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Tief geschlagene Wurzeln

von Tundra
GeschichteFreundschaft, Sci-Fi / P16 / Gen
Die Wraith OC (Own Character) Todd (Wraith)
14.12.2017
11.06.2021
31
101.129
10
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11.06.2021 3.849
 
Die mit dem Wraith tanzt

Der Ranghöchste schien zu träumen, doch einen derartigen Traum hatte er nie zuvor gehabt. In trister Dunkelheit vernahm er dumpf zwei Stimmen, von der er eine Sheppard zuordnen konnte. Das Gespräch ergab für ihn keinen Sinn. Es war Unfug. Unerträglich lästiger Unfug. Die Stimmen schienen hin und wieder in der Dunkelheit zu verschwinden und wieder aufzutauchen, anstatt ihm die Ruhe zu gönnen, die er sich wünschte.

»McKay! Ich dachte, es funktioniert schon!«, zischte Sheppard. »Das tut es auch, ich muss nur ein wenig feinjustieren!«, keifte Rodney. »Beeilen Sie sich. Wenn Jimmy zu sich kommt, wird er ganz schön wütend sein«, entgegnete Sheppard, als wäre das die beste Motivation. »Ich finde, wir sollten ihn Isaac nennen. Wir können nicht leugnen, dass er ein genialer Wissenschaftler zu sein scheint, mit dem man persönlich aber lieber nichts zu tun haben will. Isaac passt also viel besser als Jimmy zu ihm«, gab McKay zu bedenken. »Zu schade, dass sie kein Mitspracherecht bei Namen haben«, entgegnete Sheppard sarkastisch und fügte strenger hinzu: »Sind Sie endlich fertig oder können Sie es nicht mit seiner Genialität aufnehmen?« McKay atmete deutlich hörbar genervt durch, ehe er zu zetern begann. »Wissen Sie was? Ich werde ihn ab jetzt Isaac nennen! Und wenn Sie mich die ganze Zeit unterbrechen, stört das meinen Arbeitsfluss! Ich habe Ihnen doch schon erklärt, dass sich die beiden Kraftfelder nicht überlagern dürfen, sonst neutralisieren sie sich gegenseitig! Ich justierte also das Kraftfeld der Zelle so, dass es auf der Innenseite wenige Millimeter eingerückt ist. Beim anderen muss ich sehr genau darauf achten, dass es so eng wie möglich drumherum ist, ohne mit dem der Zelle zu interferieren. Sie scheinen noch immer nicht verstanden zu haben, wie komplex das hier ist! Wenn ich das zweite Kraftfeld auch nur einen Millimeter zu groß mache, könnte es seine Wirkung stark abschwächen! Wenn Sie das nicht wollen, dann hören Sie auf, mich zu stören. Ich denke außerdem immer noch, dass das eine …« McKay hielt inne und überprüfte eine Anzeige auf seinem Tablet, ehe er zufrieden grinsend hinzufügte: »Da haben Sie meine Genialität! Beide Kraftfelder sind unter voller Kapazität aktiv.«

Die Stimmen verklangen endlich. Anstatt die herbeigesehnte Ruhe zu fühlen und wieder einzuschlafen, kam der Ranghöchste allerdings gänzlich zu Bewusstsein. Augenblicklich durchfluteten ihn Wärme und Geborgenheit. »Nähre dich«, kommunizierte ihm sein Zwilling in hauchzarten und doch dringlichen Sinneseindrücken. Sogleich kam er der Aufforderung nach, denn er spürte selbst, wie notwendig es war. Sein Geist war dabei, zu versengen. Er war dem Verhungern gefährlich nahe, obwohl er sich bei der morgendlichen Meditation, vor dem Flug zum Welpenplaneten, zuletzt genährt hatte. Das unbändige Feuer erlosch, als die rohe Lebensenergie jede Zelle seines Körpers flutete und seinen Geist klärte. Er fühlte, dass sich ein paar Wunden schlossen, für die die Selbstheilung nicht mehr ausreichend Lebensenergie gehabt hatte, nachdem sie derart vom Kugelhagel, sowie den Betäubungsschüssen, der Atlanter beansprucht worden war. Augenblicklich fuhr er unter wütendem Knurren auf und sprang auf die Beine. Für einen kurzen Moment glaubte er, die Atlanter hätten seinen Zwilling ebenfalls gefangen genommen, da dieser mit ihm kommuniziert hatte und ihn nach wie vor in einer mentalen Umarmung festhielt. Er fühlte allerdings sogleich, dass sein Geist – und der des Erstgeborenen – nicht in seiner unmittelbaren Nähe waren. Der Ranghöchste begann, alles, was er wahrnahm, auf der gemeinsamen Kommunikationsebene mit seinen Brüdern zu teilen. »Der Anblick kommt mir vertraut vor«, scherzte der Zwilling für seinen Geschmack eine Spur zu fröhlich. Hinter ihm erklang eine fremde Stimme. »Er ist wach, Sir.« Sogleich wirbelte er herum. Zwei Wachen standen vor der Tür und sahen ihn mit einer Mischung aus Abscheu und Angst an. Warum hatte er sie nicht gewittert? Der Duft von einem halben Dutzend Menschen hing allerdings schwer in der Luft – da fiel es kaum auf, welcher präsent war und welcher nicht. Er atmete tief durch und bereute es sogleich, als ihm, zusätzlich zum Menschenduft, noch äußerst seltsame, unnatürlich wirkende Gerüche in die Witterkerben stiegen. Der Ranghöchste ließ den Blick an sich hinab schweifen. In seiner Brust entstand ein zutiefst beängstigendes Grollen. »Der Anblick ist mir neu«, kommentierte der Zwilling überflüssigerweise, als er wahrnahm, dass die Atlanter seinen Bruder in menschliche Kleidung gesteckt hatten. Der Ranghöchste sah außer sich vor Wut zu den Wachen. Er streckte seinen Geist nach ihnen aus, um ihr jämmerliches Dasein zu beenden, doch er prallte an irgendetwas ab. Abermals entstand ein dunkles Grollen in seiner Brust, das er über die Wachen hinweg donnern ließ. Sie zuckten zwar leicht zusammen, entspannten sich aber schnell wieder. Der Ranghöchste beließ seinen stechenden Blick auf den Wachen, während er sich im Geiste an seine Brüder wandte. »Wo ist Häppchen?«, fragte er nach wie vor wütend. »Sie ist noch bewusstlos«, entgegnete der Erstgeborene.

Es fiel dem Ranghöchsten schwer, sich zu konzentrieren. Zu sehr tobte die Wut in ihm. Er fühlte, wie ihn der Zwilling und auch der Erstgeborene in zärtlichste Sinneseindrücke hüllten, doch auch das konnte die tosende Empfindung nicht bändigen. »Wir werden dich befreien«, flüsterte ihm der Zwilling zu, »doch ich fürchte, wir werden deine Hilfe dabei brauchen. Also musst du dich beruhigen. Funktioniere.« Der Ranghöchste öffnete sich abermals der Meditation und klärte seinen Geist ein weiteres Mal. Sein Zwilling hatte recht. Er musste Ordnung in seinem Kopf schaffen und dann würde ihn niemand mehr davon abhalten können, diese verdammten Atlanter ausnahmslos alle … Er hielt inne, bevor ihn einer seiner Brüder ermahnen könnte, dass er das Gegenteil von ›sich beruhigen‹ tat. Er fokussierte seine Gedanken mit aller Kraft darauf, dass Häppchen noch am Leben und seine Brüder in Freiheit waren. Auch wenn die Machtnutzung nicht funktionierte, konnte er dennoch kommunizieren und sich der Urkraft der Lebensenergie öffnen. Häppchens und seine Aussichten darauf, schon bald aus der Stadt zu verschwinden, standen gar nicht so schlecht. Er stutzte, als ihm bewusst wurde, dass da noch etwas war, was ihm bisher entgangen war. »Fühlt ihr ihn auch oder spielen mir meine Sinne einen Streich?«, fragte der Ranghöchste und kommunizierte die Signatur des Tätowierten. »Sein Geist ist starr. Wir gehen davon aus, dass er sich in Stasis befindet«, entgegnete der Erstgeborene. »Was in aller Galaxie geht hier eigentlich vor sich?«, fragte der Ranghöchste matt. Für den Hauch eines Augenblicks war er komplett überfordert, doch sogleich rang er die Empfindung nieder. Noch einmal würde sie ihn nicht derart übermannen wie auf Arkhon. Seine Brüder teilten ihm mit, was auf dem Handelsmond geschehen war und bändigten sogleich seinen aufflammenden Zorn, den er den Genii, Menaren und Ninell gegenüber empfand. Er schob diesen weit von sich. Darum würde er sich kümmern, wenn Häppchen und er frei wären. Auch die Wahrnehmung des Tätowierten blendete er aus, sowie die Frage, warum er in Stasis auf Atlantis war. Das spielte in diesem Augenblick keine Rolle. Was wichtig war, war der erste Schritt. Sie mussten herausfinden, warum die Machtnutzung nicht funktionierte. »Ich pralle ebenfalls an etwas ab, wenn ich versuche, deinen Geist zu manipulieren«, vernahm er die unsicheren Sinneseindrücke des Erstgeborenen. Sogleich fügte er hinzu: »Häppchen wäre meinen Manipulationen allerdings zugänglich, sowie die anderen Geister, die ich wahrnehme.« Der Ranghöchste kräuselte die Nase. Die Atlanter hatten es also irgendwie geschafft, ihn komplett vor der Machtnutzung zu isolieren. Nachdenklich ließ er den Blick durch den Raum schweifen. »Ist das ein lanteanisches Einmannschutzschild?«, fragte der Zwilling verwundert, als der Blick seines Bruders auf etwas grün Schimmerndes fiel. Es lag auf einem der flachen, horizontalen Gitterstäbe. In aufflackernder Wut ging der Ranghöchste energisch darauf zu und wollte die kleine Gerätschaft greifen, doch seine Hand prallte an dem Kraftfeld der Zelle ab. Die dumpfen Stimmen kamen ihm in Erinnerung. Ihm wurde bewusst, dass er nicht geträumt hatte. Plötzlich ergab das Gespräch zwischen den Männern doch teilweise Sinn. ›McKay‹ war also ein atlantischer Wissenschaftler. Er hatte von zwei Kraftfeldern gesprochen. Dem Ranghöchsten fiel auf, dass dünne Kabel von der Rückseite des senkrechten Zellenpfostens zu dem kleinen Gerät führten. Es war sicherlich mit den Steuerkristallen der Zelle verbunden. Die Einmannschutzschildtechnologie der Atlanter war dem Ranghöchsten bekannt. Entsprechend wusste er, welche Schwierigkeiten McKay hatte überwinden müssen, um dieses Kraftfeld zu erschaffen. Unweigerlich empfand er ein wenig Achtung vor ihm und wusste, dass er ihn nicht unterschätzen dürfte. McKay hatte es augenscheinlich nicht nur geschafft, das Kraftfeld weit über die Dimensionen hinaus zu dehnen, für die es gedacht gewesen war, er hatte auch das Energieversorgungsproblem gelöst, die eine derartige Ausdehnung zweifelsfrei mit sich brachte.

Den Zwillingen wurde zeitgleich klar, dass dieser Einmannschutzschild offenbar eine andere Funktion hatte als jene, die sie aus dem großen Krieg gegen die Lanteaner kannten. »Dass das überhaupt möglich ist …«, kommunizierte der Zwilling erstaunt und setzte fort: »Es muss ein Prototyp sein. Andernfalls hätten die Lanteaner sie genutzt, um der königlichen Macht und unseren visuellen Manipulationen widerstehen zu können.« Der Ranghöchste trat wieder in die Mitte der Zelle und richtete seinen starren Blick abermals auf die Wachen, während er entgegnete: »Ein Prototyp ist er definitiv, doch ich gehe eher davon aus, dass er als Waffe konzipiert wurde. Er braucht keinen Träger, das heißt, er muss lediglich von einem Lanteaner aktiviert werden. Vielleicht wollten sie auf diese Weise die Machtnutzung der Königinnen außer Gefecht setzen. Ohne lanteanischer DNS hätten die Königinnen das Ding nicht abnehmen können. Solange sie aber noch kommunizieren könnten, blieben sie eine Gefahr. Wenn sie die Waffe allerdings vollendet und es geschafft hätten, eine an uns alle zu heften, hätten sie durchaus einen Vorteil gehabt. Abgesehen davon, dass sie uns die Kommunikation untereinander und mit unseren Wirten erschwert hätten, hätten wir den Soldaten nichts mehr befehlen können.« Auf der gemeinsamen Kommunikationsebene entstand für einen Moment Stille, als die Zwillinge sich zeitgleich vorstellten, wie sehr das den Ausgang des Krieges verändert hätte. Der Ranghöchste schob die Vorstellung als erster beiseite und fuhr fort: »Die Atlanter scheinen den Prototypen erst vor kurzem entdeckt zu haben, so, wie der atlantische Wissenschaftler von ihm sprach. Er kennt zwar die Funktionsweise, doch er weiß offensichtlich nicht, dass der Schutzschild nicht alle mentalen Fähigkeiten unterdrückt. Oder sie glauben, dass niemand herausfinden könnte, wo ich bin, und es wäre entsprechend kein Problem, dass meine Kommunikationsfähigkeit nicht unterdrückt wird. Vielleicht ist der Tätowierte deshalb in Stasis.« Ruhe trat in seinen Geist, als er erkannte, dass der erste Schritt nicht jener war, herauszufinden, warum die Machtnutzung nicht funktionierte. Trotz seiner Warnungen hatten die Atlanter nicht die geringste Ahnung, auf wen sie sich eingelassen hatten. Ein zufriedenes Grinsen schlich in seinen Geist und ließ tiefe Entspannung in ihm aufkommen. Er befand sich in einer lanteanischen Gefangenenzelle und diese befand sich in einer lanteanischen Stadt. Jemand ohne lanteanischer DNS wäre nun in ernsthaften Schwierigkeiten … Ehe er den Plan, der ihm in den Sinn kam, mit seinen Brüdern teilen oder dessen Schwachstellen erkennen konnte, betrat Sheppard den Raum und blieb eine Armlänge von der Zelle entfernt stehen.

»Blöd, wenn du deine Superkräfte nicht nutzen kannst, hm?«, fragte Sheppard süffisant. Der Ranghöchste erwiderte seinen Blick, entgegnete jedoch nichts. »Du musst am Verhungern sein«, stichelte der Colonel weiter, doch wieder erhielt er keine Antwort. »Letztes Mal warst du viel gesprächiger, Jimmy. Deine Freunde scheinen dich auch nicht retten zu wollen oder zu können, sonst wären sie längst da. Ich hatte schon den Verdacht, dass du letztes Mal nur geblufft hast und es keine Allianz gibt. Was ist also los? Bekümmert dich die Aussichtslosigkeit deiner Lage oder machen dir deine Verletzungen zu schaffen?« Kaum hatte Sheppard die Frage gestellt, riss sich der Ranghöchste in einer fließenden Bewegung das kurzärmlige, blasse Hemd vom Oberkörper, breitete leicht die Arme aus und ließ den Blick von der linken bis zu seiner Nährhand schweifen, ehe er abermals zu Sheppard sah. John betrachtete die unversehrte Haut, die der Wraith ihm derart demonstrativ präsentierte, und schluckte trocken, als die Nährnarbe sich leicht öffnete. »Sieht so Magenknurren bei euch aus?«, fragte er, um einen amüsierten Tonfall bemüht. Etwas ernster fügte er hinzu: »Wir könnten darüber sprechen, dein Leid ein wenig zu lindern.« Der Ranghöchste ließ seine Arme sinken und sah Sheppard tief in die Augen. »Du willst mit mir verhandeln?«, fragte er lauernd. John glaubte, den Wraith endlich am Haken zu haben. »Wenn du uns etwas anbieten kannst, was für uns von Interesse ist«, sagte er und trat einen winzigen Schritt näher. »Du bekommst gar nichts von mir, solange ich nicht meine Kleidung zurückerhalte«, stellte der Ranghöchste unmissverständlich klar. Sheppard stutzte und konnte seine Überraschung über diese Bedingung nicht gänzlich verbergen. »Sorry, Jimmy«, entgegnete er flapsig, »das ist eine Sicherheitsmaßnahme. Ich fürchte, ich kann da nichts machen.« Er runzelte die Stirn, als der Wraith schallend auflachte. Das Lachen endete abrupt, als der Wraith ihm entgegen donnerte: »Eine Sicherheitsmaßnahme wäre es gewesen, mich in Ruhe zu lassen!« Sheppard schwieg einige Augenblicke, ehe er in gewohnt scherzendem Ton sagte: »Ich hoffe, du frierst nicht so schnell.«

Der Colonel wandte sich ab und verließ den Raum, ohne eine Reaktion abzuwarten. Es verunsicherte ihn keinesfalls, dass der Wraith keinerlei Furcht oder Angst zeigte und ihm weiterhin drohte. So hatte sich immerhin jeder Wraith verhalten, der in dieser Zelle gefangen gewesen war. Was ihn allerdings durchaus verunsicherte, war der Umstand, dass er keine Wunden mehr hatte. Als sie ihn nach Atlantis gebracht hatten, hatte Dr. Keller drei Kugeln aus dem Oberkörper des Wraith holen, Blutungen stillen und insgesamt sieben Wunden nähen müssen. Sie hatte Bedenken geäußert, als Sheppard sie gefragt hatte, ob der Wraith überleben würde. Wie war es also möglich, dass er überhaupt noch aufrecht stehen und herumdrohen konnte? John wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als ihm per Funk mitgeteilt wurde, dass die Nachbesprechung der Mission mit Ladon in Kürze stattfinden würde. Er atmete tief durch und schlug den Weg zum Besprechungsraum ein.

»Mach dich darauf gefasst«, kommunizierte der Zwilling unterdessen amüsiert, »dass er dich ständig aufsuchen und mit seiner zweifelhaften Gesellschaft erfreuen wird.« Der Ranghöchste grollte leise und entgegnete: »Mir machen Gespräche mit ihm nicht derart viel Spaß wie dir, also sollten wir daran arbeiten, Häppchen und mich von hier fortzuschaffen.« Der Zwilling lachte leise auf der Kommunikationsebene. »Ich bin dir einen Schritt voraus. Es dauert allerdings noch ein wenig, ehe das Gen aktiviert wird.« Auch der Ranghöchste versuchte, eine der Kapseln mit dem Retrovirus, die in seinem Oberarm unter der Haut ruhten, durch einen mentalen Impuls bersten zu lassen. Es gelang nicht. Wieder erklang sein leises Grollen. »Wir werden Häppchens Hilfe benötigen oder landen müssen«, mischte sich der Erstgeborene in das Gespräch der Zwillinge. »Die Stadt weigert sich, meine Befehle auszuführen, weil ich mich nicht in ihr befinde.« Offenbar war der Erstgeborene noch vor den Zwillingen auf die Idee gekommen, sein lanteanisches Gen zu aktivieren. »Das sollte das kleinste Problem sein«, entgegnete der Zwilling und tauchte mit dem Zweisitzer in die Atmosphäre des Planeten ein. »Nein!«, herrschte ihn sein Bruder an. »Ihr werdet euch nicht in die Stadt begeben!« Der Zwilling atmete tief durch, um nicht ebenso ungehalten zu reagieren, und entgegnete in lediglich leichtem Zorn: »Der Zweisitzer ist getarnt und selbst wenn er es nicht wäre, ist er äußerst schwer zu zerstören. Was genau verängstigt dich derart?« Die Frage stellte er äußerst provokativ. »Unsere Arroganz!«, entgegnete der Ranghöchste in regelrecht knurrenden Sinneseindrücken. Der Zwilling hielt inne und bremste den Zweisitzer. »Unsere Arroganz«, wiederholte er mit einem farblosen Lächeln, »die uns beide in diese Zelle brachte.« Der Erstgeborene hüllte beide Zwillinge in eine intensive Umarmung. »Es besteht für uns kein Grund, zu landen. Sobald Häppchen wach ist, können wir an einem vernünftigen Fluchtplan arbeiten«, kommunizierte er sacht und fügte hinzu: »Sie kennt immerhin nicht nur diese Stadt, sondern auch ihre Bewohner. Außerdem weiß kein Atlanter, dass sie sie befehligen kann. Wir haben also das Überraschungsmoment auf unserer Seite.« Der Ranghöchste konnte seine Verwunderung ebenso wenig verbergen wie der Zwilling. »Sie kann die Stadt befehligen? Woher weißt du das?«, hakte er ungläubig nach. »Ich habe mit ihr einige Gespräche über ihre Zeit auf Atlantis geführt. Dabei kam dieses Thema auf. Sie machte sich darüber lustig, dass kein Atlanter die Stadt ausschließlich mental bediente – nicht einmal die, die es könnten. Als es ihr gelang, hielt sie es geheim, um anderen damit Streiche spielen zu können, doch dazu kam es nicht mehr«, entgegnete der Erstgeborene. Der Zwilling lachte vergnügt über Häppchens Vorhaben auf, während der Ranghöchste sich fragte, wie viel mehr der Erstgeborene über sie wusste. Er scheuchte den Neid beiseite. Die Brüder verfielen in gemeinsames Schweigen, während der Geist des Erstgeborenen immer wieder beruhigend über die Präsenzen der Zwillinge strich. Die Ungeduld des Ranghöchsten legte sich nur langsam. Ihm blieb allerdings nichts Anderes übrig, als zu warten, bis seine winzige Freundin wach werden würde, um einen vernünftigen Fluchtplan zu schmieden, der nicht nur auf Eventualitäten und Vermutungen basierte. Ein Schmunzeln huschte durch seinen Geist bei dem Gedanken, dass es die zweite Situation war, in der Häppchen sein Schlüssel zur Freiheit war. Er hoffte nur, dass sie ihre Fähigkeiten beim Gespräch mit dem Erstgeborenen nicht zu sehr ausgeschmückt hatte und der Ranghöchste nun lediglich Zeit damit verschwendete, auf ihr Erwachen zu warten.

Als er schließlich fühlte, dass Häppchen zu Bewusstsein kam, baute er augenblicklich eine Kommunikationsverbindung zu ihr auf. »Geht es dir gut?«, fragte er sanft und beinahe zärtlich. »Sind wir schon auf dem Stein der kleinen, grünen Hunde?«, vernahm er ihre schlaftrunkene Kommunikation. Ehe er erleichtert lachen und sie davor warnen konnte, derartiges jemals einem der Welpen zu kommunizieren, nahm er die schiere Panik wahr, in der sie sich sogleich einfand. »Bleibe ruhig, Häppchen«, raunte er. »An meiner Haut klebt Stoff!«, flackerten schrille Töne auf, die er nicht interpretieren konnte. Zu seiner Erleichterung nahm der Erstgeborene ihre Signatur zu der gemeinsamen Kommunikationsebene auf und schien sie auch zärtlich in seinen Geist zu hüllen. Sie beruhigte sich merklich. »Zeig uns, was du meinst«, forderte der Ranghöchste sie behutsam auf. Rylé atmete tief durch und teilte den Anblick des Pflasters an ihrer Armbeuge mit ihnen. »Entweder haben sie Gift in mich gestochen oder mein rotes Wasser gestohlen«, erklärte sie ängstlich. Der Erstgeborene übersetzte ihre Sinneseindrücke, da es gerade dem Zwilling schwerfiel, jeden davon zu verstehen. Er hatte noch zu wenig Übung, um sie interpretieren zu können. »Vielleicht wollen sie durch eine Blutprobe herausfinden, ob du unter dem Einfluss des Enzyms stehst«, merkte er beruhigend an. Der Ranghöchste schloss hingegen nicht aus, dass sie ihr etwas injiziert haben könnten. Andererseits war sie im ersten Moment derart panisch gewesen, dass es zumindest kein Ruhigstellungsmittel sein konnte. Er teilte seine Gedanken nicht mit ihr, um sie davor zu bewahren, doch wieder ihrer Panik zu verfallen. Die Brüder hielten inne, als sie wahrnahmen, dass Häppchen nicht mehr alleine war. Verängstigt blickte Rylé von der Liege aus zwischen Dr. Keller und Mr. Woolsey hin und her. Zu allem Überfluss betrat auch Colonel Sheppard den Isolationsraum. Sie rutschte auf der Liege zurück, als wollte sie mehr Abstand zwischen ihn und sich bringen. »Ms. Smith«, sagte Mr. Woolsey und zog ihre Aufmerksamkeit auf sich, »können Sie uns den Umstand erklären, warum sich Wraith-DNS in Ihrem DNS-Profil befindet?« Rylé starrte ihn mit offenem Mund an. Sie verzog leicht das Gesicht, als sich die Wut des Ranghöchsten in viel zu detaillierten Sinneseindrücken über die Kommunikationsebene wälzte: »Was?!«

»Was?«, hauchte Rylé. »I-ich habe keine Ahnung, was Sie meinen … Wraith-DNS? W-woher sollte ich … Sie verarschen mich doch! Ist das ein Trick, um diese Entführung zu rechtfertigen?« Dr. Keller wollte Rylé das Ganze aus der medizinischen Perspektive erklären. Sie lächelte sie professionell an und trat einen Schritt auf sie zu. Ehe sie aber ein Wort sagen konnte, sprang Rylé auf der anderen Seite der Liege auf den Boden und wich zurück. Jennifer stockte und sah hilfesuchend zu Mr. Woolsey. Stattdessen ergriff aber Sheppard das Wort: »Ganz einfach, Smith. Die Blutprobe, die Sie mir damals mitgaben, trug Wraith-DNS in sich. Und ich kann bestätigen, dass es ausschließlich Ihr Blut war. Schließlich habe ich gesehen, wie Jimmy es Ihnen abnahm.« Verwirrung mischte sich in Rylés Blick. »J-jimmy?«, fragte sie leise. »Ihr Wraith-Freund«, sagte Sheppard. Er ignorierte die Wut, die in ihrem Blick aufflackerte, und führte fort: »Um sicherzugehen, haben wir Ihnen bei Ihrer heutigen Ankunft noch einmal Blut abgenommen. Das Ergebnis ist dasselbe. Was haben die Wraith also mit Ihnen getan?« Rylé verstand nicht annähernd, was zur Hölle der Colonel von sich gab. Es war unmöglich! »Die Wraith haben gar nichts mit mir gemacht! Und überhaupt! Wieso sollte ich mit Ihnen reden?« Der Ranghöchste kommunizierte sogleich: »Frage danach, wie es mir geht. Sie dürfen nicht einmal in ihren wildesten Vorstellungen erahnen, dass du mit mir kommunizieren kannst! Sie werden glauben, dass wir ein misslungenes Experiment aus dir gemacht haben!« Kaum hatte sie die Kommunikation empfangen, zischte sie Sheppard wie eine winzige Giftschlange an: »Solange ich nicht weiß, wie es meinem Freund geht und wo er ist, werde ich Ihnen gar nichts sagen!« Sheppard grinste schief. »Jimmy geht es gut. Er ist unten in einer einzig für ihn präparierten Zelle. Sie wissen schon, damit er nicht seine Superkräfte einsetzt.«
»Er ist nicht Jimmy!«, fuhr Rylé Sheppard brüsk an. »Und ich will ihn sehen! Ich glaube Ihnen kein Wort! Alles, was sie behaupten, ist Schwachsinn!« Woolsey sah zu Sheppard, als dieser gerade dazu ansetzte, zu antworten. »Lassen Sie uns bitte allein«, sagte er zum Colonel und warf auch Dr. Keller einen Blick zu. Jennifer nickte und ging sogleich, während Sheppard seine Bedenken äußerte. »Ronon hat angefangen, sie auszubilden, als sie das letzte Mal hier war. Ich halte es für keine gute Idee, Sie –« Woolsey unterbrach ihn und entgegnete: »Warten Sie einfach vor der Tür. Dann können Sie rechtzeitig eingreifen, falls Ihre Sorge sich bewahrheitet.« Sheppard sah Woolsey unzufrieden an. Er warf Smith einen warnenden Blick zu und verließ den Isolationsraum.

Woolsey betrachtete Rylé einige Augenblicke, ehe er in ruhigem Tonfall sagte: »Ich hoffe, Sie können verstehen, dass die aktuelle Entwicklung uns große Sorgen bereitet. Vielleicht ist Ihr Freund in Wahrheit nur ein neugieriger Wissenschaftler. Vielleicht wissen Sie tatsächlich nicht, wie Ihre DNS-Veränderung zustande kam. Was, wenn er die Freundschaft nur vortäuscht und heimlich an Ihnen experimentiert?« Er hob beschwichtigend die linke Hand, als Rylé ihm offensichtlich äußerst unhöflich widersprechen wollte. Sie hielt tatsächlich inne. Woolsey griff in seine rechte Jackentasche und holte etwas hervor. »Ich verstehe, dass Sie glauben, Ihr neues Leben schützen zu müssen.« Er legte einen Umschlag auf der Liege ab und schob ihn einige Zentimeter in ihre Richtung. »Vergessen Sie dabei aber nicht, dass Sie auch ein altes Leben haben, Ms. Smith«, sagte er behutsam, lächelte knapp und ging.

»Was ist das?«, fragte der Ranghöchste sogleich. Rylé nahm seine Frage nur fahrig wahr. Ihr stiegen Tränen in die Augen. Ungläubig starrte sie auf den Briefumschlag. Sie ging zu der Liege und nahm ihn in ihre zitternden Hände. Der Ranghöchste versuchte, die wenigen Zeilen zu entziffern, die darauf standen, und zu erkennen, was auf dem winzigen Bild zu sehen war. Es gelang ihm nicht, die Schreibschrift zu lesen, ehe Rylé die Übertragung abbrach. Während die Kommunikationen ihrer Freunde in den Hintergrund rückten, sie sogar die zärtliche Umarmung des Erstgeborenen kaum wahrnahm und ihre Atmung sich beschleunigte, las sie immer und immer wieder die erste Zeile der Absenderadresse, bis ihr Sichtfeld gänzlich verschwamm. Áine und Emmet Miller.
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