Meine beste Freundin und ich im Unabhängigkeitskrieg

von Blueice91
GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
Captain Wilkins Colonel William Tavington General Lord Charles Cornwallis General Lord O'Hara OC (Own Character)
04.12.2017
18.10.2020
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18.10.2020 4.452
 
Guten Abend. Yo, mit diesem langen Kapitel geht es nun ins Wochenende.
Achtung: Zwei neue Personen tauchen hier auf, die wirklich lebten.
Das nur als kleiner Hinweis.
Jetzt viel Spaß beim Lesen.
Bis Bald,
Eure Blueice91



Von einer roten Staubwolke überrascht, blickten die wachhabenden Soldaten vom Palisadenzaun runter. Der Staub lichtete sich und offenbarte zwei Reiter. Der eine freute sich wie verrückt.
„Oh Yeah, ich habe gewonnen und Sie nicht“, lachte Jasmin und klopfte Lover auf den Hals.
„Sehen Sie mal genauer hin“, meinte Tavington und Jasmin erkannte, dass sie gar nicht das schwere Holztor berührt hatte.
Folglich dessen hatte der Colonel gewonnen und das ärgerte sie.
„Oh, verdammt“, biss sie sich auf die Zunge. „Scheiße“.
Cassidy und Bordon so auch die letzten beiden Reiter kamen dazu.
„Hast du gewonnen?“, wollte die Freundin wissen.
„Niete“, schüttelte Jasmin den Kopf und stieg von Lover ab.
Sie musste sich geschlagen geben und sah zum Colonel, der dort mit einem triumphierenden Lächeln auf sein Pferd saß.
„Ich gratuliere Ihnen zum Sieg“, sagte sie.
„Vielen Dank“, nickte er ihr zu.
„Und was bekommt der Sieger?“, fragte Cass.
„Das werden Sie noch sehen“, grinste Bordon und steuerte mit Gingerale den Stall an.
„Na, da bin ich ja gespannt“, sagte die Irin.
Deutlich konnte man Lover schnauben hören. Der Hengst hatte alles gegeben und wirkte sehr verschwitzt.
„Schon gut. Gut gemacht“, sagte Jasmin und strich dem Rappen über den Körper.
Die Pferde der Green Dragoons wurden an zwei Stallburschen gegeben, die die Tiere versorgen sollten.
„Geben Sie die Pferde an die beiden weiter. Sie werden versorgt“, sagte der Sergeant und steuerte mit dem Fahnenträger ein Nebengebäude an.
Eher widerwillig gaben die Frauen die Pferde ab und schritten zum Haupthaus. Kurz vor der Steintreppe klopften sich die Reiter den Staub und Dreck von der Kleidung. Cass und Jasmin strichen sich vermehrt durchs Haar bis es ansatzweise wieder saß.
„Ich bin schon so aufgeregt“, flüsterte Cass und stieg die Treppe zur 1. Etage hoch.
Dort im Westflügel lag das Kartenzimmer bzw. das Arbeitszimmer seiner Lordschaft. Eine große Karte von Nordamerika war dort ausgebreitet und über dieser hingen die Köpfe von Cornwallis und O'Hara. Der Lord zeigte seinen General die zukünftige Landschenkung, wenn er selbst Erfolg haben sollte. 40.000 Hektar waren im gewiss. Ein Klopfen ertönte und ein Diener trat ein.
„Colonel Tavington und Captain Bordon sind wieder eingekehrt. Ich darf Ihnen sagen, das Sie hohen Besuch haben, eure Lordschaft“, kam es schmeichelnd vom Diener, der mit seiner Handfläche in den Salon zeigte. „Miss Jasmin Wagner und Miss Cassidy Chacon“.
„Ich lasse bitten“, befahl der Lord und gab O'Hara ein Zeichen, dass er die Karten einrollen sollte.

Noch einmal besahen sich Jasmin und Cassidy in einem Spiegel und richteten sich ihre Kleidung und strichen sich durchs Haar. Perfekter konnten sie nicht mehr aussehen.
„Seine Lordschaft lässt bitten“, rief der Diener und die Vierergruppe setzte sich in Bewegung.
Vorne weg gingen die beiden Green Dragoons, dicht dahinter die Frauen. Als sie nun ins Arbeitszimmer eintraten, fiel der Blick gleich auf Cornwallis, der sich riesig freute, die beiden Frauen wiederzusehen. Tavington so auch Bordon verneigten sich.
„Miss Wagner und Miss Chacon“, winkte Cornwallis die beiden Frauen zu sich.
Diese gingen auf ihm zu und verbeugten sich leicht. Es war kein damenhafter Knicks gewesen, eher die leichte Variante einer Verbeugung für Männer. Seine Lordschaft sah über dieses Benehmen mit einem Lachen hinweg.
„Wie war der Weg hierhin?“, fragte er gleich.
„Spaßig“, grinste Jasmin und schaute nach hinten zu den Dragoons, die noch immer gebeugt standen, als der Lord sie mit einer Handbewegung aufforderte wieder die normale Haltung einzunehmen.
„In wieweit spaßig?“, fragte jetzt O'Hara.
„Och, nur ein kleines Wettrennen“, mischte sich Cassidy ein. „Wollten mal sehen, wer schneller ist“.
„Und das Ergebnis?“, fragte der General, der nicht Cassidy, sondern eher Jasmin anschaute.
„Leider war der Colonel schnell gewesen als ich“, antwortete Jasmin.
„Das tut mir leid“, grinste O'Hara weiter.
„Na und!? Das nächste Mal bin ich schneller“, meinte Jasmin.
Schon jetzt sah der Lord, dass Jasmin eine weitaus andere Person war, als vor einigen Tagen. Sie war lebhafter geworden. So war es auch mit Cassidy gewesen. Die Irin hatte sich gut erholt. Nichts deutete auf ihre Verletzung am Rücken hin.
„Wie unhöflich ich doch bin“, tadelte sich seine Lordschaft auf einmal und bot den Damen einen Platz an.
Die Freundinnen ließen sich auf ein bequemes Sofa nieder, während sich O'Hara ihnen gegenüber setzte.
Kurz räusperte sich Tavington, sodass Cornwallis sich zum schneidigen Soldaten umdrehte.
„Haben seine Lordschaft noch weitere Befehle an uns?“, fragte der Colonel und stand mit erhobenen Hauptes da.
„Nein. Bis auf weites nichts. Heute Abend ist meine Ball-Gesellschaft. Ich darf doch mit Ihrem Erscheinen rechnen, meine Herren?“, fragte Cornwallis und ein knappes Nicken kam von den Offizieren.
Somit verschwanden der Colonel und der Captain und ließen die neue Vierergruppe allein. Die Dragoons gingen in ihre privaten Räumlichkeiten hier im Fort. Beide waren müde vom Ritt und des frischen Klimas. Der Schlaf übermannte die Soldaten und zwang sie eine etwas längere Pause zu machen.

Währenddessen im Arbeitszimmer seiner Lordschaft, wo es schon herrlich nach Gebäck und Tee aus England duftete. Es gab kleine Törtchen und Kekse. Dazu je nach Wahl Pfefferminz oder Earl Grey. Während die Herren den Schwarztee genossen, blieben die beiden jungen Frauen, doch eher beim Kräutertee hängen.
„Wie gefällt Ihnen bis jetzt der Aufenthalt in Charlestown?“, erkundigte sich seine Lordschaft bei den Damen und goss sich etwas Milch ein.
Wer von den beiden würde die Frage zuerst beantworten? Da Jasmin gerade einem Keks im Mund hatte, der im Inneren Karamell aufwies, sodass das süße Zeug an ihren Zähnen klebte, war es wohl an Cassidy zu antworten.
„Es ist eine malerische Stadt. Die Bewohner sind dort sehr freundlich und unsere derzeitige Behausung gefällt uns auch“, antwortete die Irin und Jasmin stimmte ihr durch Kopfnicken zu.
„Wie schön das zu hören“, lächelte Cornwallis.
„Haben Sie sich denn nach dem Ball erholt?“, fragte jetzt O'Hara und wirklich alle starrten ihn an.
Was für eine unpassende Frage war das denn gewesen? Natürlich spielte er auf Cassidys Missgeschick an. Doch Cassidy bekam keinen roten Kopf und hob diesen etwas arrogant empor.
„Ich habe beschlossen, nie wieder so ein Kleid anzuziehen. Die Folgen sind mir eine Lehre“, antwortete sie.
„Ah ja. Und Sie, Miss Wagner. Wie steht es um Ihnen?“, fragte O'Hara.
Jasmin schluckte das Karamell hinunter und trank sofort einen Schluck Tee hinterher.
„Sie brauchen sich wohl erst gar nicht einzuschleimen, General. Auf solche Fragen habe ich keinen Bock“, sagte Jasmin und funkelte ihn böse an.
Der General wurde blass und stellte die Teetasse weg, sodass der Teelöffel am Rand hinunter auf des teuren Teppichs fiel. O'Hara erhob sich und ging ohne etwas zu sagen aus den Raum.
„Entschuldigen Sie mich kurz“, verneigte sich der Lord und ging seinen Offizier hinterher.
„Was meinst du, ist O'Hara jetzt beleidigt?“, fragte Cass und fischte sich aus dem Teller mit Keksen einen Kipfel raus.
„Nee, nur ein bisschen entrüstete, dass ich ihm jetzt mal ne Konter verpasst habe. Dieser schmierige Typ“, meinte Jasmin.
„Wieso? War irgendwas vorgefallen, als ich mal nicht bei dir war?“, fragte Cass.
„Yap, als wir vor wenigen Tagen noch hier im Fort waren. Da hatte ich eines nachts Hunger bekommen und suchte die Küche. Auf der Suche erschrak mich dann O'Hara. Und glaub mir, was der zu mir sagte, war sehr anzüglich gewesen. Da hatte ich Gott sei Dank Glück, dass Colonel Tavington erschienen war“, erzählte sie. „So ganz traue ich O'Hara nicht. Und du solltest das auch nicht tun“.
„Also auf diese Masche hätte ich auch keinen Bock gehabt. Wenn der Typ noch einmal so was sagt, tritt ihn doch in die Eier“, schlug Cass vor und leckte ihre Finger ab.
„Keine schlechte Idee. War ich aber nicht drauf gekommen, weil seine Art so eklig war“, sagte Jasmin und aß einen Butterkeks.

„General“, rief seine Lordschaft den Mann hinterher, der aus dem Haus und über den Hof lief.
Kurz vor dem Eichentor blieb O'Hara stehen und hatte einen wahren Wutanfall im Bauch gehabt.
„Dürfte ich jetzt mal erfahren, was Sie gegen Miss Wagner überhaupt haben?“, wollte Cornwallis wissen und fasste O'Hara an die Schulter.
Da griff O'Hara zu einer hinterlistigen Lüge und drehte sich zu seinem Chef um. Der General setzte ein wehklagendes Gesicht auf, das konnte er ganz besonders gut.
„Miss Wagner zollt mir keinen Respekt und wenn Sie mir keinen Respekt entgegenbringt, so ist das auch eine Beleidigung für Sie, Mylord“, kam es von der heuchlerischen Seele voller Lügen.
Seine Lordschaft überlegte und wusste nicht, was er sagen sollte.
„Nun, ganz kann ich das nicht glauben“, sagte er zu sich selbst. „Ich werde das später überprüfen“.
Plötzlich ging das schwere Eichentor auf und ein ganzer Tross aus Kutschen fuhr auf das Gelände. Die Zugpferde wieherten durcheinander, sodass Jasmin und Cassidy zu den Fenster gingen und hinaus sahen.
„Was glaubst du, wer die sind?“, fragte Jasmin und trank den Tee.
„Hohe Herrschaften bestimmt. Piekfein“, kaute Cass ihre Kekse und sah dann auf einmal die Familie Sims aus einer Kutsche steigen. „Kennen die wir nicht?“.
Jasmin sah über ihre Tasse und spuckte die Flüssigkeit aus den Mund.
„Heilige Scheiße. Was soll das denn?“, fragte sie und schnappte nach Luft.
„Robert Sims und seine Alten“, fügte Cass hinzu und sah ihren verhassten Tanzpartner hinterher.
Die Gäste wurden draußen von seiner Lordschaft und O'Hara begrüßt. Es war die betuchte Gesellschaft von Charlestown und Umgebung geladen. Neben den Sims reihten sich Kaufleute aus den Schmuckgewerbe hinzu und ein sehr schneidiger Mann mit seiner Frau waren darunter.
„Alter erschlage mich mal“, wollte Jasmin gern eine Schelle von ihrer Freundin bekommen.
„Was ist denn?“, fragte die Irin.
Cassidy folgte Jasmins Blick und sah den großen gutaussehenden Mann an, der eine sehr junge Frau sein eigen nannte.
„Boah, der sieht aber verdammt sexy aus. Den würde ich nicht von der Bettkante stoßen, wenn ich seine Frau wäre“, schmachtete Cass den Mann hinterher.
„Benedict Arnold“, kam es stotternd von Jasmin.
Schon viel hatte Jasmin über diesen Mann etwas gelesen.

Benedict Arnold. Einst ein Soldat auf der amerikanischen Seite, wechselte er zu den Rotröcken. Peggy hieß seine junge Frau, die circa 18 Jahre dazwischen hatten, aber sie liebten sich. Einst war er ein Held der Patrioten gewesen, jetzt war er ihnen nur noch verhasst. Zu allem Übel wurde er so viele Male übergangen, dass er vor ein paar Monaten entschloss die Seiten zu wechseln und seine schöne blaue Uniform gegen den roten Rock der Briten einzutauschen. Arnold hatte seine Landsmänner verraten und auch seinen General George Washington. Ein reines Schlamassel für die amerikanische Sache.
„Er war ein Held, jetzt nur noch ein Verräter, der auf der Seiten der Briten kämpft“, kam es von Jasmin knapp und bissig.
„Dieser Mann sieht gar nicht wie ein Verräter aus“, meinte Cass und konnte sich nicht das vorstellen.
„In der Bücherei wo ich arbeite konnte ich viele Briefe und Berichte über ihn lesen. Glaub mir, wenn der spricht, dann schlägt dir die ganze Verachtung um dieses Land hier ins Gesicht“, sagte Jasmin und wandte sich vom Fenster ab.
„Das werden wir nur auf einen Weg erfahren. Dieser Ball, der heute Abend hier doch ist“, meinte Cass und nahm sich noch einen Keks.
„Ein Ball, bäh“, ekelte sich Jasmin vor dem Wort und hasste es, wenn man noch immer von diesem Wort sprach.
Im 21. Jahrhundert sagte ja niemand mehr: „Hey, wollen wir auf nen Ball gehen?“ oder so. Das Wort Ball war Jasmin sehr verhasst und mochte eher das Wort Party, was sich nach viel mehr anhörte. Die Leute waren cool angezogen. Jeder konnte tragen was er wollte. Jede Musik war willkommen. Rock, Klassik, Hiphop, Rap, Samba oder auch in den letzten Jahren gewann der Swing aus den goldenen 20ern wieder an Aufmerksamkeit in Form von Elektro-Swing.
Da hatten sich die beiden mal dran gewagt und nach der Auffassung ihrer Freunde beherrschten es Jasmin und Cassidy ganz besonders gut.
„Sorry, ich habe für einen kurzen Moment vergessen, dass du das Wort hasst. Also Party. Komm heute Abend lassen wir es krachen“, schlug Cass vor und tanzte um Jasmin herum, die sie nur schief ansah.
„Bah, die wissen doch gar nicht was das „Krachen“ wieder heißt“, biss sich Jasmin auf die Zunge.
Genau in diesem Moment ging die Tür zum Arbeitszimmer seiner Lordschaft auf und die Dienerin Mary schritt hinein. Die Bedienstete blieb vor den beiden jungen Frauen stehen und sah sie milde an.
„Seine Lordschaft lässt fragen, ob sie sich beide noch ein bisschen frisch machen wollen vor dem heutigen Ball?“, kam es mit liebevoller Stimme von Mary, die das Gebäck sowie das Geschirr auf einem Tablett balancierte.
„Woher weiß denn seine Lordschaft, dass wir beide entschlossen haben, am heutigen Abend zu bleiben?“, fragte Cass, die sich am letztem Krümel verschluckte.
„Er wusste es einfach. Er konnte es Ihnen beide ansehen“, antwortete Mary und schritt aus dem Raum.
„Haben Sie denn noch ein Plätzchen für uns?“, fragte jetzt Jasmin, die einen Sessel grade rückte, weil dieser den etwas schief stand.
„Zum Ostflügel. Dort liegen vier Türen und...“, fing Mary an, aber die beiden Frauen waren sehr flink an ihr vorbeigezogen, sodass sie wie versteinert da stand. „Die zwei ersten Türen sind schon besetzt“.
Aber diese Aussage hörten sie nicht mehr. Jasmin schritt voran und passierte mit Cassidy den Ostflügel, wo die vier Türen waren. Jasmin entschied sich für die Tür auf der linken Seite, während die Irin, die gegenüberliegende Tür bevorzugte.
„Weißt du, was ich am meisten an diesem Haus vermisst habe?“, fragte Cass einfach so ins Blaue hinein.
„Na, was denn?“, fragte Jasmin zurück und lehnte sich an die Tür.
„Die kuscheligen weichen Betten“, antwortete Cass und legte ihre Hand um die Türklinke.
„Du bist ne kleine Träumerin“, meinte Jasmin und schüttelte mit dem Kopf, als auch schon ruckartig die Tür geöffnet wurde und die Deutsche ins Zimmer fiel.

Sie wurde hinterrücks überrascht und landete unsanft mit dem Rücken auf den harten Parkettboden.
„Jasmin“, rief Cass ihr nach und auch bei der Irin wurde die Tür geöffnet.
Zum Glück stolperte sie ins Zimmer und landete auf dem Po, aber oh Schmerz auf einer sehr empfindlichen Stelle.
„Welch überraschenden Besuch haben wir denn hier, Captain?“, fragte eine Stimme, die die beiden Frauen vertraut war.
Jasmin riss die Augen auf und blickte hoch ins Gesicht von Colonel William Tavington, der sie belustigt ansah. Ein Grinsen lag auf seinem Gesicht. Zusammen mit seinen eiskalten Augen wirkte es herablassend und spöttisch, aber auch wiederum verdammt verführerisch.
„Ein netter Besuch, Sir“, antwortete Captain Bordon, der dicht hinter Cassidy erschien und sie mit seinen Augen fixierte.
„Unverschämtheit“, riefen die Freundinnen wie aus einem Mund und versuchten sich krampfhaft aufzurichten, doch es half nichts.
„Dürfen wir Ihnen helfen?“, fragten die beiden Offiziere und erhielten nur ein verneintes Kopfschütteln.
Es musste doch einmal ohne männliche Hilfe gehen können. Cass Hintern fühlte sich noch immer schmerzhaft und betäubt an. Sie versuchte sich auf die Knie zu bewegen, aber nicht mal das schaffte sie. Sie erfasste mit ihrem irischen Mut beide Beine von Bordon und raffte sich an diesen hoch. Mit einem spöttischen Lachen sah er ihr dabei zu.
„Ohne meine Hilfe kommen Sie wohl doch nicht aus, oder?“, fragte er sie.
„Halten Sie die Klappe“, konterte Cass und hatte nun genug Halt um fest auf beiden Beinen zu stehen.
Bordon klatschte und Cass schoss die Wut ins Gesicht. Ihre Augen blitzten gefährlich auf und sie ballte die Fäuste.
„Sie verdammter Typ“, schrie sie und wollte ihm für diese Unverfrorenheit eine in die Fresse geben, aber der Dragoon hielt sie mit beiden Händen fest, sodass sie nur wenig ausrichten konnte.
Cass ließ von Bordon ab, als er sie losließ und beide ein Stöhnen vernahmen. Sie blickten beide in die andere Räumlichkeit von Tavington, wo immer noch Jasmin auf dem Boden lag und sich vor Schmerzen wand.
„Jasmin. Alles ok?“, fragte Cass und sah nur wie Jasmin ihre rechte Hand hob und das Peace-Zeichen machte.
„So ungefähr. Ich glaube, ich bin auf den Lendenbereich gefallen. Tut höllisch weh“, kam es schmerzverzerrt von Jasmin, die sich versuchte auf den Bauch zu rollen, was jedoch kläglich scheiterte.
Zwar lächelte Tavington hier zu, aber nicht aus Spott, sondern weil Jasmin trotz Schmerzen versuchte sich irgendwie aufzurichten. Der Colonel half ihr. Er hob sie vom Boden auf und versuchte sie auf den Boden zu stellen, aber wie stand Jasmin denn da? Wie ein altes Mütterchen, was einen krummen Buckel hatte. Sie versuchte sich so zu dehnen, dass sich ihr Rücken wieder einfügte, aber alles was kam, war ein schmerzverzerrtes Gesicht und kein Knacken.
„Oh, mein Rücken“, jammerte sie. „Warum immer ich?“.
„Immerhin war es nicht dein Gesicht“, meinte Cass und Jasmin wurde schlagartig rot im Gesicht.

Immer. Nur Jasmin passierten dauernd solche Missgeschicke, wovon Cassidy deutlich verschont blieb. Während Jasmin mal von der letzten Stufe der Leiter fiel, aus dem Auto gestolpert kam oder im Winter auf dem eisbedeckten Boden ausfiel, war Cassidy dabei gewesen sich nach jeden sexy Typen umzudrehen, der nen sexy Arsch auswies. Nur um dann ganz galant vor die nächste Laterne oder mitten auf der Straße von tausenden Autos an gehupt zu werden, dass sie gefälligst weitergehen soll.
Im Klartext hieß das, dass die beiden wandelnde Katastrophen waren. Seltsamerweise gab es hier im Jahre 1778 nur wenige sexy Typen zu bestaunen und die Gefahr mit Fettnäpfchen oder dergleichen war sehr hoch.
Auf einmal musste Jasmin über diesen Gedanken, den sie eben im Kopf hatte, lachen. Zu komisch war die Vorstellung, dass sie seit sie hier war, ihr mehr Missgeschicke passiert sind, als zuhause. Auch kam hinzu, dass es sehr wohl sexy Typen hier gab. Einer stand genau neben ihr.
Colonel William Tavington sah sehr gut aus und war vom Körper her sehr gut gebaut. Seine Augen waren das Meisterstück an ihm. Gefährlich und unwiderstehlich. Als wenn sich Eis und der Regensturm sich gegenseitig bekämpfen würden. Jasmin verlor das Gleichgewicht und fiel wieder zu Boden.
„Was war das denn?“, fragte Bordon gegenüber vom Flur, der diese Aktion nicht so ganz auf die Kette bekam.
„Sorry. Habe mein Gleichgewicht verloren“, sagte Jasmin und hob die Hand.
„Vielleicht sollten Sie eine kurze Pause einlegen“, empfahl Tavington und half ihr hoch. „Wenn Sie wollen. Mein Quartier“.
Der Colonel zeigte mit einer Hand im Raum herum und Jasmin verlor die Sprache. Auch Cassidy brachte kein Wort heraus, als sie den Captain an, der ihr zunickte. Wollten etwa diese beiden Soldaten die Freundinnen flachlegen? Der Gedanke lag nah, aber... oh Gott, sie spürten wie ihnen die Röte ins Gesicht schoss. Schnell kam Cassidy auf Jasmin und hakte sie bei sich unter.
„Komm wir sollten die anderen Zimmer nehmen“, schlug die Irin vor.
„Gute Idee“, kam es stöhnend von Jasmin, die kurz zu Tavington sah, wie er wieder sein selbst gefälligstes Lachen im Gesicht hatte.
Bordon war da auch nicht besser. Die Soldaten wussten wie man nach alter Manier noch eine Frau um den Finger wickeln konnten. Das konnten die so was von knicken.
Gerade als die beiden Freundinnen auf dem Flur kamen, hastete Mary an den beiden vorbei und hatte auf ihren Armen Bettzeug.
„Wow, da wird schon für uns die Zimmer fertig gemacht“, staunte Cass nicht schlecht.
„Tut mir leid, dass Ihnen sagen zu müssen. Aber ganz überrascht bat seine Lordschaft darum, dass Mr. Arnold und seine Frau sowie der General Henry Clinton hier heute Quartier beziehen werden“, war die enttäuschte Antwort von Mary gewesen und die Mädels waren einen Heulanfall nahe.
„Warum müssen wir immer Pech haben?“, fragte Cass. „Sind wir verflucht?“.
„Keene Ahnung. Ich weiß nur eins, mein Rücken“, keuchte Jasmin und spürte jeden einzelnen Wirbel in ihrem Lendenbereich.
Plötzlich tauchten die zwei Dragoons auf und wollten wieder ihre Hilfe anbieten.
„Unser Angebote stehen noch“, kam es von Bordon, der genauso groß wie der Colonel war und jetzt ein ernstes Gesicht aufgesetzt hatte.
Jasmin und Cass sahen einander an. Schlussendlich gaben sie auf. Zum einen weil sie echt müde waren und zum anderen taten ihnen dermaßen die Körper, dass sie diesen komischen Gedanken, von wegen flachlegen, erst mal beiseite schoben.

Cassidy ging mit Bordon mit, während sich Tavington um Jasmins Wohl sorgte. Bei Cassidy sah es nicht ganz so dramatisch mit dem Po aus. Aber unangenehm waren Bordons Blicke, die sie spürte als sie im Raum herumging.
„Ihnen scheint es ja besser zu gehen“, kam es vom zweiten Befehlshaber der Green Dragoons.
„Wo denken Sie hin? Ich versuche mich nur viel zu bewegen, dass der Schmerz schneller vorbei geht“, antwortete Cassidy und spürte einen Schmerz an der rechten Seite ihres Gesäßes.
„Das sehe ich“, lächelte Bordon und schaute sie wieder belustigt an. „Legen Sie sich hin“.
„Nein danke. Ich bin nicht müde“, log Cassidy schlecht und konnte ihren müden Blick nicht kaschieren.
„Legen Sie sich sofort hin!!“, befahl er im scharfen Befehlston, sodass Cass erschrak.
Sie tat es und legte sich auf das große Bett, was ihr viel zu riesig vorkam. Aber es hatte die gleiche Norm wie alle anderen Betten hier im Fort auch. Ihr Kopf lag weich auf einem Kissen und ihr Körper wurde mit einer warmen Decke aus Lammfell zudeckt. Bordon setzte sich kurz zu ihr und sah sie wieder an.
„Verzeihen Sie mir wegen meinen harschen Befehlston, aber...“, fing er an.
„Aber ich habe nicht gehört“, beendete Cassidy den Satz. „Ich weiß. Danke“.
Sie schloss die Augen und versuchte ein bisschen zu schlafen. Bordon war überrascht, dass sie sich bei ihm bedankt hatte. Er ging zu einem Kamin und entzündete ein Feuer. Danach setzte er sich in einen Sessel und begann ein Buch zu lesen.

Währenddessen im Quartier von Colonel Tavington, war die Stimmung dort eine ganz andere. Auch Jasmin versuchte durchs schiere Festhalten sich im Raum zu bewegen. Hielt sich an Stühlen, Sesseln und Tischen fest. Der Colonel ging nicht einmal dazwischen, sondern ließ sie einfach gewähren. Nach und nach spürte sie wie die Wirbel sich wieder in Reihe und Glied setzten, aber dieses Ziehen im Rücken war noch nicht vorbei. Kurz musste sie an einem der Fenster stoppen. Einige Schweißperlen hatten sich auf ihrer Stirn gebildet und sie stützte sich an der Fensterbank ab. Ihr Blick fiel nach draußen, wo sie weit zu den Wald blicken konnte. Es kamen diese schreckliche Erinnerungen wieder, wie Cassidy mit Blut bedeckt im Wald lag oder wie dieser schmierige Typ versuchte, ihr an die Wäsche zu gehen. Bei letztem wurde ihr schlecht. So schlecht das sich ihr Rücken und ihr Magen sich ein Gefecht lieferten, wer wohl als Erster den Schmerz über Jasmins Körper bringen würde. Der Magen klar im Vorteil, aber auch der Rücken wollte sich nicht geschlagen geben. Ihre Lendenwirbel hatten ihr wieder weh und der Magen konnte nicht mehr lange die Magensäure zurückhalten.
„Miss Wagner“, kam es hinten von ihr weg, als sie Tavingtons Stimme vernahm.
Jasmin drehte sich zu ihm um und ihr rosiges Gesicht hatte eine bleiche Farbe angenommen.
„Was?“, war sein einziges Wort und schritt näher zu ihr.
„Sorry, Colonel“, kam es von ihr und lächelte schwach. „Aber, ich glaube, mir wird schlecht“.
Mit dieser Aussage kniete sie sich auf den Boden. Ihr Hals fühlte sich wie aufgebläht an und die Magensäure kam ihr hoch. Geistesgegenwärtig ahnte der Colonel das Unglück, was sich gleich ereilen würde und schnappte sich auf dem Tisch, nahe des Kamins eine alte Vase. Zuvor waren in der, weiße Lilien gewesen, die aber vor vier Tagen verwelkt waren.
Jasmin ließ die eklige Masse in die Vase fallen. Kalter Schweiß lief ihr Gesicht runter und ihre Haut fühlte sich auch sehr kalt an. Sie zitterte und das Würgen tat ihr im Hals weh. Tavington tat für sie noch mehr. Er holte eine Decke hervor und bat den Diener Maxwell um eine Kanne mit Kräutertee. Jasmin war von so viel Erste-Hilfe überrascht gewesen und musste durch dieser Freude ein letztes Mal würgen. Dann war alles vorbei. Maxwell kam ins Zimmer. Stellte die Kanne mit dem Tee ab. Der Colonel überreichte ihm die Vase mit dem ekligen Inhalt und schloss dann die Tür ab. Mit einem glasigen Blick und zitternden Körper fiel Jasmin zur Seite. Sofort hatte sie Tavington auf seine Arme gehabt und trug sie zum Bett.
„Entschuldigung. Ich mache Ihnen nur Arbeit“, entschuldigte sich beim hochrangigen Soldaten.
„Eine kleine Aufregung kann man verzeihen“, sprach er und legte sie auf dem Bett ab. „Ruhen Sie sich etwas aus“.

Wie fürsorglich William Tavington nur war, wenn Jasmin kennen würde, so würde sie feststellen, dass er in der Bevölkerung den Beinamen „Der Schlächter“ trägt. Wegen seinen brutalen Taktiken, von den Amerikanern und seinen Landsleuten gehasst. Und dennoch war er durch und durch ein Gentleman aller erster Klasse.
„Trinken Sie den Tee. Wenn Sie irgendetwas brauchen, rufen Sie nach mir“, sagte er und entfernte sich vom Bett.
Tavington sagte nichts seiner Lordschaft, dieser sollte sich nicht mit diesem kleinen Zwischenfall beschäftigen. So nahm der Colonel auf einer Fensterbank Platz und schaute hinaus.
Das Wetter war heute besonders schön gewesen. Die Sonne erhellte das Land und die vielen Waldtiere kamen aus dem Unterholz hervor, um auf den Wiesen nach Nahrung zu suchen. Hirsche, Hasen, Wildschweine und Fasane. Ab und zu segelte ein großer Adler am Himmel vorbei und machte Jagd auf eine Maus, die er mit seinem scharfen Blick ausfindig machen konnte.

Unten im Erdgeschoss des Forts stand eine kleine Gruppe aus Personen im Kreis und Willkommensgrüße wurden verteilt und weitergegeben. Cornwallis und O'Hara unterhielten sich mit Henry Clinton und Benedict Arnold, sowie auch mit Robert Sims und dessen Vater. Während die Frauen bestehend aus Mrs. Sims, Peggy Arnold und der Geliebten von General Clinton, sich ein Wortgefecht leisteten, welche die schönste Robe anhatte. Mary und Maxwell verteilten Gläser mit Sekt und kleine Appetithäppchen.
„Ich freue mich schon sehr auf den heutigen Abend“, lächelte Peggy Arnold.
„Ich zwei weitere Gäste eingeladen, die schon im Fort sind“, meinte Cornwallis und kostete den leckeren Sekt.
„Ach ja. Wer ist denn eingeladen?“, fragte jetzt Mr. Sims.
„Das werde ich noch nicht verraten. Später werden Sie es schon noch sehen“, sagte der Lord und gab sich sehr geheimnisvoll.
Die Gäste vermuteten alle, dass es hohe Persönlichkeiten sein könnten. Vielleicht sogar der König mit seiner Frau. Die Gruppe bewegte sich zum Saal für Festlichkeiten, wo schon ein großer Tisch mit Tee und Gebäck bereit stand.
„Maxwell“, rief Cornwallis seinen Diener herbei. „Wo sind die beiden? Sie wissen schon“.
„Oben im Ostflügel und ruhen sich dort aus“, antwortete der Diener, der die strickte Order vom Colonel bekommen hatte, nichts vom Zwischenfall zu sagen.
„Sehr schön. Der Empfang ist um 18 Uhr. Das Dinner bitte um 18:30 Uhr auftischen“, kam es organisiert von dem Lord und der Diener verstand.
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