Tief geschlagene Wurzeln

von Tundra
GeschichteFreundschaft, Sci-Fi / P16
Die Wraith OC (Own Character) Todd (Wraith)
14.12.2017
10.09.2019
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Zurück zu Teil sechs: Der Verrat an der See
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Nächtliche Gespräche

Der Wraith genoss die absolute Stille auf dem Stammesschiff. Weder redete seine Freundin auf ihn ein, noch nervte ihn der Erstgeborene mit dem Versprechen. Auch sein Zwilling ruhte entspannt in seinem Bett. Er schien sich an den Duft des Häppchens gewöhnt zu haben. Zumindest hatte er sie davon abgehalten aus dem Gemeinschaftsquartier auszuziehen, als es Zeit gewesen war zu ruhen. Ein Schmunzeln der Erleichterung huschte durch seinen Geist. Er hatte nicht daran gezweifelt, dass sein Zwilling sich ans Häppchen gewöhnen würde und doch war er froh, als es zu geschehen schien. Der Wraith schlenderte beinahe gemütlich durch die düsteren Gänge des Stammesschiffs. Eine ganze Nacht lag vor ihm, die er in dieser zauberhaften Ruhe verbringen würde. Zumindest hoffte er das. Seine Brüder und Häppchen schienen ihm nicht mal irgendeine Art des Verstandes zuzutrauen und glaubten ununterbrochen auf ihn einreden oder ihn mit Sinneseindrücken besänftigen zu müssen.

Seine Schritte führten ihn auf direktem Weg zu dem Quartier des Tätowierten. Lange stand er vor der Tür und starrte sie an, ehe er tief durchatmete und sie aufgleiten ließ. Sogleich sah er den Rücken des Jüngeren, bedeckt von der menschlichen Kleidung. Häppchen hatte recht gehabt. Dieser Anblick war ihm nahe gegangen, auch wenn die Wut es überspielt hatte. Die Kleidung war schließlich nach wie vor unter allen Wraith ein Zeichen der Stammeszugehörigkeit und zeitgleich der Individualität des Einzelnen. Dass die Atlanter es nicht geschafft hatten diesen Artgenossen zu brechen, schien ihm ein Wunder zu sein. Ob man die Ehrlichkeit, die er am Tag zuvor freiwillig gezeigt hatte, als den Bruch durch den Ungezeichneten werten konnte? Dabei wollte er es doch gar nicht. Er wollte den jungen Artgenossen nicht brechen. Er wollte ihm vertrauen können. Genau so blind, wie Häppchen es getan hatte und scheinbar nach wie vor tat.

»Was willst du?« fragte der Tätowierte matt, ohne sich umzudrehen. Er war also noch wach. Lag da und sah verträumt aus dem Fenster. Oder eher verzweifelt. Am ehesten aber geplagt von tiefer Unruhe und dem Gefühl jeden Augenblick den Verstand zu verlieren oder zu sterben. Der Ungezeichnete trat an sein Bett und fragte ruhig: »Leidest du noch unter der Energieteilung?« Der Tätowierte sah fragend zu ihm auf, ohne etwas zu erwidern. »Das unangenehme Kribbeln«, setzte der Ungezeichnete an, »kommt daher, dass ich dir zu viel Lebensenergie gegeben habe, als ich dich weckte.« Der Jüngere setzte sich ruckartig auf. Er hatte nicht gewusst, dass das überhaupt möglich war. Erschreckt riss er die Augen auf, als sich die Nährhand des Älteren auf seinem Brustbein einfand. Ehe er aber irgendetwas sagen oder auch nur reagieren konnte, nahm das unangenehme Prickeln endlich ab und sein Geist beruhigte sich wieder. Der Tätowierte atmete tief durch und schloss erleichtert die Augen.

»Komm mit«, sagte der Ungezeichnete weiterhin ruhig. Er wandte sich ab und trat aus dem Quartier, dessen Tür offen blieb. Er brauchte sich nicht umzusehen, um zu wissen, dass der Jüngere schon bald aufschließen würde. Dennoch schmunzelte er im Geiste, als dieser neben ihn trat. Schweigend ging der Jüngere neben ihm her, während unzählige Fragen durch seinen Geist wirbelten. Was genau hatte der Ungezeichnete getan? Er hatte ihm die überschüssige Energie entzogen, so viel war ihm bewusst, aber warum hatte der Jüngere dabei keinen Nährungsschmerz empfunden? Was in aller Galaxie war soeben geschehen? Welche Art von Lebensenergie konnte einen derartigen Effekt auf einen Wraith haben? Er hielt für einen Augenblick inne. Hatte der Ungezeichnete etwa eine andere Nahrungsquelle gefunden? Stammte seine Macht daher ab? Keine der Fragen wagte er zu stellen. Er wusste, dass sie unbeantwortet bleiben würden. Stattdessen ließ er den Blick immer wieder über die Wände des Stammesschiffs gleiten. Anstatt ihn aber abzulenken, warf der Anblick nur weitere Fragen auf. Wie alt war dieses Schiff und wie konnte es überhaupt existieren? Immerhin hielt der Ungezeichnete nichts davon die großen Wirte mit lanteanischen Energiemodulen zu versorgen. Es war äußerst unangenehm in einem Wirt zu sein, zu dem man keine mentale Verbindung fühlte. Dass Stammesschiffe einen Wraith überhaupt ignorieren konnten, verwunderte ihn längst nicht mehr. Nichts an dem Ungezeichneten war gewöhnlich, warum sollte es dann sein Wirt sein? Durch das Gefühl im Geiste blind zu sein, unterschied sich diese Gefangenschaft allerdings nicht von der auf Atlantis, obwohl das organische Quartier bequemer war als die Zelle aus Beton und Kraftfeld.

Der Ungezeichnete führte ihn auf das Lagunendeck und begann die Schnallen seiner Oberjacke zu lösen, ehe er zu dem Jüngeren aufsah. »Wasche endlich diesen Atlantergestank von dir ab«, sagte er grinsend. Die Verwirrung des Tätowierten war köstlich. Er verstand nicht, was das alles sollte. Warum der Artgenosse, der ihn zuvor hatte töten wollen, plötzlich so friedlich, gar zuvorkommend war. Andererseits war er dem Ungezeichneten dankbar dafür, dass er die Kleidung wenigstens für den Moment loswerden konnte. »Warum hast du das geduldet?« fragte der Ungezeichnete, als er in einem der Becken saß und entspannt zur Decke sah, in deren Dunkelheit der Sternenhimmel der Geburtsstunde der Wraith von einer Vielzahl kleiner Lichtquellen simuliert wurde. »Was hättest du an meiner Stelle getan? Dich natürlich nicht auf die Atlanter eingelassen und so weiter, aber wenn doch, wie hättest du darauf reagiert?« fragte der Tätowierte. Er schien langsam seinen Humor wiederzufinden. Der Ungezeichnete lächelte verschmitzt und entgegnete: »Es amüsiert mich, wie peinlich berührt Menschen von nackter Haut sind. Ich hätte mir eine derartige Demütigung also vom Leib gerissen und wäre ihnen so entgegen getreten ... wie die Lanteaner uns schufen.« Ein leises Lachen erklang neben dem Älteren, in das er einstimmte. »Ich denke das werde ich beim nächsten Mal ausprobieren«, scherzte der Tätowierte und hielt abrupt inne, als ihm klar wurde, was er da sagte. Er fletschte die Zähne und ein leises Grollen baute sich in seiner Brust auf. Der Ungezeichnete entgegnete allerdings nichts. Nicht mal die geringste Abfälligkeit.

Lange saßen die Artgenossen in dem Becken und genossen die dampfende Wärme des Wassers, während sie schwiegen. Beide bemerkten, dass es trotz allem kein unangenehmes Schweigen war. Vielleicht ein resigniertes, vielleicht ein hoffnungsvolles, aber definitiv kein unangenehmes. Der Tätowierte folgte dem Ungezeichneten, als dieser aufstand und aus dem Becken trat. Der Ältere hob die atlantische Kleidung auf und brachte sie zu einer der Röhren, die zu den Reinigungsräumen führten. »Oder wolltest du sie als Andenken behalten?« fragte der Ungezeichnete grinsend. Die einzige Antwort, die er erhielt, war ein abfälliges Schnauben. Der Ungezeichnete nahm aus einer der Wandnischen Kleidung und reichte sie dem Tätowierten. »Sie wurde nicht fertig gestellt«, sagte er, bevor Zweifel in die Augen des Jüngeren treten konnten. Immerhin wäre es für einen Wraith undenkbar die Kleidung eines Artgenossen zu tragen, die auf denjenigen Zugeschnitten war. Oftmals waren es Stickereien, bestimmte Stoffe oder – im Fall des Ungezeichneten – unnötig viele Schnallen, die ein Kleidungsstück individualisierten und es dadurch bestimmten Artgenossen zuordneten. Das, was der Ältere dem Tätowierten nun aber reichte, war lediglich die Standardanfertigung nach einem gewöhnlichen Schnittmuster. Der Tätowierte nahm die Kleidung entgegen und strich mit einer Hand behutsam über das Leder. »Stammt es von diesem verrückten Beutetier, das deine Mutter sich für das Leder ihres Stammes aussuchte?« fragte er mit einem leisen Lachen, als er an seine erste Begegnung mit den Tieren dachte. Der Ungezeichnete wirkte verblüfft über die Frage. War der Tätowierte ein obsessiver Bewunderer des Stammes gewesen oder warum wusste er so viel über ihn? Das hatte ihn schon Mal an ihm verwundert. »Kurruks«, entgegnete er schließlich schmunzelnd und fügte trocken hinzu: »Häppchen wirft gerne Steine nach ihnen.« Schallend lachte der Tätowierte auf. »Wie kann so viel Potential unter derartiger Dummheit vergraben sein?« fragte er den Älteren. Dieser grollte nur sein Seufzen und erwiderte: »Das versuche ich seit meiner ersten Begegnung mit ihr herauszufinden.«

Während der Ungezeichnete behutsam den dünnen Draht wieder zu einem Teil seiner Frisur werden ließ, legte der Tätowierte die Unterkleidung und das Leder an. Es fühlte sich nach einer rituellen Reinigung an. Er hatte einen neuen Weg beschritten, als er ehrlich zu einem fremden Artgenossen gewesen war. Er hatte den Duft des alten Lebens von sich abgewaschen und nun legte er ungezeichnete Stoffe an. Der Tätowierte spielte mit dem Gedanken sie zu behalten. Von nun an würde jede seiner Taten eine metaphorische Stickerei auf dem Brustteil der Oberjacke werden, bis diese Kleidung eindeutig ihm zuzuordnen wäre. Seine linke Hand glitt über die Schulterteile, die aus der Schiffsseide gefertigt waren und auf majestätische Weise im Licht schimmerten. »Galt das nicht auch in deinem Stamm als Königsstoff?« fragte er verwirrt über den Wert der Kleidung. Er wusste, dass nur sehr ranghohe Arbeiter diese Textilie in ihren Kleidern verarbeiten lassen durften. Es fiel dem Tätowierten schwer kein Zeichen des Respekts in dieser Geste des Älteren zu sehen, schließlich hätte er ihm auch irgendwelche unfertige Kleidung eines noch ranglosen Jungarbeiters geben können. Der Ungezeichnete hielt in seinem Tun inne, als er die Frage hörte, und sah den Jüngeren skeptisch an. »Warum in aller Galaxie weißt du derart viel über uns? Hast du uns heimlich studiert?« Die Verwirrung des Älteren brachte den Tätowierten zum Grinsen. »Ich hatte eines meiner Augen auf eine deiner Schwestern geworfen. Die Jüngste, um genau zu sein. Dieses Magenta ihrer Haare, ihr unglaublich schwacher Geist, trotz ihrer Blutlinie... Was könnte anziehender sein?« schwärmte der Tätowierte in aller Unschuld. »Ich verstehe«, entgegnete der Ungezeichnete eine Spur zu ernsthaft. »Deshalb hältst du also derart viel von John Sheppard. Er hat dich immerhin von dieser ungesunden Schwärmerei befreit, als er sie tötete. Vermutlich sollte auch ich mich bei ihm dafür erkenntlich zeigen.« Er grinste und deutete dem Jüngeren an ihm zu folgen. Dieser tat es, während er sich alle Mühe gab sich nicht anmerken zu lassen, wie erleichtert er über die Wortwahl des Ungezeichneten war. Sie implizierte, dass Sheppard noch lebte. Die Frage, ob er ihn hatte laufen lassen oder gefangen nahm, erübrigte sich. Der Tätowierte ging davon aus, dass der Ungezeichnete mit Atlantis nun das Spiel spielen würde, das seine Mutter mit allen anderen Königinnen gespielt hatte: Er würde sich seine Sicherheit mit ihrer Angst erkaufen. Dafür ließ er sie laufen, damit sie Bericht erstatteten. Seine Mutter hatte es mit Spähern genau so getan. Sie hatte nie auch nur einen von ihnen getötet, um der anderen Königin zu zeigen, dass sie sich ihrer Position derart sicher war, dass sie es nicht nötig hatte sie der Anderen zu demonstrieren. Wenn eine ihrer Kontrahentinnen aber übermütig wurde und ihre Späher ein weiteres Mal aussandte, wurde kurz darauf ihr gesamter Stamm bis zum letzten Wraith ausgelöscht. Er hoffte die Atlanter würden Einsicht zeigen und nicht zurück kehren. Sein Angebot dem Ungezeichneten zu helfen stand immerhin nach wie vor. Auch wenn er nicht mehr mit den Erdlingen zusammen arbeiten würde, wollte er ebenso wenig gegen sie kämpfen.

Der Tätowierte sog tief den Geruch in seine Witterkerben, als er auf dem Botanikdeck stand. Dieser eigentümliche, vertraute, beruhigende Duft der Stammesschiffe. Ein zufriedenes Lächeln breitete sich in seinem Geist aus, als er auf der Sitzgelegenheit einer Lichtung Platz nahm. Dieses Schiff war keine Jungaufzucht. Sonst hätte es nicht eine Vielzahl jener Pflanzen, die auf dem Entstehungsplaneten als ausgestorben galten. Sein Blick schweifte umher, ehe er auf dem Ungezeichneten haften blieb. Das, was der Ältere zuvor gesagt hatte, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er saß seelenruhig da und schälte eine blaue Frucht, die ihren zarten, betörenden Duft um sie herum ausbreitete. Vor dem Tätowierten lag eine zweite. Mit äußerst blassen Erinnerungen, die nach behüteten Zeiten klangen, griff er behutsam nach der Frucht. Erst als er sie aufgegessen hatte und noch einige Augenblicke lang den Geschmack auf der Zunge genoss, fand er den Mut seine Frage zu stellen: »Sheppard hat die Jüngste getötet?« Die Vorsicht in seiner Stimme erweckte den Eindruck, als wagte er es nicht den Atlanter anzusprechen. »Das hat er. Als ich auf dem Weg war, um ihrem Kreischen nach Hilfe nachzukommen, hätte er beinahe auch mich getötet. Wäre er nicht entkommen und hätte Atlantis die Belagerung der Allianz nicht überlebt, dann wärst du immer noch Gefangener der Genii.« Den letzten Satz sprach er leise. Dem Tätowierten fiel auf, dass er es beinahe behutsam tat. Er sah zu dem Ungezeichneten und fragte sich, ob er nachvollziehen konnte, was den Jüngeren mit dem Atlanter verband. Wie könnte er einfach nur einen Menschen in ihm sehen, nach dem was er ihm zu verdanken hatte? »Das ist vorbei«, raunte der Tätowierte in leiser Bitterkeit. Er konnte nicht verhindern, dass aber ebenso sachtes Bedauern in seiner Tonlage mitschwang. »Wir wissen beide«, entgegnete der Ungezeichnete ohne der Spur eines Vorwurfs, »dass du Atlantis augenblicklich wieder betreten würdest, sollte er dich erneut um Hilfe bitten. Immerhin hat er nicht nur deinen Lebenswillen neu entfacht, sondern auch dein Leben bewahrt, als er dich auf den Planeten der Iratus-Käfer ließ.«

»Deine kleine Freundin erzählt dir zu viel«, knurrte der Tätowierte unzufrieden und brachte den Ungezeichneten damit zum Lachen. »Im Vergleich zu deinem Freund, weiß meine Freundin aber, wie viel Ehre selbst der erbärmlichste unserer Artgenossen besitzt, wenn es um die Begleichung einer derartigen Schuld geht.« Der Tätowierte schwieg, anstatt auszusprechen, dass er sich wünschte die Menschen würden auch nur einen Bruchteil jener Ehre besitzen. Sheppard war immerhin der Ansicht, dass er ihm gar nichts mehr schuldete. Dabei hatte der Tätowierte ihm nicht nur geholfen aus den Zellen der Genii zu entkommen, er hatte sein und das Leben seines Teams gerettet, als ihm das unmögliche Manöver gelang, ein halbes Stammesschiff zu landen. Er kräuselte leicht die Nase. Sheppard dachte vermutlich, dass er das nur getan hatte, um seine eigene Haut zu retten. Es würde für immer das Geheimnis des Tätowierten bleiben, dass er in jenem Augenblick keinerlei Hoffnung mehr hatte Heilung zu finden – ob mit oder ohne Käferkönigin an seinem Hals.
»Die Menschen nehmen es anders wahr«, sagte der Ungezeichnete, der die Gedanken des Jüngeren erahnte. »Häppchen erklärte mir, dass sie durchaus der Ansicht sind, eine derartige Schuld ließe sich begleichen. Dass man sie anschließend vergessen könnte. Sie nehmen das Wort „Schuld“ zu negativ wahr, während unser Sinneseindruck die Schönheit dieser Verbundenheit hervor hebt und nicht das Gefühl der Last oder der Dankbarkeit. Wenn er nicht gewillt ist einen Wraith zu verstehen, dann wird er niemals erkennen, dass er in dir einen Bruder fand.«

Der Tätowierte schwieg und ließ den Blick sinken. Das waren nicht nur erschreckend tröstende Worte, die der Ungezeichnete mit ihm geteilt hatte. Er hatte etwas ausgesprochen, das der Tätowierte nicht mal zu denken gewagt hatte und er hatte es völlig frei von jedweder Wertung getan. Aus dem Augenwinkel sah er zu dem Älteren, der völlig entspannt neben ihm saß und nach wie vor zur Decke sah. Es fiel dem Tätowierten schwer damit umzugehen. Der Ältere empfand vielleicht nichts Ungewöhnliches mehr dabei, von einer derartigen Beziehung zwischen einem Wraith und einem Menschen zu sprechen, weil er seit diversen Jahreszeiten einen Menschen an seiner Seite hatte, der ihm offenbar den Stolz seiner Spezies ausgetrieben hatte. Doch den Jüngeren ließ der Gedanke im Geiste erstarren, als er ihm denn endlich bewusst wurde. Er hatte nach zehn Generationen zum ersten Mal wieder eine derartige Verbundenheit zu jemandem empfunden und dieser jemand war ausgerechnet ein Mensch. Einer, der nicht annähernd dasselbe empfand. Der nicht mal wusste, was es bedeutete. Welchen Wert es hatte. Sachte Bewunderung und hauchzarter Neid traten in seinen Blick, als er verstohlen zu dem Ungezeichneten blickte. Wie war es ihm gelungen? Wie hatte er es geschafft eine Freundschaft zu seiner Beute aufzubauen, die keine einseitige war?

»Warst du ein ständiger Gefangener auf Atlantis oder ließen sie dich wenigstens wissen, wie es um deine Allianz steht?« fragte der Ungezeichnete, als die Lichtsimulation die langsame Morgendämmerung ankündigte, und riss den Tätowierten damit aus seinen Gedanken. »Sie vertrauen mir ebenso sehr wie du«, erwiderte der Tätowierte schmunzelnd. »Vielleicht sind sie doch nicht so dumm«, murmelte der Ungezeichnete und stand grinsend auf. Während sie erneut den unzähligen Gängen folgten, fragte der Ältere: »Wo sollte dein Stamm auf dich warten?« Er bemerkte sogleich, dass Zweifel durch die gelbgrünen Augen huschten. Offenbar verriet auch dieser Artgenosse nicht gerne, wo sich sein Stamm aufhielt. Ein leises Lachen breitete sich über diese Ironie in seinem Geist aus. »In solchen Fällen«, setzte der Tätowierte an und atmete tief durch, ehe er fortführte: »Wenn die Möglichkeit besteht, dass ich erneut in Gefangenschaft auf Atlantis ende, bewachen meine Arbeiter abwechselnd ein Sternentor auf einem ehemaligen neutralen Boden unserer Spezies. Wenn ich mich nicht auf andere Weise melden kann, so habe ich doch immer diesen letzten Zufluchtsort. Ich weiß nur nicht, ob nach einer Jahreszeit immer noch ein Arbeiter dort auf seinen Ranghöchsten wartet oder ob sie davon ausgehen, dass ich tot bin.« Der Ungezeichnete verschränkte die Hände hinter dem Rücken und musterte den Jüngeren. Er sah keinen Grund dafür, warum ein Stamm, der sich nicht von ihm abgewandt hatte, als er für lange Jahreszeiten Gefangener der Genii gewesen war, es nach nicht mal einer Jahreszeit auf Atlantis tun sollte. Das teilte er ihm allerdings nicht mit. Er hatte ihm schon genug Trost gespendet und hatte sich dabei mehr als nur ein wenig zusammenreißen müssen. Stattdessen fragte er: »Vertraust du den Arbeitern, die noch auf deinem Stammesschiff sind oder sind sie ebenso loyal, wie der Wissenschaftler, der dich betrog?« Ohne zu zögern erwiderte der Tätowierte: »Jenen, die von dem neutralen Boden wissen, kann ich mit meinem Leben vertrauen.« Das waren schließlich nicht irgendwelche wilden Arbeiter. Es waren ausschließlich seine Söhne.

Erst als der Ungezeichnete mit dem Tätowierten den Sternentorraum betrat, wurde diesem bewusst, was die Fragen zuvor sollten. Er hatte es nicht zu hoffen gewagt. »Du lässt mich gehen?« fragte der Jüngere in einem Anflug von zweifelnder Hoffnung. »Wir sind Wraith«, entgegnete der Ungezeichnete in intensiven Sinneseindrücken, die davon zeugten, dass er seinen Stolz keinesfalls verloren hatte. »Für ein Leben in Gefangenschaft sind wir nicht bestimmt.« Er trat zur Seite und ließ den Tätowierten den Planeten anwählen. Als er aber sah welchen der ehemaligen neutralen Böden sie nutzten, erstarrte sein gesamter Geist für den Bruchteil eines Wimpernschlags. Es war der Ort, an dem er die berstenden Sternenstürme gefunden hatte. War das ein Zufall, dass der Tätowierte sich von dutzenden jener Planeten ausgerechnet diesen ausgesucht hatte? Ruckartig sah er zu dem Jüngeren, der die Reaktion allerdings nicht bemerkte. Kaum hatte sich das Wurmloch aufgebaut, hatte sich der Ungezeichnete wieder unter Kontrolle. Er bat das Stammesschiff eine Funkverbindung aufzubauen, überließ das Sprechen aber dem Jüngeren. Die Erleichterung, die nach quälend langen Herzschlägen des Wartens in den Geist des Tätowierten trat, als einer seiner Söhne auf seinen Funkspruch reagierte, war derart intensiv, dass der Ungezeichnete glaubte sie berühren zu können, wenn er nur die Hand ausstreckte.

Tiefe Dankbarkeit lag in den gelbgrünen Augen, als er sich dem Ungezeichneten zuwandte. Dieser kommunizierte aber sogleich: »Versprich mir erst wieder etwas, wenn dein Geist klar ist und nicht von Angst oder Dankbarkeit dominiert wird. Vielleicht fällt es dir dann leichter deine Versprechen auch zu halten.« Der Tätowierte erwiderte das Grinsen im Geiste und atmete tief durch. Zwar hatte ihm der Ungezeichnete nicht die Hilfe zugesichert, die er sich von ihm erhofft hatte, aber ebenso wenig war das ein Abschied für immer. Sein Misstrauen würde bleiben, das war dem Jüngeren bewusst. Schon bei seinem nächsten Besuch würde er vermutlich wieder unfreiwillig vor ihm knien oder die Waffen auf sich gerichtet wissen. Vielleicht würde diese unerträgliche Atlanterin auch wieder einen Betäuber auf ihn richten und unzählige Schüsse in ausgerechnet sein Gesicht abfeuern. Danach würden sie aber zu dritt beisammen sitzen, scherzen und lachen. Wenn das mal nicht typisch für seine Spezies war. Der Tätowierte wandte sich von dem Ungezeichneten ab, dem er seine Dankbarkeit nicht kommunizieren musste, so überdeutlich wie er sie ausgestrahlt hatte, und verschwand im Ereignishorizont.
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