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Love survives.

OneshotDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Edith Cushing Sir Thomas Sharpe
14.12.2017
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Love survives.

Ich kann nicht aufhören, an ihn zu denken.

An seine Augen, seine Küsse, an die Art, wie er meinen Namen sagte, mit einer Sanftheit, als wolle er alle Sorgen  von mir nehmen, obwohl es doch so schien, als trüge er bereits selbst die Last der Welt auf seinen Schultern.

Gott, ich habe ihn so sehr geliebt.

Seine Leiche habe ich nie gesehen, nachdem ich ja mit Alan aus Allerdale Hall geflüchtet war, bevor man ihn begrub, aber im Dorf haben sie sich Geschichten erzählt, nachdem die Männer zurückkehrten, die man dorthin geschickt hatte. Lucille hatte ihn umgebracht bevor ich sie tötete, sie hatte ihn erstochen. Sie hat ihm ein Messer in seine Wange gestoßen. Ich habe gehört, was er zu ihr sagte, bevor er starb. Er wolle aufhören, so zu leben, er wolle mit mir fortgehen, er liebte mich.

Er hat mich geliebt.



„Stopp.“ sage ich. Es war das erste Wort, das ich überhaupt sage, seitdem wir Allerdale Hall verlassen hatten; die Stimmen in meinem Kopf jedoch verstummen nie. „Drehen Sie um, Sir.“

„Aber Miss Cushing“ antwortet der Kutscher verwirrt, zügelt jedoch die Pferde. „Ihr Zug fährt bereits in weniger als zwei Stunden, Sie werden ihn verpassen!“

„Es ist mir gleich. Nach Allerdale Hall, bitte.“

„Nach allem, was dort geschah? Seien Sie vernünftig, Miss, ich flehe Sie an, das kann doch nicht ihr Ernst sein!“ meint er entsetzt.

„Es ist mein voller Ernst. Fahren Sie oder ich gehe zu Fuß, von hier aus ist es nicht weit.“

Er zögert, doch als ich Anstalten mache, aus der Kutsche zu steigen, fährt er los. Er versucht, mich zu überzeugen, zum Bahnhof zurückzukehren, doch ich bleibe dabei. Alan ist noch immer in dem kleinen Dorf und kümmert sich um die Angelegenheiten, doch nach meiner Genesung wollte er mich nach London schicken, wo ich auf ihn warten soll, bis wir gemeinsam nach Amerika zurückreisen können.

„Dann kannst du all das Furchtbare hinter dir lassen, Edith.“ hat er gesagt. Aber das kann ich nicht.

Ich muss zurück nach Crimson Peak.



Thomas Sharpe hatte mich von dem Moment, da er zum ersten Mal vor mir gestanden hatte, ungemein fasziniert. Er war einer der ersten, die es nicht merkwürdig fanden, dass eine Frau Geschichten schrieb, die von Geistern handelten; er war mir intelligent, stattlich und geheimnisvoll vorgekommen; ich konnte ihn für keinen Augenblick mehr aus meinen Gedanken verbannen und irgendwann, nach einem unserer Treffen, wurde mir klar, dass ich mich Hals über Kopf in ihn verliebt hatte.

Er sagte, er bewundere mich für meine Intelligenz, für die Reichtümer an Wissen in meinem Kopf. Mythologie, Literatur, Politik; wir haben uns über so viel unterhalten und selbst Stille habe ich mit ihm genossen.

In der griechischen Mythologie heißt es, dass Zeus den Menschen, der bis dato vier Arme, vier Beine und einen Kopf mit zwei Gesichtern hatte, entzwei teilen musste, da er seine Stärke fürchtete, sodass jeder Einzelne von uns sein ganzes Leben lang auf der Suche nach seiner anderen Hälfte, nach dem anderen Teil seiner Seele ist.

Thomas ist meine andere Hälfte und ich bin die Seine, egal, was er getan hat und egal, was er für Lucille empfand; wir gehören zusammen, für immer. Ich kann gegen alles ankämpfen, aber nicht gegen die Liebe.



Als der Kutscher schließlich vor dem schmiedeeisernen Tor vor Allerdale Hall hält und ich ihn bezahle, sieht er mich an, als wäre ich verrückt geworden. Und vielleicht bin ich das auch, aber ich muss zurückgehen und mich überzeugen, ob Thomas  wirklich tot ist. Ein winziger Teil von mir hat noch nicht zu hoffen aufgegeben, obwohl ich weiß, dass es unmöglich ist, dass er es überlebt hat.

Er darf mich nicht verlassen.

Ich drücke das Tor auf und gehe langsam, als hätte ich alle Zeit der Welt, in Richtung des Anwesens. Meine Füße werden kalt und der Saum meines schwarzen Kleides ist feucht vom Schnee. Alan fragte mich als ich genesen war, weshalb ich so dunkle Farben trug.

Ich trage Trauer, gab ich ihm als Antwort. „Mein Ehemann ist gestorben.“

Er denkt, ich verliere den Verstand. Alle tun das.



Er darf diese Welt nicht verlassen haben, nicht ohne mich.

Aber er  ist immer noch da, als ich die schwere Eingangstür öffne. Er wartet in seinem Arbeitszimmer auf mich, ich weiß es.

Ich höre Musik aus dem Salon, als ich die Treppen hinaufsteige, die unter meinem Gewicht ächzen. Lucille spielt Klavier. Wie in Trance gehe ich vorbei an unserem Schlafzimmer und weiter nach oben, bis ganz unter das Dach.

Hier ist es noch kälter als draußen.

Und da ist er. Beinahe unverändert sitzt er auf seinem Arbeitsstuhl und erhebt sich, als ich zur Tür hereinkomme. Er ist wunderschön, so, wie ich ihn in Erinnerung habe. Er lächelt. Als seine Hände versuchen, meine Ausgestreckte zu berühren, spüre ich nichts. Einen Lufthauch vielleicht.

„Ich liebe dich Edith. Es tut mir unendlich leid.“ flüstert er, aber seine Stimme klingt verzerrt, wie vom Wind davongetragen.

Sie haben die Leichen fortgeschafft, verbrannt, vermutlich. Das Messer haben sie dagelassen.



Als ich diese Welt verlasse, um mit ihm zu gehen, ist er bei mir.

Wir gehören zusammen.

Wir lassen alles zurück; Lucilles Geist im Salon, das Haus, das Leid.

Unsere Liebe kann alles überleben.



Es gibt wirklich Geister; ich habe sie mein Leben lang gesehen.
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