Leseprobe: Little Tease

von Lelis
LeseprobeRomanze / P18 Slash
17.12.2017
20.12.2017
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[KAPITEL 2]





Gegen drei Uhr morgens bin ich müde. Die Party ist noch im vollen Gang, doch sie konzentriert sich vor allem auf die Tanzfläche und den Darkroom. Es kommt kaum noch jemand Neues. Ich habe nichts mehr zu tun und Karsten ist in der Menge untergetaucht.

»Hey.« Der Vorhang öffnet sich und Thies tritt hindurch. Er trägt nur eine kurze Kellnerschürze. Den Blicken nach zu urteilen, die ihm folgen, hat er darunter nichts an. Er ist ein hübscher Junge, eins achtzig etwa, mit blondem Haar, das an den Seiten auf wenige Millimeter kurz rasiert ist und sonst mit einem Stylingprodukt in Form gehalten wird. Seine Arme sind komplett tätowiert und in der linken Augenbraue steckt ein Piercing.

Mit einem frechen Lächeln sieht er zu mir auf. »Ingo will wissen, ob du was trinken möchtest.«

»Ein Wasser wäre gut«, antworte ich. »Danke.«

»Kein Bier?«, hakt er nach und seine Augenbrauen zucken kurz empor.

Seine Reaktion irritiert mich. Es ist nicht so, dass ich jede Nacht Bier trinke. Nur ab und zu gönne ich mir mal eins. »Ich hatte schon.«

»Ach so.« Irgendwie wirkt er beruhigt. »Wasser kommt sofort!«

Er dreht sich um und eilt davon. Unwillkürlich richtet sich auch mein Blick auf seinen Hintern. Er ist nicht nackt unter der Schürze, aber so gut wie, denn er trägt nur einen Jockstrap. Für einen Moment kann ich den unverhüllten Anblick bewundern, bis der Vorhang zufällt.

Ich öffne die Tür, lasse etwas kühlere Luft über mich wehen, schließe sie wieder und sehe gelangweilt auf die Uhr. Wahrscheinlich noch zwei Stunden, ehe ich gehen kann. Ins Bett. In zwölf Stunden beginnt meine Schicht im Kasino. Ich habe keinen Bock, auch wenn ich dort gutes Geld verdiene. Zugegeben überwiegend schwarz, damit mir das Finanzamt nicht alles auffrisst. Es reicht ja, wenn Andy mein Gehalt mit Steuern, Krankenversicherung, Rentenversicherung und dem ganzen Kram halbiert.

Thies tritt wieder durch den Vorhang. »Dein Wasser.«

»Danke.« Ich nehme ihm das Glas ab und trinke einen tiefen Schluck. Aus den Augenwinkeln bemerke ich, dass Thies nicht wieder verschwindet, sondern mich beobachtet.

»Nicht mehr viel los an der Bar?«, frage ich. Es wird Ingo nicht gefallen, wenn er trödelt und ihm die ganze Arbeit überlässt.

»Geht«, antwortet Thies. »Ich hab Pause.«

Das hätte ich auch gerne. Aber inzwischen ist es selbst mir zu kalt, um draußen Luft zu schnappen.

»Wusstest du schon, dass Andy ein Halsband von Rick trägt?«, will er wissen und sein Lächeln wird zu einem Grinsen. »Cooles Ding. Sieht aus wie eine Ankerkette, nur edler und feiner.«

»Ist mir aufgefallen.« Allerdings habe ich mir nichts weiter dabei gedacht. Ich dachte eher, es wäre eine Halskette und kein Besitzanspruch. »Aber die trägt er schon eine Weile. Sicher, dass es ein Halsband ist?«

»Es hat den O-Ring«, erklärt Thies und formt einen Kreis mit Daumen und Zeigefinger, den er sich ein wenig affektiert an den Hals hält. »Als ich ihn mal drauf angesprochen hab, hat er nur mit den Schultern gezuckt. Aber heute hat Rick ihn daran zu sich gezogen, also mit dem Ring, und hat ihm so einen typischen Dom-Blick zugeworfen. Damit war es recht offensichtlich, dass es für die beiden was zu bedeuten hat.«

»Tja, wundern würde es mich nicht«, stelle ich fest.

»Ich finde es komisch, dass sie es so heimlich machen. Ich meine, wenn sie glücklich miteinander sind, können sie es doch ruhig zeigen.«

»Ist ihnen vielleicht zu privat?«

Thies schaut etwas skeptisch. »Andy? Etwas zu privat?«

»Soll vorkommen.« Ich stupse ihn leicht vor die Stirn. »Zumindest geht es dich nichts an, wenn sie es nicht offiziell machen wollen, oder?«

»Nein.« Sein Blick saugt sich förmlich an meinem Piercing fest. Er wirkt etwas unruhig, als er wieder kurz zu mir aufblickt. »Was ist eigentlich mit dir?«

»Was soll mit mir sein?«

»Wäre es dir auch zu privat?« Er sieht auf seine Stiefel. »Würdest du dich lieber woanders mit jemandem treffen?«

»Nicht unbedingt. Wieso?«

»Okay, gut, also triffst du dich gerade mit niemanden?«, hakt er nach.

Ich hebe die Augenbraue. »Nein, offensichtlich nicht.«

Das zaubert ein Lächeln auf sein Gesicht. »Interesse, das zu ändern?«

»Nein.«

Das Lächeln erlischt. »Okay… Ich… ich denke, ich sollte meine Pause nicht überstrapazieren.« Er nickt in Richtung Bar. »Sonst kommt Ingo mich noch holen.«

Und schon ist er fort. Ich seufze. Das war etwas brüsk von mir. Vielleicht sollte ich mal mit Ingo reden. Ich brauche keinen persönlichen Kellner. Er muss nicht immer Thies losschicken, um mich zu bedienen. Ich will nicht, dass der auf falsche Ideen kommt, falls Andy ihm nicht ohnehin schon Flausen in den Kopf gesetzt hat. Das fehlt mir gerade noch.



Wie immer sind Ingo und ich die Letzten im Club. Frank hat mit mir zusammen die verbliebenen Gäste rausgeschmissen und ist dann gegangen. Ich mache noch einen letzten Rundgang durch alle Räume, damit sich auch nirgendwo jemand versteckt, während Ingo die Bar sauber macht und das Gröbste an Ferkeleien beseitigt. Der Putzdienst ist da etwas zimperlich.

Manchmal ist Andy noch da, um eine der Aufgaben zu übernehmen, in letzter Zeit aber eher selten. Nur wenn Rick Nachtschicht hat. Mir kommt das Halsband wieder in den Sinn und damit das Gespräch mit Thies. Der ist schon vor einer Stunde von Ingo heimgeschickt worden. Er ist nicht noch einmal bei mir aufgetaucht.

Dennoch trete ich an Ingo heran. »Sag mal, ist ja nett gemeint, aber du brauchst Thies nicht immer abkommandieren, damit er mir was zu Trinken bringt. Ich hole mir schon was, wenn ich was will, oder schicke halt jemanden von mir aus.«

Ingo schnauft amüsiert. »Ich muss ihn nicht abkommandieren, Markus. Er macht das freiwillig.«

»Ein bisschen zu freiwillig«, deute ich an.

»Ach nein«, sagt Ingo jedoch nur.

»Also ist dir das bewusst?«, hake ich nach. »Ich will nicht, dass er sich da in was reinsteigert… Kannst du –?«

»Ich werde mich da nicht einmischen«, entgegnet Ingo strikt. »Der Junge hat ein Recht darauf, sich zu verlieben – in jeden, den er will, und mit allen möglichen Konsequenzen. Ich verstehe außerdem nicht, wo dein Problem liegt. Er ist ein Hingucker, eindeutig devot, aber auch nicht so brav, dass es schnell langweilig wird. Er weiß, was er will, und zufälligerweise bist du das aktuell.«

»Er ist mir zu jung.«

»Stehst du auf ältere Typen?«, spottet Ingo. »Hätte ich Chancen? Mensch, Markus, du bist selbst doch erst wie alt? Dreißig? Das sind gerade mal sieben Jahre Unterschied.«

»Trotzdem.«

Das mit Thies ist ein wenig so wie ein guter Film, der von allen gepriesen wird. Je mehr er gehypt wird, desto geringer ist mein Interesse, ihn zu schauen. Keine Ahnung, wieso das so ist. Ich bin mir sicher, es gibt einen Grund für den Hype, aber…

Ingo schüttelt nur den Kopf und wendet sich wieder seiner Arbeit zu. Frustriert sehe ich ihm einen Moment zu. Dann fällt mir wieder etwas ein. »Thies hat aber gesagt, dass du ihn geschickt hättest.«

Ingo zuckt mit den Schultern. »Dann hat der Bengel geflunkert, um mit dir ins Gespräch zu kommen. Du machst es ihm wahrscheinlich nicht gerade leicht.«

Das tue ich wirklich nicht. Dennoch mag ich es nicht, wenn man mich anlügt. Ich gehe mir meine Jacke holen. »Die Toiletten sind leer. Ich gehe dann heim.«

»Danke. Bis morgen.«

»Bis dann.«

Als ich ins Freie trete, hole ich tief Luft. Ich bin verdammt müde. Zum Glück habe ich es nicht weit bis zu meiner Wohnung. Sie befindet sich in einem Altbau über dem Hansaplatz. Ich bin dort eingezogen, als die Gegend noch ziemlich verrufen und die Mietpreise im Keller waren. Meine erste eigene Wohnung. Inzwischen wurde die Miete einige Male erhöht, dennoch liege ich damit weit unter dem aktuellen Mietspiegel von Hamburg.

Sie ist vor allem groß und ich halte sie ganz gut in Schuss, aber nichts kann darüber hinwegtäuschen, dass sie dringend mal saniert werden müsste. Das Bad stammt aus den Sechzigern und hat dunkelgrüne Fliesen. Die Küche ist in einem dreckigen Gelb gefliest. Es gibt drei Zimmer, ein Wohnzimmer, mein Schlafzimmer und eine Mischung aus Fitness- und Abstellraum. Darin befinden sich auch ein paar Spielsachen, aber ein wirkliches Spielzimmer, wie zum Beispiel Andy eins hat, brauche ich nicht. Es würde sich auch nicht lohnen. Dafür nehme ich zu selten jemanden mit heim.



Nach nur wenigen Stunden Schlaf werde ich von meinem Handy geweckt. Müde blinzelnd schiele ich aufs Display und mache den Namen meines Cousins aus. Dario.

Mit einem unwilligen Brummen nehme ich den Anruf entgegen. »Was willst du?«

»Ey, Markus, Alter!«, ruft er gut gelaunt in mein Ohr. »Habe ich dich etwa geweckt?«

»Verdammt, wie spät ist es?«, frage ich verschlafen. »Dir ist schon klar, dass ich die ganze Nacht gearbeitet habe?«

»Es ist zehn. Mann, tut mir auch leid.« Im Hintergrund höre ich jemanden feixen. Dario hat einige Idioten in seinem näheren Umfeld, daher habe ich keine Ahnung, wer da diesmal so dämlich lacht.

»Was willst du?«, frage ich noch einmal.

»Okay, kommen wir gleich zur Sache.« Er klingt irgendwie aufgedreht. »Ich brauche ein paar Leute, die nach was aussehen. Muss mich mit einem Typen unterhalten, der eins meiner Mädchen angemacht hat.«

»Du weißt, dass ich damit nichts zu tun haben will.«

»Ey, ja, weiß ich doch. Geht wirklich nur um ein Gespräch.«

»Wieso brauchst du dann mich, wenn du nur reden möchtest?«

»Je mehr starke Männer ich dabeihabe, desto eher wird geredet. Ich will mich wirklich nur mit ihm unterhalten. Keine Sorge, ist nichts Illegales.«

»Jemanden einschüchtern zu wollen, damit er deine Huren nicht abwirbt, ist nichts Illegales?« Ich richte mich etwas auf und reibe mir verschlafen übers Gesicht. »Außerdem sehe ich gerade nicht sonderlich beeindruckend aus. Ich hab noch keine vier Stunden geschlafen und in nicht mal fünf Stunden soll ich bei dir im Kasino stehen.«

»Ach, vergiss die Schicht heute. Wenn du mich in einer Stunde zu Hasan begleitest, geb ich dir den doppelten Lohn und den restlichen Tag frei.«

»Doppeltes Gehalt?«, hake ich nach. »Für den regulären Arbeitstag?«

»Bar auf die Hand.«

»Und den restlichen Tag frei?«

»Ja, Mann.«

Ich kann nicht verhindern, dass ich skeptisch klinge. »Für ein bisschen blöd Rumstehen und gefährlich Aussehen?«

»Wenn es gut läuft«, gibt er zu. »Ansonsten wird es eventuell etwas ruppig.«

»Scheiße. Ich wusste es.«

»Aber ich denke nicht, dass er Stunk machen wird. Wahrscheinlich ist er ganz handzahm, wenn wir ihm den kleinen Überraschungsbesuch abstatten.«

»Woher weißt du überhaupt, wo er ist?«, will ich wissen.

»In einem Imbiss, der ihm gehört. Er hängt da jeden Mittag ab.« Dario klingt ungeduldig. »Komm schon, Markus. Das Schwein hat mein Mädchen bedroht.«

»Ich werde nicht für dich irgendwo hinfahren und mich prügeln.«

»Okay, sollst du ja auch nicht. Du sollst nur böse gucken. Falls du dich wehren musst, verdreifache ich dein Gehalt. Tu's für mich.«

Ich schließe für einen Moment die Augen. Dreifaches Gehalt und den Nachmittag frei. Es sei denn, jemand ruft die Bullen, aber das werden sie in dem Milieu nicht tun. Dennoch ist es das, was mich am meisten abschreckt. Ich habe meine Prinzipien und wegen dem SMack hatte ich im letzten Jahr schon genug Kontakt mit den Bullen. Allerdings hatte ich auch schon ewig keinen Nachmittag mehr für mich. »Na gut, dreifaches Gehalt, wenn ich auch nur einen Finger krümmen muss, und den restlichen Tag frei.«

»Geil. Ich hol dich in einer Stunde beim Kasino ab.«

»Bis dann.« Ich lege auf und falle seufzend zurück ins Bett. Für einen Moment schließe ich noch einmal die Augen, doch dann gebe ich mir einen Ruck, stehe auf und mache mir einen Kaffee. Einen sehr starken Kaffee. Scheiße. Ich brauche das Geld nicht mal wirklich. Eigentlich tue ich es nur, weil Dario mich gebeten hat und er zur Familie gehört. Auf das Geld bestehe ich trotzdem, damit es für ihn nicht zur Gewohnheit wird, mich um diesen Dreck zu bitten.



Eine Stunde später sitze ich in Darios fettem BMW. Das Gespräch zwischen Mike und Kevin auf dem Rücksitz dreht sich gerade um Weiber und wie man sie behandeln muss, um sie bei der Stange zu halten. Dario fährt und beteiligt sich nicht an der Unterhaltung. Er braucht ja auch keine Tipps mehr, für ihn arbeiten mehrere Huren – freiwillig, denn alles andere wäre ja illegal.

»… so richtig besorgen«, erklärt Kevin gerade. »Du musst die Unauffälligen nehmen, die beten dich dafür an. Außerdem kannst du mit ein bisschen Schminke aus jeder Maus 'ne Schlampe machen.«

Um nicht länger zuhören zu müssen, wende ich mich an meinen Cousin. »Also, was hat Hasan eigentlich genau gemacht?«

»Kennst du Michelle?« Dario klingt ernster als am Telefon, während er sich auf die Straße konzentriert. Weniger gekünstelt. »Kleine, süße Blonde, die für mich auf dem Kiez arbeitet. Ist nicht auf den Mund gefallen und tough… Macht sich echt gut dort. Hasan hat sie nach Feierabend auf einen Drink eingeladen und wollte ihr einen Trip ausgeben. Sie hat nicht gewollt, aber er war ziemlich hartnäckig. Hätte sie wohl auch gezwungen, wenn ihr nicht einer meiner Jungs zur Hilfe gekommen wäre. Ich will rausfinden, was Hasan sich dabei gedacht hat.«

»Wusste er nicht, dass sie dir gehört?«

»Das hoffe ich für ihn.« Dario seufzt missmutig. »Verdammte Scheiße, die er da abziehen wollte. Ich hasse das.«

Ich nicke. Die beiden hinter uns reden immer noch abfällig über das andere Geschlecht. So respektlos wie sie sind, würde es mich nicht wundern, wenn sie nie ein Mädchen dazu bekommen werden, für sie anschaffen zu gehen. Und falls doch, ist das Mädchen strohdoof und wird es nicht lange bringen.

»Wie lange arbeitet Michelle für dich?«, frage ich weiter.

»So etwa ein halbes Jahr.«

»Also sollte man eigentlich wissen, dass sie eins deiner Mädchen ist.«

Dario nickt. »Da braucht jemand eine verdammt gute Ausrede.«

»Ey, Mark, hier.« Kevin reicht mir etwas über die Schulter.

Als ich blind danach greife, ertaste ich sofort, was es ist. Angewidert reiche ich ihm die Knarre zurück. »Hast du einen Knall, Mensch? Ich trag doch keine Waffe mit mir rum.«

»Ist nicht mal geladen. Zur Drohung.«

»Das ist ja noch bescheuerter«, entgegne ich. »Was ist, wenn die des Bedrohten geladen ist, he? Vollpfosten.«

»Wie hast du mich genannt?«, fragt Kevin empört.

»Vollpfosten«, antwortet Dario für mich. »Lass die Knarre weg! Ich will keinen Ärger, Mann. Zumindest nicht größer, als er ohnehin schon wird. Wir werden keine Schießerei am helllichten Tag anfangen.«

»Und was ist, wenn die Waffen haben?«, mischt sich Mike ein.

»Ist bei Hasan wahrscheinlich, aber er weiß auch, dass es eine beschissene Idee ist, die zu benutzen«, erklärt Dario mit Seitenblick auf mich. »Wenn er das tut, ist er dran.«

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie er das meint. Hoffentlich meint er damit, dass sich dann die Bullen um ihn kümmern und nicht ich. Doch ich enthalte mich meiner Meinung und bete, dass das Ganze reibungslos über die Bühne gehen wird. So wie ich Dario kenne, wird er zumindest versuchen, es sachlich auszudiskutieren. Keine Ahnung, ob man mit einem Typ, der ein junges Mädchen mit Drogen bestechen wollte, vernünftig reden kann.

Wir erreichen den Imbiss. Eher ein Lieferservice mit ein paar wenigen Tischen. Ich denke, er dient ähnlich wie Darios Kasino eher zum Geldwaschen als zum Geldverdienen, aber es riecht zumindest nach Essen, als wir ihn betreten. Dario geht vor, gefolgt von den anderen beiden. Ich bleibe zunächst an der Tür und sichere uns damit den Fluchtweg. Konzentriert schaue ich mich um. In der Küche hinter dem Tresen sehe ich zwei Typen das Essen zubereiten. Ein weiterer Typ hängt am Telefon und nimmt eine Bestellung an.

Im vorderen Bereich, allerdings recht weit entfernt von der Tür, sitzt ein Typ auf einem hohen Hocker an einem ebenfalls hohen Tisch mit Blick nach draußen. Er hat einen aufgeklappten Laptop vor sich und tippt gelangweilt auf dem Touchpad herum. Neben ihm steht ein Glas Cola.

Vermutlich ist das Hasan. Es steht also vier zu vier, wenn seine Angestellten tatsächlich so loyal sind, dass sie sich gegen uns stellen. Allerdings müssten sie erst einmal über den Tresen kommen. Es gibt einen Durchgang zum Bereich dahinter. Mit fünf Schritten bin ich dort und stelle mich davor.

Zeitgleich erreicht Dario den Mann am Laptop und macht auf sich aufmerksam, indem er auf seinen Tisch klopft. »Hallo, Hasan, hast du einen Moment für mich?«

Erst jetzt schrickt Hasan auf und mustert meinen Cousin aus geweiteten Augen. Sein Blick huscht zu den Männern in der Küche, trifft jedoch auf mich, da ich im Weg stehe. Er wirkt beunruhigt, scheint jedoch möglichst gelassen erscheinen zu wollen. »Dario, was machst du denn hier?« Sein Blick wandert zu Mike und Kevin und er hebt eine Augenbraue, als würde er sagen wollen, dass er den Auflauf übertrieben findet.

»Ich hab gehört, es gab da ein…«, Dario seufzt leise, »Missverständnis. Anscheinend hast du nicht gewusst, dass Michelle eins meiner Mädchen ist, und wolltest ihr was andrehen?«

»Michelle? Welche Michelle?« Hasan verschränkt die Arme vor der Brust und erhebt sich langsam von dem Stuhl. »Kenn ich nicht.«

»Mikes Bruder«, Dario nickt in Richtung von Mike, »hat mir aber erzählt, dass du gestern versucht hast, sie kennenzulernen: kleine Blonde, ein bisschen frech. Du wolltest ihr was andrehen und bist dabei aufdringlich geworden?«

Hasan wirkt extrem misstrauisch. Alle Anwesenden scheinen davon auszugehen, dass er wusste, dass Michelle Darios Mädchen ist. Dario macht ihm ein nettes Angebot, indem er so tut, als hätte Hasan aus Versehen einen Fehler gemacht. Vielleicht zu nett.

Hasan traut ihm offensichtlich nicht. Schließlich gibt er sich trotzdem einen Ruck und geht darauf ein. »Ach, die Kleine von gestern arbeitet für dich? Ich dachte, das wäre nur so 'ne Partyschlampe.«

Der Blick, den Dario ihm daraufhin zuwirft, sagt deutlich, dass er ihm kein Wort glaubt. Doch sein Tonfall bleibt höflich. »Ja, sie arbeitet für mich. Du wärst ihr sicher nicht zu nahe getreten, wenn du das gewusst hättest. Ich meine, du weißt, wie das so läuft und dass ich so was nicht durchgehen lassen könnte.«

Hasans Blick wandert noch einmal zu seinen Angestellten, die inzwischen aufgehört haben zu arbeiten und die Szene verfolgen. Sie scheinen jedoch kein Interesse daran zu haben, sich mit uns anzulegen. Ich stelle mich dennoch so, dass ich sie besser im Blick habe. Einen von ihnen starre ich finster an, bis er einen Schritt zurückweicht und sich wieder seiner Pizza widmet.

»Scheiße, Dario, ich will keinen Ärger mit dir.« Da ist ein leichtes Zittern in Hasans Stimme.

Ich sehe wieder zu ihm. Es ist so typisch, wenn sie ihre Freunde nicht hinter sich haben, sind sie plötzlich ganz kleinlaut. Nicht dass es bei Dario anders wäre. Allein sind sie immer ganz vernünftig. Nur in Rudeln fühlen sie sich stark. Das ist ja auch Sinn und Zweck dieser Übung. Ich tue es für Dario, aber eigentlich habe ich keine Lust, mich in seinem Rudel unterzuordnen.

Zum Glück sind wir bald darauf fertig. Hasan verspricht, sich von Darios Huren fernzuhalten. Dario verspricht Hasan durch die Blume, ihn andernfalls aus dem Weg zu räumen. Ich befürchte, dass er das ernst meint. Er würde es nicht selbst machen, aber er wird jemanden finden, der es für ihn tut. Das Rotlichtmilieu ist extrem. Deshalb will ich auch nichts damit zu tun haben.
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