Band „Leben wie ein Komet im All“~Kurzgeschichten

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12
13.12.2017
10.10.2019
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Ja...und ich fühle den Schmerz. Gebrochene Herzen fühlen alle das Gleiche. Ein Abgrund tiefer Traurigkeit und ein reißender Fluss des Zweifels. „Was wäre wenn...?“- Das ist die Frage, die einem so gut wie immer durch den Kopf geht, jederzeit, wenn die Person die man verloren hat, im Gedächtnis auftaucht. Ich will nicht alleine sein. Ich fühle mich dadurch schutzlos. In der Kindheit nie wirklich geliebt, von Freunden verstoßen, weil man anders war und das nicht verstecken wollte. Von Außenstehenden angeschaut als sei man der letzte Dreck oder eine Kreatur, die so eben einem Märchen entsprungen ist. Zieht mich einfach alle auseinander, bringt mich von hier weg. Sagt mir, dass alles okay sein wird. Denn mittlerweile schaff ich es nicht mehr, mir diese Wörter selbst durch den Kopf gehen zu lassen. Ich will mich fühlen, als wäre ich noch am Leben. Aber innerlich bin ich tot. Mein überballes geliebter Daddy hat mich nie, wirklich nie umarmt. Mum hatte immer nur ihre Bibel in der Hand und predigte stundenlang, wenn ich irgendetwas verkehrt gemacht hatte. Und in ihren Augen machte ich so viel falsch. Keiner der beiden war stolz auf mich. Keiner der beiden leistete seelischen Beistand, wenn es mir schlecht, gerade zu dreckig ging. Und trotzdem probierte ich immer und immer wieder, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Ihre Liebe. Ihre Elterngefühle. Wer davon ausgeht, Elterngefühle und Beistand der Kinder sei normal, der irrt. Der irrt ganz gewaltig. Das ist nicht normal und genau da sollte man anfangen, sich zu fragen, ob man es nicht eigentlich gut hat in seiner Familie. Aber da die Gesellschaft so leicht an tolle Sachen rankommt, zählt heutzutage nur, ob man das neuste Handy oder angesagte Markenklamotten hat. Neuerdings sehe ich die meisten mit diesen sogenannten "Airpods" rumlaufen. Ich hatte selten Kopfhörer. Und wenn, dann nur billige 4 Euro-Dinger. Aber sie helfen mir sehr. Lieder hatte ich eigentlich mehr als genug, um dem Alltag zu entfliehen. Die meiste Zeit war ich sowieso immer nur im Wald, saß alleine auf einem Baumstumpf und lauschte stimmt den Klängen, die in meinen Kopf drangen. Oft saß ich auch da und weinte meinen Schmerz heraus. Aber ganz weg war er nie. Ich erzählte mir immer nur, dass es besser werden würde, betäubte ihn so. Das war der einzige Weg, wie ich bis jetzt halbwegs klarkam. Ich wollte doch nur jemanden, der mir gut zusprach. Mich umarmte und Trost spendete, wenn ich mich allein fühlte. Doch da war niemand. Bis er kam. Meine rettende Insel im stürmischen Polarmeer. Ich strandete und er war das, wonach ich so lange Ausschau hielt. Weil er da war. Ich saß eines Tages im Wald auf meinem Lieblingsplatz, einem kreisförmigen Baumstumpf, der etwas höher war und weinte meinen Kummer über meine schulischen Leistungen und über die immer noch schlimmer machenden Worte und Vorwürfe meiner Eltern. Ich verstand nicht, warum... wussten sie denn nicht, dass es zum größten Teil ihre Schuld war? Wie oft hab ich gefragt, wenn ich etwas nicht verstanden hatte. Wie oft wollte ich abgefragt werden und erhielt immer nur kühle Blicke oder Sätze wie: „Wir mussten uns auch alleine durchschlagen und haben es alleine erreicht. Wann kapierst du endlich mal, dass dein Erfolg nicht von anderen abhängt? Du musst ganz allein für dich arbeiten, sonst wirst du nie erfolgreich sein.“ Sowas zog mich dermaßen runter, dass ich tatsächlich zu glauben anfing, ich könnte nichts schaffen. Er war anderer Meinung. Er tippte mich sanft an und dann hörte ich diese sanfte Stimme, die mir bis heute immer noch den Atem raubt: „Hey, warum weinst du denn? Möchtest du vielleicht darüber reden? Ich höre dir gerne zu.“ Im ersten Moment wusste ich gar nicht, wie mir geschah. Ich sah ihn mit verheulten Augen und geröteten Wangen, die immer Flecken bekamen, wenn ich sehr geweint hatte, an und konnte es gar nicht wirklich begreifen. Zuerst dachte ich, er machte sich über mich lustig, aber dann blickte ich in seine Augen und sah diese Ehrlichkeit, die er ausstrahlte. Ich nickte und beichtete ihn mit brüchiger Stimme meinen Kummer. Aber nicht nur das. Sondern einfach allgemein, was mich bedrückte und mir so unendliche Traurigkeit bereitete. Ich erzählte ihm auch, dass ich keinen Ausweg mehr sah und eventuell mein Leben lassen möchte. Einfach, weil ich akzeptiert hatte, dass ich es wohl nie schaffen würde, ein glückliches Leben zu führen. Er hörte mir zu und unterbrach mich kein einziges Mal. In seinen Augen spiegelte sich der Schmerz, den meine Seele freigab. Ich glaubte, das Zuhören fiel ihm nicht ganz leicht. Ich sagte auch, dass ich wüsste, es gäbe Menschen auf der Welt, die es schwerer hatten als ich. Aber wenn man zwischendurch keine Lichtblicke erlebte und es eigentlich immer nur Ärger, Kummer und Rumgehacke in einem Leben gab, machte das die Seele kaputt und zerfrisst einen von innen. Das war genau das, was er aussprach. Seelische Schmerzen waren manchmal sogar schlimmer als körperliche. Er reichte mir zwei Taschentücher, sodass ich erstmal meine Tränen wegtupfen und meine Nase putzen konnte. So etwas wie gerade eben hatte ich in meinen  wenigen Lebensjahren noch nie erlebt. Ausnahmslos nie. Jetzt war er der Erste. Es war ein Gefühl, welches ich schon so lange haben wollte: Nicht alleine sein. Diese Einsamkeit wurde ein ganzes Stück kleiner. Dank ihm. Und das werde ich ihm nie vergessen. Er war derjenige, der mich aus dieser Endlosschleife rausgeholt hatte. Er drückte sanft meinen Arm und half mir hoch. „Vielleicht ist es besser, du kommst heute Nacht zu mir. Ich habe ein Gästezimmer, das ist ganz gemütlich. Vielleicht kannst du dann endlich eine Nacht durchschlafen.“ Meine Augen funkelten ihn dankbar an. „Danke“, brachte ich verlegen raus. In diesem Moment war es mir egal, was meine Eltern dachten. Ich würde sowieso Ärger kriegen, sie scherten sich nicht um mich. Ich wollte noch bei ihm bleiben, weil er mir das Gefühl vermittelte, etwas wert zu sein. Nicht allein zu sein. Und das wollte ich nicht so schnell wieder missen. Also ging ich mit ihm zu seiner Wohnung, die etwas außerhalb unseres großen Dorfes lag. Ich kannte die Gegend nicht. Manche Orte hatte ich immer umgangen, weil ich wusste, dort waren die anderen Jugendlichen, um mich zu ärgern und runterzuziehen. Wer weiß, vielleicht wären sie mich auch körperlich angegangen. Er kochte uns etwas zu essen und er kochte verdammt gut, muss ich sagen. Ich traute mich fast gar nicht, zu essen, weil ich so überrumpelt war. Als er mich jedoch herzerwärmend anlächelte, vermittelte er mir ein Gefühl von Sicherheit und ich genoss das leckere Gericht. Ich wusste noch gar nicht seinen Namen. Er verriet ihn mir. Seine Stimme wirkte so beruhigend auf mich, dass mir warm wurde. „Wie ist dein Name?“, fragte er mich mit einem schüchternen Grinsen. Meinen sagte ich ihm deshalb auch. Mir fiel auf, dass sich unsere Namen sehr ähnelten. „Freut mich, dich bei mir zu haben.“ Ich lächelte verlegen. Ich teilte ihm mit, wie lecker das Essen geschmeckt hatte, was ihn sehr erfreute. Wir sprachen den ganzen restlichen Nachmittag bis in den Abend hinein über uns. Manch einer würde meinen, es wäre dumm, mich einem Fremden gleich am Anfang so zu öffnen. Aber für mich war er hat nicht so fremd. Es ist, als würde ich ihn schon eine Weile kennen. Nicht erst seit vorhin. Mit dem Unterschied, dass ich halt noch nichts über ihn wusste. Ich weiß, klingt verrückt. Vielleicht bin ich das ja. Aber es tat so gut, dort zu sein. Bei ihm zu sein. Später, er hatte mir ein T-Shirt von sich gegeben und eine kurze Hose, was mir beides drei Nummern zu groß war aber sich dennoch wunderbar anfühlte. Er saß auf der Bettkante, sprach mir beruhigend zu und streichelte sanft meinen Kopf während meine Augen immer schwerer wurden. Kurz bevor ich gänzlich einnickte, flüsterte er mir ein „Gute Nacht“ zu und ich murmelte zurück: „Gute Nacht“, bevor ich einschlief. Dieser nette Umgangston....diese zuvorkommende Weise....es machte mich...... glücklich. Ein Gefühl, was für mich völlig neu war. Diese Emotion...Freude?... sie überwältige mich. Von da an schlief ich fast jede Nacht bei ihm, wir machten viel zusammen, lachten und hörten uns zu. Er half mir und ich half ihm auch, was ich anfangs gar nicht für möglich gehalten hatte. Er war mein Seelenverwandter. In der Schule ging es bergauf, die abwertende Haltung der anderen war mir egal, ich gab die toxischen Beziehungen zu meinen "Freunden" auf und die Meinung meiner Eltern spielte für mich ohnehin keine Rolle Mehr. Über was sollten sie denn jetzt noch meckern? Ich brachte gute Noten nach Hause, die schlechteste war eine 3. Den Rest der Zeit ignorierte ich sie und sie mich. Er war da und das genügte mir....... bis er ging. Ich hasste Veränderungen und ich hasse es, alleine zu sein. Und alles, was ich weiß, ist, zu warten. Mein Verstand rennt mir davon und mein Herz klopft jedes Mal, bei einem Geräusch, von dem ich denke , es gehört zu ihm. Ich vermisse ihn. So sehr, dass sich jedes Mal mein Herz zusammenzieht, wenn ich an ihn denke. Und ich denke oft an ihn. Aber ich muss auch lächeln, wenn ich mich an unsere gemeinsamen Momente erinnere . Mein erster Kuss mit ihm....mein erstes Mal mit ihm....alles war mir wie ein Film vorgekommen. Ein Schleier, der sich vor mein wirkliches Leben geschoben hatte. Doch er hatte mir die Augen geöffnet. Ich musste mich nicht von der Liebe der anderen abhängig machen. Sobald ich 18 war, zog ich mitsamt meinen ganzen Wertsachen und Klamotten aus und baute mir ein eigenes Leben auf. Kontakt zu meinen Eltern hatte ich nicht mehr und werde ich auch nie wieder haben. So viel war sicher.
Trotzdem warte ich schmerzvoll auf den Tag, an dem er zurückkommen würde. Seine letzen Worte schwirren mir immer wieder durch den Kopf. „Ich muss gehen, obwohl ich lieber sterben würde. Ich liebe dich, mein kleiner Engel und werde es auch immer tun. Ich warte auf dich, sollte es auch mein ganzes Leben dauern.“  Er hatte nie von mir verlangt, dass ich auf ihn wartete. Und dennoch tue ich es. Tat es immer. Werde es auch immer tun.
Denn ich liebe dich. Mehr als mein eigenes Leben.
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