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Verbrannt

von Taina
OneshotAngst, Freundschaft / P16 / Gen
Elphaba Thropp Glinda/Galinda Upland of the Upper Uplands
04.12.2017
04.12.2017
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Ich benutze nur die englischen Namen - Die deutschen kenne ich nur zum Teil und irgendwelchen Mischmasch möchte ich dann doch vermeiden.
Triggerwarnung: Selbstverletzendes Verhalten




Verbrannt



Als der Regen aufzieht, sitzt Elphaba auf ihrem Bett. Sie liest. Schneidersitz, großformatiges Buch auf den Knien, schwarze Haare über die Seiten hängend, ihr Gesicht verbergend, sie von allen Außeneinflüssen abschirmend.

Sie liest nicht um Wissen zu gewinnen. Nicht hauptsächlich. Streber. Die anderen hörten nicht auf zu reden. Freak. Sie blättert um. Streift ihre Haare aus dem Weg. TIERE sind nicht in der Lage, wie die Menschen zu denken. Die Wörter verschwimmen vor ihren Augen. Sie liest noch einmal. TIERE sind nicht in der Lage, wie die Menschen zu denken. Ich habe sie sich noch nie waschen sehen. TIERE sind nicht in der Lage, wie die Menschen zu denken. Gelächter. Das Buch ist schon alt. Immer… farbloser. Bestimmt dreißig Jahre war es in der Bibliothek verstaubt. Kaum jemand hatte es gelesen, die Seiten waren glatt wie neu, aber vergilbt als hätten sie zu lange in der Sonne gestanden. Gekicher. Mehr TIER als Mensch. Oh, warum hatte Dr. Dillamond das nur gesagt? Farblos?
Wie die Menschen zu denken.
Farbloser… TIER…

Aber sie denkt. Sie denkt und lernt und liest und übt und schläft und isst und lernt und liest und studiert und lernt, denkt, lernt, liest, lernt, denkt, hört ihren Professoren zu.
Aber es ist nie genug.

Denn sie gehört nicht dazu. Sie lernt und denkt und lernt und hört zu und ist stets die letzte im Raum und stets die erste, und die Anderen kommen zehn Minuten nach ihr, und vermeiden die erste Reihe, in der sie immer sitzt. TIER. Sie ist TIER. Wenigstens TIER, nicht Tier, sie stehen ihr noch eigene Gedanken zu.
Keine über Freunde, natürlich nicht. Keine über Gesellschaft, über Kleidung, über Tratsch, sie ist der einsame Streber, der es weit bringen kann, wenn er denn eine andere Hautfarbe besäße, keine panische Angst vor Wasser haben müsste und nicht dieses seltsame magische Talent hätte, mit dem er jeden in Angst und Schrecken versetzt.

Als das Fenster zuknallt, schreckt sie auf.
TIER, TIER, TIER, Gelächter, Wasser…
Der Boden ist gesprenkelt mit dicken Regentropfen. Das Fenster weht auf, Wasser fliegt in den Raum, auf Galindas Bett und darüber, einige Tropfen landen nicht weit von ihrem eigenen Bett.
Es ist doch nur Wasser…
Und Elphaba flucht, weicht zurück, kann nirgendwo hin, vielleicht schnell ins Bad, ist ausgeliefert, muss das Fenster offenlassen, weil sonst Wassertropfen ihre nackten Füße reizen, ihre Hände verbrennen, ihr Gesicht verätzen. Jetzt bemerkt sie den Wind, der schreit, und er schreit, und er heult und ruft und schreit, und die Stimmen in ihrem Kopf schreien auch, Es ist doch nur Wasser, Wovor hast du Angst, Trink doch etwas Wasser, Du wäschst dir nie die Hände, noch nicht einmal nach der Toilette. Sie umklammert die Decke, versucht sich irgendwie zu schützen, weiß, dass Galinda erst spät kommen wird, weiß, dass Galinda das hier nicht sehen darf, hofft auf Sonne, fürchtet Galinda und das Geläster der anderen, hat Angst, Angst, Angst.

Es ist doch nur Wasser!

Stille. Stille in ihrem Kopf, um sie herum. Ihre Hand fliegt an ihre Wange. Sie zieht die Luft scharf durch ihre Zähne ein. Führt sich die Hand vor Augen. Rot. Das ist nicht ihre Farbe. Rote Fingerkuppen. Wasser.
Es brennt und brennt und brennt, aber nichts anderes. Es brennt, und in ihrem Kopf ist Stille. Stille. Nur dieses Brennen, um das sie sich später kümmern muss, aber es ist Stille. Echte, wahre Stille. Und Brennen.
Sie steht auf, geht ins Bad nimmt ein Handtuch. Trocknet sich ab, doch das Brennen hört nicht auf, die Stille auch nicht. Sie könnte es beenden, ihr heilendes Öl nehmen und auf die Wunden träufeln, aber sie genießt die Stille.
Sie richtet sich auf und nimmt ein Handtuch. Elphaba möchte endlich das Fenster schließen. Die Nässe im Zimmer beseitigen bevor Galinda kommt. Ihre Panik ist wie weggewischt. Das Brennen, das das Wasser hinterlässt, ist willkommen. Die Stille im Kopf. Das Brennen. Die Stille. Ruhe. Sorglosigkeit.

Dann sieht sie einen grünen Schatten im Spiegel. Das Brennen hört auf. Hört einfach auf, als hätte jemand es abgestellt. Die Stille ist fort. Und sie denkt an den Jungen, der ihre Wangen in einem dunkleren Grünton anlaufen ließ, als er an ihr vorbeiging, der keinen blöden Spruch machte, dem sie hinter hersah. Sie denkt an das Gelächter der Anderen, die sofort bemerkten, was in ihr vorging, schneller als sie selbst. Sie versteht es immer noch nicht. Aber sie versteht die Worte der Anderen.
Die Artischocke scheint verliebt… Bildet sie sich ein, dass jemand sie lieben könnte? Jemanden mit einem so… leuchtenden Verstand?
Jemand so grünen würde niemals irgendjemand lieben. Elphaba hat sich nie gehasst, nie wirklich gehasst, ihren Körper auch nicht, höchstens verflucht, weil alle vor ihr zurückweichen, aber häufig ist ihr genau das gerade recht. Sie sehnt sich selten nach Gesellschaft. Und jetzt denkt sie an diesen Jungen, möchte sich mit ihm unterhalten, und zum ersten Mal fürchtet sie wirklich, dass ihre Hautfarbe es verdirbt.
Und sie fürchtet nicht nur, sie hasst, sie hasst diese langen grünen Finger, diese graugrünen Lippen, diese spitze grüne Nase, auf die sie jetzt zielt, nicht bei sich selbst, sondern im Spiegel, und schlägt. Sie spürt den Schmerz, als der Spiegel unter ihren Fingerknöchelchen zersplittert und sich die Scherben in ihre Finger bohren. Elphaba weicht zurück, sie hasst sich dafür, dass sie zerstört, sie will eigentlich gar nichts zerstören, eigentlich will sie nur auf ihrem Bett sitzen und lesen, das wäre genug, bei weitem genug, doch seit der Regen kam wechseln sich bei ihr Erinnerung, Geschrei, mit der absoluten Ruhe ab, die sie verspürt, wenn ihr Schmerz von der Seele auf den Körper geleitet wird.

Jetzt starrt sie ihre Hand an, ihre schmerzende Hand, sieht nach unten, in die Spiegelsplitter, sieht grün, grün, grün, überall dieses verhasste grün! Sie greift zur Seite neben das Waschbecken, will ihren immer trockenen Waschlappen greifen, der dort nur pro forma hängt, und ihn auf ihre Finger drücken, den Schmerz betäuben, sich aber dennoch ganz auf ihn konzentrieren um nicht grün zu sehen, aber sie greift nach Galindas Waschlappen, den diese vor wenigen Stunden noch benutzt hat und der dementsprechend feucht ist, bemerkt es zunächst nicht, presst ihn mit der linken Hand auf ihre rechte, weicht immer mehr zurück, spürt, wie sich noch mehr Schmerzen in ihren Körper schleichen.
Irgendwann liegt sie zusammengekauert in der äußersten Ecke des Badezimmers. Sie versteht nicht, was sie gerade getan hat und will es eigentlich auch nicht verstehen, aber das, was sie versteht, lässt sie aus Scham vor sich selbst zusammensinken. Das war doch nicht sie selbst, oder? Sie nimmt nichts mehr war, auch nicht, dass Galinda ihr gemeinsames Zimmer betritt und wütend Elphabas Namen ausruft, sich ärgert, dass ihre Mitbewohnerin einfach das Fenster aufgelassen hat und weggegangen ist. Sie bemerkt nicht, dass Galinda kurz nach ihr sucht und dann in das Badezimmer kommt, um Handtücher zu besorgen um das Chaos im Zimmer zu beseitigen. Auch Galinda bemerkt den wimmernden grünen Haufen zunächst nicht.

Als sie ihn doch bemerkt, weiß sie nicht, was sie tun soll. Sie hat sich soeben ihre erste, allererste längere Rede an Elphaba ausgemalt, überlegt, wie sie sie beschimpfen sollte und ihr ihre Verantwortungslosigkeit vorwerfen sollte, aber jetzt scheut sie sich davor. Sie sieht nur Elphabas Haare, zwei Hände vor dem Gesicht zusammengepresst, der Rest ist ein Haufen Elend, der ständig leise wimmert und hin und wieder die Nase hochzieht.

„Miss Elphaba.“ Sie reagiert nicht. Sie nimmt noch nicht einmal die Stimme ihrer Mitbewohnerin wahr, ebenso wenig die Schritte, als Galinda zu ihr kommt. Galinda geht langsam, scheut sich vor der Grünen, möchte sie aber genauso wenig einfach liegen lassen – das macht man schließlich nicht, oder? „Elphaba, bitte…“ Ihre Stimme klingt genauso hilflos wie sie sich fühlt, sie hat keine Ahnung was sie machen soll, aber eigentlich ist es auch egal, Elphaba reagiert auf nichts, nimmt nichts wahr, will nichts wahrnehmen, das einzige, was sie umgibt ist der Schmerz der ersten Wassertropfen, der Scherben, des Waschlappens und der salzigen Tränen, die von ihren Augen direkt in den Mund fließen.
Galinda berührt sie sachter an der Schulter, als sie selbst gedacht hätte, drückt kurz, versucht aufmunternd zu sein, doch es gelingt ihr nicht. Elphaba reagiert nicht, oder wenn doch bemerkt Galinda nichts. Also greift sie nach Elphabas Händen und zwingt sie nach vorne. Keine Gegenwehr. Der Kopf senkt sich nur noch weiter, bis die Haare das ganze Gesicht verbergen. Die Hände zittern, als Galinda sie auseinanderzieht. Sie nimmt den Waschlappen heraus. „Elphaba, was hast du gemacht?“ Die Hände sind rot, viel dunkler als ihre eigenen, wenn sie zu lange in der Sonne gelegen hat. Sie will sich einreden, dass das alles kein Problem ist. Aber natürlich ist es eins. Die Finger der rechten Hand sind zerschnitten und blutverschmiert. Die linke Handinnenfläche ist rot als hätte Elphaba sie in ein Feuer gehalten. Aber hier war kein Feuer, oder?

Galinda nimmt ihren Waschlappen, befeuchtet ihn und geht zurück zu Elphaba. Sie nimmt die Hand mit dem Blut, und jetzt wehrt sich Elphaba, jedoch nur ganz leicht. Erst als der feuchte Lappen ihre Haut berührt, zieht sie ruckartig die Hand zurück. „Nein…“
„Ich weiß, dass es wehtut, Miss Elphaba, aber es muss sein, ich muss deine Hand reinigen, damit sich nichts entzündet.“
„Nein. Bitte, nein“
„Elphaba, gib mir deine Hand. Bitte. Das entzündet sich.“ Galinda versucht, hinter dem Haarvorhang Elphabas Augen ausfindig zu machen, versucht, in diese vernünftigen, dunklen Augen zu blicken, die sonst immer so viel klüger blicken als ihre.
„Nein!“
Galinda resigniert. Will nicht resignieren, tut es aber. Sie hat es noch nie geschafft, sich gegen irgendwelche Gegenwehr durchzusetzen. Auch hier nicht. „Warum?“ Keine Antwort. „Warum, Elphaba?“ Keine Reaktion. „Bitte, Elphaba, sprich mit mir!“ Es ist Panik, die in ihrer Stimme mitschwingt. Sie streckt die Hand aus, greift nach den Haaren vor dem Gesicht und streicht sie beiseite. Sie zuckt zurück. Elphaba bleibt sitzen, ohne Regung, die Augenlider gesenkt. Nichts kann die blutigen Wege von ihren Augen zum Mund verbergen. „Elphaba!“ Jetzt schwingt die Panik nicht mehr nur in ihrer Stimme mit, ihre Stimme ist von Panik erfüllt. „Sag mir jetzt sofort was los ist, oder“, Galinda atmet tief ein, „oder ich hole Morrible.“
„Nein.“
„Elphie, bitte.“ Keiner der beiden bemerkt, dass Galinda Elphabas Namen verkürzt hat. Es ist nicht wichtig. „Elphie, bitte…“ Galinda redet ihr gut zu, bettelt regelrecht um eine Aussage, die sich nicht auf nein oder bitte beschränkt.
„Sag es niemandem.“
„Natürlich nicht.“ Galinda lügt, so wie sie immer lügt, wenn sie etwas Spannendes für den neuesten Tratsch herausfinden kann.
„Es ist mein Ernst. Versprich es, schwöre es, dass du niemandem etwas sagst.“ Zum ersten Mal öffnet Elphaba die Augen und fixiert starr jene Galindas. „Die bringen mich sonst noch um.“
Es ist der Drang und die Ernsthaftigkeit in diesen Worten, die Galinda zustimmen lassen. „Ich verspreche es. Was auch immer du mir sagst, ich werde es niemandem erzählen.“ Elphaba prüft nochmals die Augen der anderen und sieht nur Aufrichtigkeit in den blauen Augen, eine Tatsache, die sie sehr erstaunt.
„Ich habe eine Allergie gegen Wasser.“ Elphaba beobachtet die Verwunderung, dann Unglauben, schließlich Neugier auf Galindas Gesicht.
„Wirklich?“
„Sonst würde ich nicht hier hocken.“ Elphaba sieht die Fragen in Galindas Augen, die sie nicht wagt zu stellen. Sie seufzt. „Ich bin nie wirklich mit Wasser in Berührung gekommen. Meine Nanny erzählt immer, dass ich mich wie eine Katze gesträubt habe, wenn ich baden sollte. Sie haben’s dann mit Milch gemacht.“
„Gut. Und was ist hier passiert?“
„Es hat angefangen zu regnen. Ich habe Wassertropfen abbekommen, bin hier rein und habe in der Hektik nicht bemerkt, dass es dein Waschlappen ist. Dann bin ich hingefallen und habe dabei den Spiegel geschlagen.“ Elphaba sieht an Galinda vorbei, weil sie weiß, dass sie lügt und weiß, dass Galinda weiß, dass sie lügt, es aber nicht zugeben will und überhaupt nicht über ihre Gefühle sprechen will, Gefühle, die so selten aufkommen.
„Elphie… Du lügst. Ich habe dir versprochen, niemandem etwas zu erzählen, du kannst mir auch gleich die Wahrheit sagen.“ Elphaba wendet ihren Kopf ab, zieht sich zusammen, bis sie fast wieder das Häufchen Elend ist, das Galinda vor einer halben Stunde vorgefunden hat. „Weißt du was? Ich räume da drinnen erstmal auf. Dann kommst du wieder hier raus und sagst mir, was wirklich los ist.“

Galinda lässt die Tür weit offenstehen und schaut fast jede Minute ins Badezimmer. Sie hat Angst. Angst, dass Elphaba sich irgendetwas antut – denn genau das ist es, was sie getan haben muss. Anderen hätte sie so viel Trotteligkeit zugetraut wie Elphaba sie beschrieben hat, nur ihr nicht, die immer ruhig und kalkuliert handelt. Jemand wie Elphaba schlägt nicht versehentlich einen Spiegel. Jemand wie Elphaba nimmt nicht einfach einen nassen Waschlappen, wenn er dagegen allergisch ist. Jemand wie Elphaba lässt nicht das Fenster offenstehen, wenn der Sturm wütet.
Aber Elphaba liegt nur stumm in der Ecke und bewegt sich nicht.

Irgendwann ist Elphabas Bett trocken. Galinda führt sie dorthin und räumt weiter auf, wischt den Boden und bezieht ihr eigenes Bett neu. Sie tauschen kein Wort. Elphaba liegt regungslos im Bett, zur Wand gewandt. Auch als Galinda sich zu ihr aufs Bett setzt, zeigt sie keine Regung. Elphaba hält die Augen geschlossen, stellt sich schlafend, hofft, dass Galinda darauf reinfällt.
Tut sie. Sie steckt die Decke nur etwas fester. „Gute Nacht.“ Nur ein leises Wispern.

Elphaba steht am nächsten Morgen nicht auf. Sonst ist sie immer eine Stunde vor Galinda auf, nervt sie durch ihre reine Anwesenheit. Doch heute schläft sie. Sie wacht immer früh auf. Immer. Nur heute nicht. Als sie endlich aufwacht, findet sie nur eine Notiz von Galinda. Ruh dich aus. Ich entschuldige dich in der Schule. Mach keinen Blödsinn. Galinda.
Elphaba steht auf und geht ins Bad, holt endlich ihr Heilöl und träufelt es auf ihre Hand, massiert es sanft ein, solange sie es ertragen kann, die verätzte Haut anzufassen, und schmiert sich dann etwas ins Gesicht, während sie in einen von Galindas Spiegeln blickt. Die Scherben im Bad sind verschwunden.
Fassungslos berührt sie die roten Linien im Gesicht, streicht sich die Haare über den Kopf. Ihr Bauch fühlt sich an wie ein Steinbruch. Warum?

Galinda erscheint zur Mittagszeit. Sie öffnet die Tür leise. Elphaba sitzt am Schreibtisch, vor sich ein Aufsatz, den sie in der nächsten Woche abgeben muss. Normalerweise würde sie jetzt den Kopf gesenkt halten und Galinda ignorieren, doch heute hebt sie den Kopf. „Ich hab‘ dir was zu Essen mitgebracht.“
„Danke.“ Elphaba lächelt. Zum ersten Mal, seit sie in Shiz angekommen ist, lächelt sie. Ausgerechnet Galinda lächelt sie an. Das Mädchen, das sie vor zwei Tagen noch abgrundtief verachtet hat.
„Die Lehrer denken, dass du krank bist. Sie glauben mir.“
„Danke.“ Elphabas Stimme ist leise, als sie sich wiederholt. „Du bist zu gut.“ Sie meint es ernst.
„Ich wusste nicht, was du isst.“ Galinda reicht Elphaba die Tüte mit dem Essen. Sie öffnet sie. Reis mit Soße und Möhrengemüse. Kein Fleisch. Galinda merkt wohl mehr als sie selbst weiß. „Was trinkst du eigentlich?“ Elphaba hört die Scham in Galindas Stimme. Sie wohnen seit mehr als einem Dreivierteljahr zusammen und wissen nichts voneinander.
„Alles, was kein reines Wasser ist.“ Elphaba schluckt. „Meine… Allergie ist… wechselhaft. Ich reagiere auf alles anders. Reines Wasser geht gar nicht, Tee dagegen schon. Tränen nicht, aber als Kind habe ich auch an meinem Daumen gelutscht, ohne dass er verbrannt ist. Ich weiß nie, wie ich auf irgendwas reagiere, bevor ich es ausprobiere. Früher hatte ich eine Art Frühwarnsystem. Heute nicht mehr. Aber wenn ich irgendwas mit zu viel Wasser berühre…“ Sie hält ihre Hand hoch.
„Willst du die wirklich so offenlassen?“
Sie zuckt mit den Schultern. „Heilt so am besten ab.“ Fragender Blick. „Erfahrung.“

Galinda schaut auf ihre Armbanduhr – eines der wenigen wirklich modischen Modelle – und ist plötzlich in Eile. Sie setzt Wasser auf und öffnet ihre Schublade mit ihren vielen Teesorten. „Was möchtest du?“
„Irgendwas mit Kräutern.“
„Hab‘ ich nicht.“
„War klar.“ Sie lachen. Galinda setzt irgendeinen Tee auf, der sich verdächtig rosa färbt, und schüttet löffelweise Zucker rein.
„Ich muss zu Morrible.“
„Was sagst du ihr?“
„Keine Ahnung. Mach dir keine Sorgen, du würdest niemals eine Klasse schwänzen, nicht einmal Morribles.“
„Gerade Morribles. Denk dir was Gutes aus. Niemand darf mich so sehen.“ Ihre Hand wandert zu den roten Streifen in ihrem Gesicht.
„Natürlich.“ Galinda lächelt. „Bis nachher.“

Am Abend schreibt Elphaba Galindas Aufzeichnungen ab. Morrible hatte keinen Grund zur Beanstandung ihrer Entschuldigung, zu ihrer beiden Verwunderung. „Was schreibst du hier eigentlich für einen Quatsch?“ Elphaba deutet auf eine Stelle in Galindas Mitschriften. „Das stimmt doch niemals.“
„Beschwer dich nicht. Ich habe heute zum ersten Mal wirklich ausführlich mitgeschrieben.“
Erstaunen macht sich in Elphabas Gesicht breit. „Wirklich? Für mich?“
„Natürlich. Für wen sonst?“
„Danke…“ Galindas blondes Köpfchen beinhaltet doch etwas mehr als Mode.

„Genug jetzt.“ Galinda zieht Elphaba ihr Heft weg. „Du kannst morgen noch arbeiten. Du hast mir versprochen, alles zu erzählen.“
„Habe ich nicht.“
„Komm schon.“
„Bist du nur so nett zu mir, damit du neuen Gesprächsstoff hast?“ Plötzlich ist Elphabas Misstrauen wieder da. Galinda weicht zurück.
„Natürlich nicht.“ Aber sie sagt nichts mehr, und Elphaba weiß nicht, ob es ertapptes oder beleidigtes Schweigen ist. Als sie einschläft verflucht sie ihre Unsensibilität, ihre soziale Inkompetenz, ihren Vater, der ihr die Schuld an der Behinderung ihrer Schwester gibt, und Galinda, deren Motive sich ihr einfach nicht offenbaren wollen.

Am dritten Tag kommt Galinda nicht einmal in der Mittagspause. Elphaba versucht, sich zu erinnern, ob sie gestritten haben, aber abgesehen von ihrer Weigerung, ihre Lebensgeschichte offenzulegen ist nichts vorgefallen.
Also sieht sie auch nicht auf, als Galinda am Abend das Zimmer betritt. Sie ist vertieft in einen Aufsatz für Professor Dillamond.
„Morrible fordert, dass du morgen wieder in ihrem Unterricht sitzt oder ein ärztliches Attest vorlegen kannst.“ Elphaba lehnt sich mit geschlossenen Augen zurück. Ihre Wangen sind noch lange nicht verheilt, geschweige denn ihre Hände.
„Nein…“ Sie flüstert kraftlos.
„Ich war einkaufen.“
„Du erfährst von meinem Verderben und gehst einkaufen. Wie wahnsinnig feinfühlig von dir. Irgendeine Idee um Morrible zu umgehen ist dir wohl nicht gekommen, was?“
„Ich habe überall gesucht, wirklich überall, und es war wirklich nicht leicht-“
„Oder ist das deine Art mit Problemen umzugehen? Mit genug Geld kann man schließlich alles richtigstellen, was? Oder willst du eine Vogelscheuche basteln und in Morribles Klasse setzen, um ihr vorzuspielen, das sei ich? Woher kriegst du dann die grüne Farbe fürs Gesicht?“ Elphaba ist aufgesprungen und stützt sich auf dem Schreibtisch ab, um Galinda auf der anderen Seite zusammenzustauchen.
„Hörst du eigentlich auch mal jemand anderem zu?“ Elphaba schweigt. „Ich war einkaufen. Ich habe nach Makeup gesucht, um dein Gesicht vorzeigbar zu machen. Du hast schließlich jeden Tag dein Öl draufgemacht, und so schlimm sieht es nicht mehr aus. So empfindlich ist es auch nicht mehr, also kannst du da einfach Creme oder so draufmachen, und dann überschminken wir das einfach und keiner wird irgendwas bemerken und…“ Galinda plapperte immer weiter, während Elphaba mit offenem Mund dasteht. Plötzlich tut es ihr leid, ihre Zimmerkameradein angefahren zu haben. Rückgängig kann sie es nicht machen.
Noch nie hat irgendjemand etwas Vergleichbares getan.
„Womit habe ich das verdient?“
„Du bist mehr als die grüne Streberin, die alle in dir sehen.“ Galindas Antwort ist so nüchtern, dass Elphaba die Rührungstränen in die Augen steigen.
„Du bist der erste Mensch, der sich um mich kümmert. Du bist der erste Mensch, dem ich irgendetwas zu bedeuten scheine.“
„Du wirst jetzt nicht weinen, sonst war meine Aktion umsonst!“ Sie lachen. „Jetzt komm. Wir müssen das heute ausprobieren, damit wir wissen, wie lange wir morgen brauchen.“
Galinda breitet den Inhalt ihrer Tüte aus, verschiedenste Schminkprodukte fallen heraus, kein einziges könnte Elphaba benennen. Die meisten sind grün, und Galinda hat ihre Hautton erstaunlich gut getroffen.
„Du willst mich aber nicht galindafizieren, oder?“
Galinda lacht. „Wo kämen wir denn dann hin? Wir müssen immer noch den Schein des einsamen Strebers wahren, oder?“ Elphaba wendet den Blick ab. „Den Schein, Elphaba. Du bist nicht allein. Versprochen. Ich lasse dich nicht allein, okay?“
Sie nickt. Schluckt. „Okay.“ Pause. „Dann fang an.“

Eine halbe Stunde später sind die Spuren unsichtbar. Elphaba starrt in den Spiegel, den ihr Galinda hinhält. „Fass dir einfach nicht ins Gesicht, dann hält es.“ Zum ersten Mal in ihrem Leben, zum allerersten Mal, wendet sich Elphaba einer anderen Person zu und drückt sie an sich. Zum allerersten Mal, und es ist ein komisches Gefühl, ein ganz komisches, aber ein schönes, und Galinda schlingt ihre Arme um sie und flüstert, ganz leise, gerade so hörbar: „Als ob du jemals dein Leben beenden wolltest. Du wolltest einfach nur damit anfangen.“ In diesem Moment merkt Elphaba, dass sie recht hat. Und dass sie ein Leben hat. Und dass sie Galinda vertrauen kann. Sie lösen sich aus der Umarmung.
„Ich kann dir das nicht zurückzahlen. Mein Vater hält mich an der kurzen Leine.“
Galinda macht eine wegwerfende Handbewegung. „Geschenkt. Dafür sind Freunde da.“ Sie greift in ihre Tüte. „Ich habe dir noch was mitgebracht. Ich mag die dunkle Schokolade zwar nicht, aber vielleicht stellst du dir die einfach selber auf das Nachtschränkchen.“ Lächelnd hält sie Elphaba eine Packung der kleinen Schokotäfelchen hin, die sie selber auf dem Nachtschränkchen stehen hat, nur gefüllt mit den Täfelchen, die Elphaba in den letzten Tagen heimlich herausgeklaubt hat.
Elphaba starrt beschämt auf den Boden. „Tut mir leid. Ich wollte dich nicht bestehlen. Wirklich nicht…“ Aber sie hat es getan. Sie hat sich einfach die Täfelchen genommen, weil sie geahnt hat, dass Galinda ihr nie welche abgeben würde. Weil sie sie sich nicht selbst leisten kann.
„Ist schon in Ordnung. Jetzt nimm.“
„Du solltest sie lieber selbst behalten. Ich habe dir schließlich deine weggegessen.“
„Aber das sind die dunklen. Und die dunklen esse ich nicht.“ Galindas Stimme ist so bestimmt wie schon lange nicht, und weil Elphaba keine Anstalten macht, ihr die Schachtel abzunehmen, stellt sie sie einfach auf deren Nachttisch.
„Mein Vater gibt mir kein Geld. Alles Geld, das ich hier ausgebe, muss ich mir selbst erarbeiten, und meine Arbeit wirft gerade genug Geld ab, dass ich mir das Mittagessen leisten kann.“ Elphaba atmet tief durch. Sie setzt sich aufs Bett. „Weißt du, mein Vater hasst mich.“
„Niemals.“
„Doch. Ich habe eine kleine Schwester, und einen Bruder. Und als meine Mutter mit meiner Schwester schwanger war, hat mein Vater sie immer Milchblumen kauen lassen, damit sie nicht auch grün wird. Nessa. Nessarose. Mein Vater liebt sie. Aber sie ist viel zu früh gekommen. Ihre Arme sind verkrüppelt, und laufen kann sie gar nicht. Mein Vater macht mich dafür verantwortlich. Und als mein Bruder geboren wurde, ist meine Mutter nie mehr aufgestanden.“
„Tut… mir leid…“
„Muss es nicht. Es ist nicht deine Schuld. Meine vielleicht, aber deine nicht. Ich habe mich mein ganzes Leben um Nessa gekümmert. Mein ganzes Leben, bis ich in Shiz aufgenommen wurde. Ich hatte gehofft, hier würde sich irgendetwas ändern. Ich hätte es besser wissen müssen. Ich meine, wer will schon was mit mir zu tun haben? Gib’s zu, du wolltest genauso wenig wie die anderen mit mir zu tun haben, ich habe doch gesehen, wie du mich gehasst hast. Ich versetze alle in Angst und Schrecken, vor allem nachdem ich ausgerastet bin, als mich am ersten Tag alle angestarrt haben. Aber ich kann das einfach nicht ertragen, weißt du? Früher haben mich auch immer alle angestarrt, und die erste Kindergruppe, mit der ich spielen sollte, hat mich mit Steinen beworfen.“
„Und jetzt ist alles zusammengekommen?“
Elphaba nickt. „Hinter meinem Rücken haben sie die ganze Zeit schon geredet.“ Ihre Wangen nehmen einen dunkleren Grünton an, als sie weiterredet. „Und dann war da doch dieser Junge, der nicht gelacht hat, als er mich gesehen hat, er hat nicht einmal gestarrt wie es alle machen. Er ist einfach vorbeigegangen und hat kurz als Gruß genickt.“ Elphaba schluckt. „Und dann kamen die anderen, sagten, ich sei verliebt und mich würde niemals jemand lieben. Und das ist… war zu diesem Zeitpunkt einfach nur wahr. Niemand hat mich je geliebt, noch nicht einmal auf familiäre oder freundschaftliche Weise. Es zu wissen ist kein Problem, es aber ins Gesicht gesagt zu bekommen…“ Elphaba schluckt und hält die Tränen zurück. „Es ist einfach unerträglich…“, flüstert sie. Sie dreht sich zur Seite und schlingt zum zweiten Mal ihre Arme um Galinda, die mittlerweile neben ihr sitzt. Allmählich gewöhnt sie sich an diesen Menschen, an diese Berührung, die intimer ist als alles, das sie bis jetzt erlebt hat.
Galinda umarmt sie zurück. „Danke, Elphie.“ Elphaba drückt noch einmal fester. „Danke für dein Vertrauen.“

Und Elphaba weiß, dass sie endlich eine Freundin gefunden hat. Jemanden, dem sie etwas bedeutet. Sie ist achtzehn Jahre alt und fühlt sich endlich angekommen in dieser Welt, zum ersten, allerersten Mal als echter Mensch.
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