Nennt mich Erin Gall

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
20.12.2017
20.12.2017
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Diese Geschichte entstand für einen kleinen Wettbewerb, den ich damit gewonnen habe. Viel Spass beim Lesen!

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Vorsichtig öffnete ich die Augen und machte sie sofort wieder zu. Die gleissende Sonne schien unerbittlich vom Himmel. Ich schirmte sie mit der Hand ab und öffnete die Augen wieder. Das Licht strahlte durch die milchig weissen Schwimmhäute meiner Hand. Es war unglaublich heiss. Wo war ich überhaupt? Am Äquator?
Langsam versuchte ich, mich aufzusetzen. Mein Kopf brummte, als hätte ich zu viel Zeit in einem Pub der Menschen verbracht. Ich wischte mir den Sand vom Kleid. Da wanderte mein Blick auf das weite Meer vor mir, wurde geradezu magisch angezogen davon. Das Meer war mein Zuhause. Doch leider nicht dieses Meer. Von meinem Meer kannte ich die Küsten und Strände genau. Und das hier war nicht irischer oder britischer Sand.
Instinktiv suchte ich nach meiner Kappe, meiner cohuleen druith. Doch ich konnte sie nirgendwo finden. Das machte mich nervös. Ohne ihr konnte ich nicht unter Wasser atmen und längst nicht so gut schwimmen. Dann war ich nur ein Mensch mit Beinen statt Flosse, etwas blass vielleicht, was mein rotbraunes Haar leuchtender erscheinen liess.
Nun fiel es mir wieder ein. Ich musste irgendwo am Mittelmeer sein. Ich war mit ein paar anderen Mitgliedern vom Hofstaat aufgebrochen, um die Beziehungen zum Meeresvolk bei Griechenland zu festigen. Doch noch vor der Ankunft waren wir uns wegen der Einzelheiten in die Haare geraten. Das letzte, an das ich mich erinnern konnte, war dieser Todesblick meines eigenen Bruders. Und dann musste ich wohl bewusstlos an Land gespült worden sein...
Freilich lag die Bewusstlosigkeit wohl eher an einem Schlag auf den Kopf als an einem Blick. An meinem Hinterkopf spürte ich eine dicke Beule.
Schliesslich schaffte ich es, mich aufzurappeln und umzuschauen. Weit und breit war niemand zu sehen. Der kleine Strand wurde umrahmt von halb vertrockneten Sträuchern. Auf die Zivilisation deutete nur ein grosses, rotes Handtuch hin, das halb vergraben im Sand lag.
Sehnsüchtig blickte ich hinaus auf das Meer. Ich wollte nach Hause. Ach was, ich musste nach Hause. Jemand musste das Königreich vor diesen Verschwörern warnen, die politische Gegner auf solch unmenschliche Art aus dem Weg räumten.
Entschlossen ging ich auf das Wasser zu. Doch schon nach wenigen Schritten blieb ich wieder stehen. Ich konnte nicht diesen Weg nehmen, wenn ich nicht den grauenvoll ironischen Tod einer ertrinkenden Meerjungfrau sterben wollte.
Die Tatsachen erschlugen mich. Wohl oder übel musste ich den Landweg nehmen.
Doch wer wäre ich, wenn ich nicht aus jeder Situation das Beste machen würde? Ich wäre niemals so weit gekommen. Nicht zu diesem einsamen Strand. Aber auch nicht bis zu meiner Position als Diplomatin.
„Keine Panik“, sagte ich mir. Wenn ich nur einen kühlen Kopf bewahrte, würde ich aus jeder Situation herauskommen, auch mit brennender Hitze und ohne Schwimmkappe.
Weil es das einzige war, das ich hatte, holte ich das rote Handtuch, schüttelte es aus und nahm es mit. Man konnte nie wissen, wann so ein Gegenstand praktisch werden konnte. Dann lief ich einfach los, mich an der Sonne und der Küste orientierend.

Die staubigen Strassen führten mich an Zitronenbäumen, Pinien und anderen Pflanzen vorbei, die ich höchstens von Bildern kannte. Hin und wieder begegnete ich einem Bauern, dessen Blick mir nur noch mehr das Gefühl gab, hier völlig fehl am Platz zu sein. Vielleicht lag das auch daran, dass ich mir gegen die brennende Sonne das Handtuch über Kopf und Schultern legte.
Schliesslich schmerzten meine Füsse so sehr, dass ich kaum noch weitergehen konnte. Ich war es nicht gewohnt, so viel zu laufen. Die Sonne war kaum weitergewandert, nur ein kleines Stück vom Meer weg in Richtung Land. Da entdeckte ich in der Ferne ein kleines Dorf. Mit neuer Motivation steuerte ich darauf zu. Bestimmt konnte ich mich dort ausruhen und etwas zu Essen bekommen. Ich erinnerte mich daran, wie ich mich als Kind einmal in Irland verirrt hatte, wo ich sehr freundlich aufgenommen worden war.
Laut Strassenschildern trug der kleine Küstenort den poetischen Namen Proda. Es waren nur wenige Menschen unterwegs, doch alle schauten mich verstohlen an und gingen mir aus dem Weg. Entweder konnten sie Fremde nicht leiden oder sie wussten einfach nicht, wie sie auf mich reagieren sollten. Ich fand ein kleines Pub, in dem bereits zwei Männer sassen, die sich leise unterhielten. Schweigend setzte ich mich an einen freien Tisch und legte das Handtuch neben mich.
„Buongiorno!“, begrüsste mich der Kellner und reichte mir eine Karte.
Ich überflog sie und konnte kein Wort verstehen. „Gebt mir irgendetwas“, sagte ich auf meiner Muttersprache. „Muscheln und ein Glas Wasser? Habt Ihr das?“
Seinem Blick nach zu urteilen hatte der Mann so wenig verstanden wie ich von der Karte. Ich hätte auch nicht erwartet, dass er die Sprache der Meeresvölker beherrschte.
„English? Gaeilge? Dansk? Deutsch?“, versuchte ich es.
Doch er fragte nur ratlos: „Parla italiano?“
Ich begann, die Karte nach etwas zu durchsuchen, das ich kannte, doch ich fand nichts.
„Kann ich behilflich sein?“ Ich blickte auf. Vor mir stand ein grosser Herr um die Vierzig mit ärmellosem, schwarzem Mantel und schwarzem Hut. Er war einer der Männer, die ich beim Eintreten gesehen hatte. Der andere hatte das Lokal scheinbar verlassen.
Mit seinem Englisch mit italienischem Akzent fügte er hinzu: „Kann ich Euch etwas empfehlen?“
Wenig später sass ich vor einem Teller Pasta mit Muscheln und musste mich sehr konzentrieren, um sie wie ein normaler Mensch mit Besteck zu essen. Der Mann, der sich mir als Noctis Scarpa vorgestellt hatte, nippte mir gegenüber an irgendetwas Alkoholischem. Ich fand, dass sein Name wie ein Zauberspruch klang, wie ein Fluch.
„Ihr seid also auf der Durchreise?“
Völlig aus dem Konzept gebracht spickte mir eine Muschel quer durch den Raum. Ich tat so, als sei nichts passiert. „Ja, ich muss zurück zur Irischen See“, erklärte ich und machte mich daran, Nudeln am Tellerboden mit der Gabel aufzurollen. Er beobachtete mich aufmerksam.
„Ihr gehört wohl zum dortigen Meeresvolk?“, schloss er. Ich nickte. „Ich kann Euch ein Stück in der Kutsche mitnehmen“, bot er an und nahm noch einmal einen Schluck.
Unsicher stocherte ich in meinem Essen herum. Das war eine gute Gelegenheit, nicht? Zu Fuss würde es ewig dauern. Doch konnte ich ihm vertrauen?
Ich wusste nicht genau, was es war, aber irgendetwas an ihm gefiel mir nicht. Dafür fiel mir wieder ein, wie mein Vater mich damals zurechtgewiesen hatte, als er mich in Irland wiedergefunden hatte, weil ich den fremden Menschen blind vertraut hatte.
Plötzlich stand ich auf und packte mein Handtuch. „Vielen Dank für das Angebot. Aber ich werde alleine weitergehen. Ich wünsche noch einen schönen Tag.“ Damit drehte ich mich um und liess den perplexen Mann alleine im Lokal zurück. Der Kellner rief mir etwas auf Italienisch hinterher. Ich ignorierte ihn.
Erst draussen fiel mir auf, dass ich mein Essen nicht gezahlt hatte. „Egal“, dachte ich. Ich hatte sowieso kein Geld dabei. Was für eine Währung hatte man überhaupt in Italien?
Ich lief einfach weiter, aus dem Dorf hinaus, weiter der Küste entlang. Meine schmerzenden Füsse ignorierte ich.

Bald wandelte sich die Landschaft und wurde zunehmend hügelig. Schliesslich tauchte ein Wald am Horizont auf. Ich beschloss, durch ihn zu gehen statt daran vorbei. Er spendete wenigstens ein wenig Schatten.
Stimmen verrieten mir, dass ich nicht alleine war. Vorsichtig schlich ich mich an, um zu sehen, wer da sprach. Ich entdeckte mehrere Zentauren, stattliche Kreaturen. In ihrer Mitte stand eine menschliche Frau. Sie kam ganz klar nicht von hier. Ihre blonden Haare und blauen Augen, ihre abgenutzte Weste mit den kupfernen Knöpfen, ich hatte den Eindruck, dass sie von weit her angereist sein musste.
Plötzlich drehte sich einer der Zentauren zu mir um. „Komm her, wenn du dich so für uns interessierst.“ Er sprach Deutsch. Warum sprach er Deutsch?
Zögernd kam ich hinter meinem Baum hervor und trat einige Schritte auf sie zu. „Ich bin nur eine Reisende“, sagte ich schnell. Nicht, dass sie mich noch für einen Spion oder so etwas hielten.
Alle Blicke lagen auf mir. „Du stammst vom irischen Meeresvolk“, stellte die Frau mit französischem Akzent fest und streckte mir ihre Hand hin. „Arduinna Sylve“, stellte sie sich vor. Ich betrachtete meine Schwimmhäute, nicht sicher, wie ich ihre Hand ergreifen sollte. Sie lachte und nahm sie wieder zurück.
„Nennt mich Erin Gall“, sagte ich.
Da grinste sie. „Heisst ihr alle so? Auf meiner letzten Reise in der Gegend haben sich mir drei Leute mit diesem Namen vorgestellt. Und die Männer hiessen alle Patrick Gall.“
„Nur für Fremde“, erwiderte ich verlegen. Nach einer Pause fügte ich hinzu: „Ihr wart in Irland?“
„Ich habe die Küste kartiert und die Pflanzen katalogisiert“, erklärte sie. „Ich bin Forscherin, interdisziplinär, würde ich sagen.“
Ich fand das unheimlich spannend, doch ich wagte nicht, näher nachzufragen.
„Bist du zurück nach Norden unterwegs, Erin?“, fragte sie nun. „Du scheinst weit gelaufen zu sein. Auch wenn du gar nicht die richtige Ausrüstung hast – keine Schuhe, nur ein Handtuch dabei. Du hast wohl den Rest verloren?“
Ich wusste nicht, was ich darauf entgegnen sollte.
„Ich helfe dir“, beschloss sie nun. „Ich muss sowieso nach Paris zum naturhistorischen Museum.“
Misstrauisch trat ich einen Schritt zurück. „Danke für Euer Angebot, aber ich komme zurecht, Fräulein Sylve.“
Die Forscherin packte mich einfach am Arm und zog mich mit sich. „Das tust du nicht, das sieht man von Weitem. Und nenn mich Arduinna.“
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