Leseprobe: Little Tease

von Lelis
LeseprobeRomanze / P18 Slash
17.12.2017
20.12.2017
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[KAPITEL 3]





Einen kompletten Samstagnachmittag frei. Das ist so ungewohnt, dass ich gar nicht weiß, was ich mit der Zeit anfangen soll. Nach Trainieren und Schlafen ist immer noch etwas davon übrig. Ich gehe kurzerhand raus und schlendere durch die Mönckebergstraße. Nach Shopping ist mir nicht, aber ich mag es, die Leute zu beobachten, und schließlich gönne ich mir sogar ein Eis.

In der Spitalerstraße steht eine junge Frau neben einer großen Musikbox und singt mit deren Untermalung offenbar selbst komponierte Lieder. Ich setze mich auf eine der runden Bänke unter einer Baumgruppe, um mein Eis zu genießen und ihr zuzuhören. Auch andere Passanten bleiben stehen und bilden einen lockeren Halbkreis um sie. Hin und wieder tritt jemand vor und wirft ihr Geld in den dazu bereitgestellten Hut und sie singt jedes Mal ein kleines Dankeschön passend zu der Melodie ihres aktuellen Liedes.

Mein Blick gleitet über die Zuhörer, bleibt aber an niemandem hängen, bis ich plötzlich aufmerke, als ein Mann an mir vorbeigeht. Es sind die Schuhe, die als Erstes in mein Blickfeld treten. Sie sind nicht ungewöhnlich, aber ich mag Dr. Martens, vor allem, wenn sie von einem Mann getragen werden. Mein Blick wandert aufmerksam an den schlanken Beinen hoch, die in engen Jeans stecken. Er hat einen runden Knackarsch, der zum Spanking einlädt. Ich mag den rotschwarzen Ringelpullover, den er unter einer offenen Lederjacke trägt. Er ist blond und hat große Kopfhörer auf. Das kann ich noch erkennen, ehe er im Lego-Store verschwindet.

Lego. Eindeutig zu jung oder hetero. Ich konzentriere mich wieder auf mein Eis und die Sängerin, doch ich kann mir gelegentliche Blicke in Richtung des Geschäfts nicht verkneifen. Ich weiß selbst nicht, was ich an dem jungen Mann so faszinierend finde. Bisher habe ich nur seine Kehrseite gesehen. Kann sein, dass er von vorn eine absolute Gesichtsgrätsche ist.

Nein, ist er nicht. Ich fluche innerlich, als er kurz darauf wieder aus dem Laden tritt und sich die Kopfhörer von einem Ohr hebt, um anscheinend der Straßensängerin zu lauschen. Dann entdeckt er mich, da ich schräg hinter der Sängerin genau in seinem Blickfeld sitze, und strahlt, ehe er sich zielstrebig in meine Richtung aufmacht. Es ist Thies.

Thies in einem schwarz-rot geringelten Pullover. Ich habe ihn noch nie mit so vielen Klamotten gesehen. Na gut, vielleicht schon, wenn er zum Dienst erschienen ist, dann allerdings immer nur kurz.

»Hi!«, grüßt er immer noch lächelnd. »Was machst du denn hier?«

Ich zucke mit den Schultern. »Höre der Musik zu und esse Eis, wie du siehst.«

»Es sind grade mal fünfzehn Grad«, stellt er fest.

»Und?«, frage ich gleichmütig zurück. »Die Sonne scheint.«

»Brrr.« Er schüttelt sich. Dann lacht er fröhlich und schiebt die Kopfhörer zurück, sodass sie um seinen Hals hängen. Ich höre leise Rockmusik, ehe er diese per Knopfdruck verstummen lässt.

»Und du?«, frage ich. »Was machst du hier?«

»Ich suche Inspiration für ein Projekt«, erklärt er seufzend. »Ich dachte, ich mache vielleicht was mit Lego, aber das Zeug ist scheißteuer. Jetzt stehe ich wieder am Anfang.«

»Hast du kein Lego mehr bei deinen Eltern?«, hake ich nach.

»Ich hatte mal welches, aber ich glaube, meine Mutter hat es weggegeben.« Er kraust verschmitzt die Nase und schenkt mir ein schelmisches Lächeln. »Wahrscheinlich hat sie die Hoffnung aufgegeben, von mir Enkelkinder zu bekommen, für die das Aufheben sich lohnen würde.«

»Tja...« Ich schiebe die restliche Waffel meines Eises in den Mund und kaue gemächlich darauf herum. »Was genau ist das für ein Projekt?«

»Für die Kunsthochschule...« Er holt noch ein wenig aus, erklärt mir das Thema, seine bisherigen Ideen und wieso Lego sich für die Umsetzung geeignet hätte. Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung von Kunst. Mir fällt nur wieder auf, wie jung und energiegeladen Thies ist. Er wirkt ziemlich aufgedreht.

»Was machst du jetzt noch?«, will er schließlich wissen. »Musst du heute nicht im Kasino arbeiten?«

Ich zucke mit den Schultern. »Nein.«

Er verlagert das Gewicht unruhig von einem Bein aufs andere. »Wollen wir... was zusammen unternehmen? Ich kenne einen echt guten Coffeeshop in der Nähe...«

Mein erster Impuls ist abzulehnen. Doch dann fällt mir ein, wie enttäuscht er letzte Nacht gewirkt hat, als ich seinen Annäherungsversuch abgeschmettert habe. Ich könnte ihm zumindest die Gelegenheit geben, sich selbst davon zu überzeugen, dass ich nicht so ein toller Hecht bin, wie er zu glauben scheint. Dann bin ich ihn dauerhaft los. Außerdem habe ich nichts Besseres zu tun.

»Okay.«

Seine Augen weiten sich überrascht, doch dann strahlt er. »Wirklich?«

Ich erhebe mich gemächlich. »Klar, warum nicht...«

Ehe ich mit ihm gehe, schmeiße ich noch ein bisschen Kleingeld in den Hut der Straßensängerin. Dann schlendern wir ohne viele Worte die Fußgängerzone hinunter und biegen in eine Querstraße ein, in der sich einige Coffeeshops befinden. Macht vielleicht die Nähe zum Hauptbahnhof. Thies führt mich zu einem Laden an der nächsten Straßenecke. Es wirkt recht behaglich darin, mit unterschiedlichen Sitzgelegenheiten und einem größeren Angebot an Kuchen und Speisen. Es ist eher ein richtiges Café als ein Laden, in dem sich die Leute nur schnell einen Kaffee mitnehmen.

»Was magst du?«, will Thies wissen und lächelt kühn. »Ich lad dich ein.«

Darauf schnaube ich und schüttle den Kopf. »Netter Versuch. Ich zahle.«

»Aber es war meine Idee.« Sein Lächeln wird unsicher.

»Aber meine Entscheidung.« Ich sehe ihn fragend an. »Also, was möchtest du?«

»Einen Latte macchiato.« Er neigt den Kopf zur Seite und schenkt mir einen Augenaufschlag. »Danke, Sir.«

»Möchtest du noch ein Stück Kuchen, oder so?«

Er schüttelt den Kopf.

Ich gebe seinen Wunsch an die junge Frau hinter dem Tresen weiter und bestelle für mich einen doppelten Espresso. Nach kurzem Überlegen setze ich mich über Thies' Einwand hinweg und bestelle zwei Muffins für uns, weil die wirklich gut aussehen. Wenn ich mich schon mit ihm in ein Café setze, sollten wir es so angenehm wie möglich gestalten.

Ich reiche ihm die beiden Teller mit den Muffins. »Such uns schon mal einen Platz. Ich komme mit den Getränken nach.«

»Möchtest du lieber am Fenster sitzen oder weiter hinten?«

»Fenster wäre gut.«

Er nickt und macht sich auf den Weg. Ich sehe ihm nach und bleibe mit dem Blick an seinem Apfelhintern hängen. Es liegt nicht an ihm. Ich könnte mich schon dabei sehen, wie ich seinen süßen Arsch zum Glühen bringe. Aber nicht in meiner aktuellen Situation. Ich habe kein Interesse, etwas mit jemandem anzufangen, erst recht nicht, wenn ich ihn berufsbedingt so oft sehen muss.

Die Bedienung reicht mir die beiden Getränke und ich folge Thies an einen schmalen Tisch am Fenster. Er hat sich den Platz mit dem Rücken zum Eingang ausgesucht, was ich begrüße. Ich behalte den Raum lieber im Auge.

»Danke.« Er lächelt mich an, als ich das Glas mit dem Latte vor ihm abstelle.

Die Teller mit den Muffins stehen auf meiner Seite des Tisches, als hätte ich die beide für mich bestellt. Ich schiebe ihm einen davon zu. Den mit der dreifachen Schokolade. »Hier, iss die Hälfte, dann tauschen wir.«

»Aber...« Er schlägt lächelnd die Augen nieder. »Danke, Sir.«

Geht doch. Ich schmunzle matt, ehe ich den Blick aus dem Fenster richte. Wir sitzen an der Seite, wo viele Passanten vorbeikommen. Ich beobachte eine ältere Dame, die den Bürgersteig am Café entlangstolziert. Eine typische Hamburgerin mit blondierten, mittellangen Haaren, geschminkt und in einem hübschen Kostüm. Die Handtasche passt zu den Schuhen. Sie erinnert mich an meine Tante väterlicherseits.

Ich richte meinen Blick wieder auf Thies und ertappe ihn dabei, wie er wiederum mich neugierig mustert. Nun senkt er jedoch den Blick und spielt mit dem Muffin vor sich. Schließlich bricht er ein Stück ab und steckt es sich in den Mund. Seine Zurückhaltung wundert mich, eigentlich ist er ziemlich frech und vorlaut, zumindest immer, wenn ich ihn bei der Arbeit beobachtet habe.

»Mache ich dich nervös?«, frage ich direkt.

»Was?« Er blickt auf, lächelt zögernd und zuckt mit den Schultern. »Nicht direkt. Ich meine... Ich... Ich kann es noch nicht ganz fassen, dass du ja gesagt hast.«

»Es ist nur ein Kaffee.«

»Ich weiß, trotzdem...«

Ich hebe eine Augenbraue und zucke mit den Schultern, um dann eine unverfängliche Frage zu stellen. »Arbeitest du heute Abend?«

»Ja, aber wie üblich erst ab Mitternacht«, erklärt er. »Und du?«

»Wie üblich«, antworte ich. »Ab zehn.«

»Ich bin froh, dass du immer noch für Andreas arbeitest. Das SMack wäre nicht das Gleiche ohne dich.«

»Wie kommst du darauf?« Ich nehme einen Schluck von meinem Kaffee. »Hat dir Andreas erzählt, dass ich überlegt hatte zu kündigen?«

»Nein. Ich hab zufällig gehört, wie er mit Ingo darüber gesprochen hat.«

»Zufällig gehört, soso.« Als er darauf wieder die Augen niederschlägt, sein Lächeln diesmal jedoch auf seinen Lippen bleibt, muss ich ebenfalls lächeln. Es ist ansteckend. Er hat Charisma.

»Es lässt sich nicht immer vermeiden, dass man hinter der Bar etwas aufschnappt, das nicht unbedingt für alle Ohren bestimmt ist«, erklärt er. »Ich meine, Andy beratschlagt sich gerne mit Ingo. Sie haben darüber geredet, dass es jetzt besser läuft mit Frank als zusätzliche Security und dass es dich wohl auch entlastet. So sind sie darauf gekommen. Wolltest du deshalb gehen? Weil es zu viel für eine Person war?«

Es war tatsächlich ein Grund. Ich fand es schon fast verantwortungslos, mich die Security allein machen zu lassen, nachdem die Partys immer größer geworden sind. Aber nicht der Hauptgrund. »Es war ein Missverständnis zwischen mir und Andy. Haben wir geklärt.«

»Ach so, dann ist ja gut.« Er schiebt sich noch ein Stück von seinem Muffin in den Mund und kaut einen Moment schweigend darauf herum. »Wie bist du eigentlich an den Job im SMack gekommen? Du arbeitest schon ziemlich lange da, oder?«

»Mhm, ähnlich lange wie Andy. Als der Manager wurde, hat er mich eingestellt. Da hat ihm das SMack noch nicht gehört.« Ich nehme einen weiteren Schluck von meinem Kaffee, während ich noch einmal nach draußen gucke und diesmal mit dem Blick an einem kleinen Terrier hängen bleibe, den eine aufgedonnerte Tussi an der Leine führt.

»Wann war das?«

»Hm? Ach, so vor vier Jahren etwa.«

»Wie alt warst du da?«, hakt Thies nach.

Ich sehe ihn wieder an. »Siebenundzwanzig.«

»Was hast du davor gemacht?«

»Ich war beim Bund.«

»Oh.« Seine Augen werden groß. »Und als was?«

»Ich war Zeitsoldat bei den Fallschirmjägern.«

»Cool. Warst du auch im Auslandseinsatz?«

»Klar, ein paar Mal.« Ich seufze und nehme einen Schluck von meinem Espresso.

»Und wo?«

»Afghanistan und Kambodscha.«

Interessiert lehnt er sich vor. »Und? War es gefährlich?«

»Ja.« Leugnen kann ich es nicht, aber weiter darauf eingehen möchte ich auch nicht. Mit einem leichten Stirnrunzeln besinne ich mich auf ein anderes Thema. »Bist du hier öfter?«

»Hm, manchmal«, antwortet er und sieht sich um, als wäre er entgegen seiner Aussage zum ersten Mal hier. Vielleicht versucht er, das Café durch meine Augen zu sehen. »Mit Kommilitonen. Es ist günstiger als Starbucks

»Hm, der Espresso ist ganz okay.«

»Du trinkst den ohne Zucker?«

Ich nicke schlicht. »Der Muffin ist süß genug.«

»Stimmt, aber lecker...« Er steckt sich noch ein Stück von seinem in den Mund. »Du möchtest nicht, dass ich dich weiter über deine Zeit als Soldat ausfrage, oder?«

»Es ist nicht so spannend, wie es sich vielleicht anhört.«

»Also nein.« Er zieht einen Schmollmund, doch dann zuckt er mit den Schultern. »Okay, worüber willst du dich mit mir unterhalten?«

Es ist nicht so, als würde mir Small Talk nicht liegen. Mehr als fünfzig Prozent meines Jobs besteht aus Small Talk. Allerdings habe ich keine Ahnung, worüber ich mich mit einem dreiundzwanzigjährigen Kunststudenten unterhalten soll. Wir kommen aus völlig unterschiedlichen Welten. Um Zeit zu schinden, probiere ich erstmals meinen Muffin.

Thies scheint durch mein Schweigen nervös zu werden. Er rutscht unruhig auf seinem Stuhl herum und ergreift schließlich wieder das Wort: »Ich könnte dir eine Auswahl an Themen vorschlagen, wenn du möchtest.«

»Das klingt irgendwie frech«, stelle ich fest.

»Ist es aber nicht gemeint«, beteuert er sofort. »Ich meine, nur...«

Ich hebe meine Augenbrauen. »Hm, lass mal deine Vorschläge hören.«

»Ähm, Tattoos? Musik? Das Wetter? Besondere Vorlieben?«

Mein Blick fällt auf seine Arme, die jedoch in seinen Ringelpullover verpackt sind, sodass man die Tätowierungen nicht sieht. Ich mag seine Tattoos, will seit Jahren selbst eins, doch gerade weil ich es immer noch nicht in Angriff genommen habe, wie so vieles in meinem Leben, habe ich keine Lust, darüber zu sprechen.

Nachdenklich richtet sich mein Blick nach draußen in den blauen Himmel. In meiner Vorstellung hat Thies ebenso unschuldig blaue Augen, doch als ich sie jetzt mit dem Himmel vergleiche, stelle ich fest, dass seine Augen anders sind. Blau, aber nicht himmelblau. Eher ein sehr klares Graublau mit einem ockerbraunen Kreis um die Iris. Interessant, um nicht zu sagen, sehr hübsch.

Ich richte meinen Blick über seine Schulter Richtung Ausgang. Mein Fluchtweg. Scheiße, ich verstehe nicht, wieso ich mich überhaupt hierauf eingelassen habe. Natürlich finde ich ihn anziehend. Es gibt nichts an ihm, was ich unattraktiv finden kann, außer das Alter, aber er ist erwachsen, verdammt noch mal.

»Besondere Vorlieben?«, wiederhole ich. »Dann schieß mal los...«

Plötzlich wieder verlegen dreht er das Glas vor sich zwischen seinen Handflächen. »Ist... ich meine, wäre es nicht relevanter, was du für Vorlieben hast?«

»Relevant wofür?« Ich weiß natürlich, was er meint und es ist gemein nachzuhaken. Aber dann wiederum ist es wichtig, damit er weiß, dass dieses Treffen nichts bedeutet. Es ist nicht relevant für uns. Es gibt kein Uns. Wird es auch nicht geben.

Thies zuckt mit den Schultern. Mir fällt auf, dass seine Ohren ganz rot geworden sind. War ich das etwa? Süß.

»Für was wäre es relevant, Thies?«, frage ich noch einmal.

Er schluckt und zieht wieder die Schultern hoch. Nur zögerlich hebt er den Blick und begegnet meinem. »Meine primäre Vorliebe ist, dominiert zu werden. Es sind die Vorlieben der Doms, die darüber entscheiden, was während einer Session passiert. Darum sind meine Vorlieben weniger relevant.«

Einerseits hat er sich mit der Verallgemeinerung geschickt aus der Affäre gezogen, aber anderseits auch ins Aus gespielt. Zumindest für mich. Seine Antwort scheint mir zu sehr darauf ausgelegt zu gefallen. Dadurch fühle ich mich nur noch mehr bestätigt: Er ist zu unerfahren.

Ich seufze leise. »Meine Vorliebe sind Subs, die wissen, was sie wollen. Ich finde es langweilig, einen Sub zu dominieren, der keine klaren Vorlieben und Abneigungen hat.«

Thies zuckt zusammen. Er scheint nicht zu wissen, was er darauf antworten soll, und nimmt zunächst einen Schluck von seinem Latte. Als er das Glas absetzt, wischt er sich mit einem Finger den Milchschaum von der Oberlippe und leckt ihn ab. Die Geste wirkt sinnlich, erst recht, weil sie unbewusst geschieht. Ich spüre, wie mein Schwanz darauf reagiert, obwohl die Situation ambivalenter nicht sein könnte.

»Okay, so betrachtet...«, meint Thies schließlich einsichtig. »Aber...« Er zögert. »Du würdest dich ja nicht nach einem Sub richten, mit dessen Vorlieben du nichts anfangen könntest, oder?«

»Nein, ein Grund mehr, sie vorher kennen zu wollen und sich gar nicht erst auf jemanden einzulassen, bei dem es nicht passt. Es wäre für beide Seiten unbefriedigend.«

»Macht Sinn.« Thies fährt mit dem Zeigefinger über den Rand seines Glases. »Ehrlich gesagt, bin ich gerade tatsächlich etwas verwirrt und weiß ich nicht, was ich wirklich will. Ich dachte immer, ich stehe auf Daddys und was so dazugehört...«

»Daddys?« Er steht auf ältere Männer. Absurd. Demnach ist nicht nur er zu jung für mich, ich bin es für ihn auch. Sieben Jahre sind zu wenig für ein überzeugendes Rollenspiel dieser Art.

»Mhm, na ja... bisher. Keine Ahnung, vielleicht habe meine Daddy-Issues überwunden.« Er lächelt mich spekulativ an. »Und irgendwie wollte ich auch schon immer einen großen Bruder haben. Ich mag Inzest-Fantasien. Vielleicht weil ich Einzelkind bin und meine Eltern wenig Zeit für mich hatten. Ich weiß, dass so was in der Realität total abnorm ist...«

»Darum nennt man es Fetisch.« Mit diesem habe ich jedoch nie etwas anfangen können. Vielleicht, weil ich eine sehr große Familie habe und weiß, wie unterschiedlich die Gefühle für sie zu denen sind, die ich für Männer empfinde, die mich sexuell ansprechen. Dennoch gehe ich auf ihn ein. »Was sind das für Fantasien?«

Sein Lächeln wird herrlich schmutzig, als er sich umsieht. Dann lehnt er sich über den Tisch zu mir, um mit leiserer Stimme zu gestehen: »Ich weiß nicht, ob ich dir das jetzt erzählen sollte. Hier sind Kinder.«

»Komm mit deinem Stuhl her«, fordere ich ihn auf. Mir gefällt sein frecher Gesichtsausdruck. Es erscheint mir außerdem harmlos. Ich teile seinen Fetisch nicht. »Dann kannst du es mir ins Ohr flüstern.«

Er rückt tatsächlich mit seinem Stuhl um den Tisch zu mir herum. Seine Ohren glühen wieder. Er wirkt so eifrig. Ich will ihm keine Hoffnungen machen, aber irgendwie bin ich auch neugierig, was jetzt kommt. »Also, was denkst du, was große Brüder mit ihren kleinen Brüdern anstellen?«

»Kommt drauf an, was der kleine Bruder angestellt hat«, sagt er und lehnt sich zu mir rüber. Seine Hand legt sich scheinbar unwillkürlich auf meinen Schenkel. Ich tue, als würde ich es nicht bemerken, doch die Wärme seiner Handfläche strömt intim durch mein Bein in meinen Schwanz. So ein kleiner... Das ist bestimmt Absicht. Seine blauen Augen mustern mich verschmitzt.

»Also gut, was hat der kleine Bruder angestellt?«, hake ich scheinbar gelassen nach.

Er leckt sich über die Lippen. »Nichts, weißt du, er kann gar nichts dafür, dass sein großer Bruder so gut aussieht und wenn...« Thies scheint kurz zu überlegen. »… wenn er zum Beispiel duscht, dann kann man es seinem kleinen Bruder echt nicht übel nehmen, wenn er ein bisschen zuguckt. Er kann ja nicht ahnen, dass sein großer Bruder sich dabei gerne einen runterholt...«

Ich schnaufe leise, als ich mir vorstelle, wie Thies mich heimlich beim Duschen und Wichsen beobachtet. Ohne Zweifel wäre ihm das zuzutrauen. »Und was, wenn dich dein großer Bruder dabei erwischt?«

»Erst mal ist es ihm sicher peinlich«, gibt Thies zu. »Er ist bestimmt sauer auf mich und sagt, dass ich verschwinden soll. Aber ich kann mich nicht bewegen vor Schreck und dann kommt er aus der Dusche auf mich zu. Ganz nass und nackt und immer noch so hart...« Er schließt die Augen und seine Hand auf meinem Bein greift zu. »Und ich bin auch hart und als er es merkt, beschimpft er mich und fragt mich, ob ich ein verdammter Schwanzlutscher bin.« Er sieht mich wieder spekulativ an und ein gemächliches Lächeln erobert seine Züge. »Das bin ich... und als ihm das bewusst wird, fällt ihm etwas Besseres ein, als mich zu beschimpfen...«

»Du würdest den Schwanz deines großen Bruders lutschen wollen?«

Gott, irgendwie finde ich die Vorstellung erregend. Thies' volle Lippen wirken plötzlich unheimlich verführerisch und in seiner Fantasie wirkt alles so herrlich unkompliziert. Der kleine Bruder will ohnehin etwas vom großen Bruder und der bleibt davon dennoch relativ unberührt, weil er es ursprünglich nicht ausgelöst hat und ihn nur benutzt. Es ist nur ein heißes Intermezzo.

»Gott, ja«, haucht er und sein Blick richtet sich gierig auf meinen Schritt. Es zeichnet sich eine deutliche Beule unter dem Stoff meiner Jeans ab. Aber auch Thies wird hart. Seine enge Hose lässt daran wenig Zweifel.

Verdammt, ich werde mich nicht verführen lassen. Der Inzestgedanke stößt mich immer noch ab. Dennoch ist die Versuchung groß: In seiner Fantasie macht es ihn an, nur benutzt zu werden. Vielleicht möchte Thies benutzt werden. Vielleicht ist das alles, was er von mir möchte. Vielleicht ist meine Annahme, dass er mehr möchte, sogar anmaßend. Ein Blowjob und dann lässt er mich in Ruhe.

Seine Hand liegt immer noch auf meinem Bein. Ich habe sogar das Gefühl, dass sie höher gewandert ist. Entschieden schiebe ich sie beiseite. »Hier sind Kinder, Thies.«

Seine Ohren sind immer noch sehr rot. »Ich wüsste einen Ort, wo keine sind...«

»Iss lieber deinen Muffin auf«, rate ich ihm. Distanz tut gut. Verdammt, beinahe hätte er mich gehabt. Er kann mir gefährlicher werden als gedacht.

Nun setzt er sich wieder mir gegenüber und scheint zu schmollen. Zumindest ist seine Unterlippe vorgeschoben, während er missmutig auf den Muffin starrt. Schließlich seufzt er herzzerreißend und schiebt sich ein großes Stück davon in den Mund.

Ich fühle mich wie das größte Arschloch der Welt. Dabei will ich ihn nur nicht verletzen. »Abgesehen von Schwanzlutschen, was machen Brüder noch zusammen? Oder ist das eine einmalige Sache?«

Er schluckt und sieht mich abwägend an. »Kommt auf den großen Bruder an.«

Also will er mehr. Nicht die Antwort, die ich hören wollte. Ich seufze leise, leere dann meinen Espresso und sehe auf meine Uhr. Es ist jetzt fast sechs Uhr. Draußen wird es dunkel. »Ich muss noch einkaufen. Wir sehen uns später, Thies.«
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