Kraft (OS)

KurzgeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12
15.12.2017
15.12.2017
1
2050
4
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Dieses Kapitel
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Hallo ihr Lieben,
das Ende der dritten Staffel, vor dem wir uns vermutlich alle gefürchtet haben, ist gekommen und die Geschichte des Clubs ist zu Ende erzählt. Die Serie hat mich mehr berührt als alle anderen Serien und Filme, die ich kenne. Und es gibt so vieles, was doch in meinem Kopf rumschwirrt und irgendwie verarbeitet werden muss. Alles aufzuschreiben war da schon immer ein guter Weg. Ich hoffe, ihr findet Gefallen an dieser kleinen Szene (der sicher noch einige folgen werden).
Viele liebe grüße, Jule

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„Leo? Darf ich… darf ich reinkommen?“ Es war nicht mehr als ein Flüstern aus Richtung der Tür, doch Leo öffnete sofort die Augen. Er hatte noch nicht geschlafen, zu vieles ging ihm im Kopf herum. Kurz vergewisserte er sich, dass Emma noch neben ihm lag, doch als er ihren ruhigen und gleichmäßigen Atem hörte, wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Tür zu. Er hob den Kopf einige Zentimeter von den Kissen und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können.
Es war ein ungewohnter Anblick, Frau Dr. Reusch ohne ihren Arztkittel zu sehen. Doch noch viel merkwürdiger war ihre abwartende Zurückhaltung. Sie wirkte jünger, wie sie so beinahe schüchtern im Türrahmen stand und fragend zu ihm herüber blickte. Er wunderte sich, dass sie um diese Uhrzeit noch einmal nach ihm sah – und nicht nur einen Blick durch den Türspalt warf, ob bei ihm alles in Ordnung war. Sie hatte sich im Hintergrund gehalten, seit sie hier war. Hatte ihm die Zeit mit seinen Freunden gelassen und möglichst selten und nur die wichtigsten medizinischen Checks vorgenommen. Doch jetzt war sie hier. Mitten in der Nacht, ohne einen konkreten Anlass.
„Klar“, murmelte Leo als Antwort auf ihre Frage und ließ den Kopf zurück in die Kissen sinken. Sein Atem ging schwer, selbst die kleinsten Bewegungen waren anstrengend geworden. Er schloss für einen Moment die Augen, hörte das Klicken der Tür im Schloss und leise Schritte, die zu seinem Bett kamen. Die Ärztin setzte sich auf den Stuhl, auf dem in den letzten Tagen so viele Menschen gesessen hatten, die Leo liebte. Und die er alle würde zurücklassen müssen. Schon bald. Leo zwang seine müden Lider, sich wieder zu heben und drehte seinen Kopf, sodass er seine Besucherin ansehen konnte.

„Wollen Sie mir noch mehr Morphium geben?“, fragte er mit träger Zunge. Alles war so viel langsamer, fiel ihm so viel schwerer als noch einen Tag zuvor. Das lag zum einen natürlich an den Schmerzmitteln, aber Leo wollte sich nichts vormachen – es lag auch daran, dass sein Ende näher rückte. Unaufhaltsam. Es lähmte seine Sinne und ließ die Welt, die er kannte, langsam aber unnachgiebig in einer dumpfen Watteschicht verschwinden. Nur die Gedanken hörten nicht auf zu kreisen.
„Hast du denn wieder stärkere Schmerzen?“, stellte Frau Dr. Reusch die Gegenfrage und sah aus, als wolle sie gleich wieder aufspringen, um ihm etwas gegen die Schmerzen zu holen, doch Leo schüttelte langsam den Kopf und sie entspannte sich etwas.
„Nein, es… es ist ok“, erwiderte er, noch immer flüsternd, um Emma nicht zu wecken. Und weil es ihm sowieso kaum mehr möglich war, lauter zu sprechen. Er versuchte, die Hilflosigkeit, die in ihm hochstieg, mit Belanglosigkeiten zu überspielen. „Wollen Sie noch irgendwelche Untersuchungen machen?“, fuhr er deshalb beinahe hastig fort. „Ich wette, mein Blutdruck ist super! Und die Eisenwerte erst – die anderen achten wirklich gut auf meine Ernährung.“ Er versuchte, zu lächeln, doch es gelang ihm nur halb. Frau Dr. Reusch sah auf ihre Finger hinab, die sie im Schoß verschlungen hatte, dann schien sie sich einen Ruck zu geben, löste eine Hand aus der anderen und legte sie umsichtig auf die Bettdecke, direkt neben Leos.
„Ich bin nicht als Ärztin hier“, sagte sie leise. „Nur als ich selbst.“ Leo sah sie forschend an, denn er verstand nicht, worauf sie hinaus wollte. Dann sah er das verräterische Schimmern in ihren Augen. Es erinnerte ihn an den Moment, in dem sie ihm erzählen musste, dass er sterben würde. Das erste und einzige Mal, als er gesehen hatte, wie sie die Fassung verlor. Damals im Krankenhaus. Als wäre es in einem ganz anderen Leben gewesen.

„Normalerweise versuche ich, die Schicksale meiner Patienten nicht allzu nah an mich ran zu lassen“, erklärte Frau Dr. Reusch, ließ den Blick lange auf ihrer Hand ruhen, die noch immer auf dem Bett lag, dann schob sie sie ganz langsam, als wollte sie um Erlaubnis bitten, in Leos Hand und drückte sie sanft. Er spürte, dass ihre Finger zitterten.
„Bei dir hatte ich keine Chance“, flüsterte sie und Leo biss die Zähne zusammen, um nicht zu weinen. Damit hatte er nicht gerechnet. Obwohl Frau Dr. Reusch immer alles in ihrer Macht stehende getan hatte, um ihm zu helfen, hatte sie dabei nie über ihre eigenen Gefühle gesprochen. Weil sie wusste, dass die Patienten genug mit ihren eigenen Sorgen und Ängsten zu tun hatten. Weil es wichtig war, dass sie zwischen all den Schreckensbotschaften einen klaren Kopf behielt. Doch hier, in dieser Nacht, hatte sie offenbar beschlossen, Leo einen Blick in ihre sorgsam verschlossene Gefühlswelt zu gewähren. Und es rührte und erschreckte ihn gleichermaßen. „Du hast von Anfang an alle auf der Station in deinen Bann gezogen“, fuhr die Ärztin fort. „Dein Mut, dein Wille, zu überleben, deine Tapferkeit, die Aufopferungsbereitschaft für deine Freunde – ich hab dich in mein Herz geschlossen, ob ich es wollte oder nicht. Wir alle haben das. Aber ich vielleicht ganz besonders. Dass ich im Krankenhaus keine Gefühle zeige, schützt nicht nur mich, sondern auch meine Patienten. Es hilft ihnen nicht, wenn ich emotional werde. Empathisch, ja. Aber alles, was darüber hinaus geht, fügt ihnen nur Schmerzen zu. Und sie haben genug zu ertragen. Und ich verspreche dir, dass ich auch morgen wieder nur deine Ärztin sein werde, nichts weiter. Es hilft dir und es hilft auch deinen Freunden, wenn ich mich nicht allzu sehr von eurer Trauer anstecken lasse. Zumindest äußerlich.“ Leo nickte mit zusammengepressten Lippen. Er verstand, was die Ärztin meinte und er erinnerte sich daran, dass ihre klaren Ansagen während seiner Zeit im Krankenhaus zwar oft hart geklungen hatten, aber dass sie gerade dadurch der Anker, der ruhende Pol, inmitten all der Schicksalsschläge gewesen war.

„Aber jetzt… sind sie nicht als Ärztin hier?“, wiederholte Leo, was sie zuvor gesagt hatte. Sie schüttelte den Kopf.
„Ich… hab dir etwas zu sagen, was nichts mit meinem Beruf zu tun hat“, erklärte sie, verstummte, rang offenbar nach Worten, wie Leo es bei ihr selten zuvor wahrgenommen hatte und sah ihm dann für einige Sekunden nur in die Augen.
„Danke, Leo“, flüsterte sie und ihre Stimme klang so aufrichtig, dass Leo der Atem stockte, während er dabei zusehen konnte, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten. „Ich danke dir von ganzem Herzen. Dafür, dass ich dich kennen lernen durfte. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel es mir bedeutet, dich ein kleines Stück auf deinem Weg begleiten zu dürfen. Dein Wille, alles zum Guten zu wenden, ist so stark, dass er alle ansteckt, die bei dir sind. Er hat mich angesteckt. Er hat mir so viel Glauben und so viel Hoffnung wiedergegeben. Weißt du, als Arzt trägt man eine ganze Menge Verantwortung. Und es kann einen wahnsinnig mach, zu wissen, dass man nicht allen helfen kann, egal wie sehr man es versucht. Der Gedanke kann einen lähmen. Man kann nicht mehr klar denken. Man weiß nicht, wie man das ganze Leid aushalten soll, das einen umgibt.
Ich war an einem solchen Punkt. Wusste nicht, woraus ich noch die Kraft schöpfen sollte, mich jeden Tag auf‘s Neue all diesen Sorgen zu stellen. Und dann bist du zu uns auf die Station gekommen. Es war plötzlich, als ob da eine neue Kraftquelle ist. Alle haben das gespürt. Du hast uns alle inspiriert, Leo. Und mich ganz besonders. Ich habe mehr mit dir gelitten, als jemals mit einem Patienten zuvor. Vor allem in letzter Zeit, als ich wusste, dass du sterben wirst. Aber ich hatte trotzdem das Gefühl, besser damit umgehen zu können. Und das hast du geschafft, Leo. Du bist so stark, dass es für uns alle reicht. Nicht nur in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Auch in der Zukunft. Und das ist der Grund, warum ich dir das erzählen wollte. Ich glaube, du bist dir nicht bewusst, welche Wirkung du auf andere hast. Wie viel Mut du ihnen geben kannst. Nicht nur mir und meinen Kollegen auf der Station, sondern auch deinen Freunden. Und vor allem Emma. Du hast Angst, was aus ihr wird, wenn du nicht mehr hier bist und natürlich kann ich dir deine Sorgen nicht nehmen, aber es ist unglaublich, wie stark sie durch dich geworden ist. Genau wie ich. Sie wird es schaffen, Leo. Das… das wollte ich dir nur sagen.“ Es war wie eine kleine Rede gewesen, geflüstert zwar, doch so intensiv, dass Leo Gänsehaut bekommen hatte. Ein Kloß saß in seiner Kehle und ließ seine gedämpfte Stimme belegt klingen, doch er musste darauf einfach etwas sagen.
„Sie sind es, der wir danken müssen“, murmelte er. „Was wäre das Krankenhaus ohne Sie gewesen?“ Eine Träne löste sich aus den Wimpern der Ärztin und rollte über ihre Wange, sie fuhr mit dem Ärmel darüber und lächelte.

„Du musst mich nicht trösten“, sagte sie. „Ich weiß, dass ich oft streng bin und es keine große Freude ist, sich als Jugendlicher mit einer Oberärztin wie mir rumschlagen zu müssen. Da hätte es deutlich bessere Partien gegeben als mich.“ Doch Leo schüttelte den Kopf.
„Das ist nicht wahr“, widersprach er heftig und zum ersten Mal wurde seine Stimme so laut, dass Emma sich neben ihm zu regen begann. „Das ist nicht wahr“, wiederholte er leiser und streckte die Hand aus, um beruhigend Emmas Schulter zu streicheln. Ihre Lippen verzogen sich im Schlaf zu einem leisen Lächeln. „Sie haben mich dazu gebracht, durchzuhalten. Ohne Sie wär ich wahrscheinlich deutlich früher abgetreten. Glauben Sie mir oder nicht, aber das Krankenhaus braucht Menschen wie Sie. Ich weiß, dass Sie alles in Ihrer Macht stehende für uns getan haben. Und die anderen wissen das auch. Wir schätzen Sie sehr, Frau Dr. Reusch. Nicht nur als Ärztin.“ Die Frau drückte noch einmal seine Hand, mit dem Rücken der anderen versuchte sie, die restlichen Tränen aus ihren Augen zu wischen, doch es kamen neue nach, obwohl sie lächelte.
„Ich glaub nicht an Engel oder an Wiedergeburt oder so etwas“, flüsterte sie. „Dafür bin ich viel zu pragmatisch. Und ich hab zu viel mit dem Tod zu tun, um ihm noch etwas abgewinnen zu können. Aber du bist der Erste, der mich daran glauben lässt, dass Menschen nicht einfach fort sind, wenn sie sterben. Du wirst niemals fort sein, Leo. Nicht für deine Freunde und nicht für deine Familie. Aber auch nicht für mich und für alle, die dich im Krankenhaus kennen gelernt haben. Ich werde dich nie vergessen. Ich wüsste gar nicht, wie.“ Mit diesen Worten und einem letzten liebevollen Händedruck erhob sie sich, straffte die Schultern und sah noch einmal auf Leo herunter.
„Ich schau morgen früh wieder nach dir, das Morphium sollte bis dahin gut ausreichen“, sagte sie und ihre Stimme klang nicht mehr so bewegt wie zuvor. Sie kehrte zurück in die Rolle, die ihr vom Leben zugeteilt worden war. Für die sie sich entschieden hatte. Sie war wieder Leos Ärztin. Und es war gut so.
„Schlafen Sie gut, Frau Dr. Reusch“, gab er zurück und sie nickte ihm als Antwort kurz zu, bevor sie zur Tür ging und beinahe lautlos den Raum verließ. Nur das Klicken des Türschlosses war in der Stille zu hören.
Leo drehte sich zu Emma um und nahm sie ganz langsam und umsichtig in den Arm. Sofort schmiegte sie sich an ihn und Leo musste lächeln. Frau Dr. Reusch hatte Recht. Emma war stark geworden in letzter Zeit. Sie hielt so vieles aus, was sie früher nicht gekonnt hätte. Und auch, wenn er sich noch immer Sorgen um sie machte – wie sollte er das auch nicht tun? – hatte er das Gefühl, dass diese weniger beißend waren, als noch von dem unverhofften nächtlichen Besuch.
Vielleicht hatte er es ja tatsächlich geschafft, etwas von seiner Kraft an Emma abzugeben. Vielleicht war sie nicht nur seinetwegen, sondern eben auch durch ihn, so stark geworden. Mit diesem Gedanken schloss er die Lider, die sowieso viel zu müde waren, um sie noch länger offen zu halten.

Diese Nacht war Leos letzte. Seine letzte Nacht mit Emma. Seine letzte Nacht in Benitos Haus, mit seinen Freunden nur eine Tür weiter. Und obwohl Leo das bereits ahnte, glitt er Minuten später zum ersten Mal seit Wochen in einen ruhigen und traumlosen Schlaf. Weil das sorgenvolle Pochen seines Herzens leiser und die bitteren Gedanken in seinem Kopf weniger geworden waren. Denn wenn Frau Dr. Reusch glaubte, dass das Leben derer, die er liebte, auch ohne ihn weitergehen konnte, dann konnte er das auch glauben. Dann wollte er es glauben. Weil es ihm Hoffnung gab. Und Kraft. Für seinen letzten Weg.
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