Der letzte Tag [Death Parade]

von S-tothe-G
GeschichteDrama, Freundschaft / P16
15.12.2017
15.12.2017
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„Pling."
Die Fahrstuhltür öffnet sich und ich trete verwundert nach draußen. Vor mir liegt ein schmaler Gang mit rotem Teppich, der nach wenigen Metern vor einigen Bambusstangen abbiegt. Wo immer ich mich auch befinde, die Einrichtung gefällt mir.
Der Gang verläuft neben einem kleinen See, mit einem Holzboot mit Rudern  und erneut Bambus und endet schließlich in einem großen, hohen Raum. Der riesige Kronleuchter lässt mich staunen und erinnert nicht wenig an die Quallen, die in einem großen Aquarium zu meiner Linken schwimmen.
Vor mir ist ein Tresen. Er kennzeichnet den Raum eindeutig als eine Bar und plötzlich kommt mir dieser Ort sehr bekannt vor.
Misstrauisch laufe ich auf den weißhaarigen Barkeeper zu.
„Willkommen im Quindecim. Ich bin Decim, ihr Barkeeper."
„Hallo", erwidere ich und setze mich auf einen der Barhocker, als mir auffällt, wer die Person neben mir ist.
„Jiyú!", rufe ich überrascht und rüttele den Jungen an der Schulter.
„Hä?"
Verschlafen schaut er mich an.
„Sakura! Was machst du denn hier?"
„Ich weiß es nicht...", antworte ich meinem Kumpel unsicher.
Ich werde das Gefühl nicht los, diesen Ort, diese Bar, zu kennen.
Jiyú gähnt.
„Bin ich eingeschlafen?"
„Weniger Partys", erwidere ich lächelnd und knuffe ihn in die Seite.
„Wenn sie nun darum bitten dürfte, mir Ihre Aufmerksamkeit zu widmen", meldet sich der Barkeeper zu Wort.
„Wo sind wir hier überhaupt?", fragt Jiyú dazwischen.
„Das werden sie gleich erfahren", erwidert der Weißhaarige emotionslos.
„Ich erinnere mich gar nicht, wie ich hier her gekommen bin."
Der Barkeeper nickt nur und wendet sich mir zu.
„Und Sie? Erinnern Sie sich daran, wie sie hierhergekommen sind?"
Fassungslos starre ich Decim an. Denn ich erinnere mich.

„Sakura? Sakura sag doch bitte etwas!"
Ich öffne die Augen und schaue in Jiyús besorgtes Gesicht.
„Was ist passiert?"
Ich richte mich auf und bemerke, dass ich auf einem der Sofas liege. Hinter meinem Kumpel steht der Barkeeper, Decim.
„Schön, dass Sie wieder wach sind", sagt er zu mir und bezieht wieder seinen Posten hinter der Bar.
„Du bist plötzlich umgekippt als der Barkeeper dich fragte, ob du dich erinnern könntest..."
Ich unterbreche Jiyú mit einem knappen Nicken und stehe auf. Ich erinnere mich, doch im nächsten Augenblick habe ich meine Fassung wieder und laufe zur Bar. Ich bin selbst erstaunt, wie gelassen ich bin. Sollte ich jetzt nicht eher hysterisch werden?
„Decim?"
„Ja?"
„Kann ich dich mal kurz unter vier Augen sprechen?"
„Natürlich."
Wir gehen ein Stück zur Seite und ich beginne sofort mit meiner Frage.
„Decim, ich bin tot oder nicht?"
Überrascht sieht der Barkeeper mich an.
„Ja, das sind Sie. Aber woher...?"
„Ich erinnere mich an diesen Ort. Ich weiß nicht warum."
„Was gedenken Sie jetzt zu tun?"
„Ich werde das Spiel spielen. Und Jiyú werde ich nichts sagen. Er würde es im Moment noch nicht verkraften."
Decim mustert mich ausdruckslos, dann nickt er.
„Wie Sie wünschen."
Zurück an der Bar bestellte ich erst einmal einen Drink.
„Decim, einen Sex on the beach bitte und einen Mojito für Jiyú."
Irritiert sieht mein Freund mich an.
„Sakura? Alles in Ordnung?"
„Ja, was soll denn nicht stimmen?", antworte ich fröhlich und lächele.
Jiyú schüttelt den Kopf und nimmt seinen Drink.
„Jiyú, auf uns."
Wir stoßen an und nippen an den Cocktails, während Decim uns die Regeln erklärt.
„Ich bitte Sie, mir in Ruhe zu zuhören. Ich werde ihnen nun die Regeln erklären.
1.Ich kann Ihnen im Moment leider nicht beantworten, wo sie sich befinden.
2.Sie beide werden nun ein Spiel miteinander spielen."
„Was für ein Spiel?", unterbricht mein Kumpel den Barkeeper.
„3.", fährt dieser unbeirrt fort, „welches Spiel genau wird das Roulette entscheiden."
„Whaa!"
Erschrocken fährt Jiyú neben mir zusammen, als hinter Decim eine mit Kacheln besetzte Platte aus der Decke fällt.
„4.Der Spieleinsatz wird in jedem Fall ihr Leben sein.
Und 5. Sie können die Bar erst wieder verlassen, wenn sie das Spiel zu Ende gebracht haben.
Haben sie soweit alles verstanden?"
„Wie bitte?", braust Jiyú auf. „Was soll das denn bitte heißen? Sakura! Sag doch was!"
Unbeeindruckt nippe ich an meinem Cocktail.
„Ich lasse mir das nicht bieten." Erbost springt mein Freund auf und geht eilig zu den Fahrstühlen.
„Wollen Sie ihn nicht aufhalten?", fragt mich der Weißhaarige.
Ich zucke mit den Schultern.
„Das wird eh nichts bringen."
Hinter mir höre ich meinen Kumpel fluchen, dann hastet er durch den großen Saal auf eine der anderen Türen zu.
„Verschlossen! Sakura, sie sind alle zu! Was machen wir jetzt?"
Verzweifelt ist Jiyú wieder bei uns angekommen und ich frage mich wirklich, ob ich ihm nicht die Wahrheit sagen sollte. Ich wundere mich sowieso, warum ich selbst so ruhig bleibe. Ich meine, ich bin tot. Eigentlich ist das doch schrecklich oder? Oder ist es der Umstand, dass ich es eh nicht mehr ändern kann?
„Wir spielen das Spiel würde ich sagen."
Fassungslos starrt der Junge mich an, doch ich stelle lediglich mein Glas ab und drücke ausdruckslos den roten Buzzer, den Decim vor mir abgestellt hat.
„Sakura!", versucht Jiyú mich davon abzuhalten, doch das Roulette lief bereits.
Pling, Pling, pling, pling...
Immer noch seltsam emotionslos beobachte ich, wie die mittlere Platte sich umdreht.
„Dart", verkündet Decim und die Bar verändert sich.
Jiyú springt mir vor Schreck fast auf den Schoß, als mit einem Krachen hinter uns zwei Dartscheiben aus dem Boden kommen. Doch auch das beeindruckt mich nur wenig. Ich kenne das hier alles. Die Bar, Decim, die besondere Art, wie aus der Bar eine Spielhalle wird, selbst das Spiel, Dart, ist dasselbe, wie das letzte Mal. Nur das Roulette war ein anderes.
„Wo ist die Frau?", frage ich Decim, während Jiyú fassungslos die Dartpfeile begutachtet.
„Das sind sieben?", fragt der braunhaarige Junge.
„Ja", erwidert der Barkeeper. „Das ist kein normales Dart. Ich werde Ihnen gleich die Regeln erklären."
Dann wendet er sich wieder mir zu.
„Welche Frau meinen Sie?"
„Na, die schwarzhaarige, junge Frau, welche dir geholfen hat."
Verwirrt sieht Decim mich an. Er scheint keine Ahnung zu haben, von wem ich rede.  Ich schüttele den Kopf.
„Ich erinnere mich nur an die letzten paar Gäste, die hier waren."
„Das wundert mich. Du schienst sie gerne zu haben. An so jemanden erinnert man sich doch."
Der Weißhaarige zuckt mit den Schultern und ich kratze mich am Kopf.
„Was ist jetzt?", ruft Jiyú, der bereits einen Pfeil in der Hand hat.
Decim und ich treten zu ihm.
„Die Scheibe sieht komisch aus. Da sind keine Zahlen drauf", bemerkt mein Kumpel.
„Das stimmt", meint der Barkeeper zwischen uns. „Statt Zahlen werden auf dieser Dartscheibe die Körperteile des jeweils anderen Spielers repräsentiert. Oben sind die Augen, unten die Beine. In der Mitte sind die Organe und das Herz."
„Das ist widerlich", fällt Jiyú dem Barkeeper ins Wort und verzieht das Gesicht.
„Sie werden nun abwechselnd einen der Pfeile werfen", fährt dieser fort, ohne auf meinen Freund einzugehen. „Je nachdem welchen Teil der Scheibe Sie treffen, wird es unterschiedlich viele Punkte geben. Wer am Ende weniger Punkte hat, gewinnt das Spiel. Bitte beachten Sie jedoch, das Ziel stellt die Organe Ihres Partners da. Treffen sie also ein Körperteil auf der Scheibe, dann treffen sie es auch bei ihrem Gegenüber."
Decim zeigt uns mir einer Handbewegung an, dass wir starten können, doch für einen Moment stehen wir einfach nur da und es herrscht Stille. Dann lacht Jiyú plötzlich laut auf.
„Oh Mann. Das war vielleicht mal ein guter Scherz. Als ob das funktionieren würde! Sakura sag, das ist lächerlich oder?"
Ernst sehe ich meinen Freund an. Ich kann darüber einfach nicht lachen, denn ich weiß wie ernst Decim seine Worte meint. Ich bemerke die Unsicherheit in Jiyús Blick und lege ihm eine Hand auf die Schulter. Ich muss etwas sagen, auch wenn es nicht die Wahrheit ist...
„Jiyú? Vertraust du mir?"
„Natürlich", antwortet der junge Mann und schluckt.
„Wir sollten Decim glauben. Er ist unsere einzige Chance hier rauszukommen."
Mein Kumpel befreit sich von meiner Hand und sieht mich ungläubig an.
„Sakura, das ist doch nicht dein Ernst oder? Der Typ lügt doch! Wie soll das denn bitte funktionieren?"
Wütend funkelt Jiyú mich an.
„Jiyú, bitte, du musst mir glauben!"
„Weißt du was? Ich werde das jetzt einfach ausprobieren. Dann wirst du selbst sehen, dass er uns nur Angst machen will."
Wie in Zeitlupe sehe ich, dass Jiyú ausholt und seinen ersten Dartpfeil wirft.
„Neeiiin!", höre ich mich noch selbst brüllen, da trifft der Pfeil auch schon sein Ziel und ein grauenhafter Schmerz fährt durch meine Schulter. Ich schreie auf und greife zu der Stelle, die so furchtbar schmerzt. Es fühlt sich an, als würde mein ganzer Arm weggerissen werden! Neben mir höre ich jemanden meinen Namen rufen, vermutlich Jiyú, doch ich nehmen alles nur wie durch einen Schleicher wahr. Dann ebbt der Schmerz endlich ab, ich versuche langsam zu atmen, atme jedoch noch immer hektisch und unregelmäßig. Nun bemerke ich, dass mein Freund neben mir steht.
„Sakura! Sakura, sag doch was! Es tut mir so leid!"
„Es geht wieder."
Mein Atem wird ruhiger und dafür steigt Wut in mir auf.
„Warum hast du nicht auf mich gehört?"
Aufgebracht schaue ich Jiyú an, doch sofort verfliegt mein Ärger, als ich die weit aufgerissenen Augen des jungen Mannes sehe, in denen sich nun Tränen sammeln.
„Es tut mir so leid. Ich hätte dir glauben sollen!", presst er hervor und versucht die Tränen zu unterdrücken.
„Ist ja okay. Mir geht es auch wieder gut. Schau."
Ich bewege meinen Arm und lächele Jiyú aufmunternd zu. Er konnte doch nichts dafür, so war er eben schon immer. Muss immer alles hinterfragen.
„Sakura. Was sollen wir jetzt machen? Und was ist wenn..."
Meine Kumpel stockt.
„Wenn einer von uns die Mitte der Scheibe trifft?"
Ängstlich sieht Jiyú mich an, doch ich schüttele den Kopf.
„Das wird nicht passieren. Weil wir ab jetzt nur noch daneben zielen werden. So muss keiner von uns diese Schmerzen ertragen. Das Spiel wird trotzdem gelten, glaub mir."
Mein Freund nickt, doch dann schüttelt er aufgebracht den Kopf.
„Aber ich habe jetzt schon Punkte gemacht! Das heißt wenn wir nur noch daneben treffen, werde trotzdem ich gewinnen! Was wird dann mir dir passieren? Der Barkeeper sagte doch..."
„Schhhhht. Jiyú, vertraust du mir jetzt?"
Der junge Mann nickt.  
„Dann glaub mir wenn ich dir sage, dass mir nichts passieren wird. Wir werden dieses Spiel hinter uns bringen und dann sehen wir weiter, okay?"
Erneut nickt Jiyú, wenn auch wenig überzeugt.
„Dürfte ich Sie nun bitten, das Spiel fortzusetzen?", mischt sich Decim ein und deutet auf Jiyús leeren Platz.
Also setzen wir das Spiel fort, jeder wirft abwechselnd einen Pfeil, hochkonzentriert, um auf keinen Fall eines der Felder zu treffen. „Es ist nur noch ein Pfeil bei jedem übrig", stelle ich erleichtert fest.
Auch Jiyú muss so denken, denn ich sehe die lockere Haltung seiner Hand. Und in dem Moment beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Wieder sehe ich den Pfeil fliegen und diesmal ist es Jiyú der schreit, denn wir wissen beide, wo der Dartpfeil sein Ziel treffen wird. Ich spüre den Schmerz schon fast, bevor er überhaupt da ist und er ist schlimmer als alles was ich bisher kannte. Ich greife mir mit einer Hand an die Brust, spüre, wie mir langsam etwas Blut über das Kinn rinnt und während ich zu Boden gehe, kommen die Erinnerungen.

Ich sehe eine Straße vor mir, durch das Visier eines Helmes, spüre direkt hinter mir eine andere Person, die sich an meinen Rücken drückt und seine Arme fest um meinen Oberkörper schlingt. Der Zeiger des Tachos wippt leicht bei 145 km/h. Ich spüre den Wind und fühle mich frei. Rechts von mir ist ein reißender Abgrund, links von mir eine steile Felswand und während wir über die Straße fliegen, genieße ich den Ausblick. Zu spät bemerke die scharfe Linkskurve vor mir...

Ich huste, beide Hände noch immer fest auf den Brustkorb gedrückt und zu dem Blut mischen sich jetzt auch Tränen. Der Schmerz lässt nicht nach und mir wird klar, dass er das nie mehr wird. Nicht nachdem ich nun die Gewissheit habe, Schuld an unserem Tod zu sein.
„Sakura! Sakura! Hilf mir doch du Scheißkerl! Sag doch was! Sakura!"
Langsam dringt Jiyús Stimme wieder zu mir durch und sie zu hören versetzt mir erneut einen Stich, doch ich  zwinge mich, ruhiger zu werden und sogar der Schmerz lässt ein wenig nach.
„Alles... gut", schaffe ich mühsam zu sagen, doch mein Freund glaub mir kein Wort.
„Als ob! Ich dachte gerade, du stirbst!"
Tatsächlich schaffte ich es, wenn auch unter Schmerzen, zu lachen. Ein sarkastisches Lachen.
„Sterben..."
„Wenn Sie das Spiel nun bitte beenden würden. Ich brauche einen Sieger."
„Auf keinen Fall! Was denkst du Arschloch dir eigentlich?"
„Jiyú...", versuche ich meinen Kumpel zu beschwichtigen.
Er macht es doch so nicht besser! Verzweifelt, aber schwach zerre ich an seinem Arm, aber er bemerkt mich gar nicht.
„Sie müssen das Spiel beenden. Ihnen wird keine andere Wahl bleiben."
„Ich zeige dir gleich, dass uns noch eine Wahl bleibt!"
Aufgebracht springt Jiyú auf, schnappt sich den letzten Dartpfeil und rennt auf Decim zu.
„Nicht..."
Meine schwachen Worte können nichts ausrichten und so muss ich zusehen, wie der junge Mann kurz vor dem Weißhaarigen von dünnen Fäden zurückgehalten wird. Sie reißen ihn in die Luft wo er, unfähig sich zu bewegen, knapp zwei Meter über dem Boden hängen bleibt. Ich stehe auf und laufe, eine Hand immer noch auf meine Brust gedrückt, zu dem Pfeil, der Jiyú aus der Hand gefallen ist.
„Sakura, was soll das?"
Eher kraftlos werde ich das spitze Metallstück in Richtung der Dartscheibe. Der Pfeil fliegt nicht mal annähernd an der Scheibe vorbei und landet mit einem hellen Geräusch auf dem Boden.  
„Bitte. Da hast du deinen Gewinner. Das Spiel ist beendet."
Ich drehe mich zu Decim um und schaue ihn direkt in die Augen.
„Jetzt lass ihn gehen. Du hast was du willst."
„Sakura!", mischt Jiyú sich ein, bevor der Barkeeper mir antworten kann. „Was ist denn los mir dir? Du weißt doch gar nicht, was er mir dir vorhat! Wir müssen die Polizei rufen!"
Traurig schüttele ich den Kopf und erneut kommen mir die Tränen.
„Verstehst du es denn immer noch nicht? Es spielt keine Rolle mehr, was passiert! Wir sind doch schon längst tot!"
Ich sehe es in seinen Augen. Die Art wie sie sich weiten, wie etwas in meinem Freund zerbricht. Wie er sich erinnert.
„Sakura...", flüstert er heiser.
Ich sehe noch, dass Decim ihn wieder auf den Boden lässt, dann falle ich auf die Knie und weine.
Eine Hand legt sich auf meine Schulter.
„Bitte. Sieh mich an. Sieh mich an und sag mir, dass das nicht wahr ist! Sag mir, dass das auch nur ein Trick von diesem Barkeeper ist!"
Ich schüttele den Kopf.
„Es ist wahr! Wie sind tot und ich bin schuld daran!"
Einen Moment sieht Jiyú mich an, ungläubig, schockiert. Dann umarmt er mich.
„Es ist nicht deine Schuld. Hör auf zu weinen. Jeder hätte diese Kurve übersehen können. Jeder. Es war einfach nur Pech, dass du es warst. Dass wir mit dem Motorrad statt mit dem Bus gefahren sind."
„Ich weiß nicht, ob das gerade so aufbauend ist", schniefe ich.
„Sorry."
Jiyú lächelt mich an.
„Aber bitte, mach dir keine Vorwürfe."
Ich nicke und schniefe noch ein letztes Mal. Es tut gut, in die Augen des jungen Mannes zu schauen. Sie beruhigen mich und nun lässt auch der Schmerz in meinem Herzen vollkommen nach.
„Er hingegen..."
Erneut tritt mein Freund bedrohlich auf Decim zu. Schnell stehe ich auf und halte ihn zurück.
„Lass ihn. Er kann auch nichts dafür. Es ist sein Job."
Irritiert sieht Jiyú mich an.
„Er ist ein Schiedsrichter. Er muss entscheiden, ob wir wiedergeborene werden oder ins Nichts fallen."
Jiyú sieht mich an und nickt, als würde er verstehen. Aber er versteht nicht. Ich verstehe es ja selbst nicht einmal.
„Hier entlang bitte", sagt Decim und führt uns wieder zu den Aufzügen.
Plötzlich spüre ich, wie Jiyú meine Hand nimmt und sie sanft drückt. Ich sehe ihn an, doch er sieht nur nach vorne, während wir gemeinsam dahin zurück laufen, wo das Ganze hier angefangen hatte.
Sofort sehe ich, was Decims Urteil ist. Ein weißes, lächelndes Gesicht über dem Fahrstuhl vor mir, ein roter Teufel über dem von Jiyú.
„Hier müssen sie sich nun trennen. Nur eine Person pro Fahrstuhl bitte."
Ohne Vorwarnung umarme ich Jiyú. „Mach's gut", murmele ich, dann stoße ich den jungen Mann in den Fahrstuhl vor mir.
„Moment!", möchte Decim mich aufhalten, dich ich bringe ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.
„Dieser Fahrstuhl ist besser für mich. Denn ich hab uns mit Absicht in den Tod gefahren."
Es tut mir leid.
Ich kann Jiyú nicht in die Augen sehen. Ich möchte den Schmerz nicht sehen. Aber ich muss ihn retten. Zu meiner Verwunderung nickt Decim und die Türen des Fahrstuhls schließen sich.
„Es tut mir leid Jiyú", sage ich in den kleinen Raum. „Es tut mir so leid, dass ich dich anlügen musste."
Es kommen keine Tränen mehr, das Letzte was da ist, ist die Tatsache, dass dies wohl mein letzter Tag war. Ich gleite an der kalten Wand zu Boden, während der Aufzug sich in Bewegung setzt.

„Musst du dich jetzt unbedingt bei mir ausheulen?"
Sichtlich genervt poliert Ginti seine Gläser.
„Ich heule mich nicht aus", erwidert Decim, während er mit einer der Holzfiguren spielt, die immer auf Gintis Tresen stehen.
„Ich sagte, du solltest die Finger davon lassen!"
Decim reagiert nicht und betrachtet weiterhin die Bemalung. Ginti seufzt.
„Und? Was hast du jetzt gemacht?"
„Ich habe sie nach oben geschickt", antwortet Decim ruhig. „Beide werden wiedergeborene."
„Warum denn das?", braust der Rothaarige auf.
„Weil es manchmal gut tut, sich zu erinnern", erwidert Decim mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Dann stellt er die Figur hin und steht auf.
Ginti schüttelt den Kopf. Decim ist ein komischer Kauz. Dann jedoch fällt sein Blick auf die Figur, mit der der Weißhaarige gespielt hatte. Sie steht mir dem Gesicht zu dem rothaarigen Barkeeper.
„Aber vielleicht hast du sogar Recht", murmelt er und räumt die Gläser in den Schrank.
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