Schwule Majestät

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
17.12.2017
06.12.2018
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Dieses Kapitel
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12. Kapitel: Obst-und-Gemüse-Tag mit Banane-Kokos-Curry



„Szene-Gott also!“
Mit vollem Munde spricht man nicht. Maya tut es trotzdem. Denn Nutella-Brötchen erheben selten Einspruch.
„Wer hätte das gedacht?“
Sie fixiert mich mit ihren braun-grünen Augen – und ich rutsche unbehaglich auf meinem Küchenstuhl hin und her. Als es vorhin geklingelt hat, habe ich sofort gewusst, dass sie es ist. Mike sehe ich später bei der Feuerwehr. Lasse kommt erst gegen Abend. Blieb nur Maya. Und Voila: Frühstücks-Strafgericht, Klappe, die Erste!
Szene-Gott ist Schwachsinn!“, versuche ich daher einen guten Einstieg in das Plädoyer der Verteidigung, denn ich weiß, dass sie mir die Peinlichkeit des gestrigen Tages noch immer übel nimmt. Eine beste Freundin, die nicht weiß, dass ihr bester Freund schwul ist, ist nun einmal ein Ritterfräulein der traurigen Gestalt. Ihre Meinung.
„Mich finden ein paar Jungs ganz nett, mehr nicht.“
„Also wenn MICH an die hundert Männer ganz nett finden würden …“
Ihr Blick bleibt eisern. Niederstarren für Fortgeschrittene.
„… , würde ICH mich Göttin nennen.“
„Noch einen Kaffee?“
Ich versuche mein charmantestes Lächeln.
„Danke, nein!“
Sie lächelt ebenso charmant zurück und schraubt das Nutella-Glas im Zeitlupen-Modus zu.
„Ich will Details. Viele Details. Und die Rubrik Besonders schmutzig bitte zuerst!“

„Wenn sie auch noch einen Notizblock gezückt hätte, wäre sie locker als rasende Wichsheftchen-Reporterin durchgegangen.“
Während ich mit Mike unter der Feuerwehr-Mannschaftsdusche stehe, bin ich noch immer nicht über Mayas ‚Ich kenne keine Grenzen‘-Wissensdurst hinweg.
„Sie wollte sogar wissen, wie es sich anfühlt, einen Schwanz im Arsch zu haben.“
„Na ja, geht so halt.“
Bitte, was? Hat der gerade wirklich ‚geht so halt‘ gesagt? Ich schaue ihn an, als ob er klein, grün und vom Mars sei. Wäre ich eine Comicfigur, würde meine Kinnlade vermutlich mit dem Duschfußboden Bekanntschaft machen. Mit Maya-Neugier war irgendwie zu rechnen gewesen, mit homoerotischen Erfahrungen meines Parade-Heteros NICHT.
„Ja, was?“
Mike schmunzelt nur – und während ich meine ganz private Herr-Rossi-sucht-das-Glück-Party feiere, Fragezeichen, Fragezeichen, zwanzig Fragezeichen,  schäumt er sich in aller Seelenruhe weiter sein Gemächt ein.
„Der Freund von meiner Schwester war mal drin. Da war ich fünfzehn oder so. Ist lange her und war jetzt nicht wirklich so der Bringer.“
Er erzählt das so ganz nebenbei. Trocken und emotionslos. Als würde er mir gerade berichten, dass er zum Frühstück ein Salamibrötchen gegessen habe.  
„Also rechne dir nix aus.“ Er zwinkert mir schelmisch zu. „Da kommt nichts mehr rein.“
Ich schaue ihn natürlich völlig entgeistert an. Mein Mund steht offen. Hallo, ich bin ein Fisch.
Während mein Arschloch nur die fröhlich-elastische Dildo-Runde kennt, hat der heterosexuellste Hetero, den ich kenne, einfach mal den Freund seiner Schwester hinten rein gelassen. Ist ja nichts dabei, macht man unter Fast-Schwagern halt so. War zwar ‚nicht wirklich so der Bringer‘ gewesen, aber reingesteckt ist reingesteckt.
„DU hast dich FICKEN lassen?“
Ich kann es nicht ändern, ich MUSS diese Frage einfach noch einmal – in aller Deutlichkeit – stellen.
„Hab ich. Und er hat mir vorher einen geblasen.“
Das Gemächt ist geschruppt. Jetzt widmet er sich mit viel Schaum und Hingabe seiner Kimme.
„Und das war übrigens auch nicht so der Bringer.“
„Und du hast ihm auch einen …?“
Sorry, nun bin ich neugierig. Nun hole ich den imaginären Notizblock raus. Schlagartig ist mein Verständnis für die Maya-Neugier riesengroß.
„Natürlich NICHT! Deswegen durfte er ihn ja auch reinstecken. Stattdessen.“
Mike schaut mich an, als ob ich nicht mehr alle Tassen im Schrank hätte. Ernsthaft, wie konnte ich nur annehmen, dass er, der Hetero-Macho vor dem Herrn, seinem Fast-Schwager einen geblasen hätte? Hetero-Blasphemie hoch zehn. Also nein, so was macht der brave Hetero von Heute doch nicht. Sich einen Schwanz reinschieben lassen, ja okay, aber einen solchen in den Mund nehmen? Nein, DAS geht gar nicht.
„Sicher: Schwanz im Mund ist Bäh, Schwanz im Arsch ist ‚geht so halt‘!“
Ich kann mir die Ironie nicht verkneifen. Mikes ‚Stattdessen‘-Logik ist zu grandios. Allerdings bei Weitem nicht so grandios, wie die Fähigkeit, meine Ironie – in bester Hetero-Selbstverständlichkeit –zu ignorieren.

Auf dem Heimweg piept WhatsApp. Mike.

Das bleibt natürlich unter uns!

Nein, natürlich nicht. Ich renne sofort los und erzähle jedem, der es wissen und nicht wissen will, dass sich der Gießener Aufreißer-Hero schlechthin, während einer zugekifften ‚Wir zischen ein paar Bier und gucken einen Porno‘-Session, zu homoerotischen Experimenten hat hinreißen lassen, die – zugegebenermaßen – das übliche ‚Wir holen uns nebeneinander einen runter‘-Prozedere überstiegen haben. Am besten erzähle ich es direkt seiner Schwester. Dann können sie sich beim nächsten Familientreffen über die Stoßkraft ihres gemeinsamen Ex-Beglückers austauschen. Und wie entspannt ein Schließmuskel doch ist, wenn man vorher eine fette Tüte geraucht hat – und vom Anblasen ein bisschen geil geworden ist.

Keine Sorge. Dein kleines schmutziges Geheimnis ist bei mir sicher.

So wie deines bei mir, du holde Jungfrau, mein. (Zwinker-Smiley)

Ja, ich habe es ihm erzählt. Weiß der Teufel, ob es eine gute Idee war. Aber er hat mir schließlich auch von seinem 1. Mal erzählt. Die Karriere als Akkord-Flachleger verliebt-naiver Teenager-Bräute hat er erst ein Jahr nach jener Porno-Nacht gestartet. Seinen Fast-Schwager hatten Pubertätspickel und Zahnspange nicht gestört, aber bei den Mädels waren das 2010 noch Ausschlusskriterien gewesen.

Keine halbe Stunde später bin ich zuhause, sitze auf meiner Couch und trinke, entgegen meiner Gewohnheit, ein Alleine-Bier. Das heißt, ich trinke schon mal hier und da ein Alleine-Bier, aber dann läuft das unter dem Motto Party-Vorglühen und nicht unter ‚Hätte ich jetzt einen Schnaps im Schrank, würde ich mir auch einen solchen reinziehen‘. Mein bisheriger Tag war einfach zu abgedreht. Und das will was heißen, nachdem schon dem gestrigen Tag ein merkwürdiger Zauber innewohnte.  Benny im Wunderland – mit Grinse-Katze Lasse und einer Tee-Gesellschaft der besonderen Art. Allerdings kein Vergleich zu heute: Das Maya-Verhör, schön und gut, damit war zu rechnen gewesen. Sie steht auf schwule Freunde, weil sie angeblich mit ihnen viel offener reden kann, und ausgerechnet ihr bester Freund hat ihr dieses kleine ‚Ach übrigens, ich bin schwul‘-Detail verschwiegen. Schlimmer noch: In ihren Augen führe ich scheinbar ein derart schamlos-spannendes Leben, dass sie die offensichtlichen Charakterdefizite von Benny dem Besten geflissentlich ignoriert, oder aber von Matthias nicht gänzlich aufgeklärt wurde. Wahrscheinlich Letzteres, denn Matthias ist nicht Tristan. Matthias hasst keine Menschen. Nicht einmal Gunnar, oder mich. Demzufolge war das Frühstück mit Maya ein wenig unangenehm, aber eben nicht ganz so shocking wie mein Dusch-Event mit Mike. Nein, natürlich schockiert es mich nicht, wenn ein Kerl schon mal einen hinten drin hatte. Doch bei Mike habe ich einfach nicht damit gerechnet. Ja, ich habe mir, frisch nach der Konfirmation, auch mal mit Klassenkameraden  nebeneinander einen runtergeholt, weil uns der PC von Kevins älterem Bruder – samt der ‚Salatgurken ganz anders‘-Datei – so nett angelächelt hatte, aber wir haben uns dabei nicht einmal gegenseitig angefasst, geschweige denn etwas Salatgurkenartiges weggesteckt. Irgendwelche Tussen mit Melonenbrüsten hatten sich Salatgurken in alle erdenklichen Körperöffnungen geschoben, während wir im Palmenwedeln-Delirium gewesen waren. Kevin, Lukas und Cengiz wegen der kreativen Gurken-Party – und ich, weil ich die Ständer meiner Wichskumpane geil gefunden hatte. Jedenfalls wurde damals nichts angeblasen und reingesteckt, sondern nach der ‚Ohne zu stöhnen‘-Abspritznummer verschämt abgeputzt und noch verschämter wieder weggepackt. Zuerst Melonen und Gurken, dann vier leuchtend rote Tomaten. So viel zum Obst-und-Gemüse-Tag von anno dazumal. Nichts mit ‚er hat ihn dann mal eingesteckt‘, wie bei Mike. Stein schlägt Schere. Schere schlägt Papier. Gras-und-Hopfen-Happening schlägt Obst-und-Gemüse-Tag. Und natürlich kommt ein ‚Ja, und? War nicht gänzlich scheiße‘ wesentlich souveräner als eine ‚Äh, bitte was‘-Rumstotterei.

Wieder piept WhatsApp. Diesmal Lasse.

Habe mit Tristan telefoniert. Sorry. Kann heute doch nicht kommen!

Ich starre auf die Message. Mein Magen zieht sich zusammen. Ich brauche nur wenige Sekunden, um mir die schlimmsten Gründe für das Wieso und Weshalb auszumalen. Ich habe in meinem Leben genug unverbindliche Abfuhr-Nachrichten geschrieben. Und da eine Abfuhr für mich nach wie vor logischer ist, als alles andere, übersehe ich auch das … schreibt.

Nur ein Scherz! Stehe schon vor deiner Tür! Mach auf! (Herzchen-Smiley)

Was bin ich froh, noch jung zu sein. Ein älteres Herz würde in einer Beziehung mit Lasse ernsthafte Schwierigkeiten bekommen. So aber verzeihe ich ihm – natürlich – den Schock-Moment und reiße die Tür vielleicht ein wenig zu schwungvoll auf. Er wirkt erst ein wenig verdattert, wird dann aber sofort zur Grinse-Katze und gibt mir einen laut schmatzenden Kuss auf die Backe, während er sich mit Sporttasche und Plastiktüte an mir vorbeischiebt.

„Du kannst die Tür ruhig wieder zumachen, ich bin drin!“
Sein leicht amüsierter Unterton katapultiert mich zurück ins Hier und Jetzt. Diese ‚Ich träume bestimmt immer noch‘-Aussetzer werden langsam peinlich. Ich schließe daher schnell die Wohnungstür und folge meinem Flipper-Gott in die Küche. Selbst in Jogginghose und Schlabber-Shirt sieht er verboten sexy aus. Ich kenne diesen silbrig glänzenden Jogging-Stoff. Er sitzt derart schmeichelhaft, dass sich Unterhosennähte, in der Regel, verführerisch durch ihn durchdrücken. Nicht bei Lasse. Er trägt offensichtlich keine Unterwäsche. Was mich – Romantik hin oder her – gerade ein wenig geil macht.
„Was hast du denn da in der Tüte?“
Bevor mein Kopf-Kino ob des Lasse-Hinterteils Amok läuft und ich einen etwaigen Zeltaufbau nicht mehr stoppen kann, versuche ich den Sprung in eine profane Alltagssituation. Lasse hat anscheinend eingekauft. Beim Discounter um die Ecke. Liebesspielzeug fällt daher aus. Außerdem wäre er dann Richtung Schlafzimmer spaziert, statt in die Küche. Und ehrlich gesagt erscheint es mir für ‚Hier Schatz, ein neuer Dildo für dich‘ auch noch etwas früh. Obwohl …
Er packt eine riesige Salatgurke und stramme noch leicht grüne Bananen aus. Und weil ich über das ‚Hier Schatz, eine frische Salatgurke für dich‘ laut prusten muss, ernte ich einen strafenden Blick und werde mit einem „Hey, ich kann kochen!“ darüber aufgeklärt, dass ich in meiner Jugend eindeutig zu viele Obst-und-Gemüse-Filmchen geschaut habe.

Ja, Lasse kann kochen. Kreativ kochen. Nur mit dem Geschmack hapert es noch. Mit Hack gefüllte Salatgurke auf Bananen-Kokos-Curry schmeckt genauso interessant, wie es aussieht. Und das Schlimme daran ist: Wir essen es brav auf. Lasse, weil er sich scheinbar keine Kochnieten-Blöße geben will – und ich, weil ich mir eher die Zunge abbeißen würde, als ein ‚Jesus, schmeckt das widerlich‘ rauszuhauen. Also spülen wir das Ganze mit viel Weißwein, den mein Koch-Gott ebenfalls mitgebracht hat, herunter und landen wenig später im Bett. Nachdem mir – zu meinem größten Bedauern – der Rest des kulinarischen Highlights heruntergefallen war. Gut, die Auflaufform ist im Arsch, aber manche Opfer muss man eben bringen.
„Film oder Reden?“
Lasse schaut mich an. Ich schaue Lasse an. Matratzensport wollen wir beide nicht. Jedenfalls nicht in unserer ersten wirklich gemeinsamen Nacht. Cat Noir und die Schnapsdrossel war etwas anderes. Ich glaube, er will lieber einen Film gucken und dabei kuscheln. Er schmiegt sich schon ein wenig an mich – und das finde ich schön, gar keine Frage. Aber: Er hat mit Tristan geredet. Das weiß ich. Und Tristan wird nicht laut ‚Hurra‘ geschrien haben. Das weiß ich auch.
„Reden!“, antworte ich daher mit einem innerlichen Seufzen und fühle mich – mit einem Male – sehr unbehaglich. Ja, Lasse ist hier bei mir. Das heißt, dass er sich seinen Partner nicht vorschreiben lässt. Nicht einmal von Tristan. Dennoch kann eine Freundschaft unter einer missglückten Lover-Wahl leiden – und ich will nicht, dass er sich, wegen mir, mit seinem besten Freund überwirft.
„Gut, dann reden wir!“
Lasse seufzt nicht nur innerlich auf und nimmt meine Hand. So lächerlich es klingt, sie zittert. Von einem erwachsenen Mannsbild bin ich gerade weit entfernt. Von Benny dem Besten war ich noch nie weiter entfernt. Obwohl mein Traummann neben mir liegt, ich seinen kalten Fuß an meiner Wade spüre, habe ich Angst, gleich allein zu sein. Wenn Tristan gegen uns ist …
„Du weißt, dass Tristan mein bester Freund ist!“
Keine Frage, sondern eine Feststellung – und nebenbei nicht wirklich entspannungsfördernd. Mein ganzer Körper versteift sich so sehr, dass ich einer altägyptischen Mumie Konkurrenz mache.
„Und du weißt auch, dass ich dich … naja, es ist so … liebe!“
Wieder keine Frage, wieder eine Feststellung – und so wie er es sagt, kehrt wohlig-warmes Leben in die Mumie zurück. Kein ‚ich glaube, dass ich dich liebe‘ und auch kein eingefügtes irgendwie.
„Ich dich auch!“, krächze ich daher mit einem riesigen Kloß im Hals – und ärgere mich sofort für dieses nichtssagende ‚Ich dich auch‘. Genauso gut hätte ich Dito sagen können.
Aber Lasse weiß, wie ich es meine und zieht mich einfach in seine Arme.
„Tristan hat natürlich kein Freudentänzchen aufgeführt.“
Ich liebe es, wenn er so vergnügt schmunzelt.
„Doch selbst wenn er auf Rumpelstilzchen gemacht hätte: Ich halte dich fest und lasse dich nie wieder los!“
Keine Feststellung, diesmal ein Versprechen – und ich spüre, dass er es ehrlich meint. So wie ich spüre, dass wir tatsächlich zusammen gehören, dass er das einzige Deckelchen ist, das auf das Benny-Töpfchen passt.

Tristan hat kein Veto eingelegt. Lasse hätte kein Veto zugelassen. ‚Immerhin ist er nicht Gunnar‘ fungierte als Absolution des Tages. Es wird schwierig werden, ihm zu beweisen, dass ich seinen Lasse aufrichtig liebe und keine Benny-Spielchen spiele. Ich spüre sein Misstrauen von Regensburg bis hierher in mein Gießener Bett. Aber: Ich erhalte meine Chance. Weil Lasse glücklich ist. Nur weil Lasse glücklich ist. Meine Gefühle sind Tristan egal. Ich hoffe allerdings, dass sich auch das irgendwann ändert. Für den Moment muss es reichen, dass ich seinen Segen habe, dass ich das erste Mal einen schlafenden Prinzen in meinen Armen halten – und diesen Augenblick des stillen Glücks genießen darf.





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