Das Zeitalter der Siegel

von Katalpak
GeschichteAllgemein / P16
OC (Own Character)
13.12.2017
15.12.2017
2
2807
2
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
Etwas Seltsames lag in der Luft, als Anwyn an diesem grauen Morgen durch den Schnee rund um das ehemalige Haven stapfte. Die groben Kristalle knirschten deutlich hörbar unter ihren Stiefeln, während sie einen Schritt vor den anderen bedächtig auf ihrem Weg in das zerstörte Dorf setzte.

Völlig in ihren Gedanken verloren, dachte Anwyn an die vergangenen Nächte, in denen der Frost allem Leben, das keinen Schutz in den verlassenen Holzhütten der Umgebung oder an warmen Lagerfeuern gefunden hatte, schwer zugesetzt hatte und in denen der Wind selbst in die wärmsten Felle und Mäntel derjenigen unglücklichen Reisenden gefahren war, die es unbedingt noch vor dem bevorstehenden Jahreswechsel in wärmere Gebiete schaffen wollten.
Ein zynisches Lächeln umspielte für einen Moment die kantigen Züge der jungen Frau als sie sich erinnerte, noch vor wenigen Tagen einen ähnlichen Plan gehabt zu haben - bevor sie den Brief gefunden hatte.

Die Diebin seufzte leise, als sie an die verschmierten, offensichtlich in Eile mit Tinte hingekritzelten Worte auf brüchigem Pergament dachte und trat in all ihrer Gedankenverlorenheit auf einen im Schnee verborgenen Ast, welcher aus Protest laut unter ihrem Fuß knackte. Das plötzliche Geräusch in der sonst unnatürlich ruhigen Umgebung ließ einen Raben aufschrecken, der bis eben noch in der Baumkrone einer nahestehenden Tanne gesessen hatte. Als wolle er die unbedachte Frau verspotten, breitete der Vogel seine schwarzen Schwingen weit aus und flog mit einem eleganten Satz in die Lüfte krächzend davon.

Mistvieh, dachte die Diebin leise und setzte entschlossenen Schrittes ihren Weg fort. Unbeirrt schweifte ihr Blick über die steinernen Überreste der Ruinen, derer sie sich zusehends näherte, und glitt über vereinzelte Steine, die früher womöglich zur Befestigungsmauer oder der Schmiede gehört haben mögen.

Es war nahezu ironisch, dass ausgerechnet an dem Ort, an dem die Inquistion vor vielen Jahren einst ihren Anfang genommen hatte, den Hinweisen in besagtem Brief zufolge nun ein mysteriöses Geheimnis verborgen sein sollte, das es ermöglichen würde, die inzwischen tyrannischen und unbarmherzigen Anführer der früher so edlen Bewegung entmachten zu können. Anwyn hoffte inständig, dass sie den langen Weg nicht vergebens auf sich genommen hatte und dass ihre Suche erfolgreich sein möge.

Wieder nachdenklich geworden, schweiften ihre grauen Augen über die dicke Schneeschicht am Boden und suchten nach Anzeichen für unerwünschte Besucher. Nach ihrem langen und zermürbenden Fußmarsch hatte sie keinerlei Interesse daran, einem hungrigen Wolf oder womöglich einer Schneewyvern zu begegnen, die sich in den letzten Jahrzehnten weit im Frostgipfelgebirge verbreitet hatten. Der Anblick des unberührten Schnees entspannte die Schurkin allerdings ein wenig, und je näher sie den Überresten des alten Dorfes kam, desto entschlossener wurde sie, das verborgene Geheimnis zu entschlüsseln.

Wonach sollte sie noch gleich Ausschau halten? … Einer zerbrochenen Truhe in einem großen Raum voller Licht, Wärme und Gesang...

Die junge Frau ärgerte sich noch immer über die vagen Andeutungen, die der Verfasser der Hinweise auf dem vergilbten Pergament hinterlassen hatte. Sie konnten so vieles bedeuten... Es wäre auch zu schön gewesen, wären die Hinweise klar und eindeutig formuliert gewesen. Einzig die Erwähnung der heiligen Andraste am Ende der Notizen hatten sie schließlich zu dem Schluss geführt, dass es womöglich am klügsten wäre in den Ruinen der Kirche Havens zu suchen, doch war ihr nur zu deutlich bewusst, dass dies nur ein kläglicher Versuch war, den beschriebenen Ort rechtzeitig zu finden. Eine bloße Vermutung, nichts weiter.

Aber schließlich hatte der Brief doch Hinweise auf den Gesang des Lichts enthalten, jene Gebete an den Erbauer, die sowohl Inquisition, Templer als auch Sucher so oft erwähnen und zur Schau stellten, oder nicht? Ihre Stirn in Falten gelegt versuchte die junge Frau sich ihre eigenen Schlüsse noch einmal logisch zu erklären und zu verteidigen, als ein starker und frostiger Windstoß sie in ihren Bewegungen innehalten ließ. Mit eisigen Händen zog sie die Kapuze ihres schweren Umhangs tiefer ins Gesicht und fröstelte.

Und wenn ich nun falsch liege? Wenn ich nichts finde und alle Mühe umsonst war?

Ein weiterer Windstoß fuhr in ihre Kleider und trieb ihr einige Schneeflocken ins Gesicht. Den einsetzenden Schneefall hatte sie, tief in ihre Gedanken versunken, bis eben noch gar nicht bemerkt...