftrag des Königspaares komme, um persönlich deren Glückwünsche an das Brautpaar zu überbringen. Sie hat sogar ein Schreiben für Comtesse de Rochefort dabei."

Aro und Caius traten näher zu der älteren Dame, wobei der schwarzhaarige Vampir sein Haupt leicht vor ihr neigte und ihr freundlich versicherte: "Es stört uns keineswegs, dass Ihr Eure reizende Nichte mitgebracht habt."

"Sehr gütig von Euch", bedankte sich Madame de Colignon und schenkte allen Brüdern ein Lächeln, das sie erwiderten. Als Caius'  Blick jedoch auf Giselle fiel, verschwand die Freundlichkeit aus seinem Gesicht und er starrte das junge Mädchen mit kaltem Blick an. Schließlich war sie es, die Louise ursprünglich mit dem Lüstling Guignot verkuppeln wollte. Das hatte er keineswegs vergessen.

"Es wäre uns außerdem eine Freude, wenn Ihr später noch an unserer Hochzeitsfeier teilnehmt, Mademoiselle de Roux", wandte sich in diesem Augenblick Aro an die alberne, junge Gans. Hatte sein Meister jetzt komplett den Verstand verloren, diese kleine Intrigantin einzuladen?

In diesem Augenblick beschloss Caius innerlich, dass er sich nach dem Fest um Giselle kümmern würde. Rache war süß - und in ihrem Fall würde sie für das heuchlerische Fräulein tödlich sein.

"Caius!", hörte er in diesem Augenblick die strenge Stimme seines Bruders Marcus. "Wo bist du nur mit deinen Gedanken? Wir erwarten jeden Augenblick die Braut, sei also wachsam!"

"Ja, natürlich", murmelte der blonde Vampir und starrte den Älteren an. "Ich werde mal nach draußen gehen, um zu schauen, ob Marguerites Kutsche gleich kommt."

Damit verschwand Caius aus der Kirche. Die frische Luft außerhalb des Gotteshauses tat ihm gut. Ebenso der Anblick der Familie Fournier und ihrem Schwiegersohn in Spe, deren Tochter mitsamt Bräutigam er immerhin erträglich fand. Außerdem war die kleine Agnes mit Marguerite gut befreundet, weshalb es ihm leicht fiel, gegenüber diesem Geschöpf freundlich zu sein, auch wenn sie - wie beinah alle jungen Mädchen - etwas albern war.

"Wir kommen doch nicht etwa zu spät?", erkundigte sich Madame de Fournier erschrocken.

"Natürlich nicht, Madame", versicherte Caius ihr und vollführte einen leichten Diener vor der älteren Frau und ihrer Tochter. "Ich wollte nur sehen, ob die Kutsche der Comtesse schon da ist."

"Junge Bräute sind am Hochzeitstag immer sehr aufgeregt und manchmal passiert ein kleines Malheur, so dass sie sich etwas verspäten", meinte Monsieur de Fournier amüsiert. "Wie geht es denn dem Bräutigam?"

"Er ist sehr nervös. Vielleicht gelingt es Euch, ihn ein wenig zu beruhigen", erwiderte Caius. "Geht ruhig schon rein. Ich bin sicher, Marguerite und Louise kommen auch gleich."

Thierry und die Fourniers ließen sich das nicht zweimal sagen und traten in die Kirche ein.

"Fehlt eigentlich nur noch meine kleine Comtesse", dachte Caius und überließ sich wenige Minuten lang der tröstenden Vorstellung, Marguerite könne es sich anders überlegt haben und würde gar nicht zur Hochzeit erscheinen. Oh, es würde Aro gar nicht gefallen, am Altar stehen gelassen zu werden.

Doch dann sah er die Kutsche der Braut, die von einer Truppe rotgewandeter Musketiere und - von allen unbemerkt - den zu Marguerites Schutz abgestellten Volturi-Wächtern begleitet wurde, und musste enttäuscht von seiner Wunschvorstellung Abschied nehmen. Nun war es also so weit: Seine kleine Comtesse wurde die Ehefrau von Aro, diesem Verräter! Zwar hatte sich dieser bei ihm entschuldigt und behauptet, nicht gewusst zu haben, dass Marguerite das Mädchen gewesen sei, welches Caius unbedingt kennenlernen wollte, doch er hatte es ihm nicht ganz abgenommen. Aro war ein gerissener Mann, der es verstand, zu bekommen, was immer er sich in den Kopf setzte - und bedauerlicherweise hatte Marguerite sich in ihn verliebt. Das akzeptierte er und ertrug all dies nur, um ihr unnötigen Kummer zu ersparen. Doch wie es später in Volterra weitergehen sollte, wenn sie alle im Palazzo miteinander lebten, wusste er nicht. Womöglich wäre es dann Zeit für ihn, für eine Weile fortzugehen und woanders zu leben...

In diesem Moment hielt die Rochefort'sche Kutsche vor der Kirche und Caius eilte zur Tür, um der Braut und Louise beim Aussteigen behilflich zu sein. Den beiden jungen Frauen folgten zwei Dienstmädchen, die sie bis zum Eingang der Kirche begleiteten. Louise wollte Marguerite gerade den Umhang abnehmen, als Caius ihr zuvorkam und behutsam den schweren Stoff von ihren Schultern zog. Danach übergab er den Mantel einem der Mädchen und öffnete sogleich die Tür für die Braut und ihre Freundin, die in das Innere der Kirche verschwanden. Im ersten Moment wollte Caius ihnen folgen, überlegte es sich dann aber anders, schloss die Tür und wandte sich den beiden Dienstmädchen zu.

"Zweifellos hat die Comtesse Euch nicht ohne Grund mitgenommen", sagte Caius. "Also, welchen Auftrag hat sie Euch erteilt?"

"In der Kutsche ist eine kleine Kleiderkiste, die wir umladen sollen in die Kutsche, die zu Eurem Haus fährt, Herr", antwortete Arlette.

"Zeigt mir die Kiste, ich lade sie rasch in den Wagen um, mit dem mein Bruder Marcus und ich nachher zurückfahren!"

*


Kaum hatten Marguerite und Louise die Kirche betraten, begegneten ihr auch schon die strahlenden Augen ihre Bräutigams. Aro sah wirklich prächtig aus, der schönste Mann, der ihr jemals begegnet war. Und ab heute gehörte er nur noch ihr, ganz ihr!

Die Orgel begann zu spielen.

"Ich lasse Euch nun allein, Comtesse", wisperte Louise ihr ins Ohr und ging dann nach vorne, um sich in eine der ersten Kirchenreihen zu setzen. Marguerite folgte ihrer Freundin mit den Augen, war beruhigt, als sie Madame de Colignon sah, die ihr aufmunternd zulächelte, und sehr überrascht, Giselle de Roux neben ihrer Tante zu erblicken. Aber was kümmerte sie die Anwesenheit dieses Mädchens? Es störte sie kaum und für sie war heute nur noch eins wichtig: Vorne stand der Mann, dem ihr ganzes Herz gehörte.

Marguerite besaß leider keinen Vater mehr und hatte auch keinen väterlichen Freund, der sie aus seiner Obhut in diejenige ihres zukünftigen Mannes übergeben konnte. Der König ließ sich dazu nicht herab, ebenso wenig Kardinal Mazarin - außerdem kannte sie die beiden nur flüchtig, so dass es auch unpassend wäre. Und ihren Onkel, der vehement gegen Aro eingenommen war und dem sie ohnehin misstraute, hätte sie nie darum gebeten. Stattdessen war sie froh, dass Baron Lebrunne weit fort war und sie ihn nie mehr wiedersehen musste. Was machte es schon, dass sie hier allein stand? Sie war es ohnehin gewohnt, nach dem Tode ihres Vater alles allein zu regeln.

Beherzt begann Marguerite, sich langsam in Bewegung zu setzen und auf den Altar zuzuschreiten. Ungefähr in der Mitte der Kirche kam ihr Aro entgegen, in dessen Arm sie sich sofort einhakte und nun mit ihm zusammen den Weg fortsetzte.

"Ich bin so glücklich, dass du da bist", flüsterte ihr ihr Bräutigam zu, während die Orgel über ihnen hinwegbrauste, so dass niemand außer Marguerite seine Worte hörte. "Einen Moment lang fürchtete ich, du würdest nicht kommen."

"Deine Furcht war unbegründet, du weißt doch, dass ich nur dich liebe", gab sie wispernd zurück und wurde durch das schönste Lächeln belohnt, das sie jemals sah.

"Ich liebe dich auch, mein Herz", erwiderte Aro.

Danach schwiegen sie, kamen vor dem Altar an, neben sich Agnes und Thierry stehend, um den warmen Worten des Priesters zu lauschen, der von Liebe und Achtung sprach und davon, sich in Glück und Unglück beizustehen. Endlich kam der Priester zum Ende, sie tauschten die Ringe aus, die ihnen Thierry und Agnes auf einem roten Samtkissen reichten, und danach schlug Aro den Schleier seiner Braut zurück, um sie endlich vor aller Augen zu küssen...

***


Gegen drei Uhr am Nachmittag schlenderte Baron de Lebrunne wie unbeabsichtigt auf das Haus zu, in dem er vor nicht allzu langer Zeit noch mit seiner Frau und seiner Nichte zusammengelebt hatte. In dem Wissen, dass seine Nichte sich auf ihrer eigenen Hochzeit befand, klopfte er an die Tür und wenig später öffnete ihm einer der männlichen Bediensteten, der ihn staunend anblickte.

"Monsieur, Ihr hier?", wunderte sich der Lakai. "Wir haben gar nicht mit Euch gerechnet."

"Normalerweise wäre ich auch gar nicht hier", behauptete Roger. "Eigentlich hatte ich vor, nach der Beerdigung meiner seligen Gemahlin auf meinen eigenen Landsitz zurückzukehren, doch ich habe etwas hier vergessen, das mir sehr wichtig ist. Dürfte ich kurz hineinkommen und meine Kammer aufsuchen?"

"Natürlich, Monsieur", antwortete der Diener und ließ ihn eintreten. "Aber wollt Ihr denn gar nicht auf die Hochzeitsfeier Eurer Nichte?"

"Nein, danach steht mir augenblicklich nicht der Sinn", erwiderte der Baron. "Auch wenn ich mich natürlich freue, dass die Comtesse ihr Glück gefunden zu haben scheint. Ich wünsche ihr alles Gute. - Sag, ist mein Kammerdiener noch hier im Haus? Ich würde gerne mit ihm sprechen."

"Selbstverständlich, Monsieur, ich schicke ihn sofort zu Euch", versprach der Diener und eilte davon, während Lebrunne die Treppe hochstieg, um zu seinem Gemach zu gelangen. Rasch überlegte er dabei, was er dem Kammerdiener erzählen sollte, denn im Grunde hatte er bei seiner Abreise all seine Gegenstände mitgenommen. Bevor er in sein Zimmer ging, hörte er noch, wie unten eine Tür aufging und die Stimmen zweier fröhlicher Mädchen miteinander plauderten und lachten. Eine der Stimmen gehörte Arlette, der Kammerzofe seiner Nichte. Interessant, dass die noch hier war. Vielleicht könnte er sie später ein wenig aushorchen?

Zu dem fröhlichen Stimmengewirr gesellten sich plötzlich schwere Schritte, die sich ihm zu nähern schienen. Das musste sein ehemaliger Kammerdiener sein! Besser, wenn er sich in sein Zimmer verzog.

Rasch betrat Roger sein Gemach, schloss hinter sich die Tür und öffnete dann den Schrank, um glaubhaft darzustellen, dass er tatsächlich dachte, hier im Hause etwas vergessen zu haben.

Als es klopfte, rief der Baron ungeduldig: "Herein!"

Sein ehemaliger Kammerdiener trat ein.

"Herr, was für eine Überraschung! Wie man mir zutrug, sollt Ihr hier etwas zurückgelassen haben?"

"Ja, ich vermisse eine goldene Kette, die ich meiner Frau vor vielen Jahren zu ihrem Geburtstag schenkte. Ein seltenes Stück mit drei Rubinen bestückt. Nach meiner Erinnerung habe ich es in diesen Schrank gelegt, wo es sicher zu sein schien...", erzählte Lebrunne und tat so, als denke er nach. "Seltsam! Ich war mir gewiss, dass das Schmuckkästchen, in dem sich die Kette befand, in diesem Schrank war."

"Vielleicht habt Ihr es doch eingesteckt und es bisher nur nicht gefunden", meinte der Kammerdiener.

"Hm... nein... als ich in Rochefort ankam, wollte ich diese Kette meiner Frau mit ins Grab geben, aber sie war unauffindbar. Deshalb dachte ich, ich hätte sie hier vergessen."

"Nach Eurer Abreise habe ich Euer Gemach gründlich aufgeräumt und gesäubert. Es war nichts von Euren Dingen mehr da, Herr."

"Na schön, dann muss ich mich geirrt haben. Womöglich ist das Schmuckkästchen in einer meiner anderen Reisekisten. Sobald ich auf meinem Landsitz bin, werde ich es bestimmt wiederfinden. Da meine Frau in einer Gruft beigesetzt ist, dürfte es kein Problem sein, ihr die Kette noch nachträglich in den Sarg zu legen."

"Es tut mir leid um Eure Frau und auch, dass Ihr Euch extra die Mühe machtet, herzukommen", sagte der Bedienstete. "Darf ich Euch eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken bringen, Herr?"

"Wenn es nicht zu viel Mühe macht, dann sehr gerne."

"Wenn Ihr schon erneut Reisestrapazen auf Euch nehmt, ist es doch das Mindeste, Euch etwas zur Stärkung anzubieten."

"Danke."

Der Kammerdiener verneigte sich leicht und verließ das Zimmer, um ihm eine kleine Mahlzeit zu holen. Kaum war er gegangen, begab sich der Baron an die Tür, öffnete sie etwas und lauschte. Unweit von ihm hörte er wieder die fröhlichen Stimmen von Arlette und einem anderen Mädchen. Leise trat er auf den Flur, schloss die Tür hinter sich und schlich sich zum Gemach seiner Nichte, aus dem diese Stimmen kamen. Da die beiden Bediensteten laut miteinander sprachen, konnte er ihre Unterhaltung gut hören.

"Wie schade, dass wir keinen Blick auf Conte Aro erhaschen konnten", sagte eines der Mädchen gerade. "Dabei hätte ich viel dafür gegeben, um ihn noch einmal zu sehen. Er ist wirklich ziemlich attraktiv, findest du nicht?"

"Oh ja, ein ansehnliches Mannsbild", pflichtete Arlette ihr bei. "Kein Wunder, dass die Comtesse keinen anderen mehr angeschaut hat. Die beiden sind so ein schönes Paar."

"Nach allem, was man hört, soll diese Volturi-Familie sogar über noch mehr Vermögen verfügen als der verstorbene Kardinal Richelieu. Jedenfalls hat unsere Comtesse mit Conte Aro eine sehr gute Partie gemacht."

"Pah! Als ob es ihr darauf angekommen wäre! Comtesse Marguerite ist überaus verliebt in Conte Aro und das ist der einzige Grund, weshalb sie dazu bereit war, ihn zu heiraten. Sie hätte ja auch einen noblen Franzosen heiraten können. Weißt du noch, dieser Monsieur de Hervais, der neulich hier vorsprach?"

"Oh ja, ich erinnere mich gut! Er hat unsere Comtesse beinahe mit den Augen verschlungen. Richtig unheimlich war das!"

"Aber ein fescher Bursche war er doch!"

"Unsere Comtesse hatte ein große Auswahl an potenziellen Ehemännern wie man so hört. Sie ist ja auch eine überaus hübsche, junge Frau von angenehmem Wesen. Kein Wunder, dass halb Paris für sie schwärmt."

"Muss schön sein, derart angehimmelt zu werden", seufzte Arlette. "Ich wünschte, mir würde das auch passieren."

"Glaube kaum, dass das erstrebenswert ist", widersprach das andere Dienstmädchen. "Zum Glück hat unsere Comtesse sich ja für einen der jungen Männer entschieden und es freut mich, dass dies eine echte Liebesheirat ist."

"Oh ja, das ist natürlich das Erstrebenswerteste von allem", erwiderte die Kammerzofe. "Weißt du, was ich für die Comtesse in die kleine Reisekiste gepackt habe? Darin sind einige Strümpfe, Unterwäsche, zwei Kleider, ein Morgenrock und ein süßes, mit Spitzen versehenes Schlafgewand für die Hochzeitsnacht drin. Conte Aro wird entzückt sein, wenn er sie darin sieht."

"Doch er wird noch mehr darüber entzückt sein, es seiner Braut auszuziehen..."

Die beiden Mädchen lachten, während Lebrunne diese Vorstellung schmerzte. Natürlich würde Marguerite zuerst diesem schmierigen Aro gehören, aber danach... was sollte es schon? Er war auch nicht gerade ein treuer Typ! Hauptsache, es gelang ihm, seinen Plan auszuführen, selbst wenn er noch nicht wusste, wie er dies bewerkstelligen sollte...

Kaum mit seinen Gedanken zu Ende, hörte Lebrunne wieder schwere Schritte auf der Treppe und schlich sich rasch zurück in sein Gemach. Den Kammerdiener ging es schließlich nichts an, dass er soeben ein Gespräch belauschte. Doch warum hielten sich die Kammerzofe und das Dienstmädchen derart lange im Zimmer seiner Nichte auf und führten zum Teil unsittliche Gespräche miteinander? Es konnte doch wirklich nicht so lange dauern, das Ehebett für das Brautpaar herzurichten... wobei... nun ja, in der Nacht, wenn ihn keiner erwartete, könnte er ja in das Brautgemach schleichen, wenn die beiden schliefen, und sich dieses Aro entledigen. Er musste nur achtgeben, dabei Marguerite nicht zu wecken. Sie würde ihn gewiss nicht erhören, wenn sie wüsste, dass er ihrem Bräutigam ermordet hatte. Es dürfte auch kein Problem sein, die Leiche des schmierigen Italieners irgendwo im Hause zu verstecken und später zu entsorgen. Hauptsache war, dass er alle Spuren dieses Mordes beseitigte und Marguerite am nächsten Tag davon überzeugen konnte, dass ihr Ehemann sie verlassen hatte. Stolz, wie seine Nichte war, würde sie Aro niemals verzeihen.

Ein zufriedenes Grinsen stahl sich auf das Gesicht des Barons, bevor dessen ehemaliger Kammerdiener erneut eintrat und ihm ein Tablett mit einer warmen Mahlzeit sowie Käse, Brot und Wein servierte.

"Mit den besten Grüßen unserer Köchin", sagte der Diener dabei. "Wohl bekomm es Euch, Herr."

"Vielen Dank für die Freundlichkeit - und bestellt das ruhig auch dem Gesinde in der Küche. Ich bin und war wirklich stets sehr zufrieden mit euch allen", gab Lebrunne zurück. "Ich hoffe, meine Nichte hat Euch allen ein gutes Zeugnis ausgestellt? Oder nimmt sie Euch gar mit in ihren neuen Hausstand?"

"Das nicht, Herr, aber unsere Zeugnisse hat sie selbst geschrieben und uns darin alle gelobt. Einige von uns haben sogar schon eine neue Stellung. Arlette, die Kammerzofe der Comtesse, wird bei Mademoiselle de Fournier ihren Dienst antreten."

"Und was ist mit Euch?"

"Monsieur de Renouard, der Verlobte von Mademoiselle de Fournier, hat mir ein Angebot gemacht, das ich dankbar annahm. Übermorgen verlasse ich dieses Haus, um zu ihm zu gehen."

"Wie lange gedenkt meine Nichte, mit ihrem Mann noch in Paris zu bleiben? Hat sie davon etwas erwähnt?"

"Sie hat den Haushalt hier heute offiziell aufgelöst und uns drei Tage Zeit gegeben, alles sauberzumachen und aufzuräumen. Danach dürfen wir das Haus verlassen. Einer von uns soll ihr den Schlüssel in das Haus ihres Mannes bringen."

"Warum übergebt ihr es nicht gleich dem Vermieter?"

"Die Comtesse hat noch einige Sachen hier, die sie am Tag ihrer Abreise abholen wird. Arlette und Nicole sind gerade dabei, alle Kleidungsstücke und andere Dinge der Comtesse in Reisekisten zu packen. Darum ist es gerade auch so laut im Haus. Offensichtlich amüsieren sich die beiden Mädchen bei der Arbeit ganz köstlich - nun ja, junge Mädchen erzählen sich oft albernes Zeug. Vermutlich sprechen sie über die Hochzeit Eurer Nichte, die ihre Phantasie gewiss beflügelt."

Der Baron lachte ein wenig und nickte.

"Wen heiratet meine Nichte eigentlich?", fragte er dann, obwohl er es längst wusste. "Bei meiner Abreise erwähnte sie nicht einmal, dass sie ernsthaft einen ihrer Verehrer als möglichen Ehemann ins Auge gefasst hat. Es kommt alles ein bisschen plötzlich, nicht?"

"Mag sein, andererseits ist Eure Nichte noch sehr jung und steht ganz allein da."

"Unsinn! Es gibt doch noch mich!"

"Ich glaube gern, dass Ihr alles tun würdet, um Eurer Nichte beizustehen, Herr, aber der Comtesse scheint Euer guter Wille nicht auszureichen."

"Hm... vermutlich, weil ich nicht in der Lage war, meine eigene Frau zu schützen?"

Der Kammerdiener nickte, wagte jedoch nicht, ein Wort an den Baron zu richten.

"Also, wer ist nun der Glückliche, dessen Antrag Marguerite annahm?", erkundigte sich Lebrunne erneut.

"Es handelt sich um einen Conte Aro di Volturi", antwortete der Kammerdiener. "Vermutlich kennt Ihr ihn?"

"Ja, natürlich! Seine Brüder und er sind meiner Frau und mir auf verschiedenen Bällen und Festen begegnet, wobei er wie viele andere unserer Nichte den Hof machte. Aber damals erschien er mir nicht wie ein Mann, der ernsthaft auf der Suche nach einer Heiratskandidatin ist. Nun ja, wie man sich irren kann, nicht?"

"Er macht einen überaus guten Eindruck, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf."

"Ich hoffe wirklich, dass er meiner Nichte ein guter Ehemann sein wird", behauptete Lebrunne. "Vorhin erzähltet Ihr mir noch, dass Marguerite abzureisen gedenkt. Wird sie mit ihrem Mann etwa nach Italien fahren?"

"Das ist höchst wahrscheinlich, Herr, wobei in vielen Gesprächen immer wieder die Rede davon war, nach Rochefort zu fahren - aber natürlich hat uns die Comtesse nicht in ihre weiteren Pläne eingeweiht."

"So, so? Und woher weißt du, worüber sich meine Nichte unterhielt?"

"Ach, Herr, Ihr wisst doch - die Gesindeküche hat offene Ohren und Münder..."

"Schon gut, ich verstehe! Wenigstens habe ich diesen neugierigen und offenen Ohren und Mündern zu verdanken, dass ich von den Zukunftsplänen meiner Nichte erfahre. Aber du sagtest, dass meine Nichte nochmals in dieses Haus hier zurückkehren wird?"

"Ja, um ihre Reisekisten abzuholen - vermutlich geschieht dies, sobald sie sich mit ihrem Mann auf den Weg nach Rochefort oder Italien macht. Es dürfte auch nicht mehr so lange dauern, bis sie abreist."

"Anzunehmen", gab ihm Lebrunne recht und nickte. "Danke für diese Informationen, mein Bester. Für deine Zukunft wünsche ich dir alle Gute - und hier...", er legte dem Kammerdiener ein Geldstück in die Hand, "...das ist für deine Mühe. Vergiss nicht, der Köchin für ihre Freundlichkeit zu danken. Und jetzt erlaube mir bitte, allein zu speisen und mich etwas auszuruhen, bevor ich gehe."

"Selbstverständlich, Herr", erwiderte der Diener und verließ den Raum.

Lebrunne lehnte sich bequem in seinen Stuhl zurück, höchst zufrieden mit der Auskunft, die er erhalten hatte...

***


Marguerite und Aro traten mit strahlenden Gesichtern aus der Kirche.

"Schau, mein Herz, die festlich geschmückte Kutsche ist unsere", erklärte der Bräutigam und deutete auf einen großen, weißen Wagen, der sogleich vor die Kirchentür fuhr. "Komm, folge mir in dein neues Zuhause, Contessa di Volturi."

Die junge Frau lachte, umarmte und küsste ihn. Danach schaute sie sich noch einmal nach den anderen um, drehte ihnen dann den Rücken zu und rief übermüig: "Wer das fängt, ist als Nächstes dran!"

Kaum hatte sie das gesagt, warf sie ihren Brautstrauß hinter sich und er fiel direkt in Louises Arme. Erneut sah sich Marguerite um und lachte laut auf.

"Wie überaus passend!", rief sie fröhlich. "Auf Rochefort wird die nächste Hochzeit gefeiert!"

Bis auf Louise, die stark errötete, lachten alle und einige von ihnen klatschten Beifall. Caius trat dicht an Louise heran und reichte ihr seinen Arm: "Mademoiselle, darf ich bitten, mich im anderen Wagen zu begleiten?"

Louise hakte sich dankbar bei ihm ein, während Aro seiner Braut bereits in die Kutsche half und danach mit ihr davonfuhr. Marguerite warf einen Blick durch das Fenster zurück und winkte allen noch einmal zu, ehe sie sich wieder ihrem Bräutigam zuwandte und erklärte: "Ich bin so glücklich, dass wir endlich verheiratet sind und unsere Liebe nicht mehr verstecken müssen, Liebster. Und vielen Dank für die Rosen, die du mir sandtest. Diese Geste hat mich sehr berührt. Wenn ich nicht schon längst verliebt in dich wäre, würde ich mich neu in dich verlieben."

"Für dich ist mir nichts teuer genug", erwiderte Aro und küsste sie.

Als die beiden Liebenden endlich ihre Lippen voneinander gelöst hatten, fragte Marguerite: "Sag mal, was hatte eigentlich Mademoiselle de Roux bei unserer Trauung zu suchen?"

"Ach das! Sie sprach heute bei ihrer Tante vor und behauptete, Glückwünsche Ihrer Majestäten überbringen zu wollen. Außerdem will sie dir noch einen Brief überreichen. Deshalb sah ich mich gezwungen, sie auch zu unserer Hochzeitsfeier einzuladen. Es tut mir leid, aber alles andere wäre ein Affront gegenüber Madame de Colignon gewesen. Das wollte ich uns an unserem Hochzeitstag ersparen."

"Das hast du gut gemacht, Aro! Mich stört die Anwesenheit Mademoiselle de Roux' wirklich nicht und wenn wir Glück haben, bleibt sie auch nicht allzu lange."

"Am besten beachten wir sie gar nicht, so weit das möglich ist. Ich habe ohnehin nur Augen für dich...", sagte Aro zärtlich und küsste sie erneut...

----------------------------------------------------------------------------------------------
[1] Dov'è (ital.) = Wo bleibt sie denn nur?
Review schreiben