Des Vaters Meister

von Marimo
GeschichteDrama, Familie / P12
Shifu Tai Lung Tigress
07.12.2017
01.01.2018
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Hallo und herzlich willkommen zu meinem neuen Projekt. :D Auch wenn ich es an dieser Stelle wohl eher Mini-Projekt nennen sollte, denn all zu groß wird das hier wohl nicht werden. Ich denke, die Fanfiktion hier wird am Ende so um die drei Kapitel haben, wenn alles nach Plan verläuft.
Das hier ist nun schon das zweite Mal, dass ich mich in diesem Fandom hier aktiv beteilige - bloßes Review schreiben mal ausgenommen ^^ - und ich muss sagen, es macht mir sehr viel Spaß. :) Ich hoffe, ihr habt genau so viel Spaß daran, meine geistigen Ergüsse hier auch zu lesen.
Wie auch schon bei meinem ersten OS geht die Hauptthematik in eine ähnliche Richtung, sprich Shifus Vaterdasein, diesmal jedoch etwas komplexer gestaltet, da ihn die Vergangenheit nicht loslässt. Oder ist er nicht bereit, sie loszulassen? Ich denke schon, dass man dieses (voraussichtlichen) Three Shot durchaus als indirektes Sequel zu meinem ersten OS's »Ängstliche Kinderaugen« ansehen kann, was nach den Ereignissen des OS's anzusiedeln ist.
Natürlich kann man die beiden Sachen aber auch getrennt voneinander lesen. ;)

Damit erst mal genug des Vorwortes. Viel Spaß mit dem ersten Kapitel. ^^


෴★෴


Noch mal


»Noch mal.«
Die eifrige Schülerin gab erneut ihr Bestes, um die Bewegung genau so zu vollführen, wie der Meister es von ihr sehen wollte; doch wieder einmal endete es mit einem misslungenen Versuch.
»Noch mal.«
Ein weiteres Mal missglückte es, die Kung Fu-Bewegung zu meistern; das kleine Tigerjunge stolperte über ihre eigenen Füße und fiel zu Boden.
»Noch mal.«
Ein wenig missmutig, dennoch voller Tatendrang stand der kleine Tiger auf und fing von vorne an, um erneut zu scheitern.
»Noch mal.«
Wieder durchgefallen.
»Noch mal.«
Erneut fehlgeschlagen.
»Noch mal.«
Versagt ...
Geduldig sah Meister Shifu seiner Schülerin dabei zu, wie sie sich erneut in die Ausgangsposition brachte und versuchte, die Schrittfolge ein weiteres Mal auszuführen. Der Meister erkannte schon jetzt, bei ihrer ersten Bewegung, dass dieser Versuch wie alle anderen zuvor enden würde.
»Noch mal«, sprach er wie gewohnt streng, als Tigress erneut eine Bekanntschaft mit dem Boden machte. Keiner wusste, der wievielte Versuch es nun war. Keiner von beiden hatte mitgezählt. Keiner von beiden interessierte sich dafür. Das letzte Mal war wie das kommende.
Die kleine Tigerin würde die Anzahl erst heute Abend wissen, wenn sie die vielen blauen Flecken zählen konnte.
Shifu wartete, bis sich seine Schülerin erneut aufgerichtet hatte, doch diesmal blieb sie einfach liegen und sah zu ihm auf.
»M-Meister Shifu ... ich glaub, ich schaff das nicht«, gab das kleine Mädchen von sich.
»Dann versuch es noch einmal«, erwiderte Shifu jedoch nur und wartete geduldig, bis der kleine Tiger wieder aufstand. Auf seine Worte hin senkte sie ihren Blick gen Boden, nickte stumm und sammelte ihre ganze restliche Kraft, um erneut aufzustehen und die Bewegung ein weiteres Mal zu versuchen.
Im Unterschied zu den unzähligen Malen zuvor, hob Shifu diesmal eine Augenbraue, als er ihre Grundstellung begutachtete. Sie war einwandfrei. Viel besser, als alle anderen Versuche zuvor. Sie selbst schien diese Veränderung nicht zu bemerken. Shifu sagte nichts und Tigress begann die Schrittfolge von Neuem.
Der erste Schritt war perfekt. Auch der zweite und der dritte. Selbst der vierte Schritt wurde ohne Mangel ausgeführt und Shifus Augenbraue wanderte noch weiter nach oben. Tigress vollführte die gesamte Schrittfolge fehlerfrei, ohne es wirklich mitzubekommen. Zu sehr war das kleine Tigerjunge damit beschäftigt, im Augenwinkel auf ihren Meister zu achten und eine mögliche Enttäuschung zu erkennen. Einen Fehler ihrerseits zu sehen, der sich in seinen Augen widerspiegelte und hervorhob, wie ein Brandzeichen auf der nackten Haut.
Als sie auch den aller letzten Schritt perfekt gemeistert hatte, wurde ihr erst klar, was sie so eben geschafft hatte. Ein Lächeln stahl sich in ihr Gesicht und mit voller Begeisterung sah sie zu ihrem Meister. Erwartungsvoll. Hoffnungsvoll. Völlig euphorisch.
Shifu gab jedoch nur ein zurückhaltendes Nicken von sich und schloss kurz die Augen.
»Gut, wir werden morgen weiter daran üben.« Er hatte die Augen deshalb geschlossen, weil er genau wusste, welchen Effekt seine Worte auf seine Schülerin haben würden. Wie ihr freudiges Gesicht verschwinden würde und sich in tiefe Ernüchterung, wenn nicht gar Frustration umwandeln würde.
Und er wusste, dass dies gerade geschah. Er brauchte nicht hinzusehen, um es zu spüren. Er spürte es jeden Tag, doch selten traute er sich, es mit anzusehen.
Er konnte nicht dabei zusehen, wie Hoffnung erstarb.
»Jetzt setzen wir die Übung an der zweiten Grundhaltung fort, die ich dir gezeigt habe. Bereit?«, fragte er deshalb versucht neutral und tat so, als hätte er soeben kein weiteres Mal miterlebt, wie eine kleine Welt zugrunde ging. Eine Welt, erschaffen aus den Wünschen eines Mädchens. Geboren aus ihrer Hoffnung, ihn stolz zu machen.
Doch er gab nicht nach. Nicht mehr. Nie mehr. Nicht seit ihm.
Und er durfte auf keinen Fall zulassen, dass sie genau so werden würde, wie er.
Keiner seiner Schüler mehr. Keines seiner Kinder. Nicht sie. Nie mehr.
»Ja, Meister Shifu«, kam die ergebende Stimme von Tigress, die sich bereit machte, auch die zweite Übung so lange zu wiederholen, bis diese perfekt saß. Bis sie perfekt war. Perfekt genug, um in seinen Augen zu existieren. Dieser Gedankengang sah der Kleine Panda nahezu jedes Mal in den Augen des Tigers, wenn er seine Schülerin eine Bewegung vollführen ließ. Zu gern hätte er widersprochen. Zu gern würde er ihr sagen, dass sie für ihn bereits jetzt existierte. Schon seit dem ersten Tag ihrer Begegnung.
Doch der Meister schwieg. Er schwieg und sah zu, wie sie eine Bewegung nach der anderen zum Besten gab. Tief hoffend, ihren Meister - und Vater - stolz zu machen. Und er war es ... nur würde sie das nie wissen. Er würde sie das nicht wissen lassen. Nicht so, wie er es bei ihm so viele unzählige Male getan hatte. Genau so oft, wie er sie diese Übungen wiederholen ließ.
Tigress war nicht er.
Und er würde nicht zulassen, dass sie zu ihm werden würde.
Betont gleichgültig, aber dennoch abwartend, sah er ihr dabei zu, wie sie die neue Grundbewegung mit voller Konzentration ausführte. Viel besser als die erste. Viel schneller fehlerfrei. Viel näher an perfekt. Perfekt, bis zur kleinsten Muskelbewegung. Und diese arbeitete wie ein gut geschmiertes Uhrwerk. Jede Faser ihrer Muskeln arbeitete bei ihrem Training auf Höchstleistung, bis zur vollständigen Erschöpfung - und darüber hinaus.
Er erwartete nichts anderes von einer Raubkatze. Stark. Mächtig. Elegant. Eines Tages würde seine kleine Schülerin zu einer Frau werden, die genau diese Sachen in sich vereinen würde. Stärke. Macht. Eleganz. Schon jetzt besaß sie die ersten Anzeichen dafür und Shifu konnte nicht stolzer auf seine Tochter sein.
Würde er es nur einmal in den Mund nehmen.
Tigress wiederholte die Übung noch einmal - erneut perfekt. Fast wäre ihm ein »Gut gemacht« herausgerutscht, doch die Worte versiegten noch in seiner Kehle. Stattdessen nickte er nur. Und so wiederholte sie das Ganze noch einmal. Und noch einmal. Jedes Mal einwandfrei, als wäre sie schon jetzt eine Meisterin. Und er konnte bei jedem Versuch sehen, dass sie immer besser und besser wurde.
Beim zehnten erfolgreichen Mal hielt Tigress kurz inne und sah zu ihrem Meister herüber.
»War das gut so, Meister?«
»War das gut so, Vater?«
Shifu nickte nur und ließ sie fortfahren.
»Das war ausgezeichnet, mein Sohn. Gleich noch einmal, ja?«
Der Rote Panda stockte kurz in seinen Gedanken, versteifte sich vollständig und fixierte einen imaginären Punkt, irgendwo an der gegenüberliegenden Wand in der Trainingshalle. Er versuchte mit aller Macht die aufkeimenden Gedanken, nein, die hervorbrechenden Erinnerung zu verdrängen.
»Ausgezeichnet!«
»Hervorragend!«
»Exzellent!«

Doch egal, wie sehr er es auch versuchte, es gelang ihm nicht. Die Erinnerung aus verflossenen Tagen brach mit aller Macht aus den hintersten Ecken seines Verstandes hervor.
»Ich bin stolz auf dich, mein Sohn.«
Die kleine Tigerin verschwamm vor seinen Augen und wurde immer mehr und mehr grauer. Gefleckter. Größer. Bis vor ihm kein kleines Tigerjunges mehr stand, sondern ein Schneeleopard. Kein Mädchen mehr, sondern ein Knabe. Keine Tigress mehr, sondern er.
»N-nicht möglich?!«, gab Shifu völlig überrascht von sich, als er den kleinen Jungen vor sich sah, wie dieser die gleiche Kung Fu-Übung absolvierte, die der Meister die kleine Tigress vollführen ließ. Genauso perfekt - nein ... besser. Viel besser. Genau so, wie der alte Meister es noch in Erinnerung hatte.
Beim aller ersten Mal perfekt.
Beim zweiten Mal perfekt.
Beim dritten Mal perfekt.
Immer perfekt.
Perfekt, selbst noch an dem Tag, an dem sein Sohn ihn beinahe umgebracht hätte.
Sein Sohn, ein perfektes Kind.
Tigress ...
Shifu schüttelte den Kopf, um den flüchtigen Gedanken und die unerwünschte Erinnerung aus seinem Verstand zu schütteln. Tigress mochte nicht sein Sohn sein, aber sie war seine Tochter. Nicht weniger perfekt, nicht weniger wert. Sie war sein kleines Mädchen.
Doch als er der kleinen Tigerin dabei zusah, wie sie ihr Bestes gab und doch minimal hinter ihm hinterherhinkte, versetze es ihm einen schmerzhaften Stich in seiem Herzen und die verdrängte Pein der Vergangenheit drang erneut an die Oberfläche.

Das Rasseln der Ketten hallte durch die Trainingshalle. Das Rattern der Trainingsgeräte drang durch den ganzen Raum. Ein Krachen. Ein Scheppern. Viele dumpfe Schläge gegen ein festes Objekt, das früher oder später durch die Krafteinwirkung bersten würde.
Einwandfreier Angriff. Einwandfreie Ausführung.
Und Shifu sah stolz dabei zu, wie der junge Knabe die Trainingsgeräte malträtierte. Er zerstörte sie in seinem Wahn der tollwütigen Zerstörungslust. Und der Meister war stolz.
»War das gut so, Vater?«, fragte der Schneeleopard den Meister, der mit einem Lächeln nickte.
»Das war ausgezeichnet, mein Sohn.« Mehr brauchte es nicht, um den Knaben auch zum Lächeln zu bringen und das Glühen in den Augen seines Meisters zu genießen. Das Leuchten und Strahlen, das nichts anderes war, als der Stolz, der jegliche anderen Eindrücke von des Meisters Auge fernhielt.
»Gleich noch einmal, ja?«, fragte Shifu, der einfach nicht genug davon bekommen konnte, seinem Sohn beim Kung Fu zuzusehen. Und genau so sehr genoss es sein Sohn, ihm dies zuteilwerden zu lassen.
»Auja! Aber warte. Guck, Vater. Ich hab mir was Eigenes beigebracht!«, gab der Knabe freudig von sich und sprang en­thu­si­as­tisch vor dem Kleinen Panda hin und her, welcher die Augenbraue hob.
»So? Woher?«
Der Junge hielt inne und knetete seine kleinen Pfoten hinter seinem Rücken, während er den Blick ein wenig senkte.
»Nunja ... ich hab ... ein bisschen in den Schriftrollen in der Halle der Helden gestöbert. Da hab ich ein paar coole Sachen gefunden ... und ausprobiert«, berichtete er und vermied den Augenkontakt zu Shifu, welcher nur lächelnd den Kopf schüttelte, ehe er sprach.
»Dann lass mal sehen.« Shifu wusste, dass einige Techniken in der Heldenhalle nichts für Kinderaugen waren. Er selbst hatte noch nicht einmal alle Rollen gemeistert, doch als er dem Schneeleoparden bei seiner selbst erlernten Technik zusah, konnte er nicht anders, als staunen.
Perfekt.
Ein anderes Wort fiel ihm einfach nicht ein, als er die hervorragende Ausführung begutachtete, die der Knabe bei der (eigentlich verbotenen) Technik an den Tag legte.
»Hervorragend!«, lobte Shifu seinen Schüler, als dieser fertig war. Der kleine Recke erhob seinen Kopf und streckte die Brust heraus. Es wirkte schon beinahe wie Posieren, doch Shifu war das egal.
»Hab ich das wirklich gut gemacht, Vater?«
»Exzellent!«, bestätigte Shifu noch einmal. »Eines Tages wirst du ein wahrer Meister des Kung Fus sein. Keiner wird dir das Wasser reichen können. Du wirst sie alle überragen!«, schwärmte er weiter und übersah dabei das gierige Funkeln in den Augen des Jungen.
»Werde ich also ... der Drachenkrieger?«
»Das bist du, mein Sohn. Kein Zweifel.«
Ein Grinsen breitete sich in dem Gesicht des Knaben aus, als er den Worten Shifus zunickte und mit einer letzten Bewegung das geschädigte Trainingsgerät vollkommen zerstörte, um die Übung zu beenden. Die animalische Kraft, mit der sein zerstörerischer Drang durch die Trainingshalle wütende, machte Shifu nur noch stolzer. Ein wahrer Kämpfer. Ein Krieger. Der Drachenkrieger.
»Ich bin stolz auf dich, mein Sohn.«


Ein Krachen brachte Shifu zurück in die Realität. Er brauchte ein paar Sekunden, um sich wieder zu sammeln und zu verstehen, dass er nicht mit seinem Sohn trainierte, sondern schon viele Jahre später mit seiner Tochter hantierte. Er sah sich kurz suchend in der Trainingshalle um, bis seine Augen die kleine Tigerin erhaschten. Das Krachen hatte ihn kurz in Sorge versetzt, doch er war innerlich froh, als er erkannte, dass sie sich nicht in irgendeiner Weise verletzt hatte. Stattdessen stand sie völlig unversehrt neben einem Stapel Holz.
Erst bei einem genaueren Blick erkannte Shifu, dass es nicht einfach irgendein Stapel Holz war, sondern ein ehemaliges Trainingsgerät, was beim Krachen (und durch ihr Zutun) vollständig zerlegt worden war.
»Was hast du gemacht?«, fragte Shifu scharf. Tigress spannte sich an und vermied es, ihm direkt in die Augen zu sehen.
»Ich ... ich habe ...«
»Sprich deutlich, ich versteh kein Wort.«
»Ich habe nur was ausprobiert«, gestand das kleine Mädchen.
»Hatte ich nicht gesagt, du sollst weiter an der Übung arbeiten?«, fragte Shifu streng, was einen kleinen Ruck in dem Körper des Tigers auslöste, ehe sie ihn ansah.
»Ja ... ja, schon. Aber da ich die schon kann, dachte ich ... ich kann sie mit was anderem kombinieren. Ich wollte es nur mal ausprobieren.«
»Und dabei hast du ein wertvolles Trainingsgerät kaputt gemacht«, konterte Shifu streng und deutete leicht zu dem Holzhaufen hin. »Ich hab dir nicht erlaubt, die Übung zu unterbrechen.«
»Es tut mir leid, Meister. Ich wollte Euch nicht-«
»Du übst das, was ich dir sage. Keine Alleinversuche, verstanden? Du bist noch nicht so weit.«
»Ja, Meister Shifu«, gab die kleine Tigress mit gebrochener Stimme von sich und verneigte sich vor Shifu, der sie nur mit strengen Augen ansah. Sie brachte sich erneut in die Grundposition und vollführte die Übung ein weiteres Mal perfekt.
»Noch mal.«
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