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Sometimes, home has a heartbeat

OneshotDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Ingo "Easy" Winter Richard "Ringo" Beckmann Tobias Lassner
16.12.2017
06.03.2021
12
25.419
16
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Dieses Kapitel
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17.05.2020 3.271
 
Hallo zusammen,

ich hoffe euch geht es gut – passt weiterhin auf euch auf und bleibt gesund! Für alle, die sich gefragt haben, warum die kleine Geschichte plötzlich wieder weg war: Ich hatte leider meine Gründe und danke an alle, die mich dazu ermuntert haben, es noch einmal zu versuchen. Und an alle anderen: Karma is a bitch!

Liebe Grüße an euch und kommt gut durch diese Zeit, welche auch folgend etwas aufgegriffen wird.
MissRingsy



I Am With You

Und ich denk‘ grad an letztes Jahr,
du und ich, auf der Bank am Park.
Bier kalt, der Kuss war warm.

Auch wenn um uns gerade alles wackelt,
und es Abstand braucht

Rücken wir die Herzen eng zusammen,
Machen wir das Beste draus.

[Silbermond – Machen wir das Beste draus]


„Ich gehe hier nicht eher weg, bis du dieses Brötchen gefuttert hast. Und keine Ausrede der Welt bringt mich von diesem Vorhaben ab!“ Es ist ein müder, fast schon abgekämpfter Blick, den Vivien ihm zuwirft. Ihre Haare stehen ihr sprichwörtlich in einem chaotischen Haufen zu Berge, der dunkle Kajal ist unordentlich gezogen.

Demonstrativ schiebt Tobias den kleinen Teller mit der leckeren Köstlichkeit aus der Konditorei noch ein wenig näher unter ihre Nase. Seine Freundin atmet laut aus, wirft ihm dann doch ein dankbares, zaghaftes Lächeln zu und gönnt sich einen großen Bissen. Ein Stück Gurke rutscht aus der fein säuberlich belegten Käsesemmel.

„Das tut sooooo gut“, murmelt Vivien in fast schon genüsslicher Ekstase, einzelne Krustenkrümel kleben an ihrer Oberlippe und noch bevor sie den Mund wieder öffnen kann, klingelt das Praxistelefon erneut. Mit einem schnellen Handgriff angelt sich Tobias das vibrierende Etwas vom Tresen, begleitet von einem lauten „HEY!“ seines Gegenübers. „Könnt ihr das verfluchte Ding nicht wenigstens zu euren Pausen ausschalten?“

Der markante Klingelton verstummt schlagartig, als Sina mit einem kräftigen Ruck ihre Sprechzimmertür aufdrückt. „Was ist hier schon wieder los? Was machst du hier? Vivien, du weißt genau, dass hier niemand ohne Mundschutz rein soll. Ist das wirklich so schwer zu kapieren oder sind alle nun komplett wahnsinnig geworden?“ Sie wartet keine Antwort ab, stattdessen wird die Tür genauso schnell wieder geschlossen, wie sie schwungvoll geöffnet wurde – natürlich nicht, ohne dem Anwalt vorher den ultimativen Blick des Todes zuzuwerfen.

„Das fragt genau die Richtige“, brummt Tobias nur vor sich hin, denn Sina sieht seit geraumer Zeit einfach nur schlecht aus. Man kann es nicht schönreden und er startet diesen Versuch nicht einmal in seinen Gedanken. Ihr Gesicht ist noch schmaler, die alabasterfarbene Haut blasser und ihre Laune ist seit der Trennung von Bambi samt Kleinkrieg mit der Familie Weigel um die Wohnung zusätzlich schlechter geworden. „Nimm‘ es ihr nicht übel, sie arbeitet derzeit wirklich viel und…“ Tobias schüttelt den Kopf: „Ich weiß, ist auch nicht wirklich was Neues. Ich weiß aber auch, dass es dir genauso geht, Vivi. Ich sehe dich tagsüber kaum noch und abends bist du so müde, ich meine – letztens bist du fast beim Zähneputzen weggeknickt und nur Stinkers Bellen hat dich aufgeweckt. Verstehst du nicht…“

Kurz stoppt er, muss sich und seine aufkommenden Emotionen bändigen, denn die Worte, die jetzt gleich den Weg aus seiner Kehle dringen, stecken schon seit Tagen darin. Unausgesprochen, schwer, bedrückend. „Verstehst du nicht, dass ich mir Sorgen mache?“ Es ist kein Anflug eines womöglich versteckten Vorwurfs, der da mitschwingt, aus der Frage spricht ein bisschen die blanke Angst, aber vor allem viel Liebe.

Viviens Gesichtsausdruck wird unendlich weich – und Tobias Knie ebenso. Langsam steht sie auf, kommt im geschmeidigen Gleichschritt auf ihn zu. Verschränkt beide Hände mit ihren Fingern, streichelt sanft darüber, während sie sagt: „Es hat auch durchaus seine Vorteile, mit so einer allwissenden Chefin zusammenzuarbeiten. Wusstest du, dass durch Händchenhalten das Bedrohungsgefühl und die Panik sinkt? Und es beeinflusst sogar die emotionale Anspannung zum Positiven.“ Vivien nickt mehrfach wissend und grinst ihn demonstrativ oberlehrerhaft an. Er erwidert es, wenn auch nicht ganz so strahlend: „Ist das so, ja?“

Ein sanftes Drücken seiner rechten Hand bekommt er als eindeutige Antwort: „Danke, Tobias“, flüstert Vivien nur schlicht, bevor der nervtötende Klingelton die intime Stille zwischen ihnen zum wiederholten Male zerreißt: „Pass auf dich auf. Ich bringe dir dann mittags das Tagesangebot vom Schiller vorbei.“

Es ist eine fast schon gespenstige Ruhe, die aktuell rund um das Haus zu spüren ist – selbst der Innenhof, auf welchem man sonst immer mindestens einen Bewohner antrifft, ist verwaist. Allein Stinker und er bahnen sich ihren Weg über die grauen Pflastersteine Richtung Haupteingang, bis Saskias leise Stimme an sein Ohr dringt: „Mach dir bitte keine Sorgen, Till. Ich hole nur ein paar meiner Sachen und dann bin ich gleich wieder weg. In der Konditorei brummt es, Leni und Antoine können jede helfende Hand gebrauchen. Ja… du auch. Ich hoffe, du kannst den Kunden noch überzeugen. Bis später und ich koche uns heute Abend etwas Leckeres. Robert hat sich ein Schnitzel gewünscht.“

Tobias biegt um die Ecke, als Saskia gerade auflegt und das Smartphone etwas umständlich zurück in ihre Handtasche verstaut. Auch ihr sieht man die Strapazen der letzten Zeit an: Ungewohnte dunkle Schatten liegen unter den sonst so strahlend braunen Augen, die Wangen sind notdürftig mit einem rosa Rougeton bepudert, um wenigstens etwas lebensfrohe Farbe ins Spiel zu bringen. „Hey“, begrüßt er sie, etwas lauter als gewollt und sofort zuckt Saskia in sich zusammen, erwidert dann aber sein Lächeln prompt: „Na ihr zwei, wie geht es euch?“

Hastig winkt Tobias ab: „Ach weißt du, mittlerweile dreht in der WG oben gefühlt jeder am Rad. Meine Freundin, weil sie in der Praxis ständig Überstunden schiebt. Easy, weil seine Fotoaufträge abgesagt werden und ein weiteres Puzzleteil angeblich aus seinem Karton fehlt. Und Ringo, naja – da reicht schon ein Anruf von Huber und er springt direkt an die Decke. Stinker und ich behalten natürlich immer die Ruhe.“ Saskia lacht leise: „Natürlich tut ihr das!“

Ihre Mimik friert jedoch wieder etwas ein, als Tobias sich nach ihrem eigenen Befinden erkundigt. „Ach, die Arbeit lenkt ab, weißt du. Das… das er nicht ausziehen will, macht die ganze Sache natürlich nicht leichter. Rufus hat mich angerufen, dass er nicht da ist und die Chance wollte ich nutzen, mir gehen so langsam die Klamotten aus.“

Für einen Moment kreuzen sich ihre Blicke und Tobias hat das Gefühl, ihre tiefe Traurigkeit über das Geschehene bin ins Mark zu spüren. „Wenn dieser ganze Bullshit hier vorbei ist, dann machen wir mal wieder einen gepflegten Filmeabend! Das bringt dich mit Sicherheit auf andere Gedanken.“ Stinker bellt laut auf, als genau jene Stimme widerhallt, deren Besitzer derzeit in so vielerlei Hinsicht unerwünscht ist: „Du musst meine Frau nicht auf andere Gedanken bringen.“

Tobias dreht sich nicht zu Saskia um, als er Jakob fixiert und bestimmend sagt: „Hol deine Sachen, er wird dir nicht folgen. Dafür sorge ich.“ Er hört genau das anstrengte Atmen, das hektische Einführen des Schlüssels in das Schloss, bevor sich die Tür schnell wieder schließt.

Jakobs Augen, in denen eine bedrohliche Schwärze schimmert, starren ihn provokant an: „Was soll das? Hast du keine anderen Mandanten mehr, wenn du schon mich nicht mehr…“ „Ich verteidige keine Frauenschläger. Und nach allem, was du dir geleistet hast, kannst du froh sein, dass ich überhaupt noch mit dir spreche.“ Ein Lachen dringt aus der Kehle von Jakob, das so grell und unpassend ist, dass es Tobias auf der Stelle Kopfschmerzen bereitet. „Ist das so, ja? Habt ihr jetzt hier alle eure Quarantäne-Heiligenscheine geputzt? Erst Till, dann Robert, nun noch Rufus und dann du! Ihr kotzt mich an!“

Der Anwalt bewahrt seine Haltung und streicht sich den Mantel glatt, als Jakob einen Schritt näherkommt: „Ich würde dich bitten, den Sicherheitsabstand zu wahren, sonst bin ich gezwungen, die Polizei zu rufen.“ „Du machst dich so lächerlich, weißt du das?“ Trotzig reckt sein Gegenüber das Kinn in die Höhe und für den Bruchteil einer Sekunde beginnt sich Mitleid in Tobias zu regen.

Es ist schon faszinierend und gruselig zugleich, wie sich Jakob in den vergangenen Monaten seit Marc als Persönlichkeit entwickelt hat. Der durch Saskias Seitensprung neu zum Leben entfachte Bruderhass mit Benedikt, sein jähzorniges Bestreben, Huber Bau rechtmäßig als seine Firma zurückzuholen und letztlich der selbstverschuldete Verlust seines Jobs.

„Du kannst hier rumschreien wie du möchtest, Jakob. Ich werde nicht zulassen, dass du Saskia weiter bedrohst.“ „Das ist auch meine Wohnung!“, ruft dieser fast schon verzweifelt aus und fährt sich mit der rechten Hand durch die strähnigen Haare. Aus eben jener ruft Saskia dumpfes „Ich hab’s gleich!“ entgegen, während Jakob einen weiteren Schritt in seine Richtung kommt. Langsam hebt Tobias seine Hand in die Höhe, signalisiert seinem Gegenüber damit, dass er lieber stehen bleiben sollte. Er bekommt nicht mit, dass sich sein kleiner Hund an ihm vorbei gemogelt hat und vor Jakobs Füßen mit angelegten Ohren stehen bleibt: „Stinker, komm her!“

Und während Jakob schon Anstalten macht, ihn mit seinen Füßen ungeschickt zu verjagen, passt der Mischlingsrüde den perfekten Moment ab und verbeißt sich hartnäckig am rechten Hosenbein. „Lass. Mich. LOS!“, flucht Jakob und die Lautstärke seiner Worte führt zu einem echoartigen Widerhall auf dem gesamten Wohnungsflur. Gerade als Tobias seinen tierischen Wegbegleiter mehr als unfreiwillig zurückpfeifen will, löst sich Stinker vom Stoff der teuren Markenjeans.

Das glockenhelle Lachen von Saskia, die gleichzeitig die Wohnungstür hinter sich schließt und die vollgepackte Reisetasche auf dem Boden stellt, durchbricht den merkwürdig anmutenden Moment. Auch Tobias prustet los, während Stinker Jakob zum Abschied bedrohlich anknurrt und dann prompt zu Saskia tapst. Der Ex-Polizist steht mit zornigem Gesicht vor ihnen und auch wenn Tobias noch mit einem verbalen Konter gerechnet hat, wirft Jakob seiner Frau einen letzten eindringlichen Blick zu und verschwindet schnell in den menschenleeren Innenhof.

„Tobias?“ Dieser stutzt kurz, als Saskia plötzlich das Wort ergreift: „Mhm?“ „Ich würde sehr gerne mit dir bald wieder einen Filmeabend machen.“

******


„Nahezu alle Bauaktivitäten ruhen. Das ist in jeglicher Hinsicht eine wirtschaftliche Katastrophe. Ich weiß, Herr Huber, welche Auswirkungen das auf unsere Quartalszahlen hat…“ Etwas umständlich und mit dem linken Ellenbogen öffnet Ringo die Wohnungstür zur WG. „Kundenakquise? Herr Huber, ich… Ein umfassenden Gesamtkonzept, verstehe. Ich bin immer auf eventuelle Eventualitäten vorbereitet, Sie kennen mich doch mittlerweile gut genug, aber aktuell… Herr Huber?“ Aufgelegt. Ihm bleibt auch wirklich gar nichts erspart heute.

Atemlos und entnervt stellt er die zahlreichen, bis zum Rand gefüllten Einkaufstüten auf dem Boden ab. Der direkte Gang ins Bad zum Waschbecken ist in den vergangenen Wochen zur Gewohnheit geworden. Die Flüssigseife riecht nach einer betörenden Mischung aus Vanille und Magnolienblüte, sorgfältig seift er sich die Hände, jeden einzelnen schlanken Finger ein, bevor lauwarmes Wasser seine Haut benetzt.

Penibel achtet er darauf, dass sein silberner Ehering nicht doch in einer unachtsamen Moment von seinem Finger rutscht. Es ist eine fast schon surreale Zeit, in der sie alle derzeit leben. Jeder von ihnen bestreitet jeden Tag einen kleinen Einzelkampf, versucht, den Spagat aus Arbeit, Privatleben und der ständigen Unsicherheit, wie es in Zukunft weitergeht, irgendwie zu bewältigen.

Er dreht den Wasserstrahl aus, trocknet sich mit einem extraflauschigen Handtuch die Hände ab. Ringo hat die Badtür einen Spalt offengelassen und als er sich umdreht, sieht er gerade noch Easys Silhouette vorbeihuschen.

Die aktuelle Situation – auch für ihre Beziehung eine weitere Bewährungsprobe. Mit vorsichtigen Schritten nähert er sich ihrem gemeinsamen Schlafzimmer und hört – mal wieder – seinen Mann im Schnellredefluss telefonieren: „Herr Meier, aber das Shooting ist doch erst im November, ich passe die Stornierungsbedingungen auch an. Es gibt zum jetzigen Zeitpunkt keinen Grund-…“ Seine Stimme klingt resignierend und obwohl Ringo ihn nur von hinten sieht, weil er auf dem Bett sitzt, beobachtet er, wie dieser die Schultern immer weiter hängen lässt. „Ja, natürlich. Selbstverständlich. Sie hören von mir.“

Der Anruf wird beendet und das Smartphone fliegt in hohem Bogen auf den Teppichboden. Easy vergräbt sein Gesicht in seinen Händen und Ringo schluckt schwer. Auch wenn sein Mann ihm Gegenüber jede Sekunde versucht, etwas Leichtigkeit in ihr Leben hereinzubringen, so können beide nicht leugnen, welche Folgen dieses verdammte Virus auf jeden Bereich ihres Alltags hat.

Seit Tagen schon rufen Easys Kunden an, canceln Shootings, in Einzelfällen werden sie nach hinten verschoben. Selbst die guten PR-Kontakte von Till helfen da nicht wirklich. Es ändert nichts daran, dass ihnen damit eine Finanzquelle wegbricht. Das Büdchen hat aufgrund der behördlichen Vorgaben geschlossen und nur Bambis Hilfe ist es zu verdanken, dass Easy auf einen kleinen Lieferbetrieb umsteigen konnte, um wenigstens etwas zu tun zu haben und zu verdienen. Auch wenn es nicht viel ist, aber wie sagt Easy immer so schön? Kleinvieh macht auch Mist. Nein, Ringo wird in diesem Leben kein Sprichwörter-Freund mehr.

Während der Rasende Hirsch seine Werkstatttüren derzeit komplett dicht gemacht hat und in den Notbetrieb gewechselt ist, arbeiten Vivien in der Praxis und Saskia in der Konditorei in Sonderschichten, um die Versorgung der Menschen zu gewährleisten. Und während Letztere nun wieder bei den Weigels wohnt, nachdem Jakob Huber ihr gegenüber wiederholt handgreiflich geworden ist, ist Conor vorübergehend wieder bei seiner Mutter eingezogen, um auf Maja aufzupassen. Das Schiller hat selbstverständlich ebenfalls geschlossen, aber auch da wird alles versucht, Alternativen zu schaffen. Kölsche Hausmannskost to go.

Seine Gedanken verflüchtigen sie wieder, als Easy sich fahrig über die Wangen wischt und dann schnell aufsteht – und ihn erschrocken aus großen, glänzenden Augen anschaut: „Ringo… ich dachte, du…“ Die Stimme klingt kratzig, während er betreten den Fußboden mustert und Ringo kurz schmunzeln muss, als er die kleinen braunen Bärchen auf Easys Socken registriert.

Es reichen ein, zwei große Stelzenschritte, dann ist er bei seinem Mann, zieht ihn in eine feste Umarmung. Seine Armen schlingen sich automatisch um den weichen Körper direkt vor ihm. Eine perfektes Zusammenspiel, dem nichts auf dieser Welt so schnell etwas anhaben kann.

Der Kopf seines Mannes schmiegt sich an seine Brust, während Ringos Hände schon fast rhythmisch kreisend über den schwarzen Pullover von Easys Rücken fahren. Der gemütliche Hoodie mit New York ist nur eines der Souvenirs, die sie in ihren zugegebenermaßen recht kurzen Flitterwochen ergattert haben. Manchmal, so kommt es Ringo zumindest vor, erscheinen ihm diese unbeschwerten Tage mit seinem Mann so weit weg wie nie zuvor.

„Seit wann lauschst’n du?“, murmelt dieser nun mit gedämpfter Stimme. „Gar nicht, mein Schatz. Bin gerade erst vom Einkaufen zurück.“ Laut atmet Easy aus, bevor er gespannt zu ihm hochschaut: „Wusste gar nicht, dass du heute dran bist. Wie sieht die Bilanz aus?“ Zwei pechschwarze Augenbrauen heben sich fragend in die Höhe und Ringo schenkt ihm ein siegessicheres Lächeln: „Zwei Packungen Nudeln, Mehl, Haferflocken und mir ist es nach drei erfolglosen Anläufen endlich gelungen, für uns Klopapier zu erbeuten.“

Er merkt selbst, wie seine Körperhaltung sofort etwas triumphierendes annimmt und Easy lacht verhalten auf – seine Augen erreicht es dabei aber nicht: „Wenigstens einer mit einem Erfolgserlebnis heute.“ Schnell wendet er wieder seinen Blick ab – Ringos akkurat gebügelte Hemdknopfleiste scheint ja so viel interessanter zu sein. Ringo hört genau den bitteren Unterton in seiner Stimme. „Hey“, raunt Ringo kaum hörbar, „es kommen auch wieder bessere Zeiten.“

Sein Daumen fährt hauchfein über Easys stoppeliges Kinn, über seine Unterlippe, bevor sich seine linke Hand komplett an dessen warme Wange legt. Sein Mann gibt sich der zärtlichen Berührung hin, lehnt sich dagegen und hat Mühe, die schläfrigen Augen geöffnet zu halten: „Ich hab‘ Angst, Ringo.“ Es sind nur vier kleine Worte, die so bestimmt und klar ausgesprochen werden, dass eine Gänsehaut über Ringos gesamten Körper marschiert und er schlagartig unangenehm fröstelt.

Er will gerade antworten, obwohl er das Gefühl hat, keine Luft mehr zu bekommen, als Easy doch noch seine Stimme wiederfindet: „Um uns, um eigentlich alle hier im Haus, um unsere Zukunft, unsere Jobs, weil diese beschissene Pandemie jeden Bereich unseres Lebens verändert und wer weiß, ob wir dieses Jahr überhaupt Weihnachten zusammen feiern!“ Atemlos steht sein Mann vor ihm, mit geröteten Wangen und Ringo könnte schwören, dass Easys Herzschlag geradezu in voller Lautstärke in seinem Brustkorb trommelt. Er hat nicht einmal Luft geholt, die ganze Panik schwappte in diesem Moment einfach über wie die kleine Welle über den Wannenrand während ihrer gemeinsamen Badesession gestern Abend.

Behutsam, aber dennoch bestimmend, legt Ringo seine beiden Hände auf Easys breite Schultern. „Eines verspreche ich dir“, sagt er mit selbstsicherer Stimme, „wir alle werden Heiligabend wieder diese dämlichen, in allen Farben blinkenden Kopfbedeckungen mit den Elchen und Schneemänner anhaben. Darauf gebe ich dir mein Wort.“ Easy gluckst darauf nur leise und Ringo spürt mit all seinen Sinnen, dass sich dessen Atmung wieder beruhigt, bevor er sich selbst sammeln muss und fortfährt: „Ich hab‘ auch Angst. Um Kira, die nun seit Wochen allein in ihrem viel zu kleinen Loft in Mailand hockt. Um Huber Bau, weil nun schon über die Hälfte unserer Baustellen stillstehen, weil Handwerker nicht arbeiten dürfen. Und vor allem…“, kurz stocken seine Worte und erst ein Blick in die bernsteinfarbenen Augen vor ihm bringen Ringo dazu, seinen Satz zu vollenden: „… vor allem um dich, Easy. Ich sehe, wie du mit jedem weiteren stornierten Fotoauftrag trauriger wirst, wie du das Büdchen vermisst. Du fehlst mir so, vor allem dein Lachen.“

Er schluckt schwer – auch wenn er durch und mit Easy viel dazugelernt hat, wie man seine eigenen Gefühle am besten ausdrückt, ist es nach wie vor kein Kinderspiel für ihn. Nichts, das er mal eben mit einem flapsigen Fingerschnips erledigt.

„Ach Ringo“, wispert sein Mann, fixiert den Angesprochenen gleichzeitig mit einem unendlich sanften Blick. Dieser fasst sich ein Herz: „Weißt du, das meine ich gar nicht als Vorwurf oder so. Aber vielleicht können wir gemeinsam versuchen, das Beste aus der Zeit zu machen.“ Easys volle Lippen verziehen sich zu einem ehrlichen, breiten Lächeln: „Und die kleinen Dinge so richtig auskosten?“

Ringo nickt schnell, während Easy die Arme um seinen Rücken schlingt: „So etwas wie den Kühlschrank plündern und ein Picknick im Bett veranstalten? Oder an unserem Freiheitsstatue-Puzzle weiterzumachen?“ Wieder stimmt der Angesprochene umgehend zu und eine perfekt gezupfte Augenbraue lupft bei Easys nächstem Vorschlag prompt in die Höhe: „Oder wir knutschen einfach ein bisschen.“

Jetzt ist es Ringo, der schelmisch grinst und als Easy sich flugs auf seine Zehenspitzen stellt, um sich ihm entgegenzustrecken, kann seine Antwort gar nicht anders lauten: „Ist definitiv immer eine gute Option.“ Beschützend legt sich Easys Hand um seinen Hinterkopf, ehe sich ihre Lippen endlich zu einem zärtlichen, den Moment auskosteten Kuss finden.

Er hört das sich verzehrende, fast kaum wahrnehmbare Seufzen seines Ehemannes, welches in einem quengeligen „Ich möchte noch ’n paar mehr!“ gipfelt, als er den Kuss löst und beschwichtigend murmelt: „Ganz ruhig bleiben: Locationwechsel.“

Es ist ein farbenfrohes Meisterwerk aus Orange-, Gelb- und Rottönen, welche ihnen der Kölner Abendhimmel zum Sonnenuntergang darbietet. „Wusste gar nicht, dass du noch einen Schlüssel für die Dachterrasse hast?“, fragt Easy neugierig nach, als Ringo eben jenen wieder in seiner hinteren Hosentasche verschwinden lässt und ihn von hinten liebevoll an sich heranzieht: „Bin eben immer für eine Überraschung gut, mein Bärchen.“  

Dass es alles andere als einfach war, sich ihn aus Rosis Wohnung wiederzuholen, nachdem diese ihn und alle anderen Schlüssel der Hausbewohner aufgrund der geltenden Abstandsregelungen einkassiert hatte, verschweigt Ringo an dieser Stelle lieber dezent. Die Büro-Kopierpapier-Abmachung mit Britta Schönfeld für die nächsten drei Monate selbstverständlich ebenso.

Ohne Umschweife dreht sich Easy in seinem Armen wieder um, die Wangen leicht gerötet und einzelne seiner schwarzen Haarlocken schlagen kleine kringelige Saltos auf seinem Kopf. Für Ringos Geschmack sieht er einfach zum Anbeißen aus. „Danke, Ringo“, haucht Easy ihm ohne Umschweife entgegen, die Stimme ungewohnt rauchig und dann macht er einfach da weiter, wo sie noch unten in der WG aufgehört haben.

Sie beiden versinken im Hier und Jetzt, sehnsüchtig den nächsten leidenschaftliche Kuss des jeweils anderen erwartend. Die Realität verschwimmt kurzzeitig zu einer Wolke aus Leichtigkeit, Liebe und der aufkommenden Nacht, welche die Sorgen vom Tag einfach mitnimmt.

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