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Alptraum

von LeyLoki
Kurzbeschreibung
OneshotAngst, Horror / P18 / Gen
Charlie Eppes Colby Granger Don Eppes
13.12.2017
13.12.2017
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6.616
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„Charlie.“
Die besorgte Stimme meines Bruders durchdrang die Dunkelheit. Ich kniff die Augen zusammen, Kopfschmerzen pulsierten durch meinen Schädel und ich stöhnte leise auf. Wieso lag ich nicht in meinem bequemen Bett? Der Untergrund war hart und uneben, es roch schmutzig... faulig. Wo war ich?
„Charlie? Komm schon, wach auf!“ Don klang drängend, fordernd, und ich versuchte wirklich, meine Augen zu öffnen. Was war nur los? Diese Kopfschmerzen, diese Übelkeit, diese klebrige Beinahe-Bewusstlosigkeit... Ich fühlte mich, als hätte ich den schlimmsten Kater meines Lebens. Aber ich hatte doch gar nichts getrunken, oder? Ich bewegte probeweise meine Hand, meine Finger fuhren zittrig über den kalten Boden. Dann öffnete ich meine Augen einen Spalt breit.

Alles war verschwommen und schwankte, undeutlich konnte ich Don erkennen, der ein Stück von mir entfernt auf der Erde saß, die Arme seltsam zur Seite ausgestreckt. Nach einigen Sekunden wurde das Bild schärfer und ich zuckte mit einem Keuchen zusammen. „D-Don, was...“ ich richtete mich auf, so schnell ich konnte, mir wurde furchtbar übel, aber darauf konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen.
Mein Bruder saß an einer Wand aus Beton, die Handgelenke mit kurzen Eisenketten an die Mauer gefesselt, die grelle Leuchtstoffröhre an der Decke zeichnete scharfe Schatten. Er sah mich unverwandt an, während ich versuchte, auf die Beine zu kommen. „Mach langsam, Charlie, du bist verletzt.“ mahnte er mich leise.
„Was?!“ stammelte ich ungläubig, tastete über meine Stirn und blickte verständnislos auf das Rot, das an meinen Fingern haftete. „Das... das ist nichts.“ Ich schüttelte unwirsch den Kopf und überbrückte die Distanz zu meinem Bruder mit zwei schwankenden Schritten. Die Ketten saßen fest und wirkten äußerst stabil. Meine Augen glitten nervös über Don, ich suchte nach Wunden, nach Blut, doch er schien unverletzt. Innerlich atmete ich erleichtert auf, doch dann begegnete ich seinem Blick. Ich sah etwas darin, das ich nicht deuten konnte, doch mir wurde mit einem Schlag eiskalt. „Hör zu, du musst...“ begann er beinah vorsichtig, als würde er seine Worte mit größtem Bedacht wählen. Doch ich hatte in diesen Moment beschlossen, der Frage 'Wo zur Hölle sind wir hier?' auf den Grund zu gehen und mich umzusehen. Der Rest von Dons' Satz ging in meinem lauten Schrei unter und ich landete vor Schreck auf dem Boden, in meinem Kopf summte und klingelte es und ich war nicht mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.

Eine Leiche, eine furchtbar entstellte Leiche, saß an der Wand links von uns, und übelkeitserregenderweise war sie auf die gleiche Art und Weise mit Ketten an die Wand gefesselt wie mein Bruder. Ich konnte meinen Blick nicht von ihr abwenden, obwohl ich noch nie etwas so schockierendes gesehen hatte.
Sie schien förmlich geschmolzen zu sein, das Gesicht hatte nichts Menschliches mehr an sich. Der Unterkiefer hing halb herab, der Schädel schimmerte durch rot-schwarze Fleischfetzen. Auch der restliche Körper war grausam entstellt, vor allem der Oberkörper. Die Brust und der Bauch waren eine einzige, riesige Wunde und an den Armen waren teilweise nur noch die blanken Knochen übrig geblieben. Außerdem sah es so aus, als hätte jemand mit einem Beil wie wild auf die Leiche eingeschlagen, tiefe Furchen durchzogen die Überreste, der linke Arm wurde nur noch durch einzelne Sehnen an der Schulter gehalten, der schmutzige Boden und auch die Wand hinter dem Ermordeten war über und über mit beinah schwarzem Blut bedeckt.
Ich zitterte unkontrolliert am ganzen Körper. Meine Sicht verschwamm, und das Klingeln in meinen Ohren wurde beinah unerträglich laut. Durch dieses Klingeln hörte ich irgendwann – Unendlichkeiten später – eine Stimme. Don. Ich drehte wie in Trance den Kopf, doch vor meinem inneren Auge sah ich noch immer dieses Bild, ich würde es wohl nie wieder vergessen können.
Ich sah, wie mein Bruder seinen Mund bewegte, sah seinen eindringlichen Blick, doch ich konnte nur ein einziges Wort deutlich hören.

„Colby“

Ich blinzelte, das Zittern wurde noch stärker als ohnehin schon, und langsam, unendlich langsam, kam mir ein furchtbarer Verdacht. Panik schnürte mir die Kehle zu. Ich schüttelte den Kopf, mein Atem ging viel zu flach und zu schnell. Nein, nein, nicht Colby! Mit aller Macht verdrängte ich das störende Geräusch in meinem Kopf in die hinterste Ecke. Mein Mund war so trocken, dass ich die Worte beinah nicht aussprechen konnte. „W-was? D-das... das ist...“ ich schaffte es nicht, den Namen über meine Lippen zu bringen und war unendlich erleichtert, als Don schnell den Kopf schüttelte.
„Nein! Nein, Charlie, schau mich an, hey, ganz ruhig. Das ist... nicht Colby. Aber er braucht deine Hilfe. Komm schon. Versuch, ganz ruhig zu atmen.“
Ich stieß ein Geräusch aus, eine Mischung aus Schnauben und hysterischem Lachen, und fuhr mir mit der Hand über den Mund. Ruhig atmen, nun, davon war ich weit entfernt. Langsam drangen die Worte zu mir durch. Colby brauchte Hilfe?
Ich verstand nicht, was hier los war, und sah Don hilflos an. Mein Bruder schien vor meinen Augen zu verschwimmen, und ich wischte Tränen aus meinen Augen. Er schluckte, und ich konnte ihm ansehen, dass auch ihn das alles hier nicht kalt ließ. Ich atmete ein paar Mal ein und aus, sah ihn dabei weiter hilfesuchend an. Er musste mir sagen, was hier los war, er musste mir doch sagen, was ich jetzt tun sollte!
„Okay, gut... okay. Hör zu, schau da... einfach nicht mehr hin, okay? Ich... ich weiß, das ist schwer, aber du musst dich jetzt beruhigen.“ Ich nickte, während ich immer noch wie verrückt zitterte. Das Klingeln in meinem Kopf wurde wieder lauter, aber ich gab mir wirklich Mühe, und Don versuchte sich an einem leichten Lächeln. Es geriet schief und etwas zittrig. Er holte tief Luft.
„Colby ist verletzt... ich weiß nicht, wie schwer. Du... du musst dir die Wunde ansehen.“ Ich starrte ihn verständnislos an. Dann drehte ich mich nach rechts, sah mich in dem restlichen Raum um. Ein Körper lag in der Nähe der Wand, direkt neben einer Tür, die mit einem Schloss an einer dicken Kette verriegelt war. Ich erkannte ihn sofort, obwohl der Agent unnatürlich blass war. Mit einem Fluch taumelte ich zu ihm hinüber, unsicher auf meinen Füßen. Ich fiel neben ihm auf die Knie und stieß zischend Luft aus meinen Lungen. Ich sah das viele, schon halb geronnene Blut und heiße Angst stieg in mir auf. „C-Colby...“ Ich schüttelte seine Schulter, doch er reagierte nicht, sein Kopf kippte widerstandslos zur Seite, die Augen geschlossen. Ich war wie gelähmt.
Don klang völlig neutral, als er fragte: „Was ist mit ihm?“ Ich leckte mir über die Lippen und flüsterte kaum hörbar: „Er ist... ich glaube, er ist angeschossen worden... E-er blutet am Bauch...“
Don atmete geräuschvoll aus, ansonsten ließ er sich nicht anmerken, wie besorgt er war. „Atmet er noch?“ wollte er wissen, und als ich nicht sofort reagierte, hakte er mit schärferer Stimme nach: „Charlie! Atmet er noch?“

Ich gab mir einen Ruck, durchbrach meine Starre, und beugte mich etwas nach vorn, bis mein Ohr kurz vor Colbys Mund und Nase schwebte. Mein Herz schlug wie verrückt und ein paar Sekunden lang war ich mir einfach sicher, dass er tot war... doch dann streifte ein leiser Luftzug meine Wange und ich schluchzte haltlos auf. „E-e-er... er atmet, Don, er atmet noch!“

Wieder begann ich zu weinen, ohne etwas dagegen tun zu können, viel zu extrem war die ganze Situation. Glücklicherweise war Don bei mir, und auch wenn er mir nicht körperlich helfen konnte, so konnte er mir immerhin sagen, was ich als nächstes tun sollte.
„Gut, das ist gut!“ Ich konnte an seiner Stimme hören, wie erleichtert er war. „Du musst die Blutung stoppen, Charlie. Am besten nimmst du deine Jacke und drückst sie auf die Wunde.“
Ich schälte mich so schnell wie möglich aus dem Kleidungsstück und presste es auf die Verletzung. Ich starrte in Colbys regloses, totenbleiches Gesicht und plötzlich brachen all die Fragen aus mir heraus, ich konnte sie nicht mehr zurückhalten.
„D-Don, wo sind wir hier? Was machen wir hier, wie... wie sind wir hergekommen? I-ich... ich versteh das alles nicht... Wer hat uns hergebracht? Und wer ist...“ ich bewegte meinen Kopf ganz leicht in Richtung der Leiche, doch ich traute mich nicht, einen Blick hinüber zu werfen. Zu grausam war das Bild. Statt dessen sah ich zu meinem Bruder. Der seufzte und zog die Schultern nach oben. Seine leise Stimme klang belegt, heiser. „Ich weiß es nicht, Chuck, tut mir leid...“
Das war alles, was er sagte, doch urplötzlich war da wieder dieses Summen, und ich hatte das Gefühl, dass irgendwo in meinem Kopf eine Stimme die Antwort auf alle Fragen schrie. Ich konnte sie nur nicht fassen, das Klingeln übertönte es. An meinem Auge begann ein Nerv zu zucken. „Du weißt es nicht?“ fragte ich argwöhnisch, denn da war etwas in seinen Augen, das mich sehr, sehr nervös machte. Don wich meinem Blick aus.
„Du musst deinen Gürtel um die Jacke binden und das festziehen. Und dann musst du ihn auf die Seite drehen.“ Ich starrte meinen Bruder an. Wie in Trance führte ich seine Anweisungen aus, doch noch immer sah er mich nicht an. Er wusste etwas!
Ich drehte Colby vorsichtig auf die Seite und kontrollierte nochmals seine Atmung. Ein Erinnerungsfetzen stand plötzlich klar und deutlich vor meinen Augen. Don, Colby und ich waren auf dem Weg ins Craftsman gewesen... Don fuhr seinen SUV, Colby saß neben ihm, drehte sich zu mir nach hinten und sagte etwas... er grinste dabei übermütig... War da nicht noch jemand im Wagen gewesen? Neben mir? Doch wer? Wer?
Ich konnte mich nicht erinnern.
„Wer... wer ist das? Don, sag mir... sag mir...“ Ich rang nach Luft. Ich sah die Gesichter meiner Freunde vor mir, das Klingeln wurde lauter und lauter, ich wusste, dass mein Bruder mir etwas furchtbares verschwieg, und ich konnte nicht mehr atmen. Angst füllte mich komplett aus. Wer? „Wer war mit uns im Auto?“ fragte ich mit sich überschlagender Stimme. Ich stand auf und trat auf Don zu, ich wollte es wissen, ich musste es doch wissen!
Doch er schüttelte den Kopf. „Es war niemand mehr im Auto“ sagte er ausweichend, und er sah mich beinah flehend an, schüttelte verzweifelt den Kopf. „Charlie... bitte... Colby muss in ein Krankenhaus. Er... er stirbt. Du musst einen Weg hier raus finden.“
Einen Moment wollte ich ihn anfahren, dass er nicht ablenken soll, dass er mich nicht anlügen soll, dass er mir die Wahrheit sagen soll, doch dann wurde mir klar, dass er Recht hatte. Colby würde sterben, wenn er nicht schnell zu einem Arzt kam. Er hatte so viel Blut verloren. Ich verzog mein Gesicht zu einer gequälten Grimasse und drehte mich wortlos im Kreis, tausend unbeantwortete Fragen in meinem Kopf. Es gab keine Fenster, der einzige Ein- und Ausgang war die Tür.

Sie war aus Holz, sah aber sehr massiv aus, und eine Kette hielt sie geschlossen. Ich rüttelte probeweise daran, doch sie gab natürlich nicht nach. Don sagte: „Wirf dich dagegen. Mit aller Kraft!“
Ich warf ihm einen zweifelnden Blick zu, irgendwie war ich skeptisch, ob ich die nötige Kraft aufbringen konnte. Doch einen Versuch musste ich unternehmen. Ein paar Sekunden später saß ich auf dem Boden und rieb mit verzerrtem Gesicht meine schmerzende Schulter. Ich konnte den blauen Fleck förmlich spüren, den ich morgen haben würde. Don in meinem Rücken schien wenig Mitleid zu haben. „Probier es nochmal, komm schon! Du schaffst das!“ feuerte er mich an, doch ich schüttelte den Kopf. „Nein, Don, das... das wird so nicht gehen.“ Ich schüttelte hilflos den Kopf, sah in alle Ecken des Raumes, und murmelte hektisch vor mich hin. „Wenn ich einen Hebel hätte... Dann könnte ich versuchen, die Kette zu sprengen. Aber hier ist nichts...“
Don räusperte sich, und ich wirbelte zu ihm herum. Er sah unsicher aus, es passte nicht zu ihm, dass er nicht einfach sagte, was er dachte. „Was?“ fuhr ich ihn darum in einem ungeduldigen Ton an, der eigentlich gar nicht so gemeint war, aber die Situation zerrte gewaltig an meinen Nerven. Colbys Leben stand auf dem Spiel und irgendjemand, der mir vermutlich sehr nahe stand, war tot, war geradezu abgeschlachtet worden. Don biss sich auf die Lippen, sah zu der Leiche hinüber und dann wieder zu mir, und rang immer noch mit Worten. Dann meinte er zögerlich: „Einen... Hebel.“ Ich nickte, und wieder sah er zu dem Leichnam hinüber. Ich folgte seinem Blick widerstrebend, doch ich wusste nicht, was er mir sagen wollte. Don holte tief Luft. Er sah mich unbehaglich an und ich wusste, dass mir nicht gefallen würde, was ich gleich hören würde. „Denkst du, ein... ein... Knochen... wäre stabil genug?“
Ich starrte ihn sekundenlang an, als hätte er den Verstand verloren, und ganz langsam wurde mir klar, was er gerade von mir verlangte.
„Nein... nein, nein, nein, nein, nein, Don, vergiss es, nein! Das... NEIN!“ Ich schüttelte wie wild meinen Kopf, ging langsam mit abwehrend erhobenen Händen rückwärts, bis ich mit dem Rücken an die Wand stieß. Das konnte er nicht ernst meinen! Mir war übel, ich schwitzte mit einem Mal wie verrückt und das Zittern und das Summen waren wieder zurück.
Don verzog das Gesicht, beinah als hätte er Schmerzen, dann versuchte er es mit Vernunft: „Charlie, ich weiß... aber du musst einfach hier raus! Colby schafft das nicht mehr lange und im schlimmsten Fall kommt dieser Verrückte zurück, der das hier gemacht hat...“ Er stoppte kurz, schluckte hart und flüsterte: „Ich... ich würde dich nicht mal beschützen können... Es ist furchtbar, ich weiß, aber... bitte, Charlie, du musst hier raus! Und hier ist einfach nichts anderes... nichts, was du verwenden könntest. Es tut mir so leid...“
Noch immer schüttelte ich den Kopf, langsamer inzwischen, doch auch wenn Dons Worte durchaus einen Sinn ergaben, so sträubte sich doch alles in mir, mich diesem Toten auch nur zu nähern. „I-i-i-ich k-kann das nicht!“ presste ich mit viel zu schriller Stimme hervor.
Don sprach weiter, beinah widerte es mich an, wie gefasst er über etwas so unaussprechliches reden konnte. „Doch, du kannst das. Schau dir den Arm an, Charlie... Der Knochen ist knapp neben der Schulter durchtrennt, das sind nur noch ein paar Sehnen, die ihn am Körper halten. Du müsstest... es... es müsste funktionieren.“ Don endete abrupt, doch er musste auch gar nicht mehr sagen. Niemals würde ich so etwas tun – ich konnte es nicht einmal in Gedanken beim Namen nennen. Ich schnappte nach Luft, Punkte tanzten vor meinen Augen. Es musste einen anderen Weg geben, es musste einfach... Ich konnte doch nicht... NEIN!
„Hör auf, Don, hör auf, ich... ich... das kann ich einfach nicht!“ keuchte ich und rutschte an der Wand hinab, meine Knie hatten keine Kraft mehr. Wie könnte ich den Arm – den ARM! – von jemandem benutzen wie ein Werkzeug... wie einen gewöhnlichen Gegenstand, das ging doch nicht, das brachte ich einfach nicht über mich.
Vor allem, wenn diese Person mit großer Wahrscheinlichkeit zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben gehörte...
Wer war noch im Auto gewesen? Es machte mich verrückt und ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken. Wieso gab mein Gehirn die Information nicht preis? Ich presste die Fäuste gegen meine Schläfen, die Augen fest zusammengekniffen. Wen hatten wir mitgenommen?
David? Wenn wir schon Colby dabei hatten, wie wahrscheinlich war es dann wohl, dass wir auch noch seinen besten Freund mitgenommen hatten? Mein Kopf wirbelte Zahl um Zahl durcheinander. Ich blinzelte, zwang mich, die Leiche anzuschauen, nach Hinweisen zu suchen, doch ich konnte einfach keine Stelle entdecken, an der ich die Hautfarbe festmachen könnte – alles war voller Blasen oder es war schlicht und einfach keine Haut mehr vorhanden... Was hatte nur solche Verletzungen ausgelöst? Feuer? Säure? Ich kniff meine Augen schnell wieder zusammen.
Larry? Mein Mentor, inzwischen schon mehr als nur bester Freund, längst Teil meiner Familie... Ich wollte mir nicht vorstellen, dass er einen solch schrecklichen Tod gefunden haben sollte. Bitte... bitte nicht Larry...
Ein hässlicher Gedanke drängte sich mir auf. Ich konnte mir einfach nicht sicher sein, dass es ein Mann war...
Megan... auch sie war mir so wichtig, ich spürte noch immer den Schock, der das ganze Team gepackt hatte, als sie vor nicht allzu langer Zeit entführt worden war... Liz Warner, die uns seit ein paar Tagen bei einem Fall half, die ich zwar kaum kannte, der ich so etwas aber ganz sicher nicht wünschte...
Amita...
Mein Magen drehte sich um, als ich daran dachte, dass es genauso gut Amita sein könnte. Ich würgte und krümmte mich. Heiße Tränen liefen über meine Wangen. Nicht die Frau, die ich liebte... Ich schluchzte heiser auf. Ich wusste es einfach nicht. Wenn sie es war, dann ergab es auch einen Sinn, dass Don es mir nicht verraten wollte. Ich hasste mich für diesen Gedankengang, der mich völlig aus der Bahn warf. Ohne sie... was würde ich nur ohne sie tun?

„Don... b-bitte... w-w-wer...“ Ich flehte ihn an, die Tränen verschleierten meine Sicht, ich wollte nur noch hören, dass es nicht Amita war, nicht Larry. Ich schämte mich, denn auch die anderen waren mir so unglaublich wichtig. Aber der Verlust würde mich bei ihnen am stärksten treffen, würde mich zerreißen.
Don schüttelte den Kopf, die Lippen aufeinander gepresst. „Ich... kann dir das nicht sagen.“ Ich konnte an seinem Blick sehen, dass er dabei bleiben würde, und ich ließ den Kopf nach hinten sinken, lehnte ihn völlig verzweifelt gegen die Wand. „Charlie, ich weiß, dass das... unvorstellbar schwer ist, aber... ich sehe keinen anderen Weg. Und ich... ich bin sicher... dass er nicht wollen würde, dass du hier drin stirbst. Und das wird passieren, wenn die anderen uns nicht rechtzeitig finden. Colby wird sterben, du wirst sterben. Ich... ich kann das nicht zulassen. Bitte. Komm schon, ich weiß, dass du das kannst.“
Ich sah ihn ausdruckslos an. 'Er'. Er hatte von einem Mann gesprochen – also nicht Amita. Vermutlich. Wie konnte er so etwas nur von mir verlangen? Hass stieg in mir auf, weil er mich dazu zwingen wollte, eine Leiche zu schänden, denn nichts anderes schlug er mir hier vor. Ich öffnete den Mund, harte, unüberlegte Worte auf der Zunge, da hörte ich ein Geräusch. Ich zuckte zusammen, fuhr zu Tode erschrocken zur Quelle herum.
Colby...
Ich war sofort an seiner Seite, und wieder hustete er, ohne die Augen zu öffnen. Sein Gesicht war gräulich, ein dünner Schweißfilm stand auf seiner Stirn. Ich schluckte heftig. Er sah schlimm aus. Don schwieg. Ich warf ihm einen Blick zu und er sah mich nur an, Hoffnungslosigkeit in seinen Augen. Ich konzentrierte mich wieder auf den Agent, legte zitternd meine Finger an seinen Hals. Ich musste eine Weile tasten, bis ich ein leichtes Pochen unter meinem Zeigefinger fühlte.
„Er hat einen ziemlich schwachen Puls... aber dafür schlägt das Herz recht schnell... das ist... nicht gut, oder?“ wisperte ich und war wieder voller Angst. Don schüttelte den Kopf. „Er hat einen Schock. Er muss hier raus... oder er schafft es nicht.“ Ich glaubte für einen Moment, Tränen in Dons Augen zu sehen, doch er blinzelte sie sofort weg, behielt seine gefasste Agentenmaske.
Mein Blick glitt zu meiner Jacke, die verhinderte, dass noch mehr Blut aus Colbys Wunde strömte. Das würde nicht ausreichen. Ich musste mehr tun. Es ging um sein Leben. Und es ging auch um Dons Leben und um mein eigenes, denn keiner von uns würde es überleben, wenn dieser Irre wieder hier her käme, da war ich mir sicher.

Ich sah voller Furcht hinüber zu der Leiche an der Wand. 'Ich brauche einen Plan, komm schon, eine Idee, es muss doch einen anderen Weg geben...!' innerlich schrie ich mich selber an, doch mir war eigentlich bereits klar, dass es nur diese eine Möglichkeit gab. Don hatte Recht. Ich atmete tief durch und versuchte, auszublenden, was ich gleich tun würde. Es ging nur ums Überleben. Ich wollte nicht sterben.

Zitternd wie Espenlaub stand ich vor dem, was einmal ein lebendiger Mensch gewesen war, den Blick stur auf den linken Arm fixiert, und versuchte mir einzureden, dass das gräulich-weiße Etwas kein Knochen war, dass die Fetzen kein Fleisch waren, dass ich statt dessen einfach nur eine Brechstange aus einem Regal nahm. Meine Hand weigerte sich, dem Befehl meines Gehirns Folge zu leisten. „Gut so, Charlie.“ Dons Stimme verjagte einen Teil der Panik aus meinem Körper. Wie schaffte er es nur, so ruhig zu bleiben, wo ich doch beinahe zusammenbrach?
Ich schloss die Augen, atmete einmal tief durch und gab mir einen Ruck. Meine Hand schloss sich um etwas glitschiges. Ich erschauderte und würgte, ließ meine Augen einfach zu. Ich atmete flach durch den Mund, ein Keuchen entwich mir.
Ich tat das doch gerade nicht wirklich, oder? Es erschien mir so surreal. Mein Verstand klinkte sich aus.

Ich bewegte mich mechanisch, wie ferngesteuert, und auf einmal stand ich wieder vor der Tür, etwas Schweres in meiner Hand. Ich wollte es nicht ansehen. Wollte einfach nur raus hier. Raus. Weg. Dons Stimme hinter mir klang belegt. „Gut gemacht... bist... bist du okay?“
Ich antwortete nicht, schüttelte nur matt den Kopf und musterte die Kette an der Tür. Ohne weiter darüber nachzudenken, was ich hier gerade tat, steckte ich den Knochen durch die Kette und begann, sie zu drehen. Mit etwas Kraft müsste es mir gelingen, die Kettenglieder zu zersprengen. Ich konnte nur hoffen, dass der Knochen stabil genug war. Dass es funktionieren würde. Denn wenn das hier umsonst gewesen war, dann würde ich durchdrehen, das wusste ich einfach.
Ich packte mit beiden Händen zu, spannte meine Muskeln, stemmte mich gegen den Widerstand, und plötzlich knirschte und krachte etwas und dann war da kein Gegendruck mehr, ich stolperte ein paar Schritte und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren.
Ich starrte auf meine Hände und schrie frustriert auf. Der Knochen – er war zerbrochen! Ein Wimmern drang aus meiner Kehle und ich bleckte verzweifelt die Zähne, doch Don lachte auf, ein erleichterter Laut, der mich so überraschte, dass ich mich völlig verwirrt zu ihm drehte. „Charlie, du hast es geschafft! Die Kette... die Kette ist kaputt!“
Ich schüttelte verständnislos den Kopf, doch dann sah auch ich es... Scheinbar waren im gleichen Augenblick Knochen und Kette zersplittert. Fassungslos zog ich an dem Metall und sah dabei zu, wie es gleich einer silbernen Schlange zu Boden fiel. Ich ließ die nutzlos gewordenen Knochenstücke fallen, tastete zögerlich nach der Tür – und öffnete sie.

Überwältigt sah ich eine Steintreppe hinauf. Schon wieder stiegen Tränen in mir auf, doch diesmal vor Erleichterung und Dankbarkeit. Ich drehte mich zu Don um, und da war wieder die Angst. „Ich kann dich doch nicht hier lassen...“ wisperte ich mit weit aufgerissenen Augen, es war auf so vielen Ebenen falsch, ihn zurückzulassen an diesem grauenvollen Ort, noch dazu völlig wehrlos und ausgeliefert. „Doch, Chuck, das kannst du! Verschwinde, hol Hilfe, los! Meine Ketten bekommst du mit den Knochenresten nicht auf, und selbst wenn... ich würde bei Colby bleiben. Jetzt mach schon, Charlie, geh endlich. Ich bin so stolz auf dich!“
Einen Moment stand ich unschlüssig da, dann nickte ich schweren Herzens. „Danke... ohne dich... hätte ich das alles nicht ertragen. Ich komme wieder so schnell es geht, ich hol dich hier raus“ brachte ich hervor, dann wirbelte ich herum und lief die Treppe hinauf. Mein Herz schlug wie wild, ich erwartete jeden Moment, dass mir unser Entführer entgegen kam, doch nichts geschah. Ich erreichte unbehelligt das Ende der Treppe. Eine weitere Tür am Ende eines kurzen Flures versperrte den Weg, und wieder war da die Angst, dass alles umsonst gewesen war. Doch ich musste nur die rostige Klinke nach unten drücken und einen Augenblick später stand ich im hellen Sonnenlicht.
Vor mir lag ein großer Garten, verwildert, ungepflegt, Gerümpel stand unordentlich herum. Vorn an der Straße parkte Dons SUV und etwa hundert Meter weiter die Straße hinab – eine Tankstelle! Ich stand einen Moment einfach nur wie erstarrt da, versuchte, in jeden Winkel, jeden Schatten zu blicken. Dort vorne, da konnte ich die Rettung schon sehen, aber was, wenn ich hier nicht alleine war? Was, wenn hinter diesem Gestrüpp ein Paar Augen auf der Lauer lag und mich beobachtete? Was, wenn unter dem maroden Anhänger dort hinten jemand saß, der nur auf mich wartete? Ich holte tief Luft, atmete gegen meine Furcht an, nahm all meinen Mut zusammen und rannte los, so schnell ich konnte.
Ich spürte beinah, wie die Luft hinter mir von einem scharfen Beil zerteilt wurde, und ich stolperte, fiel zu Boden und warf mich panisch herum, die Hände abwehrend erhoben – nichts. Ich war allein. Niemand stand hinter mir, niemand versuchte mich zu töten. Hektisch hin und her blickend kam ich wieder auf die Beine, rannte weiter, mein Atem ging keuchend und in meinem Kopf pochte ein brennend heißer Schmerz im gleichen Takt wie mein Herzschlag.
Ich erreichte das Gartentor, es quietschte leicht, als ich es aufschob. Mit einem letzten Blick zurück auf das scheinbar leerstehende Haus verließ ich das Grundstück. Dons Auto... abgeschlossen! Also weiter. An der Straße entlang gab es keine Deckung. Mir war wahnsinnig übel, meine Beine fühlten sich an wie aus Gummi. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich die Tankstelle erreichte. Kurz vor der Tür stoppte ich, wieder huschten angsterfüllte Gedanken durch meinen Kopf. Was, wenn der Besitzer der Tankstelle uns entführt hatte? Wenn ich geradewegs in meinen Tod lief? Colby wäre verloren, und ganz sicher würde er auch Don töten. Vielleicht sollte ich weitergehen, weiter weg von dem Haus, und dort Hilfe suchen? Hatte Colby diese Zeit?
Ich schrie auf, als plötzlich schräg hinter mir eine Frau auftauchte. „Oh mein Gott, alles in Ordnung? Sie... Sie bluten ja! Ich rufe Ihnen einen Krankenwagen! Hatten Sie einen Unfall?“ Ich sah sie sprachlos an, sie wollte mir helfen, ich war so erleichtert, dass ich mich einen Augenblick sammeln musste. Dann sagte ich: „Ein Telefon... ich brauche ein Telefon.“

Ich war unendlich erleichtert, Davids Stimme zu hören. Es war nicht David in dem Keller. Es war nicht David. „Ich bin's... Charlie“ Die Stille, die auf meine Worte folgte, ließ mich beinahe denken, dass er wieder aufgelegt hatte, doch dann brach am anderen Ende der Leitung eine hektische Betriebsamkeit aus und der Agent bombardierte mich förmlich mit Fragen. „Charlie! Gott sei Dank! Wo seid ihr, geht es euch gut? Was ist passiert? Sind die anderen bei dir? Seid ihr in Sicherheit?“ Ich war restlos überfordert, konnte keinen Gedanken fassen. „Ich weiß nicht... Wo... wo sind wir hier?“ fragte ich ratlos die Frau, die neben mir stand und besorgt die Hände ineinander verschlungen hatte. Sie nannte mir die Adresse und ich gab es an David weiter. Dann atmete ich tief durch, um mich zu beruhigen. Die Bilder vor meinem Inneren Auge wirbelten durcheinander. „Colby i-ist verletzt, David... Ich glaube, er ist angeschossen worden. Es geht ihm schlecht...“ Meine Stimme brach. In Davids Stimme hörte ich deutlich die Sorge. „Okay, Charlie, wir sind schon auf dem Weg und ein Krankenwagen auch. Was ist mit dir? Bist du verletzt?“ Ich schüttelte stumm den Kopf, brachte plötzlich kein Wort mehr hervor. Mehrmals öffnete ich den Mund, meine Wangen wurden feucht, und meine Hand mit dem Hörer begann unkontrolliert zu zittern.
Eine Hand legte sich auf meine Schulter, mitfühlende braune Augen sahen in die meinen. „Setzen Sie sich doch dort drüben hin...“ bat mich die Frau freundlich und nahm mir sanft das Telefon aus der Hand. Sie bugsierte mich auf einen bequemen Sessel und sprach dann mit leiser Stimme mit David. Das Summen in meinen Gedanken war wieder da, ich hörte gar nicht, was sie sagte.
David war es nicht, er war noch am Leben. Aber wer von meinen Freunden war es dann? Ich wollte aufspringen, wollte das Telefon wieder an mich reißen, David fragen, wer bei uns gewesen war, er musste es doch wissen. Ich wollte ihm sagen, dass jemand tot war, wollte ihn auf den Schock vorbereiten. Aber ich blieb teilnahmslos sitzen.
Die Fremde redete nicht lange, dann legte sie auf, holte ein sauberes, nasses Tuch und tupfte die Wunde an meiner Schläfe ab. Ich ließ sie machen, starrte ins Nichts.
Minutenlang blickte ich auf einen Werkzeugkoffer, ohne ihn wirklich wahrzunehmen. Dann fuhr ich so urplötzlich aus dem Sessel nach oben, dass die fremde Frau mit einem leisen Schrei zusammenzuckte. „Don!“ rief ich erschrocken, „I-ich muss doch Don da raus holen, ich brauche das Werkzeug!“ Ich war entsetzt, dass ich mich so sehr hatte gehen lassen, ohne meinen Bruder zu befreien! Ich stürzte auf den rettenden Kasten zu, doch die Frau hielt mich zurück. „Warten Sie, Charlie, Sie...“ Ich schnappte nach Luft. „Woher wissen Sie, wie ich heiße?“ fragte ich schrill, sämtliche Alarmglocken in meinem Kopf waren angesprungen. Gehörte sie am Ende doch zu den Entführern? Was, wenn sie David eine falsche Adresse genannt hatte? Oh mein Gott, was wenn das alles eine Falle war?
Doch sie lächelte nur angespannt. „Der Agent am Telefon hat es mir gesagt. Und er hat auch gesagt, dass ich Sie nicht weglassen soll, dass Sie hier einfach warten sollen, bis er hier ist.“ Ich sah sie argwöhnisch an, musterte sie. Ich schätzte sie auf Anfang 50, halblanges kastanienbraunes Haar umrahmte ihr Gesicht. Ein paar kleine Fältchen um ihre Augen zeigte mir, dass sie gerne lachte. Sie schien mir nicht der Typ Mensch zu sein, der andere in Keller sperrte und brutal ermordete. Dennoch. „Ich habe ihm versprochen, dass ich zurückkomme, also werde ich ihn jetzt da raus holen.“ Sie schien hin- und hergerissen, sah mich nervös an, und ich sah so entschlossen ich konnte zurück. In diesem Moment hörte ich Sirenen. Ich ließ die Tankstellenbesitzerin stehen und stolperte nach draußen, wo gerade Davids Fahrzeug und ein Krankenwagen eintrafen. Die Bremsen quietschten und David sprang aus dem Wagen, dicht gefolgt von Megan und Liz. David packte mich bei den Schultern, musterte mich besorgt, wollte mich in eine Umarmung ziehen, doch ich wand mich aus seinem Griff. Wie gebannt starrte ich auf die noch immer geöffnete Tür des Autos und hoffte, dass noch jemand ausstieg. Wo waren Larry und Amita? Einer von beiden musste es sein...
Ich sah David ins Gesicht, wollte die Frage stellen, die mich so sehr beschäftigte, aber mir schnürte es die Kehle zu und mit einem Mal fürchtete ich nichts mehr als die Antwort. Statt also meine Frage zu stellen beantwortete ich die des Agents so gut ich es konnte. Ich deutete auf das Haus und räusperte mich. „Da... geht eine Treppe in den Keller, jemand hat uns dort eingesperrt.“ Ich musste schlucken, es fiel mir unwahrscheinlich schwer, die Worte zu bilden. „Colby ist verletzt... E-er, er hat viel Blut verloren und ich hab versucht, ihn zu verbinden, a-aber... aber... und Don! Don ist an die Wand gekettet und ich hab ihn nicht befreien können... Er hat mir gesagt,...“ Ich brach ab, und David versuchte, mich zu beruhigen. „Alles okay, Charlie, wir holen sie da schon raus. Ist Don auch verletzt?“ Ich schüttelte den Kopf, das Summen wurde wieder lauter. „David...“ flüsterte ich und das Grauen füllte mich aus, als die Bilder in meinem Kopf wieder vor mir auftauchten. „Jemand... jemand ist... tot.“

Ich sah ihn an, sah den Schock und das Unverständnis in seinen Augen. Er tauschte einen kurzen Blick mit Megan, die stumm neben uns stand, eine Hand auf meiner Schulter. Ich sah zu ihr hinüber. Sie sah genauso erschüttert aus wie David, aber... wäre es Larry, dann... dann...
Nein, es konnte nicht Larry sein.

Also Amita... Ich schluchzte auf. Bitte nicht... nicht Amita...

David lenkte meinen Blick wieder auf sich. „Tot? Bist... bist du... sicher?“ fragte er getroffen und schüttelte ungläubig den Kopf. Ich wollte es nicht hören, wollte nicht wissen, ob sie es war. Ich blinzelte die Tränen weg. „Holt... Don und Colby da raus...“ wisperte ich heiser und drehte mich weg.
Megan führte mich zum Auto und ein Sanitäter sah sich meinen Kopf an, während David mit Liz und dem Notarzt zu dem Haus hinüberfuhren. Ich senkte meinen Blick. So einfühlsam wie möglich versuchte Megan, mehr von mir zu erfahren. „Charlie, kannst du dich erinnern, wie ihr hierher gekommen seid?“
Ich zog die Schultern nach oben und schüttelte unsicher den Kopf. „Ich... ich weiß nicht... Wir waren auf dem Weg zu Dad...“ Ich stockte, meine Augen weiteten sich unwillkürlich. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wo genau wir entführt worden waren. Was, wenn wir schon zu Hause angekommen waren? Was, wenn... Oh mein Gott... 'Es war niemand mehr im Auto', hatte Don behauptet! Ich hatte angenommen, dass er das nur sagte, um mich zu beruhigen und mir einzureden, dass niemand unserer Freunde tot war... Aber was, wenn es gar keine Lüge gewesen war?
Aber nicht einmal Don hätte es geschafft, diesen Schmerz vor mir zu verstecken. Oder?

Megans Funkgerät knackte in dem Moment, als ich sie endlich fragen wollte. Davids Stimme ertönte. „Colby hat es wirklich schwer erwischt, aber der Arzt ist ganz zuversichtlich.“ Megan seufzte erleichtert auf. „Gut, sehr gut.“, antwortete sie und schenkte mir ein Lächeln. Doch David sprach in ernstem Ton weiter. „Es gibt allerdings ein anderes Problem.“ Das Lächeln gefror auf ihren Lippen und auch mir wurde eiskalt. Sag es nicht, sag es nicht, was auch immer es ist, flehte ich innerlich, doch mein Gebet wurde nicht erhört.
„Don ist verschwunden.“

„NEIN!“ schrie ich auf, schob Megan beiseite und rannte auf das Haus zu. Die Agentin wollte mich aufhalten, doch ich riss mich panisch los, ich konnte hier doch nicht sitzen bleiben! „Er hat ihn, er hat meinen Bruder, Megan, wir müssen ihn finden, du weißt nicht, zu was er fähig ist, oh Gott, warum habe ich so lange gewartet? Ich hab ihm versprochen, dass ich ihn rette!“ Ich verfluchte mich selbst, stürmte völlig kopflos davon, das durfte doch nicht wahr sein!
Megan hatte wohl eingesehen, dass sie mich nicht aufhalten konnte, und so eilte sie direkt hinter mir die Treppe nach unten.

Ich stand atemlos dort, drehte mich in alle Ecken, konnte es einfach nicht fassen. Er war fort... Womöglich starb er gerade in diesem Moment einen furchtbaren Tod, nur weil ich nicht sofort zu ihm zurück gekommen war. Ich hatte doch sogar Werkzeug gehabt, hätte ihn problemlos befreien können, niemand hätte mehr leiden müssen...
„Bitte nicht...“ flüsterte ich weinend, ich hasste mich in diesem Moment so sehr. Megan, David und Liz sahen mich schweigend an. Ich war mir sicher, dass sie mich ebenso verabscheuten wie ich mich selbst. Das Klingeln in mir wurde lauter und lauter. „Er war doch genau da...“
Megan folgte meinem Blick, dann runzelte sie die Stirn und sah mich mit einem merkwürdigen Ausdruck an. „Charlie?“ Ich konnte sie durch das Summen und Rauschen in meinen Ohren kaum hören. „Bist... bist du dir sicher?“
Ich sah sie verwirrt an, was meinte sie? „Natürlich... Direkt gegenüber von der Tür. Und ich hab ihn einfach alleine gelassen...“ David sah zwischen uns beiden hin und her, warum wirkte er auf einmal so unruhig? Megan fasste mich an beiden Schultern und zwang mich, sie anzusehen. „Hör zu, Charlie... An der Wand hier sind... da sind keine Ketten. Keine Ketten und auch keine Verankerungen in der Wand, an der man welche befestigen könnte.“
Ich starrte sie an, das Klingeln übertönte ihre nächsten Worte. Verzweifelt sah ich hinüber zu der Wand, an der mein Bruder gesessen hatte. Sie musste sich irren. Das war unmöglich.
Glatter Beton, wie konnte das sein?
Megans Mund bewegte sich, doch nichts kam bei mir an. Mein Atem ging kurz und abgehackt, ich hatte keine Kontrolle mehr über meine Gesichtsmuskulatur, und irgendwo hinter diesem widerlichen Klingeln hörte ich mich selbst schreien, panisch und voller Grauen, hörte Colby schreien und fluchen.

Mein Blickfeld wurde dunkler, alles wurde seltsam dumpf.

Ich hörte Don schreien. So laut, so voller Qual...

Zwischen all den Schreien lachte jemand, ein Mann ohne Gesicht, er lachte einfach immer weiter, während er eine Art Säure über meinen Bruder goss, wieder und wieder, er lachte, während Don sich in purer Agonie in seinen Fesseln wand. Er lachte, als wäre es ein köstlicher Witz, und ließ wie im Wahn dutzende Male eine riesige Axt auf den inzwischen reglosen Körper herabfahren.

Er lachte nicht mehr, als Colby plötzlich einen Arm aus seinen Ketten befreien konnte. Er grinste nur noch, zog in Seelenruhe eine Waffe als seinem Gürtel und drückte ab. Colby keuchte erstickt auf und sackte in sich zusammen. Noch immer grinsend kam er auf mich zu, in einer Hand die Pistole, in der anderen die blutige Axt. „N-nein...“ stammelte ich und da lachte er wieder.

Er hob die Axt, legte mir die stählerne Klinge an den Hals, dann holte er aus. Ich starrte in seine Augen, ich wusste, jetzt würde ich sterben. Mit einem unterdrückten Kichern drehte er das Beil jedoch in der Luft herum, so dass die Schneide nach hinten zeigte. Das Werkzeug sauste herab, dann wurde alles dunkel.



*~*~*~*~*



Ich erwachte mit dem sicheren Wissen, dass mein Bruder tot war. Ich hatte ihn sterben sehen. Ich wollte nicht aufwachen, nicht in dieser Welt. Wieso hatte er mich am Leben gelassen?
Ein Piepsen drang in mein Bewusstsein. Ich horchte einen Moment hin und kam zu dem Schluss, dass es sich nach einem Herzmonitor anhörte. Ein Krankenhaus also. Teilnahmslos ließ ich mich in diesem Dämmerzustand treiben, nur halb wach, und weigerte mich, meine Augen zu öffnen.
Dann hörte ich eine Stimme. „Ich glaube, er wacht auf!“
Das konnte nicht möglich sein! Diese Stimme... Don? Don war tot. Ich wusste, dass er tot war. Aber trotzdem, ich kannte doch seine Stimme! Eine zweite Stimme sprach mich an. „Charlie?“
Ich hielt meine Augen geschlossen, wollte mir weiterhin vorstellen, dass mein Bruder hier neben mir saß. „Dad?“ murmelte ich die Antwort, und ich spürte eine Hand auf meiner. Wieder hörte ich Don. Ich wollte es nicht wahrhaben. „Genug geschlafen, Brüderchen!“
Ich musste es wissen, ich blinzelte vorsichtig. Da saß er, neben Dad, und grinste mich erleichtert an. Alle möglichen Gefühle wirbelten durcheinander, ich war völlig aufgelöst. „Was... was ist passiert?“ fragte ich, ich verstand es nicht. Dad sah zur Seite, zu Don, und dieser antwortete mir: „Du hast was auf den Kopf gekriegt, erinnerst du dich?“
Ich hob meine Hand, berührte einen Verband, und sagte: „Hm...“
Nein, verdammt, ich erinnerte mich nicht! Ich erinnerte mich an Dons Tod, klar und deutlich, ich erinnerte mich an die ganze Hölle danach. Aber das wollte ich ihm nicht sagen, er sah besorgt genug aus.
Dad öffnete den Mund, um mir zu antworten, doch in diesem Moment öffnete sich die Tür. David und Megan kamen herein. Sie sahen müde und abgeschlagen aus. „Charlie, du bist wach!“ Die Agentin klang erleichtert und zugleich ungewohnt unsicher. David nickte mir stumm zu.
Dad stand auf, sah ihnen entgegen. David begegnete seinem Blick und sagte: „Alan,...“ Doch weiter kam er nicht. „Wie geht es Colby?“ unterbrach mein Dad den Agent.
David seufzte und rieb sich über die Stirn. „Er wird durchkommen, meinen die Ärzte. Alan, hör zu...“
Ich blickte verwirrt zwischen den beiden hin und her. Colby war verletzt? Und ich war verletzt? Aber Don war nicht tot. Was war denn jetzt passiert? Was war real, was eingebildet?
Wieder ließ Alan David nicht ausreden. „U-und, und habt ihr den Kerl schon erwischt?“ Megan antwortete diesmal. „Wir haben eine Spur, er kann nicht weit kommen. Wir werden ihn kriegen, Alan.“ Sie lächelte, doch sie wirkte dabei unendlich traurig, sah dann von ihm zu mir. „Wir haben die zahnärztlichen Unterlagen jetzt verglichen, Alan. Es... es tut mir so leid...“
Dad wankte, schüttelte mit einem Laut voller Verzweiflung den Kopf. „Nein... nein, sag das nicht...“ Er ließ sich kraftlos auf den Stuhl an meinem Bett zurücksinken und ich blickte fragend und konfus zu Don.

Ich konnte sehen, dass die Sonnenstrahlen durch ihn hindurch schienen.

Er lächelte mich entschuldigend an. „Es tut mir leid, Charlie. Ich wollte mich noch verabschieden.“
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