Seelenzeichen

von liebdich
GeschichteAllgemein / P12
Nyx OC (Own Character)
13.12.2017
08.09.2019
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13.12.2017 2.355
 
Schwer seufzte ich und drehte mich wieder zurück auf den Rücken, in der Hoffnung in dieser Position endlich den lang ersehnten Schlaf zu finden. Aber ich war nicht im Geringsten müde. Ich war hellwach und wusste nicht, wie ich meinen ersten Tag, oder viel mehr die erste Nacht, als Jungvampyr überstehen sollte, wenn ich die Augen nicht aufbekam und meinen Schlafrhythmus einfach nicht auf die Regelung meines neuen Lebens umstellen konnte.

Augenblicklich wanderten meine Gedanken wieder zum gestrigen Nachmittag.

Ich war auf dem Weg zum Gemeindezentrum, wo ich jeden Donnerstag den Karateunterricht besuchte. So auch gestern. Doch kurz vor dem Ziel, als ich gerade an der roten Ampel wartete, entdeckte ich auf der anderen Straßenseite einen großgewachsenen Jungen. Er konnte vom Aussehen her nicht viel älter sein als ich. Doch als ich ihm in die Augen sah, strahlte er eine uralte Macht aus. Es fühlte sich an, als wären wir alleine auf dieser Welt – nur er und ich.

Er, der ein Späher war.

Ich, die nicht mehr länger ein Mensch sein würde.

Das wurde mir klar, als er seine Hand hob und mit dem blassen Zeigefinger auf mich deutete. Seine Stimme war süß wie Honig und löste ein tiefes Verlangen nach dem Unbekannten in meinem Inneren aus. »Alice Luise List. Sie wurde von der Nacht erwählt. Ihr Tod wird ihre Geburt sein. Die Nacht ruft sie. Höre und gehorche sie ihrer lieblichen Stimme. Das Schicksal erwartet dich im House of Night.« Ein fürchterlicher Schmerz durchfuhr meine Stirn. Ich wollte den Mund öffnen und schreien, aber ich konnte mich nicht rühren. Schwärze umhüllte mich mit dunkler Stille, die in meinen Ohren schmerzte und das Stechen in meiner Stirn und das Verlangen in meinem Herzen um das hundertfache verstärkte.

Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich in das erschrockene Gesicht eines Mädchens, das mit mir regelmäßig Karate trainierte. Ich versuchte zu lächeln und wollte mich aufrichten, aber mir wurde schwindelig und sank zurück auf den Boden. Madison machte keine Anstalten mir zu helfen, sondern wich ängstlich einige Schritte zurück.

»Was ist passiert?«, fragte ich und erschrak über das Krächzen, das meinen Mund verließ.

Madison deutete mit zittriger Hand auf ihre Stirn und stotterte: »D-du wu-wurdest Gezeichnet. D-Du hast d-das Mal.« Sie wirkte, als wollte sie in diesem Moment am liebsten ganz woanders sein, bloß nicht hier bei mir.

Ihre Worte brachten die Erinnerung an den Späher und seine Wort zurück in mein Gedächtnis. Nun fasste ich mir selber an meine Stirn und berührte die schmerzende Stelle, an der sich jetzt der Umriss einer saphirblauen Sichel befinden musste. Zumindest war es bei den anderen gezeichneten Jungvampyren so. Ich wollte Madison fragen, ob sie mich mit ihrem Auto, das mit laufendem Motor neben uns stand, nach Hause bringen kann, aber als ich zum Sprechen ansetzte, überkam mich ein schrecklicher Hustenanfall. Es hörte gar nicht mehr auf und ich befürchtete schon, daran zu ersticken, als Madison sich dazu herabließ, zaghaft auf meinen Rücken zu klopfen. Dankbar lächelte ich sie an, nachdem ich mich wieder einigermaßen beruhigte.

»Du musst so schnell wie möglich ins House of Night. Meine Schwester ist auch gezeichnet worden und wurde mit jedem Tag, den sie gewartet hat, kränker und schwächer. Sie kam nie im House of Night an. Sie hat die Verwandlung nicht überlebt.«

Grauen und Angst breiteten sich in mir aus. Mit einem Schlag wurde mir klar, dass der heutige Tag, die vergangenen Minuten mein Schicksal besiegelten. Entweder überlebe ich die Wandlung und werde ein Vampyr oder ich würde bald ein zweites Mal sterben. Immer noch auf genügend Abstand achtend, ohne mich zu berühren verfrachtete Madison mich auf die Rückbank ihres schwarzen Wagens und lenkte ihn schnell, aber den Richtlinien folgend, am Strand entlang in die Richtung des House of Night, das Internat für die frisch gezeichneten Jungvampyre der Umgebung. Eigentlich wollte ich vorher unbedingt nach Hause, meinem Vater und meinem kleinen Bruder Bescheid geben, vielleicht ein paar Sachen zusammenpacken, aber es fiel mir so schwer, etwas zu sagen. Mein ganzer Körper schmerzte und mein Schädel brummte. Außerdem wollte ich Madison nicht noch mehr belästigen. Ich war ihr schon dankbar dafür, dass sie mich nicht auf der Straße liegen ließ, nachdem sie das Mal gesehen hat. Jeder andere, auch ich, wäre wahrscheinlich schnell davon gelaufen und hätte die Person ihrem Schicksal überlassen.

Im House of Night am Strand von Santa Monica angekommen, verschwand das Gefühl des Verlangens – der Sehnsucht – nach etwas, das ich nicht benennen konnte, so schnell wie es auch gekommen war. In der Eingangshalle wurden wir bereits von einem großen Mann empfangen. Dunkle Locken hingen ihm in die Stirn und verdeckten sein Mal. Er beachtete Madison nicht, sondern fixierte nur mich. »Willkommen im House of Night, Alice«, sprach er mit einer wundervollen Stimme. »Wir haben dich schon erwartet. Ich bin Ajax, der Professor fürs Zeichnen hier am House of Night und für deine Zeit hier bin ich auch dein Mentor.«

Leicht nickte ich, um ihm zu zeigen, dass ich ihm zuhörte. In dem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als bei meinem Dad zu sein, in seinen Armen zu liegen und alles was heute geschehen war, zu vergessen.

Madison stand derweil, wie bestellt und nicht abgeholt, ein wenig schräg hinter mir. Erst als Professor Ajax eine Pause machte, sprach sie leise und brachte sich somit zurück in meine Gedanken. »Ich gehe dann mal. Tschüss, Alice, und alles Gute.«

Ich drehte mich zu ihr und lächelte sie dankbar an. »Danke, Madison.« Sie nickte steif, warf einen letzten Blick zu dem Vampyr neben mir und verließ mit schnellen Schritten die dunkle Eingangshalle.

»Folge mir.«

Ich folgte dem Vampyr durch die hohen, fensterlosen Gänge des Internats. Die Wände bestanden aus einer seltsamen Mischung aus dunklem Fels und von Zeit zu Zeit hervorragenden Klinkersteinen. Sie wurden durch flackernde Gaslampen in altmodischen schwarzen Eisenleuchtern in der Wand beleuchtet, die unsere Gestalten mit dem gelben Schein geisterhaft an die Wand warfen.

»Jeder frisch gezeichnete Jungvampyr hat die Möglichkeit einen neuen Namen für den Beginn des neuen Lebens zu wählen. Du hast die Wahl, welchen Namen würdest du als deinen wahren betrachten?« Er blieb stehen und sah mich abwartend an.

Diese Information überraschte mich und ich fühlte mich für den Moment überfordert, mir auf die Schnelle einen neuen Namen zu wählen, den ich entweder bei zu dem Tag tragen werde, an dem mein Körper die Verwandlung nicht schafft und sterbe oder für den Rest meines Lebens, das mehrere Jahrhunderte andauern würde. »Ich behalte meinen Namen.« Es war eine spontane Entscheidung.

»Na dann.« Ajax wandte sich von mir ab und ging schweigend weiter.

Wir überquerten einen großen Hof vor dem dreistöckigen Schulgebäude mit einem steilen und oben abgeflachten Dach. Die Fenster waren dunkel und nirgends war ein einziger Mensch – oder eben Vampyr – zu sehen. Die späte Nachmittagssonne war unangenehm und verursachte starke pochende Schmerzen an meinen Schläfen, die sich mit jeder Sekunde im Sonnenlicht zu verstärken schienen. Ich sehnte mich nach der Dunkelheit des Schulgebäudes. »Es ist erst halb fünf. Um die Zeit schlafen wir normalerweise noch, Alice. Das dort« - er deutete auf die Marmorstatue einer Frau in langer fließender Robe - »ist eine Statue der Göttin Nyx und dahinter steht ihr Tempel. Zwei Mal in der Woche hält unsere Hohepriesterin Gaia dort Andachtsriten. Der Unterricht fängt um acht Uhr abends an, dauert bis drei Uhr morgens. Die Lehrer stehen bis um halb vier zur Verfügung, falls ein Schüler noch ein Problem hat.« Das waren so schon genug Informationen, aber er sprach einfach weiter. »Die Turnhalle ist bis Sonnenaufgang geöffnet. Als vollständig verwandelter Vampyr wirst du wissen, wann das ist, bis dahin findest du die Uhrzeit aber täglich in allen Klassenzimmern, Gemeinschaftsräumen und allen anderen öffentlichen Bereichen. Der Tempel der Nyx ist natürlich jederzeit offen.«

Ich fragte mich, wie oft er diese kleine Rede schon gehalten hat, da sie wie auswendig gelernt klang. Wir blieben vor dem Mädchentrakt des Wohnheims stehen und Ajax klopfte laut an.

Ein Mädchen mit unglaublich langem schwarzem seidigem Haar öffnete die Tür und starrte den männlichen Vampyr neben mir mit unverhohlener Lust in den Augen an. »Ajax, was kann ich für Sie tun?« Meine Anwesenheit ignorierte sie vollkommen, als sie ihr Haar gekonnt über die Schulter warf und ihm zuzwinkerte. Diese Aktion überraschte mich.

Genauso wie die Reaktion meines zukünftigen Lehrers, der entweder ein unglaublich guter Schauspieler war oder einfach ihre Anmache nicht wahrgenommen hatte, sondern mit ihr sprach, als würde die Schülerin vor ihm, ihn nicht gerade mit den Augen ausziehen. »Jin, das ist Alice, sie ist heute zu uns gestoßen. Bring sie doch bitte in ihr Zimmer zu Sophia Roberts.« Sophia Roberts. Das war also der Name meiner zukünftigen Mitbewohnerin für die nächsten vier Jahre, die ich an dieser Schule verbringen würde.

Erst jetzt wanderte Jin‘s Blick zu mir und musterte mich gründlich von oben bis unten. Unwillkürlich verschränkte ich die Arme vor der Brust, um ihren Blicken nicht so schamlos ausgesetzt zu sein. Mit einem Mal fühlte ich mich in der lockeren Jeans und dem dunkelroten Sweater, dem anzusehen war, dass ich ihn über alles liebte und regelmäßig trug, nicht mehr wohl.

»Wenn du noch Fragen hast, kannst du dich gerne an deine Mitschüler oder natürlich auch an mich oder einen der anderen Lehrer wenden.« Zum ersten Mal seit wir uns begegnet waren, lächelte er mich an und ich konnte Jin’s Verhalten dem Lehrer gegenüber voll und ganz nachvollziehen. Sein Lächeln war atemberaubend schön und ließ ihn in einem ganz anderen warmen Licht erscheinen.

Jin boxte mir in die Seite. »Pass auf, Alice, nicht dass du auch noch seinem Bann verfällst«, lachte sie.

»Ich glaube, es ist schon passiert«, hauchte ich, während ich ihm nachsah, wie er sich mit entfernte.

Als er außer Sichtweite war, wandte ich mich Jin zu. Wir sahen uns an und prusteten laut los. Doch ich schaffte es, mich wieder zu beruhigen und trat schließlich von der prallen Sonne, die ich bisher immer genossen hatte, in das angenehme Dunkel des Mädchentrakts und wurde von der schönen Einrichtung überrascht. Keine grausamen, alten Kerkerwände und nur schwarze Farben. Das genaue Gegenteil traf zu. Helle Blautöne dominierten in dem Raum, die Einrichtung bestand aus hellbraunen Sofas, Sesseln und mehreren hochmodernen Fernsehern. Viele bunte Kissen waren im Zimmer verteilt und ließen alles bequem und heimisch wirken.

»Wieso bist du noch wach? Ich dachte, um die Zeit schlafen Vampyre.«

Die junge Asiatin lachte immer noch. »Schon, aber wie die Menschen schlafen auch wir Jungvampyre manchmal schlecht und versuchen die Zeit mit schlechten Realitys Shows im Fernsehen zu vertreiben.« Sie ging mir voraus zu einer Treppe, die wir bis in den zweiten Stock hinauf stiegen. »Mein Beileid übrigens«, sagte sie. »Wegen deiner Zimmernachbarin. Sophia Roberts« — sie verdrehte die mandelförmigen Augen in meine Richtung — »ist das schlimmste Mädchen der Stufe. Sie ist noch keine zwei Monate hier und hat sich schon jedem männlichen Wesen am Campus an den Hals geworfen. Dem weiblichen Anteil gegenüber fährt sie gerne die Krallen aus und bringt sie in Schwierigkeiten, wenn man einen ihrer Jungs auch nur ansieht. Also pass in ihrer Gegenwart am besten auf.«

Ich schluckte schwer. »Kann ich nicht irgendwie das Zimmer wechseln?«

Der Hoffnungsschimmer ging mit ihrem Kopfschütteln verloren. »Im Grunde kannst du nur hoffen, dass sie die Wandlung nicht überlebt und bald von hier verschwindet. Es ist zwar fies, aber Sophia nervt gewaltig, deshalb ist es in Ordnung, wenn du es dir wünscht.« Das musste was bedeuten. Zumindest glaube ich nicht, dass man jedem den Tod wünschte, wenn man es nicht wirklich wollte. »Hier ist der Eingang zur Hölle.« Eine dunkelrote Tür. Jin verabschiedete sich schnell. Sie wollte nicht unhöflich sein, aber auf eine Begegnung mit einer unausgeschlafenen und möglicherweise extrem schlecht gelaunten Sophia Roberts war sie seelisch nicht vorbereitet.

Ganz leise klopfte ich. Immerhin war gerade Schlafenszeit und ich wollte es mir mit der sowieso schon für ihre schlechte Laune berüchtigten Sophia nicht sofort verderben. Es kam keine Reaktion, weshalb ich die Tür leise öffnete. Die absolute Finsternis und eine Wolke abgenutzter Luft empfingen mich. Vorsichtig tastete ich die Wand nach dem Lichtschalter ab und erschrak leicht, als grelles Licht den Raum durchflutete. Für einen Moment hielt ich inne, um abzuwarten, ob meine Mitbewohnerin noch schlief. Sie atmete ruhig weiter. Schnell schloss ich die Tür hinter mir und nutzte die nächsten Minuten, um mich ein wenig umzusehen.

Sophia hatte sich ziemlich breit gemacht. In einem der Betten entdeckte ich einen schwarzen Haarschopf und das zweite Bett war über und über mit Kleidern bedeckt, genauso wie auch der Rest des Zimmers im reinsten Chaos unterging. Nicht, dass ich mich selbst zu den ordentlichsten Menschen – Vampyren – zählte, aber normalerweise achtete ich darauf, dass man wenigstens den Fußboden sehen konnte. Ich schaltete das Licht wieder aus und tastete mich im dunklen langsam vor zu meiner Seite des Zimmers, um dort die kleine Lampe auf dem Nachttisch einzuschalten. Mit einem genervten Seufzen schmiss ich schließlich mit einem leichten Anflug von schlechtem Gewissen die Klamotten vom Bett auf den Fußboden, um mich unter die kalte, unbezogene Bettdecke zu legen. Hier lag ich also am späten Nachmittag im Dunkeln und versuchte zu schlafen, obwohl ich jetzt eigentlich vom Karate-Training nach Hause kommen müsste.

Nachdem ich den Tag noch ein Mal Revue passieren ließ, war ich noch kein bisschen schlauer. Es fiel mir schwer, die Tatsache nun ein Jungvampyr zu sein, zu akzeptieren.

Natürlich wusste jeder in meinem Alter, dass man selbst jederzeit der Nächste sein kann, der Gezeichnet wird und doch hoffte ich immer, die Späher würden an mir vorbeilaufen. Normalerweise war ich ziemlich gut darin, mich unsichtbar zu machen oder die Aufmerksamkeit auf andere Leute in meiner Umgebung zu lenken. Doch von nun an würde ich mit der saphirblauen Sichel auf der Stirn in der Welt der Menschen, außerhalb des House of Night, für jeden eine Attraktion sein, die jeder aus dem Augenwinkel anstarrte und mit der man nichts zu tun haben wollte, wenn es nicht unbedingt notwendig war.

Ein weiterer schwerer Seufzer entwich mir. Ich drehte mich auf die Seite, legte den Kopf auf den einen Arm und ließ den anderen über die Bettkante hängen. Vergeblich versuchte ich die Gedanken abzuschalten und mich auf die gleichmäßige Atmung meiner Zimmergenossin zu konzentrieren.
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